zu dieser Szene: Ich weiß, ich weiß, ich habe euch ewig auf die Auflösung dieser einen bestimmten Frage aus ISEM warten lassen. Das lag hauptsächlich daran, dass ich lange Zeit selbst nicht wusste, was an Weihnachten vor 10 Jahren passiert ist. ;)
Mittlerweile hab ich es jedoch rausgefunden und das ist also mein Dankeschön an alle, die gemeinsam mit mir auf diesen Moment gewartet haben.
Ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest!
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- Weihnachten vor 10 Jahren (Kapitel 48).
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Weihnachten 1987
„Was ist mit Madam Pomfrey?"
„Sind dir die leeren Bänke in deinem Klassenzimmer entgangen? Wir haben eine Grippeepidemie im Schloss."
„Und Professor McGonagall?"
„Sie ist über die Feiertage nach Hause gefahren."
„Und... Professor Flitwick? Ich weiß, dass er hier ist."
„In der Tat. Aber ich möchte, dass du mich begleitest, Severus."
Severus schnaufte und zog seine kalten Hände tiefer in die Ärmel des weiten Reiseumhanges. Der Schnee reichte ihm bis an die Knöchel und gab knarzende Geräusche von sich, während er neben dem Direktor die Ländereien überquerte auf dem Weg zum Apparationspunkt kurz hinter den Bannen des Schlosses.
Nachdem Professor Dumbledore ihn mit seinem blumig formulierten Befehl mundtot gemacht hatte, zog Severus es vor, sich diesem schweigend zu beugen. Er hasste Weihnachten und vor allem hasste er Schnee. Er hatte geplant, sich über die Feiertage in die Kerker zurückzuziehen und sich dort um einige kleinere Tränkeexperimente zu kümmern, die Bestände des Krankenflügels aufzufüllen und nebenbei schriftliche Planungen für ein größeres Projekt zu machen.
Stattdessen stapfte er durch die feuchte Kälte, ohne zu wissen, was Professor Dumbledore überhaupt vor hatte. Wo wollte er an diesem Tag des Jahres abends um sieben hin?
Severus sollte es auch für die Apparation nicht erfahren. Der Direktor hielt ihm lediglich die Hand entgegen und erwartete ernsthaft, dass Severus ihm seine reichte. Er zog eine Augenbraue in die Stirn. „Ich bin der Apparation durchaus fähig", erklärte er.
„Ich auch", entgegnete der Ältere schlicht.
„Ach, tatsächlich?" Die Worte stolperten etwas zu schnell aus seinem Mund und die Stimme war etwas zu hoch. Daran musste er arbeiten.
Professor Dumbledore seufzte. „Du musst endlich anfangen, mir zu vertrauen, Severus."
„Der letzte Mann, der mich mit diesem Satz becirct hat, hat Lily ermordet."
Der weißhaarige Mann nickte schwermütig und ließ endlich seine Hand sinken. „Wir wollen ins Nightingale nach London."
„In die Irrenanstalt?" Severus trat einen Schritt zurück, ohne dass er es sich erklären konnte.
„Ja. Doch entgegen aller Argumente gedenke ich nicht, dich dort zu lassen. Wirst du also mitkommen?" Der Schalk spielte um die Augen des Direktors.
„Was wollen wir da?"
„Es geht um eine zukünftige Schülerin. Sie entwickelt momentan ihre magischen Fähigkeiten, ihre Eltern sind jedoch Muggel. Sie wussten sich nicht anders zu helfen, als sie mit ihren angeblichen Fantasien zu einem Therapeuten zu schicken. Und der wiederum... Nun ja, die ganze Sache ist etwas unglücklich verlaufen."
„Wollen Sie sie aus der Anstalt entführen?", fragte Severus nüchtern; er hatte seine Fassung zurückgewonnen.
„Nein. Ich möchte dich bei ihr lassen, bis ich ihren Eltern erklärt habe, was mit ihrer Tochter geschieht. Du sollst sie bloß bei Laune halten und aufpassen, dass sie ihr keine Medikamente geben. Niemand weiß, was für Auswirken das auf ihre magischen Fähigkeiten haben könnte."
Severus presste die Lippen aufeinander. Nicht, weil er das Verhalten des Direktors missbilligte, sondern weil eine Frage in ihm so unvermittelt und so intensiv anschwoll, dass es ihm beinahe die Luft zum Atmen nahm. Warum zum Teufel hatte Dumbledore sich nicht auch seinen Vater zur Brust genommen?
„Nun, Severus?"
Der junge Mann schluckte und nickte. „Ich bleibe eine Stunde, keine Minute länger."
„Perfekt. Wir treffen uns dann dort, sobald ich die Eltern davon überzeugt habe, dass ihre Tochter geistig absolut gesund ist."
„Hm. Und wie heißt das Gör?"
„Oh, natürlich. Ihr Name ist Hermine Granger."
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Kurz darauf betrat Severus die Eingangshalle des Hospitals; er hatte es vorgezogen, sich selbst mit einem Zauber zu belegen, der die Muggel dazu veranlasste, in eine andere Richtung zu schauen. Perfekt war ihm der Zauber zwar nicht gelungen (ein kleiner Junge an der Hand einer Frau sah neugierig zu ihm auf, als könne er unter dem Schleier des falschen Desinteresses hindurchsehen), doch für seine Zwecke würde es genügen.
An der verlassenen Anmeldung fand er eine Übersicht der stationären Patienten und in welchen Zimmern sie lagen. Er fand den gesuchten Namen schnell und machte sich auf den Weg.
Ohne größere Zwischenfälle (ein kleiner Schockzauber hier, eine winzige Lüge da – er hätte sein Leben gegeben für einen verdammten Imperius-Zauber) erreichte er das Zimmer, in dem dieses Granger-Mädchen lag. Severus blickte den Gang hinauf und hinunter, hinter der nächsten Ecke kündigten forsche Schritte eine Schwester an, er trat ein, ohne zu klopfen.
Nachdem er die Tür leise hinter sich geschlossen hatte, drehte er sich um und blickte direkt in ein Paar brauner Augen. „Du bist kein Arzt", stellte ein dazugehöriger Mund fest und die Lippen zogen sich zusammen.
„Ich könnte aber einer sein."
Das Mädchen, das vermutlich Hermine Granger war, legte den Kopf schief und schüttelte ihn dann so heftig, dass die Locken flogen. „Nein, auf keinen Fall."
„Und was bringt dich zu dieser Schlussfolgerung?"
„Ganz einfach: Du hast weder ein Namensschild, noch einen weißen Kittel. Und dieses Schlauchding hast du auch nicht um den Hals hängen."
„Dir ist schon klar, dass du hier in der Klapse bist, oder?"
Sie seufzte. „Ja. Ich vermisse die Schlauchdinger." Während sie bisher auf dem Rand ihres Bettes gesessen hatte, rutschte sie nun nach hinten und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Die Ärzte hier stellen lauter blöde Fragen und tun so, als wäre es ein Wunder, dass ich die Antworten kenne. Dabei ist es doch wirklich logisch, dass ich nicht einfach so ein Buch zu mir laufen lassen kann. Es muss schon vorher so kribbeln im Bauch."
Severus verdrehte die Augen. Es ist jetzt dein Job, erinnerte er sich still, du musst dich mit diesem Kind auseinandersetzen. Dann stieß er sich von der Tür ab und setzte sich neben sie, allerdings an den äußersten Rand des Bettes. „Sie stellen dir blöde Fragen, weil sie dich für blöd halten."
„Kommen hier nur blöde Leute her?"
„Nein, nicht nur." Severus starrte vor sich auf den weißen Linoleumboden.
„Was für Leute kommen denn her?", fragte sie weiter in einem Ton, in dem er nicht einmal über das Wetter reden würde.
„Leute, die nicht alleine leben können. Oder solche, die nur vergessen haben, wie es geht."
„Sind die krank?"
„Ja."
„Aber ich bin nicht krank. Ich hab auch kein Fieber, fühl mal!" Sie griff nach seinem Arm und zog daran, zupfte an seinem Umhang und tastete mit ihren kleinen Fingern über seine Hand.
„Ich glaub es dir ja", sagte er und entzog sich ihren Händen.
Das Mädchen verstummte und sah ihn mit großen Augen an. „Bist du krank?", wollte sie dann wissen.
Severus schnaubte. „Nicht mehr als du", log er.
„Und warum bist du dann hier? Warum hast du einen schwarzen Umhang an und keinen weißen? Bist du das Gegenteil von den Ärzten ohne Schlauchding?"
„Kannst du für fünf Minuten den Mund halten?", fuhr er in derselben Tonlage dazwischen und grinste sie hämisch an.
„Sogar länger", entgegnete sie stolz, „aber das ist langweilig."
Er stöhnte. „Haben deine Eltern dir denn nichts über Höflichkeit beigebracht?"
„Doch. Sie haben gesagt, Klopfer hat Recht."
„Wer - ist - Klopfer?"
Mit vor Aufregung roten Wangen krabbelte das Gör wieder zum Rand des Bettes, setzte sich auf die Beine und kam ihm so nahe, dass er den Geruch des Kindershampoos in ihren Haaren riechen konnte. „Hast du Bambi nicht gesehen?" Sie klang, als habe er die Apokalypse verpasst.
„Wer oder was ist Bambi?"
„Das Reh Bambi! Das mit den anderen Tieren im Wald aufwächst und dessen Mutter tot geschossen wird und..." Sie hielt mit handtellergroßen Augen inne, als sich auf seinem Gesicht keinerlei Erkenntnis abzeichnete.
„Was hat dieses... Reh... mit Höflichkeit zu tun?"
Sie sackte in sich zusammen und sagte müde: „Klopfer hat gesagt: ‚Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, dann soll man den Mund halten'."
„Dieses Reh scheint nicht besonders klug zu sein."
„Klopfer ist ein Hase", wandte sie ein.
„Wie auch immer", presste Severus gereizt hervor.
Sie legte den Kopf schief. „Warum ist das nicht klug, was er gesagt hat?"
„Weil man nicht immer nur nette Dinge sagen kann. Das Leben ist nicht nur nett. Manchmal muss man auch gemeine Dinge sagen."
„Wie zum Beispiel dass meine Eltern mich hierher gebracht haben, wo nur kranke Leute sind, die vergessen haben zu leben, obwohl ich doch gesund bin?"
Severus schluckte und sah ihr zum ersten Mal freiwillig in die Augen. „Ja, zum Beispiel."
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Mehr als eine Stunde später war Severus unter den ermüdenden Fragen Hermine Grangers auf dem Bett nach hinten gerutscht und hatte sich gegen die Wand gelehnt, so wie sie es vorhin getan hatte – und auch jetzt wieder tat. Die Uhr an der gegenüberliegenden Wand zeigte neun Uhr dreizehn und insgeheim fragte er sich, warum er überhaupt noch hier war. Die eine Stunde, die er Professor Dumbledore zugestanden hatte, war lange vorbei. Und bisher war auch noch niemand gekommen, der versucht hatte, dem Granger-Mädchen das Hirn weichzuspülen.
Doch wie sie da so neben ihm saß, den Kopf gegen seinen Arm gelehnt und das Plappermäulchen halb offen stehend angesichts der vielen ungestellten Fragen dieser Welt, brachte er es auch nicht über sich, einfach zu gehen.
Verdammt!
Er musste endlich lernen, seine Nase aus anderer Leute Angelegenheiten herauszuhalten. Er hatte genug mit seinen eigenen zu tun, mehr als genug!
„Wie heißt du eigentlich?", fragte sie in diesem Moment mit leiser Stimme.
Severus drehte den Kopf, bis er sie ansehen konnte. Ihre Augen waren geschlossen. „Ich heiße...", begann er. Eine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen. „Alaric."
„Das ist aber ein komischer Name."
„Komischer als Hermine?"
„Ja."
Er schüttelte leichte den Kopf.
„Hast du eine Frau?"
„Nein", antwortete er dumpf.
„Warum nicht? Du kannst doch so schön Fragen beantworten."
„Sie hatte keine Fragen."
„Echt nicht?" Das Mädchen klang zutiefst schockiert, so als hätte er ihr von einem Wesen ohne Kopf erzählt.
„Nein."
„Dann muss sie ja ganz schön blöd gewesen sein."
„Ja."
Für einen Moment wurde es still, dann sagte Hermine: „Mach dir nichts draus. Wenn ich mal groß bin, dann heirate ich dich."
Severus schloss die Augen und lehnte seinen Kopf zur Seite, bis er ihren berührte. „Darüber reden wir nochmal, wenn es soweit ist."
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Als die Weihnachtsnacht ausklang, stapfte Severus neben dem Schulleiter über die Ländereien. Nach dem selbstlosen Heiratsversprechen des Granger-Mädchens hatte es nicht mehr lange gedauert, bis Professor Dumbledore mit den Eltern aufgetaucht war und sie aus diesem Hospital geholt hatte. Die Erinnerungen des Mädchens an diesen Tag wurden gelöscht, doch den Grangers waren die Gewissensbisse ins Gesicht geschrieben. Hermine stand bestimmt eine großzügige Bescherung bevor.
„Wer ist Alaric?"
Die Stimme des Schulleiters riss Severus aus seinen Gedanken. Er sah ihn kurz von der Seite an, bevor er die Stufen zum Portal hinaufstieg. „Der Nachbarsjunge", antwortete er, obwohl er sich selbst nicht sicher war, warum. Und woher wusste Professor Dumbledore überhaupt davon?
Die blauen Augen des Älteren blitzten im Licht der Fackeln, die die Eingangshalle beleuchteten. „Was ist das Besondere an ihm?"
Severus spürte, wie seine Lippen sich verächtlich verzogen. „Seine Eltern haben ihm etwas zu Weihnachten geschenkt." Er konnte diesem Mann einfach nichts verschweigen, egal wie sehr er es wollte. „Kann ich jetzt endlich gehen?"
Der Schulleiter nickte nachdenklich. „Frohe Weihnachten, Severus."
„Hm", machte dieser und ergriff die Flucht. Sentimentaler Blödsinn, dieses Granger-Mädchen und Weihnachten.
