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Teil 43
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„Sam?" Zögernd, leise …
Mit weichen Knien stand Dean, an den Holzbalken am Absatz der Treppe gelehnt, seine Finger umklammerten das raue Holz, fühlten das grobe Muster, das darin geprägt war. Alles um ihn summte, vibrierte unter seiner Haut, Wärme und Kälte schwappten irritierend über ihn hin und her. Er brauchte frische Luft, aber die hier unten war widerlich stickig, das Aroma von altem Stein, gemischt mit dem typischen leicht modrigen Geruch eines Kellers in alten Häusern.
Er hatte die Wahl, raus aus diesem Verließ und an die frische Luft oder sich verdammt noch mal zusammenreißen und den Hintern hoch zu bekommen, um dahin zu gehen, wo er gebraucht wurde.
Sich zwingend, langsam ein und aus zu atmen, beobachtete er Bobby am anderen Ende des kleinen Ganges. Dean konnte nicht verstehen, was der Ältere redete, verstand kaum Bruchstücke über das Rauschen in seinen Ohren hinweg, aber er sah, wie angespannt der andere war, wie dessen Fingerknöchel sich drängend um das Metall schlossen, das die schwere Tür verschlossen hielt.
Sam hatte sich, wie es schien, selber eingeschlossen in seiner kleinen Hölle und Dean hätte alles darauf verwettet, dass sein Bruder lieber gestorben wäre, als dort hin zurück zu kehren. Noch etwas, das er anscheinend verlernt hatte: Die Dinge richtig zu erkennen.
„Sam, komm schon Junge, mach auf! Das ist doch Blödsinn …", ein kleiner Schlag gegen das Metall, der gespenstisch widerhallte und Bobby fuhr sich frustriert durch die Haare.
Sicher jetzt, dass seine Beine nicht einfach feige wegknicken würden, stieß sich Dean von seiner Stütze ab, eine Hand zur Sicherheit an der Wand gegenüber. Okay, soweit so gut. Ein Fuß nach dem anderen überbrückte er die kurze Entfernung mit dem mulmigen Gefühl im Magen, dass das, was er sehen würde, alles andere als angenehm sein würde.
Dean legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes, um ihn zu beruhigen oder sich selbst zu stützen, bei dem, was kommen würde - ein bisschen von beidem war es wohl. Bobbys Kopf wandte sich ihm frustriert zu, die Stirn in Sorgenfalten gelegt, schien er sich kurz zu vergewissern, dass ihm Dean nicht gleich entgegen fallen würde, ehe er einen Schritt bei Seite machte, um dem Jüngeren den Weg frei zu machen, um mit einem Sturkopf Marke Winchester zu verhandeln.
Vielleicht war Feuer mit Feuer zu bekämpfen gar keine so schlechte Idee.
Deans Hände begannen verdächtig zu zittern, als er sich dem Sehschlitz näherte. Behutsam legte er sie flach neben die kleine Öffnung und spähte hinein, in der Hoffnung, etwas zu erkennen.
Aber nichts. Alles, was aus dem runden Raum drang, war das leise Geräusch abgehackter Atmung. Sam hatte Schmerzen, Dean kannte die Zeichen genau.
„Sam?"
Aber keine Reaktion kam, nur ein dumpfes Poltern dicht neben ihm an der Wand.
Verzweifelt versuchte er, etwas zu sehen, zu erkennen, was mit Sam geschah, aber nichts.
„Hey, bist du da?"
Was für eine dämliche Frage war das denn gewesen? Wo sollte sein Bruder denn sonst sein. Innerlich über sich selbst fluchend suchte er weiter …
„Komm schon, rede mit uns, mach die Tür auf!"
Wieder Stille.
Bis Dean leise ein gequältes Wimmern hörte, geflüsterte Worte, die ihm das Herz einen Moment aussetzten ließen.
„Das ist nicht real, das ist alles nicht real … nicht real …", immer wieder: „Tod, ich habe sie alle getötet."
„SAM!"
Nichts, bis auf den furchtbaren Singsang, der gespenstisch von den metallenen Wänden widerhallte.
„Nicht real … alle Tod … nicht - …", ein Schmerzlaut und ein weiterer dumpfer Schlag.
Babum. Babum.
Dean konnte jetzt ein kleines Stück von Sams zusammengekrümmtem Rücken sehen, denn dieser war offenbar gerade zu Boden gegangen.
„Bobby, wir müssen rein da, SOFORT! SCHEISSE! Gibt es noch eine andere Möglichkeit, irgendwas?"
Babum.
„SAM!"
Aber alle Antworten waren Töne der Qual und des Schmerzes.
Die Finger verzweifelt um einen der Gitterstäbe geschlungen, rüttelte Dean an der Tür, jegliche Schwäche vergessen. So dämlich es war, er hätte sie am liebsten mit den Händen heraus gerissen.
„Bobby, verdammt noch mal!" Ein Tritt gegen das störende Hindernis.
Aber dieser schüttelte nur den Kopf, als sich verzweifelt grüne Augen fragend in seine bohrten.
„Was ist mit der Lüftung?" Deans Kopf ruckte kurz in Richtung Decke, dem einzig sichtbaren zweiten Zugang.
„Die ist doppelt verschweißt, da kommt nichts durch, wir würden es nicht schaffen, oder eher dabei den ganzen Raum abbrennen."
Aber er musste was tun.
Irgendwas.
Babum. Babum.
Deans Herz donnerte wieder in seiner Brust, aber diesmal durchströmte ihn keine Schwäche, sondern pure Kraft. Nur dass diese nichts gegen rostiges Eisen ausrichten konnte, das ihm so störrisch den Weg versperrte.
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