Kapitel 50: Der Tod im See
Nachdem Snape das Büro des Schulleiters verlassen hatte und um die Ecke gebogen war, schlüpfte Harry unter seinem Tarnumhang hervor. Er sah Snape hinterher, der ohne sich umzublicken durch den Gang davon rauschte.
Fast erschlagen von dem, was er dort belauscht hatte, rollte Harry mechanisch das Langziehohr zusammen und steckte es in seine Tasche.
Eigentlich hatte er in die Küche schleichen wollen, um unter seinem Tarnumhang die Hauselfen zu belauschen. Hermines ewiges Gerede über die Hauselfen und ihre Arbeit im Schloss und der Küche hatten ihn auf die Idee gebracht, dass, wenn irgendwer über alles Bescheid wissen musste, was im Schloss vor sich ging, das die Elfen sein mussten. Und wo würden sie über das, was sie erfuhren tratschen? Richtig, in der Küche.
Also hatte er beschlossen, sich hinein zu schleichen, oder zumindest ein Langziehohr unter der Tür hindurch zu schieben, um mehr Informationen zu bekommen. Hermine sagte ja immer, Information sei Alles, und ihr Weg führte sie zur Beschaffung der Selbigen in die Bibliothek, aber er selber glaubte eher, dass viele aktuelle Informationen eben nicht in den staubigen Büchern zu finden waren, sondern man nur die Ohren spitzen musste, um sie zu bekommen.
Doch als er sah, mit was für einem Gesichtsausdruck Snape durch die Korridore gegangen war, hatte er sich gedacht, dass er ihm lieber folgen wollte. Als der verhasste Lehrer dann auch noch drei Schüler ignorierte, die gerade eine Ladung Stinkbomben in einer Rüstung versteckten, da war ihm endgültig klar, dass etwas unglaublich Wichtiges im Gange war.
Allerdings hätte er niemals geglaubt, was er gerade belauscht hatte.
Dumbledore glaubte also, dass die Todesser einen Anschlag auf die Schule planten und das auch noch in nächster Zeit.
Er musste sofort Hermine und Ron informieren und die DA alarmieren.
Wild entschlossen machte er sich auf den Weg in den Gryffindor-Turm.
Noch am gleichen Abend wurde Mark ein weiteres Mal zu einer Besprechung in Mansfields Zimmer gerufen.
Dieser erklärte Ihnen, er habe eine Nachricht mit neuen Befehlen erhalten. Nun käme es darauf an, dass sie absolut präzise und zuverlässig arbeiteten, denn der ganze weitere Verlauf der Operation hänge von ihnen ab.
Er sah von einem zum anderen und musterte ihre Gesichter.
„Wir werden nur noch zu zweit losgehen, damit niemand auf dumme Gedanken kommt." Er sah ihnen prüfend in die Gesichter. „Jeder von uns wird dunkle, unauffällig Kleidung tragen und in…", er sah auf seine Uhr, „…präzise drei Stunden treffen wir uns hinter dem Postamt.
Dort gibt es eine alten Schuppen, der nicht mehr gebraucht wird und dort lagern Materialien, die wir für unsere Operation brauchen werden."
Alle blickten ihn erwartungsvoll an. Er hob langsam den Bogen Pergament, den er in der Hand gehalten hatte.
„Hier sind unsere Anweisungen, aber ich soll sie Euch erst mitteilen, wenn die Mission gestartet ist." Er setzte einen wichtigen Gesichtsausdruck auf. „Sicherheitsvorkehrungen, ihr versteht…"
Willow sah ihn skeptisch an. „Heißt das, Du hast jetzt Deakins Position als Anführer unserer Gruppe?"
„Sieht wohl so aus." Aus Mansfields Stimme klang ein Hauch Herausforderung heraus. „Hat hier jemand ein Problem damit?" Er sah sie nacheinander an und jeder von ihnen senkte schnell den Blick und schüttelte den Kopf.
Mark dachte angestrengt nach, was das für Folgen für die Gruppe haben würde und besonders für ihn, aber ihm fiel nichts ein, was im Moment wichtig sein konnte.
Er wollte nur nicht zu sehr auffallen und die Aufgabe, was immer sie war, schnell und möglichst ohne Probleme hinter sich bringen. Danach wollte er überlegen, wie er sich von der Gruppe lösen konnte, um einen eigenen Weg zu gehen. Es musste doch möglich sein, aus den Fängen der Todesser zu entkommen, ohne dabei zu Tode zu kommen.
Lange wollte er dieses emotionale Doppelleben nicht mehr führen, das stand fest. Ihm war ja jetzt schon dauernd übel, auf die Dauer war das einfach kein Leben für ihn.
Er riss sich zusammen und versuchte sich auf Mansfields Worte zu konzentrieren.
„Nun gut", erklang dessen Stimme gerade wieder. „Tensborrow, Du und Willow bilden ein Team. Ich erwarte Euch in dunkler Kleidung, nahezu unsichtbar zum verabredeten Zeitpunkt hinter dem Postamt. Keiner von Euch lässt den anderen von jetzt an aus den Augen. Ich will keine Pannen. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Alle nickten. Willow wirkte wie Mark ein wenig eingeschüchtert. Es war schon erstaunlich, was für eine Veränderung in jemandem vorging, wenn man ihm die Verantwortung und die Befehlsgewalt über eine Gruppe gab.
Dann löste die Versammlung sich auf und Mark ging zusammen mit Willow los, um zu tun, was man von ihnen verlangt hatte.
Harry fand Ron und Hermine im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und winkte sie in eine stille Ecke. Als er ihnen sagte, er habe wichtige Neuigkeiten, sprach Hermine einen Muffliato-Zauber über ihre Ecke und dann berichtete Harry, was er belauscht hatte.
Seine Freunde hörten ihm mit wachsendem Erschrecken zu.
„Also glaubt Professor Dumbledore, dass das Ziel Vold… Voldemorts", sie räusperte sich und lief leicht rosa an, „Hogwarts ist?"
Ron zuckte zusammen und es war nicht klar, ob daran die Nennung des unaussprechlichen Namens schuld war, oder die konkrete Bedrohung des Ortes, den sie alle immer für absolut sicher gehalten hatten."
Hermine ignorierte ihn erstaunlicherweise und fuhr fort. „Aber wie soll hier jemand herein kommen? Der See wird von den Meermenschen geschützt, die Zentauren bewachen den Wald, das Tor und die Mauern sind magisch versiegelt und apparieren kann man hier auch nicht, das steht…"
„… in „Eine Geschichte von Hogwarts"", ergänzten die beiden Jungen wie aus einem Munde.
Trotz der schrecklichen Neuigkeiten mussten alle drei breit grinsen und selbst Hermine verkniff sich das sonst übliche abfällige Schnauben.
Doch sie wurden sofort wieder ernst.
„Ich weiß auch nicht", meinte Harry. „Aber wenn Professor Dumbledore glaubt, dass es eine konkrete Gefahr ist, dann denke ich, gibt es auch irgendeine Möglichkeit."
Ron runzelte die Stirn.
„Was ist mit den Geheimgängen aus dem Schloss heraus?"
„Alle versiegelt inzwischen."
Sie grübelten noch eine ganze Weile darüber nach, von wo aus die Bedrohung zu erwarten war, kamen aber zu keinerlei Lösung.
Hermine schlug vor, früh schlafen zu gehen und am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe aufzustehen, um noch vor Unterrichtsbeginn am Rand des Schulgeländes Feinderkennungszauber an den Bäumen anzubringen, um gewappnet zu sein für das, was kommen mochte.
„Was auch immer passieren wird, es wird sicher nicht mehr heute Nacht geschehen", sagte sie bestimmt.
„Morgen früh machen wir uns an die Arbeit und während der Frühstückszeit benachrichtigen wir die DA, dann werden alle auf ihre Münzen achten, hoffe ich."
„Bis dahin sollten wir auch schon ein gutes Stück geschafft haben", stimmte Harry zu, während Ron nur schweigend nickte. Man konnte ihm ansehen, dass ihm mulmig zumute war.
Sie verabschiedeten sich und gingen zu Bett.
Albus Dumbledore ging in seinem Büro auf und ab, wie es schon seit vielen Jahren seine Gewohnheit war. Er hatte ein ungutes Gefühl. Ein sehr ungutes Gefühl, um präzise zu sein.
Nach langen Überlegungen entschloss er sich, alle Mitglieder des Phönixordens in Alarmbereitschaft zu versetzen und auf Abruf bereit stehen zu lassen. Auch die Auroren, die sich ihnen anschließen wollten sollten informiert werden und in Bereitschaft sein.
Er überlegte noch einen Moment, dann fasste er einen Entschluss.
Er trat an Fenster und zückte seinen Zauberstab. Gleißendes Licht formte sich zu einem Phönix und huschte hinaus in die Dunkelheit.
Danach wandte er sich an Fawkes, seinen treuen Begleiter und flüsterte ihm ein paar Worte zu. Der wunderbare Vogel sah seinem menschlichen Gefährten einen Moment lang unbewegt in die Augen, dann verschwand er.
Sorgenvolle Gedanken begleiteten ihn, als der Schulleiter sich an seinen Schreibtisch setzte und begann offiziell aussehende Briefe zu schreiben. Plötzlich hatte er das nagende Gefühl, die Zeit laufe ihm davon und das ungute Gefühl verdichtete sich. Wieder ging er zum Fenster und sah in die Finsternis hinaus. Es war, als habe sich ein dunkler Schatten über das Land gelegt und warte nur darauf, sich auf die Menschen und ihr Leben herab zu senken. Leise seufzend setzte er seine Vorbereitungen fort.
Die vermummte Gestalt schlich ungesehen durch die kleinen Strassen Hogsmeads und verließ den Ort zielstrebig in Richtung See. Dort angekommen blieb sie eine Weile regungslos stehen und blickte über den das dunkle Gewässer. Nichts ließ ahnen, dass es in der Tiefe nur so wimmelte von Lebewesen, dass dort unten eine eigene Welt existierte. Jetzt lag alles in tiefem Schlaf und der See strahlte eine unglaubliche Ruhe aus.
Die vermummte Gestalt ließ ihren Blick schweifen, konnte aber nichts entdecken, was ihr Vorhaben stören konnte. Sie drehte sich noch einmal zum Ort um, doch auch von dort war keinerlei Bewegung zu erkennen und so setzte sie ihr Tun ungehindert fort.
Langsam zog sie eine Phiole aus der Tasche und besah sie sich genau. Dann, als habe sie es plötzlich eilig, öffnete sie das kleine Gefäß und entleerte den Inhalt mit einer schwungvollen Bewegung in den See.
Und ebenso unauffällig, wie sie aufgetaucht war, machte sich die vermummte Gestalt wieder auf den Weg und verschwand im Dunkel der Nacht.
Wenige Minuten nach danach gab es keinerlei Leben mehr im See und das Unheil konnte seinen Lauf nehmen.
