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Die Kälte jagte ihr eine Gänsehaut über den Körper. Wie Wellen breitete sie sich aus und ließ sie zusammenzucken. Erneut kam sie aus der Stille, dem Nichts, in dem sich ihr Bewusstsein verschanzt hatte, zurück.
Das Gekreische von seltsam hässlichen Wesen hatte sie aus ihrem Traum geholt, umhüllt von Dunkelheit. Eingesperrt und umgeben von Körpern ohne Gliedmaßen in der Finsternis... Plötzlich Realität.
Sie war nicht mehr in dem Wagen, sondern in einem Raum auf einer Matratze. Auf eine seltsame Art und Weise erholt, setzte sie sich auf und blickte sich um und dann an sich herunter. Sie war mit Blut beschmiert. Jedes Körperteil war verklebt, sogar ihr Gesicht. Doch warum hatte sie jemand damit eingerieben?
Ekel verspürte sie keinen. Es wunderte sie bloß. Sie beschloss einfach nicht mehr darüber nachzudenken und stand auf. Schmerzhaft machte sich jeder Muskel ihres Körpers bemerkbar. Sie hatte Brandblasen an den Füßen, wovon wusste sie nicht.
Ihre Erinnerungen waren zu einem undurchdringlichen Nebel verschmolzen und sie konnte keines der Bilder erhaschen und einen genaueren Blick darauf werfen. Es war nichts übrig.
„Ah, du bist endlich wach", sagte jemand genervt und sie blickte zur geöffneten Tür des Raumes, in der ein großer Mann stand.
„Herkommen", herrschte er sie an und sie gehorchte einfach. Warum auch nicht? Er hätte sie im Schlaf ermorden können und hatte es bisher nicht getan. Also ging sie erst einmal davon aus, dass sie ihm trauen konnte.
Er fasste sie am Arm und die Berührung war ihr sofort unangenehm. Nicht, weil sie schmerzte, sondern einfach, weil sie existent war. Verwundert folgte sie ihm und ließ sich in einen Waschraum führen.
Dort war eine Frau, die mit einem Tuch und einem großen Eimer Wasser wartete. Sofort fühlte sie den Widerwillen in sich aufsteigen in die Nähe des Eimers zu gehen, doch konnte sie sich erneut nicht erklären wieso dem so war.
„Komm zu mir, Kleines, ich werde dir dieses Zeug abwaschen", begrüßte sie die ältere Frau und streckte eine Hand nach ihr aus.
Zögernd entfernte sie sich von dem Mann, der sofort den Raum verließ und blieb ein wenig abseits von der Frau stehen.
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, ich will dich nur waschen." Sie versuchte sie also zu beruhigen. Funktionierte nur mit mäßigem Erfolg.
Verkrampft stellte sie sich neben die Frau und ließ sich den Arm abwaschen. Sie fror jetzt noch schlimmer als zuvor und zitterte unkontrolliert am ganzen Körper.
„Nur Geduld, ich werde dir gleich etwas zum Anziehen geben, doch erst muss ich diese Krusten hier beseitigen, in Ordnung?"
Sie nickte resigniert und fror ohne sich zu beschweren weiter. Während die Frau sachte die Haut von dem Blut befreite, blickte sie immer wieder zu ihrem Gesicht hoch.
„Wie heißt du, Kleines? Und wo kommst du her?"
Sie dachte angestrengt nach, doch fiel ihr keine Antwort ein.
„Ist schon gut, du musst mir nicht antworten. Misstrauen ist ganz normal in diesen Zeiten."
Für einige Minuten schwiegen sie beide.
„Warum klebt eigentlich dieses ekelhafte Zeug an dir?"
„Ich weiß es nicht..." Ihre Stimme klang kratzig. Sie hatte wohl seit längerer Zeit nicht gesprochen. Was war nur mit ihr geschehen? Wo kam sie her? Die Ungewissheit jagte ihr einen Schrecken ein. Ihr vorheriges Ich war anscheinend ausgelöscht. Sie war ein Geist, im Grunde genommen sogar schon tot.
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Die Frau hatte ihr ein paar ausgewaschene Kleidungsstücke gegeben, die ihr natürlich viel zu groß waren. Dann hatte sie ihr einen Teller voll mit Kartoffeln und eine Flasche Wasser gegeben und sie hatte beides ohne Zögern verzehrt, während ihr der Kopf geschoren wurde. Das Blut bekäme sie nicht mehr heraus, war die vorsichtige Begründung der Wäscherin gewesen.
Es hatte sie nicht besonders interessiert, ihre Haare waren wirklich recht unwichtig. Der Hunger hatte sich direkt in den Vordergrund gespielt.
Der war ihr erst aufgefallen, als sie tatsächlich eine Speise vor sich stehen gehabt hatte.
Sie fragte sich, wer diese Leute waren und wo sie überhaupt war. Wie war sie hergekommen? War sie vorher ganz woanders gewesen?
Und warum waren sie so fürsorglich zu ihr? Es kam ihr ziemlich unnatürlich vor, von fremden Menschen einfach umsorgt zu werden. Sie wartete förmlich darauf endlich in einem günstigen Moment betrogen zu werden.
„Woher hast du eigentlich diese ganzen Narben...?" fragte die Wäscherin vorsichtig, während sie weiter die Haare abschnitt.
Sie wusste wieder keine Antwort. Schweigend trank sie aus der Flasche und machte sich nicht die Mühe ein Gespräch anzufangen. Konzentriert fasste sie ihre Eindrücke von diesem Ort zusammen, es war wichtig.
Das Camp war recht groß, ein altes Gebäude, fast wie eine Fabrik. Das Gelände war betoniert und eingezäunt. Nach ihren bisherigen Schätzungen in den letzten paar Stunden, lebten etwa fünfundzwanzig Menschen in dieser Gemeinschaft. Es war eine gemischte Gruppe, doch waren auffällig wenig junge Frauen hier. Nur sie eigentlich. Der Rest waren Männer in allen Altersklassen, der jüngste war vielleicht um die zwanzig Jahre alt.
Die Frauen an diesem Ort waren nur sie selbst, die Frau, die sie gewaschen hatte und noch eine, ungefähr im selben Alter wie die Wäscherin.
Sie fragte sich, wieso sie auf solche Details achtete. Und warum ihr der Anführer dieser Menschen, ein Mann namens Paul, nicht so sympathisch vorkommen wollte, wie er anscheinend zu sein versuchte. Er gab ihr Kleidung, Verpflegung und ein Dach über dem Kopf. Doch klingelten tief in ihrem Innern die Alarmglocken, dass das eine Situation war, die sie ähnlich erlebt haben musste. Materiell versorgt zu sein war eben nicht alles.
Entbehrung schien sie zu kennen, so abgemagert wie sie war. Sie würde noch verrückt werden, wenn sie nicht bald herausfand, was sie in die Fänge dieser Menschen getrieben hatte. Und wie es dazu kommen konnte, dass sie scheinbar ihr gesamtes Gedächtnis hatte verlieren können.
Das war noch das Beunruhigendste an der ganzen Sache. Aber sie würde die Ruhe bewahren und sich hier weiter umschauen, eine Idee davon gewinnen, wo sie sich befand und mit wem sie hier war.
Sie blickte zu der Wäscherin und fragte: „Kann ich vielleicht die Sachen sehen, die ich bei mir hatte, als ihr mich aufgegriffen habt? Ich erinnere mich dann eventuell an etwas..."
„Ja, sicher. Ich zeige dir, wo sie sind."
Sie ging mit ihr zu einer Kammer, in der eine große Menge Waffen gelagert war. Erstaunt sah sie sich um und irgendwie kamen ihr einige der Waffen ziemlich bekannt vor, so als hätte sie schon einmal ein solches Modell benutzt... Nur drang es nicht wirklich zu ihr durch.
„Hier, das hattest du alles bei dir. Eine Tasche mit etwas Proviant, dieses Messer und das Schätzchen hier. Die Jungs waren ziemlich neidisch, als sie das gesehen haben."
Sie hielt ihr ein großes Präzisions-Gewehr mit Schalldämpfer entgegen. Wie ein Schuss schlug die Erinnerung in ihre Wahrnehmung ein – dieses Gewehr hatte sie benutzt, um Männer von einem Dach aus zu erschießen.
Es war ewig her und an mehr konnte sie sich auch nicht erinnern, doch wusste sie nun etwas ziemlich Wichtiges: Sie war definitiv kein unbeschriebenes Blatt und außerdem eine erfahrene Schützin. Dieses Wissen war zwar angsteinflößend, doch konnte gleichzeitig auch sehr nützlich werden.
Als die Wäscherin nicht hinsah, steckte sie das Messer ein und verstaute es sicher im Hosenbund. Sie wollte nicht unbewaffnet sein und diese Art von Waffe schien ihr sehr am Herzen zu liegen.
Hinter sich hörten sie ein Geräusch, dann eine Stimme: „Isabel, bist du wahnsinnig? Wieso führst du das Mädchen hier hin?"
„Sie wollte ihre Sachen sehen, Paul. Sie ist nicht gefährlich, sieh sie dir doch an", widersprach Isabel sanft.
„Sei froh, dass es gleich ein Ende hat. Negans Männer sind bald hier."
Sie verstand nicht, was er damit meinte, doch schien Isabel zu verstehen. An sie gewandt sagte die Wäscherin gezwungen lächelnd: „Komm, ich habe eine Aufgabe für dich."
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(Inspiriert von 'Lights Out', Breakdown of Sanity)
Es mussten etwa drei Stunden seit Pauls seltsamen Auftritt in der Waffenkammer vergangen sein, da bemerkte sie, wie sich das Klima zwischen den Menschen schlagartig veränderte. Wahrscheinlich warteten sie alle mit gemischten Gefühlen auf die Ankunft der Männer dieses Negan.
Isabel hatte sie für ein paar Aufgaben eingespannt und nun stand sie neben ihr und half dabei den Speiseraum im alten Lagergebäude aufzuräumen. Isabel war nervös.
„Ich bin froh, dass wir dir helfen konnten. Du hättest dort draußen nicht mehr lange überlebt", sagte Isabel lächelnd und unvermittelt.
Sie antwortete nicht, sondern sah Isabel fest in die Augen. Sie konnte ihr alles erzählen und sie musste es einfach glauben, sie hatte keine Alternative.
„Es ist nur schade, dass Paul sich bereits entschieden hat, was dich angeht..."
„Wie meinst du das?"
Isabel fuhr fort: „Dort draußen ist es sehr gefährlich. Es gibt die Untoten und die Menschen. Manchmal weiß ich nicht, vor wem man sich eher fürchten sollte."
Sie wartete auf eine Erklärung. Isabel sah sie eindringlich an und sie konnte sehen, wie der Wäscherin Tränen in die Augen stiegen.
„In der Nähe leben ein paar Menschen. Sie... Sie schützen uns vor diesen Ungeheuern dort draußen und wir bezahlen dafür, so wie in der früheren Welt. Du musst das verstehen, wir haben keine Wahl. Wir stehen in ihrer Schuld und wir brauchen den Schutz, den sie uns geben können."
„Bei was habt ihr keine Wahl?"
„Izzy, ist sie bei dir?" rief Paul gerade und als er die Frauen zu Gesicht bekam, schritt er direkt zielstrebig auf Isabels Hilfe zu.
„Paul, bitte, kannst du nicht eine Ausnahme machen?"
„Du weißt, dass das nicht geht, Izzy", unterbrach er sie sofort in einem herrischen Ton. „Und du kommst jetzt mit mir."
Er packte sie unsanft am Arm und führte sie nach draußen in den Hof. Dort standen etwa fünf fremde Männer, alle schwerbewaffnet.
Sie fühlte keine Angst, nur eine Mischung aus Zorn und Resignation in sich aufsteigen. Kannte sie diese Männer etwa?
„Hier ist sie. Entspricht sie euren Vorstellungen?"
Der Mann ganz vorne trat auf sie zu und betrachtete sie kritisch von oben bis unten.
„Von einer Glatze war nicht die Rede. Sie sieht in den Sachen aus wie ein Junge. Aber mir soll es egal sein, Negan wird darüber entscheiden, ob sie gut genug ist. Das nächste Mal solltest du nicht auf seine Nachsicht spekulieren, Vorräte sind uns wichtiger als Mädchen, besonders wenn sie so hässlich sind wie dieses da!" Die fünf Fremden lachten kehlig los und sie spürte den Wunsch ihm ins Gesicht zu spucken.
In ihrem Körper verkrampfte sich jeder Muskel bei dem Gedanken an das, was diese Männer anscheinend mit ihr vorhatten. Das Camp hier betrieb also eine Art Menschenhandel. Schutz gegen Frauen, Vorräte, Benzin und Munition.
Das ließe sie sich nicht gefallen. Sie wollte nicht zuerst für Küchendienste eingeteilt und dann wie ein Stück Vieh verkauft werden.
An sie gerichtet fragte er spöttisch: „Hey, wurdest du jemals mit einem Kerl verwechselt und trotzdem gefickt?" Die anderen grölten.
„Nein, du etwa?" fragte sie und zog ihre Augenbrauen herausfordernd nach oben. Ihr Mund war wohl schneller als ihr Kopf gewesen, doch war es sowieso egal. Ihre Identität war ausgelöscht, jetzt konnte sie nur noch ihr Leben verlieren. Und das war weiß Gott nicht besonders lebenswert in diesem Moment. Küchendienst oder Tod? Pest oder Cholera?
Er trat bedrohlich auf sie zu und hielt ihr eine Waffe vor das Gesicht.
„Du hältst dich wohl für besonders witzig, nicht wahr? Ich werde dir noch Manieren beibringen, Schlampe." Er holte aus und schlug ihr mit dem Handrücken auf die rechte Seite des Gesichts. Sie kippte ein wenig zur Seite, doch war sie nicht geschockt, dass es passiert war.
Eine Erinnerung flackerte in ihr auf und sie sah einen fetten Mann in Polizei-Uniform vor sich, der mit ihrem Blut besudelt war. Sie richtete sich wieder auf und begann zu lachen.
Nein, sie hatte definitiv Schlimmeres als das hier durchgemacht. Weitere Erinnerungsfetzen bahnten sich ihren Weg in ihr Bewusstsein und sie war der Überzeugung, dass sie schon einmal Misshandlung, Vergewaltigung und Unmenschlichkeit überlebt hatte.
Er stellte sich gerader hin und erhob die Waffe, die er entsicherte.
Das war ihre Chance. Sie zog das Messer aus dem Hosenbund, bückte sich und sprang auf seinen Bauch zu. So fest wie möglich umklammerte sie ihn und stach ihm die Klinge in den Rücken.
Lautes Rufen, Unschuldsbeteuerungen, Wut, dann Lärm.
Die anderen vier begannen zu schießen, Paul schoss auch. Die meisten der Bewohner dieses Lagers hatten anscheinend auf eine solche Gelegenheit gewartet und kamen aus ihren Unterkünften, ebenfalls schwerbewaffnet.
Sie sah alles wie in Zeitlupe geschehen und der Mann, dem sie immer wieder in den Rücken stach, fiel auf sie drauf. Er war schwer und versuchte ihren Hals zu packen, doch löste sie das Messer aus seinem Rücken und stach es ihm direkt in den Hals.
Warmes Blut verteilte sich wie eine Flut auf ihrem Gesicht und sie zog die Klinge aus dem Fleisch des Fremden, um ihm die Kehle nun in einem Ruck ganz aufzuschneiden. Schreiend vor Wut schob sie ihn von sich herunter und wischte sich mit einer Hand durch das besudelte Gesicht.
Die Schießerei zwischen den anderen vier Männern dieses Negan und Pauls Gruppe war mitten in der heißen Phase und sie griff nach der Schusswaffe, die der Tote neben sich hatte fallen lassen. Da sie schon entsichert war, begann sie auf alles und jeden zu schießen, der sich ihrer Meinung nach zu schnell bewegte oder ihr zu nahe kam.
Beinahe unbemerkt kroch sie hinter ein abgestelltes Fahrzeug und machte sich dahinter so klein wie möglich. Keine Angriffsfläche bieten...
Das Blut, das in ihre Augen gelaufen war, ließ alles in einem roten Nebel verschwimmen und sie kam sich vor, als würde sie einen Film ansehen, dessen Handlung jenseits von Gut und Böse stattfand.
Die Eindrücke, die sich ihr gerade boten verschwammen mit einem Strom aus vergangenen Wahrnehmungen und sie beobachtete sich selbst dabei, wie sie ein paar wehrlose Männer in einem halb zerstörten Wohnzimmer einer Villa erschoss.
Plötzlich gab sie ihr Versteck auf und rannte mitten durch das Scharmützel, einfach in der Hoffnung, dass sie niemand traf. In ihrer Eile rempelte sie einen der Negan-Männer an und warf ihn zu Boden. Die entsicherte Waffe immer noch in der Hand, zielte sie wage auf sein Gesicht und drückte ab.
Das Chaos, das um sie herum ausgebrochen war, das nannte man wohl Krieg. Und sie war der Grund dafür, der Auslöser. Ihr neues Ich würde wohl noch einiges verkraften müssen.
Heftig keuchend rannte sie einfach weiter und schubste einen weiteren Mann weg. Gleich war es geschafft, nicht mehr weit...
Sie atmete tief durch und sprintete in Richtung Ausgang und Jeep der Menschenhändler. Atemlos spürte sie einen stechenden Schmerz in ihrer Schulter, dann sprang sie in den Wagen und warf die Tür hinter sich zu.
Weg hier.
