52. Into the Fray
„Bitte erheben Sie sich!", befahl der Gamot-Richter in blauer Robe gebieterisch, um die Verhandlung einzuläuten. Und es war brechend voll. Zum Leidwesen der Rechtsmagier war es eine öffentliche Verhandlung, und bittere Spannung lag in der Luft.
Ein Murmeln ging durch das Publikum, als sich Malfoy und sein Verteidiger sowie Hermine und die Sachverständigen erhoben.
Ginny saß gebannt auf der Kante ihres Stuhls, und Harry war sich nicht sicher, welchen Ausgang er bevorzugen würde. Im Publikum erkannte er die Malfoys, Pansy Parkinson und einige Reinblüter mehr, deren Namen er im Moment nicht kannte. Das Gremium auf der Richterbank bestand aus einem Dutzend weiterer Gamot-Mitglieder mit säuerlichen Mienen.
Ron war nicht gekommen. Wahrscheinlich lag er noch im Koma in ihrem Gästebett. Besser war es, dass er nicht dabei war.
Harry hatte Hermine eingeschärft, den Mund zu halten, wenn sie nicht gefragt wurde, aber er nahm an, es war vergebene Mühe, ihr so etwas verständlich machen zu wollen. Sie sah jetzt schon aus, als wolle sie dem Richter über den Mund fahren.
„Die Verhandlung über die Verurteilung von Draco Malfoy wegen Kriegsverbrechens ist eröffnet. Die Verurteilung wegen weiterer Gesetzesverstöße behält sich das Zaubergamot bis zur Urteilsverkündung vor. Setzen Sie sich", rief er, nachdem sich alle Beteiligten erhoben und er die Anwesenheit überflüssigerweise überprüft hatte.
Dann konnte es wohl oder übel losgehen.
„Mr. Malfoy, entspricht es der Wahrheit, dass Sie am fünften Juni an der Seite Voldemorts gekämpft haben, und-?"
„-Einspruch", sagte Malfoys Verteidiger, ohne den Hauch von Respekt in der Stimme.
„Mr. Headley, für die Tatsachenbefragung gehe ich davon aus, dass Mr. Malfoy selber antworten kann?" Mit erhobenen Brauen fixierte ihn der Gamot-Richter.
„Zunächst ist es keine Tatsache, dass Mr. Malfoy gekämpft hat, Richter Kent", behauptete Headley mit verschränkten Armen, und Harry atmete lange aus. Es sah nach einer zähen Verhandlung aus, wenn Malfoys Verteidiger den Richter nicht einmal die erste Frage stellen ließ. Das Publikum flüsterte lauter, so dass der Richter einen bösen Blick in die Runde warf.
„In Ordnung", entgegnete der Richter beinahe spöttisch. „Mr. Malfoy, was haben Sie am fünften Juni letzten Jahres getan? Von morgens an, wenn Sie mir die Frage erlauben, Mr. Headley", wandte er sich knapp an den Verteidiger, der sich angespannt in seinem Stuhl zurücklehnte.
„Ich stand auf", begann Malfoy kopfschüttelnd, „und machte mich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt", schloss er ruhig.
„In Schlafrobe, oder-?"
„-Einspruch!", wiederholte Headley gereizt.
„Es ist eine berechtigte Frage, nicht wahr?" Und Headley schwieg daraufhin, bedeutete Malfoy zu antworten, und dieser schien weder den Richter, noch seinen Verteidiger besonders ernstnehmen zu können.
„Ich trug die Uniform der Todesser. Der zweiten Riege, wenn Sie es genauer wissen möchten, Mr. Kent", ergänzte er gedehnt.
„Richter. Sie sprechen mich mit meinem Titel an, Mr. Malfoy", korrigierte ihn der Richter scharf. „Ich danke Ihnen. Sie apparierten also zu einem Treffpunkt? Taten Sie dies allein oder vielleicht in Begleitung von Familienmitgliedern?" Und der Richter sah bereits, wie Headley beinahe aus seinem Stuhl sprang und hob die Hand. „Ich lasse keinen Einspruch gelten. Mr. Malfoy wird mir die Frage beantworten können, ob er alleine oder mit seinem Vater apparierte."
„Mein Vater war Anhänger der ersten Riege, also nein. Ich apparierte alleine", antwortete Malfoy mit lauter Stimme. Der Richter wirkte ein wenig unzufrieden.
„Wohin apparierten Sie? Was war der Treffpunkt?" Noch immer hatte Headley die Arme verschränkt vor der Brust, unterbrach den Richter aber nicht.
„Die öffentlichen Toiletten, welche runter zum Atrium führen", erklärte Malfoy relativ gleichmütig. Und Harry erinnerte sich. Der Kampf hatte früh begonnen, hatte sich in zähen Morgenstunden durch das Ministerium gezogen, und im Atrium war Voldemort letztendlich gefallen, allerdings nachdem Hermine und Malfoy verschwunden waren.
„Und welche Aufgabe wurde Ihnen anschließend zuteil? Was genau hatte ein Todesser zweiter Riege im Atrium zu leisten?"
„Einspruch!", rief Headley empört, aber Malfoy sprach unbeirrt weiter.
„Den Feind auszuschalten", sagte er mit fester Stimme, und der Richter ignorierte Headleys zornigen Fluch.
„Danke, Mr. Malfoy. Richter Wilkins?" Er wandte sich an einen anderen grauhaarigen Zauberer, der sich aus dem Gremium löste, um vor Malfoys Bank zu treten.
„Wie viele Auroren töteten Sie, während Ihrer Zugehörigkeit zu Vooldemort, Mr. Malfoy?"
„Einspruch, das tut überhaupt nichts zur Sache! Wie viele Auroren töteten ebenso ehemalige Todesser, die in keinen der letzten Kämpfe verwickelt waren? Es ist eine unzulässige Urteilung, die Notstandslage im Krieg überhaupt beziffern zu wollen!" Harry verzog den Mund. Ja, er hatte den ein oder anderen Todesser auf dem Gewissen, allerdings sah er es so, dass die Bösen es verdient hatten. Die Auroren wiederum nicht.
„Gut, ich formuliere die Frage anders, Mr. Headley. Ihre Argumentationsführung ändert jedoch nichts an einem möglichen Strafmaß", erinnerte ihn der Richter knapp. „Mr. Malfoy, haben sie jemals für Voldemort getötet?"
„Ja", war seine klare Antwort und ein missfallendes Raunen ging durch die Menge.
„Und haben Sie an diesem fünften Juni für Voldemort getötet?"
„Nein", sagte er kopfschüttelnd, und der Richter betrachtete ihn nachdenklich.
„Sagen Sie mir, wer brachte den Portschlüssel in Form der Maske mit?"
„Augustus Dowell", antwortete er wahrheitsgemäß, denn Harry hatte Dowell vor Monaten befragt. Auch der Richter nickte. Er schien die Antwort auf diese Frage auch zu wissen.
„Und sie wussten, wofür der Portschlüssel verwendet werden sollte?" Und Harry war sich langsam sicher, auf was der Richter hinauswollte.
„Einspruch", entfuhr es dem Verteidiger, beinahe vorsichtig.
„Weswegen, Mr. Headley?", wollte Richter Wilkins aufmerksam wissen, und der Verteidiger atmete hörbar ein.
„Mr. Malfoy hat den Portschlüssel nicht mitgebracht, noch hat er den Mobilius-Zauber angewendet", antwortete Headley ablehnend.
„Aber er war verantwortlich dafür, dass Voldemort ein garantierter Fluchtweg offenstand, nicht wahr?", durchschaute der Richter eisig. „Mr. Malfoy, waren Sie dafür verantwortlich, dass Voldemort den Portschlüssel benutzen konnte, und sind Sie deshalb, unter Einsatz Ihres Lebens gegen Miss Granger vorgegangen, als diese sich auf den Portschlüssel warf?"
Und Malfoy hatte den Blick gehoben und sah Hermine direkt an. Ihr Ausdruck war nicht zu deuten, und er atmete knapp aus.
„Ja", schloss er still.
„Danke, Mr. Malfoy", entgegnete der Richter zufrieden. „Richter Howland wird fortfahren", ergänzte er lächelnd, und ein großgewachsener Mann erhob sich, die Haare grau, einen akkuraten Schnäuzer über der Lippe, und seine Ausstrahlung war ablehnend. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, als er auf die Anklagebank zutrat.
„Mr. Malfoy, Richter Roger Howland", stellte er sich mit einem glatten Lächeln vor. „Ihre Eltern sind Lucius und Narzissa Malfoy?", erkundigte er sich.
„Das sollte aus den Akten bereits erkennbar sein", antwortete Headley statt Malfoy. Howland schenkte ihm einen säuerlichen Ausdruck.
„Gewiss. Ich vergewissere mich nur, Mr. Headley. Der Malfoy-Stammbaum geht zurück ins zweite Zeitalter, nicht wahr?"
„Einspruch!", fuhr Headley ihn an, doch Howland ignorierte ihn.
„Und der Stammbaum Ihrer Mutter reicht sogar bis ins erste Zeitalter zurück, oder? Sie sind der Sohn wahrer Reinblüter", schloss er nickend, beinahe spöttische Anerkennung auf den Lippen.
„Das Gremium soll bitte unnötigen Fragen Einhalt gebieten. Es tut nichts zur Sache, welcher Stammbaum zugrunde liegt!", rief Headley aufgebracht, und Richter Kent schien seufzend nachzugeben.
„Richter Howland, worauf wollen Sie hinaus?", erkundigte er sich stirnrunzelnd bei seinem Kollegen, und dieser machte eine weite Handbewegung, löste seine verschränkten Hände und deutete dann auf Hermine.
„Sehen Sie, Miss Granger ist muggelgebürtig. Mr. Malfoy hingegen ist das – verzeihen Sie meine Wortwahl – Produkt generationenlanger… Vorurteile", schloss er achselzuckend, und tatsächlich schwieg Mr. Headley daraufhin. „Das lässt mich lediglich annehmen, dass sich Miss Granger nicht willentlich… gefügt haben wird, als-"
„-das stimmt nicht!", rief Hermine, und Harry hatte es schon kommen gesehen. Hermines Verteidiger versuchte, auf sie einzureden, aber sie schüttelte ihn einfach ab. „Was soll das für eine Anschuldigung sein?", wollte sie beinahe zornig von dem Richter wissen. „Draco hat mich nicht vergewaltigt, wenn es das ist, worauf Sie hinaus wollen!" Blanke Wut stand in Ihrem Gesicht. „Wieso fragen Sie nicht mich, wenn Sie eine Charakteraussage über Draco haben wollen? Bin ich dann nicht die bessere Quelle?"
„Miss Granger, ich komme zu Ihnen, wenn meine Fragen dies erfordern", warnte er sie sanft, aber alle Freundlichkeit war aus seinem Blick verschwunden.
„Ja?" Herausforderung ruhte auf Hermines straffen Zügen. „Was Sie wissen wollen, kann ich Ihnen ebenso beantworten!", behauptete sie blind, und Harry und Ginny tauschten einen resignierenden Blick.
„Hermine", sagte Malfoy jetzt, aber sie schoss ihm einen genauso zornigen Blick zu, und er schwieg tatsächlich.
„Fragen Sie mich!", forderte sie den Richter heraus, und dieser kam nun langsam zu ihrem Tisch geschlendert.
„Also gut", begann dieser, und Harry wurde kalt bei dem Selbstbewusstsein, was der Richter ausstrahlte. „Sie waren zauberstabslos, Miss Granger?"
„Das stimmt", antwortete sie.
„Und Mr. Malfoy hatte einen Zauberstab?"
„Ja", bestätigte sie, ein wenig gereizt.
„Und das erste Zusammentreffen verlief… friedlich? Zwischen Ihnen?" Und Harry kannte die Geschichte. Friedlich wäre nicht das geeignete Wort.
„Nahezu sofort, ja. Wir waren beide panisch, wussten beide nicht, wo wir sind, aber wir begriffen schnell, dass der einzige Weg zurück nur durch Zusammenarbeit zu erfolgen hatte", log sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Harry biss die Zähne zusammen.
„Sie wissen, ich verfüge über die Erlaubnis Veritaserum zu benutzen, Miss Granger?" Aber Hermine blieb unbeeindruckt.
„Mr. Howland, wir sind beide zurückgekehrt, oder nicht? Wir sitzen hier vor Ihnen, und jedes altmagische Buch über Mobilius-Inseln wird bestätigen, dass eine Rückkehr nur durch Zusammenarbeit geschehen kann. Sofern Sie mich festnageln wollen, auf wie viele Wochen es gedauert hat, bis Draco und ich in der Zusammenarbeit Fortschritte gemacht haben, tun Sie sich keinen Zwang an. Und falls Sie wissen wollen, wann und wie oft ich mit ihm geschlafen habe, denke ich, dass es Sie einfach nichts angeht. Und gerne dürfen Sie Veritaserum benutzen, um mich zu fragen, ob ich mich ihm freiwillig hingegeben habe, denn ich habe keine Geheimnisse diesbezüglich. Ich liebe Draco, und genau das werde ich Ihnen auch unter Einfluss von Veritaserum bezeugen können."
Das Publikum schwieg verblüfft, und während Malfoys Blick sich etwas beschämt gesenkt hatte, funkelte Hermine den Richter so voller Überzeugung an, dass dieser sie nicht einmal korrigierte, bezüglich seines Titels.
„Sie… erwarten Mr. Malfoys Kind, und Sie haben freiwillig mit ihm geschlafen. Ich werde Ihnen ohne Veritaserum glauben, Miss Granger", antwortete der Richter unzufrieden. „Mr. Malfoy trägt das Mal nicht mehr, aber er trug es, als sie auf der Insel ankamen, korrekt?"
„Ja", sagte sie, fast prüfend, fast herausfordernd.
„Die Tatsache, dass Sie beide nur Augenblicke zuvor auf verschiedenen Seiten gekämpft hatten und Ihren angeblich sofortigen Waffenstillstand werde ich nicht weiter kommentieren, so unglaubwürdig diese Aussage auch sein mag"; bemerkte er spöttisch, und Hermines Augen verengten sich wieder, „aber… Ihnen muss klar gewesen sein, dass Mr. Malfoy bei einer möglichen Rückkehr, einem Prozess ausgesetzt werden würde, oder nicht, Miss Granger?"
Hermine wirkte kampfbereit. „Es schien unvermeidlich, ja", bestätigte sie bitter.
„Und mit diesem Wissen, glaubten Sie dennoch an einen Freispruch?" Hermine zog die Stirn in Falten
„Was soll die Frage?", wollte Hermine stattdessen wissen, und der Richter machte eine ausladende Handbewegung.
„Wäre es nicht sinnvoller gewesen, direkt auf der Insel zu bleiben, wenn Sie ihn so sehr lieben, anstatt nach Hause zurückzukehren, wo er mit aller Wahrscheinlichkeit einer Haftstrafe entgegenblicken wird?" Hermines Mund öffnete sich voller Empörung, und Harry sah die Beleidigung kommen, aber Malfoys Verteidiger war schneller.
„Einspruch!", wieder einmal. „Was soll das, Richter Howland? Wozu dient dieses Verhör?" Das Gremium beriet sich still, als Howland sich ihnen zuwandte, wohl um zu erfahren, ob er überhaupt auf Headley eingehen musste.
„Richter Howland, erläutern Sie Ihre Frage, bitte", bat ihn Richter Kent höflich, und Howland atmete beinahe nachsichtig aus.
„Nun, wie ich verstehe, war es den beiden ‚Verschollenen' irgendwann klar, wo sie waren, und was sie zu tun hatten, um wieder nach Hause zu kommen. Und somit waren ihnen auch die Konsequenzen klar. Was es bedeuten würde, wenn Mr. Malfoy wiederkäme." Harry konnte den Worten des Mannes nicht wirklich folgen. Er verstand nicht wirklich. „Ein gesuchter Todesser, ohne Alibi am Tag des letzten Kampfes", fuhr er gedehnt sofort, fast ein Lächeln auf den Lippen. „Vielleicht mochte diese Insel furchtbar gewesen sein." Sein Blick fiel demonstrativ auf Hermine, dann auf Malfoy, wie um die Folgen zu zeigen, was Harry ziemlich dreist fand. „Aber… wäre Freiheit einer Strafe in Askaban nicht vorzuziehen gewesen?"
„Sie wollen sie bestrafen, weil sie sich entschieden haben, zurückzukehren? Das kann doch wohl nicht-", begann Headley zornig, aber Howland hob die Hand.
„-gewiss nicht, Mr. Headley. Ich finde Miss Grangers Vehemenz in Ihrer Verteidigung lediglich… kurzsichtig. Sie kann ihre Beziehung zu Mr. Malfoy verteidigen, wie es ihr beliebt, aber einer Strafe wird er deshalb nicht entgehen", schloss er kopfschüttelnd. „Und das wird sie gewusst haben, wie sie mir bereits versicherte."
Harry begriff. Und er ahnte, was der Richter jetzt fragen würde. Er hatte es befürchtete.
„Miss Granger, ich würde meine nächste Frage gerne unter Einfluss von Veritaserum stellen." Howland lächelte nun zuvorkommend, als ein Hilfszauberer eine schmale Phiole brachte, sie Howland übergab, und dieser nahe vor Hermine trat. Er neigte sich ein wenig hinab, reichte ihr die Phiole, und es war keine höfliche Bitte. Hermine stand unter Eid. Sie hatte zu tun, was das Gericht verlangte. Harry sah, dass Malfoy den Blick gehoben hatte, sie mit weiten Augen ansah, aber Hermine griff sich die Phiole, ohne zu zögern und trank den Inhalt in einem Schluck.
Und keinen Moment später verschränkte der Richter zufrieden die Arme.
„Miss Granger, planen Sie nach dieser Verhandlung und der Urteilsverkündung eine Flucht? Wollen Sie für Mr. Malfoy arrangieren, der Haftstrafe zu entgehen und seiner Idientität zu entsagen, um ihn rauszuschleusen? Raus aus England? Planen Sie, sich ins Ausland abzusetzen und dort unerkannt zu leben? Haben Sie vor, das Gesetz zu brechen?", fragte er beinahe boshaft, und Hermines verschleierter Blick sagte Harry, dass sie unter dem Einfluss stand, und die Wahrheit sagen musste.
Und er merkte gar nicht, wie er die Luft angehalten hatte.
Es verging ein Moment, in dem der ganze Gerichtssaal die Luft anzuhalten schien.
Und dann sprach sie. „Nein, ich plane nicht, das Gesetz zu brechen. Ich verhelfe Draco nicht zur Flucht ins Ausland oder zur Aufgabe seiner Identität."
Und fast wirkte der Richter ehrlich enttäuscht. Dann wandte er sich ans Gremium. „Eine weitere Phiole!", verlangte er ungeduldig, und ein weiterer Zauberer brachte ihm das Serum. Er schritt zu Malfoy, verlangte knapp, dass er es trinken sollte, und dann wiederholte er seine Frage.
„Mr. Malfoy, wenn sie zur Haft verurteilt werden, planen Sie, dieser Strafe zu entgehen? Egal, auf welchem Weg?"
Wieder konnte Harry nur gebannt zusehen, und dann schüttelte Malfoy den Kopf.
„Nein, das plane ich nicht." Fast sah es so aus, als wolle der Richter mit der Faust auf den Tisch schlagen. „Plant Miss Granger Sie aus Askaban zu holen? Hat sie die Absicht, Zauberstäbe zu organisieren?"
„Nein", sagte er wieder, und Harry atmete erleichtert aus.
„Mr. Malfoy, antworten Sie mir wahrheitsgemäß!", verlangte der Richter nun gänzlich zornig. „Werden Sie zwanzig Jahre in Askaban verbringen, willentlich, ohne Widerspruch?" Headley wollte wieder einschreiten, aber gebieterisch brachte ihn Howland zum Schweigen, lauerte auf Malfoys Antwort, und dieser blickte ihm mit leerem Blick entgegen.
„Das werde ich."
Angespannte Stille herrschte jetzt im Saal, und der Richter wandte sich wütend ab.
„Das… ahem, das Greium zieht sich zur Beratung zurück", meldete sich Richter Kent zur Wort, wohl ein wenig überrascht und peinlich berührt über das harsche Verhör.
Und es geschah alles ziemlich zügig. Wahrscheinlich sah das Gremium ein, dass ihre Glaubwürdigkeit flöten ging, sollten sie Howland weiter erlauben, eine solche Hetzjagd auf den letzten Todesser zu veranstalten.
Und Harry neigte Ginny den Kopf zu. „Sie hat gelogen, nicht?", flüsterte er, so leise, dass nur Ginny es hören konnte.
„Nein", widersprach Ginny achselzuckend. „Er hat nur die falsche Frage gestellt", ergänzte sie lächelnd, und Harry dachte kurz nach. Hermine konnte nicht lügen, aber er nahm an, sie würde selbst im verzauberten Kopf nur auf präzise, sehr eindeutige Fragen, die Wahrheit sagen. Denn… nein, sie plante keine Flucht ins Ausland, so beängstigend die Wahrheit auch war. Und Malfoy schien nicht eingeweiht zu sein, in irgendwelche Pläne. Howland hatte sich selber ein Bein gestellt.
Das eigenartige war wohl, dass selbst die gute Seite es kaum als Sieg gegen die Ungerechtigkeit empfand. Keiner der Reporter machte Anstalten, Fragen zu stellen. Auch sie stand am Rand, wagte nicht, das Bild zu zerstören, auch wenn sie sich gerne von Draco verabschieden wollte.
Aber Hermine Granger lag in seinen Armen, ließ sich von Draco trösten, und es war herzzerreißend.
Das Urteil hatte gelautet, zehn Jahre Askaban, ohne Bewährung. Und Draco wurde heute noch in die Verwahrung überführt. Er durfte nicht einmal mehr nach Hause. Er kam direkt in Verwahrungshaft. Und es fühlte sich an, als hatte niemand triumphiert. Hermines Schmerz und ihr Leid wirkten so aufrichtig, dass es sich falsch anfühlte, zu glauben, es wäre gerecht. Zwar war es eine glimpfliche Strafe, aber eine Strafe war es trotzdem.
Pansy sah, wie Narzissa und Lucius bereits verschwanden. Sie hatten sich nur kurz von Draco verabschiedet, fanden es wahrscheinlich unangenehm, in Hermines Nähe zu sein, aber Pansy betrachtete beide mit einem traurigen Blick. Sie konnten eben nicht anders, die sturen Malfoys.
Hermine würde Dracos Kind bekommen, und es würde ohne Vater zehn Jahre aufwachsen müssen. Vielleicht besuchten sie ihn jede Woche? Aber es war trotzdem unerträglich traurig.
Kein Wunder, dass die Presse sich nicht gerade darum riss, ein Foto zu ergattern. Wiedermal zerstörte das Ministerium Glück und Liebe. Es war einfach nur widerlich.
„Interesse an einem Tee? Ich denke, es dauert noch eine Weile." Die Frau, die sich neben sie gestellt hatte, war Ginny Weasley, Rons Schwester. Sie hatte seine Augen, erkannte Pansy verblüfft. „Du willst dich von ihm verabschieden, nicht?", vermutete die hübsche rothaarige Frau verständnisvoll, und Pansy nickte dann.
Sie folgte Ginny raus aus dem Atrium. „Harry sagt, du bist mit meinem Bruder zusammen?", wollte sie direkt von ihr wissen, und Pansys Mund öffnete sich überfordert.
Sie war was?
