Kapitel 37 – Entscheidungen
Die vorherige Diskussion, ihre Anspannung und sein abrupter Gesinnungswechsel zeigten plötzlich Wirkung und die Kälte tat ihr Übriges: Sie begann zu zittern.
Snape legte einen Arm um sie, zog sie dichter an sich heran und dirigierte sie zum Haus.
„D-Du hättest m-mir nicht f-folgen s-sollen", sagte Hermione. „Oder war d-das d-der B-Beweis, d-den d-du noch b-brauchtest: mich v-völlig aufgelöst zu s-sehen?"
Ihre Zähne schlugen unkontrolliert aufeinander und sie fühle sich außerstande, weiterzusprechen. Abgesehen davon schämte sie sich für ihre rotgeweinten Augen und misstraute seiner plötzlichen Zärtlichkeit.
„Es war nie meine Absicht, dir Schmerz zuzufügen", begann er ruhig, als sie wieder am Tisch saßen. Er reichte ihr eine Tasse Tee. Ihre Hand zitterte noch immer, als sie danach griff und einige Tropfen schwappten auf den Tisch.
Er ergriff ihre Hand, hielt sie fest und sah sie unverwandt an. „Ich hielt es bisher für angebracht, die … Entwicklungen nicht außer Kontrolle geraten zu lassen."
Hermione spürte, wie der heiße Tee ihre Nerven beruhigte. Aber sie wartete noch einen Moment, bis sie ihren sprachlichen Fähigkeiten wieder traute.
„Bisher? Heißt das, du hast deine Meinung geändert?"
Er registrierte, wie sehr sie sich bemühte, ungerührt zu erscheinen und wie doch ihr Ton so viel Hoffnung verriet.
„Die Alternative erscheint mir nicht reizvoll", entgegnete er ernst.
Hermione war verwirrt. „Die Alternative?"
„Dass du nicht wiederkommst."
Sie war so kurz davor gewesen, genau diese Entscheidung zu treffen.
Vorsichtig streckte er seine Hand aus und zeichnete die Konturen ihres Gesichts nach.
Hermione sah, wie ein Hauch von Zärtlichkeit diese wunderbare Veränderung bewirkte, die seine Züge weicher machte.
Sie streichelte über sein Haar. Er schloss die Augen, bis er ihre Lippen auf seinen fühlte. Sie waren weich und schmeckten nach Tee und setzten ihn innerhalb weniger Augenblicke in Flammen.
Er hielt sie fest, bis sie ihn wortlos in den Nachbarraum zog und dort mit einer Handbewegung die Sachen vom Bett fegte, die sie darauf gestapelt hatte.
Dieses Mal gelang es ihm, seine Begierde zu zügeln. Er erforschte sie mit aufreizender Langsamkeit, bis er sich nicht mehr zurückhalten konnte. Wärme durchströmte ihn, als er ihre entrückten Laute vernahm und mit ihr verschmolz.
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Einen winzigen Moment befürchtete sie, er würde wie beim letzten Mal einfach aufstehen und erneut kühle Distanz wahren, doch er zog lediglich eine Decke heran und hüllte sie beide damit ein. Sie genoss es, die Wärme seiner Haut zu spüren.
Er lag mit geschlossenen Augen da und gab ihr so die Möglichkeit, ihn in Ruhe zu betrachten. Behutsam strich sie über seinen rechten Arm. „Was haben Sie dir angetan?", wiederholte sie die Frage, die sie schon beim letzten Mal beschäftigt hatte.
Er betrachtete widerwillig eine der Narben. „Kannst du akzeptieren, dass ich bestimmte Dinge für immer in der Vergangenheit ruhen lassen möchte?"
„Natürlich."
Snapes Gesicht klärte sich auf.
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Eine Stunde später ergriff er seinen Umhang. Hermione verfolgte die Bewegung enttäuscht.
„Möchtest du nicht bleiben?"
Er zögerte. „Das alles ist neu für mich. Ich bin es nicht gewohnt, das Bett mit jemandem zu teilen."
Sie überlegte einen Moment und lächelte verschmitzt.
„Auch hier gibt es ein Sofa, Severus."
Ihr Angebot überraschte ihn sichtlich. Sie fochten ein stummes Duell aus, bis ein amüsierter Funke in seinen Augen erschien, er nachgab und sein Nachtquartier auf Harry Potters Sofa bezog.
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An Schlaf war nicht zu denken. Er lag wach und lauschte den Geräuschen der Nacht.
Der plötzliche Hunger seines Körpers nach Berührungen beunruhigte ihn. In den ersten Jahren seines Einsiedlerlebens hatte er ihn auch verspürt und bei seinen seltenen Besuchen in Edinburgh und London gelegentlich die Gestalt eines jüngeren Mannes gewählt, um flüchtige Kontakte knüpfen. Doch seit einigen Jahren griff er auf Tränke zurück, um das Bedürfnis gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Die Erfahrung, in seiner eigenen Gestalt die Haut eines anderen Menschen zu spüren und Leidenschaft zu erleben, war ungewohnt und überwältigend.
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Madame Pomfrey betrat ein großes Zimmer im St. Mungos Hospital, in welchem zwei Betten nebeneinander standen. Vor einem Schrank befand sich ein Tisch mit zwei Stühlen, auf denen die beiden Bewohner saßen. Der Mann zeichnete. Dass es eine Beschäftigung war, der er häufig nachging, zeigten Papierberge, die sich auf dem Tisch und auf dem kleinen Nachtschränkchen stapelten. Die Frau saß ruhig da und schaute zu.
„Alice! Frank! Hallo!", bemerkte Poppy munter. Beide schauten auf und die Andeutung eines Lächelns zeigte sich im Gesicht von Alice Longbottom.
Auch Poppy lächelte. Im Vergleich zu nur wenigen Wochen vorher war inzwischen eine merkliche Wandlung eingetreten. Sie zeigten Interesse an einigen Dingen und Frank hatte begonnen, zu zeichnen. Sie glaubte zwar nicht, dass sie jemanden erkannten, aber schon allein die Tatsache, dass sie aufrecht gingen und saßen, war ein erstaunlicher Fortschritt. Sie besuchte sie regelmäßig. Alice Longbottoms Mutter war ihre Schulfreundin gewesen und sie hatte Alice heranwachsen sehen.
Damals hatte sie oft gedacht, dass der Tod in diesem Fall gnädiger gewesen wäre als die Folgen des Cruciatus-Fluchs, auch wenn Alice und Frank damals in der Blüte ihrer Jugend standen. Wie der Junge den Zustand seiner Eltern und seine Kindheit erlebt haben musste, darüber wagte sie gar nicht nachzudenken.
Sie betrachtete Franks aktuelle Zeichnung. Er hielt die Menschen und Dinge der Umgebung fest und die Umrisse wurden von Mal zu Mal klarer und deutlicher. Unzählige Male hatte er Alice abgebildet und eine andere Zeichnung stellte vermutlich die alte, resolute Krankenschwester dar, welche sie schon seit dem Tag ihrer Einlieferung mit versorgte.
Die Tür ging auf. „Poppy!"
Sie umarmte Neville.
„Hallo Mum, hallo Dad!" Jetzt lächelten beide und der Vater nahm seinen Arm und zeigte auf sein Bild.
„Du hast Mum gemalt, stimmt's?", meinte Neville wehmütig. „Ihr seht gut aus."
„Ja", bestätigte auch Poppy. „Wenn man sie eine Weile nicht gesehen hat, fällt die Veränderung besonders auf. Was sagen die Ärzte?"
„Sie erhöhen ab nächster Woche die Dosis. Sie sind der Ansicht, dass sie bald noch bewusster ihre Umgebung wahrnehmen können. Aber ihre Erinnerungen werden verschwommen bleiben."
„Ist das sicher?"
„Ja. Man ist überzeugt, dass der Fluch einen Großteil des Erinnerungsvermögens zerstört hat und dass ein Schutzmechanismus greifen wird, mit dem sie Resterinnerungen an die grausamen Geschehnisse ausblenden werden. Aber nach 40 Jahren im Schatten werden nach Meinung der Ärzte ohnehin nur noch vage Erinnerungen auftauchen. Mein Vater hat neulich meine Großmutter gezeichnet. Man geht nicht davon aus, dass ihm bewusst ist, wer sie war. Er erkennt einfach die Menschen wieder, in ihn im Laufe der Jahre oft besucht haben."
„Ich verstehe." Poppy musterte ihn aufmerksam. Sie würden sich nicht an ihren Sohn erinnern.
Neville erahnte ihre Gedanken. „Sie werden nicht begreifen, wer ich bin, aber vielleicht kann ich mich ihnen ja soweit annähern, dass sie in mir irgendwann einen Freund sehen. Sie haben sich an mich gewöhnt und freuen sich über meine Besuche. Das ist mehr, als ich je zu hoffen wagte. "
Sie umarmte ihn spontan.
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Neville Longbottom verließ das Krankenhaus mit langsamen Schritten. Seit Tagen drehten sich die Gedanken in seinem Kopf und er fühlte sich in einem Ausnahmezustand. Die Euphorie über das Befinden seiner Eltern war nur ein Grund. Aber vor allem beschäftigte ihn seit Weihnachten Merian. Noch immer konnte er nicht fassen, dass er so wichtig für einen anderen Menschen geworden war.
Er hatte sein Leben dem Unterrichten gewidmet und zu sehr in die Belange anderer involviert zu werden oder zu sehr von anderen abzuhängen, immer tunlichst vermieden.
Viele Jahre lang war seine Großmutter die einzige Konstante in seinem Leben gewesen. Später hatten Harry, Seamus, Ron und Hermione seine Ersatzfamilie gebildet, auch wenn er sich damals oft unsicher, unzulänglich und ihrer Freundschaft unwürdig fühlte. Doch nach dem Krieg eigene Wege ohne diese Freunde zu gehen und neue Freundschaften zu schließen, war ihm sehr schwergefallen. Bis er Merian zum ersten Mal begegnete.
Seine Gedanken schweiften zurück zu diesem denkwürdigen Tag. Minerva hatte ihn zu Beginn des neuen Schuljahres dem Kollegium vorgestellt. Einige kannte er noch aus seiner eigenen Schulzeit. Merian Jenkins wurde von einer Reise zurückerwartet und fehlte noch. Am gleichen Abend klopfte es an seiner Tür. Der Mann davor war ihm im ersten Moment wie eine Erscheinung vorgekommen.
„Sie sind Professor Longbottom, der neue Lehrer für Kräuterkunde, wie mir Minerva mitteilte", hatte Merian das Gespräch fröhlich eröffnet, während er selbst sein Gegenüber nur sprachlos anstarrte.
„Schön, dass endlich mal jemand Jüngeres hier anfängt! Ich heiße Merian und unterrichte Zaubertränke. Darf ich hereinkommen?"
An dem Abend begann ihre Freundschaft. Sehr schnell war Merian zum besten Freund geworden, den er je hatte.
Schon damals, als er ihn zum ersten Mal sah, stand Merian unter dem Fluch, überlegte Neville angespannt. Wie viel Kraft mochte es ihn kosten, trotzdem weiterzuleben? Sein Bekenntnis, dass er, Neville, zu diesem Weiterleben beigetragen hatte, legte eine immense Verantwortung auf seine Schultern.
Niemals hatte er auch nur einen Moment erwogen, dass der anziehende, fröhliche Merian ausgerechnet ihm Gefühle entgegenbringen könnte, die über ihre Freundschaft hinausgingen.
Er durchquerte sinnend Kensington Gardens. Was sollte er nur tun?
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Merian verachtete sich selbst dafür, dass er zu schwach gewesen war, dem Anblick von Voldemort in seiner Erinnerung standzuhalten. Snape wäre vielleicht in der Lage gewesen, mehr herauszufinden, wenn er ihn nicht abgeblockt hätte.
Dass sein Fluch begrenzt war, gab ihm neue Hoffnung. Aber eine leise Stimme in ihm fragte, ob es sich überhaupt lohnte, noch weitere Jahre durchzuhalten. Neville ging ihm seit Weihnachten aus dem Weg.
Er entschloss sich trotzdem am nächsten Tag, Minerva aufzusuchen.
„Guten Morgen Merian!", begrüßte sie ihn herzlich.
„Minerva, würdest du bitte in Kontakt mit Severus Snape treten?"
Sie betrachtete ihn nachdenklich.
„Das übernehme ich, junger Freund", ließ sich Dumbledore vernehmen.
Merian blickte auf. Er hatte noch nie zuvor mit dem sagenumwobenen ehemaligen Schulleiter gesprochen.
„Professor Dumbledore!"
„Ich hatte vor ein paar Tagen eine interessante Unterhaltung mit Minerva. Was Severus in Ihren Erinnerungen sah, ist … faszinierend. Eins interessiert mich besonders: Warum haben Sie nie erzählt, dass sie Ihre Zwillingsschwester war?"
„Ich konnte kaum ihren Namen aussprechen", flüsterte Merian beschämt.
„Wenn wir früher gewusst hätten, dass Sie ein Veela-Zwilling sind, wären Sie von vornherein informiert gewesen, dass Ihre Qualen zwar lang, aber begrenzt sind", meinte Albus Dumbledore ernst. „Aus dem wenigen, was wir erfuhren, gingen wir davon aus, dass sie Ihre jüngere Schwester war. Auch Ihr Großvater vertrat diese Auffassung."
„Es tut mir leid. Aber ich vermochte nicht, über die Vergangenheit zu sprechen." Merian stand kerzengerade da. „Vielleicht sollte es so sein, eine …Sühne für das, was ich getan habe."
„Nehmen wir an, Sie finden bei einem weiteren Legilimentik-Versuch unter großem Risiko für Ihr Leben heraus, wer Ihrer Schwester das angetan hat. Was wollen Sie mit diesem Wissen nach all den Jahren tun?"
„Ich möchte sie rächen."
„Wie wollen Sie das anstellen, gesetzt den Fall, der Schuldige lebt überhaupt noch?"
„Ich werde einen Weg finden."
„Bringt das Ihre Schwester zurück? Glauben Sie, dass Sie danach Ihren Frieden finden?" Dumbledore schaute ihn so gütig an, dass Merian die Augen abwenden musste.
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Am gleichen Abend erhielt Merian Besuch von Neville.
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Einen Tag später übermittelte Dumbledore dem überraschten Severus Snape, dass Merian Jenkins von weiterer Legilimentik absehen und „das Schicksal auf sich zukommen lassen wollte", wie dieser es ausgedrückt hatte.
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Hermione saß im Zug und ließ in die Landschaft an sich vorbeiziehen. Der Zug hatte bereits die Londoner Vororte erreicht und in wenigen Minuten würde sie am Bahnhof King's Cross ankommen.
Während der vergangenen Tage hatte sie viel Zeit mit Severus verbracht, viele wunderbare Augenblicke, aber auch Momente, die Fingerspitzengefühl erforderten. Unsichtbare Schranken und Barrieren gab es in Hülle und Fülle und manchmal zog er sich aus unerfindlichen Gründen zurück. Er hatte auch weiterhin darauf bestanden, die Nächte in getrennten Räumen zu verbringen.
Ihre Beziehung versprach, sehr unkonventionell zu werden, aber sie war sich absolut sicher, dass er derjenige war, mit dem sie glücklich sein konnte.
Der Zug hielt an. Als sie den Bahnhof verließ, ließ die Sonne gerade St. Pancras in einem warmen Rotton erstrahlen. Sie lächelte. Obwohl sie Severus bereits jetzt vermisste, wirkte der Zauber Londons.
Die Charaktere sind – bis auf Mr. Jenkins und seinen Großvater – von J. K. Rowling ausgeliehen. Das Schreiben bringt keine finanziellen Vorteile, aber viel Freude.
