März-April 1920, Biloxi, Mississippi II
Trotz allem was geschehen war, hoffte Alice. Es war eine absurde Hoffnung, das war ihr bewusst, und dennoch...
Auch wenn ihr Vater sie offensichtlich tot sehen wollte, so hoffte sie doch, dass er sie zurück holen würde.
Sie blickte aus dem Auto auf die an ihr vorüberziehende Landschaft. Auch wenn Alice es wirklich besser wusste, so wartete sie dennoch darauf, dass das Auto umkehren würde, dass sie sie nicht in die Anstalt fahren würden.
Sie machten nicht kehrt. Niemand holte sie zurück.
Auch nicht, als sie die die Särge sahen, die hinaus getragen wurden und auf den neben der Anstalt liegenden Friedhof gebracht wurden.
Typhus. Die meisten Patienten waren daran erkrankt, viele starben.
Und trotzdem blickte ihr Vater nicht einmal zurück, gab sie ohne mit der Wimper zu zucken an den Oberarzt. Trotzdem stand der Marshall hinter ihr und hielt sie fest, für den Fall, dass sie zu fliehen versuchte oder erneut Anna-Marie "angriff", wie sie es nannten.
Es war ihnen egal, Alice wusste das. Vielleicht hofften sie sogar, dass sie erkranken und sterben würde.
Und trotz allem gab sich Alice erst dann ihrer Hoffnungslosigkeit hin, als die Tür hinter ihr verschlossen wurde, als sie hörte, wie der Schlüssel herum gedreht wurde und sich die Schritte entfernten.
Erst jetzt war es für sie vorbei. Erst jetzt zerbrach das letzte Fünkchen Frohsinn aus ihrem Herzen, wurde ausgelöscht.
Sie bekam nicht mit, wann sie Fieber bekam. Nach zwei Tagen? Nach drei? Vier? Es spielte keine Rolle.
Als der Hausmeister herein kam, blickte sie ihn nicht einmal an.
Sie schickten nicht einmal eine Schwester, um ihr die Haare abzuschneiden. Die Schwestern und Ärzte betraten nur noch so wenig wie sie irgend konnten die Zellen der erkrankten Patienten.
Wortlos band sie ihr langes dunkles Haar zu einem Zopf und hielt es hoch, damit der Hausmeister mit seiner Schere heran kam.
„Woher?" Seine Stimme klang sanft, sehr melodiös, beinahe wie Gesang. „Woher wussten Sie, dass ich vorhabe Ihre Haare zu schneiden."
„Sie haben eine Schere dabei", erklärte Alice, keinerlei Emotionen in ihrer Stimme.
Der Hausmeister tastete nach der Schere die vor Alices Augen verborgen in seiner Hosentasche steckte. Es war unmöglich, dass das Mädchen sie gesehen haben konnte.
Er runzelte kurz die Stirn und dachte dann nicht mehr länger darüber nach. Für ihn war es eine besonders gute Zeit. Es starben viele und niemand beachtete die Toten wirklich, und so merkte niemand, dass viele von ihnen Blutleer waren. Seine Augen leuchteten derzeit stets in einem hellen Rot.
Dennoch bemerkte er den wohltuenden Geruch im Raum. Ein wenig blumig, und so süß, so unwahrscheinlich süß. In seinem Mund sammelte sich das Gift, als er es roch. Wenn sie nur ein wenig kränker würde, dann würde er sie ohne Zweifel zu seinem nächsten Opfer machen. Oder sie erlösen, so wie er es selbst nannte. Er würde sie etwas früher aus den Qualen, die der Aufenthalt in dieser grässlichen Anstalt mit sich brachte, erlösen. Und der Geschmack ihres Blutes würde wundervoll sein.
In diesem Moment drehte das Mädchen den Kopf zu ihm. Sie lächelte leicht. Ihr fiebriges Gesicht war blass, die Augen voller Schmerz. Und doch war das Lächeln das bezauberndste, dass er je gesehen hatte.
„Ich weiß, dass Sie das nicht tun werden", sagte sie.
„Es tut mir sehr leid, ich muss leider Ihnen die Haare schneiden, es ist die einzige Maßnahme die wir haben um das Fieber zu senken."
Alice schüttelte den Kopf. „Das meinte ich auch nicht. Ich meinte, Sie werden mir nichts antun."
Verzweifelt ertrug Alice die Therapien, wie die Ärzte es nannten. Elektroschocks, Insulinschocktherapien, grauenhafte Dinge. Verzweifelt klammerte sie sich an ihre Erinnerungen, die mit jeder Behandlung ihr mehr entglitten. Ihr einziger Halt war ein winziges Stück Papier, auf dem sie mit einem Bleistiftstummel die wichtigsten Dinge schrieb. Es entsetzte sie, wenn sie erkannte, dass sie sich nicht mehr an die Dinge erinnerte, die darauf standen.
"Mein Name ist Mary Alice Brandon", las sie. "Ich bin neunzehn Jahre alt. Ich wurde in Biloxi, Mississippi geboren. Ich habe eine Schwester, Cynthia. Meine Mutter wurde ermordet."
Tränen rollten ihre Wangen hinab.
Es war schmerzhaft, es tat mehr weh als jeder körperliche Schmerz, den Alice jemals gespürt hatte. Nicht einmal die Behandlungen waren so schmerzhaft wie die Erinnerungen.
Es regnete in Strömen, als Alice am 21. April ihre Augen nach der Behandlung aufschlug. Sie liebte das Geräusch von Regen.
"Es gießt in Strömen", stellte der Arzt fest.
Für einen Moment blickten sich die Schwester und er überrascht an. Noch vor einer Stunde hatte die Sonne geschienen, nicht eine einzige Wolke war am Himmel gewesen.
Und jenes zierliche Mädchen, das jetzt kerzengerade auf dem Behandlungstisch saß und leicht lächelte, hatte gesagt: "Es wird regnen."
Und genau das tat es nun. Obwohl zuvor nichts danach ausgesehen hatte.
Doch rasch verdrängten Arzt wie Schwester ihr ungutes Gefühl, es war albern. Dieses Mädchen konnte nicht in die Zukunft sehen, niemand konnte das. Es war Zufall. Nichts mehr als das.
"Wie fühlen Sie sich, Mrs Brandon?", fragte der Arzt.
Alice reagierte nicht auf die Frage, sie blickte nur zu der Schwester.
Alices letzte Erinnerungen waren unwiederruflich ausgelöscht. Cynthia, ihre Mutter, der Mord, der Verrat des Vaters, Anna-Marie, sie wusste nichts mehr. Sie wusste nicht einmal mehr ihren eigenen Namen. Sie wusste nur eines: sie war glücklich.
Und so drehte sie sich nun zu Schwester um, da sie glaubte, die Schwester wäre Mrs Brandon.
"Das bist du. Mary Alice Brandon", erklärte ihr die Schwester.
"Oh. Mir geht es gut."
Sie beachtete nicht, wie die Schwester einen winzigen Zettel vom Boden aufhob.
Alices Zettel, mit ihren verlorenen Erinnerungen. Erinnerungen, die ihre Seele zerrissen hatten, ihre die Fröhlichkeit genommen hatten. Nun, da sie fort waren, kam ihre Fröhlichkeit augenblicklich zurück.
"Alice", sagte sie zu sich selbst. "Ich mag diesen Namen."
Lange hielt ihr Glück nicht an, denn nur Tage später wurde sie von grausamen Visionen geplagt, die ihr Herz erneut zerrissen.
Als ein hoher Schrei die Nacht wie ein scharfes Messer zerschnitt, zuckte der Hausmeister zusammen. Seine Schaufel blieb in der Erde stecken, knietief stand er bereits in dem Grab, welches er gerade aushub. Er brauchte den Kopf nicht heben, um zu sehen wie die elektrischen Lichter begannen zu flackern. Er wusste auch so was geschehen war. Und mit wem.
Doch nie zuvor hatte es ihm wirklich etwas ausgemacht. Es waren nur Menschen. Nahrung. Es war ihm egal, wenn einer von ihnen an die Elektroden angeschlossen wurde und Strom durch den Körper gejagt wurde.
Aber das war das winzige schwarzhaarige Mädchen mit den traurigen Augen. Ihr Fieber war wieder gesunken. Doch die Tatsache, dass sie nicht noch kranker geworden war bedauerte er nicht. Er hatte sich inzwischen ohnehin dagegen entschieden sie ihres Blutes wegen zu töten. Egal wie gut sie roch.
Er mochte diese winzige Ding.
Er mochte, wie sie ihn ansah. Wie sie auf faszinierende Art und Weise immer wusste was er ihr brachte, obwohl sie nicht sehen konnte, was er vor ihr hinter seinem Rücken verbarg, ob es nun ein Stück Brot war, eine hübsche Feder oder ein Bonbon.
Sie war etwas besonderes. Er kannte keine begabten Menschen. Er wusste nur von Vampiren mit besonderen Begabungen, schließlich hatte er selbst eine. Doch Menschen waren ihm immer dumm und talentlos vorgekommen. Bis Alice kam.
Und er hasste es, wie sie gequält wurde.
Er warf die Schaufel von sich und stürmte in die Anstalt.
„Wer hat angeordnet sie der Elektroschocktherapie zu unterziehen?", fragte er aufgebracht die Nachtwache.
Eigentlich war dies eine Frage, die ihm keiner hätte beantworten müssen. Er war nur der Hausmeister, es ging ihn nichts an was die Ärzte taten und warum sie es taten.
Doch die Nachtwache blickte ihn ängstlich an. Sie hatte sich schon immer vor dem überraschend gut aussehenden Mann gefürchtet, irgendwas an ihm wirkte beängstigend auf sie, auch wenn sie nicht sagen konnte was es war.
„Sie, sie... sie wollte es selbst!", stammelte sie nun voller Angst.
Erst als er die Augen von ihr abwand, kam ihre Zuversicht wieder.
„Sie haben sich ziemlich im Ton vergriffen, das steht Ihnen nicht zu!", fauchte sie verärgert.
Sie wich einen Schritt zurück, als er wieder aufblickte, als sich seine roten Augen in die ihren bohrte.
Als er schließlich ging, blickte sie ihm verwirrt hinterher.
Sie sah noch immer in die Richtung in die er verschwunden war, als eine Stimme hinter ihr ertönte.
„Was war da eben los?"
Sie drehte sich um und blickte verwirrt zu dem Arzt.
„Ich, ich... ich weiß es nicht. Ich habe alles... vergessen."
Sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, weshalb sie den Flur entlang gestarrt hatte. War da jemand gewesen? Sie wusste es nicht mehr.
Der Vampir brauchte nicht lange, um Alice zu finden. Seine Nase musste nur ihrem süßen blumigen Geruch folgen.
Sie war bereits zurück in ihrer Zelle. Sie saß auf dem verdreckten Bett, den Blick zum vergitterten Fenster gewandt. Auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
Er roch den Unterschied sofort. Sehr süß. Viel zu süß.
Die Elektroschocktherapie war keineswegs die einzige Art der Therapie, die sie in dieser Nacht durchgemacht hatte.
Insulinschocktherapien, die neueste Mode – und beinahe noch grausamer als die Elektroschocks. Manche Patienten starben, erwachten nicht mehr aus dem Koma, in das sie geschickt worden waren. Andere erwachten zwar, doch ihr Gedächtnis war dann gänzlich gelöscht. Sie wussten nicht mehr wo sie waren, was geschehen war, nichts. Viele glaubten wieder Kinder zu sein, hielten die Ärzte und Schwestern für ihre Eltern.
„Ist das mein Prinz?", fragte sie in die Nacht. Ihre Stimme gefärbt von Fröhlichkeit. Der Schmerz aus ihren Augen verschwunden, sie blicken hinauf zum Mond, als sähen sie ihn das erste Mal, voller Staunen.
Mit einem Seufzen ließ sich der Vampir auf den Stuhl neben ihrem Bett sinken.
„Alice, Alice, was machen wir nur mit dir."
Alice wand den Kopf zu ihm, blickte ihn an, lächelte.
„Was hast du mir heute mitgebracht?", fragte sie ihn.
„Sag du es mir."
Alice erriet seine Geschenke rasch, doch wollte sie nicht haben. Stattdessen sagte sie.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit."
„Sie sagten mir, du hättest um die Therapien selbst gebeten."
„Ich, ich dachte, du hättest vielleicht recht. Dass Vergessen eine Gnade wäre. Doch ich habe es nicht vergessen."
Sie sah jenes andere Wesen der Nacht vor ihrem inneren Auge. Wie es ihrer Spur folgte, unablässig. Wie es sie verfolgte und schließlich kriegen würde, wie es sie ganz langsam töten würde, um möglichst lange etwas von dem Genuss zu haben.
„Was hast du versucht zu vergessen?"
„Jemand... etwas versucht mich heute Nacht zu töten."
Kurz dachte der Vampir an Alices Vater. Versuchte er Alice hier zu töten? Doch dann vergrub er den Gedanken an Alices Familie. Nein, das würde er nicht. Denn offiziell war Alice längst tot für sie. Dank seiner perfekten Ohren war ihm das Gespräch zwischen Alices Vater und dem Marshall nicht entgangen. Sie hatten Alice längst offiziell für tot erklärt, sie hatten eine Beerdigung mit einem leeren Sarg durchgeführt, behauptet, dass Alice an jenem Tag, an dem sie sie eingeliefert hatten, gestorben war.
Und da er ihre Familie ein wenig beobachtet hatte, wusste der Vampir auch, dass es niemanden gab, der diese Geschichte bezweifelte.
In Biloxi glaubte jeder längst, dass Alice tot war und diese Anstalt würde sie zweifelsfrei niemals wieder verlassen. Es gab gar keine Notwendigkeit mehr ihrem Leben ein Ende zu setzen, sie waren sie sowieso los.
Er brauchte nicht lange, um zu verstehen was Alice mit dem Wort „etwas" gemeint hatte. Zudem brauchte er nur in Alices Augen zu blicken, um zu wissen, dass es sehr wohl etwas gab, was sie vergessen hatte.
Sie hatte ihr komplettes bisheriges Leben vergessen. All die Grausamkeiten, die sie hatte durchleben müssen, waren aus ihren Erinnerungen gelöscht.
Alice war scharfsinnig und klug, das war ihm bereits am ersten Tag bewusst geworden. Sie hatte gewusst, dass er nicht menschlich war und sie wusste nun auch, dass das was kam um sie zu töten ebenso wenig menschlich war.
Ein anderer Vampir war auf dem Weg hierher, um ihr Blut zu trinken.
„Es reicht!", rief er. „Ich hätte dich schon längst hier heraus holen sollen!"
Er will sie mit sich reißen, aus dieser kleinen Zelle holen, mit ihr durch den nahen Wald davon laufen, doch Alice schüttelte wild den Kopf.
„Nein!"
„Er wird dich dennoch kriegen und töten, richtig?"
Sie nickte.
„Geschwindigkeit reicht also nicht, wir müssen klug sein... wir nehmen das Auto des Chefarztes!"
Alice schüttelte den Kopf.
„Wir verstecken uns im Keller."
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich werde ihn von dir ablenken."
Alice heulte voller Qual auf.
Der Hausmeister schluckte. Er sah das kleine Wesen vor sich, mit glühend roten Augen, noch bleichere Haut als sie nun ohnehin schon hatte, ihr kurzes schwarzes Haar voller Herbstlaub. Er glaubte bereits beinahe zu spüren, wie sie ihre zarte Hand in die seine legte, glaubte zu spüren, dass sie nun nicht mehr heiß für ihn war, sondern ebenso kühl wie die seine.
Was, wenn er sie zu einem Vampir machte?
„Alice, was ist, wenn..."
„Nein! Nein!"
Doch diesmal klang ihre Stimme weniger sicher, da gab es etwas Hoffnung, er konnte es hören. Sie wagte es nicht ihn anzusehen, wand ihm den Rücken zu.
„Nein, das wird dein Leben nicht retten? Oder nein, tu das bitte nicht?"
Sie drehte sich ruckartig zu ihm um.
„Es gibt nur eine winzig kleine Hoffnung. Nur eine sehr kleine Chance, dass er zu spät hier sein wird, bevor... aber..."
„Eine winzige Chance?"
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Aber du wirst sterben."
Er blinzelte. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Es gibt nur dann eine winzige Chance, wenn du gegen ihn kämpfst, bis zum Tod. Deinem Tod. Und selbst dann ist die Hoffnung gering. Ich kann es nicht zulassen, dass du das tust!"
Sie wand wieder den Kopf zum Fenster und er folgte ihrem Blick. Schaute hinaus, direkt auf den Friedhof, wo noch immer das halboffene Grab darauf wartete, dass er weiterarbeitete. Zum ersten Mal seit Jahrtausenden dachte er an die Möglichkeit selber zu sterben.
„Du oder ich also."
„Ich sehe deine Zukunft. Ein Zuhause. Eine Familie. Sogar wieder der Thron, wenn du das denn möchtest."
„Und was ist mit deiner Zukunft?"
Alice blickte ihn unerbittlich an.
„Ich werde dich vergessen."
Ein Schmerz durchfuhr seinen Körper. Kein körperlicher, es war seelischer Schmerz, was wesentlich grausamer war als jeder körperliche Schmerz. Nun verstand er, warum Alice hatte vergessen wollen. Sie hatte all die seelischen Schmerzen auslöschen wollen – und zumindest teilweise war es ihr gelungen, worüber er sehr erleichtert war.
„Das meinte ich nicht. Familie? Glück? Die große Liebe?"
Alice antwortete nicht, doch das musste sie auch nicht. Er sah die Antwort in ihren Augen. Sie würde all das haben.
„Und du möchtest lieber sterben, als dass ein Monster sein Leben für dich gibt."
Sie schüttelte den Kopf. „Du bist kein Monster, du bist ein König."
Er blickte sie an. Das einzige Wesen, dass er seit Jahrtausenden wirklich liebte.
„Dann ist es an der Zeit, dass ich mich wie einer verhalte."
Alice öffnete den Mund, doch noch ehe sie ein Wort sagen konnte, hatte er sie bereits gegriffen und mit sich genommen. Hätte ein Mensch den Raum betrachtet, hätte ein einziges Blinzeln mit den Augen gereicht, um zu verpassen wie sie verschwanden. Im Bruchteil einer Sekunde war der Raum plötzlich leer.
Der Hausmeister war sich Alices Anwesenheit durchaus bewusst, als er schließlich den fremden anderen Vampir auf sich zukommen sah, obwohl Alice keinen Ton von sich brachte. Nicht ein Schrei entfuhr ihren Lippen, obwohl sie unsägliche Schmerzen haben musste.
Sollte er doch überraschender Weise mit seinem eigenen Leben davon kommen, dann würde er Alice für ihre Qualen die sie in ihrem bisherigen Leben hatte durchleiden müssen, rächen. Er würde mit ihrem Vater anfangen und bei den Ärzten der Anstalt aufhören. Niemanden würde er verschonen. Er würde sie langsam quälen, ehe er sie schließlich tötete. All die Qualen, die sie zuvor hatte erleiden müssen, waren so viel stärker gewesen al der Schmerz, den die Verwandlung mit sich brachte, dass sie jetzt nicht einmal mehr schrie. Sie war es bereits gewohnt.
Doch er wusste auch, dass es niemals dazu kommen würde, dass er sie rächte.
Alice hatte gesehen, dass er diese Nacht sterben würde, und er zweifelte nicht daran, dass es die Wahrheit war. Es gab für ihn nur noch eines, was er für sie tun konnte.
Er konnte für sie sterben und damit dafür sorgen, dass sie wenigstens in ihrem zweiten Leben glücklich wurde. Und auch da war er sich sicher, dass es geschehen würde. Weil sie es so gesehen hatte.
Der Kampf dauerte über zwei Tage.
Und als schließlich eine purpurfarbene Wolke in den Himmel stieg und damit das Ende des Kampfes anzeigte, als sich der siegreiche Vampir James über Alice beugte, die noch immer stumm am Boden lag, hatte der Hausmeister erreicht was er wollte.
Seine Überreste verbrannten zu Asche, doch das Mädchen dem James gegenüber stand, war in ihrer Verwandlung bereits so weit fortgeschritten, dass ihr Blut für sie verdorben war. Er hatte seine Sängerin verloren, einen Verlust, den er niemals vergessen würde.
Doch er verzichtete darauf, das werdende Vampirmädchen zu töten, voller Hoffnung, dass er vielleicht eines Tages diesen Verlust würde rächen können. Er ließ sie liegen, voller Wut, dass er das erste Mal seit seiner eigenen Verwandlung, nicht erreicht hatte, was er wollte.
Als Alice die Augen aufschlug, war James bereits fort und das Feuer erloschen. Der Wind hatte die Asche bereits fortgetragen und verteilt.
Abrupt setzte sie sich auf.
Wo war sie? Wer war sie? Was war geschehen? Wo kam sie her?
Sie wusste nichts. Außer ihrem eigenen Namen. Sie hieß Alice. Aber egal wie sehr sie in ihrem Kopf suchte, es gab keinerlei andere Erinnerungen als die an ihren Namen. Da war gähnenden Leere.
Und dann tauchte mit einem Mal völlig unvermittelte ein Bild vor ihr auf.
Sie sah ein Diner, sah sich selbst auf einem Hocker am Tresen sitzend, die Hand an einem Glas, dessen Inhalt ihr gänzlich egal war. Sie sah den Regen, der gegen die Fenster prasselte. Sie sah die weiten Röcke der Kellnerinnen, die bei jedem Schritt hin und her schwangen.
Und sie sah ihn.
Die Hand an seinem durchnässten Hut. Sie sah seine tiefschwarzen Augen, sie sah die Narben an seinem Hals und seinen Armen, auch wenn sie größtenteils von dem Hemd, das er trug, verdeckt waren.
Und sie spürte die Liebe, die sie für ihn empfand.
Er würde kommen. Eines Tages würde er kommen und ihre Einsamkeit beenden. Er würde sie lieben und sie würde ihn lieben.
„Jasper", flüsterte sie und ihre Stimme zwitscherte dabei hell und rein wie ein Glockenspiel.
Anmerkung: Ärgerlicherweise ist mir hier ein Fehler unterlaufen und Kapitel, die hätten gepostet werden sollen, wurden nicht gepostet. Stattdessen habe ich versehentlich Kapitel hochgeladen, die später dran gewesen wären. Ich versuche jetzt den Fehler zu korrigieren und irgendwie wieder die korrekte Reihenfolge hinzukriegen.
Die Alice-Kapitel (Januar 1920, März 1920 März-April 1920, April 1920) wurden zudem neu von mir aktualisiert und den kürzlich veröffentlichten Kurzfilmen "The Mary Alice Brandon File" und "The Groundskeeper" angepasst, da diese Filme offiziell ins Twilight-Universum aufgenommen wurden.
Wer jede Kleinigkeit erfahren möchte, für den macht es Sinn alle diese Kapitel erneut zu lesen, da es mal längere mal kürzere Korrekturen und Zusätze gibt.
(Das Kennenlernen von Carlisle und Garrett welches nach dem Kurzfilm "Turncoats" anders war als von mir beschrieben werde ich JETZT jedoch nicht ändern. Es liegt schon so sehr lang zurück... Falls ich je dazu Lust habe arbeite ich da vielleicht an einer Korrektur wenn die komplette Geschichte fertig ist.)
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