52. Gefunden und verloren

"Ich würde zu gern wissen, was er ihm erzählt", murmelt Alesia und blinzelt gegen die Sonne in Richtung Vorderdeck, wo Feanor schon seit zwei Stunden neben Wesir Khilbron an der Reling hinter dem Bugspriet der Galeone steht. Ab und zu hebt der Wesir das Zepter von Orr, korrigiert vielleicht den Kurs oder was auch immer, um sich danach wieder in das Gespräch mit Feanor zu versenken, der ihm aufmerksam lauscht.
"Ich auch." Ich lasse mich auf die Planken sinken, lehne mich mit dem Rücken gegen den Großmast und strecke die Beine, Alesia hockt sich anmutig neben mich. Es ist die Mittagsstunde des dritten Tages auf See, an Bord dieses Geisterschiffs, wie wir alle es inzwischen nennen, nachdem Stephan damit angefangen hat. Während der letzten beiden Tage sind wir durch Stürme gesegelt, die uns Todesängste haben ausstehen lassen, als wir, an Masten und Reling geklammert und mit Tauen gesichert, jeden Moment damit rechneten, dass die Galeone ihren Weg zurück auf den Meeresgrund finden würde, von dem Wesir Khilbron sie heraufbeschworen hatte. Jeder einzelne Knochen im Leib tut mir weh, Schlafmangel lässt mich ununterbrochen zittern, und meine Züge dürften dieselbe grünliche Blässe zeigen wie die Gesichter meiner Kameraden. Kurz vor Morgengrauen ist der Wind endlich auf ein erträgliches Maß abgeflaut, und doch kann keiner von uns hier wirklich Schlaf finden - es ist zu kalt, zu nass, und es schaukelt zu sehr. Wir können nicht einmal unter Deck gehen, um uns auszuruhen, denn der Gestank in den algenüberwucherten, feuchten Kajüten, auf deren Boden noch immer knöchelhoch das Wasser steht, ist unbeschreiblich. Vermutlich würde man in diesem fauligen Pesthauch von verwesendem Fisch und verrottenden Algen nach spätestens fünf Minuten ersticken. Lediglich der Wesir scheint gegen die schlechte Luft immun zu sein, denn immer, wenn das Schiff einigermaßen stabil durch die Wellen gleitet, zieht er sich dorthin zurück. Ich gähne, bis meine Kiefergelenke knacken, und ziehe die unglücklich maunzende Chili auf meinen Schoß, streichle tröstend ihr feuchtes Fell. Für meine arme wasserscheue Katze muss diese Seereise die reinste Hölle sein.

"Warum bist du denn nicht mit dabei? Ich dachte, Feanor wäre dir wichtig." Leises Unverständnis schwingt in Alesias Stimme mit.
"Ich wollte ja. Aber der große Wesir hat mir zu verstehen gegeben, dass er allein mit ihm zu sprechen wünscht. Pah", schnaube ich, "als ob er mir nicht ohnehin alles erzählen würde, was er von ihm erfährt!"
"Das muss unglaublich aufregend für ihn sein, endlich etwas über seine Herkunft erfahren, nach so vielen Jahren", sinniert Alesia. Sie rubbelt sich fröstelnd über die nackten Arme - die Sonne brennt zwar senkrecht vom wolkenlosen Himmel herab, aber der Fahrtwind ist schneidend kalt.
"Falls er wirklich etwas Brauchbares erfährt", entgegne ich zweifelnd und klammere mich rasch an das glitschige Rettungstau, das mit einem komplizierten Knoten am Großmast befestigt ist, als das Schiff in einer starken Böe leewärts krängt. Doch der Wesir hat die Galeone gut im Griff - sie stabilisiert sich schnell und fliegt weiter wie ein Pfeil durch den noch immer aufgewühlten Ozean. Der magisch gesetzte Kurs treibt uns hart am Wind voran, andere Schiffe und vereinzelt auftauchende kleine Inselchen rauschen nur so vorbei.

"Du hast doch gehört, was der Wesir gesagt hat - Feanors Mutter war seine Patentochter! Möchtest du mit diesem... Zauberer verwandt sein?" Alesia runzelt skeptisch die Stirn.
"Wen interessiert schon, was wir möchten... seine Verwandten kann man sich nicht aussuchen. Und ich glaube, Feanor ist froh zu erfahren, dass er überhaupt welche hat. Außerdem muss ein Pate nicht zwangsläufig ein Verwandter sein", erkläre ich. "Es kann sich auch um einen engen Freund der Familie handeln. Davon abgesehen - vielleicht ist die Frau, die der Wesir erwähnt hat, gar nicht Feanors Mutter. Sieht er für dich vielleicht wie ein Orrianer aus?"
"Nein", entgegnet Alesia, nachdem sie eine Sekunde überlegt hat. "Aber wie ein reinblütiger Canthani auch nicht. Davon haben wir am Riff der Stille doch genügend gesehen."
"Warum spekulieren wir eigentlich? Das ist doch vollkommen sinnlos."
"Weil es Spaß macht?" Alesia lächelt mir zu.
"Pah, Spaß...!" Ich verziehe das Gesicht und zähle mit wachsendem Ärger auf: "Wir haben zwei Nächte nicht geschlafen, wir haben seit drei Tagen nichts gegessen außer ein paar mickrigen, halbrohen Fischen, die Orion mehr schlecht als recht mit seiner Feuermagie gegrillt hat, haben uns anschließend in diesem Taifun die Seele aus dem Leib gekotzt, unsere Freunde sind entführt worden, wir müssen in die Zittergipfel und ihnen helfen, ich muss in die Zittergipfel, um diesen sadistischen Zwerg zu erledigen - und was tun wir stattdessen? Wir schippern auf diesem nach totem Fisch stinkenden Gespensterkahn zur Kristallwüste! Entschuldige bitte, wenn es mir da schwer fällt, mich zu amüsieren!" Je länger ich rede, desto wütender werde ich. Ich bohre meine Fingernägel in die Handflächen, bis es schmerzt, um mein Temperament in den Griff zu bekommen. Ich hasse es, hier herumzusitzen, wenn es doch so wichtig wäre, etwas zu tun, und zwar jetzt.
"Aber Wesir Khilbron hat gesagt, wir müssen in die Wüste, damit wir den Aufstieg meistern", erwidert Alesia mit Engelsgeduld, fest entschlossen, meine schlechte Laune zu ignorieren, "weil wir sonst gegen den Mantel nicht gewinnen können."
"Und wer sagt dir, dass er recht hat?", schnappe ich. Je öfter ich über diese Zwangsverzögerung nachdenke, desto weiter sinkt meine Stimmung ins Bodenlose.
"Erinnere dich daran, was er über jeden von uns zu sagen wusste." Alesias Stimme ist ganz leise geworden, kaum noch zu hören gegen das Knattern der windgebauschten Segel über uns. "Damit hat er auch recht gehabt, oder etwa nicht?"

Ich antworte nicht, grunze nur unwillig und kaue auf meiner Unterlippe herum. Als ob ich das vergessen hätte. Als ob ich vergessen hätte, welche Geheimnisse der unheimliche Magier ans Tageslicht gezerrt hat, die eigentlich ungenannt hätten bleiben sollen.

"Und erinnerst du dich an diesen unheimlichen Nekromanten, der uns vom Signalfeuerposten bis nach Löwenstein begleitet hat? Wie hieß er noch gleich", überlegt Alesia. Götter, kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?

"Du meinst den Albino? Ja. Lifetaker. Danke, dass du mich an ihn erinnerst. Ich hatte es schon fast erfolgreich verdrängt, dass mein Leben jetzt ganz anders aussähe, wenn er den Auftrag pünktlich ausgeführt hätte, wegen dem sein Großmeisterrat ihn von Cantha in die Zittergipfel geschickt hat." Ich schließe die Augen und beiße die Zähne zusammen, balle die Fäuste und würge den Kloß in meiner Kehle hinunter. Dabei könnte ich ruhig heulen. Jeder würde glauben, der Wind hätte mir die Tränen in die Augen getrieben. Aber ich will nicht.

"Richtig, Norazul Lifetaker", entgegnet Alesia ungerührt. "Weißt du auch noch, was er gesagt hat, damals am Signalfeuerposten?"

"Mir egal", zische ich.

"Er sagte, du müsstest das Ritual des Aufstiegs meistern, und das könntest du nur am Pfad des Propheten in der Wüste. Erinnerst du dich denn nicht daran?"

Ich zucke unwirsch die Achseln und werfe ihr einen flammenden Blick zu. Als ob es nicht vollkommen bedeutungslos wäre, was dieser Fremde an jenem schrecklichsten Tag meines Lebens erzählt hat.

"Also muss doch etwas dran sein an diesem Aufstieg", fährt Alesia fort. "Meinst du nicht?".

"Warum? Weil zwei Nekromanten es gesagt haben? Du kannst ja Claude auch noch dazu befragen. Dann haben wir drei Expertenmeinungen."

Meine Freundin schüttelt den Kopf und schenkt mir einen vorwurfsvollen Blick. "Was ist bloß los mit dir? Du bist wirklich unausstehlich heute!"

Ich antworte nicht, lasse nur die Augen sinken, beuge mich vor und pule ein paar lose Holzsplitter aus dem feuchten Holz der Decksplanken, schnippe sie grimmig in Richtung Reling. Nichts ist los, wenn man davon absieht, dass ich friere und völlig übermüdet bin, dass mir leicht übel ist von der Schaukelei des großen Schiffes, dass ich nicht in die verdammte Wüste will, und dass ich mich wieder einmal einsam, hohl und leer fühle.

"Feanor hat doch das Ritual des Aufstiegs bereits vollzogen", nimmt Alesia den Faden wieder auf. "Hat er dir davon berichtet?"

Ich kann nicht anders, ich muss die Beharrlichkeit bewundern, mit der sie versucht, mich von meinem düsteren Hadern mit dem Schicksal abzuhalten. "Ja, das hat er", seufze ich schließlich ergeben. "In Cantha nennt man es weh no su, das bedeutet 'näher an den Sternen'. Er musste gegen die irdischen Manifestationen der 'Himmlischen' kämpfen, die stehen für bestimmte Gestirne oder so ähnlich... es klang ziemlich kompliziert, sehr mystisch und sehr fremd. Ich glaube nicht, dass man das eins zu eins auf Tyria übertragen kann", ergänze ich. Ich wische mir über das gischtfeuchte Gesicht, streiche mit den Fingern ungeduldig meine windgepeitschte Mähne nach hinten, die inzwischen so verfilzt ist, dass es wahrscheinlich besser wäre, ich würde sie abschneiden.

"Ich auch nicht. Und außerdem sagte der Wesir, wir sollten die Prophetin finden", setzt Alesia hinzu. "Also gibt es die Prophezeiung doch? Vor der die Weißmäntel solche Angst haben?"

"Saidra erwähnte mal, die Flammensucher-Prophezeiung sei nur das Geschwafel eines wirrköpfigen Zauberers, der schon vor Hunderten von Jahren in die Nebel gegangen ist", erwidere ich und ziehe mit zusammengebissenen Zähnen einen Holzsplitter aus meiner Fingerkuppe. Mist, das kommt von der Pulerei an den morschen Planken - hoffentlich gibt das keine Entzündung... ich verziehe das Gesicht, stecke den Finger in den Mund und sauge daran, bis kein Blut mehr kommt.

"Hmmm...", macht Alesia. "Kennst du Meerak noch? Aus Aschfurt?"

Ich nicke und puste den verletzten Finger trocken. Es blutet schon nicht mehr. "Meerak den Schreiber? Natürlich. Was hat der denn damit zu tun?"

Alesia wiegt den Kopf hin und her. "Zuletzt, kurz bevor wir in die Zittergipfel gegangen sind, stand er doch am Grenztor herum und brüllte seine Endzeitvisionen in die Menge. Und Meerak hat auch von der Flammensucher-Prophezeiung gesprochen. Das ist mir gerade wieder eingefallen."

Ich horche auf. "Tatsächlich? Ich meine, nun ja... Meerak war schon immer etwas merkwürdig... und seit dem Großen Feuer war er völlig plemplem, so als hätte es ihm den Verstand aus dem Hirn gebrannt... aber trotzdem, weißt du noch, was er gesagt hat?"

"Es war ziemlich wirr", entgegnet Alesia achselzuckend und starrt konzentriert auf das Meer hinaus, während sie versucht, sich zu erinnern. "So etwas wie 'Sünder, tut Buße! Die Prophezeiung besagt, dass ihr ernten werdet, was ihr gesät habt'. Und 'Preist die Flammensucher-Prophezeiungen, alles wird offenbart werden, wenn die Zeit kommt'."

"Ziemlich wirr, in der Tat. Weißt du noch mehr?"

"Ja, eins noch... 'Die Flammensucher-Prophezeiungen werden sich erfüllen! Schließt Frieden mit den Göttern, ehe es zu spät ist!' Und so ging das die ganze Zeit. Aber er hat die Flammensucher-Prophezeiungen ausdrücklich erwähnt."

"Aber deshalb muss es noch lange nichts zu bedeuten haben, Alesia." Ich schüttele unwillig den Kopf. Ich habe absolut kein Interesse daran, Teil einer Prophezeiung zu sein - Prophezeiungen haben die unangenehme Angewohnheit, ihren Protagonisten den freien Willen zu nehmen und sie in einen Laufkäfig zu sperren, in dem in einem Labyrinth von Wegen nur ein einziger Pfad begehbar ist, alles nur, damit sie sich erfüllen können. Dennoch macht es mich nun auch stutzig, dass auch der Wesir eine 'Prophetin' erwähnt hat. Noch dazu eine, die wir finden müssen.

"Saidra könnte sich aber auch geirrt haben", gibt Alesia zu bedenken.

"Wir fragen sie, wenn wir sie gerettet haben", knirsche ich. "Wenn wir noch rechtzeitig kommen."

"Hab Vertrauen zu den Göttern", entgegnet Alesia mit mildem Lächeln und setzt ob meines funkelnden Blicks rasch hinzu, "das würde ich dir jedenfalls ans Herz legen, wenn ich nicht wüsste, dass dieser Ratschlag an dich völlig verschwendet wäre. Also müssen wir es nehmen, wie es kommt und einfach unser Bestes geben."

Da ist er schon, der Laufkäfig, denke ich und knurre missmutig.

"Ich möchte wirklich zu gern wissen, welche Aufgabe uns erwartet... was wir tun müssen, um aufzusteigen", fährt Alesia nachdenklich fort. Sie zupft an ihrem grüngefärbtem Heilergewand herum, das durch all den Regen in den letzten beiden Tagen und das konstante Sprühen der Gischt, das einen immer erwischt, egal wo auf diesem Schiff man sich auch aufhält, schon ganz scheckig geworden ist und bald seine ursprünglich weiße Farbe zurückhaben dürfte.

"Es dürfte sich kaum verhindern lassen, dass wir das herausfinden, sobald wir die die Wüste erreicht haben", seufze ich. "Ich hoffe nur, dass uns das nicht wochenlang aufhält."

Ich blicke hinüber zu Orion, Stephan und Claude, die sich im Windschatten des Brückenaufbaus an einem Würfelspiel gegen die Langeweile versuchen. Orion ist für heute damit fertig, die Fische zu füttern, und Stephan hat in den Tiefen des Schiffsbauches eine Kiste Rum aufgetan und tatsächlich den Mut aufgebracht, das Zeug zu probieren - ein tapferer Krieger durch und durch, überlege ich und muss beinahe grinsen -, und anschließend froh die Genießbarkeit des Gebräus verkündet. Seitdem steigt die Stimmung an Bord. Mit jedem Schluck ein bisschen mehr. Ich warte nur noch darauf, dass die ersten Gassenhauer angestimmt werden.

Schließlich lasse ich meinen Blick wieder nach vorn schweifen, zum Bug der Galeone, und stelle erstaunt fest, dass Feanor ganz allein an der Reling steht. Wo ist der Wesir geblieben?

"Schau mal, der Wesir ist weg", murmelt Alesia denn auch folgerichtig und piekst mir ihren Ellbogen in die Rippen. "Wie hat er das gemacht? Ich habe nicht gesehen, dass er gegangen ist... willst du nicht zu Feanor gehen? Du musst doch platzen vor Neugier."

Ich schüttele abwesend den Kopf. Meine Augen ruhen auf Feanor, der bewegungslos an der Reling steht, seinen breiten, muskulösen Rücken zu mir gewandt, sein langes Haar im Wind wehend wie eine mahagonirote Fahne. "Er braucht bestimmt einen Moment für sich. Muss alles verarbeiten, was er erfahren hat. Es wäre unhöflich, wenn ich..."

"Blödsinn", meint Alesia resolut und boxt mir mitleidlos in den Rücken. "Du kränkst ihn nur, wenn du so wenig Interesse zeigst! Na LOS!!"

"Ist ja gut, ist ja gut! Ich geh ja schon." Seufzend schiebe ich die protestierende Chili von meinem Schoß und rappele mich schwankend auf die Füße, einerseits, weil Alesia mir sicher einige Prellungen verpassen würde, wenn ich einfach sitzen bliebe, und andererseits, weil zumindest die theoretische Möglichkeit besteht, dass sie recht hat. Kaum habe ich mich erhoben, wird mir schwarz vor Augen, aufkeuchend umarme ich den Großmast, bis der Schwächeanfall vorbeigeht. Mein Herz beginnt zu klopfen, schneller, lauter, bis ich es in meiner Kehle fühlen kann und bis es das Knattern des Windes in den Segeln übertönt, und ich bin nicht sicher, ob es daran liegt, dass mein Kreislauf kurz vor dem Zusammenbruch steht, oder daran, dass Feanor mich vielleicht wegschicken wird, weil er noch nicht mit mir reden will, oder an dem, was er mir über sich erzählen wird... es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Ich lasse den Mast los und marschiere mit leichtem Taumeln über das nasse, schlüpfrige Deck.

Ich kann seine Körperwärme fühlen, trotz des scharfen Windes, als ich neben Feanor beide Unterarme auf die Reling lehne. Er steht noch immer regungslos, wie eine Statue, nichts deutet darauf hin, dass er mich überhaupt bemerkt hat. Er braucht doch noch Zeit für sich, überlege ich und wünschte, ich wäre nicht gekommen, frage mich, was ich sagen soll, nun, da ich schon mal hier bin und auch nicht einfach so wieder gehen kann, frage mich, warum es plötzlich so ein Problem für mich ist, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Ich beiße mir stumm auf die Lippen, während ich über den Bugspriet hinweg auf die aufgewühlte See blicke. Hohe, spitze Wellen türmen sich auf, überschlagen sich unter nebligen Gischtwolken. Unter dem seifigen Schaum ist das türkisblaue Wasser klar wie Glas. Salzwasser spritzt auf meine nackten Arme, auf mein Gesicht, der Wind peitscht mir die Tränen in die Augen, treibt sie aus den Augenwinkeln über meine Schläfen hinweg in mein Haar, und plötzlich möchte ich nur noch, dass er mich in den Arm nimmt und an sich drückt, dass er mit mir teilt, was ihn bewegt.

Schließlich halte ich es nicht mehr aus. "Feanor." Ich lege eine Hand auf seinen nackten Unterarm, gleite vor, bis ich seine langen, kräftigen Finger umschließe und schaue hoch in sein Gesicht, betrachte mit wachsender Unruhe sein klares Profil mit den zusammengezogenen dunklen Brauen, den dichten, fast schwarzen Wimpern, dem kräftigen Kinn und dem feingeschwungenen, sensiblen Mund darüber, und ich ertappe mich bei dem Wunsch, ihn zu küssen, seine Lippen auf den meinen zu spüren - dann wäre sein Schweigen viel erträglicher...

"Siehst du die vielen kleinen Inseln, koishii?" Götter, endlich hat er die Sprache wiedergefunden, obwohl er mich immer noch nicht anschaut, sondern den Blick weiter starr auf das Meer gerichtet hält, die dunklen, felsigen Erhebungen betrachtend, zwischen denen die Galeone nun hindurch navigiert, so sicher, als würde eine unsichtbare Hand sie steuern, und in gewisser Weise ist es ja auch so. Manche sind winzig, andere hoch und weit ausgedehnt, so dass Seevögel auf ihnen nisten, die bisweilen in großen Verbänden kreischend in die Luft steigen, während unter ihnen die glänzenden, schlanken schwarzen Leiber eleganter Seelöwen ins Wasser gleiten, um auf die Jagd zu gehen.

"Ja, ich sehe sie", antworte ich krächzend gegen den Wind, der mir die Worte von den Lippen reißt. "Feanor, was hat der Wesir...."

Jetzt, endlich, ehe ich den Satz beenden kann, legt er einen Arm um mich, zieht mich eng an sich. Er presst seine Lippen in mein Haar, doch ich spüre, dass sein Blick nach wie vor auf die weite See gerichtet ist. Ich schmiege mein Gesicht an seine Brust und wünschte, er würde nicht immer all die kalten Ketten und Talismane tragen, damit ich mehr von ihm und weniger eisiges Metall fühlen würde.

"Das sind die Überreste von Orr." Feanors dunkle Stimme klingt so rauh, so leise, dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen. "Hier, tief unter uns, etwas weiter südlich... liegt Arah, die Stadt der Götter. Und irgendwo nördlich davon, ungefähr dort, wo wir jetzt sind... liegen die Überreste von Tirion. Wir fahren über die Ruinen meiner Heimat."

Ich schließe kurz die Augen, muss hart schlucken, bevor ich etwas erwidern kann. "Ist es also wirklich wahr, Feanor? Du stammst wirklich aus Orr?"

Ich blicke hoch in sein ernstes Gesicht, in dem sich kein Muskel rührt, nur seine Mundwinkel zucken. Schließlich nickt er, ohne mich anzusehen. "Es ist wahr. Ich wurde in Orr geboren und habe dort die ersten Jahre meines Lebens verbracht. Ich habe meine Wurzeln gefunden, koishii... nur um festzustellen, dass sie vor fast drei Jahren im Meer versunken sind. Wäre ich nur früher nach Tyria gekommen..." Seine Stimme erstirbt.

"Es... es tut mir so leid, Feanor", flüstere ich, und eine Welle des Mitgefühls schwappt über mein Herz. Familie ist wichtig in Cantha, so viel habe ich inzwischen mitbekommen, und ich hatte so sehr für ihn gehofft, dass er die seine eines Tages finden würde - und nun sind sie alle tot, untergegangen im Kataklysmus, der das ganze Königreich in einer gigantischen Flutwelle verschlang. "Willst du... willst du mir nicht alles erzählen?"

Er neigt den Kopf, schaut zu mir herunter, und die Traurigkeit in seinen Augen schnürt mir das Herz zusammen. "Ja... ja, das will ich. Aber nicht hier. Wir suchen uns einen etwas bequemeren Platz... gleich. Lass mir noch ein bisschen Zeit."

Ich nicke stumm und lege beide Arme um seine Hüften. Ich kann ihn gut verstehen... natürlich braucht er Zeit. Ich vermag kaum zu ermessen, was es für ihn bedeutet, seine Heimat, die tief unter uns auf dem Meeresgrund liegt, zu begrüßen und sich gleichzeitig schon wieder von ihr verabschieden zu müssen, das Ende aller Hoffnungen zu akzeptieren, die Familie zu finden, zu der er gehört. Er bleibt ein heimatloser Wanderer zwischen den Kontinenten, und während meine Heimat in Schutt und Trümmern liegt, könnte ich dennoch jederzeit dorthin zurück, doch er kann dies nicht. Sein wahres Zuhause liegt versunken auf dem Grund des Meeres, die prächtige Nation Orr, einst, vor vielen, vielen Jahrhunderten, die Heimstatt der Götter, nun bewohnt von Fischen und Krebsen und Seeschlangen... ich schmiege mich fest an ihn, schiebe die schweren Ritualisten-Ketten beiseite, so dass meine Wange auf der bloßen Haut seiner Brust liegt, höre auf seine Atemzüge, lausche dem Schlag seines Herzens, hart und schnell, und ich mache mir nicht die Mühe, die Tränen wegzuwischen, die das Mitgefühl über meine Wangen rinnen lässt.

Ich weiß nicht, wie lange wir so an der Reling stehen, ganz vorn am Bugspriet, mit dem Wind in unserem Haar, eng aneinander gepresst, stumm und starr wie zwei Galionsfiguren, die dem eisigen Fahrtwind trotzen, eine halbe Stunde vielleicht, oder eine ganze, oder sogar zwei, bis ich das Zittern meiner Beine nicht mehr spüre. Ich fühle, wie es in Feanor arbeitet, seine Trauer um das, was er nicht mehr wiederfinden durfte, spüre, wie er sich innerlich von seinen Hoffnungen verabschiedet, und sein Kummer überschwemmt meine Seele, bis alle Gedanken an Wüste und Zittergipfel, an unheimliche Nekromanten und Prophezeiungen und Aufstieg vorübergehend darin ertrunken sind.

Schließlich, nach einer Ewigkeit, rührt er sich endlich, sein Brustkorb hebt und senkt sich in einem tiefen, resignierten Seufzer. Er hebt mein Gesicht an, küsst mich sanft auf den Mund. Seine Lippen sind weich und kalt, schmecken nach dem Salz des Meeres und - vielleicht - dem Salz seiner Tränen. Wortlos nimmt er meine Hand, führt mich quer über das Deck, nimmt im Vorbeigehen ein paar Decken von den Wanten, die Stephan heute früh dort zum Trocknen aufgehängt hat, nachdem er sie tief unten im Laderaum des Schiffes gefunden hatte. Wir kommen, leicht schwankend auf steifen, wackeligen Beinen, an unseren Kameraden vorbei, die immer noch im Windschatten des Brückenaufbaus sitzen und sich in rumseliger Stimmung Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen scheinen. Alesia hat sich in Stephans Arm gekuschelt und erwidert besorgt meinen Blick. Ich nicke ihr kurz zu, versuche, ihr wortlos mitzuteilen, dass wir uns jetzt nicht zu ihnen setzen können. Sie scheint zu verstehen, flüstert Stephan etwas ins Ohr, woraufhin er hinter sich greift und eine große, fleckige Glasflasche aus einer metallverstärkten Holzkiste fischt. Der dunkel goldbraune Inhalt schwappt träge, als Stephan mir die Flasche zuwirft.

"Fang!", ruft er gut gelaunt. "Ihr beide seht aus, als könntet ihr 'nen Schluck vertragen. Aber übertreib's nicht, Tari, das Zeug kann 'nen Hügelriesen umhauen und du hast noch nie viel vertragen!"

Hinter zwei fast mannshoch aufgetürmten Rollen armdicker, mit grünlichen Algen bewachsener Taue, die einen Großteil ihres Gestanks dank des ständigen Windes zum Glück fast vollständig verloren haben, finden wir einen windgeschützten Platz mit Blick nach achtern, an dem Feanor zwei der Decken übereinander breitet. Sie sind nicht vollständig trocken, wie ich bemerke, als wir uns darauf niederlassen, und sie verströmen einen leicht stockigen Geruch nach Fisch und Tang, aber sie sind immer noch besser als die nackten Decksplanken, auf denen wir die beiden letzten, schlaflosen Nächte zugebracht haben. Feanor hüllt uns beide in eine weitere Decke, legt einen Arm um mich und lehnt sich mit mir zurück an eine der Taurollen, bevor er mit einer raschen Handbewegung die Rumflasche entkorkt. Er schnuppert an dem Inhalt, nimmt dann einen kleinen Schluck und hustet überrascht. Schließlich nickt er und hält mir die Flasche hin.

"Hier, koishii. Du bist ganz kalt... das wird dich aufwärmen. Sei vorsichtig damit, das ist der stärkste Rum, den ich je getrunken habe."

Trotz Feanors Warnung nehme ich einen viel zu großen Schluck und ersticke ich beinahe an einem heftigen Hustenanfall, als die scharfe, süßlich schwere Flüssigkeit mit dem durchdringenden Melasse-Aroma sich durch meine Kehle bis in meinen Magen hinunterbrennt. Nur wenige Sekundenbruchteile später breitet sich wohlige Wärme in meinen eisigen Gliedmaßen aus, schickt ein angenehmes Kribbeln in meine Oberschenkel, mein Kopf beginnt leicht zu schwimmen und zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Stunden zittere ich nicht mehr. Stephan hat recht gehabt mit seiner Warnung, und wenn ich noch mehr von dem Zeug trinke, werde ich wahrscheinlich anfangen, Seemannslieder zu grölen, obwohl ich gar keine kenne. Immer noch hustend, reiche ich Feanor die Flasche zurück. Er nimmt noch einen tiefen Schluck, bevor er sie wieder verkorkt und neben sich abstellt.

Ich schmiege mich in seinen Arm, lege meine Hand auf seine Brust und spiele mit den Amuletten, drehe die kalten Münzen zwischen meinen Fingern, warte darauf, dass er anfängt, über das zu sprechen, was er heute erfahren hat. Doch er blickt nur stumm auf den Horizont, an dem eine kleine Insel nach der anderen im Schein der Nachmittagssonne verschwindet, die den westlichen Himmel vergoldet, während die Galeone weiterhin gute Fahrt macht, und es kommt mir vor, als ob die Überreste von Orr über den hinteren Rand der Welt kippen würden.

"Willsss... willssssu...", ich räuspere mich und bemühe mich, meine schwer gewordene Zunge unter Kontrolle zu bringen. "Möchtessst du mir nicht erzählen, was der Wesir gesagt hat?"

Er nickt, pflückt meine Hand von seiner Brust und behält sie unter der Decke in der seinen, streichelt mit dem Daumen sanft meine Fingerknöchel. Mir wird noch ein bisschen wärmer.

"An meinen Namen habe ich mich richtig erinnert", beginnt er schließlich leise, "jedenfalls an Teile davon. Ich meine damals, als ich vor dem Kloster gefunden wurde. Mein voller Name lautet... Feanor Ryuu Lijian von Tirion. Meine Mutter war Orrianerin... und mein Vater kam aus Cantha."

"Aber... Tirion hört sich gar nicht canthanisch an", werfe ich ein.

Feanor schüttelt ganz leicht den Kopf. Seine Haarspitzen kitzeln über meine Wangen und über meine Nase. "Es war der Name meiner Mutter. Der Name ihres Hauses. Und der Name der Insel vor der Küste von Orr, auf der es seinen Sitz hatte. Das Haus Tirion war eine alte Dynastie... der Wesir sagt, die Familiengeschichte ließ sich bis in die Zeit König Dorics zurückverfolgen."

"Ein Adelshaus also?" Allmählich kann ich wieder sprechen, ohne zu lallen.

"Ja. Mit zweiundvierzig Linien zum Königshaus."

"Tatsächlich? Dann bist du... sowas wie ein Prinz?"

Feanors Lippen zucken kaum merklich. Es sieht aus wie ein verunglücktes Lächeln. "Nicht wirklich. In der Thronfolge hätte ich an neunzehnter Stelle gestanden, wenn man dem Wesir glauben darf. Nun, jedenfalls... in Orr war es anscheinend üblich, dass die Kinder den Nachnamen jenes Elternteils erhielten, das der gesellschaftlich höhergestellten Familie entstammte. Deshalb ist von Tirion mein Nachname... und nicht Lijian. Das war der Nachname meines Vaters."

"Und... ist es wahr, dass der Wesir deine Mutter gekannt hat?"

"Ja... so scheint es. Er wusste viel über sie... Miriel Serinde von Tirion. Sie war eine Schwertmagierin... und seine Patentochter. Die Familien waren schon seit Generationen befreundet, aber verwandt waren sie nicht. Jedenfalls hat er das erzählt." Feanor fällt wieder in Schweigen, zieht mich enger an sich.

"Was hat er denn erzählt? Wie sah sie aus? Wie war sie? Was ist eine Schwertmagierin?", frage ich mit wachsender Ungeduld. Ich kann verstehen, dass es nicht ganz leicht für ihn ist, darüber zu sprechen, aber meine Neugier bringt mich einfach um.

"Die Schwertmagie ist - oder war - eine einzigartige Klasse, eine spezielle Profession, die nur an der Akademie von Arah gelehrt wurde. Die Absolventen wurden automatisch in den Dienst des Königs überstellt", erklärt Feanor. Mein Eifer hat ihm immerhin ein echtes Lächeln abgerungen, auch wenn es nur ganz klein ist. "Diese Kämpfer machten sich sowohl die Schwertkunst als auch eine besondere Art der Elementarmagie zunutze, die Magie des Stahls. Heute ist das alles verloren... genauso wie Orr selbst", ergänzt er traurig.

Es dauert eine kleine Weile, bevor er weiterspricht, doch ich reiße mich zusammen, will ihn nicht zu sehr drängen, beschränke mich darauf, ihn aufmerksam anzuschauen.

"Der Wesir sagt, sie war eine große, grazile Frau mit dunkelrotem Haar und überschäumendem Temperament, der man ihre Kraft nicht ansah", fährt Feanor schließlich fort. "Miriel Serinde... der Name rührt etwas in mir... aber ich kann nicht meine Hand darauf legen. Wie ein Schleier, den du nur in einem Spiegel siehst... du kannst nur ahnen, was er verbirgt, du möchtest danach greifen, um nachzusehen, aber du kannst nicht."

"Eines Tages wirst du dich vielleicht erinnern", murmle ich mitfühlend. "Du hast dich ja auch an deinen Namen erinnert... weißt du, was all die Namen bedeuten, die du trägst?"

Feanor nickt. "Feanor bedeutet Feuergeist... aber das weißt du schon, nicht wahr? Ich glaube, außerhalb von Orr ist der Name in Tyria zwar selten, aber nicht unbekannt. Ryuu ist canthanisch... es bedeutet 'der Geist des Drachen'."

"'Der Geist des Drachen'", flüstere ich fasziniert. "Das ist... wunderschön!"

"Und Lijian war der Nachname meines Vaters. Er bedeutet 'scharfes Schwert'."

"Deine Namen passen perfekt zu dir... als hätten deine Eltern gewusst, was aus dir werden würde... hat Wesir Khilbron auch deinen Vater gekannt?"

Feanor nickt. "Er hieß Qiu... Qiu Angsiyan Lijian. Qiu bedeutet Herbst... und Angsiyan war der Name eines großen canthanischen Kaisers, musst du wissen, koishii. Er hat vor ungefähr zweihundertfünfzig Jahren gelebt."

"Und wie kam er nach Orr? Oder war deine Mutter in Cantha?"

Feanor schüttelt den Kopf. "Nein. Mein Vater reiste nach Orr. Er war ein Krieger aus einer der niederen Adelsfamilien von Kaineng, über eine Seitenlinie entfernt mit dem Kaiserhaus verwandt. Für einen Canthani soll er außergewöhnlich groß gewesen sein..."

"So wie du", werfe ich flüsternd ein.

"Anscheinend habe ich meine Statur von beiden Eltern geerbt", meint Feanor. Er greift nach der Rumflasche, entkorkt sie und nimmt noch einen kleinen Schluck. Er hält sie mir fragend hin, doch ich winke ab, sicherheitshalber.

"Der Wesir erzählte, mein Vater habe dichtes, blauschwarzes Haar gehabt, das er schulterlang trug und bisweilen auf dem Kopf zu einem Knoten zusammenband... er diente im Range eines Offiziers in der Leibgarde des canthanischen Kaisers. Er soll ungefähr dreißig gewesen sein, als er den kaiserlichen Gesandten als Mitglied seiner Leibwache auf einer diplomatischen Mission zum König von Orr begleitete... weitreichende Handelsverträge und die Zollfreiheit bestimmter canthanischer Waren beim Import nach Orr sollten ausgehandelt werden. Und am Hofe des orrianischen Königs Reza traf er meine Mutter. Sie verliebte sich in ihn, und er sich in sie, und in das schöne, geschichtsträchtige Land, in dem einst die Götter selbst gewohnt hatten... und schon bald stand fest, dass er in Orr bleiben würde."

"Und so haben sie geheiratet... und krönten ihre Liebe mit einem Sohn. Das ist... das ist sehr romantisch", werfe ich leise ein. Ich spiele einer seiner langen Haarsträhnen, wickele sie geistesabwesend um meinen Finger. Schließlich schaue ich auf, begegne seinem sanften Blick, in dem noch immer ein Rest Trauer liegt. "Aber dann... was ist passiert? Warum wurdest du von deinen Eltern getrennt? Irgend etwas muss doch geschehen sein..."

Feanor seufzt. "Jetzt kommt der Teil, über den der Wesir selbst nicht genau Bescheid wusste. Einen Monat vor meinem fünften Geburtstag brachen meine Eltern mit mir nach Cantha auf. Mein Vater wollte seiner Familie in Kaineng endlich seine Frau und seinen Sohn vorstellen... und er wollte mich von einem der kaiserlichen Ritualisten-Meister prüfen lassen, weil er vermutete, ich könne eine gewisse... Begabung für diese Art von Magie haben. Wesir Khilbron sagte mir, er habe das damals für Unsinn gehalten, seiner Ansicht nach sei mir der Weg des Schwertmagiers vorbestimmt gewesen, so wie meiner Mutter... Nun... jedenfalls bestiegen meine Eltern mit mir in Arah ein Schiff, eine schnelle canthanische Diplomaten-Fregatte, die wichtige Depeschen nach Kaineng bringen sollte... die Drachenstolz."

Feanors Stimme versiegt, und er schluckt hörbar. Sekunden der Stille dehnen sich wie unendlich lange Minuten, bevor er weitersprechen kann. "Die Fregatte kam niemals in Kaineng an. Die canthanischen Behörden, die das Schiff dringend erwartet hatten, verständigten ihre Kollegen in Orr. Sie stellten Nachforschungen an, schickten Suchmannschaften los, und nach etlichen Wochen schließlich fand man die Drachenstolz führerlos im elonischen Meer treibend, weitab von ihrer eigentlichen Route. Das Schiff war unbeschädigt, und es gab keine Spur eines Kampfes, aber es war vollkommen verlassen. Ein Geisterschiff. Nicht einmal mehr eine einzige Ratte befand sich noch an Bord. Die Familie meiner Mutter sandte noch jahrelang Gold nach Elona und Cantha, um die Suche nach mir und meinen Eltern weiter zu finanzieren, aber es wurde nie auch nur die geringste Spur gefunden. Leider ist nie jemand auf die Idee gekommen, im Kloster von Shing Jea nachzufragen, es lag wohl einfach zu weit entfernt von der Reiseroute und vom Fundort des Schiffes."

"Wie furchtbar", wispere ich, "was ist da nur passiert? Es muss doch eine Erklärung geben!"

Feanor hebt die Schultern. "Es gibt keine. Piraten hätten ein solches Schiff nicht so einfach aufgegeben, und wenn eine Krankheit die Seeleute und die wenigen Passagiere dahingerafft hätte, hätten ihre Leichen noch an Bord sein müssen. Es bleibt ein ungelöstes Rätsel... es sei denn, ich erinnere mich wieder."

"Ja... wenn du dich erinnern könntest... ist es nicht möglich, dass du mit Hilfe von Magie wieder Zugang zu deinen Erinnerungen bekommst?"

Feanor schüttelt unmerklich den Kopf. "Der Wesir hat es versucht, aber..."

"Du hast es ihn versuchen lassen? Einfach so...?!" Ich spüre, wie sich meine Augen ungläubig weiten.

"Hast du das nicht gerade eben selbst vorgeschlagen? Ach, koishii..." Feanor drückt einen Kuss auf meine Stirn. "Er hat gesagt, er fühlt eine solch starke Abschirmung in mir, dass es mich töten könnte, wenn er die Barriere auf magische Weise gewaltsam entfernt. Wahrscheinlich werde ich nie erfahren, was geschehen ist."

"Vielleicht... vielleicht ist es auch ganz gut so. Vielleicht ist es eine Gnade... Es gibt Dinge, die sind zu schrecklich, um sich an sie zu erinnern." Ich beiße mir auf die Lippen. "Auf manche Erinnerungen könnte ich auch gut verzichten. Feanor...", ich schaue wieder auf und suche seinen Blick. "Wie lange ist das jetzt her?"

Seine Augen lösen sich wieder von meinen, richten sich auf den westlichen Himmel, an dem die Sonne sich allmählich rötet und dem Horizont entgegenstrebt. "Im letzten Monat waren es fünfundzwanzig Jahre", antwortet er leise. "Das bedeutet, dass ich irgendwann in diesem Monat Dreißig werde... oder geworden bin. Den genauen Tag wusste er nicht", beantwortet er meine unausgesprochene Frage.

"Wenn ich nur früher nach Tyria gekommen wäre", grübelt Feanor, nachdem er seine langen Beine ausgestreckt und mich auf seinen Schoß gezogen hat. "Ich hätte Orr noch sehen können. Meine Verwandten kennenlernen können. Wenn ich nur sofort gekommen wäre, nachdem ich das Kloster verlassen hatte..." Die leisen Worte fliegen mit dem Wind davon, als er wieder in tiefes Schweigen fällt.

"Vielleicht wärst du dann mit Orr untergegangen", antworte ich leise. "Und dann hätten wir uns nie getroffen."

Er blickt wieder zu mir herab, dreht mein Gesicht zu sich und streichelt über meine Wange. "Würdest du das bedauern?"

Mir fällt wieder auf, wie stark sein canthanischer Akzent durchkommt, diese ganze Situation, alles, was er erfahren hat, erschüttert ihn in seinen Grundfesten, wie ein Seebeben das Meer erzittern lässt.

"Man kann nicht das Fehlen von etwas bedauern, das man nicht kennt", flüstere ich rauh. "Aber... wenn du nicht wärst, dann wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Tot, vielleicht... wahrscheinlich. Und wenn nicht... dann wüsste ich jenseits meiner Rache nicht, wofür ich noch leben sollte."

"Koishii..." Er schließt die Augen, neigt den Kopf zu mir und presst seinen Mund auf meinen, weich und doch verlangend, und ich fühle das plötzliche, heiße Aufwallen der Leidenschaft, als seine Zunge meine Lippen teilt und die meine in einem zärtlichen Tanz voller Begehren umspielt.

Schließlich löst er sich von mir, atemlos, haucht winzige Küsse, zart wie das Schwirren von Schmetterlingsflügeln, auf meine Augenlider, meine Wangen, meine Mundwinkel. "Koishii... ich lie..."

"Schsch...! Nicht." Schnell hebe ich die Hand, lege ich meine Fingerspitzen auf seine Lippen, ersticke, was er sagen wollte.

Er umschließt meine Finger mit einer Hand, warm und sanft, berührt jede meiner Fingerkuppen nacheinander mit den Lippen. "Bitte... ich möchte es dir so gern sagen. In deiner Sprache."

Ich schüttele nur wortlos den Kopf. Ich will es nicht hören, denn ich weiß nicht, ob ich ihm die Antwort geben könnte, die er sich wünscht. Ich lasse meine Stirn gegen seine Schulter sinken, versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Ich bin mir ja selbst nicht sicher, was ich empfinde, und wie könnte ich ihn belügen? Er ist meinem Herzen wichtig... sehr wichtig... und ich kann nicht leugnen, dass ich ihn begehre, mit jeder Faser meines Seins. Aber ich weiß nicht, ob das reicht, um es 'Liebe' zu nennen. Es ist nicht wie bei Rurik, dessen bloßer Anblick mein Herz zum Flattern brachte, der mich wärmen konnte, durch und durch, mit nur einem einzigen Blick seiner bernsteinfarbenen Augen... und der Wesir hat recht gehabt mit dem, was er zu mir sagte... ich weiß nicht, ob ich jemals wieder wirklich lieben kann. Ich weiß es einfach nicht. Ich muss es abwarten... muss dem Gefühl die Möglichkeit geben, in Ruhe zu wachsen, so lange, bis ich weiß, was es ist.

"Warum nicht, koishii?", fragt Feanor kaum hörbar.

"Es... es ist noch zu früh für solche... bedeutungsschweren Worte", flüstere ich.

"Ich... ich verstehe... Ich will dich nicht unter Druck setzen." Seine Stimme ist so leise, dass ich nicht erkennen kann, ob ich seine Stimmung jetzt noch mehr niedergedrückt habe, und er birgt mein Gesicht in seiner Halsbeuge, streichelt meine Wange, mein Haar, so dass ich ihn auch nicht anschauen kann.

Chili stolziert herbei und rettet die unbehagliche Situation, indem sie sich vor uns auf die Hinterbacken setzt und lautstark kundtut, dass sie ein Anrecht auf ungefähr zwei Drittel der Decke hat, während ihr Schwanz ungehalten die Decksplanken peitscht. Schmunzelnd machen wir ihr Platz, und mit halbwegs zufriedenem Maunzen rollt sie sich schnurrend neben uns zusammen.

Zwei Stunden später ist die Sonne vollständig versunken, über uns sprenkeln die Diamantsplitter der Sterne das endlose, tintenschwarze Himmelszelt, tausendfach reflektiert von den spitzen kleinen Wellen der See, während das breite Goldband, das den Horizont markiert, langsam schmaler wird, um schließlich vollständig mit der tiefen Finsternis von Meer und Himmel zu verschmelzen. Ich liege dösend in Feanors Arm, den Kopf auf seiner Brust, eine Hand auf seinem Herzen. In meine Kniekuhle hat sich Chili gekuschelt, den schweren Kopf auf meiner Wade abgelegt, die durch das Gewicht allmählich einschläft, und mir ist herrlich warm. Irgendwo hinter uns schmettern Stephan, Claude und Orion, unterstützt von Alesias beschwipstem Gekicher, dreistimmig eine alte ascalonische Liebesschnulze, so grauenhaft schräg, dass wahrscheinlich sämtliche Muscheln, Seepocken und Mollusken freiwillig vom Schiffsrumpf abfallen und sich ein ruhigeres Plätzchen suchen. Vorn am Bug hat der Wesir wieder seinen Platz eingenommen, um das Schiff sicher in der Dunkelheit durch die Untiefen zu steuern. Morgen um diese Zeit werden wir bereits den Hafen der Oase Amnoon erreicht haben, hat er vor einer halben Stunde angekündigt.

"Feanor?"

"Hm? Was ist, koishii?"

"Bestimmt leben in Kaineng noch Verwandte deines Vaters. Du könntest... wir könnten nach ihnen suchen... wenn wir in den Zittergipfeln fertig sind."

"Ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf darüber", murmelt Feanor. Er streichelt sanft meinen Arm. "Ich bin oft in Kaineng gewesen, habe auch Aufträge für die verschiedenen Ministerien ausgeführt, und sogar einige für den Kaiser selbst, durch Vermittlung von Meister Togo. Eigentlich kenne ich alle Gesellschaftsschichten von Kaineng. Auch die oberen Zehntausend, und auch die geringeren Adelshäuser. Aber der Name Lijian sagt mir überhaupt nichts."

"Du kennst den Kaiser?"

"Nur flüchtig. Ich habe nicht oft mit ihm gesprochen."

"Und wie lange regiert er schon? Ich meine... wenn dein Vater ein Offizier der kaiserlichen Leibgarde war... dann würde er sich doch an ihn erinnern."

"Nein... Kaiser Kisu regiert erst seit zwölf Jahren. Seit sein Vater starb, Kaiser Kintah."

"Aber es gibt dort doch bestimmt altgediente Offiziere... irgend jemand muss sich doch an ihn erinnern. Und dann könntest du deine Verwandten finden."

"Es wäre sicher einen Versuch wert... kommst du mit mir?"

Nach Cantha gehen... Vor meinem geistigen Auge wächst die riesige Stadt Kaineng empor, die ich mir ungefähr vorstelle wie ein aufgeblähtes Löwenstein, wo an jeder Ecke Restaurants stehen, die dem kleinen Lokal am Hafen vom Riff der Stille ähneln, das meinen bisher einzigen echten, winzigen Eindruck des Landes darstellt, in dem Feanor großgeworden ist. Vielleicht verblassen dort endlich die zentnerschweren Erinnerungen, die mich mit Tyria verbinden und die mich niederdrücken werden, so lange ich hier bin. Ich könnte Ennoks Theatertruppe einen Besuch abstatten... ich spüre, wie sich meine Lippen zu einem schläfrigen Lächeln verziehen. Und wenn ich erst dort bin, an Feanors Seite, wird sich vielleicht alles weitere von selbst fügen.

"Hab ich doch gesagt", höre ich mich noch murmeln, bevor der Schlaf mit sanften Fingern nach mir greift und mich endgültig in das Reich der Träume hinabzieht.