Ihr Lieben!
Vielen Dank erstmal, liebe Nathalie, für das Lob! Ich hoffe, ihr habt Spaß mit diesem Kapitelchen.
Alles Liebe
Euer Kleines
49 Die Rettung
In den Osterferien waren die Mahlzeiten in der Großen Halle nicht so ruhig wie in den Weihnachts- oder Sommerferien, aber meilenweit von dem lauten Tumult entfernt, der sich während der Unterrichtszeiten abspielte. Auch wenn es niemand vom Kollegium gegenüber der Schülerschaft aussprach, waren sie am Anfang dankbar für die leiseren Töne, aber nach ein paar Tagen vermisste man das lärmende Treiben dann doch. Severus hätte eher sein Labor in die Luft gejagt, bevor er das zugegeben hätte, aber es ging ihm nicht anders wie seinen geschwätzigeren und emotionaleren Kollegen.
Nach dem letzten Regentag brach nun das Frühlingslicht durch die Fenster und erleuchtete die Haustische, die zum größten Teil leer und verlassen und an die Wände geschoben waren, um Platz zu machen für einen kleineren Tisch, an dem die Schüler saßen. Dadurch wirkte die Große Halle noch verlassener.
Sinnierend betrachtete Severus von seinem Platz aus die verbliebenen Schüler, aber in Gedanken war er bei der Wandertruppe. Wahrscheinlich schnürten sie gerade ihre Rucksäcke und Schuhe und freuten sich über das bessere Wetter.
Gestern gegen Mitternacht hatte er Hermines letzte Nachricht gelesen und hatte nun eine ziemlich gute Vorstellung davon, was :-* bedeutete. Wohlige Wärme breitete sich bei diesem Gedanken in ihm aus, aber er war auch froh, dass er ihre Nachrichten ins digitale Nirwana befördert hatte – nicht auszudenken, wenn sie jemand gelesen hätte. Heute Morgen hatte er vergeblich auf ein Lebenszeichen gewartet, aber wahrscheinlich waren alle damit beschäftigt, abmarschbereit zu werden und Hermine würde sich von unterwegs melden. Er gestattete sich ein winziges Lächeln: Es war einfach herrlich, dass er sich so auf sie verlassen konnte – und auf ihre Zuneigung zu ihm. Er weigerte sich immer noch beharrlich, von Liebe zu sprechen oder zu denken, denn er hatte nicht vor, eine junge, kluge Hexe an ihn zu binden, der er ihr nicht viel bieten konnte. Natürlich sah sie das anders, aber noch kannte sie quasi nichts von der magischen Welt und sobald sie den Blick auf das geworfen hatte, was es jenseits von Hogwarts gab, konnte sie sich immer noch entscheiden so wie sie es wollte.
Mittlerweile war er Albus sogar für diesen vermaledeiten Trank dankbar – dieses Schuljahr war ohne Frage turbulent gewesen und voller Überraschungen, aber er hatte es auch genossen, ein wenig aus der jährlichen Routine zu kommen. Und er hatte es genossen, einen klugen und liebenswerten Menschen an seiner Seite zu haben. Severus war kein Traumtänzer und kein Mensch, der sich Illusionen hingab, und so konnte er ohne Bitterkeit und Weltschmerz pragmatisch über die Zukunft nachdenken und darüber war er froh.
Gerade füllte er sich, in seine Gedanken vertieft, seine Kaffeetasse wieder auf, als plötzlich, gestochen scharf, Hermines Gesicht vor seinem Auge auftauchte. Sie sah angestrengt aus, übermüdet und verzweifelt. In ihren Augen lag eine diffuse Angst und er konnte hören, wie sie verzweifelt seinen Namen rief.
Sofort sprang er vom Tisch auf: „Hermine!" und dann spürte er das unwiderstehliche Ziehen starker Magie, die nur von den Schutzbannen der Schule abgeschwächt wurde.
Ohne ein weiteres Wort, einen Blick zurück oder nur einen Moment des Zögerns und Überlegens stürmte er mit großen Schritten und wehendem Umhang aus der Großen Halle und hinaus auf die Ländereien, um den Apparationspunkt schnellstmöglich zu erreichen.
Cynthia und Charles sahen dem plötzlichen Abgang des Zaubertränkemeisters mit großem Interesse hinterher und tauschten bedeutungsvolle Blicke, die verrieten, dass sie gehört hatten, welchen Namen er aufrief, während der Rest der anwesenden Schüler- und Lehrerschaft nur verwirrt war und diesem bühnenreifen Abtritt keine weitere Bedeutung beimaß. Zumindest galt das für den Großteil. Dumbledore und MacGonagall sahen aneinander ebenfalls bedeutungsvoll an – er mit einem zufriedenen Lächeln und sie mit einem besorgten Stirnrunzeln. Zu gerne hätte die resolute, stellvertretende Schulleiterin diesen rasanten Aufbruch kommentiert, aber sie wusste, dass im Moment zu viele neugierige Augen und Ohren weit aufgesperrt waren und Severus schien in letzter Zeit ein echtes Talent dafür an den Tag zu legen, die Schule mit Gesprächsstoff zu versorgen.
Mehr rennend als gehend hatte Severus endlich die Grenzen von Hogwarts erreicht und sofort wurde er von der Magie erfasst und in einen Apparationsstrudel gezogen. Severus war geübt im Apparieren, aber bei der Landung hätte es ihn fast von den Füßen gerissen, die Stärke der Magie ließ ihm keine Zeit, sich an den unebenen Untergrund bestehend aus nassen Grasbüscheln und matschigen Heideflecken zu gewöhnen.
„Ganz ruhig, ich bin ja da", sagte er zu niemandem im Speziellen und tatsächlich wurde die Kraft ein bisschen schwächer, aber sie zog ihn unweigerlich zu einem kleinen, baufälligen Stall aus alten grauen Brettern. Vorsichtig näherte er sich dem Gebäude und konnte aufgeregte Stimmen von mehreren Personen hören. Er lauschte angestrengt.
„Bei Merlin, sie ist einfach so ohnmächtig geworden!"
„Was machen wir denn jetzt?"
„Das muss aber auch erstmal einer verkraften. Sie hat wahrscheinlich ihre ganze Kraft für den Ruf verbraucht."
„Wie auch immer, sie braucht Hilfe. Wir wissen nicht, was sie genau hat. Madam Pomfrey wäre jetzt wirklich mal gefragt!"
Severus hatte genug gehört und mit einem Schlenker aus dem Handgelenk flog die verriegelte Tür auf. Einen Moment blinzelte er ins Halbdunkle des Stalls, dann konnte er langsam Konturen ausmachen.
Ginny hatte sich zuerst gefasst und ihn auch zuerst gegen das Gegenlicht von draußen, wo es schon seit einigen Stunden vollständig hell geworden war, erkannt: „Professor Snape, wie gut, dass Sie da sind! Wir..."
Weiter kam sie gar nicht, denn in dem Moment knallte eine weitere Apparation durch die Stille der Highlands und der Zaubertränkemeister wirbelte zwar erschrocken, aber kampfbereit herum. Für einen Moment stutzte er, dann senkte er den Zauberstab, als er die auf ihn zurennende, füllige Frau erkannte: „Molly!"
„Mum!", echote es von Ron und Ginny in einem Ton zwischen Erstaunen, Erleichterung und schlechtem Gewissen.
„Wer tut meinen Kindern etwas zu leide!", mit überraschend schnellen Bewegungen hatte sie Severus den Zauberstab an die Kehle gesetzt, aber entsetzte Aufschreie veranlassten sie dazu, ihn wieder sinken zu lassen. Etwas desorientiert blinzelte sie und schaute dann genauer hin: „Professor Snape! Entschuldigung, ich komme gerade aus dem Keller vom Fuchsbau und da ist es ziemlich dunkel. Ich habe Sie nicht auf Anhieb erkannt. Was ist hier los?"
„Das wüsste ich auch gerne!", mit diesen Worten trat er in den Stall und schaute sich in der Runde um. Die erste Bestandsaufnahme förderte zu Tage, dass es allen gut ging bis auf Hermine, die immer noch ohnmächtig war.
Mit einem schnellen „Resolvere!" hatte der Zaubertränkemeister die Fesseln gelöst und alle rieben sich erleichtert die Handgelenke. Mit einem langen Satz war er bei Hermine und nach einem „Enervate!" öffnete sie zögerlich die Augen. Erleichterung, die viel tiefer ging als er sich eingestehen wollte, durchflutete ihn, aber er wusste, dass er hier nichts davon zur Schau stellen durfte. Zum Glück übernahm Mrs Weasley das Reden – lautstark, entsetzt, aber völlig Herrin der Situation. Sieben Kinder großgezogen zu haben, erwies sich gerade jetzt als unschätzbarer Vorteil.
Ohne großes Federlesen wurden ihre Anweisung befolgt und als endlich alle den alten Stall verlassen hatten, Hermine immer noch wacklig auf den Beinen und daher auf Harry und Ron gestützt, versiegelte Severus das Gebäude, sodass es aussah, als sei nichts geschehen. Ab dann übernahm er das Kommando:
„Molly, bring alle bitte zu den Zelten. Sie müssen hier ganz in der Nähe sein. Ich warte auf die Halunken und werde sie dingfest machen. Kümmer Dich bitte speziell um Miss Granger. Für sie war die Sitaution offensichtlich ein bisschen viel."
Damit wandte er sich ab und vollführte einige, komplizierte Bewegungen mit dem Zauberstab, worauf sich die geborstene Stalltür wieder zusammenfügte und das Vorhängeschloss sich klirrend wieder schloss.
Mrs Weasley überließ ihren beiden Kindern die Führung zu den Zelten und begann damit, Hermine zu bemuttern, die diese Aufmerksamkeiten nur sehr schwächlich abwehren konnte. Endlich hatte Severus seine Falle aufgestellt und zufrieden damit, dass die Entführer sicher hinter Schloss und Riegel sein würden, sobald sie das Gebäude betraten, eilte er den anderen hinterher.
Kurze Zeit später saßen sie um den magisch etwas vergrößerten Küchentisch im Zelt der Mädchen, Mrs Weasley hantierte eifrig mit dem Teekessel während in einem Topf Würstchen kochten und ein Brotmesser mit beängstigender Präzision Scheiben vom Laib schnitt, die sich gehorsam selbst butterten.
Jetzt war Severus mit dem Reden an der Reihe und er schaute einen nach dem anderen eindringlich an, als er forderte: „Erklären Sie das. Und lassen Sie nichts aus!"
Neville sah bei dem Ton, den sein gefürchteter Zaubertranklehrer an den Tag legte, betreten unter sich, aber Jeremy begann folgsam zu erzählen: „Wir sind vorgestern Abend bei bestem Wetter hier angekommen, haben ein Lagerfeuer gemacht und sind zu Bett gegangen. Gestern waren Luna, Ginny Neville, Harry und Hermine in der kleinen Stadt einkaufen. Sie kamen zum Mittagessen wieder und wir haben den Rest des Tages im Zelt verbracht. Neville und ich haben am Nachmittag kurz den Alarmton gehört, der anzeigte, dass jemand in der Nähe ist, aber wir gingen davon aus, dass es sich um ein kleines Tier gehandelt haben muss. Gegen zehn Uhr abends machten wir uns auf den Rückweg zu unserem eigenen Zelt, aber auf dem Weg wurden wir überfallen und narkotisiert. In der Nacht wachten wir alle zusammen in der Scheune auf. Am frühen Morgen kamen unsere Entführer. Es sind vier, einen Namen kennen wir nicht, die anderen drei heißen Joe, Pad und Will. Sie glauben, dass wir auf eine teure Privatschule gehen und deshalb sei von unseren Eltern viel Geld zu erpressen. Als wir sie über ihren Irrtum aufklärten, war ihnen das egal, weil der Staat uns dann auslösen würde. Aus einer Andeutung heraus vermute ich, dass sie politische Ziele verfolgen. Das war alles, was ich weiß."
Für einen Moment schwieg Severus nachdenklich, während Mrs Weasley sich die Hand vor den Mund geschlagen hatte und schon in lautes Wehklagen ausbrechen wollte, aber ein strenger Blick von Severus brachte sie ebenfalls zum Schweigen, wie die Schüler amüsiert feststellen mussten.
„Miss Weasley, ergänzen Sie!", forderte er streng.
„Die Wirtin in dem kleinen Café in der Stadt war sehr neugierig in Sachen Hogwarts. Also haben wir ihr erzählt, dass wir auf eine Privatschule gehen, die auch von vielen Kindern von Prominenten besucht wird."
„Wer hatte diese hirnrissige Idee?", fragte Severus völlig entsetzt und sprang auf.
„Ich", gab Hermine kleinlaut zu und Severus wirbelte zu ihr herum: „Wie bist Du auf diesen total bescheuerten Geistesblitz gekommen?"
„Es hat sich im Gespräch so ergeben und wir mussten einfach schnell reagieren, bevor irgendwas aufgefallen wäre", erklärte Hermine.
Severus sah sie nur an und schüttelte den Kopf. Die anderen starrten wie bei einem Tennismatch von einem zum anderen und Harry und Ron schauten sich überrascht an. Sie hatten erwartet, dass Snape ausrasten würde, aber gerade stand er auf und legte ihr beruhigend einen Arm auf die Schulter: „Wir üben das noch mit der Geheimhaltung", war alles, was er sagte, bevor er sich wieder hinsetzte.
Mit einer etwas matten Handbewegung forderte er Ginny auf, weiterzuerzählen und forschte auch gleich nach: „Wie kam es, dass die Entführer alle von Ihnen erwischt haben und nicht nur die Jungs, die zu ihrem Zelt zurückgingen?"
Harry, Ron, Jeremy und Neville spitzten nun auch die Ohren, denn das interessierte sie auch brennend. Die Mädchen schauten allerdings betreten unter sich – sie hatten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Zaghaft übernahm Hermine das Wort: „Wir sind dann auch ins Bett gegangen; ich habe als letzte das Licht ausgemacht, weil ich noch gelesen habe. Nach Mitternacht ist der Alarmton angegangen und er hat auch nicht mehr aufgehört. Ginny und Lavender sind aufgestanden und haben nachgesehen. Luna und ich sind hinterher. Als wir beide am Zelteingang ankamen, war von Ginny und Lavender nichts zu sehen. Wir haben gerufen und sind vom Zelt weggegangen. Da sind zwei Schatten auf uns zugesprungen und haben uns narkotisiert."
„Was für eine Glanzleistung!", stöhnte Severus und begrub das Gesicht kurz in den Händen. Als er wieder auftauchte, war er wieder ganz der Alte: „ Wer kam auf die Idee mit dem magischen Ruf?"
Ginny erzählte weiter: „Wir haben hin- und herüberlegt, wie wir da rauskommen. Hermine hatte schließlich die Idee. Jeder von uns hat sich auf jemand anderen konzentriert. Ron und ich haben offensichtlich unsere Mutter gerufen."
„Du hast mich gerufen?", fragte Severus und sah Hermine an.
Die anderen wechselten bei diesem Tonfall unbehagliche Blicke und Ginny stand demonstrativ auf, um ins Wohnzimmer zu gehen. Im Vorbeigehen legte sie Harry und Ron jeweils eine Hand auf die Schulter und die Freunde erhoben sich ebenfalls. Neville, Luna, Lavender und Jeremy folgten dem guten Beispiel der anderen, jeder trug seine Teetasse und den Teller mit Würstchen und Butterbrot in der Hand. Hermine schenkte ihrer Freundin ein dankbares Lächeln.
Mrs Weasley allerdings verstand die Welt nicht mehr: „Wo wollt ihr denn auf einmal alle hin?"
„Mum, komm am besten einfach mit. Im Wohnzimmer ist es viel gemütlicher. Professor Snape und Hermine kommen sicher gleich nach", mit diesen wenig aussagekräftige Erklärung verschwand Ron im Flur und Mrs Weasley folgte, kopfschüttelnd und ohne den Schimmer einer Ahnung, ihren Kindern.
Als Hermine und Severus endlich allein waren, schaute er sie lange an und fragte dann leise: „Du hast mich gerufen, nicht wahr?"
„Wen hätte ich sonst rufen sollen? Du stehst mir nahe, ich vertraue Dir."
„Und Du weißt, dass Liebespaare sich so rufen?"
Hermine wurde ein bisschen rot, aber sie hielt seinem bohrenden Blick stand: „Ja!"
„Hogwarts blockiert solche Rufe als fremde Magie, die eine Gefahr für die Schüler darstellen könnte", erklärte er trocken und sie schaute ihn mit großen Augen an: „Aber Du bist hier, Severus!"
Er nickte: „Das macht mir auch Gedanken. Entweder hat das Schloss erkannt, dass ihr in Gefahr seid und selbst keine Gefahr darstellt."
„Oder?" hakte Hermine behutsam nach.
„Oder Dein Ruf war so stark, dass er die Schutzbanne durchbrochen hat. Dafür spricht, dass Du ohnmächtig geworden bist" erklärte Severus emotionslos, aber seine Gedanken und Gefühle waren in Aufruhr. Er wusste, dass nur sehr starke Gefühle überhaupt einen Ruf zu Stande bringen würden. Dass sie die Banne von Hogwarts durchbrechen konnten und Hermine völlig erschöpft zurückließen, sprach eine eigene Sprache, aber er hatte nicht die Absicht, das Hermine zu erklären. Deshalb erhob er sich und sie folgten zusammen den anderen ins Wohnzimmer, wo nur Mrs Weasley sie misstrauisch beäugte und die anderen ganz normal reagierten. Severus und Hermine atmeten auf.
