Am Anfang war das ‚Klock'
Kopfschmerzen. Schon wieder! Remus massierte sich mit einer Hand die Schläfen, als er am Dienstagmorgen die Stufen in seinen Klassenraum herunter torkelte. Salopp gesagt: Scheiß Start in die Woche. Gar nicht weiter drüber nachgedacht hatte er, was da passiert war. Schlammblut… Ein kleines Wort, das ihn immer aufgeregt hatte und ihn immer aufregen würde. Remus konnte nichts dagegen tun und er wollte auch gar nicht.
„Guten Morgen.", begrüßte er seine Klasse und lächelte in die Runde. Harry und Ron starrten in entgegengesetzte Richtungen. Irgendwas war da wieder vorgefallen und einen unkonzentrierten Harry Potter konnte er ausgerechnet heute nicht gebrauchen.
Den Blick weiter durch die Reihen schweifend lassend blieb Remus an Draco hängen, der inzwischen alleine saß, weil Theodore es vorgezogen hatte sich neben seine Freundin eine Reihe weiter nach hinten zu setzen. Traurig sah er aus und natürlich war es alles andere als angenehm so offensichtlich, und auch noch als Einziger, alleine sitzen zu müssen. Gut, sonst war er ja nicht allein. Eine Doppelstunde zweimal die Woche würde Draco schon nicht umbringen.
Was sonst Daphne so gerne getan hatte, versuchte Draco jetzt demonstrativ durchzuhalten: Aus dem Fenster starren. Seinen Lehrer ignorieren, ja. Aber man brauchte keine Brille um die grauen Augen in ihren Höhlen zucken zu sehen.
Ob es ihm wohl Leid tat? Ob er eingesehen hatte, was das Wort bedeutete? Oder wollte er am Ende nur sicher gehen, das er bei Remus nicht unten durch war? Aber das konnte Remus nicht glauben. Davon hatte Draco ja nichts…
Gut, ein bisschen hatte er erwartet, dass der Slytherin vielleicht wiedermal an seine Tür klopfen würde. Er hätte sogar wieder weglaufen können, aber so… Es hatte ihn wohl einfach nicht interessiert und nein! Darum ging es ja auch gar nicht! Er sollte sich wirklich nicht um seinen Lehrer kümmern. Das war schon richtig so und wenn Draco jetzt nicht mehr mit ihm sprechen wollte, dann war das wohl richtig so.
„Bevor wir mit dem neuen Thema anfangen muss Mr. Malfoy noch seinen Patronus nachholen", begann Remus, legte seine Aktentasche auf den Schreibtisch und schlüpfte dahinter, um sich nach der Truhe mit dem Irrwicht zu bücken. Uh, war die schwer… Ächzend erhob er sich wieder und ein bisschen fühlte es sich an, als wären seine Wirbel voneinander weggerutscht. Herrje, er wurde wirklich alt…
„So…", stöhnte Remus und ließ die Truhe auf den Tisch fallen. Er zog ein Taschentuch aus seiner Robe und wischte sich den leichten Schweißfilm von der Stirn. Vielleicht wurde er auch noch krank? Oh, bitte nicht! Das konnte er nicht in der einzigen Zeit, die nicht vom Vollmond beeinflusst war, gebrauchen. Nicht zu vergessen, dass er eh irgendwie immer krank war… Oje, wenn die kleinen Slytherins sich wieder rächen wollten – diesmal vielleicht sogar mit Draco – dann hatte er vielleicht einen Fluch abgekriegt!
„Harry, kommt du bitte nach vorne?", bat Remus freundlich lächelnd und schob innerlich weiter unglaubliche Panik, dass er ohnmächtig zusammenbrechen würde. Fieberwahn… Ja, nur Fieberwahn.
Das Taschentuch stopfte er wieder in seine Tasche und befühlte sich noch einmal die Stirn. Nicht so heiß, nein. Kalter Schweiß anscheinend, aber Remus konnte einen Fluch ausschließen. Immerhin war er Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste! Er kannte sich mit Flüchen aus und es wäre sicher kein Problem für ihn gewesen den dann aufzuheben.
„Ja, Sir", grummelte Harry und schob den Stuhl beim Aufstehen zu ruckartig mit den Kniekehlen nach hinten, dass er nur deshalb nicht umfiel, weil Nevilles Pult ihn abfing.
Ron schnaubte und Remus seufzte. Streitereien konnte er nicht gebrauchen und später einen Harry, der ihm die Ohren vollheulte auch nicht. Nicht, das er Harry nicht zuhören wollte, aber heute war Remus ein bisschen wuschig. Ein bisschen war auch noch untertrieben!
An sein Sockendrama wollte er gar nicht denken! Nicht nur, das er nur zwei verschiedenfarbige gefunden hatte, dann hatte er eine auch noch verloren und nicht wiedergefunden, obwohl sie direkt neben ihm lag! Wie, bei Merlins Unterhosen, war das möglich? Das war sonst immer nur Peter Pettigrew passiert.
Schlagartig schlitterte Remus' Laune aufs Eis und krachte durch die dünne Schicht in den See. An den wollte er gar nicht denken, nein.
„Mr. Malfoy, kommen Sie bitte?", rief Remus Draco zu sich, als Harry schon bereitwillig seinen Zauberstab zwischen den langen Fingern drehte.
Malfoys Finger dagegen klopften der Reihe nach auf die Tischplatte und er räusperte sich, als wäre Remus' Stimme nur in seinem Kopf zu hören. Harry verdrehte schon die unheimlich schönen… grünen Augen und warf Remus genau diesen Blick zu, den Lily immer drauf gehabt hatte, wenn James sich mal wieder total offensichtlich zum Trottel gemacht hatte.
„Kommen Sie schon", seufzte Remus. Das war heute wirklich nicht sein Tag. Projektionen in alle Richtungen die ihn nur fertig machten, weil sie ihn an bessere Zeiten erinnerten und er dann anfing zu vergleichen.
Tja, es konnte eben nicht mehr so schön werden.
„Der Irrwicht ist doch kein Problem für Sie", sagte Remus, aber Draco ignorierte ihn weiter. Ach, der machte ihm doch jetzt nicht etwa eine unterschwellige Szene, oder?
Klock, klock, klock…
Die Klasse blieb still und das einzige Geräusch war das Klopfen von Malfoys Finger.
„Mr. Malfoy, jetzt kommen Sie nach vorne und benutzen Ihren Zauberstab um uns zu zeigen, das Sie einen Patronus können", sagte Remus mit einem leicht befehlenden Unterton, aber Draco zeigte absolut keine Reaktion. Nicht mal der Vogel, der mit voller Wucht gegen die Scheibe knallte und die ganze Klasse herum fahren ließ, störte den blonden Slytherin.
Remus räusperte sich um die Aufmerksamkeit wieder zu bekommen und rollte den Kopf von einer Schulter auf die andere, bevor er die Arme vor der Brust verschränkte. „Bewegen Sie augenblicklich Ihren Hintern nach vorne oder ich brumme Ihnen ein ‚T' und einen Brief nach Hause auf", ratterte Remus herunter und atmete innerlich tief durch. Das war doch schon fast anzüglich gewesen, oder? Immerhin hatte er ‚Hintern' gesagt… Ach, heute wollte er da ganz sicher nicht drauf achten.
Und es schien gewirkt zu haben, denn Draco stand wirklich zögerlich auf und ignorierte das Gemurmel seiner Mitschüler, während er sich durch die Reihen nach vorne schlängelte. Hauptsache er tat das jetzt nicht um sein Hinterteil richtig in Szene zu setzen.
Remus fuhr sich schnell durch die Haare. Hoffentlich war dieser Tag schnell vorbei!
„So… Geht doch", sagte Remus, räusperte sich und lächelte die beiden Schüler vor ihm an. „Stellen Sie sich ein bisschen weiter weg, Mr. Malfoy. Wenn der Irrwicht sich nicht entscheiden kann, dann könnte das unangenehm werden."
Draco schluckte hörbar und trat einen Schritt nach hinten, während Harry schon wieder mit den Augen rollte. Von ihnen dreien würde sich der Irrwicht natürlich sofort Malfoy, den Schwächsten, aussuchen, daran bestand wohl für niemanden in der Klasse ein Zweifel.
„Na, dann mal los", sagte Remus, rieb die Hände aneinander und klappte den Deckel der Truhe hoch. Allerdings erhob sich kein Dementor…
Remus hatte kaum einen Augenblick Zeit zurück zu treten, als ein großer, schwarzer Hund ihn ansprang. Die riesigen Pfoten drückten sich auf seine Brust und Remus krachte gegen die Tafel bevor er umfiel. Einmal bellte der Hund und schleckte Remus quer über das kreidebleiche Gesicht, bevor er einfach umfiel.
So verdattert, wie Remus war, bekam er gar nicht mit, wie Harry sich wenigstens um den Irrwicht kümmerte.
Das war absurd! Das war völlig absurd und ergab absolut keinen Sinn!
Schnell presste Remus sich die rechte Hand auf die Stirn, die nass vor kaltem Angstschweiß war. Aber sicher nicht wegen einem Hund, der einfach mal kurz umfiel. Hah! Da war gar nichts dran… Er war nur verwirrt, weil er heute so einen absurden Irrwicht abbekam, der einfach keinen Sinn ergab und… und… Da wollte ihn doch nur jemand hinters Licht führen und das, wo er doch heute schon so durcheinander war…
„Professor? Sir?" Harry hockte sich neben ihm und Remus drehte langsam den Kopf.
Er blinzelte ein paar Mal und schüttelte leicht den hellbraunen Haarschopf.
„Remus?", versuchte Harry es ein bisschen leiser und Remus bemerkte gar nicht, wie Dracos Mundwinkel sich noch weiter nach unten bewegten, während er Harry über die Schulter linste und auch die anderen Schüler einen Blick auf ihren vielleicht bewusstlosen Lehrer zu erhaschen versuchten.
„Alles okay?", fragte Harry und legte eine Hand auf die Schulter seines Professors.
„'S schon gut, James…", murmelte Remus und setzte sich auf, bevor er leicht den Kopf schüttelte. Während er sich mit einer Hand die Schläfe massierte hob Harry beide Augenbrauen und Draco legte den Kopf schief. Der Rest der Klasse schien gar nicht gehört zu haben, was Remus murmelte und er selbst hatte es auch schon wieder vergessen.
„Entschuldigt", sagte Remus und konnte ein leicht verrücktes Lachen nicht unterdrücken. „Irgendwas ist… hihi…" Remus musste sich eine Hand vor den Mund halten um nicht laut los zu prusten, allerdings bekam er dadurch nur eine feuchte Handfläche. „Absurd… Vollkommen absurd…"
Tatsächlich warf Harry Potter gerade einen fragenden Blick zu Draco Malfoy! Das brachte Remus fast noch mehr zum Lachen und er wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Hoffentlich Lachtränen…
Remus klammerte sich an der Tischkante fest und zog sich hoch, bevor er sich noch einmal mit dem Ärmel über die Augen wischte. „Die… Stunde ist vorbei", sagte Remus schnell, bevor er noch vor seiner Klasse in Tränen ausbrach. „Wir sehen uns Donnerstag."
„Sir…", fing Hermine an, der es natürlich absolut nicht gefiel früher entlassen zu werden, aber Remus hatte sich heute eh nicht wohl gefühlt und gar nicht erst aus seinem Bett kommen sollen.
„Nein…", sagte Remus gedehnt und machte eine verscheuchende Handbewegung. „Gehen Sie. Alle." Und damit drehte er sich um. Das Getrappel der Schüler und das Gemurmel überhörte er fast vollkommen und heute ergab ohnehin nichts einen Sinn.
Ziemlich verstört ließ er sich auf seinen Stuhl fallen, den er eigentlich kaum benutzte. Warum bei Merlins Bart setzte er sich eigentlich immer auf sein Pult? Das war doch auch vollkommen… absurd.
Sich herumdrehend klammerte Remus sich an der Tischplatte fest und erschreckte sich fast zu Tode, als Harry immer noch da stand. „Meine Güte…" Er legte sich eine Hand aufs Herz und schluckte schwer. „Hab ich nicht gesagt, ihr sollt alle gehen?", fragte Remus und versuchte sich an seinem üblichen Lächeln, aber das funktionierte heute genauso wenig.
„Wollt nur… Sicher das alles okay ist?", fragte Harry und klopfte auf Remus' Schreibtisch herum. Oh, warum mussten die heute alle auf den Tischen herum klopfen?
Klock, klock, klock…
Remus massierte sich die Schläfen und hoffte eigentlich nur, dass Harry jetzt ebenfalls gehen würde. „Ja, keine Sorge", seufzte Remus und stand wieder auf. Leicht schwindelig wurde ihm und er hielt sich unauffällig an der Tischkante fest. „Ein schlechter Tag heute."
„Du hast mich ‚James' genannt", sagte Harry und Remus' Augen weiteten sich sofort. Er hatte was? „Das kenn ich sonst nur von Sirius."
Remus schüttelte leicht den Kopf und zückte seinen Zauberstab. „Du siehst ihm eben sehr ähnlich", sagte er und richtete die Tafel wieder auf. Langsam spürte er auch, wie sich eine große Beule an seinem Hinterkopf ballte. „Außerdem hab ich was auf… oder eher an den Kopf bekommen. Ein bisschen bedröppelt bin ich eh schon den ganzen Morgen." Er seufzte und drehte sich Harry zu. „Ich hätte einfach im Bett bleiben sollen."
„Äh, Remus?" Fast ein bisschen schüchtern verknotete Harry die Hände ineinander und Remus drehte sich mit leichtem Unbehagen um. Harry nannte ihn nicht sehr oft beim Vornamen, selbst wenn sie alleine waren, also musste es wichtig sein. „Das mit Sirius…" Remus schluckte schwer und drehte sich wieder weg, während er sich am Hinterkopf kratzte. „Das… Ich weiß schon, dass das schwer für dich ist. Für mich ja auch… Also, wenn…"
„Wenn du reden willst, dann kannst du immer vorbeikommen", sagte Remus schnell, bevor Harry das sagen konnte. Wie kam er sich da denn vor?
Harry stutzte auch einen Moment und räusperte sich dann. „Jaah…", sagte er gedehnt. „Aber wenn dich das noch so fertig macht, dass… ähm, du dich von einem Irrwicht so fertig machen lässt, dann solltest du…"
Remus hob eine Hand. „Harry, ich hab nicht zum ersten Mal einen Freund verloren", sagte er und drehte sich wieder um. „Sirius war eben etwas Besonderes und…" Er stoppte und schaute zur Tür, die gerade wieder aufgeschoben wurde, als er gesprochen hatte. „Mr. Malfoy?"
Harry fuhr ruckartig herum und legte den Kopf gleichzeitig mit Remus schief. „Was willst du denn noch hier, Malfoy?", fragte Harry misstrauisch.
„Nur…" Draco schaute sich suchend um und deutete auf seinen Platz. „Hab mein Buch hier vergessen…", murmelte er und schlüpfte durch die Tür.
„Ja, gut…", seufzte Remus und klopfte Harry auf die Schulter. „Wir sehen uns spätestens Donnerstag und jetzt ab mit dir."
„Aber…", fing Harry an und musterte Remus mit derselben Besorgnis in den grünen Augen, das Lily immer ausgestrahlt hatte, wenn sie Remus vor oder nach dem Vollmond gesehen hatte. Oh, Merlin! Nicht schon wieder Assoziationen.
„Nein, ist schon gut, Harry", sagte Remus und lächelte dem Gryffindor zu. „Mr. Malfoy? Noch auf ein Wort", beendete er das Gespräch mit Harry und ignorierte das Seufzen, das der Junge von sich gab, bevor er sich auf den Absätzen umdrehte und aus dem Klassenzimmer tapste. Natürlich nicht ohne sich einen Starrwettkampf mit Malfoy Junior zu liefern.
Draco blieb auch noch bei seinem Platz stehen, als Harry gegangen war, aber er hatte sein Buch nicht angerührt. Inzwischen war es dann auch mal an Remus auf der Tischplatte herum zu klopfen, um die Atmosphäre wohl noch unangenehmer für beide Parteien zu machen.
Klock, klock, klock...
