Kapitel 37 - "Monster!"

Ein lautes Piepen riß Shinji aus dem Schlaf.
Murmelnd verfluchte er den Wecker, dann ging ihm auf, daß er in der Nacht die Weckfunktion seiner Armbanduhr doch abgeschaltet hatte, da weder er noch Rei großes Interesse daran gehabt hatten, heute zur Schule zu gehen und vielleicht erneut von Asuka konfrontiert zu werden.

Wieder piepte es.

Shinji orientierte sich.
Es war bereits hell... wie hatte er solange schlafen können? Und Rei-chan schlief auch noch, gab bei jedem Piepen nur ein unwilliges Brummen von sich... ja, es war gestern spät geworden, Rei-chan hatte lange gebraucht, um sich zu beruhigen, hatte sich immer wieder Selbstvorwürfe gemacht, die er mit ruhigen Worten zu entkräftigen versucht hatte... gut, sie hatte Asuka verprügelt und wahrscheinlich krankenhausreif geschlagen, aber Asuka hatte sie auch mehr als nur provoziert... und dafür, daß sie sehr stark war, konnte Rei-chan auch nichts, das war das Werk seines Vaters - daß er das wußte, hatte sie seltsamerweise sehr erschreckt - ... und daß sein Rücken grün und blau geschlagen war, hatte sie auch nicht gewollt. Wenn sie ihm versprach, daß so etwas nie wieder vorkommen würde, dann glaubte er es ihr unbesehen.
Rei-chan... mitten in der Nacht hatte sie darauf bestanden, sich seinen Rücken anzusehen, hatte wieder mit Entsetzen darüber, was sie getan hatte, zu kämpfen gehabt. Er hatte sie weinen gehört, hatte ihre heißen Tränen auf seiner Haut gespürt - und dann ihre kühlen Lippen, die sanft über seinen Rücken geglitten waren...

Wie spät war es eigentlich...
Und...
Shinji registrierte, daß Rei-chan unter ihm lag, daß seine Hand auf ihrer Brust lag - direkt auf ihrer Haut... erinnerte sich schwach daran, wie er ihre Küsse in der Nacht erwidert hatte... hatte es ihn eine Überwindung gekostet, die Hosen anzubehalten...

Dieses verfluchte Piepen...

Vorsichtig stemmte er sich auf die Unterarme, löste sich aus Reis Armen, betrachtete sie noch einmal lange.
Was auch geschehen würde, er würde sie niemals im Stich lassen...

Dann ging ihm auf, woher das Piepen kam, welches nun schon eine satte Minute andauerte - sein Handy...
Schnell rollte er sich aus dem Bett und griff nach dem kleinen Gerät, welches auf der Sitzfläche des Stuhles lag. Erleichtert stellte er fest, daß das Display weder Misatos oder Doktor Akagis Nummer, noch eine Ziffernfolge zeigte, aus welcher hervorgegangen wäre, daß der Anruf aus dem NERV-Hauptquartier kam. Er ging rasch in die Küche, nahm dort den Anruf schließlich an.
"Shinji Ikari", flüsterte er leise, um Rei nicht zu wecken.

Es knackte und prasselte in der Leitung, undeutlich war eine Stimme im Hintergrund zu hören.
Natürlich, die Ecke der Stadt, in welcher sie wohnten, beherbergte ein nettes kleines Funkloch, der Grund dafür waren möglicherweise die in der Nähe gelegenen Einrichtungen des Stromwerkes.
"Ikari... bin´s... heute... Schule..."

"Wer ist da?"

"Ah... verstehe nicht... schlecht..."

Die Stimme...
"Toji? Bist du das, Toji?"

"Ja. Schlechte... dung... Schule... Belagerung... wütende... Protest..."

"Toji, was ist los?"

Suzuhara schien zu brüllen, jedenfalls übertönte seine Stimme langsam die Störungen.
"Kommt nicht... Schule... Nicht kommen! ... Klar?"

"Was ist mit der Schule?"

"Nicht herkommen. Wütende Eltern..."

"Äh..."

"Kleingeld geht... Neige... Bleibt zu... se..."

Die Verbindung wurde unterbrochen.
Shinji blickte ratlos auf das Display. Immerhin war der Empfang besser gewesen als zur Zeit seines Einzuges, da hätte er kein Wort verstanden.
Aber was hatte Toji gewollt?
Sie sollten nicht zur Schule kommen, weil dort irgendetwas vor sich ging... irgendwas mit wütenden Eltern, die vielleicht protestierten?! Was sollte das jetzt wieder bedeuten? Vielleicht sollte er sich anziehen und bei der Schule vorbeischauen...

"Werden wir gebraucht?"

Shinjis Kopf ruckte nach oben.
Rei-chan stand in der Küchentür, nur mit ihrem Höschen bekleidet... jetzt waren seine Überlegungen wie fortgeblasen, der Anruf fast vergessen. Eigentlich wollte er sie nur wieder in die Arme schließen und noch ein wenig mit ihr kuscheln...

Rei blickte Shinji fragend an.
Sie konnte das Grinsen auf seinem Gesicht deuten, vielleicht hätte sie sich zuerst etwas überziehen sollen...
"Ist es wichtig gewesen?"

"Ahm... uh... äh... also... Toji hat angerufen... in der Schule geht etwas vor sich... uh... er wollte... äh... naja... wir sollten nicht hinkommen oder so..."

"Warum?"

"Keine Ahnung... ahm... ich habe ihn kaum verstanden..."

"Vielleicht ist es wichtig. Bist du sicher, daß er gesagt hat, wir sollen nicht kommen?"

"Uh... denke schon."

In diesem Moment klingelte es an der Tür.
Rei drehte sich zur Seite.

Shinji schob sie zur Seite.
"Ich... ahm... ich gehe schon..."
Er griff sich sein Hemd, welches auf dem Boden lag, zog es sich rasch über, schloß drei Knöpfe und vergewisserte sich, daß Rei-chan noch in der Küche und damit von der Tür aus nicht zu sehen war, ehe er die Wohnungstür öffnete.

Draußen stand eine Frau, etwa in Misatos Alter, dunkelhaarig und elegant gekleidet.
"Guten Morgen, wohnt hier Rei Ayanami?"

"Uh... ja..."

"Hervorragend, ich darf doch eintreten, oder?"
Und damit hatte sie bereits die Tür aufgeschoben, Shinji dabei zur Seite gedrückt und war im Begriff, die Wohnung zu betreten.

"Nein, Sie dürfen nicht eintreten", schnarrte eine weitere Stimme. Hinter ihr war Leutnant Kaori Ishiren, die Kommandantin von Reis Leibwache, aufgetaucht und zielte mit einer schallgedämpften Pistole auf den Hinterkopf der Fremden.

"Äh..."
Das Auftreten der Frau verlor einiges an Selbstsicherheit, als sie über die Schulter blickte und in die dunkle Mündung des Schalldämpfers blickte.

"Weg von der Tür." befahl Ishiren.

Die Fremde hob langsam die Hände, ging einen halben Schritt zurück. Auf jeder ihrer Schläfen erschien ein roter Punkt. Sie schielte nach links und rechts, sah daß auf jeder Seite ein schwarzgekleideter Mann mit einer Waffe im Anschlag in Stellung gegangen war und auf sie zielte.
"Das können Sie doch nicht... Sie können mich doch nicht einfach so bedrohen. Ich bin von der Presse!"

"Und wir sind vom NERV-Sicherheitsdienst. Wo befindet sich Ihr Ausweis?"

"Warten Sie, ich..."

"Die Hände bleiben oben! Keine Bewegung. Wo?"

"Jackett, linke Seite, Innentasche."

"Danke."
Ishiren griff über die Schulter der Fremden und holte einen Ausweis aus der genannten Tasche, warf einen Blick darauf.
"Meiko Tanagawa, Tokio-3-Herald... so, Sie sind also Reporterin."

"Das sagte ich doch schon."

"Was wollen Sie hier?"

"Kann ich die Hände wieder..."

"In Ordnung. Aber keine hastigen Bewegungen."
Der Leutnant gab ihren Leuten knappe Handzeichen, woraufhin diese die Waffen senkten und in den Schatten verschwanden.
"Noch einmal - was wollen Sie hier?"

"Ich möchte Rei Ayanami interviewen."

"Fräulein Ayanami ist NERV-Angehörige."

"Das ist mir bekannt, Pilotin von EVA-00. Aber Ihre Pressestelle hat sich geweigert, meinem Anliegen nachzukommen."

"Uh, was wollen Sie von Rei?" fragte Shinji.

Ishiren sah ihn mit einem Blick an, der nur bedeuten konnte, daß er sich heraushalten sollte, doch die Reporterin sprang sofort darauf an.
"Und du bist... Augenblick, dein Bild habe ich schon gesehen - Shinji Ikari, Pilot von EVA-01, der Sohn des NERV-Oberbefehlshabers. Wohnen Rei Ayanami und du hier?"

"Wir..."

"Das reicht", erklärte der Leutnant. "Da Sie über die offiziellen Kanäle keinen Termin für ein Gespräch erhalten haben, muß ich Sie bitten, das Gebäude zu verlassen und meine Schützlinge nicht weiter zu belästigen."

"NERV-Sicherheitsdienst, ja? Also die Leibwache der Piloten... ihr nehmt euch eine ganze Menge heraus! Mit Ihrem Verhalten treten Sie die Pressefreiheit mit Füßen! Die Allgemeinheit hat ein Recht darauf zu erfahren, wem sie ihre Sicherheit anvertraut!"

"Ja, ja. Sprechen Sie mit unserer Pressestelle, die wird Ihnen sicher gerne ein paar Unterlagen zukommen lassen, die Sie dann veröffentlichen können."
Ishiren gab Tanagawa einen Wink mit der Waffe.
"Kommen Sie nicht wieder, nächstes Mal lasse ich Sie verhaften."

"Das ist nicht akzeptabel... Die Freiheit der Presse..."

"Hört an der Türschwelle auf. Guten Tag."
Sie gab der Reporterin den Ausweis zurück, deutete dann in Richtung des Treppenhauses.

Meiko Tanagawa ging ihrer Wege.

Ishiren wartete, bis die andere verschwunden war, sah dann Shinji mit einem Anflug von Wut an.
"Wie soll ich meinen Job machen, wenn du einfach die Tür öffnest? Sicherheitstechnisch ist das ganze Viertel ohnehin schon eine Katastrophe. Du machst es nicht gerade einfacher, wenn du unvorsichtig bist."

"Gomen."
Shinji senkte betreten den Blick.
Eigentlich wollte er doch dasselbe wie Leutnant Ishiren, nämlich Rei beschützen...

Rei erschien neben Shinji in der Tür, trug nun ihr knielanges Hemd, welches jedoch nicht zugeknöpft war.
"Ishiren-san, hätte für mich Gefahr bestanden, hätte Shinji sein bestes getan, um einen Eindringling aufzuhalten."

Ihre Leibwächterin musterte Reis Aufzug, stellte sich dann sicherheitshalber so, daß sie jedem potentiellen Beobachter die Sicht versperrte.
"Captain Ayanami, es ist meine Aufgabe, auf Sie aufzupassen." Ihre Stimme verlor etwas von der militärischen Schärfe. "Deshalb darf sich derartiges nicht wiederholen, hier im Haus haben meine Leute und ich die Überwachung etwas lascher gehandhabt, um Ihnen und Shinji genug Privatsphäre zu lassen, ansonsten wäre diese Person bereits an der Tür abgefangen worden."

"Ahm... Frau Ishiren, äh, Sir... uhm... haben Sie eine Ahnung, weshalb diese Frau so erpicht darauf war, mit Rei zu sprechen?"

"Ja, leider. Es dürfte hiermit zu tun haben..."
Ishiren griff in ihre schwarze Jacke hinein, holte eine Tageszeitung hervor.
"Hier, die Frühausgabe des Herald."

Shinji nahm sie entgegen, faltete die Zeitung auseinander. Seine Augen weiteten sich.
Gleich auf der ersten Seite befand sich ein großes Bild von Rei unter der Überschrift: EVAN-GELION-PILOTIN LÄUFT IN SCHULE AMOK - Mitschülerin schwer verletzt.
"Argh..."

"Genau das hatte ich auch gedacht", murmelte der Leutnant.

"Ishiren-san, ich habe Tee aufgesetzt, wollen Sie mit uns eine Tasse trinken?" fragte Rei und trat zur Seite.

"Ich... äh..."
Zum ersten Mal erlebte Shinji, wie Ishiren ins Stottern kam. Sie schien nicht mit einer Einladung gerechnet zu haben.
"Ja, gern. Ich muß nur meine Leute... komme in... fünf Minuten zurück."

Rei nickte.
"Wir warten auf sie."
Fünf Minuten sollten reichen, damit sie sich ein wenig repräsentativer machen konnten.


*** NGE ***


Kurz darauf saßen sie zu dritt in der Küche, Rei trug eine Bluse und Shorts, die sie sich von Shinji geliehen hatte, während Shinji in Hemd und Jeans auf dem Bürostuhl am Tisch saß.
Zwischen ihnen lag die aufgeschlagene Zeitung.

"Ich hatte bereits überlegt, bei euch deswegen vorbeizukommen", sagte Ishiren gerade. Ihre Ausdrucksweise schwankte zwischen ´Sie´ und ´du´, wobei sie sich bemühte, Rei mit deren internen Rang anzusprechen, sich aber unsicher war, wie sie bei Shinji verfahren sollte, der ja auch zum Pilotencorps gehörte.
"Die Pressestelle ist deswegen ziemlich am Rotieren."

Shinji las den Leitartikel zum wiederholten Mal durch, es war eine ziemlich übertriebene Wiedergabe der Geschehnisse des letzten Morgens, dernach Rei in einem Wutanfall den Klassenraum zerlegt und mehrere Mitschüler bedroht und geschlagen hätte.
"... zog sich die prominente deutsche EVA-Pilotin Asuka Soryu Langley Verletzungen im Gesicht zu... auch verletzt wurde der EVA-Pilot Shinji Ikari, welchen Rei Ayanami durch mehrere Tische beförderte... äh... mehrere Tische?"

Sofort bekam Reis Gesicht wieder einen schuldbewußten Ausdruck.

"Ahm, Ishiren-san, woher haben die das alles?"

"Es kommt noch besser: Offenbar haben die anderen Schüler ihren Eltern erzählt, was vorgefallen ist, die wiederum haben bei der Schule angerufen, dann bei NERV, schließlich hat die Presse davon Wind bekommen... der Herald will schon seit einiger Zeit über euch berichten... das Leben der EVA-Piloten... die sind doch nur auf der Suche nach Klatsch und Informationen, aus denen sie irgendwelche dunklen Geheimnisse stricken können. Aber bisher hat keiner es gewagt, mit euch direkt Kontakt aufnehmen zu wollen... jedenfalls wurde die Story dabei wahrscheinlich immer mehr aufgebauscht, aus einem zerbrochenen Tisch wurden zwei, aus zwei vier, dann der ganze Raum. Aus einer Platzwunde wurde ein gebrochener Knochen, und so weiter und so weiter."

"Sie... uh... klingen, als ob sie Erfahrung mit der Presse haben."

"Ich bin schon einige Zeit im Geschäft, da macht man seine Erfahrungen, ja."

"Und... ahm... ist etwas in der Schule heute passiert?"

"Woher weißt du davon?"

"Ein Mitschüler hat Shinji-kun vorhin angerufen und ihm etwas mitzuteilen versucht." sagte Rei leise.

"Versucht? Ah, diese verdammte Empfangsstörung. Ohne die hier..." Sie legte ein Funksprechgerät vor sich auf den Tisch. "... und die Verstärker auf den Dächern wären meine Leute und ich doch ziemlich aufgeschmissen. Nur kurze Reichweite, aber genug Sendeleistung, um jeden anderen Sender zu überbrüllen."
Prompt begann das Sprechgerät zu summen.
Ishiren nahm es an ihr Ohr.
"Ja? - Verstehe. Schickt ihn rauf."
Sie schaltete ab.
"Unten ist einer eurer Mitschüler, Toji Suzuhara. Soweit mir bekannt, gehört er zu deinen Freunden, Shinji."

"Ja, stimmt, uhm... Ich gehe schon mal zur Tür..."

Da klingelte es schon.

Vor der Tür stand ein völlig atemloser Toji, der die Treppen in den vierten Stock hinaufgerannt zu sein schien.
"Alter, Ikari... du wirst es nicht glauben..."

Shinji ließ ihn ein, führte ihn, danach er sich die Schuhe ausgezogen hatte, ebenfalls in die Küche.

"Ah... will nicht stören... ihr habt Besuch..." keuchte Toji.

"Toji, das ist Ishiren-san, eine..."

Ishiren stand auf, lächelte kurz.
"Eine Nachbarin."

"Uh... ja... eine Nachbarin."

"Äh... ah, ihr habt auch schon die Zeitung gesehen... Shinji, Ayanami, wirklich gut, daß ihr hier seid... ich war im Krankenhaus bei Hikari, als ich den Artikel gesehen habe... die Stationsschwester hatte ihn gerade gelesen... bin dann zur Schule, um euch zu warnen... aber... da war ein Auflauf... Himmel und Mensch sage ich euch, lauter besorgte Eltern..."

"W-was?"

"Irgendwer hat die Sache von gestern in den falschen Hals bekommen... die tun so, als ob Ayanami eine Gefahr sei..."

Shinji sah Rei an, sah den betretenen Ausdruck auf ihrem Gesicht.

"Jetzt ziehen sie gerade von der Schule zu den Eingängen in die Geofront... würde mich nicht wundern, wenn die eine Demo vor eurem Hauptquartier da unten machen wollen."

Ishiren holte tief Luft.

Shinjis Blick traf sich mit dem der Leibwächterin. Offenbar dachten sie beide dasselbe - das konnte nicht gutgehen...
"Ah... warum... warum verhalten die sich plötzlich so?"

"Panik." sagte Ishiren tonlos. "Die ständigen Engelangriffe zehren bereits stark an ihren Nerven. Und jetzt sehen sie auch noch eine weitere mögliche Gefahr für ihre Kinder. Gegen die Engel können sie nichts tun, aber gegen eine Schülerin schon. Es ist, als wäre Cap..." sie zögerte, entsann sich der Tatsache, daß ein Außenstehender anwesend war, dem der Rank des First Children vielleicht nicht bekannt war, "Rei mit einer ansteckenden Krankheit infiziert."

Rei wirkte, als wäre das alles zuviel für sie.

Shinji knurrte.
"Denen werde ich es zeigen!"

"Yo, Ikari, hol deinen EVA und stampf ein paar Mal kräftig mit den Füßen auf!" Toji nickte heftig. "Hikaris Vater gibt übrigens nichts auf dieses Geschreibe - und meine Leute auch nicht. Nozomi... Hikaris Schwester hat gestern mitangehört, wie Misato-san im Krankenhausflur Asuka wegen der Sache mit Hikari zusammengeschissen hat, war Asuka aber völlig egal. - Ayanami, ich sag dir, wenn es nach Hikaris Schwestern ginge, müßtest du einen Orden bekommen."

"Suzuhara-kun, geh besser zurück ins Krankenhaus", murmelte Rei. "Hikari braucht dich."

Toji sah sie traurig an.
"Ich weiß nicht einmal, ob sie mich hört."

"Sie liebt dich. Wenn sie irgend jemanden hört, dann dich."

"Ahm... das hat sie dir gesagt, Ayanami?"

"Ja. Also, gib nicht auf, ihretwegen nicht."

"Ja, gut."

Wieder summte Ishirens Sprechfunkgerät.
"Was ist denn heute los..." murmelte sie. "Ja? - Ja, wir sind unterwegs." Sie verstaute das Gerät wieder in ihrer Tasche, stand auf.
"Anweisung vom Hauptquartier, wir sollen euch in die Geofront bringen."

"Uh... was?"

"Die Sache könnte eskalieren, anscheinend hat jemand... schätze, die gute Frau Tanagawa... den besorgten Eltern mitgeteilt, wo Captain Ayanami wohnt."

"Captain?" fragte Toji und sah Rei überrascht an. "Du, Ikari, das ist keine Nachbarin, oder?"

"Ahm, Toji, also..."

"In gewisser Weise doch. Ich bin Captain Ayanamis Leibwächterin und habe hier im Haus Quartier bezogen."

"Wow, eine Leibwächterin..."
Toji schüttelte ungläubig den Kopf.

"Falls ihr irgendetwas mitnehmen wollt - wir brechen in fünf Minuten auf."
Der Leutnant verließ die Wohnung.

"Oh, das klingt ernst", murmelte Toji. "Soll ich euch beim Packen helfen?"

"Uhm... nein... es gibt nicht viel, daß..."

"Danke für das Angebot, Suzuhara-kun, aber du solltest wirklich auch gehen. Grüße bitte Hikari von mir."

"Das werde ich. Viel Glück."

Und dann waren sie allein.
Rei nickte Shinji knapp zu, ging dann in den Schlafraum und zog sich ihre Schuluniform an, während er recht ratlos in der Küche stand.
Er hatte eigentlich nichts, das mitzunehmen sich wirklich lohnte. Nur Rei-chan war wichtig...
Dann nahm er die Zeitung, die immer noch zwischen den Teebechern stand, faltete sie zusammen und steckte sie ein.

Rei stand vor ihrem Schrank, hatte die oberste Schublade aufgezogen, hielt Shinjis Handschuhe in den Händen, steckte sie vorsichtig in die Tasche ihres Rocks. Dann griff sie nach dem Brillenetui, zögerte.
"Shin-chan, könntest du schon einmal nach unten gehen und sehen, wie weit Ishiren-san ist? Ich komme gleich nach..."

"Uhm, ja, natürlich."
Er schlüpfte in seine Schuhe und ging.

Jetzt war nur noch Rei in der Wohnung.
Das Brillenetui in der Hand, zog sie sich ihre Schuhe an, öffnete aber noch nicht die Wohnungstür. Langsam ging sie zurück in den Schlafraum.
Die Brille des Kommandanten, zerbrochen, als er sie aus dem Plug geholt hatte...
Eine Erinnerung...
Der Kommandant, für den sie nur ein Werkzeug war, ein Objekt, etwas, das er benutzen konnte, etwas, das er gierig anstarren konnte...
Er hatte sie nicht gerettet, weil sie ihm wichtig war, sondern nur, weil er sie noch brauchte, aus keinem anderen Grund...
Sie klappte das Etui auf.
Eine wertlose Erinnerung...
Sie drehte es um. Die Brille fiel auf den Linoleumboden, das zersplitterte Glas löste sich teilweise aus dem Rahmen.
Rei starrte auf den Boden, starrte auf die Reste der Brille.
Dann trat sie kräftig zu, verwandelte das verbogene Gestell in einen platten Metallklumpen inmitten eines Scherbenhaufens.
Besser...

Dann wandte auch sie sich zum Gehen.


*** NGE ***


In seinem Büro saß Gendo Ikari mit wie üblich gefalteten Händen hinter seinem Schreibtisch. Über einen in die Tischplatte eingefaßten Bildschirm flimmerte eine Reihe von Informationen.
Offenbar war eine Gruppe aufgebrachter und besorgter Eltern zum Quartier des Rei-Klones unterwegs, während eine andere mit Transparenten und Plakaten die Schule und eine dritte den Hauptaufzug in die Geofront belagerte.
Wie leicht es doch gewesen war, diesen Mob in Bewegung zu setzen... ein paar Worte an die richtigen Stellen, eine scheinbar unabsichtliche Bemerkung während eines Gespräches über die Sicherheit der Stadt mit dem Redakteur des Tokio-3-Herald am Nachmittag und schon war diese Reporterin unterwegs gewesen und hatte bis zum Abend mit mehreren Eltern gesprochen und hatte die Pferde scheu gemacht... Rei-II würde die Wohnung aufgeben und wieder ins Hauptquartier ziehen müssen, weil es an der Oberfläche nicht sicher genug war. Dann hatte er sie wieder unter Kontrolle, konnte bestimmen, wann sie mit wem wohin ging, ohne sich des Risikos auszusetzen, daß sie ADAMs Gegenwart erkennen könnte...


*** NGE ***


Leutnant Ishiren und ihre Leute warteten mit zwei dunklen Wagen vor dem Haus.
Die beiden Teenager wurden auf den Rücksitz des zweiten Wagens verfrachtet, in dem auch Ishiren auf dem Beifahrersitz saß und derzeit über Funk mit dem Hauptquartier sprach.
"Was heißt das, wir können den Kreisel nicht benutzen? Der Aufzug... - Ja, zu Befehl."
Mit düsterer Miene gab sie dem Fahrer Anweisung, sie zu jener U-Bahnstation zu bringen, von der aus man per Aufzug in die Geofront fahren konnte.

Unterwegs passierten sie eine Gruppe von Menschen, die aus der Straßenbahn stieg, es waren etwa zehn Personen, die ein Transparent mit sich führten: Keine Monster in der Schule!
Bei ihnen war auch die Reporterin von eben.

Shinji schluckte, zog sofort Rei an sich, ehe diese Gelegenheit bekam, ebenfalls zu lesen, was auf dem Transparent stand.

"Idioten", knurrte Ishiren.
Seit fünf Jahren war sie Rei Ayanamis Leibwächterin, solange wie diese bereits allein in jenem Apartment wohnte. Die ganze lange Zeit über hatte es keine Bedrohung gegeben, die ein sechsköpfiges Team von Leibwächtern begründet hätte, doch jetzt schienen alle durchzubrechen, schienen zu vergessen, daß der Mädchen mit den roten Augen als EVA-Pilotin bei jedem Einsatz ihr Leben für die Stadt riskierte... und Kommandant Ikari selbst hatte sie eben angewiesen, den Aufzug zu nehmen, obwohl dieser regelrecht belagert wurde...
Ishiren rückte ihr Headset zurecht, warf einen Blick in den Rückspiegel.
Seit der junge Ikari bei Captain Ayanami wohnte, wirkte diese verändert... lebendiger, glücklicher... er würde unter Garantie alles tun, um Rei zu beschützen, vielleicht sogar noch mehr als sie, Ishiren...


*** NGE ***


Eine Menschenmauer blockierte die Zugänge zur U-Bahnstation, konnte aber nicht in diese eindringen, dafür sorgten kleine Gruppen bewaffneter NERV-Angehöriger unter dem Kommando von Major Kaji. Dieser verhandelte seit einer guten Stunde mit dem Sprecher der Gruppe, welcher nachdrücklich verlangte, mit dem NERV-Oberkommandeur zu sprechen.
Kaji wäre dieser Forderung mit Freuden nachgekommen, nur hatte Kommandant Ikari mit ebensolchen Nachdruck erklärt, daß er niemanden empfangen würde. Nach Kajis Einschätzung wollte Ikari nur zeigen, daß er der Ansicht war, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen.
Gut zweihundert Männer und Frauen, darunter auch eine Handvoll Kinder, hatten sich um die Zugänge versammelt und brüllten Parolen, die sich allesamt gegen Rei Ayanami richteten und aus denen hervorging, daß sie nicht nur durchsetzen wollten, daß Rei die Tokio-3-High verließ, sondern auch als EVA-Pilotin abberufen wurde. Die anwesenden Kinder hatten in der Regel zwar keine Ahnung, worum es überhaupt ging, beteiligten sich aber nach Leibeskräften an dem Geschrei.
Kaji hatte Erlaubnis erhalten, das Feuer eröffnen zu lassen, sollten die Menschen die U-Bahnstation stürmen wollen... der Bahnverkehr selbst war längst zum Erliegen gekommen, seine Leute riegelten auch die Tunnel ab, falls jemand auf diesem Wege in die Station kommen wollte. Dabei waren diese Maßnahmen eigentlich unnötig, um den Aufzug zu benutzen, brauchte man eine entsprechende Legitimation, andererseits konnte durchaus jemand unter den Demonstranten sein, der über diese verfügte...

Zwei schwarze Wagen hielten am Rand der Menge, Kaji erhielt über Funk Mitteilung, daß die Kinder eingetroffen seien, verbiß sich einen Fluch, weshalb Reis Leibwache ausgerechnet diesen Zugang gewählt hatte.

Ishiren nahm wieder Verbindung mit dem Hauptquartier auf.
"Der Zugang ist versperrt. - Das ist doch nicht Ihr Ernst! - Ja, natürlich."
Sie wandte sich an ihre Leute.
"Wir bringen sie rein."
Die sechs Männer und Frauen in Schwarz bildeten einen Halbkreis um den zweiten Wagen, Ishiren öffnete die hintere Tür. Zuerst kletterte Shinji heraus, dann Rei.

Natürlich war ihre Ankunft den Demonstranten nicht verborgen geblieben, die sich nun ihnen zuwandten, sie einschlossen, sobald sie sich ein paar Schritten von den Wagen entfernt hatten.
Die Leibwächter drängten sich mit unbewegten Gesichtern durch die Menge, Ishiren, wie auch Kaji auf der anderen Seite des Auflaufes, forderte die Menschen auf, Platz zu machen und sich zu beruhigen.

Rei hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und drängte sich eng an Shinji, der sich mit geweiteten Augen umsah.
Wie konnten Menschen nur so reagieren... wie konnten sie sich nur so von ihrer Furcht lenken lassen...

Jemand schrie ganz in der Nähe laute Parolen durch ein Megaphon, Parolen, mit denen er ´das blasse Mutanten-Mädchen´ zum Verschwinden aufforderte.

Shinji hatte genug...
"Ishiren-san, nehmen Sie Rei." knurrte er, schlüpfte dann durch die Lücke, die kurzfristig entstand, als Ishiren sich umdrehte, kämpfte sich unter Einsatz der Ellenbogen durch die Menge bis zu dem Mann mit dem Megaphon, entriß es ihm, erstickte mit einem finsteren Blick jeden Widerspruch.
Shinji blickte kurz auf das Gerät in seinen Händen, stellte es dann auf volle Lautstärke.
"Herhören!"
Sofort bildete sich um ihn eine freie Fläche, als die Leute zurückwichen.
Wütend sah er in die Runde, registrierte, daß Rei und ihre Leibwächter jetzt viel schneller vorankamen und fast schon Kaji-san erreicht hatten.
"Ich bin Shinji Ikari. Ja, der Shinji Ikari, der in der Zeitung erwähnt wurde..."
Er zog den Artikel aus der Tasche, hielt die Zeitung hoch.
"Der Shinji Ikari, der angeblich durch jeden Tisch in der Tokio-3-High geschleudert wurde. Ich habe diesen Artikel gelesen... und ich halte das davon..."
Er schleuderte die Zeitung auf den Boden, trat darauf.
"Der halbe Artikel ist erstunken und erlogen und die andere Hälfte maßlos übertrieben! Ich bin ein EVA-Pilot, ebenso wie Rei Ayanami. Ich vertraue ihr bei jedem Einsatz mein Leben an - weil ich weiß, daß sie mein Vertrauen niemals enttäuschen wird. Wer diesen Müll", erneut stampfte er mit dem Fuß auf die Zeitung auf, "glaubt, sollte sich den Kopf untersuchen lassen."
Damit marschierte er auf den Zugang zur Bahnstation zu, drückte der ihm nächsten Person das Megaphon in die Hand.
Vor ihm öffnete sich ein Gang in der Menge, so daß er unangefochten zu den anderen stoßen konnte.

Die Sprechchöre und Parolen waren verstummt, kamen nicht wieder auf.
Langsam verschwanden die Transparente und Plakate, verlief sich die Menge.

Kaji nickte Shinji anerkennend zu, verbeugte sich leicht.
"Ich wußte gar nicht, daß du zu so etwas imstande bist."

"Ich... ahm... ich auch nicht, Kaji-san."
Shinji sah Rei an, welche seinen Blick mit einem scheuen Lächeln erwiderte.
"Uhm, Ishiren-san, tut mir leid wegen Ihrer Zeitung."

"Das macht nichts. Ich hätte nur gern einen Mitschnitt deiner kurzen Rede."

"Ja, du hast gesprochen, als wolltest du den ganzen Zorn des Himmels über ihnen entladen", erklärte Kaji.
"Kaori, ich übernehme die beiden, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

"Kein Problem, Major."

"Ach, nennen Sie mich Kaji", grinste Kaji, zwinkerte und führte Shinji und Rei zum Aufzug, welche ihm Hand in Hand folgten.


*** NGE ***


Kaji brachte die beiden ins Hauptquartier, wo sich ihnen Misato anschloß, die sichtlich erleichtert über den friedlichen vorläufigen Ausgang der Angelegenheit war. Zusammen steuerten sie den großen Konferenzraum, in den Kommandant Ikari sie beordert hatte.

Auch dort anwesend waren Asuka, Ritsuko Akagi und ihre Assistentin Maya, sowie Kozo Fuyutsuki.
Der große Raum bot genug Platz, daß sie sich nicht zu nahe kamen, zwischen Rei und Asuka befand sich der ganze Längsdurchmesser der ovalen Tischplatte. Asukas linke Gesichtshälfte war angeschwollen und dunkelblau verfärbt, die Stirn immer noch von dem Verband verborgen. In ihren Augen funkelte blanker Haß, der schlichtweg jedem zu gelten schien, der sich im Raum befand, so daß es kein Wunder war, daß zwischen ihr und dem nächsten der Anwesenden nicht nur drei Plätze frei waren, sondern daß auch ihr nächster Nachbar, der Subkommandant Fuyutsuki, sich wirklich unwohl fühlte und daß Maya Ibuki auf ihrem Sitz regelrecht zusammensank.

Gendo Ikari betrat den Raum, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
Er setzte sich nicht, sondern blieb stehen, fixierte jeden im Raum, als wollte er direkt in dessen Seele blicken.
"Ich bin sehr unzufrieden."
Irgendwie schaffte er es, seinen kalten Blick zugleich auf Asuka, wie auch auf Shinji und Rei ruhen zu lassen, obwohl diese an entgegengesetzten Enden des Tisches saßen.
Der Blick verfehlte seine Wirkung nicht, während Shinji im Boden nach einer Ritze zu suchen begann, in der er sich verstecken konnte, und Reis Knie zu zittern begannen, zuckte sogar Asuka zusammen und bemühte sich, den Blick des älteres Ikari zu meiden.
Nur Kaji runzelte die Stirn, verglich Ikaris Auftreten mit dem seines Sohnes während der Demonstration. Shinji hatte denselben Blick eingesetzt, um seine Worte zu untermalen, und trotzdem hatte es ganz anders gewirkt...
Nach einer kurzen Pause um seine Worte einsickern zu lassen, sprach Ikari weiter.
"NERV ist durch euch und eure Handlungen in Verruf gekommen. Ihr seid Piloten, keine Kinder, die sich im Sandkasten balgen! Anscheinend ist euch eure Verantwortung nicht bewußt."

Asukas Arm schoß nach oben.
"Kommandant..."

"Pilot Soryu?"

Asuka zuckte wieder zusammen.
Soryu...
Reichte es nicht, daß First sie so nannte?
"Ich... ich bin mir keiner Schuld bewußt. Wie wohl klar zu erkennen ist, bin ich hier das Opfer."

"Durch deine Handlung haben wir einen EVA sowie einen Piloten verloren." erwiderte Ikari und entzog ihr ohne weitere Worte seine Aufmerksamkeit.
"Jeder von euch hat in den letzten Tagen genug getan, um eine unehrenhafte Entlassung aus dem Pilotenchor zu rechtfertigen. Allerdings stehen uns nicht genug andere ausreichend trainierte Piloten zur Verfügung, weshalb mir dieser Weg leider nicht offensteht."
Wieder machte er eine Pause, belegte jeden der drei Piloten mit seinem kalten Blick.
"Shinji. Third Children. Pilot von EVA-01. Deine Verfehlung ist die Verweigerung eines direkten Befehles. Du wirst einen Eintrag in deine Akte erhalten. Betrachte dies als Verwarnung, beim nächsten Mal wirst du Tokio-3 verlassen müssen. Dein Pilotensalär wird für das nächste Vierteljahr um ein Drittel gekürzt."

Shinji blinzelte.
Noch mal davongekommen...

"Asuka Soryu Langley. Second Children. Pilotin von EVA-02. Du hast Eigentum der UN vernichtet und leichtfertig das Leben eines anderen Piloten gefährdet."

"Ich hatte keinen Kontakt mit den anderen, woher sollte ich denn wissen, daß..."

"Dazu kommt Insubordination. Du wirst einen entsprechenden Eintrag in deine Akte erhalten. Ein weiterer Verstoß gegen die Richtlinien und ich werde in Erwägung ziehen, dich von der Liste der Piloten zu entfernen. Deine Bezüge werden ebenfalls um ein Drittel gekürzt, ebenfalls für die nächsten drei Monate. Ferner wird dir der von der deutschen Zweigstelle verliehene Rang eines Lieutenant Junior Grade entzogen. Hast du verstanden?"

Die Antwort ließ auf sich warten. Doch schließlich senkte Asuka den Blick.
"Ja... Sir..."

"Und schließlich Rei Ayanami. First Children. Pilotin von EVA-00. Ich hatte mehr von dir erwartet."

Rei schluckte. Trotz allem, was sie sich vorgenommen hatte, traf sie das tief.
Ihr Schöpfer war von ihr enttäuscht...

"Verweigerung von Befehlen und dazu eine Schlägerei mit einem anderen Piloten. Und letzteres in der Öffentlichkeit! Die Pressestelle wird viel damit zu tun haben, diesen Vorfall aus der Welt zu schaffen und schönzureden."

Rei schien in ihrem Sessel zu schrumpfen.
Mit jedem Wort von ihm zerbröckelte ihr ohnehin schon angeschlagenes Selbstvertrauen Weiter.

Unter dem Tisch griff Shinji nach ihrer Hand, drückte sie fest.

"Es... es tut mir leid, Kommandant." flüsterte Rei.

Ikari nickte.
"Das sollte es auch. Gerade du solltest wissen, wie leicht Piloten ausgetauscht werden können. Als Strafe für dein Handeln verlierst du deinen Rang innerhalb von NERV, ich stufe dich Zurück auf eine einfache Angehörige der Organisation. Damit verbunden ist eine entsprechende Verringerung deines Gehaltes, sowie eine temporäre Kürzung deiner Bezüge für die nächsten drei Monate um die Hälfte."

"Ja, Kommandant", bestätigte Rei seine Entscheidung mit emotionsloser Stimme.

"NERV wird ferner nicht mehr die Miete für dein Apartment tragen, du benötigst offenbar Aufsicht, die über die Tätigkeit deiner Leibwache hinausgeht. Letztere wird ebenfalls reduziert. In Zukunft wird Leutnant Ishiren allein für deinen Schutz zuständig sein."
Der ältere Ikari wandte sich ab und verließ den Raum.

Kaum war der Kommandant fort, schoß Asuka nach oben.
"Ich verstehe nicht, weshalb ich bestraft wurde!"
Sie bedachte die anderen beiden Piloten mit einem letzten Blick voller Wut und stürmte hinaus.

Shinji blickte zur Seite.
Rei hielt immer noch seine Hand, saß ansonsten aber völlig regungslos da.
Wortlos legte er einen Arm um ihre Schultern.
"Er hat uns... uh... nicht den Kopf abgerissen..."

Rei antwortete nicht.
Wenn NERV die Wohnung nicht weiterbezahlte, mußte sie selbst dafür aufkommen, doch das wäre ihr schon bei vollem Gehalt kaum möglich gewesen... und selbst wenn ihr Shin-chan die Hälfte der Miete übernahm - worauf sie ihn nie von sich aus angesprochen hätte - würde Angesichts der gekürzten Bezüge nichts überbleiben, um Strom und Wasser zu tragen oder gar Lebensmittel einzukaufen... ihr würde nichts anderes übrigbleiben, als auszuziehen... im Hauptquartier war immer eine Unterkunft für sie bereit... aber nur für sie, sie würde nicht mehr mit Shin-chan zusammenwohnen können, nicht mehr in seinen Armen abends einschlafen und Morgens wieder aufwachen können... ihn nicht mehr im Mondschein beobachten können, wenn er schlief... und der Monat war fast zu Ende, nur noch zwei Tage...

Derweil hatten die übrigen die Köpfe zusammengesteckt.

"Das war ziemlich hart", murmelte Kaji.

"Wir können Befehlsverweigerung nicht durchgehen lassen, Major... aber ansonsten stimme ich Ihnen zu", antwortete Fuyutsuki.

"Er hat sie völlig fertiggemacht... alle drei, sogar seinen eigenen Sohn..." flüsterte Misato.

"Hast du etwas anderes erwartet? Für ihn existieren weder familiäre noch freundschaftliche Bande, wenn ich Ikari eines Tages mal untersuchen könnte, würde ich wahrscheinlich einen Eisklotz in seiner Brust vorfinden, wo unsereins ein Herz hat."

"Doktor Akagi..."

"Stimmt doch, Professor."

"Hm..."
Fuyutsuki seufzte.
"Ich werde versuchen, ihn umzustimmen, vielleicht lockert er die Bestrafung ein wenig... obwohl ich Zweifel habe."

"Auch der Versuch zählt, Subkommandant." nickte Misato und sah Fuyutsuki nach, wie dieser um den Tisch herumging, im Vorbeigehen kurz den beiden Piloten auf die Schultern klopfte und dann den Raum verließ.


*** NGE ***


Der Rückweg verlief ohne Probleme, weder an der U-Bahnstation noch vor dem Haus warteten irgendwelche Demonstranten.

Shinji machte sich inzwischen schwere Sorgen um seine Rei-chan, sie hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt.

In der Wohnung sah Rei alles noch einmal lange an.

Shinji bemerkte die Scherben auf dem Boden und das zertretene Brillengestell.
Rei-chan hatte die zerbrochene Brille seines Vaters aufbewahrt... war sie ihr vielleicht heruntergefallen? Nein... dazu war Rei-chan zu umsichtig mit solchen Dingen... und... was tat sie denn jetzt?

Rei hatte den Geigenkasten unter dem Bett hervorgeholt und auf das Bett gestellt, zog jetzt alle Schubladen auf, begann ihre Sachen auszuräumen.

Was sollte das denn?

"Rei-chan, was machst du? Was... uh... was soll das?"

Sie sah ihn an, ihr Blick war von Tränen verschleiert.
"Hast du noch nicht begriffen, Shin-chan? Wir müssen die Wohnung verlassen."
Fünf Jahre... Sechzig Monate... Eintausendachthundertfünfundzwanzig Tage... Dreiundvierzigtausendachthundert Stunden... Zweimillionensechshundertachtundzwanzigtausend Minuten... Einhundertsiebenundfünfzigmillionensechshundertundachtzigtausend Sekunden...
plus minus ein paar...
solange hatte sie schon in diesen Wänden gewohnt...
doch gelebt hatte sie erst in den letzten Wochen, seit sie mit ihrem Shin-chan zusammen war... und das würde nun enden... vielleicht unwiederbringlich...

"Uh... verlassen? Nur weil NERV die Miete nicht mehr bezahlt? Wenn wir zusammenlegen..."

"Es reicht nicht. Ich habe es bereits ausgerechnet. Wir müßten die nächsten drei Monate ohne Strom, Wasser, Nahrung und sonstige Ausgaben überstehen."

"Ahm... warte... uh... wir könnten im Hauptquartier essen und uns waschen... und die nächsten drei Monate brauchen wir auch die Heizung nicht... ah... und wer braucht schon elektrisches Licht..."

Sie schüttelte den Kopf.
"Du gehst davon aus, daß wir nach meiner Degradierung und unter Berücksichtigung der Kürzungen dasselbe Gehalt bekommen. Das stimmt nicht. Als Zivilperson in den Diensten von NERV erhältst du einen Zuschlag von zehn Prozent. Und indirekt gehört dieses Gebäude sogar NERV, so wie die ganze Stadt. Wenn der Kommandant nicht will, daß wir hier wohnen, dann wird einfach die Miete erhöht."

"Aber... ah... wie kann Vater..."
Shinji ließ die Schultern hängen.
"Natürlich kann er. Er brauchte nur einen Grund."

"Den ich ihm geliefert habe. Es tut mir leid, Shin-chan."

"Nein, Rei-chan, nein. Dir muß nichts leid tun. Wir werden uns doch auch weiterhin sehen... Ahm... Und wir haben hier immer noch heute nacht."

"Heute nacht..." wiederholte sie. Und verstand.
Wie hatte Hikari es doch ausgedrückt... eine schöne Erinnerung für die Reise...
"Ja, heute nacht."
Sie stellte den Geigenkasten auf den Boden, räumte ihre Sachen vom Bett.
Was geschah, geschah...
Mit einer schnellen Handbewegung löste sie die Schleife ihrer Schuluniform, begann dann, ihre Bluse aufzuknöpfen.

Shinji trat auf sie zu, nahm ihre Hände, hielt sie davon ab, auch den letzten Knopf zu öffnen, ging vor ihr auf die Knie, preßte sein Gesicht gegen ihre Hände.
"Es war eine schöne Zeit..."

"Ja."

Eine ganze Weile verharrten sie so, dann begann Rei, mit den Fingerspitzen über sein Gesicht zu streicheln, umarmte er ihre Leibesmitte und preßte die Stirn gegen ihren Bauch.

Da klopfte es an der Tür.

Die beiden zuckten zusammen.

"Wer...?" murmelte Shinji.
Ruckartig stand er auf, ging zur Tür, wo sich das laute Klopfen wiederholte.
"Wer ist da?"

"Wir sind´s Misato und Kaji!"

"Uh..."
Er sah über die Schulter, sah Rei nicken, die gerade ihre Bluse wieder zuknöpfte.
Shinji öffnete die Tür.

Misato und Kaji traten ein.
"Die Umzugshelfer sind da!" verkündete erstere.

"Uh... Umzughelfer?" - "Umzugshelfer?"
Die beiden Teenager waren gleichermaßen erstaunt.

"Wird nicht viel Arbeit sein, Katsuragi", meinte Kaji, nachdem er sich umgesehen hatte. Jeder von uns eine bequeme Fuhre, die Möbel gehören ohnehin NERV."

"Sieht so aus. Gut, Kaji, dann sei mal Kavalier."

"Natürlich, Katsuragi."
Kaji grinste breit.

"Mi-Misato, was..."

"Kaji war so gut, mal ein paar Rechnungen aufzustellen, nachdem ihr fort wart. War nicht allzu schwer festzustellen, daß ihr allein die Wohnung hier nicht halten könnt. Wir wollten ja zuerst den Hut ´rumgehen lassen, aber Ritsuko ist pleite, mir frißt der Pinguin die Haare vom Kopf und Maya wollten wir nun doch nicht anpumpen..."

"Äh..."

"Also dachten wir, wir lassen Taten sprechen und helfen euch mit dem Zeug."

"Äh..."

"Major, wie..."

"Moment, Moment, also, ihr zwei habt die Wahl: Laut Auskunft des NERV-Quartiermeisters könnt ihr im Hauptquartier zwei völlig kalte und unschöne Unterkünfte bekommen, die auch noch an entgegengesetzten Enden der Einrichtung liegen, oder..."
Sie machte eine lange Pause.

"Oder? Uhm, Misato, ich weiß, ihr meint es gut, aber..."

"Junger Mann, laß mich doch ausreden! Seht ihr, ich habe immer noch einen Arm im Gips und das wird auch noch ein Weilchen so bleiben, bisher war Kaji so nett, PenPen bei sich aufzunehmen, aber noch länger möchte ich ihm das nicht zumuten. Ich könnte also etwas Hilfe bitter gebrauchen. Außerdem ist nach Asukas Auszug meine Wohnung doch recht leer und einsam - nicht daß ich ihr ständiges Gezanke vermisse -, ich hätte zwar nur ein Zimmer und eine bessere Besenkammer anzubieten, um die ihr meinetwegen Streichhölzer ziehen könnt... naja, wenn ihr natürlich zwei enge kleine Räume im Hauptquartier einem bequemen Apartment mit Familienanschluß vorzieht..."

Bei Shinji dauerte es eine Weile, bis die Informationen in sein Gehirn eingesickert waren. Dann blickte er Rei ungläubig an.
"Uh... Rei-chan, was meinst du?"

Auf Reis Lippen formte sich ein Lächeln.

Shinji begann breit zu grinsen.
Dann umarmte er die beieinander stehenden Erwachsenen.

Zögernd trat Rei hinzu, wurde in den Kreis mitaufgenommen.