52. Marie-Claire

Beim Frühstück herrschte große Aufregung über den Punkteabzug, konnte doch der Verursacher nicht entlarvt werden. Keiner am Tisch machte einen schuldbewussten Eindruck und darüber waren alle noch mehr erbost. Der Tag zog sich endlos dahin, aber nach dem Abendessen wusste Harry zumindest wer für den Punkteverlust verantwortlich war. Da kam nämlich Severus Snape an ihrem Tisch vorbei und sprach Claire an: „Ich hoffe du hast dein Nachsitzen bei mir nicht vergessen? Ich erwarte dich in einer Stunde in meinem Büro." Und damit rauschte er wieder davon.

Ihre unmittelbaren Sitznachbarn hatten das natürlich mitbekommen. „Was ist denn jetzt wieder los? Weshalb musst du bei Severus nachsitzen?" fragte Jules seine Cousine. „Hat das vielleicht irgend einen Bezug auf diesen tollen Punkteabzug?"

„Tja, schon möglich. Macht euch deshalb doch nicht gleich ins Hemd. Wenn ich Punkte für Gryffindor gemacht habe, hat auch keiner was dagegen gehabt. Was soll's? Zu deiner Beruhigung: ich hab für zwei Wochen jeden Abend: und damit mein ich wirklich jeden, auch Samstag und Sonntag Nachsitzen ausgefasst. Ich denk damit bin ich genug bestraft." Claire setzte einen Schmollmund auf und wollte vom Tisch aufstehen. Aber Ron, der neben ihr saß, zog sie wieder auf ihren Stuhl zurück.

„Nun mal schön der Reihe nach meine Liebe. Also wobei hat Snape dich erwischt?"

Claire sah Ron skeptisch von der Seite her an und antwortete dann, schon etwas kleinlauter. „Er hat mich bei Marcel im Zelt überrascht. Jetzt schaut nicht so erstaunt. Wir haben uns in letzter Zeit ein paar Mal getroffen. Und ich hab nicht Acht gegeben und plötzlich stand Severus vor uns."

Jims Grinsen füllte sein ganzes Gesicht: „Und – wie - hat er euch vorgefunden?" fragte er schließlich süffisant.

„Was glaubst du denn? Wir sind einfach beim Tisch gesessen und haben getratscht. Dabei hab ich wohl die Zeit übersehen."

„Getratscht? Bei Tisch? Mädel erzähl mir nichts. Du hast doch deine Möglichkeiten rechtzeitig festzustellen, wenn jemand im Anmarsch ist. Wenn nicht, musst do wohl ziemlich abgelenkt gewesen sein."

„Was du schon wieder denkst! Schäm dich. Nein, als Severus reinkam saßen wir wirklich einfach beisammen und unterhielten uns. Bloß hat Severus gemeint, dass ich um zwei Uhr nachts in meinem Schlafsaal sein sollte. Was hat der überhaupt um die Zeit noch draußen verloren? Wieso war er nicht in seinen Räumen? Er hat auch Marcel scharf zurechtgewiesen, der hat mich auch verteidigt, dass wir eben einfach die Zeit übersehen hätten. Aber Severus hat uns beiden nicht zuhören wollen, und mir den Punkteabzug und Nachsitzen aufgebrummt. Aber jetzt muss ich wirklich gehen. Ich muss meine Tasche holen und mitnehmen hat er mir gesagt. Und zu spät sollte ich besser auch nicht kommen." Und diesmal hielt sie keiner zurück.

Jules grinste seinen Bruder an und fragte: „Also was hältst du von der Sache? Glaubst du ihr ein Wort davon?"

„Oh klar doch: sie war in Marcels Zelt und Snape hat sie dort bei Tisch gemeinsam vorgefunden. Wenn es anders gewesen wäre, wäre sie wohl eher von der Schule geflogen. Aber du hast natürlich recht: wenn sie Severus nicht rechtzeitig bemerkt hat, muss sie schon schwer beschäftigt gewesen sein." Und dabei zwinkerte Jim seinem Bruder verschwörerisch zu.

„Wie meint ihr jetzt das schon wieder?" fragte Ron nach, „Haben die beiden also nicht nur getratscht?"

„Ach Ron, du kennst Madam noch nicht so gut. Aber sie ist im Normalfall wirklich sehr, sehr vorsichtig, und wenn sie sich schon verbotenerweise in dem Zelt eines jungen Mannes aufhält, ganz besonders. Ich denke mir, sie hat Snape einfach zu spät kommen spüren, so dass sie nicht mehr rechtzeitig verschwinden konnte. Da war es ihr wohl nur noch möglich wenigstens in einer unverfänglichen Situation entdeckt zu werden. Aber was soll's? Ich bin froh, dass es ihr zur Zeit besser geht. Und dass sie die Sache mit Marcel allem Anschein nach geregelt hat. Aber wenn Snape ihr jetzt auch während der Osterferien Nachsitzen verpasst hat, ist er wohl doch nicht so ganz von der Unschuld der Lady überzeugt."

Harry hatte gar nicht so genau zugehört. Er machte sich aber so seine Gedanken über den Punkteabzug. Schließlich hatten sich Luna und er ausgemacht, dass sie sich abends mal im Raum der Wünsche treffen wollten. Luna hatte es satt, ständig nur diese unbequemen leeren Klassenzimmer für ihre Treffen zu benutzen. Sie wollte mal ein kuscheliges Zimmer mit einem weichen Teppich vor dem Kamin zur Verfügung haben.

Harry hatte ja auch gar nichts dagegen, aber er war sich einfach unsicher, ob das jetzt bedeutete, dass Luna mit ihm schlafen wollte, oder ob es ihr ausreichte weiterhin nur zu knutschen. Er hatte sich das Thema bisher nicht so recht ansprechen getraut, aber es spukte ihm in den letzten Wochen ständig im Kopf herum. Wollte er es denn?

Ja, darauf wusste er die Antwort: auch wenn er sich sehr unsicher war, so überwiegte eben seine Neugier, diesen Schritt zu wagen. Aber was wollte Luna? Und was wäre, wenn sie erwischt würden?

Harry hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache, aber wenn er Luna jetzt für den Abend abgesagt hätte, wäre sie wohl sicher enttäuscht gewesen. Außerdem wollte er sie ja treffen. Sie hatten zuletzt viel zu wenig Zeit füreinander gehabt.

Also blieb er bei seinem Vorhaben und holte sich schon bald seinen Tarnumhang aus dem Koffer. Und schlich sich möglichst unbemerkt aus dem Gryffindor Gemeinschaftsraum. Den Weg zum Raum der Wünsche kannte er ja schon gut. Unvergessen waren die DA-Stunden im vergangenen Jahr, wo er Luna ja erst kennen gelernt hatte. Auch wenn er damals nur Augen für die hübsche Cho gehabt hatte.

Als er in den Korridor kam, bemerkte er, dass die Tür schon einen kleinen Spalt offen stand. Er gab sich einen Ruck und trat ein. Luna war schon da. Und das Zimmer schien dem zu entsprechen, was sie sich gewünscht hatte. Es war nicht übermäßig groß, aber es gab einen offenen Kamin, in dem ein gemütlich wärmendes Feuer brannte, mit einem langhaarigen Teppich davor. Und ein bequemes Sofa.

Luna lag auf dem Teppich und lächelte ihm entgegen. Aber sie schien auch etwas verlegen zu sein, was gar nicht so recht zu ihr passte. „Hi Harry. Na, wie findest du unser Zimmer?"

„Respekt! Das sieht viel gemütlicher aus, als unsere sonstigen Treffpunkte." Er ließ sich zu ihr auf den Teppich nieder und küsste sie. Dann begangen sie drauflos zu reden, von den schulischen Belangen der letzten Tage und über allerlei Klatsch und Tratsch. Und immer wieder küssten sie sich innig, bis sie irgendwann aufs Tratschen vergaßen und nur noch eng aneinander gekuschelt schmusten.

Beide verließen den Raum der Wünsche erst als der Morgen schon anbrach. Es war wirklich geschehen. Ohne viel zu überlegen war es die logische Konsequenz des Abends gewesen. Und Harry fühlte sich so frei und glücklich wie schon lange nicht. Da war kein Zaudern und Fragen gewesen – ihre Körper hatten im Einklang mit ihren Wünschen gehandelt.

Als Harry sich schließlich am Korridor von Luna mit einem langen Kuss verabschiedete glühten ihre Wangen und ihre Augen hatten ein Strahlen inne, das sie so hübsch wie nie zuvor machte. Auf dem Weg zurück zu seinem Gemeinschaftsraum übersah Harry Mrs. Norris, der er noch ganz in Gedanken versunken auf den Schwanz trat, woraufhin sie laut vor Schmerz miaute. Glücklicherweise hatte er den Tarnumhang um, sonst hätte ihn Filch, der alsbald angerannt kam sicher bemerkt.

Aber so kam Harry ungesehen zurück in den Gryffindorturm, stieg die Stufen zu seinem Schlafsaal hoch, wo die anderen Jungs noch friedlich schlummerten, schließlich war heute der erste Tag der Osterferien, warf sich aufs Bett und zog die Vorhänge fest zu. Er wollte jetzt nicht gestört werden und diesen Abend in seinen Gedanken und Träumen noch einmal Revue passieren lassen.

Erst kurz vor dem Mittagessen wurde Harry unsanft von Ron aus dem Schlaf gerissen. „Mensch Harry, willst du heute den ganzen Tag verschlafen? Was hast du denn in der Nacht getrieben, dass du so k.o. bist? Raus aus den Federn, ich muss dir was erzählen."

Mühsam rappelte sich Harry hoch, und hoffte Ron würde nicht genauer nach seiner letzten Nacht nachfragen. Ron war zwar sein bester Freund, aber im Moment war das alles noch so neu für Harry, dass er die Tatsache, mit Luna geschlafen zu haben lieber erst mal für sich behielt.

„Was'n los?" murmelte er verschlafen, als er sich auf den Bettrand aufsetzte.

„Claire ist heute Nacht verschwunden, und Jim und Jules meinen, sie sei wohl zu Fleur gegangen. Sonst können sie sich keinen Grund vorstellen, dass sie nicht da ist, denn so kurz nach ihrem letzten „Vergehen" würde sie sich nicht schon wieder in Schwierigkeiten bringen wollen. Oh Harry, ich bin ja so aufgeregt. Vielleicht bin ich jetzt schon Onkel. Auch Ginny ist ganz aus dem Häuschen und hat Ma eine Eule geschickt. Aber bis jetzt haben wir natürlich noch keine Antwort erhalten. Also zieh dich endlich an und komm runter zum Essen."

Harry hatte zuerst nicht verstanden, was Claire bei Fleur sollte, dann aber fiel ihm ein, dass sie ja Fleurs Hebamme war. Also würde heute vielleicht ein neuer kleiner Weasley geboren werden? Schon süß. Er stellte sich Bill als Vater vor, kam mit dem Gedanken aber nicht recht weit.

Und im gleichen Moment fiel ihm ein, dass es letzte Nacht Luna gewesen war, die ihm zugeraunt hatte: „Keine Angst Harry, ich hab einen Verhütungstrank der besten Trankmeisterin vor Ort genommen. Ich hoffe du bist nicht böse mit mir, weil ich so voreilig war?" Wie hätte er ihr böse sein können? Er war sogar sehr froh darüber, dass sie so weit gedacht hatte. Er sollte wohl mal mit Jules über Verhütungsmittel für Jungs sprechen. Harry war sich sicher, dass Jules sich dabei auskannte. Noch immer grinsend schlüpfte Harry in sein Gewand und folgte Ron in die große Halle.

Am Gryffindortisch herrschte bei denen, die Fleur beim Trimagischen Turnier kennen gelernt hatten eine ziemliche Aufregung. Das war aber auch mal ein Thema, fernab von den ganzen schlechten Nachrichten, die sie in den letzten Monaten immer wieder aus dem Tagespropheten erfahren hatten, das Anlass zur Freude war.

Hermine, Ginny, Parvatti und noch ein paar andere Gryffindormädchen waren in eine Diskussion vertieft, welchen Namen das Baby wohl bekommen würde. Ginny hoffte, dass Fleur nicht einen allzu abenteuerlichen Namen auswählen würde, war sich aber zugleich sicher, dass sie diesen vielleicht gar nicht aussprechen würde können. Hermine beruhigte sie, dass Bill da ja auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte und Parvatti brachte die tollsten Namenskreationen zutage. Ron, der mit halbem Ohr hinhörte murmelte an Harry gewandt: „Philipp-Antoine-Mercedes Weasley – also wirklich, so doofe Einfälle wird Fleur hoffentlich nicht haben. Da fällt Mutter ja gleich in Ohnmacht."

Aber gerade als sie sich vom Mittagstisch erheben wollten, landete die Schuleule, die Ginny zu ihrer Mutter geschickt hatte bei ihr. Alle blickten gebannt auf sie, als Ginny ihr den Brief abnahm und langsam entrollte. Und als ein Leuchten über Ginnys Gesicht huschte, stürzte Ron ungeduldig auf sie: „Was steht drin? Los jetzt! Sag schon! Hat sie das Baby schon?"

Und Ginny lächelte, warf noch einen Blick auf das Foto, das dem Brief beigefügt war, gab es Ron und las vor:

Meine lieben Geschwister!

Ich freue mich euch mitteilen zu können, dass meine Fleur vor kurzem eine gesunde hübsche Tochter zur Welt gebracht hat. Anbei gibt es das erste Foto unserer neuen kleinen Familie. Ich bin so unendlich stolz und glücklich.

Meinen beiden Frauen geht es gut – Fleur hat sich tapfer geschlagen und Marie-Claire hat die Welt bereits kräftig schreiend begrüßt. Ma hat meinen Vorschlag euch in den Ferien nach Hause zu holen abgelehnt, da sie meinte Fleur brauche erst mal Ruhe. Aber wenn es unsere Zeit erlaubt und Fleur wieder bei Kräften ist, werden wir euch in Hogwarts einen kurzen Besuch abstatten.

Ich sende euch liebe Grüße

euer Bruder Bill (frischgebackener, stolzer Papa)"

Harry warf einen Blick auf das Foto. Es zeigte Fleur in einem bequemen Sessel sitzend, ein kleines Bündel in ihrem Arm und Bill, als stolzen Vater neben sich.

„Wer zum Merlin ist denn Marie-Claire?" fragte Ron noch etwas verwirrt.

„He Brüderchen: aufwachen! Hast du nicht kapiert? Marie-Claire ist unsere kleine Nichte." Ginny lächelte entzückt, „Also mit dem Namen werde ich mich schon anfreunden können. Herzlich willkommen in unserer Familie kleine Marie-Claire Weasley."