APOV
Ich sitze im Publikum und kann mich nur schwer auf das Gesagte konzentrieren, da meine Gedanken sich nur um Christian und die unendlichen Möglichkeiten drehen, die uns beiden nun, da er seine Verlobung gelöst hat, offen stehen, was mir einen Dauergrinser im Gesicht beschert und mich mein halbes Notizbuch nur mit Herzchen und dem Namen ‚Christian' füllen lässt. Jack hat schon ein paar Male gefragt, was mit mir los ist, aber ich hülle mich in Schweigen, wobei ich nicht weiß, wie lange ich das noch aushalte, da ich es am liebsten vom Empire State Building herunter schreien möchte. Die Schmetterlinge in meinem Bauch gewinnen bald die Überhand und ich kann mich kaum mehr auf meinem Platz halten.
Irgendwann ist es aber dann doch zu Ende und Jack führt mich zum Essen aus, um diese erfolgreiche Geschäftsreise zu feiern. Das Restaurant befindet sich zum Glück gleich gegenüber von der Galerie, so dass wir es nachher nicht ganz so eilig haben. Jack ist so ein angenehmer Kollege mit so guten Manieren, dass ich mich in seiner Nähe sehr wohl und behütet fühle. Ich glaube, ich könnte mich glatt in ihn verlieben, wenn ich nicht gerade über beide Ohren verliebt wäre.
Nach dem Essen gehen wir hinüber in die Galerie und sind etwas zu früh da, also helfe ich José die Sektflöten, von denen ich mich Dank meines gestrigen Ausfluges brav fern halte, für den Empfang zu füllen. Jack ist ein Schatz und hilft tatkräftig mit. Bald danach kommen auch schon die ersten Gäste und wir greifen José wo wir nur können unter die Arme, bis der erste Ansturm abgefertigt ist. Als wir danach durch die Gänge schlendern, die voll von Josés Werken sind, und seine Arbeit bewundern, bin ich noch sehr begeistert von dieser Ausstellung. Doch das ändert sich schlagartig, als ich in einen Raum komme, in dem sieben große Portraits von mir hängen. Ich: schmollend, lachend, mit finsterem und ernstem Gesicht, amüsiert. Alle Aufnahmen ganz aus der Nähe und in Schwarz-Weiß. Was zur Hölle?
José schlingt plötzlich seine Arme von hinten um mich herum und flüstert mir ins Ohr:
„Gefällt es dir? Ich konnte an diesem Sonntag einfach nicht genug von dir bekommen! Du bist eine wahre Muse!" Eigentlich bin ich entsetzt, da von den sieben Leuten, die ihm Modell gestanden sind, genau nur diese Fotos entstanden sind. Es hängen nämlich nirgends die Bilder von den anderen. Das lässt ihn ein wenig wie einen Serienkiller wirken finde ich.
„Ein wenig übermächtig hier in diesem Raum. Wo sollte man sich diese Bilder aufhängen können?", frage ich unverständig. Ich denke, ich würde nicht einmal ein Portrait in meinem Wohnzimmer unterbringen.
„Es gibt anscheinend ausreichend Platz, denn alle sieben Bilder sind schon verkauft!", kontert er siegessicher.
„Toll!", täusche ich eine Begeisterung vor, die ich gerade nicht aufbringen kann. Ich finde es eher unheimlich, wenn sich auch noch jemand Fremdes, der mich nicht einmal kennt, meine Bilder aufhängt.
Die Zeit vergeht wie im Flug und nachdem wir uns von José verabschiedet haben, erwartet uns draußen ein strömender Regen und ich beiße mir auf meine Unterlippe, da ich wieder einmal keine Jacke habe und nur das Halstuch trage. Jack zieht sich seine Jacke aus und legt sie mir um die Schultern, bevor er noch einmal zurück geht, um ein Taxi zu bestellen. Als er wieder herauskommt, sieht er mich mit einem seltsamen Blick an.
„Du bist so wunderschön!", sagt Jack und beginnt, mir die Jacke von unten nach oben zuzuknöpfen.
„Danke" sage ich und hoffe, dass das nun keine Liebeserklärung wird. Seine Hand wandert in seine Hosentasche und dann nach oben, wo sie meinen Hals entlangfährt zu meinem Nacken, an dem er mit beiden Händen herumfummelt. Erst dann bemerke ich, dass eine wunderschöne Kette an meinem Hals baumelt.
„Jack, ich … " protestiere ich, doch er schüttelt nur den Kopf.
„Ana, ich weiß, du hast erst kürzlich eine Trennung hinter dir, aber ich wollte, dass du weißt, dass ich dich sehr gerne habe. Seit dem ersten Mal, als ich dich gesehen habe, gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Und als ich diese Kette sah, schrie sie förmlich nach dir", erklärt er.
„Ich mag dich sehr, aber es gibt da jemanden, dem nun mein Herz gehört. Ich weiß noch nicht, ob wirklich etwas Ernstes daraus wird, aber mit ihm kann ich mir echt eine Zukunft vorstellen. Meine Kinder sind auch verrückt nach ihm, also will ich es mit ihm probieren. Es tut mir so leid!", sage ich ihm ehrlich. Er seufzt und lässt die Schultern fallen.
„Das ist schön für dich! Für euch! Dann behalte die Kette als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk!", sagt er und küsst mich auf die Wange.
„Ich danke dir!", sage ich ihm und umarme ihn, während ich ein wenig seine Körperwärme genieße. Doch auf einmal wird er von mir weggerissen und ich starre mit weit aufgerissenen Augen auf die Szene vor mir.
