50. ZAGs

Die Prüfungen rückten tatsächlich näher, während der Mai dahinglitt. Im Juni würden sie stattfinden, und die Anspannung bei den Fünft- und Siebtklässlern wuchs. Stefanie verbrachte jede freie Minute über ihren Büchern, obwohl sie es vermutlich am aller wenigsten nötig gehabt hätte.

Kyra und Patricia hatten offenbar beschlossen, dass Nutzen manchmal über Sympathie gestellt werden musste, und fragten Stefanie ab und zu nach Notizen oder Mitschriften. Patricia wirkte ganz besonders nervös. Anscheinend setzten ihre Eltern hohe Erwartungen in sie und das Gewicht, das auf ihren Schultern lag, schien wirklich schwer zu sein.

Manchmal, wenn sie am Abend im Schlafsaal lagen, konnte Stefanie sie leise weinen hören und während des Unterrichts, wenn die Lehrer irgendeinen Stoff wiederholten, den sie bisher nicht bedacht hatte, schien sie der Ohnmacht nahe zu sein.

Fred und George machten sich darüber lustig, vor allem, als sie in Zauberkunst in Ohnmacht fiel, als Flitwick den Aufmunterungszauber erwähnte, aber Stefanie hatte fast ein wenig Mitleid mit ihr.

Etwa zwei Wochen vor den Prüfungen begannen auch Fred und George ernsthafter in ihre Bücher zu blicken und nicht nur einmal in der Woche. Die beiden liehen sich Stefanies Notizen aus den verschiedenen Jahren und das sogar für Fächer, in denen sie gar keinen ZAG schaffen wollten.

Stefanie testete ihren Anti-Nervositätszauber an sich selbst und entweder funktionierte er, oder sie war einfach nicht nervös.

Vielleicht eine Woche vor den Prüfungen saß Stefanie gerade zusammen mit den Zwillingen beim Frühstück und las in ihrem Verwandlungsbuch aus der ersten Klasse, als Kenneth Towler, der Vertrauensschüler aus Gryffindor aus ihrem Jahrgang, hereinkam. Er sah elend aus, überall hatte er rote Furunkeln und bei jeder Bewegung verzog er schmerzhaft das Gesicht.

Als er sich ihnen gegenüber setzte, sah Stefanie, dass die Zwillinge ein wenig grinsten.

„Alles okay, Kenneth?", fragte George und klang besorgt.

Kenneth schüttelte den Kopf. „Nein. Das muss von der Aufregung kommen, es ist furchtbar…" Er verzog seinen Mund zu einer schmerzerfüllten Grimasse und stöhnte leise.

„Besser du gehst in den Krankenflügel", riet Stefanie ihm und er nickte. Kurz schien er zu überlegen, dann stand er auf und hastete hinaus. Als er verschwunden war, warf Stefanie den beiden einen fragenden Blick zu.

„Was gabs denn da bitte zu grinsen? Der Arme, wie nervös kann man sein…"

„Naja, mit Nervosität hatte das wenig zu tun", gab George nach kurzem Überlegen zu, obwohl Fred ihn mit seinem Ellbogen ein wenig anrempelte. „Fred hat ihm Pustelpulver in den Pyjama gestreut."

„Fred!", rief Stefanie entsetzt und sah ihn ungläubig an. „Wie gemein! Als ob er mit den ZAGs nicht schon genug um die Ohren hätte! Und er ist Vertrauensschüler!"

Fred wirkte kein bisschen schuldbewusst. „Wir ja auch, deswegen brauchten wir ein bisschen Spaß."

„Spaß auf Kosten anderer… sehr witzig, wirklich…"

Unterdessen war ein blühender Handel an konzentrationsfördernden Mitteln aufgetaucht, der hauptsächlich unter dem Tisch erfolgte. Die Fünftklässler ließen sich von Sechstklässlern einrede, dass eine Flasche Baruffios Gehirnelexier wahre Wunder wirken würde, oder gefälschtes Drachenklauenpulver, denn an echtes kam niemand heran, was auch gut so war, denn echtes hätte gewirkt.

Die Zwillinge verzichteten darauf, sich etwas zu kaufen, das sowieso nicht wirkte, weil sie sparen mussten, und Stefanie, weil sie glaubte, es nicht nötig zu haben. Außerdem zweifelte sie daran, dass irgendeines dieser Grips-schärfenden Amulette wirken würde.

Die Lehrer hörten auf, ihnen Hausaufgaben zu geben und gingen nur noch alten Stoff durch, der mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Prüfungen gefragt werden konnte.

In einer Verwandlungsstunde dann gab Professor McGonagall ihnen nähere Informationen zu den Prüfungen: „Wie Sie sehen können", sagte sie, während sie die Tage und Uhrzeiten ihrer Prüfungen von der Tafel abschrieben, „verteilen sich Ihre ZAGs über zwei Wochen in Folge. Sie werden die theoretischen Arbeiten jeweils morgens absolvieren und die praktischen Prüfungen an den Nachmittagen, wobei Ihre Prüfung in Astronomie, zumindest die praktische, natürlich nachts stattfinden wird. Im Übrigen wäre hinzuzufügen, dass jede Art von Schummeln aufs strengste bestraft wird. Ihre Prüfungsunterlagen sind mit den striktesten Anti-Schummel-Zaubern belegt, Selbstantwortende Federn sind verboten, genauso wie Erinnermichs, abnehmbare Spickmanschetten und selbstkorrigierende Tinte. Es wäre nichts ungewöhnliches, wenn irgendein Schüler sich einbilden würde, er könnte uns austricksen, ich hoffe nur, dass es kein Gryffindor sein wird. Ihre Ergebnisse erfahren Sie im Juli, wir werden Ihnen eine Eule zukommen lassen."

„Wehe du bist nicht schon bei uns, wenn wir die bekommen", murmelte Fred halblaut in Stefanies Ohr. „Denn dann hat Mum zumindest irgendjemanden, auf den sie stolz sein kann."

„Meinst du nicht, dass das eher schlecht für euch ist?"

Aber er schüttelte seinen Kopf. „Sie ist so vernarrt in dich, am liebsten würde sie dich vom Fleck weg adoptieren."

„Oder dich als Schwiegertochter willkommenheißen", kam es von George, der das nicht sagen konnte, ohne zu grinsen. Stefanie lachte leise, wurde aber sofort still, als sie McGonagalls Blick auffing und tat, als hätte sie gehustet.

Ihre erste Prüfung würde in Zauberkunst abgenommen werden und die Zwillinge strahlten Nervosität aus. Dies war eines der Fächer, in denen sie unbedingt ein ZAG schaffen wollten und so verbrachte Stefanie den Sonntagnachmittag damit, die beiden abwechselnd zu prüfen, Zauber mit ihnen durchzugehen und zwischendurch immer wieder schnell etwas nachzulesen, bei dem sie sich nicht mehr komplett sicher war.

Als sie beim Abendessen saßen, schwang das Portal auf und die Prüfer kamen herein. Es war eine kleine Gruppe älterer Hexen und Zauberer, die alle sehr respekteinflößend wirkten. Die Nervosität der Fünft- und Siebtklässler stieg.

Nach dem Essen zog Stefanie sich in den Schlafsaal zurück, aber nur um ungestört noch einmal durch sämtliche Bücher zu blättern, die sie je in Zauberkunst gelesen hatte.

Als sie später in ihrem Bett lag und versuchte, einzuschlafen, ging ihr durch den Kopf, dass sie mindestens ein ‚Erwartungen übertroffen' brauchte, um Heilerin zu werden, McGonagall vor Jahren aber ein ‚Ohnegleichen' versprochen hatte.

Hätte ihr Zauber nicht so gut gewirkt, dann wäre sie nervös geworden.

Am nächsten Morgen stand sie früh auf und versuchte noch einige Notizen durchzulesen, ehe sie zum Frühstück ging, bei dem es sehr schweigsam zuging, zumindest in ihrem Jahrgang.

Fred und George aßen, ohne zu sprechen, Angelina murmelte halblaut Beschwörungen, Alicia übte Handbewegungen, und Stefanie schlug die ganze Zeit Sachverhalte nach, die sie noch einmal lesen wollte.

Nach dem Essen warteten die Fünft- und Siebtklässler vor der Großen Halle darauf, aufgerufen zu werden. Da die Zwillinge ihre Nervosität irgendwie bezwingen mussten, begannen sie mit Stefanie herumzualbern, die durchaus offen dafür war, weil sie selbst keine Aufregung verspürte und alles getan hatte, um sich vorzubereiten. Zwar warfen ihre Mitschüler ihnen genervte Blicke zu, aber niemand sagte etwas, da sie es auch ohne sie nicht mehr geschafft hätten, sich noch irgendetwas anzusehen und es auch zu behalten.

Dann wurden sie klassenweise aufgerufen und in die Halle gebeten, die sich verändert hatte. Die vier Haustische waren verschwunden, stattdessen waren einzelne Tische aufgestellt worden, ausgerichtet auf das Ende der Halle, wo Professor McGonagall stand.

Die Schüler verteilten sich auf die Tische und wenn Stefanie wollte, konnte sie auf Georges Hinterkopf schauen. Sie verzichtete aber darauf, denn schon kippte McGonagall das Stundenglas vor ihr um und die Zeit begann, ihnen davonzurennen.

Stefanie drehte ihren Fragebogen um und ihr Herz schlug einen Purzelbaum vor Erleichterung, als sie sah, dass die Fragen nicht schwer waren, sogar richtig einfach.

1a) Nennen Sie die Beschwörungsformel und b) die Zauberstabbewegung, die erforderlich ist, um Gegenstände zu färben oder 13) Wie ist es möglich, Gegenstände fliegen zu lassen?

Stefanie schrieb und schrieb und ihre Feder flog über das Pergament, wie ein Quidditchspieler über das Feld.

„Ich glaube, ich habs geschafft", verkündete George, als sie einige Zeit später die Halle verließen und hinaus ins Freie traten, um sich die Zeit bis zum Mittagessen zu vertreiben.

„Ich auch", stimmte Fred ihm zu und Stefanie nickte, während er weitersagte: „Nur bei einem war ich mir nicht sicher… aber egal, ich wills nicht wissen."

Zum Mittagessen waren die Tische wieder so wie immer und sie aßen zusammen mit den anderen. Danach gingen sie in eine kleine Kammer neben der Großen Halle und warteten darauf, in kleinen Gruppen aufgerufen zu werden. Stefanie gehörte zur zweiten Gruppe, die aus ihr, David Huffy, Bradley Jones, Elisabeth Ingwer und Angelina bestand. Die beiden Mädchen lächelten sich zu und gingen gemeinsam in die Große Halle, wo Professor Flitwick sie am Eingang den Prüfern zuwies.

„Professor Marchbanks ist frei, Miss Galen… und Miss Johnson zu Professor Tofty."

Professor Marchbanks war eine uralte Hexe, sie hatte offenbar Probleme mit ihrem Kreuz und außerdem war sie auch halb taub. Ihr Gesicht war so eingefallen, dass sie eigentlich mindestens 100 Jahre alt sein musste.

Dennoch lächelte sie Stefanie freundlich zu und sah schnell in ihren Unterlagen nach, wie sie hieß.

„Miss Galen also?"

Stefanie nickte. „Sie erinnern mich an jemanden, den ich vor Jahren geprüft habe… aber das Mädchen hieß anders… ich weiß ihren Namen nicht mehr…"

Ein wenig zerstreut legte sie ihre Unterlagen beiseite und wies dann mit einer ausladenden Geste auf einen Eierbecher, der auf dem Tisch stand.

„Wenn ich Sie bitten dürfte, diesen Eierbecher ein paar Purzelbäume schlagen zu lassen…"

Das war kein Problem für Stefanie, genauso wenig wie der Schwebezauber, den sie an einem zerbrechlichen Weinglas demonstrieren sollten. Sie schaffte es auch, das Glas sanft abzustellen, ohne, dass es Schaden nahm. Sie konnte die Ratte, die sie ihr gab, orange färben, ohne, dass etwas schief ging und auch alles andere ging gut.

Gerade als Stefanie fertig war, kamen Fred und George herein und sie zwinkerte ihnen aufmunternd zu. Draußen wartete sie auf Angelina, die ihr dann leidvoll berichtete, wie sie ihr Weinglas versehentlich in einen Stein verwandelt hatte, der aussah wie ein Trinkpokal.

Auch Fred und George wussten einiges zu berichten, als sie fertig waren. Fred hatte es geschafft, seiner Ratte einen Afro zu verpassen, anstatt sie orange zu färben und George hatte sich bei den Purzelbäumen ablenken lassen und der Eierbecher war zu Boden gefallen.

Nach dem Abendessen zogen sie sich in den Gemeinschaftsraum zurück und gingen den Stoff für die morgigen Verwandlungsprüfungen durch.

Stefanie versuchte, das leise Murmeln ihrer Klassenkameraden auszublenden und ignorierte auch, dass Patricia schon wieder ohnmächtig wurde, als Angelina sie darauf hinwies, dass sie die Zauberstabbewegung eines Wandelzaubers falsch eingelernt hatte.

Am nächsten Tag lief für Stefanie alles glatt. Sie fand die theoretische Prüfung unglaublich leicht, die Fragen waren schon beinahe ein Witz, einfach, weil sie alle Zauber kannte und im Unterricht genau durch besprochen hatten.

Während der praktischen Prüfungen musste sie unter anderem ein Tier, in ihrem Fall einen Ameisenbär, verschwinden lassen, was sie ebenfalls locker hinbekam, während Bradley Jones, der neben ihr geprüft wurde, es nicht schaffte, den Kopf seines Leguans verschwinden zu lassen, der einfach übrig blieb, was ein wenig gruselig aussah.

Am Mittwoch hatten sie ihre Prüfung in Kräuterkunde und Stefanie und die Zwillinge schafften es nicht, sich am Abend zuvor noch darauf vorzubereiten, weil Percy sie mit seinen Sorgen, er könnte in seiner Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste keine hervorragende Note geschafft haben, belästigte. Irgendwie schien es ihm egal zu sein, dass auch sie Prüfungen hatten.

Fred und George jedoch störte das nicht, denn die Prüfung in Kräuterkunde war ihre erste Prüfung, die sie nicht interessierte. Als Percy endlich verschwunden war, begannen sie seelenruhig eine Partie Zauberschnippschnapp zu spielen, während Stefanie sich in ihre Bücher vertiefte. Wenigstens unterließen sie es, an ihren Würgzungen-Toffees weiterzuarbeiten, das wäre zu viel für Stefanie gewesen.

Die Prüfung selbst stellte sich als einfach heraus. Die theoretischen Fragen waren simpel und schnell beantwortet. Während der praktischen Prüfung wurde Stefanie jedoch schlagartig bewusst, dass sie hier wirklich gut sein musste, denn auch dieses Fach wurde als Heiler gefordert. Sie musste eine der wenigen Nachkommen jener Alraunen umtopfen, die vom Vorjahr noch übrig geblieben waren, eine Teufelsschlinge unter ähnlichen Pflanzen heraus erkennen und eine Fangzähnige Geranie pflegen.

Am Donnerstag hatten sie ihre Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste und Fred und George feierten diesen Tag als ihren letzten Prüfungstag, worüber Stefanie nur den Kopf schütteln konnte. Sie zählte innerlich, wie viele Prüfungen ihr noch bevorstanden, während sie ihren Kopf müde auf Freds Oberschenkeln gebettet hatte und eigentlich versuchen wollte, einige Gegenflüche durchzugehen. Ihre Beine hatte sie über das Sofa erstreckt, so dass dort niemand außer Fred und ihr sitzen konnte, aber niemand war töricht genug, in diesen Wochen einen Siebt- oder Fünftklässler auch nur anzusprechen, weswegen sich auch keiner beschwerte.

Nach Verteidigung gegen die dunklen Künste stand ihr noch Alte Runen am Freitag bevor, am Montag dann Zaubertränke (vor der sie sich fürchtete), dienstags Pflege magischer Geschöpfe, mittwochs Astronomie und Arithmantik, und donnerstags endlich Geschichte der Zauberei.

Auch in Verteidigung gegen die dunklen Künste lief für Stefanie alles gut. Die Theorie am Vormittag war, genau wie die an den Tagen zuvor, einfach. Sie musste bei keiner Frage länger überlegen und hatte immer sofort eine Antwort parat. Am Nachmittag dann ging es darum, vor dem Prüfer Gegenflüche und Verteidigungszauber zu zeigen, in denen Stefanie schon immer ein Ass gewesen war. Professor Tofty, der ihr diese Prüfung abnahm, ein uralter Zauberer, der, wie alle anderen Prüfer, schon viel zu alt für diesen Beruf zu sein schien, war ganz begeistert von ihr und sie konnte sehen, dass Lupin ihr erfreut zulächelte, als sie fertig war.

Die Zwillinge führten sich nach dieser Prüfung auf, als wäre alles schon vorbei. Sie sahen in kein Buch, vielleicht auch, weil sie am Freitag frei haben würden, sondern streckten sich entspannt auf dem Sofa aus und witzelten mit Lee herum. Auch Angelina und Alicia ließen sich dazu hinreißen, sich zu entspannen, während Stefanie mit angezogenen Beinen in einem Sessel am Kamin saß, und sich Runenübersetzungen in Erinnerung rief. Einmal bewarf sie jemand mit einem zerknüllten Papier, aber sie tippte darauf, dass es für den Kamin, und nicht für sie gedacht gewesen war.

Während ihrer Prüfung in Alte Runen, die nur theoretisch abgenommen wurde, saß sie neben Cedric Diggory, der erstaunlich entspannt wirkte. Ab und zu warf sie ihm einen Seitenblick zu – seine Feder schien über das Papier zu fliegen, es wirkte so, als würde er nicht einmal nachdenken müssen.

Dabei war das das erste Fach, in dem Stefanie an gewisse Grenzen stieß. Sie spürte erste Ermüdungserscheinungen und war unglaublich froh, dass sie jetzt ein Wochenende vor sich hatte.

Was war noch einmal die Übersetzung von naudiz? Sie runzelte ihre Stirn und versuchte sich zu erinnern. Hatte sie diese Rune nicht erst letztens gesehen? Wie war das gewesen? Irgendetwas mit demselben Anfangsbuchstaben… Not schrieb sie und war sich ziemlich sicher, dass es stimmte.

Ich muss mich zusammenreißen, wies sie sich an und kniff sich einmal in den Handrücken, um ihre Gedanken zu klären. Dann stürzte sie sich mit neuer Energie auf die Fragen und tatsächlich sah sie die Welt plötzlich viel klarer.

algiz hieß soviel wie Elch und mannaz war nichts anderes als der Mensch.

Am Ende war sie doch ziemlich zufrieden mit sich und hoffte das Beste.

Wenigstens ging es nach dem Freitag nicht mehr so ausgelassen zu und auch die anderen beugten sich wieder über ihre Bücher. Zumindest alle bis auf Fred und George, die nur gelegentlich einmal etwas durchlasen.

„Ein Troll will ich dann doch nicht heimbringen", meinte George, als Stefanie ihn mit seinem Fleiß aufzog.

„Ich strebe ja mindestens ein Mies an, dann kann ich Mum sagen, dass es knapp war", grinste Fred und Stefanie dachte sich, dass es für die beiden einfach gewesen wäre, in fast allen Fächern durchzukommen, hätten sie es nur gewollt. Aber nein, sie zogen es vor, in den nächsten zwei Jahren nur drei Fächer zu belegen, damit sie mehr Zeit für ihre Scherzartikel hatten.

Am Montag waren sie alle deutlich nervöser, als bei den anderen Prüfungen. Sie alle fürchteten sich schrecklich vor Zaubertränke, obwohl kein Grund zur Sorge bestand. Sie hatten alle gelernt und es kam nichts, von dem sie noch nie etwas gehört hatten.

Natürlich hatte Snape es irgendwie geschafft, gewisse Dinge in die theoretische Prüfung einfließen zu lassen, die er nur angeschnitten hatte, oder ihnen gesagt hatte, sie sollten es sich durchlesen, und das, obwohl er die Prüfung gar nicht zusammengestellt hatte, aber Stefanie konnte auf sämtliche Fragen eine Antwort finden und das war auch gut so, denn sie brauchte ein Ohnegleichen in Zaubertränke, andernfalls konnte sie es vergessen, Heilerin zu werden.

Am Nachmittag hatten sie die praktische Prüfung und Snape war nicht anwesend, was sie alle sehr erleichterte.

Als Stefanie am Ende der Prüfung ihre Probefläschchen verkorkte, zwinkerte Angelina ihr grinsend zu, als Zeichen, dass bei ihr alles glatt gelaufen war und Stefanie zwinkerte zurück.

Vor der Prüfung am Dienstag fürchtete sich niemand, aber trotzdem fiel ihnen im letzten Moment allen ein, dass Hargid ihnen vielleicht gar nicht alles beigebracht hatte, was sie wissen mussten, und deswegen brach doch noch große Nervosität aus, über die nur die Zwillinge grinsen konnten, denen es herzlich egal zu sein schien, ob sie nun wussten, welches Futter man einem kranken Einhorn geben musste, oder nicht.

Tatsächlich war das eine Frage, die ihnen gestellt wurde, und zum Glück hatte Stefanie im Unterricht gut genug aufgepasst. Sie konnte auch den richtigen Umgang mit einem Bowtruckle, einer Art Baumwesen, das sehr zerbrechlich war, vorführen, ebenso wie es ihr gelang, eine Feuerkrabbe zu pflegen, also zu füttern und ihr Zuhause auszumisten. Irgendwie hatte sie, aufgrund der Langeweile der Prüferin, den Verdacht, dass hier jedes Jahr dieselben Sachen drankamen, aber sie war zu erleichtert, dass es vorbei war, um näher darüber nachzudenken.

Am Mittwochvormittag dann hatten sie ihre theoretische Prüfung in Astronomie. Auch die lief gut, Stefanie war sich sicher, dass sie alle Monde des Jupiter aufgezählt hatte und auch, dass die Erde nicht neben dem Neptun lag.

Da sie für ihre praktische Prüfung bis zum Abend warten mussten, hatte Stefanie am Nachmittag ihre Arithmantikprüfung, während die meisten anderen in Wahrsagen geprüft wurden.

Stefanie verabschiedete sich von den anderen mit einem „Viel Glück", und trat dann ihrer Prüfung entgegen. Es wurden relativ schwierige Aufgaben gestellt, aber sie hatten all diese im Unterricht schon oft durchgekaut, sodass es Stefanie wundern würde, wenn irgendjemand daran scheitern könnte.

Als sie nach der Prüfung zum Abendessen ging, traf sie wieder auf die Zwillinge, die gerade darüber lachten, was bei ihren Prüfungen passiert war.

„Erst einmal bin ich für George angetreten, und er für mich", gluckste Fred, während er sich ein Glas Kürbissaft einschenkte.

„Und dann haben wir unsere ganze Fantasie, statt unserem inneren Auge benutzt, um ein paar Dinge in diesen blöden Kristallkugeln zu sehen…", fuhr George fort und unterdrückte ein aufsteigendes Lachen, als Fred weiter sagte: „Und zufälligerweise haben wir ihnen genau dasselbe erzählt. Wir saßen nebeneinander und sie haben gehört, was der andere gesagt hat und dann haben sie gemeint, wir würden einander nachreden…"

„…Was nicht der Fall war."

„Beim Handlesen habe ich auch versagt, aber davon verstehst du ja sowieso nichts", grinste Fred und Stefanie nickte. „Ja, eine Sache, in der Unwissenheit keine Schande ist. Diesen Humbug muss man wirklich nicht beherrschen, wenn es sogar unter Zauberern heißt, dass es sinnlos ist."

„Das kann nur jemand sagen, der es nicht kann", kicherte Alicia, der es bei ihrer Prüfung in Wahrsagen offenbar gut gegangen war.

„Nur, dass das wirklich nichts ist, was man können muss." Angelina spießte mit ihrer Gabel eine Karotte auf und führte sie zu ihrem Mund. Neben ihrem Teller lag eine Sternkarte, die sie derweil eingehend studierte.

„Dieses blöde Orionsternbild", murmelte sie leise, während sie kaute, und ein kleines Stück Karotte fiel auf die Karte. Sie schnippte es beiläufig weg und Stefanie schüttelte grinsend ihren Kopf.

Nach dem Essen nutzte auch sie die verbleibende Zeit, um sich ihre Sternkarten anzusehen und fragte sich die ganze Zeit, wofür man dieses Fach eigentlich brauchen konnte. Auf jeden Fall nicht als Heilerin.

Um viertel vor elf Uhr gingen sie hinauf zum Astronomieturm, wo die Prüfer schon warteten. Die Nacht war klar und bot alle Voraussetzungen für ein sauberes Arbeiten, allerdings war es ein wenig kühl und Stefanie bereute es, nicht mehr angezogen zu haben.

Sie stellte ihr Teleskop neben Freds auf und Angelina gesellte sich an ihre andere Seite. Die Prüfer teilten ihnen leere Sternkarten aus, die sie ausfüllen mussten und dann begann die Zeit zu laufen. Stefanie stellte ihr Stativ ein und begann damit, die Sterne abzumalen, um die Sternbilder auf der Karte zu vervollständigen. Es war ruhig, alle waren still, damit beschäftigt, ihre Karten auszumalen und nichts war zu hören, bis auf das gelegentliche Quietschen eines Teleskops, das Kratzen einer Feder oder das leise Räuspern eines Prüfers.

Die Zeit verging, zuerst zehn Minuten, dann eine halbe Stunde, dann eine ganze. Nach einer Weile begann Stefanie die Sache ermüdend zu finden, ihre Konzentration schwand und sie ertappte sich dabei, die Venus als Saturn beschriften zu wollen, obwohl sie den Saturn schon einmal eingezeichnet hatte. Rasch schrieb sie den richtigen Stern hin und versuchte sich zusammenzureißen. Ihr Blick fiel beiläufig auf Freds Karte, die erstaunlicherweise schon zu zwei Dritteln ausgefüllt war. Er blickte gerade konzentriert durch sein Teleskop und dabei fiel ihm das rote Haar ins Gesicht. Eigentlich ein schöner Anblick, fand Stefanie, und irgendwie entspannte es sie, ihn so zu sehen.

Und das mitten in einer Prüfung. Genau, die Prüfung, fiel ihr wieder ein und rasch wandte sie ihre Augen wieder ihrer Arbeit zu.

Konzentriere dich, wies sie sich zurecht. Egal wie langweilig es auch sein mochte, öde Sterne abzumalen, sie musste das jetzt tun.

Also riss sie sich zusammen und machte weiter. Irgendeiner der Prüfer hustete leise, sie konnte nur hoffen, dass er sich nur verschluckt hatte und es nichts Ansteckendes war.

„Sie haben noch eine halbe Stunde", verkündete Professor Tofty nach einer gefühlten Ewigkeit und Stefanie stellte erleichtert fest, dass sie schon fast fertig war.

Nach einer weiteren Viertelstunde, hatte sie ihre Karte vollständig ausgefüllt und kontrollierte sie in den verbleibenden fünfzehn Minuten.

Als Professor Tofty schließlich sagte: „Jetzt geben sie bitte ihre fertigen Arbeiten ab, dann ist die Prüfung beendet", lehnte sie sich erleichtert zurück und grinste Fred an, der dasselbe tat. Seine Karte sah recht fertig aus, obwohl ihr auffiel, dass er den Mars falsch eingezeichnet hatte. Sie wollte ihn leise darauf hinweisen, aber da hatte er seine Karte schon zusammengerollt und abgegeben.

Später beeilten sie sich, ihre Teleskope wieder einzupacken und den Astronomieturm zu verlassen.

„Das war das allerletzte Mal, dass ich diesen Turm betreten habe", verkündete Alicia und Stefanie nickte zustimmend.

„Zumindest des Unterrichts wegen."

Und das war ein gutes Gefühl.

Am Abend lagen die Fünftklässler bequem im Gemeinschaftsraum verteilt herum und lasen in ihren, mehr oder weniger aufschlussreichen, Mitschriften von Geschichte der Zauberei. Nun kam es ihnen teuer zu stehen, dass sie im Unterricht immer geschlafen hatte und auch Stefanies Aufzeichnungen waren mehr als nur lückenhaft, aber sie hatte die letzten Wochen immer wieder damit zugebracht, sie anhand von Geschichtsbüchern zu ergänzen und aufzufüllen, sodass sie sich jetzt ziemlich sicher war, dass sie alles zusammen hatte. Natürlich hätte sie sich diese aufwendige Zusatzarbeit sparen können, wenn sie versucht hätte, im Unterricht aufzupassen, anstatt ihren Schlaf nachzuholen, aber jetzt war es auch schon egal.

„Kann ich mal einen Blick auf deine Unterlagen werfen?", fragte George aus heiterem Himmel und Stefanie sah überrascht von ihren Notizen zur Gründung der Internationalen Zauberervereinigung auf.

„Klar, hier." Sie reichte ihm einen Stapel Zettel und Fred trat von hinten heran, um einen Blick über die Schulter seines Bruders zu werfen.

„Okay, danke", sagte George, nachdem seine Augen kurz den Text überflogen hatten und gab es Stefanie zurück. Sie sah ihn fragend an.

„Ein Blick hat gereicht, um festzustellen, dass das echt langweilig ist", grinste er und die beiden begannen eine Runde Zauberschach zu spielen, das ihre Meinung nach sehr geschichtsträchtig war und somit in gewisser Weise auch als Vorbereitung für die morgige, letzte Prüfung zu betrachten war.

Am nächsten Tag mussten sie bis zwei Uhr nachmittags warten, ehe sie in die Große Halle eingelassen wurden. Stefanie nutzte die Zeit, um sich noch einmal ein paar Dinge durchzulesen, die meisten aber mühten sich nach Kräften damit ab, nicht einzuschlafen. Müdigkeit und allgemeine Erschöpfung hatte sich breit gemacht und niemand hatte noch Lust auf diese langweilige Prüfung. Sie alle warteten nur darauf, dass es endlich vorbei war.

Um zwei dann gingen sie in die Große Halle, in der wieder einzelne Tische aufgebaut waren, und Stefanie setzte sich neben Alicia, die ihr einen flehenden Blick zugeworfen hatte. Die Zwillinge saßen hinter ihnen, während vor ihnen niemand geringeres als Blechtley und Pucey saß, was Stefanie ein wenig verwunderte. Andererseits, irgendwo mussten die beiden ja auch sitzen.

Auf den Tischen lagen umgedrehte Pergamentblätter und ganz vorne, neben Professor Marchbanks, stand ein gewaltiges Stundenglas.

„Drehen Sie die Blätter um und fangen Sie an", wies sie sie an und drehte das Glas um. Feiner Sand begann von oben nach unten zu rieseln und einen Moment lang starrte Stefanie darauf, ehe ihr klar wurde, dass das ihre Zeit war, der sie gerade beim Davongleiten zusah.

Rasch drehte sie die Blätter um und las sich schnell die Fragen durch. Schon beim Überfliegen wurde ihr leichter ums Herz. Das wusste sie alles, es war ihr nicht fremd.

Sie griff zu ihrer Feder, tauchte sie in die Tinte und begann zu antworten. Dabei schrieb sie so schnell, um alle ihre Gedanken unterzubringen, dass ihre Hand schon nach kurzer Zeit schmerzte. Der Platz ging ihr aus und sie versuchte kleiner zu schreiben, das Wissen floss förmlich aus ihrer Hand, durch die Feder und auf das Papier.

Nur ab und zu sah sie auf, und warf einen Kontrollblick auf das Stundenglas, aber es war noch genug Sand oben.

Es war warm im Raum und nach einer Weile begann die Sonne angenehm auf sie hinabzuscheinen. Einmal, als sie über eine Formulierung nachdachte, sah sie auf und blickte genau auf Bletchleys Hinterkopf. Er war über das Papier gebeugt und vertieft in das, was er schrieb, während Pucey einen verstohlenen Blick auf sein Blatt zu werfen versuchte. Stefanie ließ sich davon aber nicht ablenken, sondern schrieb schnell an ihrem eigenen Test weiter.

Als sie endlich fertig war, war kaum noch Sand in der oberen Hälfte des Stundenglases. Die Zeit reichte gerade noch, um ihre Antworten zu überfliegen, dann gab sie ihr Pergament ab.

Zusammen mit Alicia, Angelina, Lee und den Zwillingen, schlenderte sie aus der Großen Halle und auf ihren Lippen lag ein zufriedenes Lächeln. Sie hatte es geschafft, ihre ZAG-Prüfungen lagen hinter ihr und vor ihr lag ein herrlicher Sommer.