49. Nachspiel

Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die Lücken zwischen den dichten Blättern. Es war nicht viel Licht, doch es reichte um Remus aufzuwecken. Sein ganzer Körper fühlte sich steif und schmerzend an, doch es war schon mal schlimmer gewesen. Verwirrt richtete er sich auf. Er sollte sich nicht so gut fühlen, obwohl man gut auch relativ betrachten sollte.

Normalerweise hatte er in den Nächten in denen er sich alleine und ohne den Wolfsbanntrank verwandelt hatte, größere Wunden davongetragen, manchmal sogar Knochenbrüche. Er betrachtete seinen nackten Körper, denn die Kleidung hatte die Verwandlung nicht überlebt und sah nur ein paar Kratzer, die aber nicht sonderlich schlimm waren.

Er konnte sich nicht mehr an viel erinnern, nur an dass, was vor seiner Verwandlung passiert war. Sein Kopf dröhnte und seine Kehle war trocken, während er versuchte die Erinnerung zurückzuholen. Immer wieder schob sich das Bild einer Löwin vor sein Auge. Woher kam die Löwin?

Er rappelte sich langsam auf, denn es wurde kalt auf dem Waldboden. Beinahe stolperte er über ein kleines Bündel, das neben ihm auf den Boden lag. Er fragte sich was zur Hölle in dieser Nacht passiert war. Er kniete sich wieder neben das Bündel und erkannte mit Schrecken, dass es Emily war, die sich im Schlaf zusammengerollt hatte. In der Hand geklammert hielt sie ihren Zauberstab. Im Schlaf sah ihr Gesicht so friedlich aus, dennoch fiel Remus vor Schreck beinahe wieder zurück.

Was machte Emily hier? Er hatte sie doch nicht etwa verletzt? Er würde sich niemals verzeihen können wenn ihr etwas passierte. Er nahm ihr vorsichtig den Zauberstab ab und verwandelte ein paar Blätter in eine Hose und ein Hemd, dass er sich schnell überstreifte, dann kniete er sich wieder neben sie.

„Emily?", sagte er leise und schüttelte sie. „Emily, du musst aufwachen."

Schläfrig öffnete Emily ihre Augen und rollte sich dann gleich wieder zusammen. „Ich will noch nicht aufstehen", nuschelte sie.

Remus seufzte erleichtert auf. Sie schien schon mal nicht verletzt zu sein, nur müde. „Wach auf, Kleines. Du bist mitten im Verbotenen Wald. Auch wenn ich keine Ahnung habe wie du hier her gekommen bist", fügte er mehr zu sich selbst hinzu.

Kaum hatte er dass gesagt, riss Emily ihre Augen auf und fuhr hoch. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Ich sollte eigentlich längst wieder zurück sein. Weißt du wie spät es ist?"

„Es ist noch früh, vielleicht halb fünf, fünf Uhr", antwortete Remus. „Aber warum bist du überhaupt hier?"

„Ich bin dir gefolgt", erwiderte Emily simpel. „Ich habe den Wolf durch die Nacht begleitet." Sie richtete ihren Blick fest auf Remus.

Er wusste nicht was er sagen sollte. „Warum hast du das getan?", fragte er schließlich.

„Du hast gesagt, dass es einfacher für dich ist wenn du Gesellschaft hast", erklärte Emily als ob es selbstverständlich wäre. „Also bin ich zurückgekehrt."

Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit durchfuhr ihn. „Aber ich hätte dich verletzen können…"

Emily lächelte müde. „Du vergisst, dass ich auch ein Animagus bin. Ganz dämlich bin ich ja schließlich auch nicht."

Das erklärte auf jeden Fall die Löwin, dachte sich Remus. Dann fiel ihm auch wieder ein, dass Emily letzte Nacht gesagt hatte, dass sie ein Animagus war. „Du hättest es trotzdem nicht tun sollen-"

„Du hast so viel für mich getan, ich wollte dir etwas zurück geben", unterbrach Emily ihn. „Selbst wenn es nur eine Nacht ist." Sie kniete sich gegenüber von Remus. „Ich kann es nicht sehen wenn du leidest."

Remus starrte sie einfach nur an. Auch nach so vielen Jahren konnte er nicht glauben, dass jemand so etwas für ihn tun würde. Für ihn, für den Werwolf in ihm. Emily erinnerte mehr denn je an Lily, die grünen Augen genauso strahlend und hell. „Es stört dich nicht, dass ich ein Werwolf bin?" Seine Stimme war ganz leise.

„Nein." Emily schüttelte entschieden den Kopf. „Ich weiß es doch schon lange."

Lily hatte damals genau das Gleiche gesagt. „ Ich weiß es doch schon lange und ich lasse meine Freunde nicht im Stich. Egal was sie sind. Warum sollte ich dich für einen Tag im Monat hassen, für etwas, für dass du noch nicht mal etwas kannst?", rief Lily. Sie schüttelte den Kopf. „Remus, wenn du das glaubst, dann kennst du mich schlecht."

Manchmal vergaß er, dass Emily nicht mit den Geschichten über seine Rasse aufgewachsen war, dass sie nicht die alten Schreckgeschichten kannte, dass sie so unvoreingenommen war und nicht den Werwolf in ihm sah. Remus hob eine Hand und legte sie sanft gegen Emilys Wange. „Danke für alles."

Emily lächelte und warf sich in seine Arme. Ihre wilden Haare kitzelten ihn am Kinn, während er Emily hielt. Womit hatte er solches Glück verdient? Aber Emily würde ihn nicht noch mal eine Nacht begleiten, auch als Animagus war es zu gefährlich für sie. Die anderen drei Rumtreiber hatten damals genug Verletzungen erlitten und James Tochter würde nicht für ihn das Gleiche erleiden müssen.

Remus und Emily machten sich kurz darauf auf den Weg zurück zum Schloss. Dabei erzählte Emily ihm alles was in der Nacht vorgefallen war. Remus sah nachdenklich aus. „Ich brauche deine Eule, Emily", bat er sie. „Ich muss Sirius noch eine Nachricht schicken."

Emily nickte. „Mach das. Eos ist oben in der Eulerei, sie findet Sirius bestimmt."

"Danke." Remus lächelte, doch dann fiel sein Blick auf Emilys Kette, die sie nicht mehr ablegte. "Ist das Lilys Kette?"

"Ja." Emily strahlte ihn an. "Sirius hat sie aus den Ruinen geholt und sie mir geschenkt."

"Ich kann mich genau daran erinnern wie sehr sich Lily darüber gefreut hat", erwiderte Remus lächelnd. "Sie meinte es wäre das einzige vernünftige was Sirius ihr jemals geschenkt hätte. Es war gut von ihm, dass er sie dir geschenkt hat. Lily hätte es bestimmt gewollt."

Emily schenkte ihm als Antwort nur ein melancholisches Lächeln. Schweigend legten sie den Rest des Weges zurück und Remus ließ Emily in den Krankenflügel, wo noch alle friedlich schliefen, dann ging Remus weiter zur Eulerei.

Emily schlüpfte unter ihre Decke und schlief sofort wieder ein. Immerhin war es eine anstrengende Nacht gewesen. Sie wachte erst wieder auf als Madam Pomfrey sie weckte und zusammen mit den anderen drei aus dem Krankenflügel entließ. Ron wusste mittlerweile über alles Bescheid was in der Nacht passiert war und Emily erzählte den anderen was sie in der Nacht gemacht hatte während sie hinunter zum See liefen.

Die Schule war leer, denn die meisten Schüler waren ein letztes Mal in Hogsmeade. Die vier nutzten die Leere um wirklich ungestört zu sprechen. Außerdem fand Emily es viel zu heiß um etwas anderes zu tun als faul am Ufer des Sees herumzuliegen. Endlich war auch der Sommer in den schottischen Hochlands angekommen.

Hagrid kam vorbei und berichtete ihnen stolz, dass Seidenschnabel entkommen war. Er hatte die ganze Nacht gefeiert. Er war es auch der ihnen erzählte, dass Snape Lupins Geheimnis ausgeplaudert hatte und jetzt die ganze Schule Bescheid wüsste. „Er hat heute Morgen als erstes gekündigt. Sagt er kann es nicht noch mal passieren lassen."

Emily starrte Hagrid ungläubig an. Sie hoffte, dass sie nicht durch ihre Aktion letzte Nacht alles noch mehr kaputt gemacht hatte als es schon war. Zusammen mit Harry stand sie wieder auf. Sie wollten Remus noch ein letztes Mal sehen.

Als sie in seinem Büro ankamen, sahen sie, dass er schon gepackt hatte. Remus sah auf als sie klopften. „Ich hab euch gesehen." Er deutete auf die Karte des Rumtreibers, die offen auf dem Tisch lag.

„Wir haben gerade Hagrid gesehen", sagte Harry. „Und er hat gesagt, dass Sie gekündigt haben. Es ist nicht wahr, oder?"

„Ich befürchte schon", antwortete Remus. „Dumbledore hat das Zaubereiministerium zwar überzeugen können, dass ich nur versucht habe euer Leben zu retten, aber das war der letzte Tropfen für Severus. Der Verlust des Ordens des Merlins hat ihn hart getroffen. Und so ist ihm aus Versehen herausgerutscht, dass ich ein Werwolf bin."

„Du verlässt uns nicht deswegen", sagte Emily entrüstet.

„Morgen um diese Zeit werden die Eulen ankommen, Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder von einem Werwolf unterrichtet werden. Und nach letzter Nacht verstehe ich sie. Ich hätte euch beißen können… das darf nicht wieder passieren."

„Sie waren der beste Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste den wir je hatten", rief Harry. „Gehen Sie nicht!"

„Aus dem was der Schulleiter mir heute Morgen erzählt hat, habt ihr letzte Nacht eine Menge Leben gerettet. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann ist wie viel ihr gelernt hat. Erzählt mir von euren Patroni."

Harry erzählte was passiert war und dann fügte Emily die Geschichte von ihrem Patronus hinzu.

Remus lächelte. „Ja, euer Vater war ein Hirsch wenn er sich verwandelte. Du hast richtig geraten… deshalb haben wir ihn Krone genannt. Die Hirschkuh war Lilys Patronus, ich habe ihn oft gesehen." Er warf ein paar letzte Bücher in seinen Koffer und gab dann den beiden den Tarnumhang und die Karte wieder.

Es klopfte an der Tür und Dumbledore trat ein. „Deine Kutsche ist an den Toren", sagte er.

„Danke, Schulleiter", erwiderte Remus. Er nahm seine Sachen. „Nun – auf Wiedersehen ihr beiden. Es war eine Freude euch zu unterrichten. Wir werden uns sicher wieder sehen."

Emily lächelte traurig und verzichtete darauf Remus ein letztes Mal zu umarmen. Sie hatte das Gefühl, dass er so schnell wie möglich von hier weg wollte. „Ich schreibe dir über die Ferien."

Remus nickte und verschwand dann. Emily ließ sich neben Harry auf einen der Stühle fallen. Beide sahen traurig aus. Harry erzählte Dumbledore von Trelawneys Prophezeiung, etwas wovon Emily auch noch nichts wusste.

„Der Schwarze Lord ist einsam, von Freunden und Anhängern verlassen. Sein Knecht lag zwölf Jahre in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je. Heute Nacht … vor der zwölften Stunde … wird der Knecht sich auf den Weg machen … zurück zu seinem Meister …", wiederholte Harry die Worte der Prophezeiung.

„War das eine echte Vorhersage?", fragte Emily stirnrunzelnd. Wenn man Hermine und den anderen glaubte, dann war Trelawney nur jemand der allen etwas vorgaukelte.

Dumbledore schien das ganze nicht zu beeindrucken. „Ich sollte ihr eine Gehaltserhöhung geben."

„Aber- aber ich habe Sirius und Professor Lupin davon abgehalten Pettigrew zu töten! Es ist meine Schuld wenn Voldemort zurückkommt", sagte Harry heftig.

„Falsch", widersprach Emily ihm ebenso heftig und Harry sah sie erstaunt an. „Ich habe dir genauso geholfen, wenn überhaupt sind wir beide Schuld. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Pettigrew in der Lage sein soll Voldemort zurückzuholen. Er kommt mir nicht besonders mächtig vor."

„Die Konsequenzen unserer Handlungen sind so kompliziert, so vielfältig, dass das Vorhersagen der Zukunft schwierig ist", erwiderte Dumbledore nur. „Ihr habt etwas Nobles getan in dem ihr Pettigrews Leben gerettet habt. Er schuldet euch sein Leben. Ihr habt Voldemort einen Diener geschickt, der in eurer Schuld steht."

Pettigrew stand nun in ihrer Schuld. Emily wusste nicht ob das nun etwas Gutes oder etwas Schlechtes für sie bedeutete. Sie war sich nur sicher, dass sie Pettigrew nie, nie, nie wieder sehen wollte.

„Ich habe euren Vater gut gekannt", fuhr Dumbledore fort. „Erst in Hogwarts und später. Er hätte Pettigrew ebenfalls gerettet."

Harry sah auf. „Letzte Nacht… dachte ich es wäre mein Vater der den Patronus heraufbeschwört hat und dass meine Mutter auch dort wäre. Ich meine, ich habe uns gesehen, aber ich dachte es wären unsere Eltern."

„Ein verständlicher Fehler", sagte Dumbledore sanft. „Ich bin mir sicher ihr seid es müde zu hören, aber ihr seht euren Eltern außerordentlich ähnlich."

„Es war dämlich, dass wir dachten dass sie es wären", murmelte Emily leise. „Wir wissen, dass sie tot sind."

„Ihr denkt, dass die Toten die wir geliebt uns wirklich verlassen? Eure Eltern leben in euch und sie haben sich gezeigt als ihr sie am meisten brauchtet. Warum sonst konntet ihr genau diese Patronusse beschwören. Krone und Lily waren letzte Nacht wieder da."

Emily runzelte die Stirn. Woher wusste Dumbledore davon?

„Sirius hat mir letzte Nacht alles davon erzählt", erklärte Dumbledore. „In einer Weise habt ihr eure Eltern letzte Nacht doch gesehen… ihr habt sie in euch selbst gefunden."

Sirius war schon meilenweit von der Schule entfernt als Eos ihn fand. Er und Seidenschnabel waren in einem Wald nahe der englischen Küste gelandet und hielten sich dort für ein paar Stunden versteckt um sich zu auszuruhen und um dann weiter in Richtung Festland zu fliegen.

Er hatte sich von ein paar Muggeln Kleidung geklaut und hatte in einem leeren Haus eine Dusche genommen, so dass er mittlerweile wieder recht passabel aussah und wenig mit dem Verbrecher gemein hatte, der auf den Fahndungsplakaten zu sehen war.

Eos flatterte aufgeregt um ihn herum und er pflückte die Eule aus der Luft. Er nahm ihr den Brief ab und Eos ließ sich in sicherer Entfernung zu Seidenschnabel auf einem Ast nieder.

Sirius fragte sich wer ihm einen Brief schreiben würde, doch er erkannte die saubere Handschrift auf dem ersten Blick. Remus. Er war der einzige gewesen, dessen Schrift man überhaupt lesen konnte während James und Sirius Schrift mehr Hieroglyphen glich. Vorsichtig brach Sirius das Siegel und zog das dicht beschriebene Blatt hervor.

Sirius,

ich kann dir nicht sagen wie froh ich bin, dass die Wahrheit endlich ans Licht gekommen ist. Ich hoffe, dass man Peter bald findet und wir deinen Namen reinwaschen können. Solange wünsche ich dir eine sichere Flucht. Wenn du Hilfe brauchst, dann melde dich sofort bei mir und wir werden schon was organisieren.

Ich muss dir sagen, dass ich in Hogwarts gekündigt habe. Mein Geheimnis ist seit heute morgen kein Geheimnis mehr, die ganze Schule wird es nun wissen. Ein Werwolf wird für die Schule nicht mehr tragbar sein und bevor man mich wegen der Proteste der Eltern entlässt, bin ich freiwillig gegangen. Ich habe Dumbledores Vertrauen schon genug genutzt.

Du wirst mich dort also nicht mehr finden. Ich weiß noch nicht was ich machen werde, aber irgendwas wird sich schon finden lassen.

Emily ist mir in den Verbotenen Wald gefolgt, genauso wie ihr damals. in ihr steckt mehr von James als wir alle gedacht haben, auch wenn sie wie Lily aussieht. Sie ist mindestens genauso wagemutig wie ihr beiden, dabei hat sie so ein großes Herz. Sie ist ein wahrer Rumtreiber. Auch wenn ich es nicht gutheißen kann, dass sie sich wegen mir in solch eine Gefahr, kann ich nicht anders als sie dafür zu bewundern.

Aber warum ich dir wirklich schreibe, ist ein anderer Grund. Emily ist nicht die Einzige, die noch am Leben ist.

Das ist das vorletzte Kapitel des 3. Jahres :) Ich kann es kaum glauben, dass schon wieder ein Schuljahr für Emily und ihre Freunde rum ist. Aber das vierte Schuljahr wird sich nahtlos anschließen :)

Und wer sich jetzt über die letzte Zeile von Remus Brief wundert, dem sei gesagt auch dieses Rätsel wird sich lösen :) Ein paar winzige Hinweise auf die Person gab es bereits schon :) Es hängt alles damit zusammen, dass mich ein paar Leute auf die Idee gebracht haben eine Rumtreibergeschichte zu schreiben & falls sie jemand lesen will, würde ich sie auch hier posten, sozusagen als Vorgeschichte zu Emily :)

Irgendwann werde ich auch wieder was für Kinder des Krieges schreiben, versprochen :)