2. Juli 1918
Bretagne, Frankreich
Between the salt water and the sea sand
Leise vor mich hin summend trockne ich den letzten Teller ab und schiebe ihn ins Regal. An mir ist wirklich kein Hausfrauchen verloren gegangen – etwas, dass Dr. MacIver sicherlich begrüßen würde –, aber ich möchte das Haus doch ordentlich hinterlassen, wenn wir morgen abfahren.
Ich unterbreche mein Summen, seufze stattdessen leise. Unsere kostbaren zwei Wochen sind schneller vergangen als ich jemals befürchtet habe. Ein Wimpernschlag, so scheint es, und schon steht uns eine erneute Trennung bevor. Diese, das weiß ich ohne Zweifel, wird schwerer als jede andere, die ihr voraus gegangen ist.
Ein letzter Blick durch die Küche, die zwar längst nicht so sauber ist wie am Tag unserer Ankunft, aber derer ich mich wohl auch nicht schämen muss, dann lösche ich die Lampe und gehe hinüber in den Wohnraum. Ich setze mich auf das Sofa, greife nach dem Buch, das ich heute Nachmittag dort habe liegenlassen und schlage es auf.
Es ist still im Haus, nur der Wind und das Meer rauschen leise im Hintergrund, wie sie es immer tun an diesem Flecken Erde. Ken ist nach dem Abendessen noch schnell ins Dorf hinab gelaufen. Ich glaube, er wollte ein Telegramm an Diane schicken und ihr die Uhrzeit unserer bevorstehenden Ankunft in Paris mitteilen, damit sie jemanden zum Bahnhof schicken kann.
Diane, das muss ich ihr lassen, hat das alles hier überhaupt erst möglich gemacht. Während der ganzen zwei Wochen hat sie unsere Post entgegengenommen, uns hinterher geschickt und anschließend unsere Antworten an ihre Empfänger weitergeleitet. Ohne sie wäre unsere heimliche Hochzeit vermutlich schon nach wenigen Tagen nicht mehr heimlich gewesen und je mehr sie uns hilft, desto sicherer habe ich das Gefühl, dass hinter ihrer kühlen, kultivierten Schale vielleicht doch eine gut verborgene romantische Ader steckt.
Wir werden den morgigen Nachmittagszug nehmen, damit wie am nächsten Tag früh in Paris sind. Von dort geht es für Ken nach Osten, vermutlich wieder in die Gegend um Arras. Mein Ziel dagegen heißt Liverpool, wo ich an Bord des Hospitalschiffs gehen werde. Und dann, sehr bald, werde ich zum ersten Mal in beinahe zwei Jahren wieder kanadischen Boden betreten. Es ist ein schöner Gedanke und doch… und doch verblasst er im Angesicht der bevorstehenden Trennung.
Frustriert lege ich das Buch weg. Ich kann mich sowieso nicht darauf einlassen. Ich starre nur blicklos auf immer die gleiche Zeile, ohne zu begreifen, das dort steht. Vermutlich bin ich einfach zu aufgewühlt, um mich auf etwas so alltägliches wie Lesen zu konzentrieren.
Ich stehe auf, verharre für einen Moment in der Mitte des Wohnraums. Mein Blick wandert durch das Zimmer, auf der Suche nach etwas, das vielleicht geeignet sein könnte, mich irgendwie abzulenken. Mehr zufällig sehe ich dabei flüchtig aus dem Fenster hinaus und – ist dort nicht jemand? Ich kneife die Augen zusammen, sehe angestrengt hin und ja, da ist eine Gestalt, die mit großen Schritten durch die Abenddämmerung zum Haus hinauf kommt.
Rasch laufe ich hinüber zur Haustür. Auf der Schwelle bleibe ich stehen, warte darauf, dass Ken die Klippe erklommen hat, auf der unser kleines Traumhaus gebaut wurde. Jetzt, wo unsere letzten gemeinsamen Stunden begonnen haben, zu verrinnen, will ich am liebsten gar nicht mehr von ihm getrennt sein.
Ungeduldig wippe ich auf meinen Fersen auf und ab, bis Ken endlich nah genug bei mir ist. „Du bist du ja. Ich habe dich vermisst", verkünde ich mit einem Lächeln und strecke eine Hand nach ihm aus.
Er hebt den Kopf.
Mein Lächeln erstirbt. Die Hand fällt hinab.
Sein Gesicht ist völlig starr, die Augen dunkel und hart. Den Kiefer hat er fest zusammengepresst, die Augenbrauen dicht zusammengezogen. Es ist unmöglich, zu sagen, was er denkt.
„Ken?", frage ich leise.
Er sagt kein Wort, zieht mich nur heftig an sich heran. Seine Arme umschlingen mich fest, das Gesicht drückt er in die Mulde zwischen meiner Schulter und meinem Hals. Ich kann seinen Atem auf meiner Haut spüren, schnell und stoßweise. Als ich zaghaft die Hand gebe, um sein Gesicht zu berühren, hämmert der Puls an seiner Schläfe gegen meine Fingerspitzen. Sein Körper ist bis zum Zerreißen gespannt.
„Ken? Was ist los?", murmele ich. Ich fühle mich völlig hilflos.
Wieder keine Antwort. Nur seine Arme schließen sich noch fester um mich.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und abzuwarten und mich nicht zu fragen, was es ist, dass er mir nicht sagt. Meine Hand streicht sanft über seinen Kopf und Nacken, aber trotzdem dauert es Minuten, bis sein Herzschlag ruhiger wird, ein Teil der Anspannung seine Schultern verlässt.
Ein letztes tiefes Ausatmen, dann hebt er langsam den Kopf. Er sieht mich jedoch nicht an, sondern richtet den Blick über mich hinweg. Immer noch halten seine Arme mich fest. Ein Muskel zuckt in seinem Kiefer. Ich kann sehe, wie er um Fassung ringt.
Vorsichtig hebe ich beide Hände, umfasse sein Gesicht und ziehe es ein wenig hinab. Erst, als er mich widerwillig ansieht, wiederhole ich meine Frage: „Was ist passiert?"
Sekunden vergehen, dann presst er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Das Schiff, auf dem du dienen sollst – wie heißt es?"
Verwirrt sehe ich ihn an, aber er weicht meinem Blick erneut aus. „Das Schiff? Das ist die… die Llandovery Castle, aber –", beginne ich, unsicher, was er mit seiner Frage bezwecken will.
Weiter komme ich jedoch ohnehin nicht. So schnell, wie er mich an sich gezogen hat, gibt Ken mich jetzt wieder frei. Bevor ich ihn meinerseits festhalten kann, hat er sich schon an mir vorbei geschoben und ist im Haus verschwunden.
Perplex bleibe ich auf der Türschwelle stehen und versuche, mich zu sammeln. Sein Verhalten verunsichert mich und, ganz ehrlich… es macht mir auch ein wenig Angst. Langsam drehe ich mich um, ziehe die Türe hinter mir zu und gehe mit vorsichtigen Schritten zurück ins Haus. Laute Geräusche führen mich in die Küche, wo Ken offenbar damit beschäftigt ist, die Küchenschränke durchzusehen. Er geht dabei nicht direkt zimperlich vor.
„Warum gibt es in diesem ganzen Haus eigentlich nichts gescheites zu trinken, verdammt noch mal?", flucht er und schlägt eine weitere Tür zu.
Und wie ich ihn so beobachte, die Bewegungen fahrig, die Schultern angespannt, das Gesicht zu einer Maske erstarrt, muss ich unwillkürlich daran denken, was Persis über den Tag erzählt hat, als er vom zweiten Bombenangriff auf Étaples erfahren hat. In seiner Sorge muss er damals vermutlich genau so ausgesehen haben.
Nur… ich bin doch hier, oder nicht?
Ken hat derweil eine Flasche Rotwein aufgetrieben. Mit gerunzelter Stirn starrt er einen Moment auf das Etikett und macht ein unwilliges Geräusch. Vermutlich fällt Rotwein nicht unter seine Definition von ‚etwas gescheitem zu trinken'. Etwas anderes wird er hier wohl aber nicht finden und das scheint ihm klar zu werden, denn er schüttelt ungeduldig den Kopf und blickt sich erneut suchend um. „Korkenzieher?", verlangt er knapp, ohne mich dabei auch nur anzusehen.
Die Ängstlichkeit in mir macht nun endgültig Verärgerung Platz. Ich überwinde die trennenden Meter zwischen uns, statt ihm jedoch den gewünschten Korkenzieher zu geben, umschließe ich mit den Fingern den Flaschenhals. Ruckartig hebt er den Kopf und sieht mich aus verengten Augen an.
„Was hältst du davon, mir zu sagen, was mit dir los ist, bevor du unseren letzten Abend damit verbringst, dich zu betrinken?", frage ich spitz.
Unsere Blicke treffen sich. Für einen endlosen Moment sehen wir uns schweigend an. Dann lässt er die Weinflasche so abrupt los, dass sie auch mir aus den Fingern gleitet und mit einem lauten Klirren auf den Steinfliesen zu meinen Füßen zerschellt. Eine rote Pfütze breitet sich über den Boden aus.
Ken blickt nicht einmal hinab. Er dreht sich mit einem Ruck um, geht zielstrebig zum Fenster hinüber und bleibt dort stehen, mit dem Rücken zu mir. Das Licht der untergehenden Sonne bricht sich um seinen Körper. Er rührt sich nicht, hat den Blick starr hinaus gerichtet.
Abwartend verharre auch ich, lasse ihn jedoch nicht aus den Augen. Ich kann spüren, wie der Rotwein langsam meine Strümpfe durchtränkt, aber ich bewege mich nicht vom Fleck. Nicht, bevor er mir nicht gesagt hat, was verdammt noch mal hier los ist.
Minuten vergehen. Die Stille im Raum ist ohrenbetäubend.
Dann, ohne Vorwarnung, verlässt die Anspannung plötzlich Kens Körper. Seine Schultern fallen herab, er senkt den Kopf, reibt sich mit den Händen über das Gesicht. Hat er eben noch den Eindruck gemacht, als sei er kurz davor, irgendetwas zerstören, so wirkt er mit einem Mal nur noch resigniert.
Für mich ist es das Zeichen, aus der Rotweinpfütze zu treten und vorsichtig zu ihm hinüber zu gehen. Als ich eine Hand auf seine Schulter lege, zuckt er zusammen, lässt es aber geschehen.
„Spricht mit mir", bitte ich erneut, leiser dieses Mal.
Er seufzt schwer. Dann, ohne sich umzudrehen, antwortet er mit tonloser Stimme: „Die Llandovery Castle wurde letzte Woche von einem deutschen U-Boot versenkt. Es gibt fast keine Überlebenden. Die Nachricht kam eben aus Paris."
Ich schnappe nach Luft, taumele zurück. Meine Beine wollen mich nicht länger tragen. Blind taste ich hinter mich, bis meine Hand auf das vertraute Holz eines Stuhls trifft. Ich lasse mich darauf sinken. Die Welt dreht sich plötzlich viel zu schnell.
Wie durch Watte nehme ich war, dass Ken sich umgedreht hat. In seinem Gesicht kämpfen widerstreitende Emotionen – ich sehe Wut, Angst und etwas, das Verzweiflung nahe kommt. Schließlich gewinnt die Sorge die Oberhand und jetzt ist er es, der zur mir kommt. Er sinkt neben meinem Stuhl auf die Knie, umfasst mit einer Hand mein Gesicht.
„Geht es dir gut, Liebes?", fragt er leise.
Ich nicke. Dann schüttele ich den Kopf. Ich habe keine Ahnung, wie es mir geht. „Mir ist schwindelig", flüstere ich schließlich.
Erneut schließen sich seine Arme um mich, aber dieses Mal ist seine Berührung sanfter. Wie von selbst sinkt mein Kopf auf seine Schulter hinab. Meine Finger krallen sich in den Stoff seines Hemdes fest. Ich atme seinen Geruch ein, in einem verzweifelten Versuch, mich zu beruhigen. Seine Lippen drücken sich gegen meine Schläfe.
Zumindest habe ich ihn zurück. Das, wenigstens, macht wieder Sinn, auch wenn es sonst nichts auf dieser Welt es mehr tut.
Ein neuer Gedanke zuckt durch meinen Kopf. Ruckartig richte ich mich auf, suche seinen Blick. „Wenn wir nicht geheiratet hätten… wenn ich nicht um Urlaub gebeten hätte…", würge ich hervor, bevor mich die Worte verlassen.
Ja, wenn.
„Ich weiß", murmelt Ken zur Antwort, „ich weiß." Er sieht plötzlich schrecklich müde aus. Sanft streicht er mir eine lose Haarsträhne aus der Stirn, zieht meinen Kopf dann wieder hinab. Seine Arme halten mich sicher und fest und ich wünsche mir plötzlich verzweifelt, er möge mich einfach nie wieder loslassen.
Er tut es nicht. Wir bleiben in der Küche, eng beieinander, bis die Sonne ihre letzten Strahlen hinter den Horizont gezogen hat. Dann richtet Ken sich auf, zieht mich mit sich hoch, und führt mich die knarzende Holztreppe hinauf ins Schlafzimmer.
Auch nachdem wir zu Bett gegangen sind, bilden seine Arme und die Bettdecke einen Kokon um mich, der beinahe warm und beruhigend genug ist, um Schutz vorzutäuschen. „Du solltest schlafen", murmelt er, die Lippen nah an meinem linken Ohr.
Ich seufze leise. „Ich will nicht schlafen", erwidere ich, „im Schlaf verliert man Zeit und ich – ich will keine Zeit verlieren müssen. Nicht in unserer letzten Nacht für… für wer weiß sie lange."
Oder für immer.
Er geht an einen Ort zurück, wo sein Leben in jeder möglichen Sekunde vorbei sein kann. Und mich hat scheint's nur der Zufall zuerst vor einem Flammentod im Bombenhagel und jetzt vor einem kalten, nassen Grab gerettet. Vielleicht hat Ken also wirklich Recht. Vielleicht sind wir ohnehin längst verloren.
Langsam fährt Ken mir mit einer Hand durch die Haare. „Möchtest du darüber reden?", bietet er dann vorsichtig an.
Ich weiß, was er meint. Die Llandovery Castle. Das kalte, nasse Grab, das nun nicht meins sein wird.
„Eigentlich nicht", antworte ich langsam, „eigentlich mochte ich es ganz gerne, als der Krieg dort geblieben ist, wo er war." Dort, wo er uns nicht wehtun konnte.
Es ist mir nicht entgangen, dass Ken sich während der ganzen letzten Tage über die Kriegsnachrichten informiert hat. Aber er hat es diskret getan und mir damit die Möglichkeit gegeben, mich für eine kurze Zeit in eine Traumwelt zurückzuziehen, wo der Krieg unwirklich war und fern. Dafür ist er heute Abend mit umso stärkerer Wucht zurückgekehrt.
Ken brummt seine Zustimmung. „Was glaubst du, wohin sie dich jetzt schicken?", fragt er dann nachdenklich.
„Ach, wenn ich's wüsste. Wo immer sie Bedarf haben, denke ich. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass es vermutlich wieder ein Krankenhaus irgendwo hinter den Linien werden wird. Entweder hoch in den Norden, Richtung Bolougne oder Calais, oder in die Gegend um Rouen und Le Havre", überlege ich. Es hilft mir, mich mit praktischen Fragen befassen zu können. Das war schon immer so.
„Oder nach England?", fragt Ken. Er spricht bemüht beiläufig, aber ich kann spüren, wie sein Körper sich anspannt. Aus den Augenwinkeln sehe ich zu ihm hoch. Er starrt an die Zimmerdecke hinauf.
„Auch möglich, ja", nicke ich. Ich befreie eine Hand aus dem Deckenkokon, der mich umgibt, fahre dann mit einem Finger ganz leicht die Linie seines Kiefers nach. Als er es merkt, lockert er die angespannten Muskeln und lächelt entschuldigend. Seine Lippen streifen flüchtig meine Stirn, dann sieht er jedoch wieder hinauf zur Zimmerdecke.
Ein tiefes Luftholen, dann fragt er: „Ich nehme nicht an, ich kann dich überreden, dich um eine Versetzung nach England zu bemühen?" Immer noch ist sein Ton ganz leicht, so als würden wir etwas völlig belangloses diskutieren, aber die Spannung in seinem Körper straft den lockeren Tonfall lügen.
Ich seufze leise. „Ach, Ken…", flüstere ich.
„Schon gut", unterbricht er mich eilig, „ich wusste schon, was du antworten würdest. Aber ich musste fragen. Das verstehst du, oder? Gerade nach dem heutigen Abend musste ich wenigstens fragen."
Natürlich musste er das. Ich verstehe es sehr gut, umso mehr, da ich jetzt gesehen habe, genau wie besorgt er um mich ist. Also nicke ich, kuschele mich noch näher an ihn. „Ich passe auf mich auf", verspreche ich dann.
Ken schnaubt. „Nein, das tust du nicht. Das ist ja das Problem", entgegnet er, aber seine Stimme klingt eher resigniert statt wütend. Trotzdem will ich widersprechen, aber Ken lässt mir keine Möglichkeit.
„Allerdings", fährt er ohne Unterbrechung fort, „beginne ich zu glauben, dass es irgendwo dort oben einen Schutzengel gibt, dem du genauso viel bedeutest wie mir. Ich habe mich entschlossen, ihm deine Sicherheit zu überlassen, nachdem ich sie nicht garantieren kann und du sie nicht garantieren willst."
„Meinst du, er würde auch auf dich achtgeben, dieser Schutzengel?", erkundige ich mich und drehe mich in seinem Arm ein wenig, um ihn ansehen zu können.
Ken schüttelt entschieden den Kopf. „Ich glaube, er hat mit dir alle Hände voll zu tun", erklärt er, „außerdem komme ich schon klar."
Jetzt bin ich es, der ein ungläubiges Schnauben entfährt. Ruckartig setze ich mich auf. „Bitte? Du gehst zurück an den vielleicht gefährlichsten Ort dieser Welt und ich soll glauben, dass du schon klarkommst?", frage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme plötzlich unnatürlich hoch klingt, „du magst nicht mit mir darüber reden wollen, aber das heißt nicht, dass ich nicht weiß, wie gefährlich es an der Westfront ist."
Ken setzt sich ebenfalls auf, aber langsamer als ich. Ich meine, ihn leise seufzen zu hören. Als ich mich abwenden will, umfasst er jedoch mit den Händen meine Oberarme und dreht mich sanft wieder zu ihm hin, so dass wir einander in die Augen sehen.
„Was meinst du damit? Dass ich nicht mit dir darüber reden will?", fragt er ernst.
Ich drehe den Kopf weg. Wir haben in den zurückliegenden zwei Wochen nicht viel gesprochen über den Krieg und unsere jeweiligen Rollen darin, aber während ich zumindest manchmal von meinen Erlebnissen erzählt habe, war Ken seinerseits sehr zurückhaltend. Selbst in der Nacht, in der mich ein Alptraum über Bomben und Feuer und so viel Blut zitternd hat erwachen lassen, hat er mich getröstet, zärtlich und geduldig, aber über seine eigenen Erfahrungen ist im kein Wort über die Lippen gekommen. Und das, obwohl doch die zwei Angriffe, dich ich erlebt habe, lächerlich sind gegen das, was er schon durchgestanden haben muss.
„Du tust es nicht, oder? Wir haben einander mal versprochen, dass wir ehrlich sein wollen und so lange waren wir das auch, aber zuletzt… ich habe dir Dinge erzählt, von Étaples und aus Flandern und über die Zeit davor, aber von dir – nichts", während ich spreche, sinkt meine Stimme zu einem erstickten Flüstern hinab. Das letzte Wort ist kaum noch ein Wispern, fast nicht zu verstehen. Scheu sehe ich ihn an.
Ken erwidert den Blick ruhig und fest. Da ist Bedauern in seinen Augen und etwas anderes, dunkleres, das ich nicht benennen kann. Schließlich hebt er beide Hände, streicht mir die Haare hinter die Ohren und umfasst sanft mein Gesicht.
„Dass ich dir nicht von den Dingen erzähle, die mir an der Front widerfahren sind, hat nichts damit zu tun, dass ich dir nicht vertrauen würde und nicht mal damit, dass ich versuchen würde, dich zu beschützen", stellt er dann klar, „es liegt einzig und allein an mir. Ich kann nicht."
„Warum nicht?", frage ich mit mehr Unsicherheit in der Stimme als mir lieb ist.
Ken schüttelt leicht den Kopf. Er lässt die Arme sinken. Sein Blick wandert hinab, auf meine Hände, die ich in meinem Schoß verschränkt halte, als suche er dort nach Worten. „Weil ich zurück muss", erwidert er schließlich, „wenn ich laut ausspreche, was ich erlebt und was ich getan habe, egal vor wem, dann lasse ich es heraus und ich weiß nicht, ob ich es dann wieder hinein bekomme. Natürlich denke ich daran, jede Sekunde lang, und ja, es quält mich. Aber so lange ich es nur denke, bleibt es in mir drin und solange habe ich es unter Kontrolle. Nur so kann ich funktionieren und funktionieren muss ich, sobald ich wieder dort bin. Jetzt mehr als sonst. Ich kann es mir nicht leisten, allzu viel zu fühlen."
Seine Worte hallen nach im Schweigen, das ihnen folgt, und in ihnen liegt die gleiche Dunkelheit, die ich zuvor in seinen Augen gesehen habe. Es lässt mich frösteln.
Momente vergehen. Das Schweigen dehnt sich aus. Mehrmals öffne ich die Lippen, um etwas zu sagen, aber jedes Mal verlassen mich die Worte wieder. Ich balle die Fäuste, grabe die Fingernägel in den Handballen, bis es schmerzt. Falls Ken es bemerkt, zeigt er es nicht. Er sitzt nur ganz ruhig da, den Kopf noch immer gesenkt, wie ein Büßer, der auf eine Absolution wartet, die vielleicht niemals kommen wird.
Meine Fäuste öffnen sich langsam. Mit einer Hand berühre ich stattdessen federleicht sein Gesicht, lege sie an seine Wange, und hebe seinen Kopf an, damit jetzt er mich ansehen muss. „Es tut mir Leid", flüstere ich und meine so viel mehr als die Worte im ersten Moment bedeuten und hoffe, er versteht das.
Ken nickt, ganz leicht nur. Er dreht den Kopf, küsste die Innenfläche meiner Hand. „Ich liebe dich", erwidert er dann, was irgendwie keine Antwort ist und irgendwie trotzdem die einzige Antwort, die zählt. Dann rutscht er nach hinten, öffnet seine Arme und ich schmiege mich dankbar hinein.
Wir bleiben so, minutenlang. Sein Atem streicht über meine Haare und sein Herz schlägt gleichmäßig unter meinen Fingerspitzen und ich fühle, wie wir beide ruhiger werden. Fast glaube ich, er könnte eingeschlafen sein, als er plötzlich in die Stille hinein bemerkt: „Dein Gallou hat mir das Haus verkauft."
Ich blinzele überrascht. Bitte was?
Ich drehe den Kopf, will ihn ansehen, um festzustellen, ob er das ernst meint. Meinem Blick weicht er jedoch aus und auch den Versuch, mich wieder aufzusetzen, verhindert Ken leicht, indem er mich fester an sich drückt.
„Darf ich erklären?", bittet er.
Ich nicke schweigend, immer noch zu überrumpelt, um einen Satz zu formen.
Er hat ein Haus gekauft?
Dieses Haus?
„Ich weiß, dass das vermutlich verdammt altmodisch für dich klingt, aber… seitdem wir uns in Paris unser Versprechen gegeben haben, muss ich daran denken, wie wenig ich dir geben kann", hebt er an, „diese zwei Wochen sind vielleicht unsere einzige Chance eines Ehelebens für sehr lange Zeit. Und auch darüber hinaus habe ich dir im Moment nichts zu bieten. Wir beide treiben über diesen Kontinent, ohne einen Ort, den wir unser eigenen nennen können, dabei solltest du ein Zuhause haben, ein Heim. Und ich sollte es dir geben. Deswegen dachte ich… es wird andere Häuser geben, aber für den Moment – für den Moment fiel mir kein besseres ein als dieses hier."
Mit einem kleinen Ruck befreie ich mich soweit aus seiner Umarmung, dass ich zu ihm aufsehen kann. Ich suche nach Worten, nach irgendeiner Erwiderung, aber ich bin viel zu erstaunt, dass er sich scheinbar mit solchen Gedanken quält. Es scheint mir nahezu abwegig vor dem Hintergrund, dass doch er es ist, der mit Zuhause bedeutet.
„Altmodisch, ich sagte es ja", bemerkt Ken mit einem schiefen kleinen Lächeln. Er schiebt eine Hand in meine Haare, zieht meinen Kopf mit leichtem Druck zurück auf seine Schulter.
„Wir waren glücklich hier, oder?", fragt er dann leise.
„Ich war noch nie irgendwo so glücklich wie hier mit dir", antworte ich. Es ist kein Zögern in meiner Stimme. Es war eine manchmal bittersüße Zeit, aber das hat sie nur umso bedeutungsvoller gemacht.
„Gut", entgegnet Ken schlicht.
Seine Finger massieren sanft meine Kopfhaut und meine Augen schließen sich fast wie von selbst. Der Schlaf zupft an den Rändern meines Bewusstseins, obwohl ich doch so entschlossen war, ihm nicht nachzugeben.
„Du hast aufgehört, den Tee zu trinken", bemerkt Ken dann in die Stille und mit einem Schlag bin ich hellwach.
Also hat er es mitbekommen. Ich hatte mich gefragt, ob es das wohl tun würde.
„Woher…?", frage ich hilflos.
„Ich weiß nicht. Ich vermute, es war die logischste aller Möglichkeiten", antwortet er. Seine Stimme klingt ruhig, ganz sachlich. Ich kann nicht sagen, was er denkt.
„Ich hätte vorher mit dir reden müssen", gebe ich kleinlaut zu, „das geht uns beide an." Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Ich wage nicht, ihn anzusehen. Der Schlaf ist weiter entfernt als jemals zuvor.
„Hmh", macht Ken nachdenklich, „vielleicht schon. Andererseits würde ich auf absehbare Zeit nicht besonders, nun… involviert sein können, insofern… außerdem hätte ich vermutlich auch mit dir darüber reden müssen, bevor ich ein Haus kaufe, also – quitt?"
Zischend stoße ich den Atemzug aus, den ich angehalten habe. Ich bin unendlich erleichtert, dass er mir nicht böse ist. Dennoch –
„Wie gesagt, es ist mehr deine Entscheidung als meine", fährt Ken bereits fort, „trotzdem, wenn ich das sagen darf… ich bin froh, wie du dich letztendlich entschieden hast. Allerdings hoffe ich –" Abrupt bricht er ab, räuspert sich leise. Mit einem Mal wirkt er nervös.
„Ja?", ermuntere ich ihn leise.
„Wenn du feststellen solltest, dass du… nun, unser Kind erwartest, dann würdest du doch… deine Arbeit niederlegen, oder?", fragt er zögernd.
„Noch am gleichen Tag", verspreche ich. Die Frage hat sich mit ehrlich gesagt nie gestellt. Es ist eine Sache, wenn ich mich selbst in nicht ungefährliche Situationen bringe. Dass ich sein Kind einer Gefahr aussetzen könnte dagegen ist – nun, undenkbar.
Langsam und tief atmet Ken ein. Ich kann spüren, wie er ruhig wird, wie die Anspannung ihn verlässt. Vorsichtig winde ich mich etwas aus seinem Griff und drehe mich um, so dass ich auf ihn hinab sehen kann. Einige Augenblicke lang studiere ich sein ernstes Gesicht.
Und dann verstehe ich. Auch deswegen hat er dieses Haus gekauft. Ich werde Europa nicht ohne ihn verlassen und das weiß er. Also hat er mit ein anderes Zuhause geschaffen. Hier, wo ich meiner Insel näher bin als jemals sonst und bei Menschen, die mir so etwas wie eine Familie sein könnten.
Er hat mir einen Zufluchtsort geschenkt, für den Fall, dass ich jemals Zuflucht nötig haben werde.
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Scarborough Fair" aus dem 16. oder 17. Jahrhundert entnommen (Autor unbekannt).
