Snuff

Sara weckte das Klingeln an der Tür. Sie brauchte einen Augenblick um wach zu werden. Anfangs wollte sie das störende Geräusch ignorieren, doch es hörte einfach nicht auf. Sie kämpfte sich aus ihrem Bett und ging zur Tür.

Sie guckte durch den Spion und erblickte Nick. Er sah verwirrt aus. Sie öffnete die Tür. „Ist alles in Ordnung?", fragte sie sofort.

Nick nickte schnell. „Ja, ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht."

Sara trat aus dem Weg um ihn herein zu lassen. Nick betrat ihre Wohnung und folgte ihr in die Küche. „Nick, was ist los?", fragte Sara, während sie anfing Kaffee zu machen.

Nick holte zwei Tassen aus ihrem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Dann setzte er sich hin. „Ich wollte nur wissen, ob wirklich alles mit dir in Ordnung ist. Das war ein ziemlich harter Fall."

Sara drückte den Knopf der Kaffeemaschine und die braune Brühe fing an zu fließen. Auch sie setzte sich. „Das war ein Fall wie jeder andere auch. Es gibt schlimmere. Was ist wirklich?", sie war besorgt. Es war zwar nicht das erste Mal, dass Nick vor ihrer Tür stand, aber so schlimm wie heute war es noch nie gewesen.

Nick antwortete nicht. Sie saßen schweigen in der Küche und warteten auf den Kaffee. Als dieser fertig war, erhob sich Sara erneut und kippte Nick und sich etwas ein. Sie setzte den Kaffee wieder ab und holte Milch aus dem Kühlschrank. Sie goss Nick ein bisschen ein und setzte sich danach erneut.

Nick trank vorsichtig einen Schluck von der heißen Brühe, die das Leben in ihm neu erweckte. „Sara, ich glaube, ich muss dir etwas sagen."

Sara blickte ihn gespannt an. Sie hatte sein Gesicht noch nie so ernst gesehen. Sie sagte kein Wort. Er musste schon von selbst anfangen. Nick atmete tief durch und sagte: „Als ich klein war, sind meine Eltern einmal ausgegangen. Meine Geschwister waren alle nicht da, also kam eine Babysitterin."

Sara nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Bis jetzt war noch nichts Ungewöhnliches an seiner Geschichte.

Nick fuhr fort: „Ich erinnere mich nicht mehr genau an sie. Ich weiß nur noch, wie ihre Stimme war, als sie meinte, du willst es doch auch."

Nick bekam Tränen in den Augen, als er sah wie Sara eine Träne die Wange herunter lief. Er stand auf und ging zu ihr. Er zögerte ein wenig, bevor er seine Hand auf ihren Arm legte. Sara zuckte nicht weg. Sie konnte nicht glauben, was Nick ihr gerade erzählt hatte.

Ein Schweigen lag ziemlich lange in der Luft. Sara flüsterte: „Ich würde jetzt gerne sagen, wie leid es mir tut, aber das würde der Sache nicht gerecht werden."

Sie weinte weiter. Als Nick ihr die Tränen von der Wange wischte, stieg in Sara eine Wut heran, die sie nicht in Worte fassen konnte. Wie konnte jemand das einem Kind antun. Einem kleinen, hilflosen Kind.

Sie ergriff Nicks Hand. Das Zittern in dieser konnte er nicht verbergen. Irgendwie tat es ihm leid, dass er ihr das jetzt erzählt hatte. Es war der falsche Zeitpunkt. Auch wenn der Richtige nie kommen würde, das war ihm bewusst.

„Nicky, warum hast du mir nie vorher etwas davon erzählt.", es klang vorwurfsvoll, auch wenn Sara das nicht beabsichtigt hatte.

Doch Nick verstand, dass sie dies fragte. Sie kannten sich schon so lange. Sie vertrauten einander. Die einzige Erklärung für sein Verhalten war: „Ich weiß es nicht. Ich wollte wohl einfach nicht, dass du mich mit anderen Augen ansiehst. Ich könnte das nicht ertragen."

Diese Aussage verletzte Sara. Nur weil sie etwas über ihn erfuhr, würde sie ihn lange nicht mit anderen Augen sehen. Für sie war er einer der stärksten Menschen der Welt.

Sofort fragte sie sich, wie er sie anblicken würde, wenn er ihre tiefsten Geheimnisse erführe. Doch, das war ein anderes Thema, welches in diesem Augenblick keine Rolle spielen sollte… durfte.

Sara stand auf. Nick ging einen Schritt zurück. Er wollte ihr Freiraum lassen. Sie musste bestimmt nachdenken. Er wollte schon gehen, als Sara etwas tat, womit er nie gerechnet hätte.

Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. „Ich könnte dich nie mit anderen Augen ansehen.", ihre Stimme war so leise und zart, dass Nick sie nicht verstanden hätte, wäre ihr Mund nicht direkt neben seinem Ohr gewesen.

Diese Worte brachten ihn zum Weinen. Sie bedeuteten ihm sehr viel. Genauso viel wie Sara ihm bedeutete.

Langsam strich er ihr über den Rücken. Er spürte, wie sie sich beruhigte. Auf einmal fing Sara leise an zu lachen.

„Was ist so lustig?", fragte Nick besorgt.

Sara wich zurück und blickte ihn an. Die Mischung aus weinen und lachen ließ sie seltsam aussehen. „Du erzählst mir, was diese Frau mit dir getan hat und du musst mich trösten. Ich sollte dich trösten. Ich sollte für dich da sein und nicht umgekehrt."

„Ist schon okay. Ich hätte es dir nicht erzählen sollen.", flüsterte Nick.

Sara schüttelte den Kopf. „Nein, es ist gut, dass du es mir erzählt hast. Danke, dass du mir vertraust."

Nick lächelte sie an. Als könnte er ihr nicht vertrauen. Sara löste sich aus seinen Armen und nahm seine Hand. „Komm mit, ich will dir etwas zeigen."

Nick folgte ihr neugierig. Er hatte keine Ahnung, was sie ihm zeigen wollte. Sie führte ihn in ihr Schlafzimmer. Es war in dunklen Farben gehalten und gemütlich. Ihr großes Bett nahm den Raum fast völlig ein.

„Setzt dich.", forderte sie Nick auf und zeigte auf ihr Bett. Sara eilte zu ihrem Schrank und holte eine Kiste heraus. Es war eine kleine Holzkiste mit verziertem Rand.

„Was ist das?", fragte Nick neugierig.

Sara setzte sich neben ihn. „Mein Leben.", antwortete sie schlicht, doch Nick verstand sie besser als jemals zuvor.

Sara öffnete die Kiste langsam, so dass Nick ihren Inhalt nicht sehen konnte. Sie holte ein Bild heraus. Dann verschloss sie die Kiste wieder und stellte sie bei Seite.

Sie blickte Nick an und begann ihm etwas zu erklären: „Das ist meine Mutter."

Sie drehte das Bild um und gab es Nick. Nick konnte eine hübsche Frau erkennen, die ziemlich viel Ähnlichkeit mit Sara hatte. Sie hatte nur nicht ihre Augen und ihre lockigen Haare.

Sara fuhr fort: „Ich habe das Bild noch nie jemanden gezeigt. Sie hat nämlich etwas sehr Schlimmes getan, als ich klein war." Saras Stimme wurde leiser, doch Nicks vertrauenswürdige Augen ließen sie stark bleiben.

„Willst du mir sagen, was das war?", fragte Nick vorsichtig.

Sara schüttelte ihren Kopf. „Nein.", es war eine klaren Aussage und Nick akzeptierte dies.

„Sie sitzt im Gefängnis. Und ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen.", erzählte Sara weiter.

Nick nickte. „Vermisst du sie?"

„Ja, manchmal. Obwohl sie diese schlimme Sache getan hat, vermisse ich sie an manchen Tagen unheimlich. Das war schon immer so."

Nick schaute sich das Bild noch mal etwas genauer an. Die Frau machte einen freundlichen Eindruck. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie schlimmes getan hatte, doch er wollte Sara nicht noch einmal fragen. Sie hatte ihren Standpunkt klar gemacht.

Leise sagte er: „Ich glaube, das ist normal. Sie ist deine Mom und das wird sie auch immer bleiben, egal was sie getan hat."

Sara lächelte ihn an. Er hatte immer die richtigen Worte. Trotzdem wollte sie ihm nicht glauben. Sie konnte einfach nicht akzeptieren, was ihre Mutter getan hatte.

Ihr liefen Tränen übers Gesicht. „Hey, ist schon gut.", sagte Nick sanft und wischte die Tränen in einer Art ab, die nur er beherrschte.

„Entschuldige, Nick. Ich will die ganze Zeit gar nicht heulen, es ist nur, dass ich einfach nicht anders kann." Sara hasste es, dass sie dieses Zeichen von Schwäche zeigte, auch wenn sie es nur vor Nick tat.

Nick gab ihr das Bild zurück. „Du solltest es gut aufbewahren.", riet er ihr.

Sara nahm das Bild und packte es wieder zurück in die Box. „Ich weiß nicht, manchmal will ich es einfach nur verbrennen.", gab sie zu.

Nick war ein wenig entsetzt. Er konnte das nicht verstehen. Die Frau auf dem Bild war schließlich ihre Mutter.

„Warum?" Eine einfache Frage. Die Antwort zu geben, war aber schwer für Sara.

Ihre Stimme zitterte leicht, als sie erwiderte: „Weil ich nicht weiß, ob sie mich liebt hat."

In diesem Augenblick sah Nick in Sara ein todtrauriges Kind, was viel zu viel in seinem Leben miterlebt hat. Trotz ihrer allgegenwärtigen Stärke, schien sie so zerbrechlich.

Der einzige Weg um ihr Leiden zu lindern war für Nick eindeutig und selbstverständlich. Es war nicht schwer die richtigen Worte zu formulieren.

Er wusste nur nicht, ob Sara ihm noch zuhören würde. Sie hatte sich auf ihrem Bett zusammengekauert, nachdem sie die Box wieder in den Schrank gestellt hatte.

„Sara, sie hat dich lieb.", sagte Nick und setzte sich neben sie. Er konnte ihr Gesicht sehen. Sehen, wie ihre Augen gerötet von den Tränen waren.

Sara starrte vor sich hin. „Bist du sicher?", fragte sie ganz leise.

„Ja.", antwortete Nick. Sara ergriff seine Hand.

Sie drückte sie sanft, als sie fragte: „Vorher willst du wissen, dass sie das tut?"

Als Nick antwortete, blickte Sara ihm direkt in die Augen. In diesem Moment glaubte sie seinen Worten mehr, als sie jemals zuvor etwas geglaubt hatte.

Nicks Stimme war ein flüstern. „Weil sie deine Mutter ist."