Kapitel 52

Fast ärgerte es sie, dass ihre Eltern ihr nicht einmal böse waren, aber eigentlich war sie dankbar. Denn sie hatte sich hier wirklich einen Patzer erlaubt. Sie hatte den Geburtstag vergessen, und hatte nicht mal eine gute Begründung. Keine zumindest, die ihre Eltern verstehen würden, nahm sie an.

„Musst du wieder zurück?", fragte ihr Vater betrübt, während er seine Zeitung sinken ließ, aber Hermine ruckte mit dem Kopf. Ja, musste sie. Sie hatte noch einiges zu lesen. Und sie hatte nicht so viel Zeit. Aber sie fand, ihr Kopf ignorierte recht gut, dass sie schwanger war. Ihr war am Rande aufgefallen, dass sie den Wein, den ihre Mutter ihr angeboten hatte, nicht angenommen hatte. Weil sie apparieren musste, hatte sie gesagt.

Hatte sie auch gemeint. Aber teilweise hatte sie auch abgelehnt, weil… weil sie schwanger mit einem Kind war, was sie ohnehin entfernen wollte. Ja. Es war absurd, stellte sie fest.

„Minchen, deine Haare", jammerte ihre Mutter, als sie ebenfalls ins Wohnzimmer kam, wo Hermine gemütlich auf ihrem ursprünglichen Platz gesessen hatte. Mit Schrecken erkannte Hermine, dass ihre Mutter eine Haarbürste in den Händen hielt.

„Mum!", beschwerte sich Hermine, aber ihre Mutter setzte sich neben sie. „Ich kann meine Haare selber kämmen", murrte sie, aber ihre Mutter bedeutete ihr bereits, sich auf der Couch umzudrehen. Widerwillig folgte Hermine.

„Ja, das sehe ich, Schatz", bemerkte ihre Mutter. „Du siehst müde aus", fuhr sie besorgter fort.

„Es… ist nichts. Es war… einfach aufregend, die letzte Woche", sagte sie. Aufregend war kein Wort für die Hölle, die sie durchlitt, überlegte sie dumpf. Und dass sie in einem Zelt geschlafen hatte, tat ihrem strahlenden Teint wohl nicht gerade gut. Sie war bitter geworden. Aber wer wäre das nicht?

„Das glaube ich. Du und Draco könnt gerne morgen zu uns kommen. Wir feiern nur sehr klein Silvester", erklärte ihre Mutter, während sie die untersten Knoten aus Hermines Haaren kämmte, so wie sie es früher getan hatte, als Hermine noch klein gewesen war. Hermine verzog schmerzhaft den Mund.

„Au – nein, danke, Mum", lehnte sie ab, obwohl sie früher immer gerne zuhause gewesen war. „Ich kann es selber!", sagte Hermine wieder, wollte sich die Bürste greifen, aber ihre Mutter legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Lass mich einfach machen", beschwichtigte sie, wie nur Mütter es könnten, und es war nicht so demütigend wie Hermine gedacht hatte, dass ihre Mum ihre Haare kämmte.

Sie fühlte sich sogar ziemlich wohl hier. Niemand schrie, sie musste keine Rachepläne ersinnen, sie musste nicht aufpassen, sich zu verraten, nicht darauf achten, dass Psychologen und Heiler ein und aus marschierten – sie merkte erst jetzt, wie sie sich entspannte und wie müde sie eigentlich wirklich war.

„Was hast du heute gemacht?", fragte ihr Vater über den Rand der Zeitung hinweg, während der Kamin ruhig prasselte. Der Topf mit Flohpulver auf dem Sims wirkte in dem Muggelhaus mit den Lampen, die mit Elektrizität funktionierten, den Küchengeräten, der Spülmaschine, die lief, dem Fernseher, dem schnurlosen Telefon auf dem Tisch, so seltsam fehl am Platze, dass Hermine schmunzeln musste. Es war Wehmut, den sie verspürte. Und es war traurig.

Sie vermisste alles.

„Pansy und ich waren in der Stadt", erzählte sie eine Halbwahrheit. „Wir haben Ginny und Harry und Ron getroffen", fuhr sie halbherzig fort.

„Schön! Was machen die drei morgen?", wollte ihre Mutter wissen. Und Hermine Kehle schnürte sich zu.

„Sie… sie feiern Silvester", murmelte Hermine betrübt. „Im Fuchsbau", ergänzte sie, und auch bei diesem Wort erfasste Schwermut ihre Gedanken.

„Und du und Draco werdet dort sein? Oder bleibt ihr Zuhause?", erkundigte sich ihre Mutter, während sie ihre Strähnen mittlerweile sanft und ohne Widerstand kämmen konnte. Hermine genoss diese seltsame Verbundenheit.

„Äh…", machte sie, denn Malfoy hatte Hausarrest. Und er würde wohl eher tot als lebendig bei den Weasleys auftauchen, und sie würde ihn niemals mitnehmen wollen. „Wir werden zuhause bleiben", sagte sie stiller.

„Na ja, ihr seid ja auch frisch verheiratet, und deine Schwiegereltern haben auch ein makelloses Haus. Ich bin sicher, die Elfen werden ein Festmahl kochen", sagte ihre Mutter, und Hermine hörte es. Auch ihre Mutter war ein wenig bitter. Vielleicht, weil Hermine nicht mehr hier war, weil sie bei den Malfoys wohnte.

„Es tut mir leid, Mum", sagte sie jetzt aufrichtig, und ihre Mutter legte die Bürste beiseite. Es tat ihr alles so leid!

„Ach, Unsinn, mein Schatz", erklärte ihre Mutter kategorisch. Sie legte ihr den Arm um die Schultern. „Es hat schon alles seine Richtigkeit. Nur bist du eben noch so jung, Hermine", erklärte sie seufzend. „Du bist doch noch mein kleines Minchen, und schon hast du einen Mann, den du liebst, und wohnst nicht mehr Zuhause. Es war schon so schlimm, als du nach Hogwarts musstest, und nach der Schule nicht mehr nach Hause kamst", sagte sie kopfschüttelnd, und Hermine biss die Zähne fest zusammen.

Aber eine Träne fiel doch auf ihre Wange. Sofort weiteten sich die Augen ihrer Mutter besorgt. „Hermine! Was ist denn, mein Liebes?" Sofort schloss sie sie in ihre Arme, und Hermine lehnte den Kopf gegen die Schulter ihrer Mutter. Es war lange her, dass sie solch eine liebevolle Geste gespürt hatte. Sehr lange.

Sie wollte ihr sagen, dass sie ihn nicht liebte. Dass sie eine Dummheit angestellt hatte, dass sie nach Hause wollte, aber dass sie schwanger war, dass sie gefangen in einer Ehe war, dass sie Angst hatte, gar nichts ändern zu können…- aber sie sagte es nicht.

„Ich bin nicht Schulsprecherin geworden", schluchzte sie stattdessen, und ihre Mutter streichelte sie beruhigend.

„Mein Schatz, das haben wir uns schon gedacht", merkte ihre Mutter über ihren Kopf hinweg an.

„Das ist doch kein Weltuntergang", brummte ihr Vater, der sich erhoben hatte, und nun auch neben ihr auf der Couch saß und sie von hinten umarmte. „Mach dir keine Gedanken. Es bedeutet überhaupt nichts, ob du ein blödes Abzeichen trägst oder nicht."

Hermine weinte noch mehr, denn es war jetzt der einzige Moment, in dem sie es sich erlauben konnte.

„Ach, Liebes, du warst immer so strebsam. Der Schulleiter wird schon gute Gründe gehabt haben", beruhigte sie ihre Mutter weiter.

Noch eine Weile, ließ sich Hermine trösten. Noch eine Weile versank sie in Selbstmitleid, und dann riss sie sich wieder zusammen. Sie erhob sich ein wenig steif von der gemütlichen Couch. Wenn sie jetzt nicht ging, ging sie nie mehr, sagte sie sich betrübt.

„Ich muss los", entschuldigte sie sich seufzend.

„Bist du sicher? Dein Bett ist frisch bezogen, die Kuscheltiere warten alle", versuchte sie ihre Mutter lächelnd zu locken. Hermine verdrehte die Augen.

„Das ist nett, aber danke. Ich muss wirklich-"

„-schon gut, schon gut. Und nimm es dir nicht zu Herzen! Wir wollen nur, dass du glücklich bist. Wir brauchen kein Abzeichen, Hermine", erinnerte sie ihre Mutter mahnend. „Grüß Narzissa und Lucius. Und natürlich deinen Mann", ergänzte sie zwinkernd. Hermine nahm es zur Kenntnis. Ihr Vater drückte sie noch einmal feste an sich.

„Komm vorbei, bevor du nach Hogwarts musst", raunte er. „Dann spielen wir eine Runde Schach", schlug er vor, und Hermine nickte dankbar.

„Gerne, Dad", flüsterte sie. „Macht es gut", rief sie ins Wohnzimmer zurück, während sie im Flur den Mantel überzog und feststellte, wie viel besser ihre Haare gekämmt doch aussahen. Kopfschüttelnd verließ sie das Haus. Sie konnte sich nicht mehr so gehen lassen. Plan hin oder her. Die Kälte empfing sie, und Hermine wollte am liebsten zurück in die Wärme des Hauses.

Aber sie apparierte in den Schnee, drehte sich lange um sich selbst, und landete dann an den Toren des Grundstücks, was versteckt zwischen Wald und Feldern lag. Vom Herrenhaus schien das Licht zu ihr hinüber, während sie durch den Schnee eilte. Das Zelt stand noch immer im Garten, aber Hermine schlug den Weg zum Haus ein.

Auch dort brannte Licht. Er war da. Wo sollte er auch sein, dachte sie dumpf.

Resignierend kam sie an und öffnete die Tür. Sie fühlte sich erschöpft. Erschöpfter als jemals zuvor. Es roch nach… Chinesischem Essen stellte sie fest. Sie runzelte die Stirn. Sie ging durch den Flur, legte ihren Mantel ab, trat sich die nassen Schuhe von den Füßen und betrat das Wohnzimmer. Leere Kartons türmten sich auf dem Wohnzimmertisch, während sie ihn nicht entdecken konnte. Sie hörte Geräusche. Sprach jemand? Sang jemand?

Langsam folgte sie dem Klang, schritt um die Couch und fand ihn, mit noch mehr Essen auf dem Boden, an die Wand gelehnt, das iPad in der Hand, während es an den Strom angeschlossen war. Ihr Mund öffnete sich. Er hob kaum den Blick.

„Du bist nicht mehr auf dem ersten Platz. Nicht, dass es ein Problem gewesen war, deinen Highscore zu schlagen", ergänzte er, den Blick wieder gesenkt.

„Was… tust du da?", entfuhr es ihr perplex. Sie hörte, dass er wohl etwas schaute. Ein Video? Wie hatte er das zustande gebracht?!

Jetzt hob er recht eindeutig den Blick. Er trug dieselben Sachen von heute Morgen, fiel ihr auf. Auch seine Haare lagen ungekämmt auf seinem Kopf.

„Wonach sieht es aus?", erwiderte er trocken, und sie war zu müde, um sich zu streiten.

Er fragte nicht, wo sie war, er fragte nicht, wie es ihr ging. Er war wie immer.

„Das scheiß Bild ist so verdammt dunkel", murmelte er böse. Sie ignorierte, dass er scheinbar seinen gesamten Tag mit einem Muggelgerät zugebracht hatte. Sie kam näher und nahm es aus seiner Hand.

„Hey!", protestierte er, aber sie zog das Kabel raus, fuhr von oben über das Glas und änderte die Helligkeit. Er war aufgesprungen und hatte ihr gespannt zugesehen. Und er schwieg.

„Es ist aufgeladen", informierte sie ihn und gab es ihm zurück. Sie war schon grenzenlos überrascht, dass er überhaupt fertiggebracht hatte, es an den Strom anzuschließen. Und sie wandte sich ab. Kurz blieb sie stehen, und überlegte, ob sie in der Küche etwas zu essen finden würde, aber er hatte sein Eulen-Fast-Food bereits aufgegessen, und sie nahm an, es gab nichts zu essen mehr.

Bei ihren Eltern hatte sie Brot gegessen, aber das war es auch schon gewesen, was sie heute zu sich genommen hatte.

Egal. Sie würde morgen irgendetwas essen.

Aber der Tag war noch nicht vorbei, stellte sie entnervt fest, als sich die Haustür ungefragt öffnete. Lucius war wohl vom Haupthaus rübergekommen. Weil er gesehen hatte, wie sie angekommen war, fragte sie sich unwillkürlich, und wappnete sich innerlich.

„Guten Abend", begrüßte er sie, während Malfoy gleichgültig mit dem iPad in die Küche verschwand, ohne Lucius zu beachten.

„Was jetzt?", wollte Hermine müde wissen. Lucius' Stirn runzelte sich kurz, ob ihrer demonstrativen Feindseligkeit. Aber er überwand seine Verwunderung schnell.

„Sie waren heute nicht erfolgreich, nehme ich an?", kam er direkt zum Punkt, und er fixierte sie ausgiebig, während sie schwieg. „Sie müssen sich keine Mühe mehr geben. Wir werden dafür sorgen, dass das Kind entfernt wird", klärte er sie auf.

Das war eine Überraschung. Und was sollte das heißen?

„Und wie das?", fragte sie ruhiger.

„Sie weigern sich, ein Kind zu bekommen, so steht es aber im Vertrag, damit brechen Sie eine der Regeln, und mir steht es frei, Sie damit aus dem Vertrag zu löschen", erklärte er kühl.

Sie starrte ihn an.

„Was soll das heißen?", entfuhr es ihr überrascht.

„Ich annulliere die Ehe", erklärte er lediglich. „Sie sind nicht würdig", ergänzte er lapidar. Ihr Mund hatte sich geöffnet. Und sie entschied sich schnell.

Sehr schnell. So schnell sie eben konnte.

„Ich habe meine Meinung geändert", sagte sie fest.

„Was?", fragte er jetzt, ein wenig aus der Bahn geworfen. Dann atmete er langsam aus.

„Sie haben Ihre Meinung geändert? Sie wollen das Kind?", vergewisserte er sich, mehr als ungläubig. Sie erkannte den Schatten im offenen Türrahmen der Küchentür, aber unbeirrt nickte sie.

„Ja, das will ich", log sie ungerührt. Lucius atmete aus, fuhr sich über die Augen und nickte anschließend.

„Ich würde es mir einiges kosten lassen, Hermine", erklärte er ruhiger, aber sie musste lächeln.

„Wirklich?", erkundigte sie sich. „Sie wollen mich nun bestechen, mit dem Vermögen, von dem ich doch keine müde Münze bekommen sollte?", bohrte sie weiter, und Lucius wirkte gereizt.

„Ich und Narzissa-", begann er, aber Hermine verschränkte die Arme vor der Brust.

„-das Gästehaus, die Hochzeit, die Kleider, die Kochkurse, der Tanzunterricht? Narzissa hat doch dafür gesorgt, dass ich schwanger werde, und jetzt hat sie plötzlich genug davon?" Und fast war Hermine zufrieden. Denn sie war nicht Glück, was sich die Malfoys ins Haus geholt hatten. Sie war der Albtraum.

„Ja, und jetzt ist es vorbei", kürzte Lucius ihre Worte ab. Überlegen sah sie ihn an.

„Bis jetzt entspreche ich jeder einzelnen Klausel Ihres Vertrags. Und es gibt keinerlei rechtlichen Grund, mich loszuwerden, oder Mr. Malfoy? Sie zwingen Ihren Sohn, mit sämtlichen Konsequenzen zu leben, also lege ich Ihnen nahe – leben Sie jetzt mit dieser Konsequenz."

Kurz herrschte Stille. Sie sah die Muskeln in seinem Gesicht arbeiten, sah ihn verarbeiten, sah, wie er diese Informationen verwertete.

„Sie denken, ich gebe auf?", fragte sie ihn jetzt, die Stimme gesenkt. „Sie denken, das hier wirft mich aus der Bahn?", wollte sie auffordernd von ihm wissen, und deutete auf ihren flachen Bauch. Er fixierte sie böse.

„Sie wollen das genauso wenig wie wir", knurrte er jetzt.

„Und Sie wollen mich bestechen, zu verschwinden", beantwortete sie seinen Vorwurf abschätzend.

„Sie gehören hier nicht hin, Hermine. Es ist genug angerichtet worden!"

„Mr. Malfoy, bei allem Respekt, Sie können Sich Ihr Gold in die Haare schmieren", erwiderte sie lächelnd. „Ich bleibe, wo ich bin. Ich bleibe bei Ihrem Sohn, und wenn es ihn umbringt. Ich bleibe genau hier, wo Sie mich sehen können", drohte sie nun, ohne jede Furcht, ohne jede Scheu. „Wo Sie Ihre Fehler alle aus nächster Nähe begutachten und bewerten können und vor schlaflosen Nächten weder ein noch aus wissen werden", schloss sie.

„Was soll das sein?", blaffte er gepresst. „Der Fluch der Muggel-Frau?", entfuhr es ihm zornig. „Sie machen einen Fehler. Und Sie werden nicht bleiben. Es gibt Mittel und Wege", drohte er nun.

„Wenn Sie vorhaben, mich zu vergiften, schlage ich vor, Sie benutzen ein Gift, dessen Spuren man nachträglich nicht nachvollziehen kann, Mr. Malfoy. Wenn Sie vorhaben, mich loszuwerden, lassen Sie sich besser etwas anderes einfallen, als schlichte Erpressung. Und wenn Sie denken", fuhr sie mit bösem Blick fort, „dass Sie mich ersetzen können, mit einer ‚würdigeren Kandidatin'", deutete sie nun seine Worte von vorhin, „würde ich vorher ein kurzes Gespräch mit Ihrem Sohn führen, denn so wie es scheint, wird er von allen nach Strich und Faden verarscht und vorgeführt-"

„-Miss Granger-!", entrüstete sich Lucius jetzt empört und schien ihren neuen Nachnamen zeitweilig vergessen zu haben.

„-ich habe nicht vor, diesen Platz zu räumen, und wenn ich draußen in einem Zelt erfrieren muss! Ich schlage vor, Sie ziehen sich hinter die feindlichen Linien zurück und beratschlagen sich erneut mit Ihrer Frau, dessen Liebe zu mir wohl rapide abgekühlt ist, wie ich annehmen kann?", wagte sie nun zu fragen, und sie nahm an, sie wusste auch, warum. Sein Blick war verschlossen, aber der Zorn in seinen Augen sprach Bände. „Oh, und mein Name ist Malfoy, Lucius", schloss sie kalt, und schließlich entspannten sich seine Züge.

„Das hier ist noch nicht vorbei", warnte er sie, wie man ein Kind vertrösten würde, wenn man keine Zeit mehr hatte, weiter zu diskutieren. Er verließ das Haus mit geballten Fäusten.

Sie atmete aus. Ihr Herz schlug schnell. Sie wandte den Blick in Richtung Küche, wo Malfoy relativ gelassen im Türrahmen lehnte.

„Nach Strich und Faden verarscht und vorgeführt?", wiederholte er gedehnt ihre Worte. Sie schluckte schwer. „Was habe ich eigentlich alles verpasst?", wollte er jetzt wissen. „Es herrscht auf einmal Krieg zwischen dir und meinen Eltern? Was hast du getan? Narzissa war doch pro Schlammblut", entfuhr es ihm bitter.

„Das Schlammblut hat Zähne und scharfe Kanten", erklärte sie ungerührt, während das Wort immer wieder grausam und bitter schmeckte. Aber sie wollte ihm nicht die verdammte Genugtuung geben, zu sehen, dass es sie tatsächlich verletzte. Selbst aus seinem Mund! Seine Augenbraue hob sich langsam.

„Kommt jetzt der Punkt, wo du mir sagst, dass du schwanger bist?", fragte er fast resignierend. „Oder schweigen wir das tot?", fuhr er müde fort. Sie sah ihn an, wie er vor ihr stand, in Trainingshose und Slytherin-Shirt. Er war ein Junge. Einfach nur ein Junge.

„Ich bin schwanger", räumte sie zerknirscht ein. Er verzog den Mund.

„Und jetzt?", fragte er tatsächlich, ohne großartig schockiert zu klingen.

Sie schwieg aber. Denn sie hatte die Wahl, ihm zu sagen, dass sie es loswerden würde, dass er ihr dabei helfen könnte. Sie glaubte aber nicht, dass es helfen würde. Sie hatte schon versucht, mit ihm zusammenzuarbeiten, und es war schief gelaufen. Und sie nahm an, es wäre schlimmer, wenn er glaubte, er würde tatsächlich Vater werden. Trauer erfüllte sie wieder und sehnsüchtig dachte sie an das Haus ihrer Eltern zurück.

„Verflucht großartig", entfuhr es ihm gereizt, während er zurück ins Wohnzimmer kam, das Tablet auf das Sofa warf, um dann nach oben zu verschwinden. Ohne ein weiteres Wort.

Ja, für ihn war es eine neue Information. Und sie wusste nicht, wie er sonst hätte reagieren sollen, dachte sie unwillkürlich. Hatte sie geglaubt, er würde sie fragen, wie sie sich fühlte? Hatte sie geglaubt, er würde im Ansatz auch nur etwas Ähnliches wie Verantwortung verspüren? Dass er tatsächlich reflektiert genug dachte, um nicht nur ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben? Dass es sein Sperma war, was es möglich gemacht hatte? Nicht, dass es wichtig war, denn sie würde sich kümmern. Aber… sie hatte eigentlich überhaupt nichts von ihm erwartet. Denn… dass er tatsächlich zeigte, dass ihn irgendetwas interessierte setzte voraus, dass er sich weiterentwickelte. Dass er bereit war, irgendetwas zu tun.

Und dann hätte sie ja schon einen Fortschritt im Hinblick auf ihn gemacht.

Hatte sie aber nicht.

Und sie setzte sich auf die Couch. Das Haus war vollkommen still. Keine Geborgenheit. Keine Nähe. Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Die Hände ruhten auf ihrem flachen Bauch.

„Tut mir leid", flüsterte sie in die Stille hinein. „Du bist noch nicht mal da, und du musst schon wieder gehen", sagte sie sanft und streichelte ihre Bauchdecke. „Es tut mir wirklich leid", wiederholte sie, mit Tränen in den Augen. „Mach es dir nicht gemütlich, ok?", wisperte sie. „Aber ich bin keine Mutter von einem Malfoy", schloss sie kopfschüttelnd. „Jemand anders wird kommen. Und… bitte verzeih mir."

Sie kam sich albern vor, alleine auf der Couch zu sitzen, und mit einer winzigen Eizelle zu reden, die weder selber denken noch hören oder verstehen konnte.

Aber sie kam sich schäbig vor, gar nichts zu sagen. Sie kam sich schlecht vor, wenn sie entschied, das Kind loszuwerden, ohne sich zu erklären. Dem Kind gegenüber.

Ohne darzulegen, dass es richtig war, was sie tat.

Sie schloss die Augen, während eine winzige Träne ihre Wange hinab rann. Und mehr Gefühl konnte sie sich hierbei nicht erlauben.

Er starrte an die Decke in der Dunkelheit.

Sie war schwanger.

Wie konnte sie ihm das antun?!

Das Schlammblut war schwanger. Nach zehn Tagen!

Das hatte die Heilerin also heute getan. Wieso hatte Granger so etwas zu gelassen?! Wie hatte sie es einfach geschehen lassen können?

Und was sollte er jetzt tun? Sein ganzes Leben war zu Ende. Alles war verwirkt. Er könnte sich jetzt genauso gut umbringen, überlegte er zornig.

Und über was stritt sie sich mit Lucius? Seit wann wollte sie so unbedingt bleiben? Wieso nahm sie das Bestechungsgold nicht an und packte ihre Sachen? Dann könnte sie das Kind gleichzeitig loswerden! Sie waren achtzehn Jahre alt!

Ja, sie war nicht würdig seine Frau zu sein. Was wollte sein Vater jetzt? Eine Reinblüterin aus der Versenkung holen? Wo wollte er die herbekommen? Dann wäre er, Draco, an das nächste Mädchen gebunden. Aber alles wäre besser als Granger! Alles!

Er hätte weinen können. Es war alles so furchtbar. Und jetzt war er an sie gebunden. Was hatte er doch für wunderbares Leben geführt. Alles war gut gewesen. Alles! Dass Granger behauptete, sein Leben wäre nicht gut gewesen, war gelogen!

Sein Leben war perfekt gewesen! Tränen der Wut rangen sich aus seinen Augenwinkeln.

Und Zorn peitschte durch seinen Körper.

Denn jetzt war es egal.

Jetzt gab es keinen Grund mehr, warum er noch überhaupt irgendwelche geheuchelten Höflichkeiten an den Tag legen sollte. Er war Draco Malfoy.

Es saß im Bett, schlug die Decke zurück, und machte sich nicht einmal die Mühe, sich ein Shirt überzuziehen.

Sie wollte ihn quälen?

Dann würde er das auch tun. Sie war das Objekt. Ganz bestimmt nicht er.

Zornig hatte er die Zimmertür aufgerissen. Im Dunkeln schritt er über den weiten Flur.

Zu ihrem Zimmer.

Der Luxus hatte ein Ende.

Sie würde nicht mehr alleine schlafen.

Fast hatte er geglaubt, die Tür wäre verschlossen, aber sie sprang unter seiner zornigen Geste mühelos auf. Seine Brust hob und senkte sich wütend, aber er war alleine in ihrem Schlafzimmer. Von Zorn getrieben wandte er sich ab, nahm die Treppe im Dunkeln nach unten, und spähte in das dunkle Wohnzimmer.

Nicht wirklich, dachte er gereizt. Das war nicht ihr Ernst!

Mit schnellen Schritten war er an der Tür, stieg in seine Stiefel, ohne sie zu schnüren, zog sich seinen Mantel über die bloße Brust, riss die Tür auf und verließ sein Haus. Seine Tritte knatschten im weißen Schnee, der die Nacht erhellte. Er wischte sich die Strähnen aus der Stirn, die der Wind in seine Augen wehte. Er zitterte, aber es war scheiß egal!

Sie hatte nicht das verdammte Recht!

Er erreichte ihr scheiß Zelt und knüpfte mit zornigen Bewegungen die Bänder auf, die den Eingang verschlossen.

Wärme schlug ihm entgegen, von dem kleinen Ofen, der leuchtend hell brannte.

Sie saß aufrecht auf dem Feldbett und sie starrte ihn mit großen Augen an. Sie schien geschlafen zu haben, und wütend zog er sich den Mantel von den Schultern. Ihr Blick wanderte kurz über seinen nackten Oberkörper.

„Was zur-?", entfuhr es ihr schlaftrunken, aber er achtete nicht auf ihre Worte. Und es musste etwas in seinen Augen sein, was sie plötzlich wachsam werden ließ. Ehe sie reagieren konnte, hatte er ihren Zauberstab vom Boden geklaubt, den sie wohl mit einem Hechtsprung hatte erreichen wollen.

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, starrte sie ihn an. Die sanfte Panik lag hinter ihren dunklen Augen. Achtlos warf er den Zauberstab hinter sich, während er sich die Stiefel von den Füßen trat.

Er sprach nicht, denn er hatte keine Lust mehr, zu sprechen.

Nach Strich und Faden verarscht und vorgeführt, dachte er zornig. Ja, und Granger gehörte zu denen, die das hervorragend konnten!

Er musste überhaupt nichts sagen. Er war der Mann in diesem Haus. Er war Reinblüter, und das bedeutete, dass alles verflucht noch mal nach seinem Willen funktionierte. Und ganz bestimmt nicht nach ihrem!

Sie versuchte, aus dem Bett zu hechten, aber er packte sie an den Schultern und warf sie grob zurück auf die schäbige Matratze, so dass das altersschwache Feldbett knirschte. Ihr Blick hob sich. Die Angst trat deutlicher hervor.

„Malfoy, nicht", sagte sie tonlos, schüttelte den Kopf, und versuchte erneut, zu entkommen, aber er stand direkt vor dem Feldbett und ergriff ihren Oberarm. Und alle Motorik, die er anwandte, funktionierte, ohne sein Zutun. Grob hielt er sie, hart zerrte er an ihrem Schlafanzugoberteil, zwang es ihren Körper empor, während sie sich mittlerweile wehrte, ihn schlug und um Hilfe schrie.

Niemand würde sie hören, dachte er dumpf, während er sie zurück auf die Matratze warf.

Hatte sie ihn nicht erst vor ein paar Tagen geküsst? Hatte sie es nicht so dringend gewollt?

Und jetzt war es egal. Er musste keine Rücksicht mehr nehmen. Es gab keine Astoria mehr. Es gab gar nichts mehr, außer dieses widerliche Mädchen vor ihm, was er mehr verabscheute als seine Mutter und seinen Vater zusammen.

Das Mädchen, was ihm alles genommen hatte! Seine Zukunft und sein Glück.

Sie trug ein dünnes Shirt mit dünnen Trägern, und er erkannte die Gänsehaut im Licht des Feuers. Er beugte sich über sie und zerriss ihre dünne Schlafhose mit genug Kraft, während sie nach ihm treten wollte.

Und er hielt ihre Handgelenke schließlich still. Und er hielt sie hart in seinen Händen, so hart, dass seine Knöchel weiß wurden. So hart, dass sie wimmerte, dass sie weinte.

Unter Tränen schüttelte sie den Kopf, aber er zwang sie mit seinem Gewicht runter. Runter auf die Matratze, und dann stieg er über sie, legte sein Gewicht auf ihres, und sie starrte in sein Gesicht, während sich ein feiner Film Schweiß auf ihre glatte Stirn legte. Aber all die Kraft, die sie gegen ihn anwandte, konnte er nicht mehr spüren. Es beeindruckte ihn nicht.

Denn es gab keinen Grund, sie zu verschonen, sie zu bemitleiden, ihr irgendetwas anderes zu wünschen als die Pest an ihren verdammten Hals. Ihre Angst und ihre Panik ließen ihn kalt, zogen an ihm vorbei – denn es berührte ihn nicht. Sie sollte sich nicht so anstellen.

Sie sollte nicht so tun, als hätte sie es nicht gewusst.

Denn sie hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, wer er war.

Und vielleicht weinte sie auch deshalb. Weil sie es die ganze Zeit gewusst hatte.