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Der Tag war ein seltsamer gewesen. Rick, Daryl, Abraham und die anderen waren immer noch nicht von ihrer Tour zurück, zu der sie mit diesem Jesus aufgebrochen waren. Er hatte ihnen von seinem zu Hause erzählt und etwas von einem Handel, den sie betreiben könnten.

Denise war sich nicht sicher, ob sie diesem Fremden wirklich trauen sollten, aber wer nicht wagte, der konnte nicht gewinnen. Das Risiko war dennoch sehr hoch. Allerdings konnte Alexandria nicht einfach das Beste hoffen und darauf warten, dass die Lebensmittel vom Himmel fielen.

Den einzigen Lieferwagen, den Rick und Daryl gestern gefunden hatten, den hatten sie erfolgreich in einem See versenkt. Allein für diesen Lieferwagen hatten sie sich aber schon Stunden von der Stadt entfernen müssen. Es war also im Grunde einfach ein riesiger Haufen Scheiße, der momentan draußen auf sie wartete, wenn sie eine Suche nach was auch immer begannen.

Sie seufzte resigniert und sah aus dem Fenster. Momentan war kein Patient bei ihr im Krankenzimmer, glücklicherweise. Denn sie hatte sie alle gerettet, sie hatte sogar Carl gerettet und das machte sie zuversichtlich für die Zukunft.

Wenn sie so viel dazulernen konnte, dann war das für andere auch möglich und Alexandria konnte aufatmen. Tara lag hinter ihr auf dem Sofa und las in einem Buch über Infektionskrankheiten, das Denise offen auf dem Couchtisch hatte liegenlassen.

Sie wollte nie wieder jemanden ohne Kenntnisse behandeln müssen. Pete hätte sie damals einfach sehr viel mehr einbinden sollen, hatte er aber nicht. Deshalb musste sie jetzt büffeln so viel sie konnte. Das war sie den Leuten hier schuldig. Und eine Ärztin im Lager zu haben war eben ein seltenes Privileg, das in der heutigen Welt vergeben wurde.

Denise wollte ihr Potential nicht verschenken und tat alles in ihrer Macht stehende, um eine gute Ärztin zu werden. Ihr Studium der Allgemeinmedizin war zwar schon etwas länger her, aber das sollte sie nicht aufhalten.

„Hey, wie kannst du dir das überhaupt alles merken?" unterbrach Tara die Stille und legte das Buch unsanft auf den Tisch zurück. „Ich verstehe kein Wort von dem, was da drin steht."

Denise lächelte, sah aber weiter aus dem Fenster. „Auswendiglernen war zwar nie meine Stärke, aber ich muss mich wohl oder übel damit anfreunden", sagte sie leise und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann drehte sie sich zu Tara um, die sich hingesetzt hatte und die Arme auf die Knie legte.

„Was ist los?" fragte Denise besorgt und sah die Sorgenfalten auf Taras Gesicht.

„Es ist zwar noch kein schlechtes Omen, dass sie noch nicht zurückgekehrt sind, aber ich habe trotzdem Angst vor dem Schlimmsten. Noch mehr Scheiße verkraftet dieser Ort nicht", erwiderte Tara und kratzte sich am Kinn.

Denise wollte gerade etwas Aufmunterndes sagen, da hörte sie wie das Tor Alexandrias aufgeschoben wurde. Sie drehte sich zurück zum Fenster und sah das Wohnmobil mit hoher Geschwindigkeit auf ihr Haus zu fahren.

„Ich glaube, da sind sie", stellte Denise nüchtern fest, um sich darauf vorzubereiten, dass wahrscheinlich gleich jemand Verletztes zu ihr gebracht wurde. Sie erwartete auch das Schlimmste – wie immer.

Dann hörte sie die Türen des Wohnmobils, Stimmen und kurz darauf flog auch schon die Tür ihres Hauses auf. Daryl trat ein und Denise hielt den Atem an. Seine Hände waren blutbeschmiert und er war aschfahl. War er verletzt?

„Mach die scheiß Trage fertig, schnell!" rief er ungehobelt und Denise sah sich in ihrer Befürchtung bestätigt. Es war höchstwahrscheinlich mehr als schlimm.

„Wer ist es?" fragte sie laut und konzentriert. Sie musste wissen mit wie viel Gewicht und welchen Dosierungen sie rechnen sollte.

Daryl schwieg, er lief unkontrolliert durch den Raum und suchte irgendetwas, anscheinend, um sich abzulenken. Er war verwirrt und zornig, keine gute Mischung.

„Daryl! Was brauche ich? Sind es Schuss- oder Schnittwunden? Rede mit mir!" herrschte sie ihn mit fester Stimme an, denn sein Verhalten trug keineswegs zur Rettung eines Verletzten bei.

Er hielt inne, drehte sich zu ihr um und wurde noch blasser. Dann trat Abraham mit jemandem auf dem Arm ein, Rick und Maggie direkt dahinter. Denise war für einen kurzen Moment wie erstarrt, dann nahm sie die Situation in ihre Hand. Judith war in keinem guten Zustand.

„Auf die Trage mit ihr", befahl sie Abraham, der die winzige Frau dort ablegte, wo Denise hindeutete. „Das T-Shirt muss weg, ich muss sie mir komplett ansehen", dirigierte sie weiter und ohne groß Aufhebens zu machen, zog Abraham ein Messer, durchschnitt den blutgetränkten Stoff und entfernte ihn von Judiths magerem Körper. Ansonsten trug sie nichts. Kein gutes Zeichen.

Sie war grün und blau geschlagen, ihre Füße und Knie hatten einiges abbekommen und auch ihr Gesicht sah nicht gut aus. Allerdings waren noch alle Augen und Finger an ihrem Platz. Ihre linke Hand war anscheinend gebrochen.

Denise bräuchte einen Assistenten. „Ich brauche nur einen hier, Maggie bleibt. Der Rest verschwindet jetzt." Maggie nickte und trat an die Trage heran.

Rick näherte sich Denise und fasste sie locker am Arm, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. „Könntest du... Könntest du auch nachsehen, ob sie...", stammelte er unbeholfen und sie nickte einfach. Sie wusste, was er meinte.

„Werde ich. Aber erst, wenn ihr gegangen seid. Raus hier, alle", sagte sie bestimmt und noch während sie den Raum verließen, begann sie mit ihrer Arbeit. Die körperlichen Wunden würde sie behandeln können. Aber bei den seelischen war sie sich da nicht so sicher, wenn sie die Frau ansah. Es war wohl mehr geschehen als sie zu vermuten gewagt hätten.

Diese Welt war trotz allem immer noch ein einziger Haufen Scheiße. Und Judith war wieder mit Schwung rein gesprungen.

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Dwights Gesicht brannte wie Feuer. In Anbetracht der Tatsache, dass er es wortwörtlich verbrannt bekommen hatte, beinahe schon ironisch... Galgenhumor war noch nie seine Stärke gewesen, deshalb würde er Sherry das hier niemals verzeihen können. Er hatte sich darauf verlassen, dass sie zu ihm zurückkehrte, statt sich weiterhin von diesem Psychopathen und Tyrannen vögeln zu lassen.

Tja, er hatte wohl falsch gelegen. Aber er lebte noch. Das hatte er den Regeln zu verdanken. Das einzige, das ihn töten könnte, wäre ein Verrat oder Dummheit im falschen Moment draußen. Denn seine Strafe hatte er mit der Verbrennung seines Gesichtes erhalten. Mit Pauken und Trompeten, draußen im Vorhof zur Hölle.

Er hasste Negan, er hasste Sherry und er hasste dieses Lager hier. Aber alle drei Sachen hielten ihn am Leben. Negan, weil er seine Regeln hatte, Sherry, weil er sie mal geliebt hatte, dieses Lager, weil es ihn vor den Monstern draußen schützte. Es könnte definitiv schlimmer sein. Für diese Fremde, die er verraten hatte, war es eindeutig schlimmer gelaufen, allerdings war sie draußen in Freiheit, sofern sie nicht schon tot war.

Aber wenn er daran dachte, wie Daniel ihm Grahams Leiche beschrieben hatte, dann bekam er immer mehr den Eindruck, dass diese Frau durch nichts gestoppt werden konnte. Sie war anscheinend kugelsicher und hatte außerdem unverschämtes Glück.

Vielleicht gab es ja tatsächlich noch einen Gott, der ausgewählte Menschen beschützte... Warum dann ausgerechnet sie? Darauf würde Dwight niemals eine Antwort erhalten. Es war aber auch ziemlich egal, denn seine Probleme waren hier vor seiner Nase und nicht draußen im Wald in Form einer winzigen, glatzköpfigen Frau.

Er überlegte sich eine Ausrede, um noch einmal nach draußen zu gehen, auch wenn seine Wunde noch ziemlich frisch war und nässte. Es war ihm egal, er musste dringend dieses Lager verlassen. Die Hilltop-Leute hatten ein paar Tage Zeit ihnen Gregorys Kopf zu bringen, auf die müssten sie also warten.

Dwight verließ seine Unterkunft und lief ein paar Meter durch den Hof. Es war relativ viel los, ein paar Männer rüsteten sich für eine Fahrt. Das wäre seine Chance.

„Hey, wo geht's hin?" fragte er Emilio, einen kleinen und sehr tätowierten Mexikaner, mit dem er sich eigentlich immer relativ gut verstanden hatte.

„Raus, Negan will diese Schlampe suchen. Wird sicher nichts bringen, aber bevor sie irgendwen dazu anstacheln kann uns zu überfallen, lieber auf Nummer Sicher gehen", antwortete der dunkelhaarige Mann mit verhältnismäßig hoher Stimme und sah Dwight eindringlich an.

„Amigo, du willst doch nicht etwa mit, oder?" setzte er an und deutete wage auf Dwights geschundenes Gesicht. „Du kannst keine zwei Meter weit gucken dank der Puta, die dich verraten hat."

Dwight seufzte und sah Emilio an. „Das ist nicht wichtig, hörst du? Ich will hier nicht länger rumhängen müssen."

„Du kannst dich kaum auf den Beinen halten, das sehe ich doch", widersprach Emilio und Dwight musste sich eingestehen, dass er Recht hatte. Ihm wurde von dem kurzen Weg, den er bis hierher zurückgelegt hatte schon schwarz vor Augen und er schwitzte ungewöhnlich schnell.

„Ich brauche nur eine Aufgabe, nichts weiter."

„Ruhe ist es, was du brauchst, Amigo", murmelte Emilio leise und ging an Dwight vorbei, um mit den anderen ins Auto zu steigen. Er drehte sich noch einmal um und sah ihn mitleidig an. „Wir werden nur heute nach ihr suchen und dann draußen in den Satelliten-Stationen bleiben. Das Lager hier muss stärker beschützt werden, auch wegen Hilltop. Vielleicht kommt ja einer mit dem Kopf, was glaubst du?" Emilio lachte auf und enthüllte ein lückenhaftes Grinsen.

Dwight ballte seine Hände zu Fäusten, um sie direkt wieder zu lösen. Dann zuckte er mit den Schultern, weil er nicht wirklich damit rechnete, dass auch nur einer der Menschen aus Hilltop die Eier hätte, ihrem Anführer den Schädel abzutrennen.

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„Ist offen, komm rein!" hörte er Denises Stimme und drückte die Tür auf, um einzutreten.

Unsicher stand Rick mitten im Raum und sah sich um. „Sie ist bewusstlos, aber sie lebt. Komm her, dann zeige ich sie dir", verkündete die Ärztin, die die Besprechung in der Kirche wegen ihrer Patientin als erste verlassen hatte und Rick schritt über den dunklen Holzboden zu ihr in den Nebenraum, in dem sich auch Judith auf einem Bett befand und schlief.

„Wie... Wie sieht's aus?" fragte er und wartete auf die Hiobs-Botschaft.

„Sie ist nicht... wund. Also wurde sie wahrscheinlich nur gefoltert, aber nicht-"

Rick stieß so laut die Luft aus, dass Denise schwieg. Es war gerade eine riesige Last von seinen Schultern gefallen.

„Ich kann natürlich nicht sagen wie es in den letzten Wochen gewesen ist, aber im Moment kann ich keine Anzeichen dafür finden", murmelte die Ärztin und blickte ununterbrochen auf die kleine Frau. Rick konnte nicht in Worte fassen, wie beruhigt er war, dass sie – wenn auch nur vermutlich – nicht vergewaltigt worden war.

„Danke", murmelte er und sah Judith noch einmal an.

„Allerdings...", begann Denise leise und sah Rick etwas verschüchtert an.

„Was?" fragte er sofort alarmiert und machte sich für die nächste schlechte Nachricht bereit.

„Wenn sie nicht in den nächsten paar Stunden aufwacht, sagen wir spätestens morgen früh, dann sieht es schlecht für sie aus."

Rick spürte wie er ein wenig in sich zusammensackte und legte sich eine Hand ans Kinn. Nicht genug, dass er sich mit dem Kampf gegen Negan schon weit genug aus dem Fenster lehnte, wenn das hier jetzt auch noch schiefging, dann war seine Hochstimmung von den letzten Tagen gänzlich im Sande verlaufen.

„Hält sie sich denn gut?" fragte er, um zu hören, dass es nicht so schlimm war wie Denise ihm gerade vermitteln wollte.

„Den Umständen entsprechend, ja."

„Hm", machte er nachdenklich und sah die Frau noch einmal an. „Wenn irgendetwas passiert, dann sagst du sofort Bescheid, verstanden? Und ich meine sofort. Ich bin drüben mit diesem Kerl aus Hilltop, der uns Negans Lager beschreiben soll."

Denise nickte erschöpft und stellte sich auf ein Bein, um das andere zu entlasten.

„Du solltest dich auch ausruhen. Wenn wir weg sind, dann will ich, dass du fit bist, egal für was. Für alles einfach."

„Ich weiß", raunte Denise und lächelte Rick etwas gequält an.

Dann verließ er das Haus und ging zu Jesus, Daryl und den anderen. Sie mussten mehr über diesen Negan erfahren. Jemand, dessen Ruf ihm so vorauseilte, der musste mit Vorsicht behandelt werden. Aber ihnen würde etwas einfallen. Es musste ihnen etwas einfallen, denn ihre Lebensmittelversorgung hing davon ab.

Er konnte zwar nicht versprechen, dass es keine Risiken gab und dass alle es schaffen würden, aber sie hatten schon ganz andere Situationen überstanden – und das sogar noch hungriger als jetzt. Rick musste an seine Kinder denken. Er musste daran denken, dass es ihnen gut ging. Ihnen und seinen Leuten. Denn nichts anderes war wichtig.