FÜNFTER TEIL - Die Mauern von Hogwarts

1. In der großen Halle

Selbst seine Hände schienen zu kribbeln. Seine Hände, die vielleicht nicht nur Mörderhände waren. Hör nicht auf, hörte er sie flehen.

Severus vergrub sein Gesicht in der Sessellehne und versuchte zu verdrängen, dass in weniger als zwei Stunden wieder Horden von Schülern durch die Gänge Hogwarts hetzen würden. Und sie wäre darunter. Wie sehr er sich wünschte ihrem Blick nicht mehr zu begegnen. Dieser unerträgliche Blick. Diese Augen. Immer wieder flackerte ihr Gesicht vor ihm auf, in süßer Verzückung verzogen. Er spürte die warme Feuchte zwischen ihren Beinen, das feine Haar ihrer Scham, durch das seine Finger gewandert waren. Den Griff ihrer Hand, die sich in seine Haut gegraben hatte. Er spürte noch immer das Zittern und Aufbäumen ihres Körpers, das seinen zarten Anfang in seiner Berührung genommnen hatte.

Das Herz schlug ihm hart und schmerzhaft, als er daran dachte.

Ein warmes Gefühl der Zufriedenheit durchdrang das nagende Gefühl, das falsche getan zu haben. Aber selbst dieses Gefühl der Reue konnte ihm nicht die Genugtuung nehmen, dass seine Hände nicht nur den Tod brachten. Dass ER nicht nur den Tod und Missgunst brachte.

Severus zog seinen Umhang fester um sich, als könne er sich darunter verstecken.

Es war kalt in seinen Räumlichkeiten, aber er hatte keine Lust gehabt Feuer zu machen. Granger war nicht da. Es hatte keinen Sinn.

Eben war er von seinem Rundgang durch die leergefegten Gänge Hogwarts wiedergekehrt. Albus hatte heute seine Dienste nicht in Anspruch genommen. Er hatte Severus dazu überreden wollen, mit ihm zu essen, aber er hatte gewusst, dass er keinen Bissen hinunterbekommen hätte. Während sein Körper von einer süßen Erregung heimgesucht wurde, fühlte sich sein Magen wie betäubt an.

Nichts bereuen.

Wieso war es so schwer, nichts zu bereuen?

Hör nicht auf.

Albus würde merken, dass etwas nicht stimmte. Der allwissende Albus Dumbledore konnte durch Menschen wie durch Glas sehen. Und das völlig ohne Okklumentik.

Er durfte nicht schon wieder daran denken. Die Aufgaben am Morgen hatten seine Gedanken davon abgehalten, immerzu auf Reise zu gehen. Er hatte Albus seinen Stärkungstrank gebracht und mit Filch geredet. Der alte Hausmeister würde von einem Auror unterstützt, sämtliche Koffer untersuchen. Professor Slughorn hatte ihm zu seinem Lehrplan in Zaubertränke des letzten Jahrs Fragen gestellt und ihn in eine nervige Unterhaltung über Mittel gegen den morgendlichen Kater verwickelt. Kaum zu glauben, dass dieser verfressene versoffene Wicht ihn in die Welt der Zaubertränke eingeführt hatte. Er dachte kaum an etwas anderes als an seinen Slug-Club und seine kandierten Ananas.

Und bald schon müsste wieder Wolfsbanntrank gebraut werden. Die Reste des letzten waren schon zu alt, um sich noch auf seine Wirkung verlassen zu können. Im Grunde war Severus froh, dass er genug Aufgaben hatte, die ihn von seiner Sinnesverwirrung ablenken würden.

Aber da war noch immer der Okklumentikunterricht, den er zu ende bringen müsste. Da war immer noch die Tatsache, dass er nicht leugnen konnte, die Berührung mit Granger nicht verdrängen zu können. Die Tatsache, dass er sie mochte. Mehr als ihm lieb war.

Hör nicht auf. Er hatte nicht aufgehört. So fühlte es sich an. Wie sehr ihr Stöhnen ihm noch immer in den Ohren lag. Wie sehr es ihn erregte. Selbst in diesem Moment, machte sich Erregung schmerzhaft in seinen Lenden bemerkbar. Jetzt da keine Aufgabe ihn davon abhielt, seine Gedanken schweifen zu lassen.

,,Was hast du getan!" flüsterte er, die Worte fast ausspeiend. Es war kein Traum gewesen.

Er musste sich eine Beschäftigung suchen. Es gab so vieles zu erledigen. Den Trank für Remus brauen. Den Unterricht vorbereiten. Vielleicht könnte er auch zwei Stunden schlafen, bevor er in die große Halle ging.

Vielleicht könnte er sich von dem Drang ablenken, Hand an sich zu legen.

Severus seufzte leise, kaum hörbar. Er mochte solche Geräusche aus seinem Mund nicht.

Ihr Stöhnen. Ihr verklärter Blick. Ihr Erlösungsschrei. Noch immer klang er in seinen Ohren nach.

Seine Hände kribbelten. Ergeben wanderten sie zum Hosenbund und öffneten ihn. Seine Bewegungen wurden plötzlich hastig. Er musste es hinter sich bringen. Schnell. Er stöhnte leise als er mit der Hand an seine Erektion langte und sie mit seinen Finger umschloss. Das Gefühl seiner eigenen Hand, es war nur all zu vertraut. Und nicht zu vergleichen mit dem, was er mit Granger erlebt hatte. Seine Hand - sie war kalt und klamm. Hastig begann er sie zu bewegen. Er presste seine Lippen aufeinander, um die Geräusche, die sich seiner Kehle entrangen, zu ersticken. Wie sehr er diese Geräusche aus seinem Mund hasste. Wie sehr er es hasste, dies zu tun. Er wollte sich in Granger versenken. Und sie seufzen lassen. Er wollte ihre Lippen und ihre Zunge schmecken und ihre Brüste fühlen. Er spürte, wie Wellen des süßen Schmerzes seine Lenden durchflossen. Allein der Gedanke an die Nacht mit ihr, ließ ihn aufseufzen. Seine hastigen Bewegungen brachten den Stoff seines Umhangs zum rascheln. Er fegte ihn beiseite. Der Schmerz in seinen Lenden, nahm schon nach kurzer Zeit überhand, so als hätte er nur darauf gewartet heraus zu brechen. Hör nicht auf.

Nur eine Weile später verließ der Laut der Erlösung, einem leisen langezogenen Wimmern gleich, seine Kehle. Sein Körper verspannte sich und bäumte sich leicht auf, bevor er zurücksank. Die Bewegungen seiner Hand erstarben, während die süße von Erinnerungen durchwirkte Erregung nachklang.

Ihr haselnussbrauner dankbarer Blick lag auf ihm. Er konnte ihr nicht mehr geben.

Er konnte ihr nichts geben.

Sein Leben war gefährlich. Er selbst war unerträglich.

Die Mauern Hogwarts- es schien als ermahnten sie ihn.

Severus holte tief Luft. Das klebrige Gefühl auf seiner Hand holte ihn in die Kühle des Kerkers zurück. Zurück in die Realität.

,,Verdammt, warum -." spie er aus und für einen kurzen Moment nahm Severus Gesicht den Ausdruck eines Weinenden an, bevor er es in der Sessellehne vergrub. Was hast du getan?

Mit einer angeekelten Geste ließ er von seiner aufgerupften Hose ab. Eine Weile vernahm die Dämmerung des Büros nur seinen hastigen Atem. Die Geräusche seiner Erregung wurden schließlich leiser und verschwanden. Severus hob sein Gesicht. Einzelne schwarze Haarsträhnen klebten ihm an der Wange.

Mit einer fahrigen, wütenden Bewegung strich er sie beiseite und erhob sich, um im Bad zu verschwinden.

Als er in den Korridor trat, der aus dem Kerker führte, sah er ein paar letzte Slytherins, die ihre Koffer hinter sich her schweben ließen. Sie waren spät dran, was sie wahrscheinlich den ausgiebigen Kontrollen zu verdanken hatten. Severus merkte, wie erleichtert er war, dass die Wahrscheinlichkeit Gryffindors zu begegnen sehr viel geringer war.

,,Beeilung!" schnarrte er den Nachzüglern entgegen.

,,Ja, Sir." sagte einer von ihnen und schon waren sie davon gehuscht. Severus spürte, dass ihn mit jedem Schritt, mit dem er sich der großen Halle näherte, mehr und mehr das Grausen überkam.

Ja, dies hier war die Realität. Es hatte nichts gemein mit dem süßen Dahindämmern in dem Cottage. Dies hier war die Welt, der er zu entkommen versucht hatte.

Granger. Verdammt. Er wollte sie nicht sehen.

Aber er musste in die große Halle gehen. Er durfte sich wegen dieser Angelegenheit nicht von seinem

Tagesablauf abringen lassen. Nicht, dass er es genoss jeden Tag dort zu sitzen, angestarrt zu werden und zu wissen, dass sie über ihn tuschelten, aber er durfte ihr gegenüber nicht die kleinste Schwäche zeigen.

Wieder einmal war Severus froh, die Fähigkeit zu besitzen, jegliche Emotion aus seinem Gesicht verbannen zu können. Sie würde ihm dabei helfen ihr zu zeigen, dass sein Brief auch nach der letzten Nacht noch Gültigkeit besaß. Sie würde ihn anstarren- ihn anstarren.

Als er durch die kleine Tür in die große Halle trat, war es als klebten alle Blicke an ihm. Albus saß schon auf seinem Stuhl und nickte ihm zu. Mit langsamen, betretenen Schritten näherte er sich seinem Platz neben McGonnagal und ließ sich auf seinen Stuhl sinken.

Diese belegte ihn mit einem fragenden Blick. ,,Alles in Ordnung, Severus? Du siehst krank aus."

,,Alles - in - Ordnung." erwiderte der Slytherinhauslehrer in einem gedehnten Tonfall, den die alte Lehrerin nur all zu gut kannte. Severus war niemals gesprächig gewesen und diese Tonlage zeugte davon, dass er in diesem Moment noch viel weniger zu einem netten Plausch aufgelegt war. Er sah schon wieder so aus, als hasste er die ganze Welt.

,,Gut." erwiderte Minerva mit einem leichten Schulterzucken und richtete ihren Blick wieder auf die Tischreihen vor ihr, die fast vollständig besetzt waren.

,,Die Kontrollen waren wirklich zeitraubend. Guck sie dir an. Noch immer nicht alle da." begann sie erneut zu sprechen.

,,Das haben Kontrollen so an sich." erwiderte Severus. Seine rechte Hand lag klamm neben seinem Teller. ,,Soweit ich mich erinnere, konnten dir die Sicherheitsmaßnahmen nicht sicher genug sein!"

Die eisige Antwort ließ Minvera fast unhörbar Luftholen und aufseufzen. Mit einem beleidigten Lidschlag ließ sie von Severus ab, der in seiner eigenen Welt gefangen schien. Vermutlich war es die Arbeit für den Orden, die ihn wieder völlig vereinnahmt hatte. Sie würde nicht nachbohren. Er war schon immer ein verschrobener Kerl gewesen und sie hatte ihn als Kollegen akzeptiert, weil sie um seine äußerst wichtige Arbeit für Albus und den Orden wusste. Aber von Zeit zu Zeit war er schon unheimlich. Und dass er als Lehrer arbeitete, missfiel ihr schon lange. Sein Gesicht war inzwischen älter und noch missmutiger geworden. Jedesmal wenn er einen ansah, sprang einem die Verbitterung förmlich entgegen. Seine Hitzköpfigkeit spürten die Schüler jedoch noch wie schon vierzehn Jahre zuvor. Daran hatte sich nichts geändert. Was war nur mit seiner Hand? Warum starrte er darauf, als hinge sein Leben davon ab?

Minvera zog es vor, eine ihrer wenigen Versuche mit ihm eine Unterhaltung zu führen, erst ein mal den letzten Versuch gewesen sein zu lassen.

Auch während Albus ein paar Begrüßungsworte sprach und das Essen beginnen ließ, hob der dunkelgewandete Mann seinen Blick nicht. Eingehüllt von Slughorns Quasseln, Albus Unterhaltung mit Trewalney und das Tellergeklapper um ihn herum, aß er ein paar issen, legte jedoch schon nach kurzer Zeit die Gabel weg.

Selbst Flitwick, der ihn an Körpergröße weit unterbot, hatte einen gesegneten Appetit. Sein leises, gefräßiges Schmatzen drang zu ihm vor.

Severus vernahm plötzlich ein Räuspern. Als er den Blick hob, sah er, dass Minerva ihn aufordernd ansah und in die Richtung des Schulleiters nickte. Er folgte ihrer Geste. Albus hatte seinen Weinpokal leicht angehoben und sah ihm mit klarem, himmelblauem und Lachfältchen umwirktem Blick entgegen.

Severus musste schlucken. Er spürte, dass seine Mundwinkel in seinem starren Gesicht zuckten., während er Albus Gruß mit einem Nicken quittierte.

Albus nahm einen Schluck und stellte den Becher zurück, um sich wieder seinen Mahl und Trewalney zuzuwenden.

Severus Blick glitt mit einem Umweg über die Tischreihen zurück auf seinen Teller. Er sah sie. Ihr Gesicht halb verhangen hinter ihrem buschigen Haar, sich zu dem rothaarigen Weasley hinbeugend, um ihm etwas zuzutuscheln. Ihr Blick streifte nur kurz den seinen, bevor er davon huschte. Schon im nächsten Moment war sie hinter ihrem Haar verschwunden, ohne ihn auch nur noch eines Blickes zu würdigen. Ein bittersüßer Schmerz kroch durch seinen Bauch. Aber da war noch ein anderes Gefühl.

Als er nach dem Essen in den Kerker zurückkehrte, konnte er es endlich benennen. Es war Stolz.