A/N: Frohe Weihnachten!


Im Fahrenden Ritter

Der Fahrende Ritter ist ein Vehikel für gestrandete Seelen; für jene, die unverhofft fort müssen, in ebendiesem Augenblick, der ein ganzes Leben ändern kann. Vielleicht sind die Zauberer und Hexen, die gerade an Heiligabend zu später Stunde im Fahrenden Ritter unterwegs sind, besonders traurige Gestalten; als jedoch Hermine bei Stan Stunpike ihr Ticket löste, fühlte sie sich so gut wie schon lange nicht mehr. Stan gab ihr zwölf Sickel Wechselgeld und das Ticket, welches zur Weihnachtszeit mit einem Tannenzweig dekoriert war. Hermine legte es sorgfältig in ihre Geldbörse, suchte sich einen Platz ganz vorn und stellte die Tasche mit den Geschenken für Harry, Ginny und Ron zwischen ihre Beine. Dann lehnte sie sich tief in den Sitz und schaute aus dem Fenster, in dem sie wegen der Dunkelheit nichts erkennen konnte außer ihrem eigenen Spiegelbild. Sie schenkte sich ein zaghaftes Lächeln. Ganz tief im Inneren genoss sie diese unerwartete Wendung ihrer Geschichte, eine Wendung, die sich so richtig anfühlte, dass sie sich fragte, warum sie diese Entscheidung nicht schon längst getroffen hatte.

Weihnachten bei den Weasleys – sie konnte sich keinen schönen Ort in der Weihnachtszeit vorstellen. Was tat es zur Sache, dass sie für den allergrößten Teil der Familie keine Geschenke besorgt hatte? Wahrscheinlich würde es im Festtagstrubel niemanden auffallen, und falls doch, würde es niemanden stören.

Sie hörte, wie der Motor aufheulte und legte vorsorglich die Hände an die Haltestange, denn Ernies grauenvoller Fahrstil war allseits bekannt. Es war viel Zeit vergangen, seitdem sie das letzte Mal in diesem merkwürdigen dreistöckigen Bus mitgefahren war und dementsprechend nervös war sie. Aber wie konnte man bei einer Fahrt mit dem Fahrenden Ritter auch nicht nervös sein, insbesondere, da Ernie trotz deutlich vernehmbarer Motorengeschräusche auf seinem breiten Fahrersitz zu schlafen schien. Brust und Kopf hatte er auf dem Lenkrad abgelegt, eine Hand lag auf dem Schaltknüppel. Ohne Zweifel war ein gleichmäßiges Schnarchen zu hören, das ganz gewiss aus seiner Richtung kam. Dennoch schlossen sich nun die Türen und das Gefährt setzte sich ruckelnd in Bewegung.

Hermine traute ihren Augen kaum. Der Fahrer hing immer noch schlafend auf dem großen Lenkrad, das sich wie von Geisterhand bewegt, samt Ernie mal links herum mal rechts herum drehte. In diesem Moment überlegte Hermine wirklich, ob sie nicht doch wieder aussteigen sollte, aber so sehr sie auch zauderte, der Bus hielt nicht für sie an. Vielleicht konnte sich Hermine doch nicht mit einem Stopp im Nirgendwo abfinden, vielleicht war ihr Wunsch zu den Weasleys zu gelangen doch zu stark. Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr nahm der Bus Fahrt auf, bis Hermine sich nur noch wünschte, Ernie würde wenigstens nicht ganz so laut schnarchen. Mit jedem Atemzug des Busfahrers außer Dienst zitterte der Schrumpfkopf, der am Rückspiegel angebracht war, wie ein Lämmerschwanz.

Stan Stunpike schien es jedenfalls nicht zu stören, dass sein Chef ein Nickerchen hielt. Zumindest bis zu dem Augenblick, an dem plötzlich der Bus die Fahrspur wechselte. Jetzt, wo der Bus auf der rechten Straßenseite unterwegs war, musste man selbst auf verlassenen Landstraßen wie dieser hin und wieder mit Gegenverkehr rechnen. Und wirklich tauchten am anderen Ende der Straße bald Scheinwerfer auf. Stan kaute sichtlich nervös auf seinem Kaugummi und schielte immer wieder zu Ernie hinüber, der immer noch schlafend über seinem Lenkrad hing. Schließlich entschied sich Stan die Frage über Sein oder Nichtsein auf einem Sitzplatz in der zweiten Reihe des Buses abzuwarten und setzte sich.

Hermine konnte Stans Zuversicht nicht teilen. Sie wollte die Augen schließen, trotzdem hing ihr Blick wie festgenagelt an den zwei Scheinwerfern, die mit atemberaubender Geschwindigkeit näher kamen. Plötzlich waren zwei drei tiefe Grunzer zu hören – Ernie hatte sich bewegt. Mit schwankendem Oberkörper richtete er sich auf, hob geblendet vom grellen Licht der Scheinwerfer seinen Arm vor die Augen, blinzelte zwei drei Mal, hustete laut, zog die Nase hoch, spuckte aus, griff nach der Kurbel über seinem Kopf und begann zu kurbeln. Hermine kam es so vor, als würde der gesamte Bus drei Meter in die Luft gehoben. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie, dass die Räder immer noch die Straße berührten. Sie hingen an langen, U-förmig gebogenen Achsen fest, die den Bus weit nach oben drückten, sodass das entgegenkommende Fahrzeug leicht unter ihm hindurch fahren konnte.

Hermine wurde übel. Beide Hände krampfhaft die Haltestange umgreifend wartete sie auf das Ende dieses Manövers. Außerdem beruhigte sie sich mit dem Gedanken, dass es den Fahrenden Ritter schon seit Jahrzehnten gab, sie sich aber nicht daran erinnern konnte, jemals einen Artikel über einen Unfall im Tagespropheten gelesen zu haben. Und sie las den Tagespropheten eigentlich jeden Morgen.

So richtig optimistisch, was ihre weitere Zukunft anging, wurde Hermine jedoch erst, als sie die ersten Häuser von Ottery St. Catchpole erkannte. Wenig später hielt der Fahrende Ritter nur wenige Schritte vom Haus der Weasleys entfernt. Erleichtert stieg Hermine aus dem Bus aus und sog sofort die frische kalte Winterluft ein. Im Sommer hatte es oft nach frisch gemähtem Gras gerochen, doch jetzt lag der Geruch von Tannengrün, Kaminfeuer und Dieselabgasen in der Luft. Hermine wartete, bis der Bus abgefahren war und wechselte dann auf die andere Straßenseite. Das neue Haus der Weasleys, welches nun auch schon fünfzehn Jahre auf dem Buckel hatte, lag ruhig vor ihr. Es war genauso verwinkelt und windschief wie das alte. Nach Arthurs Beförderung wäre sicher das Geld für ein halbwegs normales Haus dagewesen, aber Arthur hatte es sich nicht nehmen lassen, Architektur und Bauleitung persönlich zu übernehmen. Arthurs Vorliebe für kleine Winkel und winzige Erker wären vielleicht nicht das Problem gewesen, doch über die Jahre hatten die Weasleys hier und da ein paar magische Anbauten hinzugefügt, die immer dann erschienen, wenn mehr Platz für Besucher von Nöten war. Zur Weihnachtszeit sah demnach das Haus wie ein kompliziert verschachteltes Gebilde aus, das aus allen Nähten zu platzen schien. In dieser Nacht war jedoch nicht viel mehr als die Silhouette des Hauses zuerkennen.

Hermine stieß die schief in den Angeln hängende Pforte auf und trat in den Garten. Wahrscheinlich gab es nicht viele Menschen, bei denen man ohne weiteres um zwei Uhr morgens an die Tür klopfen konnte, wenn man Hilfe brauchte. Bei den Weasleys konnte man jedoch auch dann um zwei Uhr morgens an die Tür klopfen, wenn man keine Hilfe brauchte. Und so manches Mal brauche man gar nicht an die Tür zu klopfen, denn die Tür stand meist offen.

„Willst du dort Wurzeln schlagen?"

Hermine ließ vor Schreck ihre Tasche fallen.

Ron stand in der Tür und sah zu ihr hinüber. „Wenn ich dich dort abholen soll, muss ich erst noch meine Schuhe anziehen", brummte er. „Einfacher wäre es natürlich, wenn du freiwillig reinkommst."

Hermine fragte sich, wie lange Ron sie schon beobachtet hatte. Vielleicht hatte er den Fahrenden Ritter bemerkt, der sehr geräuschvoll unterwegs war. In diesem Fall musste er schon eine Weile in der Tür stehen und sie anstarren. Verärgert hob sie ihre Tasche auf und warf sie mit Schwung über ihre Schulter. Dann stapfte sie Ron entgegen. Sie warf ihm einen bösen Blick zu, den er sehr wahrscheinlich in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Dafür machte er an der Tür gerade so viel Platz, dass sie durch den Eingang schlüpfen konnte, ohne ihn zu berühren.

…::…

Gerade in dem Moment, als sich Hermine an den mächtigen Holztisch in der Küche der Weasleys setzte, ließ ihr Magen einen lang-anhaltenden Brummton hören. Peinlich berührt lege Hermine eine Hand auf ihren Bauch, was den Magen jedoch nicht weiter zu stören schien. Er knurrte weiter munter vor sich hin.

„Hast du Hunger?", fragte Ron unnötigerweise. Dann zählte er alle kulinarischen Köstlichkeiten auf, die sie am heutigen Feiertag schon verpasst hatte. Bei gebackener Wachtel auf Kartoffel-Möhren-Püree hellte sich Hermines Miene auf. Dieses Gericht war ein Weasley-Klassiker, den sie auf keinen Fall auslassen wollte.

Sofort entzündete Ron drei Flammen am Gasherd und begann mit Töpfen und Schüsseln zu hantieren. Fünf Minuten später stand ein Teller mit dampfenden heißen und verlockend duftendem Essens vor ihr.

„Soße?", fragte Ron und hielt ihr eine kleine Kasserolle zur Begutachtung vor die Nase.

Eine böse Vorahnung mache sich breit und Hermine rümpfte die Nase. „Sag bloß, deine Mutter hat für die Soße wieder Magie benutzt?"

Ron zuckte mit den Schultern.

„Natürlich hat sie Magie benutzt", ereiferte sich Hermine. „Das macht sie doch jedes Mal, ganz egal, wie oft ich ihr erkläre, dass es erstens nicht so gut schmeckt und zweitens gesundheitsschädlich ist. Ich habe ihr sogar zwei wissenschaftliche Artikel von John Downie ausgeschnitten und zugeschickt –„

„– Hermine, wenn du Soßenpolizei spielen möchtest, kommst du zu spät. Wir haben alle schon mittags davon gegessen." Ron schwenkte die Kasserolle vor ihr hin und her. „Sag einfach Ja oder Nein."

„Ron, du weißt, wie wichtig es ist, dass man Gamps Gesetz nicht außer Acht lässt. Magie verflüchtigt sich mit der Zeit. Wenn man etwas von Dauer erschaffen möchte, muss man es von Hand machen. Ohne Magie, Tricks und Illusionen."

„Bitte Hermine, es ist eine ganz einfache Frage", flehte Ron sie an. „Und ich brauche eine Antwort, bevor mir der Arm abfault."

„Ich habe dich doch gebeten, noch einmal mit deiner Mutter darüber zu reden."

„Also keine Soße?" Ron sah sie hilflos an.

„Hast du mit deiner Mutter gesprochen?"

Ron stellte die Kasserolle zurück auf den Herd. „Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sogar zwei Mal. Sie hat behauptet, auf ihrer Familie lastet ein Soßenfluch."

„Wie bitte?"

„Ein Soßenfluch! Egal was meine Mutter tut, immer geht mit der Soße irgendetwas schief. Mal ist sie zu dick, mal zu dünn, mal versalzen, angebrannt, klumpig oder übergekocht. Oder sie bekommt einfach nur eine unappetitliche Farbe."

„Ein Soßenfluch", wiederholte Hermine. „So etwas gibt es doch gar nicht."

Ron setzte sich neben ihr an den Tisch und sagte: „Bitte sag niemandem, dass ich dir davon erzählt habe. Es ist meiner Mutter furchtbar peinlich."

„Und was ist mit Gamps Gesetz?"

„Es ist doch nur die Soße. Außerdem ist die Magie meiner Mutter sehr beständig."

„Und wenn sie stirbt?" Ron zuckte zusammen und Hermine bereute ihre Frage sofort. „Entschuldige", murmelte sie.

„Soll ich dir vielleicht etwas Butter auslassen?" Ron war blass geworden. Noch blasser als sonst. Seit Arthurs Herzinfarkt im letzten Jahr war die Familie dünnhäutig geworden.

„Es geht auch so", sagte Hermine leise und schob sich ein Stück Wachtelfleisch in den Mund. Wegen ihrer leidigen Soßendiskussion war es schon fast wieder kalt geworden. Trotzdem schmeckte es köstlich.

„Möchtest du nach dem Essen deinen Eltern noch kurz Hallo sagen?", fragte Ron.

„Sag bloß, bei euch funktioniert das Telefon?!", fragte Hermine. Sie hatte das grüne Telefon im Flur immer für Dekoration gehalten.

„Nein, sie sind hier. Sie schlafen in Freds Zimmer."

Hermine verschluckte sich und griff hustend nach ihrem Wasserglas. „Sie sind nicht wirklich hier", sagte sie heiser, nachdem sie beide Arme über den Kopf gehoben hatte.

„Doch sind sie." Ron lächelte sie an. „Iolanthe ist spontan mit Freunden nach Frankreich zum Skifahren. Deinen Eltern war es zu Hause zu ruhig und dann hat Dad sie überredet bei uns Weihnachten zu feiern."

„Warum haben sie mir nicht Bescheid gesagt?"

„Dein Vater meinte, du hast über die Feiertage viel in Hogwarts zu tun. Jedenfalls stand das in dem Brief, den deine Eule vor drei Tagen gebracht hatte.

Hermine erinnerte sich an den Inhalt des Briefes und bekam ein schlechtes Gewissen. Im Grunde hatte sie zurzeit in Hogwarts kaum etwas zu tun, denn McGonagall und Flitwick achteten sehr darauf, dass sie sich nicht zu viel Arbeit aufhalste. Dass ein Tag ohne jegliche Aufgaben ziemlich lang werden konnte, hatten die Zwei dabei wohl nicht bedacht. Zum Glück hatte sie mit Madam Pince eine Vereinbarung getroffen, und so konnte sie wenigstens ein paar Stunden in der Bibliothek aushelfen.

„Ich denke, es reicht, wenn ich die anderen morgen früh begrüße. Es sind eh nur noch vier Stunden bis um acht Uhr."

Ron stellte ihren leeren Teller in die Spüle und seufzte. „Drei vier Stunden Schlaf wären wirklich nicht schlecht. Dann lass uns mal nachschauen, ob wir für dich noch einen Platz zum Schlafen finden. Die Badewanne ist jedenfalls noch frei..."