Disclaimer:
Hast du zufällig ein kleines Menschenjunges gesehen?
Ja, mehrere. Ähm... wieso?
Nur so. Harry Potter gehört übrigens JKR. In welche Richtung sind sie gegangen?
Dort lang, gleich hinter dem weißen Kaninchen her, das keine Zeit hatte... Hey, warte!
Schatten der Wahl
50. Bittersüß
Teil 3
Sein Vater saß hinter seinem Schreibtisch, als wäre nie etwas geschehen. Es enttäuschte Tigris auf gewisse Weise, dass Lucius so schnell wieder genesen war. Tigris schloss die Tür hinter sich und blieb vor dem Schreibtisch stehen. Einige Augenblicke lang sahen sie sich schweigend an. Schließlich wanderten Tigris' Finger wie von selbst zum Kragen seiner Robe, um die Knöpfe zu öffnen.
„Was tust du da?", fragte sein Vater. Seine Stimme war heiser und kaum hörbar. Anscheinend waren seine Stimmbänder noch nicht ganz verheilt.
„Ich nahm an, du wolltest mich bestrafen.", antwortete Tigris kalt.
Sein Vater begann zu lachen, aber stoppte nach den ersten Tönen und presste eine Hand gegen seine Kehle, als sei es schmerzhaft. „Ich versichere dir, selbst wenn ich das wollte, bin ich nicht in der Lage, das zu tun."
Ohne es zu wollen, war Tigris verwirrt. „Warum hast du mich dann gerufen?"
Sein Vater deutete zu dem Stuhl vor dem Schreibtisch. „Ich wollte mit dir reden. Setz dich."
Tigris tat das zögernd.
Sein Vater sah Tigris einige Augenblicke lang nur an. „Du hast meine Erwartungen übertroffen.", sagte er dann, in einem ruhigen, nachdenklichen Tonfall. „Ich hätte nie gedacht, dass du etwas wie dies planen könntest. Das war mein Verderben, nicht wahr? Meine Arroganz, die mich verführt hat dich zu unterschätzen."
Tigris musste sich anstrengen, Lucius nicht mit offenem Mund anzustarren. Was war das, Respekt? Respektierte sein Vater ihn dafür, was er getan hatte? Das war absurd.
Lucius betrachtete Tigris nachdenklich, fast als versuche er, seine Gedanken zu lesen. Hätte er das tatsächlich versucht, hätte es Tigris jedoch bemerkt. „Unser Lord ist Vorgestern noch einmal zu mir gekommen, nachdem ihr gegangen wart.", fuhr er dann fort. „Im Übrigen, danke für den Trank. Äußerst raffiniert, einen zeitverzögerten Heiltrank in einem anderen Trank zu verbergen."
„Ich wollte nicht, dass du stirbst.", entgegnete Tigris kühl.
Sein Vater nickte. „Ich wäre wahrscheinlich gestorben, wenn dieser Trank nicht gewesen wäre. Severus hat dafür gesorgt, dass es mir gestern etwas besser ging, nachdem unser Lord mich verließ. Der Dunkle Lord hat ihn gerufen, weil er Veritaserum brauchte."
„Er wollte wissen, wie du mich versteckt hast.", stellte Tigris ohne Überraschung fest.
„Ja." Sein Vater zog die Halskette unter seinem Kragen hervor und versuchte sie abzunehmen, gab aber schließlich auf, als seine Finger ihm nicht gehorchen wollten. „Ich nehme an, dies war nicht wirklich ein Geschenk von Madame Ringwood."
„Nein.", gab Tigris bereitwillig zu.
Sein Vater lächelte humorlos. „Unser Lord war sehr überrascht zu erfahren, dass ich mich mit Agrippinilla abgesprochen hatte, um dich als ihr Kind auszugeben, nachdem ihr eigenes gestorben war. Es erstaunte ihn auch, dass ich Narcissa darüber im Unklaren gelassen habe, um ihr stattdessen eine Geschichte über die Elben zu erzählen." Lucius presste frustriert die Lippen zusammen. „Dies ist lächerlich, ich wollte eigentlich etwas anderes sagen."
„Solve septum.", sagte Tigris.
„Danke. Ich wollte sagen, es ist interessant, wie du die Halskette manipuliert hast, um meine Erinnerungen zu beeinflussen."
„Es war leichter, da du es bereits einmal zugelassen hast. Dein Geist war daran gewöhnt, dem Zauber nichts entgegen zu setzen."
Sein Vater nickte. „Unser Lord wird möglicherweise Nachforschungen anstellen, um meine Aussagen zu überprüfen, ist dir das klar?"
„Ja, ich habe mich darum gekümmert."
„Tatsächlich?", fragte sein Vater überrascht. „Wie?"
„Ich habe die Muggel besucht, die die Billards kannten, und ich war in Ginevras."
Sein Vater blinzelte verblüfft. „Du hast die Erinnerung so vieler Leute beeinflusst? Du hast Glück gehabt, dass dich niemand ertappt hat. Was ist mit denen, die die Schule bereits verlassen haben?"
Tigris gefror für einen Moment. „Daran habe ich nicht gedacht."
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Wir werden herausfinden müssen, wo sie sind. Ich kann nun erkennen, wie viel du geplant hast. Es ist erstaunlich, aber am erstaunlichsten ist, dass nichts dabei schief gegangen ist. Du musst unter einem Glücksstern geboren sein, anders ist das nicht zu erklären. Bei jedem anderen hätte dieses Verhalten längst in einer Katastrophe geendet."
Tigris wand sich unbehaglich in seinem Stuhl. Sein Vater hatte natürlich Recht, Tigris hatte ein fast unmögliches Glück. Es gab so viele Dinge, die er nicht bedacht hatte, bestimmt gab es etliche, die ihm noch immer nicht auffielen. Allerdings… „Es hat funktioniert, oder nicht?" Tigris wusste er klang kindisch, trotzig.
„Ja, das hat es." Sein Vater wich eine Sekunde lang Tigris' Blick aus. „Ich werde dich nicht bestrafen.", sagte er dann stockend. „Im Gegenteil, ich… möchte mich bei dir entschuldigen."
„Was?", brachte Tigris heiser hervor. Dies war surreal. Er musste ein seltsam realistischer Traum sein, aus dem er jeden Moment aufwachen würde.
Der Blick seines Vaters ging in die Ferne. „Ich habe mir einmal geschworen, ein gerechter Vater zu sein." Ein wenig Bedauern schwang in seiner Stimme mit. „Du hast mir bewusst gemacht, dass ich dieses Versprechen gebrochen habe. Du und Severus… aber das ist jetzt nicht wichtig. Was zählt ist, dass mir klar geworden ist, dass ich im Unrecht war. Ich habe dich ungerecht behandelt – dich und deinen Bruder. Ich dachte, ich hätte gute Gründe für mein Handeln, aber tatsächlich handelte ich aus Gefühlen heraus… Gefühlen, von denen ich mich nie hätte beeinflussen lassen dürfen. Ich bedaure, was geschehen ist, aber ich kann es nicht rückgängig machen. Es wäre pedantisch von mir, es dir zum Vorwurf zu machen, dass du Genugtuung gewollt hast."
„Vater…", sagte Tigris zögernd. Er wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte. Sicher, er hatte seinem Vater vergeben, aber er hätte nie gedacht, dass Lucius sich entschuldigen wurde. Tigris verabscheute die Mischung aus Hoffnung und Furcht, die das in ihm wach rief. Hoffnung, dass er am Ende doch einen wirklichen Vater bekommen würde – hatte er das nicht so oft gehofft und war enttäuscht worden? Furcht, erneut enttäuscht zu werden. Er wollte diese Gefühle nicht, sie machten ihn schwach.
Sein Vater musste Tigris' Gefühle von seinem Gesicht abgelesen haben, denn er lächelte freudlos. „Ich erwarte nicht von dir, dass du mir so einfach vergibst.", sagte er. „Ich wollte nur, dass du weißt, was ich denke."
Tigris sah Lucius einige Augenblicke nachdenklich an. „Ich habe dir bereits vergeben.", sagte er schließlich. „Aber ich vertraue dir nicht, und ich weiß nicht, ob ich es jemals werde."
„Das scheint nur gerecht.", sagte sein Vater. Sie schwiegen eine Weile. „Ich werde deinen Bruder rufen.", sagte er dann. „Was ich noch zu sagen habe, betrifft ihn ebenfalls."
„Er ist zur Zeit nicht sehr gut auf mich zu sprechen.", sagte Tigris.
Sein Vater lächelte trocken. „Ja, das kann ich mir denken. Draco überrascht mich manchmal mit seiner Loyalität." Sein Blick verdunkelte sich. „Ich frage mich, womit ich sie verdiene." Lucius versuchte mit den Fingern zu schnipsen, aber versagte. Schließlich griff er frustriert nach seinem Spazierstock und klopfte damit auf den Tisch. „Elf!"
Dilly tauchte auf und sah Lucius mit großen Augen an.
„Sag Draco, dass ich ihn zu sprechen wünsche."
„Ja, Master Malfoy." Sie verschwand.
Sein Vater musterte Tigris nachdenklich. Tigris begegnete seinem Blick ein wenig unsicher. Er wusste noch nicht ganz, was er mit dieser neuen Seite des Mannes anfangen sollte. Sie kam zu plötzlich und unerwartet. Schließlich ging die Tür und Draco trat ein. Er setzte sich, ohne Tigris anzusehen.
Sein Vater seufzte. „Ich habe euch hergerufen, weil ich euch einige Dinge über euer Erbe zu sagen habe. Eigentlich hättet ihr sie schon an eurem siebzehnten Geburtstag erfahren sollen, aber ich hielt es zu dieser Zeit für besser, sie zu verschweigen. Es ist mir inzwischen bewusst geworden, dass meine Gründe nichts als selbstsüchtig und unerheblich waren. Vielleicht sollte ich zuerst einige Dinge klar stellen: Ich weiß, dass du ein wahrer Heiler bist, Draco. Ich weiß auch, dass du die Fähigkeit zur Handmagie besitzt, Tigris, und ich weiß, was Blaise dir über das Haus gesagt hat. Sie hatte nebenbei Recht. Insbesondere damit, dass es meine Pflicht gewesen wäre, dir davon zu erzählen, aber ich habe es, wie ich schon zuvor sagte, unterlassen."
Draco und Tigris starrten ihren Vater beide fassungslos an. Dieser lächelte ein wenig reuevoll.
„Rechts und links des Ballsaals stehen zwei Statuen, wisst ihr, wen sie darstellen?"
„Rowena Ravenclaw und Aesculapius.", antwortete Draco mit einem verärgerten Unterton.
„Sehr richtig, die berühmtesten und mächtigsten Vorfahren unserer Familie. Jeder von ihnen hat unserer Linie herausragende Gaben hinterlassen. Von Rowena stammt ein herausragendes Gedächtnis, ebenso wie eine Begabung zur Handmagie und ein Talent zur Falknerei. Während letzteres im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen ist, sind die ersten beiden von Generation zu Generation weitergegeben worden. Mindestens eins mehrerer Kinder besitzt zumindest eine dieser Gaben. Tigris und ich hatten offenkundig das Glück, beide zu erhalten. Von Aesculapius stammt zum einen die Begabung Parsel zu sprechen… sie ist schon vor über tausend Jahren verloren gegangen. Zum anderen vermachte er uns seine Begabung zur Heilkunst. Während viele unserer Vorfahren – euer Großvater eingeschlossen – begnadete Heiler waren, schien die wahre Manifestation dieser Gabe – das Talent zum wahren Heiler – seit zwei Jahrhunderten verloren gegangen zu sein. Durch dich, Draco, wird es klar, dass sie noch immer existiert."
„Also hast du es die ganze Zeit gewusst?", fragte Draco gepresst. „Warum hast du es mir nicht gesagt?"
„Ich war nicht vollkommen sicher, bis du versucht hast, mich zu heilen, aber ich hatte eine Vermutung, ja. Deine Resistenz gegen Dunkle Magie war ein starker Hinweis. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, warum ich nichts gesagt habe? Ich hoffte, ich würde mich irren. Wir Malfoys sind seit Generationen eng mit Dunkler Magie verknüpft. Die wahren Heiler unserer Familie gerieten in Vergessenheit. Clarence Nightingale war ein Bastard von eurem Ururgroßonkel Tiberius Malfoy und wurde niemals anerkannt. So selten diese Gabe auch ist, ich kann nichts Positives daran sehen."
Draco wandte ruckartig den Kopf ab. „Also würdest du es nicht gutheißen, wenn ich eine Ausbildung zum Heiler machen würde.", stellte er tonlos fest.
„Du bist siebzehn, ich werde es dir nicht verbieten. Ich könnte mir jedoch einige Berufe vorstellen, die mir lieber wären."
Draco biss sich auf die Lippen. „Ich hatte nie vor, die Zaubererwelt wissen zu lassen, was ich bin. Ich will nur meine Begabung nutzen."
„Und wenn du als ein Heiler arbeitest, was dann? Kannst du wirklich behaupten, dass du deine Fähigkeit nie nutzen wirst? Genauso wie Tigris sich zu Dunkler Magie hingezogen fühlt, ist es in deinem Blut, die Heilmagie zu benutzen. Wenn du in diesem Bereich arbeitest, wirst du ihrem Sog kaum widerstehen können. Irgendwann wird es herauskommen."
„Ich werde vorsichtig sein!", protestierte Draco. „Ich bin nicht so schwach!"
„Wirklich?", entgegnete ihr Vater fast spöttisch. „Willst du sagen, du hättest mich sterben lassen, wenn es darauf angekommen wäre?"
„Nein, aber das hat nichts mit meiner Begabung zu tun!", rief Draco ärgerlich.
Ihr Vater verzog ein wenig abschätzig den Mund. „Das denkst du vielleicht. Ich ziehe es vor zu glauben, dass mein Erbe mehr Selbstachtung besitzt."
Draco starrte Lucius mit offenem Mund an. „Du hättest es vorgezogen, wenn ich dich einfach verbluten lassen hätte? Bist du verrückt?"
„Nimm deinen Tonfall in Acht. Wie ich deiner Mutter schon sagte, wäre ich in keinem Fall gestorben. Ich habe dich fast sechs Minuten unter dem Cruciatus gehalten. Ich an deiner Stelle hätte mich nicht im Geringsten um mein Wohlergehen gesorgt. Euer Training soll euch nicht nur Zauber beibringen, sondern auch gesunden Menschenverstand."
„Ich verstehe.", sagte Draco ein wenig steif. „Natürlich, ich habe nicht nachgedacht." An dem Blick seines Bruders konnte Tigris sehen, dass er nicht mit ihrem Vater übereinstimmte, aber sein Gesicht war ausdruckslos.
„Wie auch immer, das ist nicht alles, was ich euch sagen wollte.", sagte Lucius. Er sah zu Draco. „Dein Bruder weiß schon einiges, durch seine Freundin Blaise. Du weißt einiges anderes, dadurch, dass ich dir von der Bedeutung der Sonnenwendrituale erzählt habe. Ich will es noch einmal zusammenfassen, damit ihr beide gleichermaßen Bescheid wisst." Ihr Vater atmete tief durch. „Das Malfoy Herrenhaus ist sehr alt, weit über tausend Jahre. Es hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert, aber die Grundmauern sind die gleichen geblieben. Mit diesen Grundmauern – mit unserem gesamten Land – ist eine besondere Art von Magie verbunden. Ich und eure Mutter stärken sie mit den Sonnenwendritualen und binden sie an uns. Sie macht mich zum magischen Oberhaupt dieser Familie und gibt mir als solches besondere Fähigkeiten innerhalb unseres Besitzes." Lucius sah Tigris an. „Wie Blaise dir gesagt hat, wählen sehr alte Häuser ihre… Herren… nach ihrer Stärke aus. Ihrem magischen Potential, sollte ich wohl eher sagen. So ungern ich es auch zugebe – dein magisches Potential ist anscheinend höher als meines. Das ist der Grund dafür, dass das Haus versucht hat, dich in die Rituale hineinzuziehen. Wäre es ihm gelungen, würde das die Schutzzauber stärker machen, weil es dein Potential darin nutzen könnte. Es fühlt sich instinktiv von dir angezogen – was heißt, dass es dich weiterhin anziehen wird. Wenn du ein Ritual mit mir gemeinsam durchführst, wirst du ohne Zweifel meinen Platz einnehmen, was dich zum offiziellen Oberhaupt dieser Familie machen wird. Nicht nur in Hinsicht auf die Zauber dieses Grundstücks, sondern auch in der Zauberergesellschaft, zumindest in den traditionellen Bereichen. Es bedeutet…" Sein Vater hielt einen Moment inne und biss die Zähne zusammen. „Es bedeutet, dass du alle wichtigen Entscheidungen in dieser Familie treffen würdest. Alle anderen Mitglieder dieser Familie, ich eingeschlossen, wären dir untergeordnet."
„Du würdest dich mir unterordnen wegen einem alten Ritual?", fragte Tigris ungläubig, und ein wenig spöttisch.
„Ja.", zischte sein Vater, Tigris' Blick ausweichend. „Es ist nicht nur Tradition, die Magie wird mich auch dem… geneigter… machen. Mehr noch als euch, da ich im direkten Wettstreit unterlegen bin."
Tigris schwieg einen Moment erstaunt. Hatte die Magie ihn geneigter gemacht, sich seinem Vater unterzuordnen? Er erinnerte sich an das Gefühl der Geborgenheit, das er zu Yule empfunden hatte. Vielleicht hatte sie das.
„Ich nehme an, du willst mich herausfordern, nun, da du die Wahrheit weißt.", sagte sein Vater tonlos.
„Was? Natürlich nicht!"
Sein Vater wirkte sichtlich verblüfft und einen Augenblick sahen sie sich nur an.
„Ich meine, ich bin nicht einmal verheiratet.", stammelte Tigris dann, in einem Versuch seinen Ausbruch zu erklären. Es war nur logisch, dass sein Vater dachte, er würde das tun. Aber Tigris wollte es nicht. „Ich mag Blaise, aber so weit sind wir noch lange nicht. Außerdem will ich diese Verantwortung nicht… Ich weiß doch noch nicht einmal, welche Pflichten ich als dein Erbe zu erfüllen hätte, geschweige denn als Oberhaupt der Familie. Ich habe noch nicht einmal die Schule beendet…"
Sein Vater zog eine Braue hoch. „Du könntest delegieren. Willst du behaupten, der Gedanke verlockt dich nicht, dass du mir Befehle erteilen könntest? Unser gesamter Besitz läge in deinen Händen."
Tigris leckte sich nervös über die Lippen. „Schon, aber… Ich wüsste doch gar nicht, was ich damit tun sollte." Sein Vater verbrachte den größten Teil seiner Zeit in seinem Studierzimmer und arbeitete an obskuren Dokumenten, deren Zweck Tigris nicht einmal kannte. Merlin, er wusste nicht einmal, wo das Geld ihrer Familie überall investiert war. Wie sollte er in der Lage sein, es zu kontrollieren? „Ich will mir erst einmal mein eigenes Leben aufbauen und Erfahrungen sammeln, bevor ich eine Familie leite. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass ich alle Pflichten einfach anderen überlassen könnte, um nur meine Rechte zu genießen."
„Eine verblüffend… reife Ansicht.", sagte sein Vater. Er lächelte plötzlich. „Heißt das, du ordnest dich mir freiwillig unter?"
Tigris blinzelte. Er hatte es nicht auf diese Weise gesehen. „Ja.", sagte er schließlich.
„Ich bin nicht sicher, dass das Haus das akzeptiert.", meinte sein Vater nachdenklich.
„Gibt es eine Möglichkeit, es dazu zu bringen?", fragte Tigris besorgt. Er wollte nie wieder in eine Situation wie zu Litha geraten.
Sein Vater runzelte flüchtig die Stirn. „Möglicherweise, aber das müssen wir nicht heute besprechen. Hat einer von euch noch Fragen zu all dem?"
Tigris schüttelte den Kopf. Er hatte eine Menge Fragen, aber keine, die er jetzt äußern wollte. Er würde darüber nachlesen müssen.
„Was ist mit mir?", fragte Draco, ein wenig ungehalten. „Hat es überhaupt einen Sinn, dass ich noch die Rolle als dein Erbe spiele, wenn das Haus sowieso ihn will?"
Tigris zuckte unwillkürlich zusammen. Draco klang fast so gehässig, wie in ihren alten Schulzeiten.
„Natürlich.", antwortete ihr Vater ein wenig schockiert. „Selbst wenn er Oberhaupt würde, macht es dich zum Nächsten in der Nachfolge, nicht seine etwaigen Kinder. Das Haus entscheidet nicht immer über die Erbfolge. Die meisten Zauberer sind dazu zu ähnlich in ihrem magischen Potential." Es fiel Lucius sichtlich schwer, das zuzugeben.
„Das heißt, ich bin so bedeutend stärker als du?" Tigris konnte der Versuchung nicht widerstehen, Salz in die Wunde zu reiben.
„Anscheinend.", gab sein Vater widerwillig zu. „Lass es dir nicht zu Kopf steigen. Potential und Fähigkeiten sind zwei verschiedene Dinge. Ich zweifle nicht daran, dass ich dich in einem Duell besiegen kann."
Tigris entgegnete nichts darauf, da er nicht sicher war, ob er daran zweifelte. Sein Vater HATTE sehr viel mehr Erfahrung als er. In ein paar Jahren mochte das anders sein, aber noch würde sein Vater ihn wahrscheinlich schlagen. Es sei denn, Tigris verwandelte sich in einen Basilisk und biss ihn. Tigris unterdrückte ein Grinsen.
„Das heißt außerdem nicht, dass dein Potential sehr viel geringer ist, als unseres.", fügte sein Vater ernst an Draco gewandt hinzu. „Das Haus fokussiert besonders auf aggressive Magie, da es sein Ziel ist, die Familie bestmöglich zu beschützen. Es ignoriert das Potential für die sanfteren Magieformen, wie Heilmagie. Würde es darauf achten, hätte ich wahrscheinlich schon vor Jahren Schwierigkeiten bekommen." Lucius grinste. „Ich war immer erbärmlich in Heilmagie. Zu meinem Glück habe ich eine passable Medohexe und einen Tränkemeister in der Familie."
„Und einen Heiler.", ergänzte Draco.
Ihr Vater wurde ernst. „Ja. Und das."
Einen Augenblick lang herrschte angespannte Stille.
„Wenn das alles ist, würde ich gerne gehen, wenn du erlaubst, Vater.", sagte Draco dann kühl.
„Ja, das ist alles.", antwortete ihr Vater.
Draco stand sofort auf und ging.
Sein Vater schloss für einen Moment müde die Augen. „Willst du nicht auch gehen?", fragte er dann.
„Ich weiß nicht... Gibt es etwas, was ich für dich tun kann?" Tigris wusste nicht, woher das Schuldgefühl plötzlich kam, er hatte sich sicher zuvor nicht schuldig gefühlt. Vielleicht, weil der Bruch in ihrer Familie plötzlich so offensichtlich war. Es hatte sich schon längere Zeit abgezeichnet, das wurde ihm nun bewusst. Dennoch, Tigris hatte das Gefühl er hätte es auf irgendeine Weise beschleunigt.
Sein Vater wandte den Kopf ab, dann holte er gepresst Luft. „Tatsächlich gibt es etwas, was du für mich tun kannst."
„Ja?"
„Kannst du mir bitte zu meinem Zimmer zurück helfen?" Es fiel Lucius sichtlich schwer, darum zu bitten.
„Natürlich." Tigris stand sofort auf. „Was soll ich tun?"
Sein Vater schloss die Augen. „Ich kann nicht laufen.", sagte er dann mit zusammengebissenen Zähnen. „Du wirst einen Mobilicorpus auf mich sprechen müssen."
Tigris empfand eine seltsame Mischung aus Mitgefühl und Genugtuung. „Warum bist du dann überhaupt hier unten?", fragte er. „Du solltest im Bett sein. Mutter ist sicher nicht einverstanden."
„Ich habe sie nicht um ihre Meinung gebeten.", schnappte sein Vater. „Ich werde mich von meiner Schwäche nicht mehr als notwendig beeinträchtigen lassen."
„Und du wolltest nicht, dass wir sie sehen.", stellte Tigris gefühllos fest.
„Vielleicht, aber das ist irrelevant, oder? Ich will deine Mutter nicht nochmals um ihre Hilfe bitten müssen. Also?"
Tigris sprach einen Zauber, um seinen Vater leichter zu machen. Anschließend hob er ihn hoch. Er hätte auch einen Mobilicorpus sprechen können, aber diese Alternative hatte ihre Vorzüge. Sein Vater protestierte nicht, auch wenn er ihm einen zornigen Blick zuwarf.
„Du hättest es mir einfach befehlen können.", sagte Tigris sanft.
Sein Vater schlang einen Arm um Tigris, um sich festzuhalten. „Bring mich einfach nach oben, Junge."
Tigris grinste flüchtig, aber tat was Lucius verlangte.
o
Nachdem Tigris seinen Vater verlassen hatte, beschloss er, mit Draco zu reden. Sie hatten sich zuvor gestritten, aber diesmal hatte sein Bruder einen guten Grund wütend auf ihn zu sein. Tigris wollte nicht, dass es einen Keil zwischen sie trieb. Er bereute nicht, was er getan hatte. Er war noch immer der Meinung, dass es gerechtfertigt gewesen war. Aber er würde sich entschuldigen, wenn es notwendig war.
Tigris fand Draco im Trainingsraum. Sein Bruder übte Schwertkampf gegen einen magisch erzeugten Gegner.
Tigris zog sich um, während sich Draco noch im Kampf befand. Anschließend griff er sich ein Schwert und betrat die Matte.
Sein Bruder unterbrach seinen Kampf, worauf die magische Figur verschwand. „Was willst du?"
„Ich dachte, du willst dich vielleicht an einem richtigen Gegner versuchen.", antwortete Tigris.
Draco verzog verächtlich das Gesicht. „Nein danke. Ich will gegen jemanden kämpfen, der meine Fähigkeiten ein wenig beansprucht."
Tigris zuckte unwillkürlich zusammen. Er wusste, dass er erbärmlich im magielosen Kampf war, aber normalerweise sagte sein Bruder das nicht so deutlich. „Dann such eine Waffe aus, die dich mehr herausfordert."
Draco musterte ihn abschätzig. „Also gut.", sagte er schließlich. „Kampfstäbe."
Tigris zuckte erneut zusammen, diesmal aus einem anderen Grund. Er griff den Holzstab, in den sich sein Schwert auf Dracos Aussage hin verwandelt hatte unsicher. Tigris konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Draco diese Waffe gewählt hatte, weil sie weniger ernsthafte Verletzungen hervorrief. Er fragte sich, wie wütend sein Bruder wirklich war. Tigris hatte kaum Gelegenheit, diesen Gedanken zu Ende zu denken, bevor Draco ihn angriff.
Tigris verteidigte sich so gut er konnte. Er hatte nicht wirklich die Chance, etwas anderes zu tun, außer sich zu verteidigen. Als Draco ihm seinen Stab aus der Hand riss, ging Tigris auf, dass etwas entschieden nicht nach Plan verlief. Eine Sekunde lang gab er sich der Illusion hin, dass Draco ihn nicht schlagen würde, solange er unbewaffnet war, dann traf ihn ein heftiger Hieb in den Magen. Tigris krümmte sich und fiel auf die Knie. Ein weiterer Schlag traf ihn, diesmal in die Seite. Er sagte nichts. Er schützte nur seinen Kopf mit den Armen und ließ es geschehen. Es brauchte ein paar weitere Schläge, bis Draco sich abreagiert hatte.
Schließlich ließ Tigris die Arme sinken und sah auf.
Draco hatte seinen Stab fallen lassen und war vor ihm in die Knie gebrochen. „Warum?", fragte er mit gebrochener Stimme. „Warum hast du das getan?"
„Ich war wütend.", antwortete Tigris. „Ich wollte, dass er bezahlt."
„Bedeuten Mutter und ich dir so wenig?", fragte sein Bruder bitter. „Du warst bereit unser Leben einfach so wegzuwerfen, und du bereust es nicht einmal."
„Er hätte es eines Tages ohnehin herausgefunden.", sagte Tigris langsam. „Es ist kein Geheimnis, das man für immer bewahren kann, nicht so wie… das andere. Auf diese Weise hatten wir zumindest eine Chance… und meine Einschätzung war richtig, wir sind alle noch am Leben. Ich weiß, ich bin ein Risiko eingegangen. Wenn ich überhaupt etwas bedaure, dann ist es das. Aber ich kann nicht bedauern, was ich erreicht habe. Ich kann es nicht. Außerdem", fügte er etwas trotzig hinzu, „würde er euch niemals einfach so töten. Er braucht euch. Er braucht alle, die loyal zu ihm sind."
„Ich hätte nie gedacht, dass du dich ihm anschließen würdest.", sagte Draco leise. „Ich weiß, du hast dich verändert, aber… Warum?"
Tigris biss sich auf die Lippen. „Er ist der mächtigste Zauberer, der existiert."
„Das ist alles? Nur seine Macht? Was ist mit all dem, was du mir erzählt hast? Du warst es, der mir gesagt hat, dass er ein Halbblut ist."
„Das spielt keine Rolle." Tigris sah zu Boden. „Ich stimme nicht mit der Sicht unseres Lords bezogen auf Muggelgeborene und Halblütler überein. Aber das spielt keine Rolle. Alles in allem stimme ich mehr mit ihm überein, als mit der anderen Seite, und ich wollte nicht neutral bleiben. Diejenigen, die im Krieg keine Seiten beziehen, werden niemals etwas beeinflussen."
„Das kleinere Übel? Ist es das, was du sagst?"
Tigris hob den Kopf und sah Draco an. „Nein. Wir werden die Welt zu etwas Besserem verändern. Wir haben die Macht dazu, den Einfluss. Früher habe ich mich an den Details gestört, aber das ist nicht länger so. Um wirkliche Veränderungen zu erreichen müssen manchmal Opfer gebracht werden, das war schon immer so. Ich bin nicht mehr so naiv und zimperlich, wie ich einmal war."
„Nein, das bist du sicher nicht.", murmelte Draco. Er sah Tigris forschend an. „Was soll ich deiner Meinung nach tun? Es einfach akzeptieren und weiter machen? Du bist mir wieder einmal zuvor gekommen. Es war mein Schicksal, aber während alles was du gesagt hast mich zum Zweifeln gebracht hat, gehst du und tust es einfach. Kannst du nicht verstehen, dass ich mich davon verraten fühle?"
„Es tut mir leid.", sagte Tigris ehrlich. „Darüber habe ich niemals nachgedacht."
Draco lachte zynisch. „Natürlich nicht. Also sag mir, was soll ich tun?"
Tigris atmete tief durch. „Ich gebe dir mein Wort, ich werde dich unterstützen, was immer du auch tust. Versprich mir nur, dass du dich für das entscheidest, was du wirklich willst. Was immer es ist, ich werde dir helfen, so gut ich kann. Ich kann dir nur nicht versprechen, dass ich dir helfen kann, wenn du deine Entscheidung bereust. Bitte, versprich mir, dass du gründlich nachdenkst, und nur das tust, womit du wirklich leben kannst."
Draco betrachtete ihn nachdenklich. „Ich verspreche es.", sagte er schließlich.
o
Drei Tage später wachte Tigris von einem brennenden Schmerz auf. Einige Augenblicke lang war er desorientiert, dann wurde er in eine Vision gezogen.
Er lag auf dem Boden. Gestalten in Todesserroben umgaben ihn. Als er aufsah, blickte er in die roten Augen des Dunklen Lords.
„Willst du dich mir noch immer anschließen?", fragte der dunkle Magier amüsiert.
„Ja, mein Lord.", krächzte eine Stimme, die nicht seine eigene war. Tigris erkannte mit einem Gefühl der Übelkeit, dass er im Geist seines Bruders war.
„Dann wage es nicht, mich erneut auszuschließen.", zischte der Dunkle Lord ärgerlich.
„Es tut mir Leid, mein Lord, es war nicht meine Absicht.", erwiderte Draco stockend. „Es ist ein Reflex."
„Ich habe dich nicht um eine Erklärung gebeten! Crucio."
Tigris fühlte den Schmerz, der durch den Körper seines Bruders kurvte, beinahe als wäre er selbst verflucht worden. Ihm wurde mit einer gewissen Panik klar, dass Draco lange nicht gut genug in Okklumentik war, um das Verlangen ihres Lords zu erfüllen. Tigris hatte Draco beigebracht, bestimmte Bereiche seiner Gedanken ganz automatisch gegen Legilimentik zu schützen. Es war kein bewusster Ablauf, wie bei ihm selbst. Ganz wie Draco gesagt hatte, es war ein Reflex. Ein Reflex, den Tigris erzeugt hatte. Aber den Dunklen Lord würde diese Erklärung niemals zufrieden stellen. Er würde niemanden in seinen Reihen akzeptieren, dessen Geist ihm nicht vollkommen offen lag. Was hieß, dass er Draco foltern würde, bis seine geistigen Barrieren zusammenbrachen. Das, oder er würde ihn töten.
Es gab nur eine Möglichkeit, das zu vermeiden: Tigris musste Dracos Schilde selbst erneuern. Er hatte keine Ahnung, ob das überhaupt möglich war, aber er betete zu allen bekannten und unbekannten Göttern, dass ihre Verbindung dazu ausreichte.
Schließlich erlosch der Schmerz und Tigris starrte in die roten Augen seines Lords. Ein Schwall von Erleichterung durchfloss ihn, als der Magier zufrieden lächelte.
„So ist es besser. Das war doch nicht so schwer, oder?" Der Dunkle Lord runzelte leicht die Stirn. „Erstaunlich, wie ähnlich du und dein Bruder euch anfühlt. Aber wahrscheinlich ist das bei Zwillingen zu erwarten." Er winkte mit der Hand. „Hoch mit dir. Du hast die Ehre, in meine Reihen aufgenommen zu werden."
„Danke, mein Lord.", brachte Tigris mühsam hervor, und kam auf die Knie.
Die Zeremonie, die Tigris schon einmal erlebt hatte, wiederholte sich. Er fühlte sich erschöpft. Er sandte Draco soviel seiner Kraft, wie er konnte, dann ließ er sich in seinen eigenen Körper zurückfallen. Als er die Augen aufschlug, schmerzte jede Faser seines Körpers.
„Tigris?", fragte eine heisere Stimme.
Tigris rollte sich zur Seite und sah zu seinem Erstaunen seinen Vater in der Tür stehen. Lucius stützte sich mit einer Hand am Rahmen ab, er konnte noch immer nicht gut laufen. „Alles in Ordnung? Du hast geschrieen."
„Ja.", antwortete Tigris, sich mühsam hochstemmend. „Es war Draco, der Dunkle Lord hat ihn mit dem Cruciatus belegt." Der Schock in den Augen seines Vaters überraschte ihn. „Er ist heute beigetreten. Du hast es nicht gewusst?"
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht länger ein Mitglied des Inneren Kreises bin. Er muss sich an jemand anderen gewandt haben." Lucius senkte den Kopf. „Ich habe es nicht einmal gefühlt. Ich hasse es, so schwach zu sein!" Er warf in einer zornigen Bewegung seinen Stock durch den Raum. Er traf den Kleiderschrank und fiel klappernd zu Boden.
„Was meinst du damit?", fragte Tigris verwirrt.
Sein Vater lachte heiser. „Mein Privileg als Familienoberhaupt, Sohn. Ich kann fühlen, wo sich die Mitglieder der Familie befinden, in einem bestimmten Umkreis zumindest. Aber im Moment bringe ich noch nicht einmal einen einfachen Accio zustande, geschweige denn derart hochgradige Magie." Er atmete tief durch. „Wie es scheint hast du deine eigene Verbindung mit deinem Bruder?"
„Ja. Ich denke, es kommt daher, dass wir Zwillinge sind." Tigris kletterte mühsam aus dem Bett und hob den Stock seines Vaters auf, um ihn ihm zurückzugeben.
Sein Vater nahm ihn mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck. „Geh zurück ins Bett, du zitterst."
„Es ist kalt.", entgegnete Tigris, die Arme um sich schlingend.
„Nein, es ist nicht kalt.", widersprach sein Vater ruhig. „Geh zurück ins Bett, ich sage deiner Mutter, dass sie dir einen Trank bringen soll."
Tigris zog die Decke über sich und rollte sich zusammen. „Nein, es ist in Ordnung. Es wird schon besser." Das war eine Lüge, aber er wollte nicht, dass seine Mutter kommen musste.
Sein Vater musterte ihn einen Moment lang, dann nickte er. „Wie du willst. Schlaf, ich warte auf deinen Bruder, wenn er zurückkommt."
„Ja, Vater.", murmelte Tigris. Er zitterte noch immer, und er hatte trotz seiner Decke das Gefühl, es sei eisig. Er hörte nur am Rande, wie sich die Tür schloss.
Später in der Nacht wachte Tigris erneut auf und wusste, dass Draco zurück war. Er zog sich eine Robe über und ging zum Zimmer seines Bruders hinüber, von wo er gedämpfte Stimmen hörte.
Bevor er das Zimmer betreten konnte, kam sein Vater heraus und schloss die Tür hinter sich.
„Stör ihn jetzt nicht.", sagte er, als er Tigris bemerkte. „Ich habe ihm einen Schlaftrank gegeben, es geht ihm im Moment nicht sehr gut."
„Was ist mit ihm?", fragte Tigris alarmiert. „Ich habe nichts gefühlt…"
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Er wurde nicht weiter gefoltert. Seine Heilerinstinkte sind in Aufruhr. Bellatrix hat ihn ein paar Muggel töten lassen."
„Was?", fragte Tigris. „Warum?"
Sein Vater warf ihm einen ungehaltenen Blick zu. „Es war ein Test. Jeder, der neu beigetreten ist muss ihn ablegen."
Tigris wollte protestieren, aber sein Vater unterbrach ihn mit einer Handbewegung. „Du nicht, das ist mir bewusst. Ich nehme an, unser Lord war der Meinung, dass du deinen Wert genug bewiesen hast."
Tigris zuckte unwillentlich zusammen.
„Geh zu Bett.", sagte sein Vater ärgerlich. „Es gibt nichts, was du im Moment tun kannst."
„Ja, Vater.", sagte Tigris tonlos, und ging.
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Am nächsten Tag schien es Draco wieder besser zu gehen. Als Tigris sich später mit ihm unterhielt, wurde ihm klar, dass sein Vater nicht ganz recht gehabt hatte. Es mochte etwas mit Dracos Heilerinstinkten zu tun haben, aber in erster Linie hatte Tigris das Gefühl, dass Draco nicht mit dem was er getan hatte umgehen konnte. Tigris erinnerte sich vage daran, dass er Folter auch einmal verabscheut hatte, aber damals war er noch kindisch und sentimental gewesen.
Es beunruhigte Tigris ein wenig, dass Draco so angewidert von seinem Handeln war. Das würde dem Dunklen Lord nicht gefallen. Draco bestand allerdings darauf, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Draco hatte Tigris versprochen, gründlich nachzudenken, also musste Tigris davon ausgehen, dass Draco wirklich überzeugt davon war. Es schien ein Widerspruch, aber vielleicht machte Tigris sich einfach zu viele Gedanken. Schließlich war man als Todesser nicht unbedingt verpflichtet zu foltern. Es stimmte zwar, dass die meisten Todesser es taten, aber das lag daran, dass es ihnen gefiel. Wenn Draco eine intensive Abneigung dagegen hatte, würde ihn das nicht angesehen machen, aber es gab andere Wege, der Sache des Dunklen Lords zu dienen.
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Ein paar Tage später lag Tigris nachts wach und dachte darüber nach, wie schnell sich sein Leben in den letzten Wochen verändert hatte. Das siebte Schuljahr begann bald und er freute sich darauf, seine Freundin wieder zu sehen. Blaise hatte in den letzten Tagen keine Zeit gehabt, Tigris im Malfoy Herrenhaus zu besuchen oder sich anderweitig mit ihm zu treffen.
Seinem Vater ging es langsam wieder besser. Er war noch immer nicht vollkommen genesen, aber man merkte ihm die Geschehnisse nicht mehr auf den ersten Blick an. Mit der Zeit würde er wieder vollkommen gesunden. Es erstaunte Tigris noch immer, wie ihr Verhältnis sich verändert hatte. Tigris hatte erwartet, dass sein Vater wütend auf ihn sein würde, aber das war er nicht. Im Gegenteil, zum ersten Mal seit Tigris ihn kannte verhielt er sich annehmbar Draco und ihm gegenüber. Lucius hatte ihr Training wieder aufgenommen, sobald es ihm gut genug ging, aber er ließ sie sich aussuchen, was sie lernen wollten. Draco zuliebe waren das überwiegend nicht dunkelmagische Zauber. Tigris ertappte sich selbst dabei, dass er die Gesellschaft seines Vaters zu mögen begann.
Seine Mutter hatte ihm schließlich verziehen. Im Stillen war Tigris der Meinung, dass ihr Ärger reichlich kleinkariert gewesen war, nach allem, was sie mit dem Libera-Trank angerichtet hatte, aber er sagte es nicht laut. Er war froh, dass sie wieder mit ihm redete.
Madame Ringwood hatte Tigris geschrieben, und er blieb in Briefkontakt mit ihr. Die Weasley-Zwillinge hatten ihm ebenfalls geschrieben, was Tigris überraschte, aber er schrieb zurück. Sie wollten wissen, wann sein Geburtstag war. Der Zauber, mit dem Tigris sie belegt hatte, verhinderte, dass sie ihm zu seinem richtigen Geburtstag gratulierten. Es amüsierte ihn, dass sie ihn auf diese Weise umgangen hatten.
Der Dunkle Lord hatte Tigris nur einmal gerufen. Er wollte, dass Tigris ihn mit Hilfe seines Vaters über die Geschehnisse in Hogwarts auf dem Laufenden hielt. Außerdem sollte er herausfinden, wer von den Siebtklässlern eventuell bereit war, sich nach dem Abschluss den Todessern anzuschließen. Das war nichts anderes, als was Draco schon immer getan hatte, eine fast enttäuschende Aufgabe.
Insgesamt war Tigris sehr zufrieden mit allem was er erreicht hatte. Alles bewegte sich in ruhigen Bahnen zum Besseren hin. Er hatte daran gearbeitet, dass er sich im Grunde nur noch zurücklehnen musste, um zuzusehen, wie sich die Dinge entwickelten. Sein letztes Schuljahr lag vor ihm… Wie es aussah war das Aufregendste, was ihn in diesem Jahr erwartete die NEWTs. Es war ein angenehmer Gedanke.
Vielen Dank für eure Reviews an: LaraAnime, hbt3, AvallynBlack, katzura, Lobarie, Chrissi88, eiskugel, Lyonessheart, milva, vege, Die Happy
AvallynBlack: Dark Harry in der Summary? Das hätte im Vornhinein etwas viel verraten, denkst du nicht? Der Schwur hat eine magische Komponente, aber... das verrate ich noch nicht.
Lobarie: Er hat seine Meinung geändert?
Lyonessheart: Vergiss nicht, dass das meiste in dieser Geschichte aus Tigris Sicht geschrieben ist. Seine Sicht der Personen muss nicht unbedingt zeigen, wie sie wirklich sind. Narcissa... sie kann nicht ändern was sie ist.
A/N:
Es wird düsterer...
Wird Tigris Recht behalten, was das siebte Schuljahr betrifft?
Hat Lucius sich wirklich geändert?
Was sind Voldemorts Pläne?
Wird die Prophezeiung sich erfüllen?
Ihr werdet es herausfinden...
Im zweiten Teil.
Mitte August.
Ich wünsche euch allen (sofern ihr Englisch lest) dieses Wochenende soviel Spaß, wie ich sicherlich haben werde!
Nur noch fünf Tage!
