VIERZEHN
„Ich hab eigentlich nicht gemeint, dass du gleich den erst besten abschleppen sollst", meinte Aberforth grimmig als Tonks zum Abendessen in den Pub runter kam.
„Denkst du Remus ist nur der erst beste?", fragte Tonks etwas gereizt und sah in die hellblauen Augen.
„Nein", erwiderte Aberforth zögernd, „nein, eigentlich nicht… aber er ist auch jemand, der sein eigenes Glück und das seiner Nächsten aufgrund der Dinge, die er glaubt zum Wohl aller tun zu müssen, vergisst… wie mein Bruder."
Tonks begann still zu essen, doch trotz des spartanischen Frühstücks und der Tatsache, dass ihr Mittag aus nur einer Handvoll Schokodrops bestanden hatte, hielt sich ihr Appetit in Grenzen. Aberforth musterte sie auffällig unauffällig.
„Wirst du ihn wiedersehen?", fragte er auf einmal unwirsch.
„Wenn es in meiner Macht steht", sagte Tonks nüchtern, „und er es zulässt."
Aberforth nickte langsam. „Sieh ihm nie direkt in die Augen, wenn er einen seiner wütenden Anfälle hat", sagte Aberforth unvermittelt. Tonks sah überrascht auf. „Das macht es nur noch schlimmer. Guck lieber weg und tu irgendwas anderes, dann beruhigt er sich in der Regel und entschuldigt sich sogar", fuhr der Wirt pragmatisch fort. „Er versucht um jeden Preis vor anderen zu verbergen, wovor er sich am meisten fürchtet, hat aber selbst einen untrüglichen Riecher für die Schwächen seines Gegenübers und sein großes, dummes Herz zwingt ihn dann meistens dazu zu helfen."
Tonks saß Aberforth mit großen Augen an. „Lieferst du mir hier gerade Remus' Gebrauchsanweisung?", fragte sie verdutzt.
„Ich mach nur Konversation", sagte Aberforth sachlich.
„Verstehe", sagte Tonks leise, „noch was, das ich wissen sollte?"
Aberforth schwieg einen Moment.
„Er ist die Mühe wert", meinte er schließlich harsch, „ist aber selbst der Letzte, der das einsehen würde."
„Ja", sagte Tonks an ihren Teller gerichtet, „das ist mir schon aufgefallen."
Aberforth wollte sich schon entfernen, doch Tonks schoss plötzlich ein Gedanke durch den Kopf.
„Aberforth?" Er blieb stehen und sah Tonks abwartend an. „Wovor fürchtet er sich am meisten?"
Aberforth sah sie für einen Moment prüfend an. „Was weißt du denn schon so über ihn?", fragte er forsch.
Tonks schnaubte. Natürlich! Ihr altes Konfliktthema. „Ich weiß von seinem unausweichlichen monatlichen Termin, wenn du das meinst."
Aberforth nickte langsam. „Und wenn dir das einmal im Monat passieren würde, wovor hättest du dann am meisten Angst?"
„An Vollmond jemanden zu beißen", sagte Tonks langsam, „oder zu verletzen."
Aberforth wog seinen Kopf langsam von einer Seite auf die andere. „Nun, dass ist auf jeden Fall eine seiner Ängste", sagte er ruhig, „aber das lässt sich mit ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen ja verhindern."
Tonks sah Aberforth mit tiefen Falten in der Stirn an. „Aber etwas anderes nicht, meinen Sie?", sagte sie zögernd, „der Schmerz?" Aber sofort schüttelte Tonks entschieden den Kopf. „Wenn er Schmerzen fürchten würde, hätte er es keine zwei Wochen mit mir ausgehalten", sagte sie geistesabwesend.
Aberforth legte angesichts ihrer Bemerkung die Stirn in irritierte Falten.
„Naja", sagte er schließlich mürrisch, „kannst ja mal drüber nachdenken. Aber wehe du bringst ihn auf den Gedanken, dass ich dir irgendwas in die Richtung gesagt hätte." Und mit schnellen Schritten verschwand er ans andere Ende der Bar um ein paar Gläser zu putzen.
Tonks hatte den untrüglichen Eindruck, dass Aberforth in den nächsten Tagen ein neues Maß der Freundlichkeit ihr gegenüber erreichte. Sein Tonfall blieb rau, doch wenn man nur seine Handlungen sprechen ließ, kam ein rücksichtsvoller, fast fürsorglicher Mann zum Vorschein. Tonks dachte schon, es wäre ein allgemeiner Wandel seines Verhaltens, doch als nach den Feiertagen Proudfoot und die beiden Pappnasen wieder den Großteil ihrer Zeit im Dorf verbrachten, stellte sie fest, dass sein Verhalten gegenüber anderen unverändert harsch war.
Bei der ersten Einsatzbesprechung hatte Tonks Zeit ihren Wunsch anzusprechen, wieder in ihre Wohnung zurückzuziehen. Proudfoot und Savage waren nicht begeistert, weil das hießt, dass nun einer von ihnen aus Gründen der Rufbereitschaft im Dorf nächtigen musste, konnten aber Tonks' Wunsch aufgrund der Tatsache, dass sie bereits mehr als vier Monate dieses „Opfer" gebracht hatte, nicht abschlagen. Savage zog den kürzeren Rattenschwanz, was Proudfoot einen Ausdruck unglaublicher Erleichterung auf das Gesicht zauberte.
„Halt mich für verrückt", flüsterte er Tonks halblaut zu, „aber ich könnte schwören, dass der Wirt mich seit Weihnachten sogar noch unfreundlicher behandelt und dauernd misstrauisch in meine Richtung guckt."
Aberforth nahm die Nachricht, dass Tonks das Zimmer über dem Pub verlassen würde, überraschend schlecht auf. Er wirkte aufrichtig enttäuscht und rang ihr das Versprechen ab, doch ab und zu auf einen Tee mit Schuss vorbei zu schauen und ihn auf dem Laufenden zu halten, was ihr gemeinsames Problemkind anging. Tonks grinste bei der Wortwahl breit und drückte Aberforth so überraschend an sich, dass er es überrumpelt geschehen ließ und unsicher Tonks' Kopf, der fast vollständig in seinem silbernen Bart verschwand, tätschelte.
Und so stieß Tonks Mitte Januar die zugeschneite Tür, ihres kleinen, geliebten Hauses auf und schmiss ihre magisch vergrößerte Tasche, die all ihre Habseligkeiten enthielt, die sie in den letzten vier Monaten bei sich gehabt hatte, auf das Sofa unter dem Hochbett. Der Raum war völlig ausgekühlt und so entzündete sie ein loderndes Feuer im offenen Kamin und beschloss eine Runde durch den Garten zu drehen, während das Zimmer Zeit hatte angenehmere Temperaturen anzunehmen.
Die Pflanzen hatten unter ihrer Abwesenheit gelitten. Für gewöhnlich hielt sie ein paar ihrer persönlichen Lieblinge auch während des Winters frisch, doch es war einfacher, wenn man sie nur erhalten musste. Eine Pflanze aus dem Winterschlaf zu erwecken war viel aufwändiger und Tonks fragte sich schon, ob es die Mühe bei der fortgeschrittenen Jahreszeit und dem tiefen Schnee der dieses Jahr alle Beete verhüllte überhaupt wert sein würde.
Ein silberner Schimmer riss sie aus ihren Gedanken. Sie sah sich hektisch um, doch weit und breit, war niemand sonst zu sehen und so lief sie mit pochendem Herzen auf die Fichte zu, unter deren Zweigen der Patronus in der Luft eingerollt geduldig wartete. Er war kleiner als ihrer und es war auch nur ein normaler Wolf. Das Tier sah Tonks einen Moment an und begann dann in Remus' Stimme zu sprechen.
„Bitte sei glücklich. Ohne mich."
Der Wolf sah sie noch einmal aus freundlichen Augen an und verschwand dann in einem Nebel aus silbernen Schlieren. Tonks atmete schwer die kalte trockene Luft ein. Sie wusste, dass sie nicht antworten konnte. Es wäre zu riskant. Niedergeschlagen setzte sie den kleinen Spaziergang durch den Garten fort. Vielleicht würde ja das Aufwecken wenigstens einer Blume ihre Stimmung heben.
