51. Ein Herz zerbricht

Als die Tür zuschlug, war es Hermine als würde sie aus einem schlechten Traum erweckt.

Das konnte nur ein Albtraum gewesen sein.

Sie blieb noch einen Moment vor der Tür stehen, hatte ihre Hand ähnlich zaghaft auf das Holz gelegt, wie sie zuvor Severus hatte berühren wollen.

Er hatte sich genauso angefühlt, wie die massive Tür vor ihr. Kalt und hart.

Ihre Finger streichelten das dunkle Holz, das Gefühl in ihren Fingern ließ ihr zur Gänze bewußt werden, dass sie nicht geträumt hatte.

Severus war ein leicht zu erzürnender Mann und sie hatte in den Wochen ihres Zusammenlebens gelernt, dass es Phasen gab, in denen man ihm besser aus der Weg ging und ihn in Ruhe brüten ließ.

Trotzdem merkte sie später, als sie ziellos durch die Gänge lief, wie sehr er sie verletzt hatte. Sie suchte nach einer Ursache, die seinen Ausbruch zwar nicht entschuldigt aber vielleicht erklärt hätte, aber ihr fiel nichts ein. Sie wusste nicht mal wohin sie gehen sollte. Ihr Kopf nannte ihn einen Bastard, aber ihr Herz wollte nicht hören. In ihrem Herzen war er Severus, Sev, IHR Sev. Und ihr Herz glaubte ihm kein Wort von den Gemeinheiten die er ausgespien hatte. In ihren Gedanken spürte sie noch seine Lippen auf seine Haut, seine Zärtlichkeiten, den Blick seiner sanften Augen mit Schlünden so tief bis in seine Seele. Nein sie glaubte ihm nicht, dass er sie nicht mehr wollte.

Irgendwann kam sie wieder in ihrem Zimmer an.

Erschöpft fiel sie in einen traumlosen Schlaf. Erst am späten Nachmittag erwachte sie, nahm ein langes Bad und ging dann zum Essen in die wohlgefüllte Halle.

Snape war nicht da. Eigentlich hatte sie ihn auch nicht erwartet. Sie schüttelte die plappernde Ginny ab, nachdem sie eine Kleinigkeit gegessen hatte und verkroch sich wieder in ihrem Zimmer. Für sie wurde immer klarer, dass sie nochmals einen Versuch starten musste mit ihm zu sprechen, wenn sie sich auch nur zu gut daran erinnerte, dass ihre Gespräche, so sie denn nicht über Zaubertränke gewesen waren, in der Regel in einem Desaster geendet hatten.

Mit klopfendem Herzen und einem bangen Ziehen in der Brust machte sie sich auf in den Kerker und klopfte wenig später an seine Wohnzimmertür, doch er öffnete nicht. Bestürzt stellte sie fest, dass er die Tür mit einem Verschlusszauber vor ihr gesichert hatte. Wenigstens hatte sie das Büro noch ungehindert betreten können.

Resigniert machte sie einen kleinen Spaziergang zum See und wieder zurück.

Hier hatte sie Severus damals getroffen, in der Nacht als sie sich geliebt hatten. Wie sehr vermisste sie ihn, wie sehr wünschte sie sich seinen großen Schatten irgendwo auszumachen.

doch er war nicht da. Wie ausgelöscht aus ihrem Leben.

Sehr darauf bedacht keinem ihrer Klassenkameraden zu begegnen, schlich sie wieder auf ihr Zimmer. Schlafen konnte sie nicht. Stattdessen las sie etwas, ging wieder zum Fenster, sah hinaus, grübelte, las wieder eine Seite. So ging es die ganze Nacht lang.

Als der Morgen des nächsten Tages graute, da faste sie einen Entschluss.

Was Hermine Granger sich vornahm, das setzte sie für gewöhnlich um und Severus Snape gehört jetzt in ihr Leben und basta! Und mit dem festen Vorsatz sich nicht abwimmeln zu lassen oder wieder in Tränen auszubrechen machte sie sich erneut auf den Weg in den Kerker.

Energisch ging sie die Stufen zu seiner Wohnzimmertür hinauf und klopfte. Nichts geschah. Sie klopfte eine weiteres Mal, lauter, länger, energischer.

Da ging die Tür einen Spalt auf, der Spalt wurde größer und Hermine blickte in ein Paar Augen.

Grüne Augen! Die Augen von Gina Nicemeadows.

Gina Nicemeadows öffnete die Tür ganz als sie Hermine erkannte.

Sie trug ein Seidennachthemd und darüber nachlässig geschlossen einen Bademantel. Severus Bademantel!

Der Duft ihres Parfüms mischte sich mit dem vertrauten Geruch des Wohnzimmers und schlug Hermine entgegen wie eine Ohrfeige.

„Guten Morgen Hermine!"

Hermine starrte sie nur an, unfähig ihren Gruß zu erwidern.

„Gina, weißt Du wo...!"

Severus kam aus dem Schlafzimmer, er trug nur seine Hose, sein Oberkörper war nackt, die Haare noch nass von der Dusche. Er erstarrte in der Bewegung. Sein angefangener Satz erstarb auf seinen Lippen als er Hermines Gegenwart wahrnahm.

Ginas Blick ging zwischen Hermine und Severus hin und her und her und hin. Eine steile Zornesfalte bildete sich auf ihrer Stirn.

„SEVERUS, HAST DU ES IHR NICHT GESAGT? WEISS SIE ES ETWA IMMER NOCH NICHT?"

Hermines verspürte eine Übelkeit von ungekannter Intensität, der Boden, die Wände und die Decke schienen sich zu drehen und doch brachte sie es gerade noch fertig mit bebender Stimme zu antworten: „Doch, jetzt weiß ich es!"

Sie drehte sich um und floh, floh die Treppen hinunter und durch das Büro hinaus auf den Kerkergang und von da aus hinauf in die Eingangshalle und hinaus, nur hinaus aus dem Schloss. Sie lief bis ihre Lunge pfiff und ihr Atem nur noch ein Rasseln war. Dann erst kamen die Tränen.

Wenn sie schon vorher gemeint hätte, sie hätte Traurigkeit empfunden, so wurde sie jetzt eines Besseren belehrt. Hermine lernte heute, wie es sich anfühlt wenn ein Herz zerbricht.

Und ihr Herz brach! Es zerriss langsam Stück für Stück mit jeder grausamen Erinnerung an Ginas und Severus Anblick.

Gina Nicemeadows hatte Hermine sprachlos hinterhergesehen. Doch sie fing sich schnell und schnauzte Snape an. „Du bist ein Schwein!"

Severus schluckte, antwortete nicht.

„Du hättest es ihr sagen müssen, schon damals im Restaurant!"

Snape ließ sich auf einen Stuhl fallen. Müde stützte er seinen Kopf mit seinen Händen.

„Sie hätte dann nicht bei dir studieren wollen."

„Ach," keifte Gina zurück. „Und Du meinst jetzt will sie es? Du bist so ein Arsch! Geh der Kleinen hinterher, sonst tut sie sich wohlmöglich noch was an!"

Snape schüttelte müde den Kopf.

„Das kann ich nicht, sie hat mich betrogen!"

Gina wirbelte herum, aus ihren Augen sprühten Funken und sie hieb mit der flachen Hand vor ihm auf die Tischplatte.

„Und wie nennst Du das hier? Ist dieses Theater hier etwa kein Betrug oder fällt das unter Kavaliersdelikt eines Slytherin? Man spielt nicht mit den Gefühlen anderer, Severus!"

„Das sagt die Richtige!"

Gina drehte sich verstockt um und machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Ach mach doch was Du willst, aber unterstehe dich mir noch mal nachts eine Eule zu schicken!" und sie verschwand mit wehenden Haaren im Schlafzimmer um sich anzukleiden.

tbc