35. The last Adventure

To die will be an awfully big adventure."

J.M. Barrie

Sie nahm an, dass der Zauber zwar gewirkt hatte, aber anscheinend war er nicht gut genug gewesen. Zumindest nicht gut genug, um ihn zu täuschen. Hermine stand hinter ihrer eigenen Bürotür, die einen Spalt offen stand und lauschte dem Gespräch. Sie verstand nicht viel, aber es war offensichtlich, dass es ein Problem gab.

Rutherford empfing heute einen wichtigen Patienten, wenn er denn ein Patient war. Coldwell persönlich war in der Praxis erschienen. Vorgestern hatte sie Declan mit einem Vergessenszauber belegt, hatte seine Frontallappen mit falschen Informationen gefüttert, aber dumm schien Coldwell nicht zu sein. Rutherford deutete plötzlich in Richtung ihres Büros.

Die Männer setzten sich in Bewegung. Sofort verschwand Hermine von der offenen Tür und flüchtete sich lautlos hinter ihren Schreibtisch. Sie setzte sich in der Sekunde, in der es klopfte.

„Herein", rief sie neutral.

„Heilerin Weasley", begrüßte sie der andere Heiler freundlich und bedeutete Coldwell einzutreten. „Sie kennen den Leiter der inneren Verwaltung? Richard Coldwell", stellte er ihn trotzdem vor. Hermine erhob sich wieder. Sie brachte es über sich, eine neutrale Miene zu machen, obwohl sie wusste, dieser Mann war schuld daran, dass Draco so viel Schmerzen hatte erleiden müssen. Dass Harry mit dem Ruf gestorben war, ein egoistisches Monster zu sein, zumindest bei vielen, die ihn gekannt hatten. Er war schuld daran, dass Draco nicht zurückgekehrt war. Er war schuld, dass Hermine und Draco nicht zusammen gewesen waren. Aber sie durfte jetzt nicht den Fehler begehen, etwas Falsches zu sagen, aus reiner Wut heraus.

„Mr. Coldwell", begrüßte sie ihn steif. Der Mann vor ihr war nicht breit. Er war nicht größer als sie, aber… ihn umgab etwas, das seine Größe wettmachte. Dem Gesicht dieses Mannes fehlte jeder Skrupel. Sein Blick war so leer und arglos, wie der Blick der damaligen Todesser, die beteuert hatten, unter dem Imperius gestanden zu haben. Und nur die guten Schauspieler hatten den Gnadenbrief erhalten. Nur die Lügner. Coldwell war einer dieser Lügner gewesen. Und sie glaubte, Ron stellte sich diesen Rachefeldzug bei weitem zu einfach vor.

„Heilerin Weasley, nennen Sie mich Richard. Sie sind mir schließlich nicht unbekannt." Hermine wusste nicht mit Sicherheit, was das bedeuten sollte. Als sie nichts erwiderte, schien er sein Anliegen endlich preiszugeben. „Draco Malfoy arbeitet hier, nicht wahr?" Und seine Stimme klang zu… gleichmütig, als dass es eine unverfängliche Frage sein konnte.

„Ja", bestätigte sie, gezwungen ruhig.

„Heiler Rutherford erklärte mir, dass Mr. Malfoy zurzeit krank sei?", vergewisserte er sich. Und sie würde nun sehr gut lügen müssen. Sie tat so, als müsse sie sich erst ins Gedächtnis rufen, wer Draco Malfoy überhaupt war.

„Das stimmt", sagte sie dann. „Wir haben eine Aufbaukurz durchgeführt, da er nahe dem Erschöpfungstod gewesen war", brachte sie bittere Worte über die Lippen. Coldwell war schuld gewesen an Dracos Gesundheit. Und sie vergaß, wie sauer sie eigentlich auf Draco war. „Vor zwei Tagen machten sich einige Nebenwirkungen bemerkbar, und ich habe absolute Ruhe angeordnet."

„Im Haus von Mr. Snape nehme ich an?", wollte der ehemalige Minister glatt von ihr wissen. Und sie konnte nicht lügen, denn er könnte es nachprüfen.

„Dort ist er zurzeit untergebracht, ja", bestätigte sie barsch. Er nickte nur.

„Dann will ich hoffen, dass die Nebenwirkungen nicht gefährlich sind", schloss er nach einem Moment mit falschem Bedauern auf den Zügen, dass man nicht zwingend als falsch erkennen konnte. Rutherford tat es nicht.

„Mein Lieber, ich finde es nett, dass du dich so um unseren Neuzugang sorgst", erklärte Rutherford lächelnd. „Heilerin Weasley hat alles im Griff", ergänzte er zuversichtlich in ihre Richtung. Und sie bekam nun ein kühles Lächeln von Coldwell geschenkt.

„Davon gehe ich aus, Rowan. Davon gehe ich aus", antwortete er, fast ein wenig zu scharf.

Hermine nahm an, er glaubte ihr nicht. Man merkte ihm die Gallenkomplikationen nicht an, wegen denen er morgen im Mungo sein würde, dachte Hermine bitter. Zu schade. Sie gönnte diesem Arschloch die Schmerzen.

„Informieren Sie mich bitte, wenn Mr. Malfoy wieder zur Arbeit erscheint, Heilerin Weasley", verabschiedete er sich schließlich. „Und…", fuhr er fast lächelnd fort, „grüßen Sie mir Ihren Mann", schloss er nickend, ehe er mit Rutherford verschwand.

Ihr Herz klopfte laut in ihrer Brust. Sie hatte das ungute Gefühl, dass sich ein Sturm zusammenbraute. Sie musste mit Ron reden. Und mit Draco.

Sie wusste, heute stand der Einbruch bevor. Anders konnte man es nicht nennen. Und sie hatte sich überwunden, zu Snape zu apparieren. Gestern hatte sie sich noch schlau gemacht, hatte alles Wichtige über Mysteriumsabteilung rauszufinden versucht, was sie hatte finden können, aber sie nahm fast an, dass Rons Anwesenheit wichtiger war, als ihr theoretisches Halbwissen.

Sie war längst angekommen, stand im dunklen Vorgarten, und sie nahm an, Coldwell scheute keine Kosten und Mühen, Snapes Haus beschatten zu lassen. Vielleicht nicht jetzt gerade, vielleicht nicht um die nächtliche Zeit, aber tagsüber. Sie nahm an, Coldwell war ein paranoider Mann. Und er tat gut daran, es zu sein.

Sie klopfte an die Tür. Sie hörte die unregelmäßigen Schritte im Hausflur, und Snape öffnete die Tür mit einem Ruck, ehe er misstrauisch nach draußen spähte.

„Mrs Weasley", begrüßte er sie, blickte über ihren Kopf hinaus, vergewisserte sich, dass sie alleine war, ehe er die Tür freigab. Er stellte ihr Auftauchen nicht in Frage, und sie war froh darüber.

Tatsächlich hörte sie Stimmen. Ron war hier. Und Draco dann wohl auch. Snape bedeutete ihr, ihm zu folgen, und sie erreichten die Küche. Das letzte Mal war sie vor Snape geflohen, weil sie annahm, die nächtlichen Aktivitäten waren ihm nicht gegangen, aber er war wohl höflich genug, nie mehr ein Wort darüber zu verlieren. In der Küche verharrte sie im Türrahmen. Ron und Draco standen über den Tisch gebeugt, ihr den Rücken zugekehrt, ins Gespräch vertieft, in einem seltsamen Einklang.

Fast wollte sie nicht stören. Denn sie schienen… auszukommen? War es das richtige Wort? Taten sie das? Gab es überhaupt eine echte Wahl? Ron war beeindruckend, das gab sie zu. Dann wiederum… - ach, sie wusste es nicht wirklich. Snape räusperte sich plötzlich, unterbrach die beschäftigten Männer, die beide Aurorenuniformen trugen. Es fiel Hermine erst jetzt auf. Ron schien Draco eine Uniform besorgt zu haben, die ihm vortrefflich stand. Hermine würde ihm die Rolle als Auror abkaufen. Er füllte die Uniform mit den entsprechenden Muskeln.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Beide sahen sie an, aber Dracos Blick fiel zu schnell wieder. Und es kitzelte nur die Wut, die sie auf ihn verspürte. Und sie ließ es nicht mehr gelten, dass er ein Lebenlang in Haft verbracht hatte, dass er mit den sozialen Konventionen nicht mehr vertraut war, dass er nicht wusste, wie er sich zu verhalten hatte, was er zu sagen hatte – denn sie kaufte es ihm nicht mehr ab. Er hatte genug Menschenverstand besessen, sie zu verführen. Er besaß genügend Verstand, sich aus schwierigen Situationen rauszuhalten. Und sie kannte ihn. Er war immer noch Malfoy.

„Hermine", begrüßte Ron sie verblüfft. „Alles in Ordnung?", vergewisserte er sich sofort, und sie zog ihren schmalen Hefter hervor, wo sie alle Beschäftigten der Abteilung notiert hatte. Es war ihr Alibi an das sie sich klammern konnte, wenn sie nicht zugeben wollte, nur gekommen zu sein, um Draco noch einmal zu sehen. Das war der Grund gewesen, allerdings hatte sie ihre Wut maßgeblich unterschätzt, stellte sie gereizt fest.

„Ja, ich denke schon", erwiderte sie, bemüht um Ruhe. „Coldwell war in der Praxis", sagte sie dann.

„Was? Warum?", entkam es Ron misstrauisch, und sie sah ihm allerdings keinen verborgenen Zorn an, keine Eifersucht, kein – gar nichts. Es war eine weitere Baustelle, um die sich eigentlich gekümmert werden müsste. Aber wahrscheinlich idealerweise nicht heute Nacht.

„Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ahnt er etwas", schloss sie. „Ich habe noch alle Beschäftigten aufgeschrieben, den Lageplan gemacht", fuhr sie entsprechend fort und legte den Hefter auf den Tisch. Ron nickte nur.

„Danke, aber ich habe es im Griff", bestätigte er bloß ihre Vermutung, ehe er seufzte. „Coldwell ahnt seit Jahren etwas", ergänzte er schlecht gelaunt. „Es wäre nur wirklich bitter, wenn er seinen Krankenhausaufenthalt absagen würde." Hermine hatte darüber keine näheren Informationen.

„Ich könnte im Mungo fragen?", bot sie an. „Ich bin Heilerin. So auffällig wäre es nicht, wenn ich mich erkundige, vor allem, wo er jetzt in der Praxis aufgetaucht ist?"

Ron schüttelte den Kopf. „Es wäre auffällig genug. Wir beginnen um Mitternacht. Die Wärter machen dann ihren Schichtwechsel, vielleicht bringt uns das zunächst genug Ablenkung." Ihr Blick fiel auf den schimmernden Haufen Stoff auf dem Tisch, dem Ron zugenickt hatte. Sie hatte ihn ewig nicht gesehen. Ihr Mund öffnete sich.

„Der Tarnumhang?", entkam es ihr schließlich. Ron nickte wieder.

„Es dürfte eng werden für zwei Männer, aber so genau werden die Wachen nicht schauen", erwiderte er.

Draco sagte zu alldem nichts. Er sah sie nicht einmal wirklich an. Es war seltsam, ihn und Ron zusammen zu sehen. Und doch fühlte sie sich schmerzlich an die Vergangenheit erinnert. Es kam ihr vor wie ein neuer Krieg. Zwar aus alten Gründen, aber dennoch neu. Und sie waren wie ein neues Trio. Sie schluckte bei diesem Gedanken. Es war seltsam, mit Ron sprechen zu können, wie sie es sonst getan hatte.

Und vielleicht spürte sie untergründig die unangenehme Stimmung, die sich langsam aufbaute.

Ihr Blick verfing sich im schimmernden Stoff des Tarnumhangs. Harrys Umhang. Und sie taten es alles für Harry. Für Harry und für Draco.

Und sie musste fragen. Denn sie war noch sie selbst, und alle Zweifel legten sich nicht über Nacht, auch wenn Ron sonderbarerweise fähiger war, als sie über all die Jahre angenommen hatte.

Sie sah Ron wieder an, denn Draco blickte überallhin, nur nicht in ihr Gesicht. Denn sie hasste es, am Rand zu stehen und zuzusehen. „Was, wenn sie euch finden? Wenn ihr auffliegt?" Ron erwiderte den Blick sehr ruhig.

„Dann haben wir noch Severus", sagte er ernst und beantwortete ihre Frage aber damit nicht wirklich. Hermine hob den Blick zu Snape, aber Ron sprach weiter. „Wir gehen getrennt. Sollten sie uns tatsächlich finden und gefangen nehmen, macht Severus weiter." Hermine kommentierte sein lahmes Bein nicht mal. Sie würden sich schon ausreichend Gedanken gemacht haben, außerdem war Snape zu einigen Dingen fähig, die weder Ron noch Draco bewerkstelligen konnten, nahm sie an.

„Und wenn es nicht klappt? Wenn ihr alle drei-"

„-dann ist es vorbei", mischte sich Draco jetzt beinahe ungeduldig ein, und Hermine sah ihn an.

„Dann ist es vorbei?", wiederholte sie und hätte ihn direkt anschreien können für diese nahezu unbekümmerten Worte.

„Ja", bestätigte er nur. „Wenn der Fall eintritt, dass wir zu dritt nichts ausrichten können, wird Coldwell schon irgendeine Panik verbreiten und es kommt zum Prozess."

„Super", bemerkte sie bitter. „Das klingt nach einem großartigen Plan B. Werde ich eingeweiht?", erkundigte sie sich scharf bei ihm, aber Draco schüttelte sofort den Kopf.

„Nein", beschloss er, und Hermine sah, wie Ron ihn kurz von der Seite ansah, aber Dracos Blick lag mittlerweile konzentriert auf ihrem Gesicht. Sie spürte, wie ihre Mundwinkel sanken.

„Nein?", wiederholte sie ungläubig.

„Ich habe dich damals nicht in Gefahr gebracht, und du denkst, dass ich es jetzt riskieren werde?", begann er wieder, und sie konnte nicht fassen, dass er das tat. Und es war angespannter im Raum. Zwischen ihr und Draco bestand eine Verbindung, so alt, dass Ron sie wohl nicht verstehen konnte, und doch so greifbar, dass es auch für Ron nicht zu übersehen war.

Sie wich Dracos Blick nicht aus, ging auf dieses Duell um dämliche Dominanz ein, und verschränkte sogleich die Arme vor der Brust.

„Du willst damals mit heute vergleichen?", erkundigte sie sich ungläubig, aber er verzog lediglich den Mund.

„Es macht für mich keinen Unterschied", erklärte er leichthin. „Ob ich auf Dumbledores und Potters Geheiß losziehe, um etwas Unmögliches zu tun, oder ob ich mich nun für Weasley in ähnliche Gefahr begebe – unterm Strich bedeutet das für mich, dass du absolut überhaupt nichts damit zu tun haben musst, denn es geht nicht um dich, Hermine."

Ihre Zähne schnappten fest zusammen. Eigentlich nur, um sich selber von der nächstbesten Beleidigung abzuhalten, die ihr in den Sinn kam.

„Wie immer nobel", entkam es ihr schließlich gepresst.

„Ich hörte, so geht eure Welt zugrunde, nicht wahr?", schnappte er spöttisch, und Zorn erhitzte ihren gesamten Körper zusehends.

„Versteck dich nicht hinter Ron", sagte sie gereizt. „Als ob du es für Ron tun würdest! Als ob du irgendetwas jemals für irgendwen getan hättest!" Sie wusste nicht mit Sicherheit, warum sie wieder einmal alles riskierte. Ausgerechnet auch noch in Snapes Küche. Aber der Widerspruch blitzte in seinen grauen Augen kampflustig.

„Denkst du ernsthaft, ich tue es freiwillig? Denkst du, ich wollte das? Ich hätte in Seelenruhe niedere Arbeiten vollrichten können. Ich lege keinen Wert auf den Respekt oder die Akzeptanz der englischen Bevölkerung, Hermine!", fuhr er sie an. „Das ist deine Auffassung, nicht meine!"

„Oh Bullshit, Malfoy!", fuhr sie ihn an. „Coldwell würde dich finden, und Coldwell würde dafür sorgen, dass du zu niemandem mehr auch nur ein Wörtchen verlauten lassen könntest. Und du willst mir erzählen, dass würdest du ebenfalls locker hinnehmen?" Und sie sah, wie sich seine Oberlippe in alter Manie kräuselte.

„Du überschätzt mich", entgegnete er provozierend gleichmütig. Und ihr lagen einige Worte auf der Zunge. Gerne würde sie ihn bestätigen. Gerne würde sie sagen, dass sie sich ganz klar in ihm getäuscht hatte, aber… sie hatte sich nicht getäuscht. Vielleicht tat er Dinge widerwillig und aus falschen Motiven, aber er tat das Richtige. Mochte er es auch anders sehen – oder mochte er es auch überhaupt nicht verstehen können.

Mochte er sich hinter dem Mut der anderen verstecken, so würde er trotzdem das richtige tun. Und sie hasste das.

Sie hasste, dass sie sich so um ihn sorgte, dass es weder Ron noch Snape entgehen konnten. Manchmal hasste sie, dass sie siebzehn Jahre auf Draco Malfoy gewartet hatte. Sie hasste ihr Herz für diese unmögliche Bürde, die sie solange getragen hatte. Und sie überschätzte ihn nicht. Sie stemmte die Arme in die Hüften und sah ihn herausfordernd an.

„Dann lass es", bot sie ihm glatt an. „Wenn du es nicht für dich tust, dann lass es sein. Du hast zwei Tage mit Ron trainiert und denkst, das befähigt dich zu irgendwelchen Wundertaten? Ich bin klüger als du, Malfoy", reizte sie ihn herablassend. „Ich kann besser mit einem Zauberstab umgehen, und ich wäre für Ron ein besserer Begleiter als du, mit deiner halbherzigen Einstellung. Bleib einfach hier, und ich nehme deinen Platz ein, um deinen Namen zu retten."

Und sie nahm an, sie hatte seinen Bluff durchschaut. Allerdings… blieb er gänzlich ruhig. Askaban hatte ihn in dieser Hinsicht so sehr abgestumpft, dass sich seine Körpersprache unter ihren Worten nicht verändert hatte. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass er sich in Bewegung setzte. Schnell hatte er den Abstand zu ihr überwunden, und hart griffen seine Hände um ihre Oberarme.

„Mein Name ist das letzte, was mich interessiert!", knurrte er plötzlich. „Und dich interessiert mein Name auch nicht!", ergänzte er boshaft, während sie den Mund verzog, denn sein Griff wurde schmerzhaft fester. „Ich spiele keine Spiele, Hermine", sagte er dann kalt. „All das strengt mich an", informierte er sie, ohne Rücksicht zu nehmen auf Snape oder Ron. „Ich habe siebzehn Jahre Zeit gehabt, um eine Sache sehr klar herausfinden zu können", fuhr er ernsthaft fort, und sie wagte nicht, sich zu rühren. „Ich habe kein Interesse an mir selbst. Ich bin so unspektakulär als Mensch und als Zauberer, dass ich kaum begreifen kann, dass Ronald Weasley mir geholfen hat. Natürlich will er mich nur an seiner Seite, weil ich nichts zu verlieren habe, weil es demographisch keinen Unterschied für die Gesellschaft macht, ob Abschaum wie ich lebe oder sterbe, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich ihm seine Frau ausgespannt habe", schloss er gänzlich unbeeindruckt von ihrem bestürzten Blick.

„Weasleys Gründe sind so weit davon entfernt vernünftig und rational zu sein, wie ich davon entfernt bin, jemals meine Albträume loszuwerden", bemerkte er kopfschüttelnd. „Aber es ist alles sehr einfach, du dummes Mädchen", sagte er dann mit wachsamem Blick. „Der Gedanke an dich, war siebzehn Jahre der einzige Trost zwischen den kalten Mauern gewesen. Und jetzt befinde ich mich ein Abenteuer davon entfernt zu bekommen, was ich tatsächlich will", sprach er ohne jedes Zögern, ohne jede Abwägung in der Stimme. „Und wenn diese Selbstmordmission das ist, was ich tun muss, um dich zu bekommen, um das zu sein, was du möchtest, das ich bin – dann wirst du auf mich hören, Hermine. Dann wirst du dich nicht unnötig in Gefahr begeben, denn das tue ich bereits. Und ich werde nicht in Kauf nehmen, dein Leben zu gefährden, wenn ich all das nur tue, um bei dir zu sein."

Sie schluckte schwer. Sie spürte den Kloß im Hals, das Übermaß an Flüssigkeit hinter ihren Augen. Fest sah er sie an, während sein Griff sich lockerte. „Ist das die Bestätigung, die du suchst?", fragte er sie ruhig. „Ist es das, was du hören musst? Nicht, dass es nicht bereits völlig klar ist", ergänzte er kopfschüttelnd. „Ich weiß, dass ihr tausend Worte braucht, um die einfachsten Dinge zu kommunizieren", sagte er plötzlich mit gerunzelter Stirn. „Aber ich kann das nicht" gestand er stirnrunzelnd ein. „Und deshalb sage ich dir, was ich dir vor siebzehn Jahren hätte sagen sollen", schloss er ruhiger. „Ich liebe dich auch, aber das hier muss ich ohne dich tun."

Und als sie blinzelte, fiel die erste Träne auf ihre Wange. Sie musste unromantisch die Nase hochziehen und schüttelte den Kopf heftig.

„Du bist… ein Idiot", krächzte ihre Stimme, während sie nun wirklich weinen musste.

„Ich weiß", räumte er ohne Umstände ein. Und es war ihr egal, wo sie waren, und dass ihr Ehemann ebenfalls in der Küche stand. Ihre Arme schlangen sich um seinen Nacken, und fast wirkte er doch überrascht, als ihre Lippen seinen Mund verschlossen.

Er war jedoch ungleich gehemmter als sie, wohingegen seine Worte all ihre Wut vernichtet hatten. Denn… er liebte sie. Er löste sich sanft von ihren verzweifelten Lippen und blickte in ihr Gesicht hinab. Müdigkeit und sanfte Sorge zeichneten seinen Blick.

„Tja", entfuhr es tatsächlich Snape, und sie schreckte aus ihrer rührseligen Stimmung. „Gut, dass wir das geklärt haben." Snapes Worte troffen vor Spott, und beschämt wich Hermine zurück. Merlin, sie ließ sich wirklich gehen. Hastig wischte sie die Tränen von der Wange. Ron hatte unentschlossen die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick verriet ihr deutlich, dass ihm diese Hermine gänzlich unbekannt vorkam. Aber dennoch sagte ihr sein Blick überdeutlich, dass er sich bereits lange damit abgefunden zu haben schien.

Rons Blick fiel schließlich auf die Küchenuhr. „Es wird Zeit", schien ihm beinahe überrascht aufzufallen.

„Sie sollten das Haus zeitnahe verlassen, Hermine", sagte Snape schließlich, als er sich die Kapuze seines Reiseumhangs überzog. „Dracos noble Geste wäre sonst gänzlich wirkungslos, sollten sie uns alle verhaften und Sie hier in meinem Haus finden."

„Ja, Sir", erwiderte sie leise. Und das war der Abschied von Snape, der die Küche humpelnd verließ. Ron folgte ihm, verharrte in der Tür und sah sie an. Sie wusste nicht, was sie zu ihm sagen sollte. „Pass auf dich auf", war alles, was sie über die Lippen brachte. Und er lächelte gezwungen knapp, ehe er Snape folgte. Sie verblieb alleine mit Draco, der Ron nachsah.

„Ok", sagte er und fuhr sich beinahe verlegen durch die blonden Haare. Er löste ein Band von seinem Handgelenk, um sie unordentlich zusammenzubinden. Eine Strähne fiel zurück in seine Stirn. Abwesend hob sich ihre Hand, um sie hinter sein Ohr zu streichen, aber ihre Fingerspitzen brannten, als sie seine Haut berührte.

„Komm zurück", flüsterte sie mit erstickter Stimme. Kurz hob sich sein linker Mundwinkel.

„Wenn Weasley mich nicht umbringt", murmelte er und hob die Hand zu ihrer Wange. Sie lehnte sich in seine warme Berührung. Traurig lächelte sie.

„Draco, ich lie-" Doch schnell senkte er den Kopf, um sie zu küssen. Sie atmete ihn praktisch ein, genoss den Kontakt, doch er zog sich schnell zurück und schüttelte den Kopf. Er schien diese Beherrschung zu benötigen, um gehen zu können.

„Sag es nicht", flüsterte er eindringlich. „Sag es, wenn ich wiederkomme", bat er sie still. Stumm nickte sie, dann löste er seine Hand von ihrem Gesicht.

Und schon war er verschwunden, war Snape und Ron hinaus gefolgt.

Angst beherrschte ihren Verstand und ihren Körper, während sie mit dem Zauberstab das Licht löschte und wenige Minuten später Snapes Haus verließ. Sie versiegelte die Tür und apparierte in der menschenleeren Nacht.

Sie kam sich nutzlos vor. Aber sie hatte kaum eine andere Wahl. Sie würde warten müssen. Auch wenn sie nicht wusste, worauf.