Kapitel 49: Was vor uns liegt

Die nächsten Tage vergingen in Ruhe.

Der Unterricht nahm seinen Lauf und man merkte die Vorfreude auf die Weihnachtsferien bei den Schülern.

Noch immer hing der Himmel schwer und grau über dem Land und eisige Kälte hielt es fest im Griff. Inzwischen sehnte sich jeder nach Schnee, aber so sehr es auch jeden Morgen aufs Neue danach aussah, als würde es heute endlich schneien, passierte außer beißend kaltem Wind nichts.

Auch wenn Carol es nicht immer vermeiden konnte Schülern zu begegnen, so hatten die sich wohl mittlerweile an die Anwesenheit von Besuchern im Schloss gewöhnt. Trotzdem vermied sie peinlichst Begegnungen mit Slytherin-Schülern und wenn immer sie Draco Malfoy und seine Kumpane sah, wich sie ihnen vorsorglich aus.

Ein Eklat hätte jetzt gerade noch gefehlt, das wollte sie unbedingt vermeiden.

Zwar war sie sicher, Severus würde seine Schüler im Griff haben, aber nach der Begegnung mit dem Vater des Jungen, legte sie keinerlei Wert mehr auf Kontakte mit der Familie. Zumal es auch bekannt war, dass Draco seinem Vater nacheiferte, wo immer er konnte.

Aber trotz all dieser Gedanken und trotz des immer drohenden Unheils, das über ihnen zu schweben schien, waren diese Tage voller Ruhe und Entspannung.

Am Dienstagnachmittag bat Nicholas Kasparian Remus um dessen Hilfe bei der Suche nach einigen Irrwichten, die er für den Unterricht der Drittklässler benötigte. Er wusste, dass Remus selber den Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste inne gehabt hatte und auch Irrwichte für seinen Unterricht verwendet hatte.

Es war ihm lieber, Remus zu bitten, ihm bei der Suche nach diesen lichtscheuen Geschöpfen zu helfen, als sich an Filch zu wenden.

So durchforsteten die beiden Männer das Schloss und seine abgelegenen Ecken und Kammern und wurden auch fündig.

Sie fingen zwei Irrwichte ein und sperrten sie in separate Kisten. Inzwischen war allerdings so viel Zeit vergangen, dass Kasparian Remus darum bitten musste, die Irrwichte alleine in das Klassenzimmer zu bringen, damit er die für den Abend angesetzte Lehrerkonferenz nicht verpasste.

So bewegte Remus sich also alleine durch die Gänge, zwei Kisten mit seinem Zauberstab vor sich her schweben lassend. Es war mühsam beide Kisten zu dirigieren, weil die Irrwichte darin tobten und rappelten. Die Kisten schwankten und wackelten bedrohlich, eckten immer wieder an den Wänden der Gänge an und als eine schließlich vollends aus dem Gleichgewicht geriet und mit einer Rüstung zusammenstieß, beschloss Remus, sie einzeln zu transportieren.

Seufzend besah er sich das Chaos, das die Kiste und die verbeulte und auseinander gefallene Rüstung auf dem Boden bildeten und mit einigen Schlenkern seines Zauberstabes war zumindest die Rüstung wieder in einem einigermaßen passablen Zustand und stand wieder an Ort und Stelle. Einige Portraits, die an den Wänden hingen murrten und nörgelten über den Lärm und das ungehobelte Verhalten der jungen Männer von heute, aber im Großen und Ganzen sah der Gang wieder aus, wie zuvor.

Remus ließ die ramponierte Kiste neben der Rüstung stehen und transportierte nun deutlich entspannter den anderen Kasten in den Unterrichtsraum.

Als er wieder in den Gang zurückkam, in dem er den abgestürzten Irrwicht zurück gelassen hatte, hörte er Stimmen. Er näherte sich vorsichtig der Ecke, hinter der sich die Rüstung befand und erkannte, dass Snape vor den Portraits stand, die ihm empört von der Ruhestörung berichteten. Er beugte sich über die Kiste, in der es wieder kräftig zu rappeln begann.

Ehe Remus etwas sagen oder tun konnte, sprang der Deckel der Kiste mit einem Knall auf. Das Schloss schien bei dem Zusammenprall beschädigt worden zu sein und konnte den Deckel nicht mehr halten, nachdem er Irrwicht nun ein Opfer bemerkt hatte.

Remus hielt den Atem an, als er sah, in was das Geschöpf sich verwandelt hatte.

Ein riesiger Werwolf ragte vor Snape auf, fletschte seine scharfen Zähne und Geifer tropfte ihm aus dem Maul, als er seine vor Aggressivität glühenden Augen auf Snape richtete.

Schlagartig wurde Remus klar warum Snape ihn all die Jahre so intensiv gehasst hatte. Nicht, weil er einer der Rumtreiber war, einer jener Jungen, die ihm das Leben in Hogwarts schwer gemacht und ihn bei jeder Gelegenheit verhext hatten.

Sondern weil der Moment in der heulenden Hütte das erste Mal war, das Severus sich zu Tode gefürchtet, sich vollkommen hilflos und verlassen gefühlt hatte. Zum allerersten Mal in seinem schon damals recht bewegten Leben hatte der junge Severus geglaubt, sterben zu müssen, hatte keinerlei Hoffnung gesehen, sich gegen diese Bestie zur Wehr setzen zu können.

Remus erkannte in diesem Augenblick, dass er dieses Gefühl von Todesangst und Ohnmacht für alle Zeiten für Snape repräsentiert hatte. Snape hasste nicht Remus, sondern das, wofür er in Snapes Erinnerung stand.

Snapes größte Furcht war es, hilflos und von Todesangst gelähmt zu sein, wie er es damals gewesen war und der Werwolf symbolisierte diese Furcht für ihn.

Severus zögerte nur den Buchteil eines Moments, dann zog er seinen Zauberstab und mit einem vernehmlichen RIDDICULUS verwandelte sich der Werwolf in einen struppigen kleinen Hund, der hysterisch im Kreis lief und versuchte den eigenen Schwanz zu fangen.

Ein weiterer Schwung des Zauberstabs zwang den Irrwicht zurück in seine Kiste und verschloss sie. Magische Riemen schlangen sich um den ganzen Kasten und befestigen den Deckel, dessen Schloss irreparabel beschädigt war.

Snape atmete tief durch, sah sich noch einmal um und ging dann weiter seinen Weg in die Kerker.

Remus stand noch einige Minuten wie erstarrt da und verarbeitete das, was er gesehen hatte. Schließlich ließ er die Kiste schweben und schaffte sie auch in den Unterrichtsraum für Verteidigung gegen die dunklen Künste.

Er beschloss, Severus niemals wissen zu lassen, dass er Zeuge dieser Szene geworden war, denn es war schlimm genug, dass dieser das grauenhafte Gefühl aus der heulenden Hütte sein Leben lang mit sich herum getragen hatte.

Mark und seine Kameraden richteten sich wie befohlen in Hogsmead ein. Sie suchten die angegebenen Adressen auf und schon am zweiten Abend trafen sie sich im Eberkopf und in scheinbar munter trinkender Runde auffällig unauffällig über eine geplante Aktion im St. Mungos zu reden.

Als sie sicher waren dass mehrere Gäste und vor Allem der Wirt ihre Worte gehört hatten, verließen sie zufrieden das Lokal und begaben sich zusammen in das Zimmer, das Mansfield bewohnte.

Sie redeten über den Abend und warteten voller Erwartung auf das, was man ihnen als Aufgabe zuteilen würde.

„Es muss eine wichtige Aufgabe sein, wenn man uns hier herschickt", meinte Willow hoffnungsvoll.

Drake nickte. „Besonders, weil es alles so geheim ist. Ich bin gespannt, was es mit den Befehlen auf sich hat, die wir noch bekommen sollen."

Doch Mansfield war skeptischer. „Ich weiß nicht so recht. Es gibt immer noch keinerlei Informationen, was mit Deakins passiert ist. Und wir haben auch noch nichts gehört, ob er rehabilitiert wurde, oder ob man ihn noch immer verdächtigt, ein Spion zu sein."

Mark schauderte unwillkürlich bei dem Gedanken, was es für die Gesundheit Deakins' bedeuten musste, wenn er als Spion verdächtigt wurde und dann verschwunden war.

„Aber ein Auftrag, der uns hierher führt, so dicht an die Hochburg unserer Feinde, das muss doch bedeuten, dass man uns vertraut, oder nicht?" Inzwischen klang auch Jordan etwas besorgt.

„Ich glaube eher, dass man uns hier einen Auftrag gibt, weil wir entbehrlich sind", sagte Mansfield düster. „Wenn das, was wir tun sollen auffliegt, dann sind wir es, die getötet werden und keine wichtigen oder vertrauenswürdigeren Todesser."

Sie diskutierten hin und her, was es nun zu bedeuten habe, dass sie von den unbedeutenden und langweiligen Überwachungsmissionen abgezogen und hierher zu einem scheinbar streng geheimen und aktiveren Auftrag geschickt worden waren.

So sehr Mark hoffte, dass man ihnen vertraute und sie nicht einfach als entbehrlich einstufte, um sie zu verheizen, so sehr zweifelte er doch und war geneigt, sich eher der pessimistischeren Sichtweise Mansfields anzuschließen.

Schließlich trennten sie sich und begaben sich in ihre Unterkünfte.

Mark, der zusammen mit Willow in einem Mansardenzimmer am Ende der Hauptstrasse untergebracht war, wurde sich bewusst, dass es so für ihn keinerlei Privatsphäre geben würde. Er beschloss nun doch den schon geplanten Brief an Snape zu schicken, in dem er die Okklumentikstunde für diese Woche absagen musste. Er war sich sicher, es könne ihm nicht gelingen, unter Willows neugierigen Blicken zu entwischen und eine plausible Ausrede, warum er Hogsmead entgegen der ausdrücklichen Befehle verlassen musste, fiel ihm auch nicht ein.

Er würde den Brief am nächsten Tag ins Postamt bringen und hoffen, dass sein Mentor ein Einsehen haben würde.

Am folgenden Nachmittag brachte eine Eule besagten Brief zu Severus Snape, der ihn mit gerunzelter Stirn las.

Irgendetwas war da im Busch, wenn sein Schützling sich auf Befehl des dunklen Lords mit seiner Gruppe in Hogsmead aufhielt. Und das war mit Sicherheit nichts Gutes.

Hogsmead war zu auffällig strategisch günstig zu Hogwarts gelegen, als dass er diesen Umstand und die damit einhergehende Bedrohung ignorieren konnte.

Er beschloss mit dem Brief sofort zum Schulleiter zu gehen und ihn wie versprochen über diese mögliche Bedrohung zu informieren. Schnellen Schrittes durchquerte er die Korridore und das Ausmaß seiner Besorgnis war deutlich zu erkennen, als er drei Drittklässler aus Gryffindor ignorierte, die sich unter eifrigem Gekicher an einer Wand herum drückten.

Kaum hatte er Dumbledores Büro erreicht, begann er auch schon zu berichten. Schließlich zeigte er dem Schulleiter auch noch den Brief, den er von Mark erhalten hatte.

Dumbledore las ihn ruhig und nickte dann.

„Ja, das passt zu dem, was mir aus dem Eberkopf zugetragen wurde. Ich habe erfahren, dass dort gestern Abend eine Gruppe höchst zwielichtiger junger Männer gesessen hat und über Gerüchte einen Angriff auf das St. Mungos geredet haben soll. Natürlich weiß ich, dass das eine Finte ist, die uns ablenken und unsere Blicke nach London lenken soll."

Er schmunzelte, als er Snapes irritierten Blick sah.

„Ich habe Tom Riddle vor sehr langer Zeit wissen lassen, dass ich über alles, was in den Wirtshäusern Hogsmeads geschieht schnell und genau informiert werde. Er möchte sich diesen Umstand wohl zu nutze machen und glaubt, ich hätte vergessen, dass er diese Information hat. Und so meint er, mich auf diskrete Weise über einen Plan in Kenntnis setzen zu können, der allein der Ablenkung dient."

Dumbledores Lächeln war in die Breite gewachsen, doch in seinen Augen stand tiefe Besorgnis.

„Es ist allerdings sehr beunruhigend, dass Lord Voldemort jetzt mein, diesen Schachzug ausführen zu müssen, denn das kann nur bedeuten, dass etwas Wichtiges unmittelbar bevorsteht. Und zwar genau hier."

Er sah Snape an. „Ich bin froh, dass Dein Schützling Dir so sehr vertraut, dass er Dir alle Einzelheiten mitgeteilt hat, die er selber kannte, Severus."

Snape nickte. Er merkte, dass er begann, sich um Mark Sorgen zu machen.

Dumbledore sah noch einmal auf den Brief in seiner Hand herab.

„Das, was vor uns liegt rückt näher und es sind bedrohliche Aussichten, die wie Wolken über unsere Schule ziehen, aber ich hoffe, dass wir alle gemeinsam der Gefahr trotzen und alles zu einem Guten Ende bringen können."

Er seufzte. „Ich hoffe nur, dass wir die Kinder unbeschadet durch diese Sache bringen können."

Dann straffte er sich.

„Nun, wir werden sehen, ob unsere Weitsicht uns ausreichend schützen kann. Ich werde noch einmal mit Minerva gemeinsam alle Schutzzauber überprüfen, die die Schule umgeben und die Wassermenschen und Zentauren wissen lassen, dass die Gefahren sich versichten.

Sie müssen auf der Hut sein, wenngleich ich glaube, dass die Zentauren mit ihren Fähigkeiten sich dessen längst bewusst sind."

Snape nickte knapp. „Ich werde Mr Tensborrow zunächst einmal nicht antworten. Es ist wohl besser, wenn er keine Eulen bekommt."

Dann wandte er sich ab und verließ zutiefst besorgt das Büro des Schulleiters.

Remus Lupin wanderte über die Hauptstrasse Hogsmeads, besah sich die Schaufenster der Geschäfte und hoffte auf eine Inspiration für einige Weihnachtsgeschenke.

Er war zu sehr in Gedanken versunken und auch ein paar Sekunden zu spät, um eine vermummte Gestalt zu bemerken, die sich geduckt durch die Strasse bewegte und dann aus dem Blickfeld verschwand. Sie war kaum mehr als ein wehender Umhang gewesen, aber Madame Rosmerta, die gerade aus dem Fenster der drei Besen gesehen hatte, bemerkte sie. Sie beschloss, das im Auge zu behalten, denn vermummte Gestalten, die durch die Strassen schlichen waren in Zeiten wie diesen mehr als verdächtig.