12. Februar 1918
No. 7 Canadian Stationary Hospital, Arques, Frankreich
Sick as we can be
Die Arbeit auf der medizinischen Station ist anders als alles, was ich hier in Europa bisher erlebt habe. Komischerweise haben anderthalb Jahre vergehen müssen, bevor ich meinen ersten Einsatz in einer medizinischen Abteilung habe antreten dürfen, obwohl es streng genommen normalerweise mehr erkrankte als verwundete Patienten gibt, gerade jetzt im Winter. Sie haben allerdings nicht diese besorgniserregende Tendenz, ständig zu sterben.
Meningitis ist ein Mörder, zugegeben, allerdings glücklicherweise eher selten. Pneumonie ist noch so etwas, das ziemlich schnell ziemlich übel enden kann – umso mehr, wenn der Patient auch noch Gas geschluckt hat. Die Tuberkulose dagegen haben wir recht gut im Griff, wie mir scheint. Zumindest sterben sie nicht so leicht daran, wie La Traviata es einen glauben machen mag.
Ebenfalls fast vollkommen unter Kontrolle sind die alten Töter vorheriger Kriege, Tetanus und Typhus. Gegen Typhus wird jedes Mitglied der Armee gnadenlos geimpft und ich sage ‚gnadenlos', weil die Impfung zwar zu wirken scheint, aber alles andere als angenehm ist. Nach einer Impfung liegt gerne eine ganze Einheit ein paar Tage niedergestreckt da und da es nicht eine, sondern drei Impfungen sind, mag man sich vorstellen, wie beliebt sie bei den Soldaten sind. Ich selbst bin ebenfalls geimpft worden, noch in Kanada, und es ist keine meiner liebsten Erinnerungen.
Gegen Tetanus haben wir ebenfalls eine Art Impfung, ein Antitoxin. Das Gegengift wird noch auf dem Schlachtfeld injiziert, an jeden, der verwundet wurde oder auch nur so aussieht, als könnte er verwundet worden sein. Denn wenn es die Krankheit verhindern soll, so kann es das nur, wenn es so früh wie möglich verabreicht wird. Sobald der Wundstarrkrampf einmal ausgebrochen ist, steht am Ende der sichere Tod. Und ein grausamer Tod ist es! Das System, und mehr noch das Gegengift, scheinen jedoch zu funktionieren, denn Tetanus ist mir in anderthalb Jahren bisher so gut wie gar nicht untergekommen.
Im Gegenteil, manchmal konnte man meinen, gerade die Isolierstationen für ansteckende Krankheiten seien die reinsten Kinderstationen. Masern, Mumps, Röteln, Diphterie, gelegentlich auch Scharlach und Windpocken – man nenne eine Kinderkrankheit und ich versichere, auf der Station wird es mindestens drei Patienten geben, die daran leiden. Klassischerweise sind es halbe Bataillone, die von einem Krankheitsausbruch niedergestreckt werden, besonders gerne kurz vor oder nach der Ankunft in Europa, aber auch hier in Arques kriegen wir die Kinderkrankheiten regelmäßig zu Gesicht. Sie sterben aber nicht allzu oft daran, unsere Soldaten.
Mandelentzündungen sind ebenfalls häufig, und nicht näher bezeichnete Auffälligkeiten am Herzen haben wir auch immer wieder. Gelbsucht gibt es, Krankheiten an Augen oder Ohren, und allemal diverse Fieberarten. Grabenfieber herrscht vor, wie Walter es hatte, aber auch rheumatisches Fieber ist nicht selten, und natürlich ganz banale Erkältungen und Grippeerkrankungen, besonders in diesem Februar, der nicht ganz so kalt ist wie der letzte, aber kalt genug. Auch das alles, in der Regel, jedoch selten tödlich.
Dann sind da noch die nicht so schön anzusehenden Krankheiten. Ausschläge und Ekzeme und was sonst die menschliche Haut noch an wenig appetitlichen Dingen hervorbringen kann. Krätze kommt einem in den Sinn – mir war nicht bewusst, dass Menschen heutzutage noch Krätze kriegen, aber hier sind wir. Ungefähr genauso angenehm ist Trench mouth, Grabenmund, was nicht umsonst namentlich an den Grabenfuß erinnert und sich in faulendem, entzündetem Zahnfleisch äußert. Es riecht ungefähr so wenig wohltuend wie es aussieht.
Schuld an vielen dieser Krankheiten hat neben Nässe und Kälte in den Gräben vor allem allerlei Getiers. Ratten, Milben, Läuse – sie alle haben sich in den Soldatenunterkünften häuslich eingerichtet und nicht wenige von ihnen tragen die Krankheiten von einem Mann zum nächsten. Auch in den Krankenhäusern sind wir nicht sicher davor, so sehr wir auf Sauberkeit achten. Die Läuse besonders sind nahezu eine Pest! Es ist nicht ohne Grund, dass ich mir jeden Abend, egal wie spät es ist und egal wie müde ich bin, meine Haare mit einem ganz besonders feinzackigen Kamm durchkämme. Läuse machen vor niemandem Halt und ich habe Männer gesehen, die über das ständige Jucken beinahe wahnsinnig geworden sind.
Die wirklich wahnsinnigen Patienten – shell shock oder irgendwelche anderen Nervenerkrankungen – kriegen wir in diesem Krankenhaus nicht. Auch die Geschlechtskrankheiten werden an uns vorbei geleitet in ihre Spezialkrankenhäuser. Mir soll das aber alles in allem durchaus Recht sein. Ich versorge lieber eine hübsche Krätze als einen Tripper zu sehen und sei es aus der Ferne.
Krätze und Tripper außer Acht gelassen, muss ich sagen, dass die Arbeit auf der medizinischen Station viel mehr an das erinnert, was ich in Montreal gemacht habe. Weniger abgesprengte Arme und Kugeln in Köpfen, mehr Fieber und Husten und Hautausschläge. Es ist, so abstrus das für den Außenstehenden klingen mag, eine angenehme Abwechslung.
Weniger anstrengend ist es nicht unbedingt, denn auf der chirurgischen Station sind die Patienten meistens wach und rege, sobald sie das schlimmste überwunden haben. Sie verlangen mehr Aufmerksamkeit, aber sie können auch selbst besser helfen. Die erkrankten Patienten dagegen sind in erster Linie krank, entsprechend schlapp und müde und weggetreten sind sie meistens. Sie brauche eine andere Art der Pflege und ich vermute, es ist dieses anders, was für mich im Moment interessant ist.
„Na, Schwester, heute schon ein Thermometer zerstört?", fragt mich in dem Moment der kleine Australier mit der Ohrenentzündung im Bett zu meiner rechten und grinst frech. Er ist einer derjenigen, die trotz ihrer Krankheit alles andere als weggetreten sind. Sein Mundwerk funktioniert in jedem Fall tadellos und sein Akzent sorgt dafür, dass nichts von dem, was er sagt, wirklich ernsthaft klingt.
Eines der unangenehmen Dinge am Dienst auf der medizinischen Station ist, dass wir hier noch öfter Fieber messen müssen. Ich war recht stolz darauf, meinen Verschleiß von Fieberthermometern auf ein fast normales Maß gesenkt zu haben. Die gut vier Wochen, die ich seit meiner Rückkehr aus London jedoch nun hier Dienst tue, haben meinen Schnitt jedoch zuverlässig wieder zerstört. Mittlerweile hat es sich demnach sogar unter den wacheren der Patienten schon herumgesprochen, dass Thermometer bei mir nicht sehr gut aufgehoben sind.
„Noch nicht, danke der Nachfrage", erwidere ich möglichst huldvoll, muss mir jedoch selbst ein Lächeln verbeißen.
Ohrenentzündung grinst noch etwas breiter. „Na, der Abend ist ja noch lang", bemerkt er und wackelt vielsagend mit den Augenbrauen.
„Aber meine Schicht ist jetzt vorbei", informiere ich ihn, „und du, hast du denn auch brav deine Medizin genommen?"
Er hebt die Hand zu einem Salut. „Wie befohlen, Schwester!", verkündet er in zackigem Tonfall.
„So soll es sein. Dann schlaf gut. Ich sehe dich morgen", verabschiede ich mich.
„Ein neuer Tag, ein neues Thermometer", höre ihn gut verständlich flüstern, nachdem ich ihm den Rücken zugedreht habe.
Kopfschüttelnd, aber lächelnd, entferne ich mich von seinem Bett. Ich mache einen letzten Rundgang, sehe noch mal nach dem älteren Mann mit dem schleimigen Husten, der mir schon seit ein paar Tagen Sorgen macht. Zumindest geht es ihm nicht schlechter, was in Anbetracht der Tatsachen schon einmal besser ist als gar nichts.
Ich übergebe die Station an die Nachtschwester, ziehe mir meinen Mantel an gegen das frostige Wetter und trete hinaus in die Dunkelheit. Die kalte Luft tut gut, trotzdem kann ich ein herzhaftes Gähnen nicht unterdrücken.
Welche Macht auch immer dort oben über unsere Geschicke wacht, ich schicke ein schnelles Bittgebet zu ihr hoch, dass wir heute vielleicht vom Fliegeralarm verschont werden. Er kommt häufiger in letzter Zeit, sogar mehrmals in einer Nacht, allerdings manchmal auch ein oder zwei Nächte lang gar nicht. Direkt bedroht haben die fallenden Bomben unser Krankenhaus bisher nicht, aber dem ruhigen Nachtschlaf ist ein solcher Fliegeralarm nicht direkt zuträglich.
Als ich die mess betrete, den Raum, der uns als Speisezimmer und zum allgemeinen Aufenthalt bereitgestellt wurde, stelle ich fest, dass dort offenbar eine Teeparty abgehalten wird. Vermutlich ist das angekündigt worden, aber aus irgendeinem Grund verpasse ich solche Ankündigungen meistens. Dafür ist es dann immer eine nette Überraschung.
Die meisten der Krankenschwestern, die nicht gerade Dienst haben, tummeln sich im Raum. Einige der Ärzte des Krankenhauses sind dabei. Patienten sehe ich keine, aber das liegt daran, dass wir normalerweise keine Offizierspatienten haben und zu solchen Teepartys sind selbstredend nur Offiziere eingeladen. Dafür erkenne ich aber mehrere englische Offiziere, deren Uniformen sie als Teil der Infanterie ausweisen. Vermutlich sind sie in der Gegend stationiert und zur Party eingeladen worden. Es ist üblich, Einladungen an die umliegenden Einheiten herauszugeben.
Auf einem der Tische stehen Tee- und Kaffeekannen neben Gebäck und Sandwiches. Am Klavier sitzt einer der englischen Offiziere und spielt eine fröhliche Melodie. Auf einer freien Fläche im Raum drehe sich mehrere Tanzpaare, die restlichen Anwesenden sind in Speis' und Gespräch vertieft. Die Stimmung scheint ausgesprochen gut zu sein.
Ich streife den Mantel ab, verharre dann kurz in der Tür und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. An einem der seitlichen Tische sitzt Maud, eine Zeitung vor sich ausgebreitet. Leise die Melodie der Musik mitsummend bahne ich mir einen Weg zu ihr.
„Und, Neuigkeiten?", erkundige ich mich und lasse mich auf den Platz neben ihr gleiten.
„Wilson hat seinen vierzehn Punkten noch vier Prinzipien hinzugefügt", informiert Maud mich Naserümpfend, „wofür immer das gut sein soll." Der Blick, den sie dem Bild des amerikanischen Präsidenten zuwirft, sagt mir deutlich, wieviel sie davon hält.
„Und die Russen verhandeln immer noch mit den Deutschen um Frieden", fügt sie dann hinzu und erneut lässt ihr Blick erkennen, dass sie davon noch viel weniger hält.
Dann seufzt sie, schlägt mit einem energischen Rascheln die Zeitung zu und dreht sich zu mir um. „Aber daran ändern wir nichts, nicht wahr, Schätzen?", fragt sie dann resigniert.
Ich zucke mit den Achseln. Sie hat Recht. Wir sind nur kleine Krankenschwestern. Die Welt wird auf uns nicht hören.
„Hier, bevor ich es vergesse", fährt Maud dann fort, greift in ihre Tasche und schiebt mit einen Stapel Briefe zu.
Eilig, fast gierig, greife ich danach und bin mir ihres amüsierten Lächelns dabei halb bewusst. Es ist ein paar Tage her, seitdem es das letzte Mal Post gab, umso reichlicher fällt meine Ausbeute heute aus. Mit flinken Fingern blättere ich die Umschläge durch, lese rasch die Absender durch.
Da ist der mindestens wöchentliche Brief von Colette, die immer noch in Saint-Cloud festhängt und es mehr Leid ist denn je. Ein Brief von Betty, die mittlerweile ebenfalls in Frankreich ihren Dienst tut, in Doullens, irgendwo mittig zwischen Amiens und Arras. Gezwungenermaßen schreibt sie ihre Briefe daher jetzt alleine, aber irgendwie irritiert es mich noch immer, Pollys Unterschrift nicht darunter zu sehen. Auch ein Brief von Miss Inglish ist dabei, die zwar nicht sehr oft schreibt, aber doch ziemlich zuverlässig.
Der Brief von Shirley sieht ziemlich traurig und verknickt aus, dafür, dass er eine der kürzesten Strecken zurückgelegt hat. Umso weiter sind die Briefe aus Kanada gereist. Besonders auf den Brief von Dad habe ich sehnsüchtig gewartet, denn ich habe ihn um Ratschläge in der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen gebeten. Mit weggesprengten Körperteilen mag er sich nicht auskennen, aber bei Krankheiten macht Dad so schnell niemand etwas vor, und ich bin gespannt, seine Ausführungen dazu zu lesen.
Ebenfalls von weit her kommt der Umschlag von Di-und-Mildred. Di scheint nämlich beschlossen zu haben, dass es Zeit ist, dass Mildred und ich einander kennen lernen und so ist jedem Brief von Di seit einer Weile ein Brief von Mildred beigelegt – oder Milly, wie Di sie nennt. Es war merkwürdig, am Anfang, aber mittlerweile freue ich mich auch über Mildreds Briefe. Sie ist energisch, temperamentvoll und sie hat Meinungen – und wie sie die hat! –, aber sie ist auch witzig und herzlich und dass die Essenspakete aus Toronto denen aus Glen kaum nachstehen, liegt sicher nicht an meiner Schwester.
Der dritte Brief, der den Weg über den Atlantik gemacht hat, zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Der kleine Henri war der der erste Patient, für den ich hier in Europa irgendetwas getan habe, und vielleicht liegt er mir deswegen so am Herzen. Ich freue mich, dass er mir auch nach so vielen Monaten immer noch gelegentlich schreibt. Und noch viel mehr freue ich mich, den munteren Erzählungen über seine Familie und sein geliebtes Kamouraska folgen zu können. Irgendwie scheint er so etwas wie Frieden gemacht zu haben mit seinem Schicksal.
Von den meisten Patienten hört man tatsächlich nie wieder etwas, aber ich habe einige ehemalige Patienten, die mir noch schreiben. Allzu viele sind es nicht, dafür habe ich in der Vergangenheit nicht oft und nicht lange genug Stationsdienst gemacht. Naturgemäß hält ein Mann eher Kontakt zu der Schwester, die ihn wochenlang gepflegt hat, als zu der OP-Schwester, die er nur einmal gesehen hat und das mit chloroformiertem Kopf. Aber auch ich habe meine paar Brieffreunde, ein paar aus dem Krankenhaus in Taplow, einige Franzosen aus meiner Zeit in Saint-Cloud und auch den ein oder anderen aus einem der Lazarette, um den ich mich besonders gekümmert habe.
Es ist nett, wenn sie schreiben. Man merkt dann, dass es weitergeht.
Es ist verboten, genauso wie das Führen von Tagebüchern verboten ist, aber viele meiner Schwesternkolleginnen haben sogar richtige Bücher, wie Poesiealben, in denen ihre Patienten sich verewigen können, mit Sprüchen, Zeichnungen, Dankesworten, sogar Gedichten. Auch Fotos – wiewohl ebenfalls verboten – kleben sie hinein und manchmal gar Haarlocken. Ich vermute, als Erinnerungsstücke sind das nette Ideen, aber ich bin nie dazu gekommen, so ein Buch zu beginnen und jetzt anzufangen lohnt sich kaum noch. Außerdem kriege ich lieber einen richtigen Brief von Henri aus Kamouraska als eine vergilbte Haarlocke in einem Buch kleben zu haben.
Ich schiebe Henris Brief zur Seite, blättere die letzten drei Briefe durch. Alle drei sind von Ken. Er schreibt jeden Tag. Ich kann mich nie entscheiden, ob die Briefe die Trennung erträglicher machen oder ich ihn dadurch nur noch mehr vermisse. Sofern das denn überhaupt möglich ist.
„Wie geht es Major Ford?", erklingt eine Stimme von links oberhalb. Eine tiefe Stimme, die ganz offenbar nicht zu Maud gehört.
Ich sehe zu Zachary hoch. Sein Gesicht ist reglos, nicht zu lesen. Kurz wundere ich mich, wie er gerade jetzt auf diese Frage kommt, aber dann erkenne ich, dass er den Absender auf den Briefen gesehen haben muss.
„Gut, den Umständen entsprechend", antworte ich vorsichtig, „er langweilt sich, glaube ich."
„Verständlich", nickt Zachary. Einen Moment zögert er, dann zieht er sich einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzt sich neben mich. Ich beobachte ihn, nehme aus dem Augenwinkel aber auch wahr, dass Maud ihre Zeitung zusammenrafft und mit der Menge verschmilzt. Ein Teil von mir würde sie gerne zurückrufen, aber ich unterdrücke den Impuls.
Um uns herum wirbeln und lachen die Menschen weiter, aber zwischen Zachary und mir breitet sich einen Moment Schweigen aus. Wir haben eine angemessene Form des Umgangs miteinander gefunden, aber da sich unser Kontakt bisher aber strikt auf die Station und das Krankenhaus konzentriert hat, ist das hier vermutlich das erste Mal in dreieinhalb Monaten, dass wir außerhalb der Arbeit miteinander reden. Es ist, demnach, auch das erste Mal, dass sich mir die Möglichkeit bietet, mich zu bedanken.
„Ich – also, wir… also – ich bin nie dazu gekommen, danke zu sagen. Für alles, was du für Kenneth getan hast", platzt es also aus mir heraus. Im nächsten Moment verziehe ich unwillkürlich das Gesicht über meine eigenen Worte. Besonders elegant war das ja nun nicht.
„Das war doch nichts", wehrte Zachary sofort ab.
Ich runzele die Stirn. „Du hast durchgesetzt, dass er behandelt wird wie ich das wollte. Und du hast die Behandlung mitgetragen, obwohl du anders entschieden hättest", erinnere ich, „das ist nicht nichts. Und wenn ich wetten würde, würde ich wetten, dass du auch dafür gesorgt hast, dass er so lange hier bleiben durfte."
Dass er nicht widerspricht, ist mir Bestätigung genug. „Dafür brauchst du dich nicht bedanken", erwidert er stattdessen.
Aber das hier ist vielleicht meine einzige Möglichkeit, ihm meinen Dank deutlich zu machen und durch seine fehlgeleitete Bescheidenheit werde ich mir das sicher nicht nehmen lassen!
„Doch, ich meine es ernst", beharre ich also, „ich habe mich nie richtig bedankt dafür, was du getan hast. Für Ken. Für mich. Das war wirklich nicht selbstverständlich, zumal nicht – naja, in Anbetracht der Vorgeschichte."
Ein schwaches Lächeln huscht über Zacharys Gesicht. „Ich habe es gerne gemacht", versichert er.
Als er meinen vermutlich etwas skeptischen Gesichtsausdruck sieht, lacht er leise und wiederholt: „Doch, wirklich, ich habe es gern gemacht. Major Ford ist ein guter Mann und man kann sehen, dass er dir viel bedeutet. Und du, wenn ich das ganz ohne Hintergedanken sagen darf, bist ein guter Mensch. Deswegen habe ich ihm wirklich gerne geholfen."
Na prima. Jetzt fühle ich mich irgendwie mies. Er geht so galant mit der Situation um, dabei habe ich ihn ziemlich schlecht behandelt. „Dass ich im Juni einfach gegangen bin, ohne mich zu verabschieden, war aber keine von meinen Sternstunden", wende ich also ein und verziehe das Gesicht.
Zachary hebt die Schultern. „Nein, vermutlich nicht", gesteht er mir zu, „aber es hat mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Und… wir machen doch alle Fehler. Ich habe in jedem Fall mehr als einen Fehler gemacht, was dich angeht."
Etwas huscht über sein Gesicht – Bedauern? –, aber sein Lächeln ist freundlich. „Ich würde gerne glauben, dass du und ich unter anderen Umständen eine Chance gehabt hätten", fährt er dann gefasst fort, „aber falls es je eine gab, dann ist sie in dem Moment in Rauch aufgegangen, als Major Ford das erste Mal in der CCS aufgetaucht ist. Ich wollte mir das nicht eingestehen, aber ich glaube, es habe es geahnt und deswegen versucht, etwas zu erzwingen, was nicht sein konnte."
Ich protestiere nicht gegen seine Annahme, dass Ken einer der Gründe war, warum zwischen Zachary und mir nie mehr als Freundschaft möglich gewesen wäre. Er war nicht der einzige Grund, das nicht, aber wenn er nicht plötzlich wieder in meinem Leben aufgetaucht wäre – nun, wer weiß schon, wie die Dinge dann jetzt lägen?
Die Wahrheit ist – diese Mädchenschwärmerei für Ken, von der ich so lange behauptet habe, seit Jahren darüber hinweg zu sein? Wenn sie jemals weg war, dann nur, um umso stärker zurück zu kommen, sobald er wieder vor mir stand. Vielleicht ist sie auch immer da gewesen, vergraben unter anderen Gefühlen und anderen Problemen. Zachary, in jedem Fall, hat nie eine Chance gehabt, solange Ken da war.
Einige Sekunden Schweigens verstreichen, dann hebt Zachary an, erneut zu sprechen. Ich schiebe den Gedanken an Ken energisch von mir – oder doch wenigstens in den Winkel meines Kopfes, in dem er sich vor langer Zeit häuslich eingerichtet hat.
„Sieh es als Wiedergutmachung, wenn es dir hilft", schlägt Zachary gerade vor, „dafür, dass ich es zu verantworten gehabt habe, dass du im Juni versetzt wurdest."
Nachdenklich runzele ich dir Stirn, überdenke seine Worte. Streng genommen hat er Recht und es gab eine Zeit, da habe ich ihm das tatsächlich übel genommen. Nun aber… es wirkt so belanglos neben allem, was seitdem passiert ist. Der Juni ist schrecklich weit weg.
„Du brauchst nichts wiedergutzumachen", versichere ich also.
Zachary nickt langsam. „In dem Fall… denkst du, wir können die Vergangenheit vergangen sein lassen?", fragt er dann, die Worte wohl gewählt. Der Blick, den er mir zuwirft, ist vorsichtig.
„Und Freunde sein?", hake ich nach.
Er nickt und ich lächele. Zacharys Freundschaft war schließlich von Anfang an das, was ich mir erhofft habe.
„Da bin ich froh", erklärt auch Zachary mit fester Stimme, „über meine ungebetenen – nun, Gefühle für dich brauchst du dir keine Sorge mehr zu machen, aber als Mensch schätze ich dich sehr. Ich hätte es bedauert, wenn wir erneut im Bösen, oder doch zumindest im Unklaren, auseinander gegangen wären."
Ich hebe den Kopf, sehe ihn an, halb fragend, halb hoffnungsvoll. „Das heißt, meinem Versetzungsgesuch wurde stattgegeben?", hake ich nach.
Zachary nickt. „Du verlässt uns morgen", bestätigt er mit einem bedauernden kleinen Lächeln.
Auch in mir macht sich bei seinem Worten ein leichtes Bedauern breit. Es widerstrebt mir, Maud verlassen zu müssen, die mir in den vergangenen Monaten auf eine Art Mutter war wie ich es meiner eigenen Mutter seit vielen Jahren nicht mehr gestattet habe – auch das etwas, was ich heute bereue. Und ja, es tut mir auch Leid, ausgerechnet jetzt von Zachary getrennt zu werden, wo es uns endlich so etwas wie eine Aussprache gelungen ist. Trotzdem… ich werde näher bei Ken sein und es gibt keinen Menschen auf dieser großen, großen Welt, den ich jemals so schmerzlich vermisst habe wie ihn in den letzten vier Wochen. Und deswegen gibt es für mich gar keine Frage, wo ich sein möchte und wo mein nächster Weg mich hinführen soll.
Zurück nach Blighty.
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Bombed last night" aus dem Jahr ca. 1917 entnommen (Autor unbekannt).
Wilson ist Thomas Woodrow Wilson (1856-1924), der Mitglied der demokratischen Partei und von 1913 bis 1921 der 28. Präsident der Vereinigten Staaten war. Er wurde 1916 unter anderem deswegen wiedergewählt, da er die USA im Krieg bisher neutral gehalten hatte. Nach Aufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch das Deutsche Reich traten die USA unter seiner Führung im April 1917 (einen Monat nach seiner Wiedervereidigung) allerdings doch auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein. In seinen ‚fourteen points' stellte er 1918 die seiner Meinung nach einzig mögliche Basis für einen andauernden Frieden dar, unter anderem das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Es folgten die ‚four principles', ‚four ends' und ‚five particulars'. Bei den Friedensverhandlungen beriefen sich die deutschen Unterhändler auf Wilsons Punkte, auf Betreiben der anderen Alliierten wurden diese jedoch nur in Teilen umgesetzt.
