"Wir müssen erst testen, wie sie darauf reagiert, bevor wir es zerstören können. Nachher ist das nicht das Richtige, und das wäre ungut.", sprach der Mann, welcher vor ihnen das Artefakt inspizierte. Er war groß gewachsen und hatte graues Haar und einen Stoppelbart. Sein Kopf wirkte ein wenig wie ein Ballon, der aus seinem Hals auftauchte.
„Wir haben nicht viele Möglichkeiten. Sie zeigt keine Reaktion auf irgendwas seitdem wir die Münze aus ihrem Besitz entfernt haben.", sagte Thomas kühl. Er machte einen Schritt nach vorne, auf Tonks zu.
„Das Problem ist ja nicht, ob sie auf uns reagiert oder nicht. Nach Untersuchung der Münze habe ich keine Spuren auf nachhaltende Einflüsse – abgesehen von dem initialen Fluch – entdeckt. Ich schätze, dass sie sich in einen kleinen Käfig in ihrem Gehirn zurückgezogen hat. Ist aber nicht weiter schlimm, immerhin sind wir sowieso zunächst an ihrer Heilung interessiert.", erklärte der Mann.
Harry saß neben ihnen und beobachtete das Geschehen mit Interesse. Thomas und der Mann unterhielten sich leise und versuchten, nach Möglichkeiten zu suchen, Tonks zu befreien. Mit der Zeit hatten sich diverse Menschen hier versammelt – von Heilern über anderweitig Angestellten des Ministeriums. Madame Bones war für eine Stunde hier gewesen und hatte sich angeregt mit Thomas unterhalten, welcher kühl und sachlich antwortete. Tatsächlich wirkte er ein wenig unbehaglich in der Präsenz der Frau.
Tonks lag auf einem Krankenhausbett und war nicht gefesselt. Weder wehrte sie sich noch regte sie sich in irgendeiner erkennbaren Form. Harry hatte des Öfteren versucht, eine Reaktion aus ihre herauszubringen, aber hatte keinen Erfolg.
„Sie haben das Artefakt gebannt, Mister Potter?", fragte der Wissenschaftler nun, „Wie schätzen Sie das Risiko ein, wenn wir es freisetzen?"
„Ich weiß es nicht genau. Es schien ungefährlich, ich habe es aber aus Vorsicht gebannt. Da das letzte seiner Art aber einen sehr großen Schaden anrichten konnte, war ich vorsichtig."
Harry saß noch immer an der Seite des Raumes und abgesehen von seltenen Kommentaren beobachtete er das Geschehen nur ruhig. Sein Kopf war noch immer aufgewühlt von den Ereignissen in der Höhle und er versuchte, ein wenig runter zu kommen. Die zweite Präsenz in seinem Geist schien ihm dabei zu helfen, wofür Harry dankbar war.
„Also glauben Sie, dass das Lösen der Bannzauber nichts bewirkten wird.", sprach der Wissenschaftler.
„Ich weiß es nicht. Ich glaube dass die Tatsache, dass ich mit dem Artefakt geredet habe, wird mit der Zerstörung beim letzten Mal zu tun haben. Ich habe es mit Parsel aktiviert.", gab Harry zu.
Der Mann nickte stumm. „Um Miss Tonks zu retten, müssen wir zunächst einige Messungen an ihr machen. Ich bin mir nicht sicher, welche Auswirkungen die Zerstörung des Artefaktes hat. Außerdem müssen wir es wohl in einer isolierten Umgebung zerstören."
Thomas nickte bedächtig. „Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, wäre ich in der Lage, das Artefakt zu zerstören. Wenn wir jedoch das Artefakt und ein Speicherkristall gleichzeitig zusammen isolieren können, sollten wir die Möglichkeit ergreifen."
„Ich werde in jedem Fall Hilfe benötigen. Ich habe Croaker bereits kontaktiert, aber auch seine Abteilung läuft gerade auf dem Zahnfleisch.", sprach der Wissenschaftler weiter, „Haben sie mittlerweile eine Spur von Bridger?"
Thomas schüttelte leicht den Kopf, „Bisher hat die Suche nichts ergeben. Er wird in den Fängen der Schatten sein. Das macht es für uns schwieriger, ihn zu finden. Vielleicht ergibt die Razzia etwas."
„Ach ja… noch 24 Stunden, was? Die ganze Zentrale ist deswegen im Aufruhr. Die AAW macht da immer eine große Sache draus. Wahrscheinlich aus Spott England gegenüber."
„Thomas. Herschel.", sprach eine ruppige Stimme von außerhalb des Patientenraumes. Croaker, ein alter Mann mit einem feindseligen Auftreten, trat in den Raum und betrachtete die drei anwesenden Unsäglichen.
„Potter.", grüßte er, einen Moment später.
Der Wissenschaftler – Herschel – wirkte nervös, „Bitte, Saul, entschuldigen Sie die kurze Frist. Ich weiß, das ist nicht ihr Arbeitsgebiet, aber alle Abteilungen sind gerade sehr eng geschnürt."
Croaker nickte stumm, „Bridger ist weg. Verdammt schade. Erst Bode und jetzt er. Ich habe direkt gesagt wir hätten ihn hierher verlegen sollen. Und jetzt können wir uns auf keinen Fall mehr leisten, mehr Leute zu verlieren."
Als Croaker einen Schritt auf Tonks zumachte, zog er seinen Zauberstab und sprach einige Diagnosezauber, die Harry nicht kannte. „Sie ist stabil. Ihr wollt sie von dem Fluch befreien? Habt ihr den Trank des Lebenden Todes probiert? Das ist doch offensichtlich ne aktive Verzauberung. Ne Minute ist sie weg, dann ist sie wieder klar."
„Wir wollten das nicht versuchen, solange wir nicht wissen, wie sich die Verzauberung auf sie auswirkt. Immerhin ist sie mit dem Artefakt verbunden."
„Bullshit! Selbst wenn wir sie töten ist das noch besser für sie als wenn sie so weiter dahinvegetiert.", rief Croaker – und machte seinem Namen mit seinem Tonfall alle Ehre.
„Wir betreiben aber keine Euthanasie, Croaker.", schnitt Thomas kühl dazwischen.
„Pah! Das du das gerade sagen musst du Nazisohn!", bellte Croaker Thomas an.
Thomas Stimme verlor ihre Betonung und die Monotonie gefiel Harry gar nicht. „Konzentrier dich doch einfach weiter auf deine Arbeit, Croaker, und rede nicht von Dingen von denen du keine Ahnung hast."
Herschel räusperte sich, „Die Verzauberungen sind sehr fehleranfällig. Wir haben das festgestellt, als diverse Betroffene aus Frankreich reichlich Spuren hinterlassen haben. Auch in Italien wurden die Meisten Betroffenen nach wenigen Wochen aufgedeckt. Miss Tonks ist ein Sonderfall. Es würde mich nicht wundern, wenn Ihr-Wisst-Schon-Wer seine aktuelle Strategie aufgibt. Es gibt keine bekannte Möglichkeit, die aktuelle Arbeitsweise des Fluches zu verbessern. Dafür wären Imperiusflüche nötig und die kann man nur an eine Person heften, da es ein Trägerbewusstsein benötigt."
„Hast du was geraucht?", paffte Croaker Herschel an, „Jeder andere hätte gesehen, dass das ein Zeichen dafür ist, dass die Bindung nicht so stark ist! Ihr den Trank zu geben wird keine Probleme darstellen! Macht euren Scheiß alleine, ich muss zurück ins Ministerium. Fudge ist wie ein Furunkel an meinem Arsch."
Als der Mann wieder wegging, herrschte Stille im Raum. Thomas wandte sich Herschel zu, „Sie haben den Mann gehört. Schaffen sie den Trank und das Gegenmittel her."
Auch Harry machte sich auf den Weg. Es brannte ihm im Sinn, seitdem er bei den Delacours aufgewacht war – welche ebenfalls eine beunruhigende Kenntnis der Dinge hatten, die mit ihm geschahen. Doch nun ging es erstmal um den hauptsächlichen Übeltäter.
Harry hatte nicht vor, direkt mit Luna Lovegood zu reden – obwohl er das ultimativ vorhatte. Zur Klärung der Fragen wusste er, dass sie nicht die beste Informationsquelle war. Er wollte zunächst mit ihrem Vater reden. Außerdem war es ihm gar nicht erlaubt mit ihr zu reden. Er war in offizieller Funktion und sie war eine Minderjährige. Die Ironie dieser Tatsache ging nicht an ihm vorbei.
Er war selbst darüber verwundert, dass er anscheinend eine so hohe Sicherheitseinstufung hatte, dass er einfach Adressen von Leuten herausfinden konnte. Doch er wäre der letzte, der sich darüber beschwert. Nach diesem kurzen Abstecher in der Verwaltung war er geradewegs auf dem Weg zur Apparationszone.
Er war auf einem Hügel aufgetaucht, in kauernder Haltung. Da er direkt von der Zentrale gekommen war, konnte Harry sowohl Auroren als auch die Garde des Ministers vermeiden – auf Anraten von Jason hin. Er hatte keine Ahnung, dass der Minister so etwas überhaupt hatte, aber es klang wie etwas, das man vermeiden sollte. Er überblickte das Dorf Ottery St. Catchpole und sah in der Ferne den Fuchsbau, aber auch den kleinen schwarzen Zylinder, der laut Harrys Informationen Xenophilius Lovegood gehörte.
Es war gar nicht so weit vom Fuchsbau , aber wahrscheinlich nicht in Sichtweite. Harry fragte sich, wie die Entführung von Ginny vonstattengegangen war. Er hatte sich die Akte nicht angeschaut – er wollte die Beschreibung von Ginnys Verletzungen nicht lesen. Harry musste sich zurückhalten, um Lovegood nicht darüber auszufragen. Er war sicherlich schon mehrfach befragt und gelöchert worden.
Durch die Fülle an Feldzaubern konnte er es aus der Ferne nichts erkennen, daher versuchte er schlichtweg dem Mann vor die Tür zu springen. Zu seiner großen Verwunderung fand er sich am Ende eines überwucherten Zickzackweges, vor einer schweren schwarzen Tür wieder. Dass gerade die Lovegoods keine Zauber gegen Schattenmagier hatten, wunderte Harry doch sehr. Immerhin schien Luna alles zu wissen, egal, was Hermine von ihr hielt. Zumindest die Unsäglichen hätten diesen Feldzauber sicher hinzugefügt. Allerdings wusste Harry das natürlich nicht so genau – er hatte ja nicht die Akte gelesen.
Er nutzte den Adlertürklopfer, um an die Tür zu pochen. Es dauerte einige Momente, und Harry war fast so weit, umzudrehen, als er aufgeregtes Geraschel aus dem Inneren des Hauses hörte.
Du wirst nichts zu meiner Präsenz sagen., sagte die Stimme mit einer gewissen Schärfe in seinem Kopf. Als hätte Harry dem Mann erzählt, dass er Stimmen hörte.
Die Tür wurde geöffnet und ein Mann mit weißem Haar stand vor ihm. Harry konnte nicht sagen, ob der Mann alt war oder eine seltsame Haarfarbe hatte. Jedenfalls schienen seine Haare ein wenig unnatürlich und auch sein Bartansatz strahlte ihm beinahe entgegen. Er war schlicht gekleidet – wenngleich in einem so satten Grün, dass Harry ein wenig unwohl wurde. Der Mann schielte ein wenig mit dem einen Auge, und für einen Moment überkam Harry der Eindruck, dass das Absicht war, den Grund konnte er sich allerdings überhaupt nicht denken. Er trug eine Goldkette, an deren Ende ein gekrümmtes T baumelte.
Das angelsächsische Symbol für Erde., gab die Stimme dazu.
Da der Mann etwas zögerte, ergriff Harry direkt das Wort, „Unsäglicher Potter. Ich habe ein paar Fragen."
„Unsäglicher? Geht es um… Ich hatte ihnen schon alles gesagt… aber…. Harry Potter?", der Mann schien zwischen verschiedenen Gedanken hin- und herzuspringen.
„Ich bin nicht wegen der Entführung hier. Es geht um etwas anderes.", wehrte Harry ab. Obwohl ihm das Thema der Entführung extrem nahe ging, versuchte er, sich nichts anmerken zu lassen.
„Wegen meiner Artikel? Ich wollte niemanden…", setzte der Mann an, doch Harry hob die Hand und er verstummte.
„Nein, es ist auch nicht wegen Ihrer Artikel. Aber wieso zeigen Sie mir nicht, was sie genau meinen? Es lohnt sich immer, auf dem Laufenden zu bleiben.", entgegnete Harry ruhig und mit falschem Interesse. Es war eine Standardtaktik, die er von Thomas gelernt hatte. Der überenthusiastische Xenophilius Lovegood hatte nun praktisch keine Möglichkeit, ihn nicht in sein Haus zu lassen.
„Ja natürlich, Mister Potter! Kommen sie nur rein!", antwortete der Mann, und trat beiseite.
Er gab die Sicht auf einen Raum frei, der sich perfekt in das Innere des Zylinders zu schmiegen schien. Das Haus wirkte, als wäre es wie ein Schichtkuchen aufgebaut. Die Kücheneinrichtung folgte der kreisrunden Form und war perfekt geboten. Eine etwas seltsame Gestaltungsidee, schien aber zu funktionieren. Über einen Dielenboden, welcher ebenfalls der Kreisform folgte, trat Harry hinter dem Mann ein. Die Küche war vollgestellt mit diversen Utensilien und wenige Arbeitsflächen waren frei von irgendwelchen abgestellten Geräten und Formen. Teilweise schienen auf den Regalen Blumen und andere Formen gemalt zu sein, doch das Gesamtwerk schien unfertig.
„Möchten Sie einen Brennesseltee, Mister Potter?", fragte Lovegood nun.
Im Geschoss über ihnen donnerte es und knatterte, als würde eine alte Maschine arbeiten. Harry konnte über die Wendeltreppe nicht ausmachen, worum es sich handelte.
„Nein, aber vielen Dank.", antwortete Harry abgelenkt.
„Na dann, setzten wir uns am besten nach oben!", sprach der Mann nun jovial.
Er schritt die Treppe hinauf und Harry folgte ihm auf den Fersen. Ein Stockwerk weiter oben war es nicht weniger vollgestellt, allerdings schien es eher eine Mischung aus Arbeits- und Wohnzimmer zu sein. Hier erkannte Harry, dass es sich bei der Maschine um eine Druckerpresse handelte.
„Sehen sie! Die nächste Ausgabe! Es… handelt sich um eine kleine Erhebung der magischen Tierarten in England. Aber ich sehe ihnen an, dass das nicht ganz ihr Gebiet ist… Vielleicht…"
Er hielt ein Exemplar seiner Zeitung in der Hand, „Wie wäre es mit diesem Artikel? Er wurde uns zugesandt, eine durchaus interessante Betrachtung von Übertragungszaubern. Wenn ich es zusammenfassen darf, die Untersuchung hat im Mittelpunkt, was Flüche letztendlich zu Flüchen macht. Die lokale Bindung. Sie müssen getragen werden, über einen Träger, den wir durch ein Leuchten wahrnehmen. Zauber hingegen sind ungebunden und können sofort wirken, wie der Schwebezauber, den sie sicher kennen. Oder hier!"
Harry stand angewurzelt da und wusste nicht so recht, was er sagen sollte.
„Oder der Artikel, den meine Luna geschrieben hat? Über Unsichtbarkeit?", fragte Lovegood nun, „Luna hat mir von ihnen erzählt. Sie haben ihr den Patronuszauber gezeigt. Ich war nie so stolz auf meine Kleine gewesen…"
Plötzlich wandte sich der Mann um, „Sie sind nicht wirklich aus Neugier hier, oder?"
Dass der Mann vorsichtig nachfragte, zeigte Harry, dass er auf der Hut war. Das war vollkommen verständlich, immerhin hatten Unsägliche bei ihm einen faden Beigeschmack hinterlassen nach Ginnys Entführung. Ob der Mann wegen irgendetwas bezichtigt wurde, wusste Harry nicht.
„Vor drei Tagen wurde mir im Krankenflügel von Hogwarts eine Flüssigkeit verabreicht, die… sehr unvorhergesehene Konsequenzen mit sich trug. Ihre Tochter ist mindestens eng darin verwickelt und ich möchte von Ihnen ein paar Dinge erfahren."
„Wieso fragen sie sie nicht selbst?", fragte der Mann nun.
„Ich will erst mehr Informationen über die Vorgänge sammeln. Was könnte Luna dazu gebracht haben, so etwas zu tun?"
„Was zu tun?", fragte der Mann nun verdutzt und nahm Harry den Wind aus den Segeln.
Nachdem er sich wieder gefangen hatte, erwiderte er, „Das Verabreichen von unbekannten Flüssigkeiten an einen Unsäglichen ist aus offensichtlichen Gründen ein Vergehen."
„Aber wenn es zu Ihrem besten geschehen ist?", fragte der Mann nun, als würde es alles erklären.
„Die Beweggründe sind unwichtig – es bleibt ein Vergehen. Außerdem kann man sich darüber streiten ob es zu meinem Besten war.", erwiderte Harry, ein wenig bissig. Eine Stimme im Kopf zu haben war verdammt nochmal anstrengend.
Der Mann schien vollkommen unberührt von Harrys kleinem Ausbruch, „Wie hat es sich angefühlt, als das Gold in Sie hineingeflossen ist, Mister Potter?"
„Wenn sie mir nicht sagen, worum es sich handelt, werde ich sie festnehmen. Mittäterschaft oder vielleicht sogar Anstiftung einer Minderjährigen zu einem Verbrechen.", sprach Harry nun hart.
Er hat Schuldgefühle. Weise ihn darauf hin, dass es in seinem besten Interesse ist, mit dir zu sprechen. Sage ihm, dass er nach einem Weg sucht, Luna zu helfen, und sich dir nicht verwehren sollte.
Harry hatte keine Ahnung, was das alles bedeuten sollte und aus der Haltung des Mannes war auch nichts abzulesen. Doch er versuchte schlichtweg weiterzuleiten, was er gehört hatte. Der Mann schien sich augenblicklich zu verkrampfen, sobald er so etwas ansprach und ein Funken Wut und Trauer war in den Augen des Mannes zu erkennen.
„Sie wissen gar nicht, wovon sie reden.", sprach der Mann nun, „Was wollen sie schon machen wo ich versagt habe? Sie sind auch nichts weiter als ein Schulabbrecher."
Der Ton des Mannes war auf einmal bissig geworden. Harry blickte ihn kühl an. „Ich kann für sie die Gunst erwerben, die sie verloren haben. Um Luna zu helfen führt kein Weg an uns vorbei. An wen wollen sie sich sonst wenden? Das Ministerium?"
Der Mann seufzte. „Also schön, Mister Potter, aber ich denke nicht, dass sie uns nützen könnten."
Er stand auf und ging um den Sessel herum um nach etwas im Schrank zu kramen. Die Maschine ratterte unaufhörlich und allmählich stapelten sich die Zeitungen davor. Er kehrte mit Bildern zurück, die er verdeckt hielt.
„Ich weiß selbst nicht, wann es angefangen hatte. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich damals nicht für Luna da gewesen bin. Ich war in Trauer, verstehen sie, als Selene gestorben ist, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Selene hatte schon immer gerne experimentiert und irgendwann war sie aufgedreht und… freudig. Sie sagte, sie hätte irgendein Rätsel gelöst. Als ich sie fragte, worum es ging, meinte sie nur, dass das jeder für sich rausfinden müsste. Es ginge darum, wie die Magie funktioniert."
Er hielt für einen Moment inne und Harry versuchte nachzuvollziehen, was er da sagte.
„Eines Tages war sie am Nachmittag in den Keller gegangen und kam bis zum Abend nicht heraus. Normalerweise brachte sie aber Luna ins Bett und Luna… wartete auf sie. Ich sagte ihr, sie solle…"
Er wischte sich eine Träne zur Seite.
„Ich sagte Luna, sie solle nach ihrer Mutter sehen. Ich habe nichts mitbekommen, bis ich den schrillen Schrei von ihr hörte und sofort zu ihr gegangen bin. Selene war tot und Luna… hielt ihre Mutter im Arm. Ich werde mir nie verzeihen, wie das alles gelaufen ist. Sie hatte ihre Mutter sterben sehen und ich… habe es nicht gemerkt. In den nächsten Tagen sind wir in einen Trott gefallen indem ich mich wieder und wieder hier im Arbeitszimmer verkroch und Luna oben in ihrem Zimmer war. Ab und zu kam Arthur vorbei und hat uns Dinge gebracht und Lebensmittel… Luna hatte sie immer angenommen und gedankt. Ich weiß nicht was sie in ihrem Zimmer genau gemacht hat und ich habe auch nicht bemerkt, dass sie etwas aus der Werkstatt ihrer Mutter entfernt hatte aber irgendwann… Kam sie runter und… Es war so unwirklich. Sie sprach mit mir als wäre sie von Geistern besessen ich… Wusste nicht, was ich tun soll. Seit dem Tag ist es eine Herausforderung, mit Luna umzugehen. Es wurde besser, irgendwann und ich bin sicher, dass sie nicht Besessen ist oder irgendetwas dergleichen aber… Sie hat einen ungesunden Draht zu einer Welt, die ich nicht verstehe oder sehen kann. Ich versuche natürlich so viel rauszufinden, wie ich kann aber… Es klappt nicht so gut."
Harry musste etwas einwerfen, „Um manche Dinge liegen alte Schutzzauber. Dass sie nichts rausfinden, ist wahrscheinlich eine gute Idee."
Lovegood grinste schief, „Metaphern. Vergleiche. Glauben Sie, ich würde wirklich nach Schlickschlupfen suchen? Ich bin nicht dumm, Mister Potter. Ich weiß sehr gut, wie ich mit solchen Schutzzaubern umzugehen habe. Die Tatsache, dass sie das um meinetwegen Schutzzauber nennen, ist schon Beweis genug, dass sie sehr gut wissen, wovon ich rede. Ich habe studiert, wissen sie. An einer amerikanischen Universität, bevor ich nach England zurückgekehrt bin. Ich bin aber erfolglos gewesen. Ich war erfolglos, wo sie erfolgreich waren."
„Wieso haben sie das nicht gemeldet? Oder es jemanden erzählt? Albus Dumbledore hätte helfen können.", entgegnete Harry nun.
Lovegood schüttelte den Kopf, „Dumbledore hat die Angewohnheit, das Wohl des Volkes über das Wohl des Einzelnen zu stellen. Und das Wohl meiner Luna ist die höchste Priorität, die ich habe. Sie haben das am eigenen Leibe erfahren. Dumbledore, der Kenntnisse über Ihresgleichen hat, hat nichts unternommen um Sie oder Ginny Weasley davor zu schützen. Die Mysteriumsabteilung war Menschenleer, als sie meine Luna zu ihrem abenteuerlichen Ausflug überredet hatten. Es müsste voll gewesen sein. Wieso die Angriffe und wieso die ganzen Verräter? Seien sie immer bedacht, dass Albus Dumbledore alles sieht und alle Informationen kontrolliert."
Es lief Harry eiskalt den Rücken runter.
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Es war immer ein Albtraum, wenn Dorfpolizisten zu Einsätzen der magischen Art gerufen wurden. Die große Mehrheit war nicht eingeweiht und die Erinnerungszauberer mussten schnell und unauffällig vorgehen. Wenigstens waren die Leitstellen immer auf der Hut – besonders, nachdem es jetzt häufiger zu solchen Dingen kam.
Die beiden Polizisten des Ortes Albstadt wurden befragt, ihre Erinnerung wurde gelöscht und der Einsatz wurde aus dem Register entfernt.
Albus Dumbledore trat auf das Feld und sah sich um. Es war sehr ruhig in diesem Teil des Landes und er beneidete oft jene Menschen, die sich einfach aus der Affäre ziehen konnten und in die Einsamkeit ihrer Häuser zurückgehen konnten.
Die Leiche war nicht eingepackt worden. Die zuständige Abteilung der Unsäglichen hatte dafür gesorgt, dass der Tatort nicht angefasst wurde, bis Thomas hier war. Natürlich auf Albus Anraten hin.
Der Mann konnte schnell als Christian Winkler identifiziert werden. Der Mann, laut Albus Information, war kurz vorher in Nurmengard stationiert gewesen. Von dort aus war er verschwunden - dass dies nicht sofort in Richtung der Auroren propagiert wurde, war allein der strikten Geheimhaltung der Zentrale geschuldet. Die Kameraden des Mannes wussten es ja nicht besser.
Keiner der anwesenden Auroren hatte die Berechtigung, zu dieser Frage irgendwelche Nachforschungen anzustellen. Sie taten es natürlich trotzdem, allerdings war das Netz der Unsicherheit, dass Albus und Thomas um diese Einrichtung gespannt hatten, zu dicht.
Albus spürte urplötzlich eine sehr starke magische Energie hinter sich. Es war wie ein Wirbelwind, als würde etwas hinter ihm explodieren und wüsste er nicht, worum es sich handelte, hätte er womöglich Schutz gesucht.
„Albus.", grüßte Thomas mit einer kalten Stimme.
Thomas Blick blieb sofort an der Leiche haften. Sein Gesicht verriet keine Regung und keine Emotion, doch Albus wusste, wie aufwühlend das für seinen Freund sein musste.
„Er wurde heute gefunden. Es hat einen Moment gedauert, bis die Leitstelle identifizieren konnte, dass es sich um einen magischen Vorfall handelt. Seitdem waren nur die beiden Polizisten hier. Du kannst ihre Aussage einsehen, der Protokollführer hat noch seine Kopie.", erklärte Albus Thomas.
Dieser machte einen Schritt nach vorn. Nach einem Moment, bei dem er sich die Leiche ansah, machte er einen Schritt dahinter.
Dass es sich um einen deutschen Auroren handelte, war nicht die einzige Sache, die an diesem Tatort seltsam war. Albus nahm ein Zitronenbonbon aus seinem Umhang und steckte es sich in den Mund. Thomas würde schnell darauf kommen, was besonders an dieser Leiche war, und tatsächlich –
„Das war ein Auftragsmord. Keine Spuren von Schattenmagiern oder von Todessern.", sagte Thomas und kniete sich hin. Er war nun neben dem Mann und inspizierte ihn. Gedanklich tief verloren, wusste Thomas wohl nicht, wie sehr er in diesem Moment seinem Vater ähnelte.
„Er wurde hier abgelegt und präpariert. Aber es hat nicht die Marke eines Mörders, der sein Handwerk mag. Es war nicht enthusiastisch. Keine Anzeichen von Gewalteinwirkung über den Todschlag hinaus. Wann wurde er hier abgelegt?"
Dumbledore sah sich kurz um, um seinen Kopf wieder klar zu bekommen, „Er wurde heute Morgen gefunden, und die Auroren sagten, er wäre heute Nacht hierhin gelegt worden."
„Also waren wir schnell. Wer hat bei der Leitstelle angerufen und wie kamen sie darauf dass es ein magischer Tatort war? Abgesehen von den magischen Spuren die die Muggel nicht spüren können. Der Totschlag wurde mit einem stumpfen Objekt durchgeführt. Ein Teleskopschläger, zum Beispiel. Das würde auch die Schwere der Verletzung erklären."
„Ich weiß es nicht, Thomas. Aber das ist nicht das Wichtigste.", meinte Albus nun, mit ein wenig Ungeduld.
„An einem Tatort ist alles wichtig. Ich weiß sehr gut, dass du mich auf einen bestimmten Schluss lenken möchtest, aber du weißt, dass das bei mir nicht funktioniert.", antwortete Thomas mit etwas Schärfe in der Stimme.
Albus seufzte und erwiderte, „Thomas, ich bin nicht vollkommen grundlos hier. Der Mann hatte etwas in der Hand gehabt, das die Auroren aufgenommen haben."
Thomas schritt von der Leiche weg und auf den Auroren zu und Albus sah ihm zu, wie er ein paar Worte mit dem Mann auf Deutsch wechselte. Eine kalte Böe trieb Albus einen Schauer über den Rücken. Der Herbst war an seinem Ende angekommen.
Als Thomas zurückkehrte, sah er sich das Pergament an, „Das sind Runen. Aber keine magischen Runen, ich glaube… ‚Schützt die Kinder'?"
Albus nickte stumm. Er hatte es ebenfalls schon entziffert und hatte sich erhofft, dass Thomas den Schluss einsah, der sich unabdingbar abzeichnete. Deshalb war er hier geblieben.
Thomas runzelte die Stirn, „Wieso schickt er dir diese Nachricht? Und sie muss für dich sein – ich bin in keiner Position, irgendwelche Kinder zu schützen."
Albus seufzte, „Ich glaube, was Tom uns sagen möchte, hat vielmehr etwas mit England als mit den Kindern selbst zu tun. Wenn er England stürzt, laufen ungleich mehr Zauberer in die Gefahr, von Muggeln entdeckt zu werden. Das Blut von Zauberern möchte er aber nicht vergießen. Daher die Nachricht."
„Das scheint mir sehr weit hergeholt, um ehrlich zu sein. Wieso sollte der dunkle Lord sich darum scheren, ob ein paar Schulkinder sterben? Das hat ihn in der Vergangenheit auch nicht abgehalten.", argumentierte Thomas.
„Er war bisher auch nicht in der Lage, einen so tiefgreifenden Einschnitt in das Leben der englischen Zaubererwelt vorzunehmen."
Thomas seufzte und mit einem kalten Blick bedachte er Dumbledore, „Mal nicht schon wieder den Teufel an die Wand. Wir nehmen in 12 Stunden in England eine Razzia vor. Wenn wir dort etwas finden, was deine These stützt, dann werden wir etwas unternehmen. Bis dahin schlage ich vor, dass die Muggelgeborenen lernen sollten, wie man Schutzzauber spricht."
„Mit der Runenbotschaft zusammen ist das ein klares Signal, dass Voldemort jede Form von Schutzzaubern umgehen kann.", sprach Dumbledore, „Und dass er sogar andere in seinem Auftrag durch Schutzzauber schicken kann."
Thomas schüttelte den Kopf, „Und was soll ihm das bringen? Hogwarts kann sich selbst verteidigen. Das Ministerium ist voller Auroren. Nurmengard hat sehr gute Schutzmechanismen, von Grindelwald persönlich entwickelt."
Manchmal wünschte sich Albus, Thomas würde ihn Vater nennen.
Thomas fuhr fort. Er konnte seine Gedanken schließlich nicht wahrnehmen, „Wir sind noch im Vorteil. Selbst, wenn Voldemort die Mittel hat, weiß er weder was er möchte noch wie er es einsetzen kann. Unser Vorsprung ist nicht angegriffen. Außerdem übersehen wir etwas. Entschuldige mich, ich muss Vorbereitungen für einen Großeinsatz treffen."
Mit einem gewaltigen Zischen verschwand der Mann.
Edit: update 2018-01-07
Update II 2019-04-28
