Ben lief im Wohnzimmer auf und ab und sah immer wieder zur Treppe. Er fragte sich, warum es dieses Mal so lange dauerte? Bei Sarah ging es doch auch schneller. Er sah zu Hoss, der zusammengesunken im Sessel saß. Dieser hatte aufgeben, seinen Vater zu beruhigen. „Hoss was dauert da so lange?"
„Ich weiß es nicht, Pa."
„Was macht Adam eigentlich so lange in der Küche?"
Hoss sprang aus dem Sessel hoch. „Ich gehe mal nachsehen."
Erleichtert lief Hoss in die Küche und setzte sich mit einem tiefen Seufzer auf einen Stuhl. „Na, hast du auch die Flucht ergriffen?"
Adam stand an der Spüle. Sarah saß daneben auf der Ablage und aß ein Brot. „Glaub mir Adam, bei Sarah war er nicht so schlimm."
Hoss's Bruder holte tief Luft. „Ich hoffe, es geht alles gut."
Adam reichte seiner Schwester einen Becher mit Milch. „Adam, machst du dir etwa Gedanken? Sonst bist du doch immer derjenige, der uns sagt, dass alles gut werden wird."
„Mehr Hunger."
Adam nahm Sarah den Becher aus der Hand und lächelte sie an. „Du möchtest gerne noch ein Brot?"
Sie klatschte in die Hände und nickte mit dem Kopf. „Ja…ja….ja…"
Adam drehte sich zu Hoss. „Möchtest du auch ein Brot oder willst du noch auf Little Joe warten?"
Hoss senkte leicht den Kopf, sah aber Adam weiter mit den Augen an. „Na, ja wenn es dir keine Umstände macht?"
„Winona, wollen wir Hoss etwas von dem Brot abgeben?"
Sie sah an Adam vorbei zu ihrem Bruder und streckte Adam dann die Arme entgegen, um heruntergehoben zu werden. Dann lief sie zum Tisch, nahm den Brotlaib und gab ihn Hoss. „Alles."
Hoss lachte laut. „Nein, mein kleines Fohlen. Ich werde mit dir teilen."
Er reichte das Brot an Adam und Sarah kletterte auf seinen Schoß. „Adam denkst du wirklich, dass etwas mit Mum nicht in Ordnung ist?"
Adam stand mit dem Rücken zu seinen Geschwistern. Er hielt die Luft an und machte die Augen zu. Er konnte sich noch genau daran erinnern, als Hoss geboren wurde und wie viel Angst er gehabt hatte, weil er nicht verstanden hatte, was mit Inger passierte und sein Vater nicht da war, um ihm alles zu erklären. Bei Joe war es nicht besser. Marie hatte starke Schmerzen gehabt und als er es nicht mehr aushielt, hatte er sich Hoss genommen und war mit ihm hinaus zu den Pferden gegangen. Auch an diesem Tag kam sein Vater sehr spät und war dann die ganze Zeit an der Seite von Marie. Deswegen war Adam eigentlich sehr froh gewesen, dass er bei der Geburt von Sarah in Boston war.
Ohne sich umzudrehen, antwortete er seinem Bruder. „Wird schon alles gut gehen." Erst jetzt wendete er sich seinen Geschwistern wieder zu und gab jedem ein belegtes Brot. Bevor Hoss anfing zu essen, sah er Adam lange an. „Was ist los, Hoss? Ist es zu klein?"
„Nein." Hoss wurde etwas rot. „Warst du wirklich die ganze Nacht bei Koko? Aponi und Amarok sind doch schon ins Dorf gezogen und eigentlich dachte ich, ihr zwei seid nur noch gute Freunde."
Mit zusammengebissenen Zähnen sah er Hoss an. Was sollte er jetzt sagen? Er hasste es, zu lügen, aber zum einen würde er sicher nicht irgendjemandem erzählen, was in der letzten Nacht passiert ist und zum anderen wusste er ja nicht, was mit Koko im nächsten Jahr ist. Wenn sie bis dann wirklich keinen Mann gefunden hatte, würde er sie heiraten, also kann er jetzt auch nicht sagen, dass sie nur gute Freunde sind. Dann lächelte er, schlug Hoss freundschaftlich auf die Schulter und lief zum Herd weiter, um Wasser für einen Kaffee aufzusetzen. „Du kennst doch Koko und mich. Wir wissen beide nicht so richtig, was mit uns ist und…ich war gestern von der Reise einfach nur so müde, dass ich dort eingeschlafen bin."
Er stellte die Kanne auf den Herd. „Du solltest jetzt zu Pa zurückgehen, sonst dreht er noch völlig durch. Ich komme dann gleich mit Kaffee nach."
Hoss nahm Sarah vom Schoß, aber bevor er ins Wohnzimmer ging, schaute er wieder Adam lange an und dann reichte er Sarah die Hand. „Kommst du mit mir ?" Sie schüttelte den Kopf. „Nono bleiben." So streichelte er ihr über den Kopf und verließ die Küche.
Leise schloss Adam die Tür vom unteren Gästezimmer. Er hatte mit Ben beschlossen dass sie Sarah heute Nacht lieber dort schlafen lassen, falls es oben zu laut werden würde. Sein Vater tigerte schon lange nicht mehr durch das Haus. Mit starrem Blick saß er in seinem Sessel und sah in das Feuer. Adam ging zum Sofa und legte Little Joe die Hand auf die Schulter. „Du solltest auch nicht mehr so lange aufbleiben. Wenn du möchtest, dann kannst du auch hier unten bei Winona schlafen. Dann ist sie auch nicht so alleine, falls sie aufwachen sollte und nicht weiß, wo sie ist."
Sein kleiner Bruder sah ihn an und Adam konnte sehen, dass er genauso besorgt war wie der Rest der Familie. Hoss hatte am Morgen nicht nur den Doktor geholt, sondern war noch in das Dorf der Gosiute geritten, um Aponi mit zur Ponderosa zu bringen. Da sie auch bei der Geburt von Sarah dabei gewesen war, wusste Hoss, dass es auch dieses Mal Emillia's Wunsch ist, dass sie an ihrer Seite ist. Vor gut einer Stunde war Aponi kurz nach unten gekommen, um frisches Wasser zu holen. Sie hatte nicht viel geredet, nur dass es nicht so leicht sei, wie bei Sarah. Danach war sie aber sofort wieder nach oben gegangen.
„Joe, mach dir bitte keine Sorgen. Ich verspreche dir, ich sage dir Bescheid, wenn das Kind da ist."
Joe sah noch mal zu seinem Vater und stand auf. „Danke, Adam."
Adam setzte sich in den anderen Sessel. Hoss war gerade draußen und versorgte die Pferde. „Pa, du solltest etwas essen."
Sein Vater schüttelte den Kopf. „Adam, sage mir bitte, dass es nicht schon wieder passiert? Was habe ich getan, dass keine Frau an meiner Seite mit mir alt werden kann?"
Nur Adams Wange zuckte leicht. Sonst konnte man ihm nicht ansehen, wie es gerade in ihm aussah. Seine Brüder konnte er beruhigen, aber nicht seinen Vater. Ihm hätte er am liebsten gesagt, dass er sich das doch vor der Hochzeit hätte überlegen sollen, aber das wären dann unbedachte Pfeile gewesen, weil er selber mit seiner Angst zu kämpfen hatte. „Wir wissen doch gar nicht was los ist."
Mehr fiel ihm nicht ein, was er seinem Vater hätte sagen können. „Ich weiß nicht, was ich mache, wenn sie auch stirbt."
Adam lehnte sich zurück. Sein Kiefer tat ihm vor Anspannung weh. Um sein Gleichgewicht wiederzufinden öffnete er einen weiteren Knopf seines Hemdes, um die Schlange an der Kette direkt in die Hand nehmen zu können. Er konnte förmlich spüren, wie die Mauer sich wieder verstärkte, als er sich schwor, dass er es nie soweit kommen lassen würde. Er würde eventuell Koko heiraten, wenn es sein muss, aber sonst würde er diesen Weg niemals gehen und schon gar nicht wie sein Vater viermal. Er drehte den Kopf als er hörte, wie oben die Tür geöffnet wurde. Sein Vater und er blickten sich an und beide standen langsam auf. Aponi kam nur einige Stufen herunter und bat Ben, mit ihr nach oben zu gehen. Ohne auf Adam zu achten, lief Ben an ihm vorbei und verschwand mit Aponi im Zimmer. Als die Tür oben zuging schlug Adam mit der Faust gegen die Mauer des Kamins.
Mit der Faust in der Hand sah er auf den Boden und versuchte, sich zu beruhigen. Adam spürte die Wärme des Blutes, das sich in seiner Hand verteilte. Die Haustür wurde aufgerissen und Hoss kam herein und sah sich sofort um. „Wo ist Pa?"
Ohne den Kopf zu heben, sprach er mit seinem Bruder. „Er ist oben." Hoss traute sich nicht, sich zu bewegen.
„Adam…..ist…" Adam sagte keinen Ton. Er schreckte zusammen, als Hoss ihn anschrie. „Adam verdammt, was ist mit Mum?"
Adam hob den Kopf und ließ die Arme hängen. „Ich weiß es nicht, Hoss. Aponi hat ohne etwas zu sagen, Pa gerade nach oben geholt."
Hoss setzte sich in den Sessel. „Entschuldige bitte, dass ich dich angeschrien habe." Sein Blick fiel auf Adams Hand. „Du blutest, Adam."
Er schaute auf seine Hand. Die Knöchel waren aufgeschlagen und das Blut lief den Handrücken hinunter. „Ich gehe, dir ein Tuch zu holen."
Adam drückte Hoss an der Schulter zurück in den Sessel als er an ihm vorbei lief. „Danke, aber ich brauche kurz mal frische Luft."
Er nahm den kleinen Umweg durch die Küche, um sich ein Tuch für die Hand zu holen und ging nach draußen.
Am liebsten wäre er nie wieder ins Haus gegangen aber letztendlich siegte die Vernunft. Er hatte die Türklinke noch in der Hand, als er sah, wie Hoss sich aus dem Sessel erhob und zur Treppe sah. Adam folgte seinem Blick. Sein Vater kam mit einem Lächeln und dem Kind im Arm die Stufen heruntergelaufen. Die beiden Brüder tauschten Blicke aus und liefen ihrem Vater entgegen. „Jungs, sagt hallo zu eurer Schwester Sophia."
Hoss strahlte über das ganze Gesicht, als er sich seine Schwester ansah auch Adam entspannte sich etwas. Aber dann musste er die Frage stellen. „Pa, was ist mit Emillia?"
„Sie ist ziemlich geschafft, aber es geht ihr gut. Paul meint, wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Sie braucht in der nächsten Zeit nur viel Ruhe."
Hoss und Adam atmeten erleichtert aus. „Aponi wird - wie bei Sarah - wieder in den nächsten Wochen bei uns wohnen. Adam kannst du bitte oben das Gästezimmer herrichten?"
„Mach ich."
Adam wollte loslaufen, als Ben ihn am Arm festhielt. „Was ist mit deiner Hand?"
Adam hob seine rechte Hand und sah sie an. „Mit der ist alles in Ordnung. Ich habe mich nur leicht gestoßen."
Ben schaute seinem Sohn in die Augen, aber dieser drehte den Kopf weg und setzte seinen Weg in die obere Etage fort.
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Es hatte bis weit in den Mai gedauert, bis Emillia wieder richtig auf den Beinen war. Sie saß mit geschlossenen Augen und Sophia auf dem Arm auf der Veranda und genoss den warmen Maitag. Sie öffnete nur ein Auge, als sie hörte, wie jemand auf den Hof geritten kam. Sie legte die Stirn in Falten und überlegte, wo Joe gerade war. Eigentlich müsste er jetzt noch in der Schule sein. Hoss war auf der Farm und Adam hatte sich Sarah geschnappt und ist mir ihr zum Bach geritten. Ben saß an seinem Schreibtisch. So öffnete sie beide Augen und stand auf, um Tom zu begrüßen. Sie war sich sicher, dass ihr Jüngster wieder etwas angestellt haben musste. „Guten Tag, Mrs Cartwright." Tom stieg vom Pferd und nahm den Hut ab." „Wie geht es Ihnen?"
„Danke, Tom. Sehr gut. Was führt dich hier heraus? Hat Joe wieder etwas angestellt?"
Tom lachte. „Nein, heute mal nicht. Ich suche Adam."
„Hat er etwa was angestellt?"
Nun musste Tom noch mehr lachen. „Ich glaube, diesen Tag werde ich nicht erleben, an dem ich wegen Adam hier heraus kommen muss. Nein…" Tom spielte nervös mit seinem Hut in der Hand herum." „… Sybil und ich wollen im Juli, bevor alle auf den Viehtrieb gehen, heiraten und Adam soll mein Trauzeuge sein."
Emillia fasste Tom am Arm. . „Das freut mich für euch beide, Tom. Besonders weil du doch solche Bedenken gehabt hattest, dass sie deine Entscheidung, die Ranch zu verlassen, nicht akzeptieren würde."
„Darüber bin ich auch heilfroh. Der Ärger damals mit meinem Vater hat mir schon gereicht."
„Aber Adam hat mir erzählt, dass er sich mittlerweile ja beruhigt hat. Besonders weil er sieht, wie gut dein Bruder die Geschäfte verwaltet."
„Ja, es hat mich damals viel Überwindung gekostet, den Job des Hilfssheriffs anzunehmen, aber jetzt bin ich froh darüber. Es war die richtige Entscheidung."
„Das denke ich auch und so wie ich es schon von mehreren gehört habe, machst du deinen Job sehr gut.." Sie lächelte. „….aber du bist ja nicht hergekommen, um mit mir den Vormittag zu verbringen. Adam ist mit Sarah unten am Bach. Ich denke mal, du kennst dort seine Lieblingsstelle."
Tom setzte seinen Hut auf und schwang sich in den Sattel. „Danke, Mrs Cartwright. Ich werde ihn schon finden. Schönen Gruß an ihren Mann."
„Mach ich."
Sie winkte ihm noch zum Abschied und setzte sich wieder auf die Veranda und dachte nach. Nun würde Tom als letzter von Adams Freunden heiraten und sie freute sich wirklich für ihn. Tom hatte sich in den letzten Monaten sehr verändert. Er wirkte erwachsener, was sicher auch daran lag, dass er die Ranch verlassen hatte und nun in der Stadt wohnte. Dann dachte sie an Adam. Bei ihm war noch nicht daran zu denken, dass er irgendwie plante, seine eigene Familie zu gründen. Im Moment war sich sowieso keiner so sicher, welches seine Ambitionen in dieser Hinsicht waren. Mal ging er mit Holly zum Tanzen und dann verbrachte er den Samstagabend wieder bei Koko. Auch hatte Emillia den Eindruck, dass sie seit der Geburt von Sophia nicht mehr so an Adam herankam, wie in der Zeit davor. Das Band, das sich zwischen ihnen beiden entwickelt hatte, war wieder sehr dünn geworden. Zweimal hatte sie versucht, mit ihm zu reden, aber er blockte alle Gespräche in dieser Hinsicht ab und dabei war sie der Meinung, dass es Bens Ältestem gut getan hatte, etwas mehr Gefühl zu zeigen. Die einzige, die sich wahrscheinlich wünschte, dass Adam für immer auf der Ponderosa bleiben würde, war Sarah. Sie hing so sehr an ihrem Bruder, dass sie jedes Mal, wenn Adam länger als zwei Tage fort war, krank wurde.
Ihre Gedankengänge wurden unterbrochen, als Sophia auf ihrem Arm unruhig wurde und ihr sehr deutlich mitteilte, dass sie Hunger hatte.
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„Mensch, Adam. Der Viehtrieb geht doch erst in drei Wochen los. Warum musst du jetzt schon so einen Stress an den Tag legen? Pa hat doch gesagt, wir liegen gut in der Zeit."
Hoss schloss die Haustür und beide Brüder legten ihre Sachen ab. „Ich mache keinen Stress, sondern du bist nur sehr langsam."
„Ich bin, was?" Hoss stieß mit dem Finger gegen die Brust seines Bruders. „Ich weiß nicht, welche Laus dir in letzter Zeit über die Leber gelaufen ist großer Bruder, aber vielleicht solltest du vor dem Viehtrieb noch mal auf deinen Berg klettern. Das wäre für uns alle besser." Adam wollte zu einer Antwort ansetzen, als Hoss die Hand hob. „Nein ich will mich jetzt nicht weiter unterhalten. Mein Magen schreit nach Essen und so wie es duftet, hat sich Hop Sing heute mal wieder selbst übertroffen."
Hoss ließ Adam stehen und setzte sich zu den anderen an den Tisch.
„Gibt es Probleme, Adam?"
Ben sah ihn an, als sich Adam hinsetzte. „Nein. Es ist alles in Ordnung. Hoss hat nur Hunger. Du weißt, ja wie er dann ist."
Hoss richtete die Gabel auf ihn. „Ich sage nur Berg, mein Lieber."
„Berg?"
„Nichts, Pa. Und es wäre schön Hoss, wenn wir jetzt das Thema wechseln könnten."
„Ja, ich hätte da schon ein Thema." Emillia blickte ernst in die Runde. „Es fände es schön, wenn ihr alle und damit meine ich auch alle…." sie warf ihrem Mann einen Blick zu. „…eure Sachen vor der Hochzeit am Samstag noch einmal anseht. Ihr könnt nicht erwarten, dass ich in allen euren Schränken nachsehe, ob diese in Ordnung sind, und ich möchte nicht, einen Tag vorher anfangen, Knöpfe anzunähen oder den halben Tag zu bügeln."
Alle vier sahen sich an und nickten brav mit dem Kopf. Sie konnten sich noch lebhaft daran erinnern, wie sauer Emillia beim letzten Mal war, als sie einen Tag vorher mit ihren Sachen ankamen.
Am Abend wollte sich Adam gerade mit einem Buch zu den anderen ins Wohnzimmer setzen, als sein Vater ihm einen Brief gab. „Den hätte ich beinahe vergessen. Er kam heute für dich mit der Post." Adam sah auf den Umschlag. „ Wenn kennst du denn in Beardstown?"
Adam sah zu seinem Vater. „Keinen."
Dann schaute er sich die Handschrift noch einmal genauer an und da wusste er sofort, von wem der Brief war. Da er ihn nicht vor den anderen öffnen wollte, legte er sein Buch auf den Tisch und lief nach oben. „Adam?"
Auf dem Absatz stoppte er kurz und sah zu seinem Vater hinunter. „Ich bin gleich wieder da."
In seinem Zimmer lehnte er sich an die Tür. Nach einigen Minuten stellte er sich gerade hin und öffnete den Umschlag. Nur nach wenigen Zeilen schlug er seinen Kopf nach hinten gegen die Tür. Er hatte gewusst, dass es ein Fehler war, den Brief zu öffnen. Schon nach dem ersten Satz konnte er ihre Stimme und ihr Lachen hören. Erneut schlug er mit dem Kopf gegen die Tür. Warum kann er sie nicht endlich vergessen?
Er stieß sich von der Tür ab, öffnete die Schublade von seinem Tisch, warf den Brief hinein und knallte die Schublade wieder zu. Dann verließ er sein Zimmer und lief nach unten. Ohne auf jemanden zu achten, legte er sich den Gurt an und nahm seinen Hut. „Wo willst du noch hin?"
„In die Stadt."
Adam warf die Tür zu und Ben und die anderen sahen sich an. „Sollte ich ihm nachgehen, Pa?"
Ben dachte kurz nach. Dass sein Sohn sich über etwas geärgert haben musste, war deutlich zu sehen gewesen, aber er würde sicher zu Tom reiten, um mit ihm darüber zu reden. Also musste er sich keine Sorgen machen. „Nein. Er wird zu Tom gehen. Du kannst ruhig hierbleiben."
Hoss setzte sich wieder hin, um weiter mit Little Joe Dame zu spielen.
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Adam betrat den Saloon und bestellte sich ein Bier. Für einen Montagabend war es recht voll. Das erste Bier trank er mit einem Zug aus und bestellte sich gleich das nächste. Er hoffte, damit zu erreichen, dass ihre Stimme wieder aus seinem Kopf verschwinden würde, aber das einzige, was er nach dem dritten Bier erreicht hatte, war, dass er fühlen konnte, wie der falsche Wolf in ihm immer stärker wurde. Aber nach den ganzen letzten Wochen, in denen er sich so zusammengerissen hatte und vergeblich versucht hatte, wieder sein Gleichgewicht zu finden, hatte er keine Kraft mehr, gegen ihn anzukämpfen. Er wollte diese Wut und diesen Schmerz heute raus lassen. Er drehte sich um. Dann fiel sein Blick auf Buck. Von Mitch war nichts zu sehen. Adam nahm noch einen kräftigen Schluck von dem vierten Bier und schlenderte zu Buck an den Tisch.
„Wo hast du denn die zweite Hälfte von deinem Spatzenhirn gelassen?"
Buck legte den Kopf schief und sah ihn an. „Suchst du Ärger, Cartwright?"
„Mit dir? Was soll dabei rauskommen? Mich wundert es ja schon, dass du überhaupt alleine geradeaus gehen kannst."
Mit einem Satz stand Buck vor ihm. „Du denkst wohl, weil dein Schoßhund jetzt hier den Sheriff spielt, kannst du auf dicke Hose machen?"
„Ich brauche im Gegensatz zu dir keinen, der mich beschützt."
Buck holte aus. Adam trat einen Schritt zur Seite und Buck stolperte an ihm vorbei und konnte sich gerade noch am Tresen festhalten, um so zu verhindern, dass er hinfiel. Mit wütendem Gesicht drehte er sich um und sah, wie Adam ihn angrinste. „Und du fragst dich, warum ich Spatzenhirn zu dir sage? Nach all den Jahren macht ihr zwei immer noch den selben Fehler."
Buck stürzte nach vorne und Adam hätte wieder locker zur Seite gehen können, aber das wollte er nicht. Er wollte sich jetzt hier mit Buck schlagen. Nur kurze Zeit später herrschte im Saloon das Chaos. Buck und Adam waren nicht mehr die einzigen, die sich prügelten. Ohne Schwierigkeiten hätte Adam Buck schon längst zu Boden schicken können, aber er wollte den Kampf nicht gewinnen. Das, was das Bier nicht geschafft hatte, sollte Mitchs Freund nun mit seinen Schlägen erreichen. So packte Adam Buck am Kragen und drückte ihn gegen einen Tisch und versuchte, ihn mit Worten weiter zu reizen. In diesem Moment kam der Sheriff und Tom in den Saloon. Mit einigen Schüssen in die Luft und lauter Stimme versuchten sie, die Schlägerei zu beenden. Adam zog Buck an sich heran und versetzte ihm einen leichten Schlag in den Magen und flüsterte ihm in das Ohr. „Schade, du kleine stinkende Ratte, ich hätte dich gerne fertig gemacht."
Buck griff nach einer Flasche auf dem Tisch und schlug sie mit voller Wucht gegen Adams Schläfe. Dieser taumelte zur Seite weg, aber Buck hielt ihm am Hemd fest und schlug ihm noch mehrmals in das Gesicht und gegen den Körper bis er merkte, dass Adam sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Buck ließ ihn los und sah mit einem dreckigen Grinsen zu, wie er zu Boden sackte. Danach blickte er sich um und bemerkte den Sheriff. Schnell verdrückte er sich in eine andere Ecke des Saloons
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Als Adam wieder langsam zur Besinnung kam, hatten Tom und der Sheriff es geschafft, dass wieder Ruhe im Saloon herrschte. Während Rushton mit dem Wirt sprach, versuchte Tom, seinem Freund auf die Beine zu helfen. „Adam, was machst du hier an einem Montagabend?"
Adam war noch nicht in der Lage, seinem Freund eine Antwort zu geben. Zur sehr musste er damit kämpfen, dass der Raum aufhörte, sich zu drehen. Rushton kam an Toms Seite. „Du kannst deinen Freund gleich weiter so festhalten und ihn zu uns ins Büro führen."
„Ich sollte ihn lieber nach Hause bringen."
„Das kann er dann morgen machen, wenn er ausgeschlafen ist und genug Geld dabei hat." Verständnislos sah Tom seinen Chef an. Dieser zeigte auf Adam. „Dein Freund hat hier dieses Chaos angerichtet."
„Adam? Das kann ich mir nicht vorstellen."
„So ist es aber. Mehrere haben ausgesagt, dass er schon mit einer sehr schlechten Stimmung hereinkam und innerhalb kürzester Zeit vier Bier getrunken und danach den Streit gesucht hat."
Ungläubig sah Tom zu Adam, der sich noch immer nicht richtig auf den Beinen halten konnte. „Er trinkt doch so gut wie nie mehr als zwei Bier."
Rushton raunte ihn jetzt lauter an. „Tom, bringst du ihn jetzt hier raus, oder muss ich dich noch einmal darin erinnern, was dein Job ist?"
„Nein, Sir."
Er verstärkte den Griff um Adams Arm und brachte ihn rüber in das Büro und legte ihn auf die Pritsche in der Zelle. Als er die Tür verschloss, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. „Es ist nie leicht, gegen einen guten Freund einzuschreiten mein Junge, aber du darfst in diesem Job keinen Unterschied machen. Gerade dann musst du dich an alle Gesetzte halten. Sonst wirst du unglaubwürdig."
Tom sah weiter in die Zelle zu Adam. Er kannte Adam jetzt schon so lange und ja, er hatte sich immer wieder von Buck und Mitch provozieren lassen, aber sein Freund hatte noch nie mit Absicht eine Schlägerei angefangen. Was auch immer heute passiert ist. Es muss ihn mächtig aus der Bahn geworfen haben. „Sollten wir nicht den Doc kommen lassen, damit er einen Blick auf ihn werfen kann?"
Der Sheriff schlug ihm leicht auf den Rücken. „Dem habe ich schon Bescheid gesagt. Der kommt gleich und du setzt dich jetzt an den Tisch und schreibst den Bericht."
Mit einem letzten Blick auf seinen Freund, verließ Tom den Zellenbereich.
