48. Kapitel

Grauenvolles Wiedersehen

Schon einen Tag nach dem Treffen im Fuchsbau hatte Kelloggs mit dem Schnabel gegen Hermines Fenster geklopft, um ihr die kurze Mitteilung zu bringen, dass sie sich zur Trainingsstunde bei Severus einfinden sollte.

Jede Hoffnung, dass er ihr wenigstens noch einmal sagen würde, wie sehr er seinen Schritt bedauere, wurde schon dadurch zunichte gemacht, dass er nach ihrem Eintreten wortlos auf das Gemälde wies.

Er schickte sie in eine Welt aus Grauen und Schmerz, von der er wohl glaubte, dass sie sie noch härter treffen würde, als seine Abweisung.

Tatsache war, dass Hermine abgestumpfter wurde, gegen die Schrecken, die sie dort umfingen - doch vielleicht war genau das sein Ziel gewesen.

Offenbar hatte Severus inzwischen sehr genau analysiert, welche Emotionen und Gedanken Hermine beinahe dazu gebracht hatte, seinen Anweisungen für das Treffen des Ordens nicht nachzukommen; denn was sie erwartete, waren geifernde Gesichter, die sie dafür verhöhnten, dass sie keine Stärke hätte, keine Ausdauer, keine Geduld, und erst recht nicht in der Lage sei, sich zu beherrschen.

Doch Hermine beherrschte sich. Sie nahm mit Gleichmut hin, dass man sie auslachte, wobei die Kiefer der malträtierten Wesen beinahe auseinanderfielen.

Sie ignorierte einen Mann, der ein Stück menschliches Fleisch kaute, während er ihr zwischendurch erklärte, dass sie wohl nicht einen Funken Selbstdisziplin hätte.

Hermine schloss lediglich die Augen, als eine Frau ihr blutigen Speichel ins Gesicht spie.

Es war Severus, der ihr all das antat. An dem Abend des Ordenstreffens hatte er sie nicht bestraft, doch heute wählte er nicht nur eine Trainingsmethode, die sie in die furchtbare Welt des Gemäldes schickte, sondern er hatte sie in den 'Übergang zur Hölle' geschickt, weil er sie zwar unterrichten, aber dabei so weit wie möglich von ihr entfernt sein wollte.

Es kam ihr so vor, als würde er sie gar nicht mehr zurückholen, und langsam fragte sie sich, ob sie etwas falsch machte. Wollte er nicht, dass sie gelassen auf die Anfeindungen reagierte? Sollte sie sich wehren?

Doch als er sie nach scheinbar endlos langer Zeit wieder aus dem Grauen befreite, nickte er zufrieden und sagte ihr, sie könne nun gehen.

Hermine fühlte sich furchtbar nach der endlosen Tortur.

Wie oft noch würde er sie dorthin schicken?

Wie oft noch würde sie den metallischen Geruch des Blutes inhalieren müssen, während von überall schmerzerfüllte Schreie an ihr Ohr drangen?

Sie wollte ihn bitten, seine Trainingsmethode wieder zu ändern. Doch das hätte bedeutet, dass sie ihn bitten würde, sie wieder aktiv selbst zu quälen, denn nichts anderes war dieses Training - gezielte Qual, bis sie endlich erlernt hatte, sie stoisch hinzunehmen. Vielleicht sogar, bis sie gelernt hatte, sie zu genießen? Wurde sie in seinen Augen langsam wie diese junge Todesserin, die die Qual hinzunehmen und zu genießen hatte?

Hatte Hermine ihm je etwas anderes gezeigt, als dass sie bereit war, jede Willkür von ihm erdulden?

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie spürte, dass sie ohnehin nicht zu ihm vordringen würde, denn seine Geste war unmissverständlich - sie hatte zu gehen.

Nachdem sie die Kerkertür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich gegen die kalte Steinwand. Sie stand lange so dort, während sie immer wieder über ihre Wange rieb, weil es sich anfühlte, als würde der blutige Speichel immer wieder neu daran herunterlaufen. Es war kein Speichel, aber sie rieb die Flüssigkeit dennoch angewidert fort.

'Keine Tränen', maßregelte sie sich selbst.

Als die Tür neben ihr geöffnet wurde, blieb ihr beinahe das Herz stehen.

Severus sah sie überrascht an, und für einen Moment lag Sorge auf seinem Gesicht, die sofort einem genervten Ausdruck Platz machte.

"Du bietest mir hier einen guten Ansatz, um dein Training noch zu verschärfen", sagte er bedeutsam.

Hermine schüttelte fassungslos den Kopf.

"Was meinst du damit?"

"Dass ich es wohl nutzen sollte, dass du durch unsere Trennung so leidest. Ich könnte Szenarien heraufbeschwören, die dich diesen Schmerz tausendfach hintereinander erleben lassen."

"Das würdest du nicht tun", gab Hermine matt zurück und versuchte im Halbdunkel seinen Gesichtsausdruck zu ergründen.

"Ich bin ein Sadist, hast du das schon vergessen? Du hast die Wahl. Wenn du mir nicht glaubst, dann kehre zurück in meine Räume...kehre zurück in das Gemälde und überzeuge dich selbst davon, dass ich dir nichts als Schmerz bringen kann. Doch wenn du genug hast, dann geh und erfreue dich daran, dass du mich für heute los bist."

Hermine sah ihn einen Moment fassungslos an, ehe sie mit leiser Stimme antwortete: "Wenn ich dich in dieses Gemälde schicken würde...wenn es dir den größten Schmerz bringen würde, den du dir vorstellen kannst, was wäre das, Severus?"

Er antwortete nicht, sondern schnaubte ungeduldig.

"Ein guter Lehrmeister sollte auch immer in der Lage sein, sich selbst den Aufgaben zu stellen, meinst du nicht auch?", forderte sie ihn heraus.

"Du willst sehen, was das Bild für mich an Qual bereithält?", fragte er düster.

"Ja", erwiderte Hermine knapp.

"Dann sieh es dir an", sagte er und betrat, von Hermine gefolgt, wieder seine Räumlichkeiten.

Obwohl Hermine wusste, dass sie diesmal nicht in die Schrecken des Bildes würde eintauchen müssen, war ihr vor Aufregung beinahe körperlich schlecht.

Severus konzentrierte sich auf das Bild und zum ersten mal sah Hermine, was geschah, wenn jemand dort eintauchte. Ganz langsam schien er von dem Gemälde aufgesogen zu werden, bis sein Körper tatsächlich ebenfalls wie ein gemalter Severus im Rahmen auftauchte.

Die Szene veränderte sich zusehends.

Die Personen, die sich gegenseitig quälten und ins Fleisch bissen, wichen ein Stück zur Seite, um einer neuen Person Platz zu machen. Und obwohl Hermine wusste, dass sie nicht wirklich in dem Bild war, weil sie es nicht fühlte, so sah sie doch, wie ihr Abbild dort auftauchte.

In dem Gemälde sah sie Severus in die Augen, der langsam seine Arme nach ihr ausstreckte.

Sie ging ihm entgegen und lächelte ihn an.

Als sie bei ihm war, umschlang er sie mit seinen Armen, worauf ihr Körper heftig zu beben begann. Zuerst glaubte Hermine, dass ihr Abbild weinen würde, doch das Beben wurde immer heftiger und nun sah sie, dass die abgebildete Hermine schrie. Severus löste entsetzt seine Arme von ihr, doch es war zu spät. Dort, wo er sie umfasst gehalten hatte, begann ihre Kleidung sich aufzulösen, als sei sie von Säure benetzt worden. Ihre Haut verdampfte regelrecht, worauf das rohe Fleisch zu sehen war. Entsetzt sah Severus auf seine Hände. Immer wieder sah er zwischen seinen Handflächen und der schreienden Hermine hin und her. Vor seinen Augen fraß sich die Spur seiner Hände immer tiefer in den Körper der Frau, die er liebte. Es gab nichts, was er hätte tun können - er hatte schon viel zu viel getan - er hatte sie berührt, sie gehalten und ihr offenbart, was er für sie empfand - er hatte sie damit zum Tode verurteilt - diese Botschaft war unmissverständlich. Ebenso unmissverständlich wie Hermines Mund, der sich immer wieder zu der stummen Frage öffnete: "Warum? Warum? Warum?", während sie langsam zu Staub zerfiel.

Als Severus das Bild verlassen hatte, hingen ihm die Haare wild ins Gesicht, und sie hätte ihn am liebsten umarmt, doch eine schreckliche Erkenntnis machte sich in Hermines Kopf breit. Die Erkenntnis, dass sie damit die Nähe herstellen würde, die er inzwischen so fürchtete. Jede Berührung von ihr würde ihn daran erinnern, dass seine Nähe ihren Tod bedeutete.

Und so wartete sie ab, bis er sich ihr entschlossen zuwandte und mit bitterer Stimme sagte: "Ich werde immer wieder dorthin zurückkehren, solange, bis du aus meinem Kopf vertrieben bist - und wenn es auch bedeutet, dass ich bis zu meinem Lebensende diese Qual immer wieder aufs neue durchlebe. Wie ich dir bereits sagte, dient mir das Bild als Mahnmal. Es zeigt nicht die Zukunft, sondern nur das, was man in ihm erschaffen will. Aber wir wissen beide, dass es die Zukunft ist, die wir dort sahen. Und ich werde dafür sorgen, dass sie nur in diesem Bild stattfindet, aber niemals Realität wird. Wenn dich also unsere Trennung schmerzt, dann denk zurück an das, was du gesehen hast, dann wird es dir leichter fallen. Und nun geh, Hermine. Du hast morgen einen anstrengenden Tag vor dir. Ich erwarte deinen Bericht, sobald du vom Treffen bei Berenger zurückgekehrt bist."

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Die Nacht war beinahe schlaflos gewesen.

Immer wieder sah Hermine vor sich, wie sie zu schreien begann, kaum, dass Snape ihr die Arme um den Körper geschlungen hatte. Doch beinahe schlimmer noch, als ihren Körper verfallen zu sehen, war der Ausdruck in seinen Augen. Diese Hilflosigkeit, die sie nie zuvor bei ihm gesehen hatte, verfolgte sie jetzt, so dass an Schlaf nicht zu denken war. Sie sah die Schuld, die er empfand, und die er nie wieder tilgen könnte.

Mit offenen Augen lag Hermine in der Dunkelheit, und ihr wurde klar, dass Severus den einzigen Weg gegangen war, der ihm noch blieb, indem er sich von ihr getrennt hatte.

Er hatte ihr einmal gesagt, dass es Wege gab, die man nie wieder beschreiten konnte, wenn man einmal die falsche Abzweigung genommen hatte.

Und nun verlangte er von ihr, dass sie ohne ihn den ihren weiterging. Die einzige Ausnahme bildeten die Wege, die sie für den Orden beschreiten würde.

Genau solch ein Weg lag heute vor ihr. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und niemand fragte nach ihrem seelischen Befinden. Und so schob sie alle Gedanken an Severus von sich, als sie am Abend schließlich aufbrach.

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Berengers Haus schien sie regelrecht zu erwarten.

Die Tür war geöffnet, als diene das Erscheinen der Leute einem fröhlichen Grillfest, bei dem man entscheiden konnte, ob man sich drinnen, oder draußen aufhalten wolle.

Hermine wusste jedoch, dass sie etwas ganz anderes erwartete, als Koteletts und ein nettes Geplänkel bei einem Glas Bier.

Der Pater erschien in der Tür, offensichtlich hielt er Ausschau, ob noch jemand auf dem Weg zu ihm war, bevor er die Tür schloss.

Hermine sah ihm an, dass er beinahe erleichtert war, sie zu sehen.

"Clarissa, es ist schön, dich willkommen heißen zu dürfen. Wie geht es dir?", fragte er und machte eine einladende Geste.

Hermine trat ein, während sie einen Dank murmelte und versicherte, dass es ihr gut ginge. 'Gut, bis auf die Tatsache, dass mein Rücken gerade erst verheilt ist, nur, um demnächst wieder blutig geschlagen zu werden, wenn dir danach der Sinn steht. Gut, bis auf die Tatsache, dass der Mann, den ich liebe, mich gegen seinen Willen töten wird. Gut, bis auf die Tatsache, dass du ein perverses Schwein bist, das sich selbst für Gottes treuen Diener hält.'

"Wirklich gut", wiederholte sie lächelnd.

"Das ist erfreulich", erwiderte er versonnen, und legte ihr eine Hand flach auf den Rücken, um daran beinahe zärtlich entlang zu streichen.

"Es wird ungewohnt für dich gewesen sein, die Spuren der Reinigung das erste mal in deinem Alltag zu spüren. Eigentlich war das Ritual für heute nicht vorgesehen, aber es ist etwas Unglaubliches geschehen, so dass wir unbedingt unsere Verbundenheit mehr denn je zelebrieren sollten."

Hermine hörte seine Worte, während er sie durch den engen Flur geleitete und auf das Wohnzimmer wies. Da er jedoch stehenblieb, tat sie es ihm gleich, und sah ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln an. Sie durfte also schon heute wieder zur Geißel greifen - welch eine Freude!

Berengers Stimme wurde leiser, und zusätzlich beugte er sich hinunter zu ihrem Ohr, was ihren Magen rebellieren ließ. Sie reckte sich ihm jedoch ein Stück entgegen, als er mit jubilierender Stimme ihren vermeindlichen Namen sprach: Clarissa, manchmal geschehen wirklich Wunder!"

Berenger schob sie nun regelrecht in den Raum, in dem bereits die Anhänger vom letzten mal versammelt standen.

Die Stimme des Paters erhob sich, so dass jeder seine Worte verstehen konnte: "Ich werde heute ein Opfer bringen, das mir große Freude bereitet. Ich werde meine neue Partnerin demjenigen zuführen, der mich bislang so treu begleitet hat."

Hermine blickte in die Menge und versuchte die Worte Berengers zu begreifen, doch alles ging viel zu schnell, denn kaum, dass ihr der Gedanke durch den Kopf schoss, dass das Gesehene unmöglich den Tatsachen entsprechen konnte, sagte der Pater auch schon bedeutsam: "Macht euch frei von Sünde. Spart nicht mit Schmerz. Feiert mit Blut diesen Tag, auf dass wir uns für dieses Wunder bedanken - denn der verlorene Sohn ist zurückgekehrt."

Der Mann, auf den Berenger nun deutete, blickte Hermine genau in die Augen, und seine Hände liebkosten die Geißel in seinen Händen spielerisch. Er maß sie mit einem verschwörerischen Lächeln, was Hermines Atem stocken ließ, denn laut sagte er: "Wir kennen uns wohl noch nicht", er schickte ihr ein leises Lächeln, bevor er fortfuhr, "doch ich bin mir sicher, dass wir uns schon sehr bald ganz genau kennen werden. Mein Name ist Peter Deeping."

tbc

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