Disclaimer: Inzwischen wissen ja alle, dass die Charaktere Jo Rowling gehören und die Story Jagged Epiphany. Noch Fragen?

Ü/N: Willkommen zurück zum vorletzten Kapitel von „Old Faces, New Tricks". Das Ende naht, Leute, und ich fühle mich, als müsste ich nach dem Abitur meine ganze Schulzeit noch einmal hinter mir lassen. Schrecklich bittersüß.

Ich habe mehr als einem von euch in den Antworten zu den Kommentaren versprochen, dass es keine weitere Trennung geben wird. Wird es auch nicht. Das heißt aber nicht, dass es deswegen kein emotionales Chaos mehr geben wird. Der Titel des Kapitels sagt alles (und nichts). Lacht, weint, fühlt mit den Charakteren.

Und jetzt das große Datum, das Datum, an dem alles zu Ende geht.

Letztes Update: 02.10.07 („Lebewohl")


Kapitel 48

Katie warf sich auf die Schokolade aus dem Honigtopf, als Angelina sich dem Bett näherte. „Hau ab, 'Lina, diese Schokolade ist nur für Singles."

„Aber Alicia isst ihre doch noch nicht mal."

„Ich will sie nicht."

„Iss die verdammte Schokolade, Leesh", befahl Katie und wedelte mit einem Stück unter ihrer Nase herum.

Alicias Magen zog sich bei dem normalerweise appetitlichen Geruch zusammen. „Kann nicht."

„Super, dann kann ich sie ja haben", sagte Angelina und griff nach der Schokolade.

Katie quietschte und schob ihre Hand weg. „Nein, du hast einen Freund, mit dem du Knutschen kannst, also brauchst du keine Schokolade."

„Sie wird verderben, wenn ich sie nicht esse."

„Dann esse ich Alicias eben auch."

„Ich denke, dass dein Hintern es lieber sehen würde, wenn du mit der Schokolade aufhörst."

„Behauptest du etwa, dass ich einen fetten Hintern habe?", wollte Katie wissen.

Angelina zuckte mit den Schultern. „Wenn du dir den Schuh anziehen willst... oder anziehen kannst, in diesem Fall."

„Also habe ich auch noch fette Knöchel, ja?"

Während Angelina und Katie kicherten und sich mit Schokolade bewarfen, kroch Alicia davon und versteckte sich im Bad. Sie wusste, dass ihre Freundinnen sie nur aufmuntern wollten, aber sie würde lieber alleine sein. Sie konnte nicht klar denken, wenn sie alle fünf Minuten gefragt wurde, ob sie okay war.

Alicia starrte in den Spiegel. Sie sah absolut grauenhaft aus. Ihre Haut war wachsweiß und ihre Augen waren vom Weinen und Schlafmangel blutunterlaufen. Alicia war so ein emotionales Wrack, dass sie fast nichts essen konnte, und das zeigte sich langsam.

Es war drei Tage her.

Zweiundsiebzig Stunden.

Viertausenddreihundertundzwanzig Minuten.

Eine unendliche Zahl von Tränen.

Wie auch immer man die Zeit abzählen wollte, es war die Hölle für Alicia gewesen. Trotz ihrer herzbrechenden Trennung mit George, war das Leben um sie herum normal weiter gegangen. Es gab immer noch Quidditch, UTZe und Briefe vom Propheten, mit denen sie sich rumschlagen musste. Und darüber hinaus musste sie George jeden Tag sehen, was das Schlimmste von allem war.

Nein. Das Schlimmste war, dass es ihm egal schien, dass sie langsam zerbrach. Er sah, dass sie nicht aß und trotzdem sagte er nichts. Gestern hatte Fred ihr nach dem Frühstück einen Muffin gegeben. Fred! Sogar ihr Erzfeind versuchte, sie aufzupäppeln. George hatte sie kaum angesehen.

Angelina und Katie machten das jedoch wieder wett. Alicia hatte ihnen nichts von dem Grund für ihre Trennung erzählt, weil sie erst über diese erste Tragödie hinwegkommen musste. Wenn sie den Mädchen jetzt erzählte, dass sie gehen würde, würde es so viele Tränen geben, dass der Gryffindorturm überflutet würde. Obwohl sie nichts Genaueres über die Trennung wussten, hielten sie zu Alicia.

Am Tag nach dem Vorfall blieben sie die ganze Zeit in ihrer Nähe, umarmten sie spontan und sagten jedes Mal „Ist schon gut, Süße", wenn ihre Unterlippe zu zittern begann. Am zweiten Tag wurden sie wütend. Das führte zu einer unschönen Auseinandersetzung vor dem Zauberkunstklassenraum, an der alle außer Alicia teilhatten.

Begonnen hatte es als Möglichkeit für die Mädchen, George zu rüffeln, aber es wurde bald ein hitziger Kampf zwischen Lee und Katie. Lee war besonders leicht reizbar gewesen, seit er eine Woche Strafarbeit bei Umbridge bekommen hatte und Katie hatte ihn absichtlich provoziert, indem sie erwähnte, dass Terry Boot sie um ein Date in Hogsmeade am Valentinstag gebeten hatte.

Am dritten Tag, heute, ging es ihnen nur darum, Alicia aufzumuntern. Katie hatte sich dazu entschlossen, einen Club für alleinstehende Gryffindor-Jägerinnen zu gründen und machte sich selbst zur Präsidentin. Sie verlieh Alicia nach einem einstimmigen Wahlergebnis großzügig den Titel der Vizepräsidentin. Ihr erstes Treffen beinhaltete Schokolade zu essen, doch selbst dazu konnte Alicia sich nicht überwinden.

Sie versuchten so sehr, sie aufzumuntern.

Es klopfte an der Tür. „Leesh? Alles klar bei dir?"

Alicia weinte zu sehr, um antworten zu können. Sie versuchte, sich schnell die Augen zu trocknen, bevor Angelina reinkam, doch sie war zu langsam. „Es ist nur-", begann Alicia verzweifelt.

„Katie! Sie weint schon wieder! Alarmstufe Rot!"

Eine Sekunde später kam Katie mit Taschentüchern, Schokolade und Alicias altem Teddybären ins Bad geschlittert. Alicia weinte noch mehr. Sie wusste nicht, was sie ohne sie tun sollte.

Im Jungenzimmer war die Stimmung ebenfalls gedämpft. George lag auf seinem Bett und rief sich zum hundertsten Mal seine letzten Momente als Alicias Freund ins Gedächtnis. Er hatte es aus jedem möglichen Gesichtspunkt betrachtet und versucht, sein Verhalten ihr gegenüber kurz bevor er ging, zu rechtfertigen. Er hatte keinen Grund dafür gehabt, sie so grob fallen zu lassen. Es war pure Rache gewesen und darauf war er nicht stolz.

Lee machte sich fertig für seine letzte Strafarbeit bei Umbridge, doch er trödelte. Schließlich ging er und ließ die beiden Zwillinge allein. Fred saß auf seinem Bett und sah zu, wie sein Bruder sich hin und her wälzte. So sehr er es auch hasste, ihn so zu sehen, wusste er doch nicht, was er tun sollte. Als George ihm von der Trennung erzählt hatte, war er begeistert gewesen. Das hatte ganze zehn Minuten angehalten. So lange hatte er nur gebraucht, um zu merken, dass das keine normale Trennung gewesen war. Es war ja auch von vornherein keine normale Beziehung gewesen.

Fred merkte ziemlich schnell, dass die „einvernehmliche Trennung", wie George es nannte, sowohl seinem Bruder als auch Alicia ziemlich viel Schmerz zugefügt hatte. George wollte nicht darüber reden, also konnte Fred nur raten, was passiert war. Er hoffte sehr, dass er selbst nichts damit zu tun hatte. Hatte er womöglich die Saat des Zweifels in Georges Gedanken gesät? Er hätte seine Gefühle über Alicia besser für sich behalten. Besser noch, er hätte mehr versuchen sollen, besser mit ihr auszukommen.

Die ganze Sache war ein einziges Chaos und niemand wusste, wie man es wieder hinbog. Angelina und Katie hatten Fred und Lee runter in den Gemeinschaftsraum gezerrt, um über das Problem zu konferieren. Keine Lösung wurde vorgeschlagen, denn niemand wusste um die Umstände. Alles, was sie zusammenkriegten, war, dass es sowohl Alicia als auch George schwer getroffen hatte. Sie wussten nicht mal, wer sich von wem getrennt hatte.

„Hör auf, mich anzustarren", sagte George, Fred noch immer den Rücken zuwendend.

„Mach ich doch gar nicht."

„Ich muss dich nicht sehen, um zu wissen, was du machst. Du starrst mich an, also hör auf damit."

„Was ist zwischen dir und Alicia passiert?", fragte Fred und hoffte, dass George so genervt sein würde, dass er endlich was sagte.

„Oh, jetzt nennst du sie beim Vornamen? Tja, ich denke, jetzt musst du nicht mehr so feindselig sein, wo du doch hast, was du wolltest."

„Das hier wollte ich aber nicht!"

„Idiot", bellte George. „Was dachtest du denn, was passieren würde, wenn wir uns trennen würden? Hätte ich einfach leichthin mit den Schultern zucken und mir die Nächste angeln sollen?"

„Ich habe nicht gemerkt, dass es dir so ernst war", gab Fred reumütig zu.

George rollte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hättest es gemerkt, wenn du nicht so auf dich selbst konzentriert gewesen wärst. Alles, was dich interessiert hat, war, was die Beziehung zwischen Alicia und mir für dich bedeuten würde."

Die Wahrheit in diesem Satz traf Fred. „Sieh mal, ich weiß, dass ich das Falsche getan habe und es tut mir Leid, aber du kannst mich jetzt nicht wegschubsen. Ich bin so ziemlich alles, was du noch hast."

George setzte sich plötzlich auf und stand auf. „Ich brauche niemanden. Das schließt auch dich und Alicia ein."

„Ich versuche nur, dir zu helfen, du sturer Knallkopf", sagte Fred matt.

„Ich brauche keine Hilfe", sagte George barsch. Ohne eine weiteres Wort verließ er das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Fred seufzte. Die einzige Hoffnung war jetzt, dass die Anfrage für den Laden in der Winkelgasse bald bejaht wurde. Das würde George aufmuntern.

In dieser Nacht schlief niemand viel in ihren Siebtklässlerzimmer. Lee schlich rastlos herum, hielt den Grund aber geheim. George hatte die Vorhänge vor seinem Bett zugezogen und Fred versuchte, schnell ein paar Hausaufgaben zu erledigen. Die Mädchen konnten aus einem ganz anderen Grund nicht schlafen.

„Alicia! Zum letzten Mal, mach, dass es aufhört!"

„Ich versuche es ja!"

„Es ist, als ob man sich das Zimmer mit einem Bären teilt!", jammerte Katie.

Alicia presste die Hände auf ihren laut knurrenden Magen. „Ich schwöre, es hört in einer Minute auf."

„Geh und hol dir was aus der Küche. So spät ist es gar nicht."

„Ich habe keinen Hunger", sagte Alicia abwehrend. Ihr Magen knurrte protestierend.

„Es klingt, als wenn dein Magen gleich deine Innereien futtert", sagte Katie.

„Geh!", befahl Angelina und streckte streng den Arm durch die Vorhänge ihres Bettes.

Ein Schuh traf Alicias Bettpfosten und sie entschied, dass sie sich etwas zu essen holen würde, damit die Mädchen aufhörten, sie zu bewerfen. Natürlich nicht, weil sie am Verhungern war. „Okay, ich bin in ein paar Minuten zurück."

Alicia kletterte aus ihrem schönen, warmen Bett, zog ihren Umhang über ihren Schlafanzug und steckte sich ihr Vertrauensschülerzeichen an, damit sie einen Grund dafür hatte, nach der Bettruhe draußen zu sein. Ihren genervten Freundinnen dem Schlaf überlassend, zog sie sich ihre Schuhe an und verließ das Zimmer. Im Gemeinschaftsraum fand sie zwei knutschende Viertklässler, also schickte sie sie ins Bett und duckte sich dann leise durch das Porträtloch.

Gerade als das Porträt der Fetten Dame zuschwang, kam ein Siebtklässler die Treppe runter. Seine nackten Füße tapsten leise auf dem Boden, als er den Raum durchquerte. Er zögerte am Fuß der Mädchentreppe. Er wollte da nicht hoch, aber er hatte keine andere Wahl. Resigniert ging er langsam die Treppe hoch, wobei er die sechste Stufe übersprang, die das Geschlecht der Schüler identifizierte.

Als er das Zimmer der Siebtklässlerinnen erreichte, klopfte er brüsk an, dann verschränkte er die Arme, sodass seine Hände in seinen warmen Achselhöhlen steckten. Es kam keine Reaktion außer ein paar Flüchen, also trat er fest gegen die Tür. Das brachte ihm eine noch wütendere Reaktion von drinnen ein.

„Mach du auf!"

„Du bist näher dran!"

„Verpiss dich, wer auch immer da ist!"

Ein weiterer Tritt ließ jemanden „Hau ab!" schreien.

„Als dein Quidditchcaptain gebe ich dir einen direkten Befehl: Geh und mach dir Tür auf, Bell!"

Darauf folgte unverständliches Gemurmel und laute Schritte näherten sich der Tür. Sie wurde aufgerissen und dort stand eine mies gelaunte Katie Bell in einem rosa Flanell-Schlafanzug. Sie starrte den späten Besucher mit offenem Mund an. „Was willst du hier?"

„Wer ist da?", kam Angelinas Stimme aus dem dunklen Zimmer.

„Niemand Wichtiges", schnaubte Katie und versuchte, die Tür zuzumachen.

„Warte."

„Nimm den Fuß weg, Lee."

„Es ist Lee? Sag ihm einfach, dass er abhauen soll", riet Angelina.

Katie drückte gegen die Tür. „Du hast sie gehört."

„Ich suche Alicia", sagte Lee, mit seiner Schulter dagegen haltend.

Katie hörte abrupt auf zu schieben; leider hörte Lee nicht auf und so stolperte sie zurück und fiel beinahe hin. Im ersten Moment, in dem sie ihn gesehen hatte, hatte sie gedacht, dass er sie zurückhaben wollte, doch dann sah sie ihn richtig an und merkte, dass sein Gesicht zu einer finsteren Maske verzogen war und seine Arme abwehrend verschränkt. Er hatte nicht das Aussehen von jemandem, der entschuldigend oder reumütig war.

„Was willst du von Alicia?", fragte Angelina misstrauisch und stieg aus dem Bett.

„Das geht euch nichts an, weckt sie nur für mich auf", blaffte Lee so gar nicht wie er selbst.

„Kannst wohl nicht an dir halten, jetzt, wo sie Single ist?", fragte Katie boshaft.

„Alicia?", rief er in den Raum.

„Sie ist nicht hier", sagte Angelina und legte Katie schützend einen Arm um die Taille. „Warum suchst du sie?"

Lee sah sie finster an. „Weil ich mit ihr schlafen will. Ich habe nur darauf gewartet, sie in die Finger zu kriegen, seit sie sich von George getrennt hat."

„Unsensibles Arschloch", zischte Angelina. Katie riss sich von ihr los und rannte zu ihrem Bett. „Sieh nur, was du getan hast."

„Sie kann sich ja von Terry Boot trösten lassen. Wo ist Alicia?"

„Sie ist runter in die Küche gegangen, um sich etwas zu Essen zu holen, also geh einfach."

Lee trat gerade dann zurück, als sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug. Er hatte Katie nicht so aufregen wollen. In letzter Zeit waren zu viele Leute wütend aufeinander. Wenn sie nicht aufpassten, würde ihre einst fröhliche Gruppe nach dem Abschluss in einander bekriegende Fraktionen aufgeteilt. Lees Gefühl der Reue wurde schnell von Schmerz abgelöst. Eine Grimasse ziehend ging er zurück hinunter.

Im leeren Gemeinschaftsraum setzte er sich und starrte in das hypnotisch flackernde Feuer, während er auf Alicia wartete. Er hatte keine Ahnung, wie sein Leben plötzlich so kompliziert geworden war. An einem Tag wusste er noch, wohin sein Leben führte und dann verlor er plötzlich die Kontrolle. Jetzt war zu spät, um sie wiederzukriegen. Er war genauso hilflos wie eine vom Wind erfasste Plastiktüte.

Zehn Minuten später öffnete sich das Porträtloch mit einem kleinen Quietschen. Lee sprang auf die Beine, als Alicia eintrat, die Arme voll Junk-Food. Sie quietschte bei seinem plötzlichen Auftauchen überrascht und ließ ihre Auswahl an Kesselkuchen und Süßigkeiten fallen. Lee murmelte eine Entschuldigung und kniete sich schnell hin, um ihr beim Aufsammeln zu helfen.

„Was ist passiert?", keuchte Alicia, ließ ihre Kürbispasteten fallen und packte sein Handgelenk. „Warum blutest du, Lee?"

Lee, der seinen Fehler erkannt hatte, steckte seine verletzte Hand wieder in seine Achselhöhle. „Du musst versprechen, es niemandem zu sagen."

Alicia stöhnte, als ihr Mitleid rapide schwand. „Ich hätte wissen müssen, dass es um so was geht. Ich werde mich da dieses Mal nicht reinziehen lassen. Wenn ihr mit Scherzartikel rumspielt, dann musst ihr auch lernen, die Konsequenzen zu tragen. Gute Nacht."

„Nein!" Lees Augen blitzten im flackernden Licht auf. „Ich habe noch nicht mal was getan! Das ist nicht meine Schuld!"

„Sprich leiser, verdammt noch mal", sagte Alicia und bereute die Worte, sobald sie aus dem Mund waren. Sie war sonst nie so barsch zu Lee. Ihre Probleme mit George beeinflussten auch ihre Freundschaft mit anderen Jungs und das hätte nicht passieren sollen. Sie atmete tief und beruhigend ein. „Wessen Schuld ist es dann?"

„Du darfst es niemandem sagen."

„Warum vertraust du dich dann mir an? Warum nicht den Zwillingen oder Katie?"

„Du bist die Einzige, bei der ich darauf vertrauen kann, dass sie das Geheimnis für sich behält."

Alicia wurde langsam wirklich besorgt. „Was hast du getan, Lee?"

„Es war nicht meine Schuld!", wiederholte er laut.

Alicia war jetzt offiziell mehr als besorgt. „Okay, entspann dich erst mal. Komm, setzen wir uns aufs Sofa und du erzählst mir davon."

Sie setzten sich in der tiefen Stille des Gemeinschaftraums zusammen und Lee erzählte Alicia alles über seine Strafarbeiten bei Umbridge. Alicia wurde so außer sich vor Wut, dass ihr ganzer Körper zu zittern begann. Sie konnte keine angemessenen Worte finden, um auszudrücken, wie entsetzt sie war, also saß sie nur in ungläubigen Schweigen da. Sobald er fertig war, wickelte er das blutbeschmierte Taschentuch von seiner Hand und zeigte ihr den Schnitt.

Alicia nahm seine Hand vorsichtig in ihre eigenen und las die Worte Ich soll nicht anmaßend sein. „Oh, Lee", hauchte sie.

„Tja, wenn das nicht gemütlich ist", sagte eine scharfe Stimme hinter ihnen.

Beide erkannten die Stimme sofort und drehten sich zu Katie um, die den Tränen nahe hinter ihnen stand. „Nein!", schrie Alicia und sprang auf die Beine. Lee tat dasselbe und sagte, „Es ist nicht so, Katie, das verspreche ich."

„Macht, was ihr wollt", sagte Katie, ihre Stimme klein und verletzlich.

„Ich wollte ihm nur mit etwas helfen", sagte Alicia verzweifelt.

„Darauf würde ich wetten", fügte eine andere Stimme hinzu. Alicia bemerkte, dass Angelina im Dunkeln am Fuße der Mädchentreppe stand. „Wie konntest du das tun, nachdem wir dich nach der Sache mit George so unterstützt haben?"

Lee legte seine Hand sanft an seine Brust und trat auf Katie zu. „Ich habe das, was ich vorhin gesagt habe, nicht so gemeint. Ich hätte es nicht sagen sollen."

„Tja, das hast du aber", sagte sie kalt und wandte sich zum Gehen.

„Sieh dir seine Hand an!", sagte Alicia plötzlich. Scheiß auf das Versprechen. Es musste etwas getan werden, um ein wenig Ordnung wiederherzustellen.

„Die Hand, die du gerade so liebevoll gestreichelt hast?"

Alicia ignorierte Angelina und packte Lees Arm. „Sieh dir nur an, was sie ihm angetan hat. Sieh dir an, was das Monster Lee angetan hat."

Katies Augen flackerten kaum zu seiner ausgestreckten Hand. „Na und? Jemand musste doch endlich mal Rache nehmen. Sag mir ihren Namen und ich werde sie beglückwünschen gehen."

„Umbridge", antwortete Lee leise und zog seine Hand zurück.

Angelina war innerhalb einer Sekunde von der Treppe, als ihre Erzfeindin erwähnt wurde. „Umbridge? Sie hat dir was angetan?"

„Geht ins Licht und schaut euch an, was sie ihm die ganze letzte Woche angetan hat", sagte Alicia.

Weder Lee noch Katie bewegten sich freiwillig, also zerrte Angelina sie einfach näher ans Feuer. Die Mädchen sahen sich Umbridges Werk genau an. Lee erzählte widerstrebend, wie die Schnitte zustande gekommen waren. Angelina wurde sehr schnell sehr wütend und Katie weinte vor Mitgefühl.

„Das ist eine Woche lang so gegangen und du hast es niemandem gesagt. Nicht mal mir. Ich hasse es, dass du es mir nicht sagen konntest, als dir jemand weh getan hat", sagte Katie trübe.

Lee sah verlegen von ihr weg. „So viel ist in den letzten Tagen passiert und ich wollte niemanden mit meinem kleinen Problem belasten."

Klein?", echote Angelina ungläubig. „Diese Irre hat dich gefoltert! Ich werde jetzt Fred wecken gehen, damit wir das regeln können."

„Mach das nicht", sagte Lee. „Ich habe es den Zwillingen nicht gesagt, weil ich wusste, dass sie etwas tun würden, dass sie in noch mehr Schwierigkeiten bringen würden und sie stehen jetzt schon ganz oben auf der Schwarzen Liste. Stellt euch vor, was sie ihnen antun könnte."

„Ich gehe trotzdem hoch", sagte Angelina stur. „Sie müssen wissen, was los ist."

„Wenn Lee Nein sagt, dann tu es auch nicht", sagte Katie knapp und nahm seine unverletzte Hand in ihre.

„Die Zwillinge werden merken, dass etwas nicht stimmt", sagte Alicia ruhig und sah die verschränkten Finger ihrer Freunde an. Keiner von beiden schien es zu merken. Alicia ergriff fest Angelinas Oberarm. „Wir gehen hoch und reden mit ihnen. Sie werden nichts Blödes tun, solange wir sie ruhig halten."

„Könnt ihr das Fläschchen mit gelber Flüssigkeit mitbringen, das unter meinem Bett steht?", fragte Lee. Er zog seine Hand von Katie weg und setzte sich aufs Sofa.

Alicia nickte und zerrte Angelina mit sich. Sie verschwanden auf der Jungentreppe, leise miteinander flüsternd. Katie wischte die Tränen weg, die gerollt waren und setzte sich zu Lee aufs Sofa. „Ist die gelbe Flüssigkeit Murtlap-Essenz?"

„Ja."

„Gut. Das wird helfen. Wer hat dir die empfohlen?"

„Nur jemand, der gestern bemerkt hat, dass meine Hand blutet", antwortete Lee, der keinen Verdacht auf Harry lenken wollte. Es war ihm nicht schwergefallen, zu schlussfolgern, dass Harry dieselbe Strafe über sich hatte ergehen lassen müssen. Lee wollte sein Problem nicht öffentlich gemacht haben, also zweifelte er daran, dass Harry es wollte.

„Du hättest zu mir kommen sollen", wisperte Katie, ihre Stimme kaum hörbar über die knisternden Scheite im Feuer.

„Du warst mit anderen Dingen beschäftigt, wie Hausaufgaben, Alicia... Terry Boot."

„Als wenn ich lieber Zeit mit ihm verbringen würde, als dir zu helfen. Er bedeutet mir nichts."

„Und ich bedeute dir etwas?"

Katie legte seine verletzte Hand auf ihr Bein und tupfte mit seinem Taschentuch daran herum. „Ich denke, irgendwie bedeutest du mir zu viel. Mehr, als gut für mich ist."

Lee zuckte sowohl von den Schmerzen in seiner Hand als auch in seinem Herzen zusammen. „Ich war ein paar Mal so nahe dran, zu dir zu rennen."

„Weil du der Einzige bist, der weiß, was ich das letzte Jahr über getan habe?"

„Jah, ich wusste, dass du mir helfen könntest, ich wusste nur nicht, ob du es wollen würdest."

„Ich hätte es tun müssen", sagte Katie. „Es ist Teil der Sache, dass wir jedem helfen, der es braucht – sogar Ex-Freunden."

Lee sah hinunter auf das abgenutzte Sofapolster. „Also hättest du mir nur geholfen, weil du es gemusst hättest."

Katie wollte gerade antworten, doch dann hörte sie mehrere Paar wütender Fußschritte auf der Treppe. Sie würde es wahrscheinlich später bereuen, doch sie entschied schnell, dass Taten mehr sagten als Worte. Sie umfasste Lees Gesicht und küsste ihn nachdrücklich. Der Kuss war zu kurz und Lee war zu geschockt, um ihn erwidern zu können. Als Katie sich wieder zurückzog, wischte sie sich über die Lippen und tupfte dann weiter eifrig an Lees Schnitt herum.

Noch immer recht geschockt, leckte Lee sich langsam über die Lippen. „Hast du Schokolade gegessen, Katie?"

Er würde nie eine Antwort darauf bekommen. „Du Idiot!", sagte George, sobald er den Gemeinschaftsraum erreichte.

„Du hättest uns sagen sollen, was da abgeht!", fügte Fred hinzu.

„Hab euch doch gesagt, dass sie so reagieren würden", sagte Lee selbstzufrieden.

Fred versetzte ihm einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. „Wir konntest du das vor deinen besten Freunden geheim halten?"

Katie trat Fred vors Schienbein. „Schlag ihn nicht", sagte sie streng. „Es ist nicht Lees Schuld, dass er ignorante, egoistische Idioten als beste Freunde hat. Wie konnte Lee es euch nicht sagen? Nein, nein, wie konntet ihr nicht merken, dass in der letzten Woche etwas nicht mit ihm gestimmt hat?"

„Ihr habt es doch auch nicht gemerkt", sagte George verteidigend.

„Wir leben ja auch nicht im selben Zimmer wie er", sagte Alicia, die zuerst gar nicht merkte, mit wem sie sprach.

„Ich war leicht beschäftigt, wie du sehr wohl weißt."

„Also ist es meine Schuld, dass euch an Lee nichts liegt? Ich bin der Grund dafür, dass ihr nicht gemerkt habt, dass euer bester Kumpel eine persönliche Krise hatte?"

„Ehrlich gesagt, ja."

Für einen Moment sagte niemand etwas. Das war das erste Mal, dass George und Alicia seit der Trennung miteinander geredet hatten. Ihre Freunde beobachteten angespannt, wie es weitergehen würde. Alicia entspannte die Situation, indem sie sich von George abwandte und sich neben Lee setzte. „Tut es weh?", fragte sie mitfühlend.

„Eigentlich schon", antwortete Lee, biss sich auf die Unterlippe und bemühte sich, bemitleidenswert auszusehen.

Angelina kniete sich vor ihn und tätschelte ihm den Arm. „Es wird heilen und dann wirst du wieder genauso fröhlich sein wie sonst auch", sagte sie ermutigend.

Eine Weile lang bemitleideten die Mädchen Lee, der eine Menge gequälter Grimassen zog und effektiv mit seinen langen, dichten Wimpern flatterte. Die Zwillinge ließen ihm seinen Moment im Rampenlicht und flüsterten miteinander, sodass niemand sie hören konnte. Angelina entdeckte es als Erste, während Alicia und Katie Lee damit halfen, seine Hand in der Murtlap-Essenz zu baden.

„Hey, ihr Zwei, hört auf, Komplotte zu schmieden."

Fred blinzelte seine Freundin unschuldig an. „Wir? Wir würden doch nie Komplotte schmieden, nicht wahr, George?"

„Niemals. Das ist wirklich beleidigend, dass du so was von uns denkst, Angelina."

Sie schüttelte wenig überzeugt den Kopf. Sie war jedoch froh darüber, dass die Zwillinge sich wieder normal verhielten. Sie waren in den letzten Tagen sehr kurz angebunden zueinander gewesen und das hatte allen Sorgen gemacht. Wenn es etwas Gutes an Lees schrecklicher Erfahrung gab, dann, dass sie alle wieder zusammen brachte.

Lee wandte sich zu seinen streichlustigen Freunden um. „Ich will nicht, dass ihr beide was macht, das euch noch mehr Ärger einbringt. Es ist jetzt vorbei und wir können nichts mehr daran ändern, also denke ich, dass wir es einfach vergessen sollten."

Fred legte seine Hand auf Lees Schulter, drückte sie eine Sekunde lang. „Keine Chance, Kumpel. Hier gilt Einer für alle und alle für Einen."

George nickte und legte seine Hand auf Lees andere Schulter. „Das Quidditchverbot war ein Schlag unter die Gürtellinie, aber jetzt, wo sie unserem besten Freund was angetan hat, wird Umbridge sich wünschen, nie geboren worden zu sein."

Die sechs Freunde saßen für einen Moment so da. Katie und Alicia hielten Lees Hände, Angelina legte ihr Kinn auf sein Knie und die Zwillinge hatten die Hände auf seinen Schultern. Alle verbunden für diesen kurzen Moment, geeint für eine Sache trotz aller inneren Zwistigkeiten. Keiner von ihnen dachte in diesem Moment an seine eigenen Probleme, obwohl es nicht wenige waren. Alle dachten daran, wie sie sich an Umbridge für das rächen konnten, das sie ihnen angetan hatte.

Die Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste hatte unwissentlich den immensen Zorn der Gryffindor-Siebtklässler auf sich gezogen, als sie Lee zu einer Woche Strafarbeiten mit ihr verurteilte.

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Lee blieb noch für ein paar weitere Tage der Mittelpunkt ihrer Gruppe. Keiner ließ ihn lange alleine und sie alle bemühten sich sehr darum, dass er immer jemanden zum Reden hatte. Katie jedoch bemühte sich sehr darum, sicherzugehen, dass sie nicht mit ihm alleine war. Ihr war der Kuss, den sie ihm unberechtigt gegeben hatte, furchtbar peinlich. Lee hatte den Kuss nicht gewollt und sie war beschämt darüber, dass sie sich so würdelos an seinen Hals geworfen hatte. Um alles noch schlimmer zu machen, ließ Lee sie die Sache nicht vergessen.

„Warum hast du mich in der Nacht geküsst?"

„Dich geküsst?"

„Ja, du hast mir in der Nacht, als ihr das mit meiner Hand herausgefunden habt, einen Kuss gegeben."

„Nein, habe ich nicht", sagte Katie und beschleunigte ihre Schritte, um Lee loszuwerden.

Er klebte weiterhin an ihr. „Doch, hast du! Du hast deine Lippen auf meine gelegt! Das ist ein Kuss!"

„Ich kann mich nicht daran erinnern, mit meinen Lippen auch nur in deine Nähe gekommen zu sein. Bist du dir sicher, dass du keine von deinem Blutverlust verursachten Halluzinationen hattest?"

Lee hielt inne und Katie ging ohne ihn weiter. Hatte er es sich nur eingebildet? Zugegeben, er hatte sich ein wenig schummerig gefühlt. Aber als er daran zurückdachte, fiel ihm wieder ein, dass die Schummerigkeit von Katies Nähe gekommen war, nicht von seiner Verletzung. Er war fast umgekippt, als sie ihn ohne Vorwarnung geküsst hatte.

„Da war ein Kuss!"

Alicia und Angelina tauschten einen müden Blick, als Lee hinter Katie herrannte. „Die beiden sind wirklich hoffnungslos", kommentierte Alicia.

„Fast so schlimm wie du und George", stimmte Angelina zu.

„Hör auf. Du weißt, dass bei George und mir völlig andere Umstände eine Rolle spielen als bei Lee und Katie."

„Nein, eigentlich weiß ich das nicht. Ich kenne die Umstände nicht!", sagte Angelina und schaffte es nicht, die Verärgerung aus ihrer Stimme zu verbannen. Sie versuchte, verständnisvoll und mitfühlend zu sein, aber inzwischen wollte sie endlich wissen, wie die Trennung zustande gekommen war.

„Ich werde es dir und Katie irgendwann erzählen, okay? Ihr werdet es bald erfahren."

Angelina nickte widerwillig und die Mädchen gingen zurück zum Gryffindorturm, um vor dem Training noch ein paar Hausaufgaben zu machen. In der Mitte des Korridors, der zum Porträt der Fetten Dame führte, trafen sie auf die Zwillinge. Die beiden führten sich noch verrückter auf als normalerweise, was die Mädchen sofort misstrauisch machte.

„Was ist los?", fragte Angelina.

„Wir kriegen den Laden in der Winkelgasse!", verkündete Fred und wedelte mit einem Stück zerknüllten Pergaments.

Angelina quietschte und warf sich um seinen Hals. Sie küssten sich leidenschaftlich mitten auf dem Gang und sowohl Alicia als auch George sahen verlegen zu Boden. Angelina und Fred hielten einander so fest in den Armen, dass es schwer zu sagen war, wo der Eine anfing und der andere endete. Alicias Herz zuckte eifersüchtig. Sie wünschte sich so sehr, diesen Moment angemessen mit George feiern zu können.

„Glückwunsch", sagte sie, zögerlich zu ihm aufsehend.

„Danke", erwiderte er und mied geflissentlich ihren Blick.

„Ich freue mich wirklich für dich."

„Ich glaube dir."

„Warum willst du mich dann nicht ansehen?"

George sah ihr endlich in die Augen und Alicia wünschte sich plötzlich, er hätte es nicht getan. So viel Schmerz, Reue und andere unausgesprochene Gefühle gingen in diesem Moment zwischen ihnen hin und her. Alicia sah als Erste betreten weg. Sogar ihrer besten Freundin zuzusehen, wie sie Fred knutschte, war besser, als ins Georges wunderschöne, tieftraurige Augen zu starren.

„Ich denke, ich sollte mir den Laden wohl irgendwann mal ansehen", sagte Alicia und sah zu, wie eine Spinne ihr Netz über der Fensterbank wob.

„Eigentlich wäre es mir lieber, wenn wir uns gar nicht sehen würden."

Das einzige Geräusch, das zu hören war, war das Schmatzen, als Angelina und Fred sich voneinander lösten. Niemand sagte etwas. Blut pochte in Alicias Ohren und ließ sie schwindeln. „Ja", sagte sie zittrig, „so war es abgemacht, nicht wahr? Kein Kontakt. Keine Probleme."

„Du bist ein totaler Idiot", fauchte Angelina George an, der sich nicht entschuldigte.

„Wir, äh, sehen euch später." Fred packte seinen Bruder und zog ihn mit sich, falls Angelina sich dazu entschied, ihm einen Haken zu verpassen.

Angelina starrte den Rotschöpfen böse hinterher. „Das war so krass. Du hättest ihm Eine knallen sollen – oder mindestens fluchen."

„Er hat schon Recht", sagte Alicia leise.

„Er führt sich absolut lächerlich auf. Als wenn ihr euch nie wiedersehen würden. Es wird unmöglich sein, besonders wo ich... doch, äh..."

„Besonders wo du was?"

Angelina nahm ihre Freundin beim Ellbogen und steuerte sie zum Porträt der Fetten Dame. „Lass uns Katie suchen, damit wir eine nette Unterhaltung führen können."

Alicia hatte das Gefühl, dass die Unterhaltung nicht sehr nett sein würde. Sie hatte Recht. Na ja, immerhin fing sie nett an.

„Ich wollte es euch schon die ganze Zeit sagen, aber ich musste warten, bis es definitiv war", begann Angelina.

Alicia tauschte einen neugierigen Blick mit Katie. Sie sahen Angelina selten so aufgeregt und nervös. Sie ging im Zimmer auf und ab, rastlos an ihrem Pferdeschwanz zupfend.

„Geht es um Quidditch oder Fred?", fragte Katie, wissend lächelnd.

Angelina biss sich auf die Lippe und lachte leise. „Ist es so offensichtlich?"

„Wir kennen dich einfach zu gut. Also, was ist es?"

Angelina setzte sich neben sie, gemütlich aufs Bett hüpfend. „Es geht um Fred und Quidditch. Ich habe mich dazu entschieden, ein Jahr mit Fred zu verbringen, bevor ich Profi-Quidditch spiele."

„Kein Quidditch?", fragte Alicia zweifelnd. Das war so wahrscheinlich, wie dass Charlie seine Drachen aufgab oder Snape es aufgab, fies zu sein.

„Natürlich werde ich es nicht völlig aufgeben, ich werde mir ein lokales Team suchen. Ich will mich einfach für eine Weile auf Fred konzentrieren."

Katie stieß einen ungläubigen Hauch aus und schüttelte den Kopf. „Wer hätte das gedacht? Dir ist ein Typ wichtiger als Quidditch."

„Dir ist Fred Weasley wichtiger als Quidditch", sagte Alicia langsam und versuchte, das sacken zu lassen.

„Komisch, nicht wahr?", sagte Angelina und grinste breit. „Er war jahrelang der Fluch meines Lebens und jetzt kann ich nicht ohne ihn leben."

„Das ist wundervoll!", rief Katie und legte die Arme um Angelina.

„Hast du es auch wirklich durchdacht?"

Angelina verdrehte matt die Augen. „Ich wusste, dass du so reagieren würdest, Alicia. Ich verspreche dir, dass ich weiß, was ich mache. Ich muss das machen oder ich riskiere, Fred für immer zu verlieren, so einfach ist das."

Alicia versuchte ihr Bestes, zu lächeln und sich für ihre Freundin zu freuen. Es war nicht leicht. Diese Offenbarung hatte Alicia bis ins Mark erschüttert. Angelina, eine der ehrgeizigsten jungen Frauen in Hogwarts würde ihren Traum zurückstellen, um mit dem Menschen zusammen zu sein, den sie liebte. Alicia würde das verdammte Land verlassen!

„Im Moment findest du es vielleicht komisch, aber meine Entscheidung wird auch gut für dich sein, Leesh."

„Huh?" Alicia schüttelte sich aus ihrem von Schuld ausgelösten Schock.

„Ich werde mit Fred und George in ihrer Wohnung über dem Laden wohnen. Ich konnte es vorher noch nicht sagen, weil sie die Fläche noch nicht sicher hatten." Angelina stieß Alicia freundlich mit der Schulter an. „Ich hätte die Katze vorhin fast aus dem Sack gelassen, als George gesagt hat, dass er dich nach der Schule nicht mehr sehen will. Aber so wirst du ihm nicht aus dem Weg gehen können, wenn ich bei den Zwillingen wohne."

„Oh."

„Du siehst nicht allzu glücklich aus", bemerkte Katie.

Alicia lächelte durch den Schleier aufsteigender Tränen. „Ich bin glücklich. Ich bin so voller Freude, dass mein Körper es nicht mehr ausdrücken kann."

„Alles, was ich will, ist, dass du mir vertraust, dass ich weiß, was ich tue", sagte Angelina etwas angespannt.

„Ich vertraue dir", versicherte Alicia ihr schnell. „Ich weiß, dass du die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hast. Ehrlich, ich bin ziemlich stolz auf dich, dass du dich freiwillig mit den Zwillingen in so eine begrenzte Wohnung begibst."

Angelina umarmte ihre besten Freundinnen fest. „Stellt euch nur vor, wie viel Spaß wir da haben werden."

„Es wird nicht alles nur Spaß werden", sagte Katie, duckte sich unter Angelinas Armen hindurch und strich ihre Haare glatt. „Einige von uns werden nicht in Scherzartikelläden arbeiten, weißt du. Vielleicht sind einige von uns noch nicht mal durch mit der Schule."

„Gehst du etwa zur Aurorenakademie, Katiekins?", scherzte Alicia.

„Nein. Zur St.-Mungo-Akademie für Magisch-Medizinische Ausbildung", sagte Katie ernst.

„Oh mein Gott!"

„Das kann nicht dein Ernst sein!"

„Seit wann?"

„Warum hast du es niemandem gesagt?"

„Kommt man da nicht richtig schwer rein?"

„Hast du vom Lernen nicht die Nase voll?"

„Eine Frage nach der anderen, Ladys", sagte Katie ruhig. „Ich bin noch nicht mal bei der Akademie angenommen worden, also überschlagt euch nicht."

Ein wenig schwindelig von zwei Offenbarungen in genauso vielen Minuten, sagte Alicia, „Aber wann hast du entschieden, dass du das machen willst? Ich bin mir sicher, dass du es nie zuvor erwähnt hast."

„Ich habe zum ersten Mal darüber nachgedacht, als ich im fünften Jahr meine Berufsberatung bei McGonagall hatte, aber sie hat mir gesagt, dass ich nicht gut genug bin. Jetzt sagt sie, dass ich viel besser bin und dass ich die Chance hätte, auf die Akademie zu kommen. Ich will nur Krankenschwester werden und dazu braucht man ein Jahr."

„Wir hätten dir helfen können, bessere Noten zu kriegen, Katie, du hättest es uns sagen sollen."

„Na ja, Lee weiß davon, aber auch nur, weil ich meine Zauberkunstnote verbessern musste und... und er mein Freund war und so."

„Warte mal, ist die Akademie nicht in London?"

„Ja, sie ist nicht weit vom Krankenhaus entfernt. Es gibt Stundentenwohnungen, in denen ich wohnen kann, damit ich nicht jeden Tag von Bristol pendeln muss."

Angelina ergriff Katies Hände und zu sie auf die Beine. „Wir werden zusammen in London wohnen!"

Sie tanzten durch den Raum, während Alicia nur schweigend zusah. Sie wollte auch rumtanzen und vor Freude quietschen, aber sie konnte kaum atmen. Alle würden in London sein. Na ja, außer Lee. Sie wusste nicht, was er nach der Schule vorhatte, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass er weit weggehen würde. Also würde ihre Gruppe nicht allzu sehr aufgespaltet werden, was gut zu wissen war.

„Nachtclubs", sagte Angelina träumerisch, als die beiden an Alicias Bett vorbeisprangen.

„Tolle Restaurants."

„Berühmtheiten."

„Doppeldeckerbusse."

„Big Ben und der Piccadilly Circus."

„Das London Eye."

„Die Themse... obwohl sie stellenweise eklig und dreckig ist."

„Ich will nicht gehen!", schrie Alicia und brach in hysterische Tränen aus.

Ihre Freundinnen waren sofort an ihrer Seite. „Du willst nicht nach London? Ich dachte, dass du es magst."

Alicia war viel zu weit weg, um zusammenhängend zu antworten. Sie war dabei, sich vorzustellen, wie ihre Freunde ohne sie Spaß hatten. Sie konnte sich genau vorstellen, wie sie im London Eye fuhren. Lee würde natürlich schlecht werden. Fred und George hätten eine Menge Spaß dabei, die Wachen vor dem Buckingham-Palast zu ärgern. Und während sie das alles taten, würde Alicia Gott weiß wo sein, wo sie Gott weiß was tat.

„Machst du dir Sorgen darüber, mit George in London zu sein?", fragte Katie sanft, während sie Alicia die Haare aus dem Gesicht strich.

„Er besitzt nicht die ganze Stadt", sagte Angelina fest. „Er hat kein Recht zu bestimmen, wer in die Winkelgasse kommen darf und wer nicht."

„Er könnte dich nicht raushalten, wenn du für den Propheten arbeiten würdest. Hast du dich schon entschieden, für welche Zeitung du arbeiten willst?"

„So in etwa", antwortete Alicia zögerlich. Sie wollte die gute Laune ihrer Freundinnen nicht kaputt machen. Natürlich ignorierten die beiden den Wink.

„Was meinst du mit so in etwa?"

„Ich meine, dass ich schon einen Job habe." Alicia atmete tief durch und merkte, dass sie unnötig kompliziert war. Sie würden nur sauer werden, wenn sie weiterhin rätselhaftes Zeug redete. „Ich habe wirklich einen festen Job nach der Schule beim Tagespropheten."

Ein ohrenzerfetzendes Kreischen ging durch den Gryffindorturm. Hermine hörte ihn in ihrem Zimmer, als sie gerade beim Lernen war. Dennis Creevey ließ ein Fläschchen für den Zaubertrankunterricht fallen, als er an der Mädchentreppe vorbeiging. Sogar Alicia musste sich die Ohren zuhalten. Angelina und Katie warfen sich auf sie und die drei Mädchen landeten in einem Haufen auf dem Bett.

„Das ist perfekt!"

„London wird den Gryffindor-Jägerinnen gehören!"

„Ähm, nicht ganz", sagte Alicia zögerlich und schob Angelina von sich.

„Es ist schon in Ordnung, wenn du noch ein Weile bei deinen Eltern wohnen willst", sagte Katie, „weil wir trotzdem jeden Tag zusammen Mittag essen können. Es wird großartig."

Sie versuchten wieder, sie zu umarmen und Alicia wurde nervös. „Ihr versteht nicht. Es wird keine Mittagessen geben. Ich bin internationale Junior-Quidditch-Korrespondentin."

„Heilige Scheiße!", kreischte Angelina.

Alicia nickte feierlich. „Es ist wahr."

„Dann darfst du zu den Weltmeisterschaften!"

Angelina umklammerte Alicias Arm in einem schraubstockartigen Griff. „Ich gebe dir mein Erstgeborenes für Karten für das Endspiel."

„Ich denke, Fred könnte vielleicht dagegen sein, dass du seine Kinder weggibst", zog Katie sie auf.

„Habe ich etwa gesagt, dass es Freds Kind sein wird?"

„Hast du etwa noch einen Freund am kleinen Finger?"

„Nein, nur einen Freund, und das ist mehr, als du vorzuweisen hast, Bell."

„Halt die Klappe."

„Ich bin so nett, dass ich dir bei zwei Freunden sogar den Blindgänger geben würde."

Katie keuchte wütend auf und versuchte, Angelina zu schlagen. Diese lachte nur und langte selbst nach ihr. Alicia konnte sehen, dass daraus eine ausgiebige Kissenschlacht werden würde, wenn sie so weitermachten. Sie musste es ihnen jetzt begreiflich machen. Ihre Tränen runterschluckend quetschte sie sich zwischen ihnen durch und stand auf.

„Ihr versteht es nicht!", rief sie über das Kichern. Sie hörten auf, einander schlagen und kneifen zu wollen und sahen zu ihr auf. „Korrespondentin bedeutet nicht, dass ich nur für Weltmeisterschaften ins Ausland gehe. Ich bin eine Korrespondentin, die nur aus dem Ausland berichtet. Die euch nur ein- oder zweimal im Jahr sieht. Die kein Mittag in London essen kann."

„Ausland?", echote Angelina zittrig.

Alicia nickte, froh, es endlich losgeworden zu sein. Angelina starrte hoch an die Decke und Katie biss sich so fest auf die Lippe, dass Alicia Angst hatte, dass sie bluten würde. Die Stimmung hatte sich so dramatisch geändert, dass niemand wusste, was er tun sollte. Alicia setzte sich ruhig auf das gegenüberliegende Bett und wartete darauf, dass es zu ihnen durchdrang.

„Deshalb hast du dich von George getrennt", verstand Katie.

„Ja."

„Es muss ihm das Herz gebrochen haben."

„Mir hat es auch das Herz gebrochen", sagte Alicia leise. „Ich liebe ihn genauso wie er mich. Ich wollte es nicht tun."

„So habe ich das nicht gemeint", sagte Angelina schnell.

„Es muss ein schrecklicher Moment gewesen sein, als du es ihm endlich gesagt hast", sagte Katie und wies sie so subtil darauf hin, dass sie die ganze Geschichte hören wollte.

Nach ein wenig mehr Überzeugungsarbeit erzählte Alicia ihren Freundinnen endlich, was genau passiert war, als sie George gesagt hatte, dass sie ins Ausland gehen würde. Um sich die Peinlichkeit zu ersparen, ließ sie den Teil aus, wo er die von ihr vorgeschlagene Trennungsgeste abgelehnt hatte. Sie würde dieses Geheimnis mit ins Grab nehmen. Trotzdem liefen ihr am Ende der Geschichte wieder Tränen über die Wangen. Katie weinte mit ihr und Angelina blinzelte und schniefte alle paar Sekunden.

„Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ihr beiden nicht in der Nähe gewesen wärst, um mich wieder zusammenzusetzen. Ich werde euch so sehr vermissen..." Alicias Stimme versagte, als neue Tränen hinter ihren Augen aufstiegen.

An diesem Tag wurde im Schlafsaal der Gryffindor-Siebtklässlerinnen viel tröstende Nahrung zu sich genommen und viele Tränen wurden vergossen. Wenn sie nicht aßen und weinten, machten sie Pläne, um sich jedes Jahr zu sehen. Der Weihnachts-Schwur wurde wieder erwähnt und Alicia erzählte, dass George ihn brechen wollte. Die einstimmige Antwort darauf war ‚er ist ein Idiot.'

„Also sehen wir uns an unseren Geburtstagen, Ostern, Weihnachten und Sylvester", sagte Angelina und zählte die Punkte an ihren Fingern ab.

Katie erzwang ein Lächeln. „Das ist gar nicht so schlecht."

„Bist du dir sicher, dass wir nicht noch Thanksgiving, den Tag der Bastille und den Geburtstag der Queen dazunehmen können?"

„Leesh, wir sind weder Amerikaner, noch Franzosen, noch Muggel."

Die Mädchen seufzten gemeinsam. Die Stimmung im Raum hob sich kurz, als Alicia den Mädchen ihren Reiseplan zeigte. Es gab mehrere Rufe der Begeisterung, als sie erklärte, dass sie schon in den ersten sechs Monaten Sydney, Paris, Barcelona, Florenz, Tokio, Vancouver und Berlin bereisen würde.

„Ich komme mit dir", sagte Angelina fest. „Ich kann mich in einer Tasche oder so verstecken. Ich erlaube es dir nicht, dass du auf der ganzen Welt Abenteuer ohne mich erlebst."

„Ich kann nicht glauben, dass du in ein paar Monaten gehst", sagte Katie wässrig.

Alicia richtete sich auf, sich schon ein wenig besser angesichts ihrer Abfahrt fühlen. „Wir müssen einfach das Beste aus diesen letzten paar Monaten machen. Wir machen in Hogwarts alles, was wir schon immer mal tun wollten."

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Für die magische Gemeinschaft würde der achtzehnte April für immer als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem Professor Dumbledore mysteriöserweise aus Hogwarts verschwand. Für sechs enge Freunde würde der neunzehnte April jedoch außerdem als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem ihre Gruppe auseinander fiel, um nie wieder dieselbe zu werden. Von ihrem ersten Tag an waren Angelina, Alicia, Katie, Fred, George und Lee untrennbar miteinander verbunden gewesen. Über die Jahre hatten sie Trennungen, Verknalltheiten, Streits, Streiche, Strafarbeiten und Vertrauensschüler überlebt. Und mehr noch, sie hatten es geschafft, zusammenzuhalten, als die Welt vor den Toren ihren Schatten auf sie warf und die Zähne bleckte.

Die dreizehnjährige Freundschaft zwischen Alicia und George lag bereits im Sterben, doch an diesem Tag würde sie im Verlaufe einer Unterhaltung zu Grabe getragen werden. Im selben Moment verlor Lee, der immer einsteckende Mitläufer, schließlich die Nerven mit seinen besten Freunden. Sogar Angelina und Fred, die für eine ganze Weile jeden größeren Streit vermieden hatten, sahen sich ihrer eigenen Krise gegenüber.

Im selben Augenblick, an drei verschiedenen Orten, fügte eine Entscheidung allen anderen Schmerz zu. Fred und George entschieden in den frühen Morgenstunden, dass sie Hogwarts für immer verlassen wollten. Sie erzählten es Lee fast sofort und boten ihm nach der Schule einen Job in ihrem Laden an. Obwohl sie erwartet hatten, dass er sich ein wenig übergangen fühlen würde, stellte sich heraus, dass es noch der leichteste Teil war, es ihm beizubringen. Es Angelina und Alicia zu erzählen, würde schwer werden.

Im Zimmer der Mädchen standen George und Alicia in verschiedenen Ecken und mieden die Blicke des jeweils anderen. Alicia war diejenige, die die Stille durchbrach. Sie konnte die Freude nicht aus ihrer Stimme verbannen. „Ich wusste, dass du es nicht ertragen könntest, die Dinge zwischen uns so schlimm zu belassen."

George antwortete nicht sofort. Er ging ein paar Mal auf und ab, seine Hände tief in den Taschen seiner Hose. Also würde sie es schwierig machen. Dieses Spiel konnten auch zwei spielen. „Wie üblich verstehst du die ganze Situation falsch. Ich bin nicht hier, um mich bei dir zu entschuldigen. Ich bin auch nicht hier, um mit dir zu schlafen, also mach dir keine falschen Hoffnungen."

Alicias fröhliche Stimmung verpuffte. Es war ziemlich leicht für sie, sich auf die Wutreserven zu stürzen, die sie seit ihrer Trennung angestaut hatte. „Komm von deinem hohen Ross. Ich würde nicht mit dir schlafen, selbst wenn du mir eine Million Galleonen bezahlen würdest."

„Typisch. Du denkst, du wärst eine Million Galleonen wert."

Alicia ließ die Beleidigung mit einem Schulterzucken von sich abprallen. Das war harmlos. Sie wussten genau, wie sie einander tiefer verletzen konnten, aber Kabbeleien wie diese hinterließen kaum Spuren. „Warum bist du dann hier?"

„Es ist lediglich ein Anstandsbesuch, um dich wissen zu lassen, dass Fred und ich Hogwarts bald verlassen werden."

Alicia verdrehte die Augen und schnaubte ziemlich rüde. „Jah, sicher."

„Es ist egal, ob du mir glaubst oder nicht. Wir werden wirklich gehen."

„Und ich werde Snape um ein Date bitten."

„Wow, du scheinst dich ja verzweifelt nach einem Bettgefährten zu sehnen", kommentierte George leichthin. „Ich nehme an, dass er so ziemlich das einzige männliche Wesen in der Schule ist, das mit dir schlafen wollte."

Das war fast ein Volltreffer gewesen. Alicia schoss gleich zurück, kaum eine Sekunde zögernd. „Also haust du von der Schule ab? Du gibst eine Ausbildung an der besten magischen Schule der Welt auf, damit du einen lausigen Scherzartikelladen aufmachen kannst, der, wenn ich so sagen darf, jedes Anzeichen eines Flops hat. Ich hoffe, du arbeitest an deinen Kellner-Qualitäten."

Ins Schwarze. Sie hatte sein Schlachtschiff versenkt.

George knirschte kurz mit den Zähnen, dann entspannte er sich weit genug, um zu sagen, „Das brauche ich mir von dir nicht anhören."

„Ich zwinge dich nicht zu bleiben." Alicia wandte sich ab und sah aus dem Fenster auf die friedlichen Ländereien. Als George wieder sprach, war er direkt neben ihr. Sie hatten ihn nicht näher kommen hören.

„Du hast kein Recht, mich zu entlassen, als wäre ich ein ärmlicher Pächter, den es in deinen Palast verschlagen hat. Ich verdiene mehr als das." Seine Stimme war glatt und dunkel und seidig.

Alicia konnte die Hitze fühlen, die sein Körper ausstrahlte. Diese Art von Spannung zwischen ihnen war neu. Daran war ein atemloses Element von Rohheit und Gefahr. Das war wahrscheinlich das, was es so heiß machte. Alicia wandte den Kopf, sodass ihre Lippen nah an seinen waren, als sie sanft sagte, „Verschwinde verdammt noch mal aus meinem Zimmer."

Georges Mund hauchte über ihren. „Du willst jetzt wirklich vögeln, nicht wahr, Kleine?"

„Ich bin nicht mehr klein", erwiderte sie und kämpfte darum, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen.

„Aber du verhältst dich oft genug so."

„Wie bitte? Du willst dein Geld damit verdienen, Scherzartikel herzustellen und nennst mich kindisch?"

Seine Fingerspitzen pressten sich leicht in ihren Rücken. „Du manipulierst, machst große Szenen und lügst, um deinen Willen durchzusetzen. Das ist das Verhalten einer Achtjährigen, nicht einer Achtzehnjährigen."

„Ich mache nichts von alledem", sagte Alicia, während sie sich sanft in seine Berührung lehnte.

„Du hast mich erst vor Kurzem angelogen, um mir das Versprechen abzuringen, mich nicht in den Kampf gegen Du-weißt-schon-wen zu werfen. Jetzt wissen wir beide, dass nie die Chance bestand, dass du neben mir kämpfen oder dich vor irgendwelche Flüche werfen würdest."

Sie drehte sich um und sah ihm direkt in die Augen. „Da war keine Lüge. Ich werde sofort zurückkommen, wenn die Dinge schlimmer werden. Niemand wird sich groß um Quidditch scheren, wenn diese Sache eskaliert."

„Ich habe dir bereits gesagt, dass ich nicht will, dass du zurückkommst."

„Was willst du dann von mir?", brüllte Alicia und sah wütend weg. „Bist du enttäuscht, dass ich nicht in Tränen ausgebrochen bin, weil du die Schule verlässt? Ich habe in den letzten Wochen zu oft geweint. Sobald du dieses Zimmer verlässt, verspreche ich dir, in Tränen auszubrechen. Zufrieden?"

„Ich will, dass du zugibst, dass alles nur Müll war. Diese ganze Sache von wegen du liebst mich und willst im Krieg mit Du-weißt-schon-wem an meiner Seite kämpfen war doch nur ein Mittel, damit du dich mit dem, was du getan hast, besser gefühlt hast. Es lässt dich fühlen, als würdest auch du leiden." George packte ihr Kinn und zwang sie, ihn wieder anzusehen. „Ich weiß ganz genau, dass du nach dieser Trennung nicht schlimmer empfinden kannst als ich."

„Du hast doch keine Ahnung, was ich fühle. Ich liebe dich wirklich!" Tränen schwammen in Alicias Augen und sie blinzelte sie wütend weg. Sie hatte die Nase voll vom Weinen!

Georges Gesichtszüge wurden härter und er trat von ihr zurück. „Du glaubst, dass du mich liebst. Du hast dich davon überzeugt, weil es so richtig ist. Die Art von Liebe, die du für mich fühlst, dient nur deinen Zwecken. Du kommst damit an, wenn es dir am besten passt." Alicia zuckte zusammen, doch blieb still, weil er eindeutig noch nicht fertig war. Er wählte eine hohe Fistelstimme und sprach weiter. „Der arme, heruntergekommene Weasley-Junge liebt mich. Ich sollte ich auch lieben, denke ich. Es wäre meine gute Tat für heute und stellt euch nur mal vor, wie alle mich plötzlich so großzügig finden!"

„Du hast keine Ahnung, wovon du redest", sagte Alicia und ballte ihre Hände zu Fäusten. Seine Schläge gingen jetzt unter die Gürtellinie.

„Nein? Dann beweis mir das Gegenteil. Beweise, dass du mich wirklich liebst, indem du in England bleibst."

„Das kann ich nicht und das weißt du auch."

„Genau. Du liebst mich, aber du willst nicht bei mir sein. Das ist keine Liebe. Das ist etwas, mit dem du dein Gewissen davon erleichterst, mir das Herz gebrochen zu haben. Alles geht immer nur um dich."

Alicias Blut kochte. „Du blöder... Gott... so ein – du bist ein Heuchler! Das bist du!"

George grinste selbstzufrieden, weil er wusste, dass er sie erschüttert hatte. „Wie das? Meine Liebe für dich ist wenigstens ehrlich und nicht irgendeine traurige Illusion."

Plötzlich fühlte Alicia, wie sie in ihre Quelle der Wut sank. Sie wollte eigentlich nur reintippen, doch sie fiel hinein, als Georges Sätze immer ätzender wurden. Jetzt, wo sie in treibsandartiger Wut versank, erinnerte sie sich an lange versteckte Gedanken. Sie waren ungenannte Wahrheiten, die zu verletzend waren, um jemals genannt zu werden. Alicia und Lee kannten die Zwillinge beide so gut, dass sie Dinge sahen, die andere Leute nicht wahrnahmen. Gleichzeitig hatten sie eine unausgesprochene Vereinbarung, dass keiner diese nackten Wahrheiten jemals erwähnen würde.

Alicia wusste genau, was sie sagen musste, um George mit einem Schlag kampfunfähig zu machen. Es würde ihn schutzlos machen, ihn zerbrechen und für immer verändern. Die unnennbaren Worte brannten in ihrer Kehle.

„Und? Wirst du mir sagen, warum ich ein Heuchler bin?", fragte George und der draufgängerische Unterton in seiner Stimme zeigte, dass er sich bereits als Sieger des Streits sah. Er würde es bereuen, sie zu einer Antwort angestachelt zu haben.

Alicia öffnete den Mund und die Worte stürzten einfach hervor. Sie fühlte sich, als würde sie von fern zusehen und sich nicht aufhalten können. „Du bist ein verdammter Heuchler, weil deiner Liebe für mich nicht so rein und gut ist, wie du sie vorgibst. Ich kenne die dunkleren Seiten deiner Liebe schon eine ganze Weile, aber ich habe sie verdrängt."

„Die dunkleren Seiten meiner Liebe?", wiederholte George zweifelnd. „Was das wohl wird. Sprich weiter."

„Die Wahrheit ist, dass du mich als Besitz liebst, nicht als gleichwertigen Partner. Ich bin nichts, was deine Brüder vor dir hatten und ich bin nichts, das du mit Fred teilen kannst. Ich gehöre dir und nur dir. Darum liebst du mich."

„Was für ein bescheuertes Argument."

„Es ist ein äußerst schlüssiges Argument, du willst es nur nicht einsehen. Wie viele Dinge auf dieser Welt besitzt du ganz alleine, George? Du musst alles mit mindestens einem Familienmitglied teilen. Ich kann nicht weitergegeben werden, nicht wahr? Du klammerst dich an mich, weil ich das Einzige bin, das du kontrollieren kannst."

George sah ziemlich ruhig aus, aber Alicia begann, die subtilen Risse in seiner Fassade zu sehen. Zum Beispiel war seine Stimme etwas höher als normal, als er sagte, „Es geht nicht um Kontrolle oder darum, etwas zu haben, das ich nicht teilen muss. Du nimmst an, dass ich nicht gerne mit meinem Zwillingsbruder teile und das bedeutet offensichtlich, dass du die Verbindung zwischen Zwillingen überhaupt nicht verstehst."

Alicia lächelte boshaft. „Ich verstehe sie besser, als du glaubst. Ich kenne euch beide lange genug, um ein oder zwei Dinge bemerkt zu haben. Ich habe schnell entdeckt, wer der dominantere Zwilling ist. Ich habe es eigentlich schon an dem Tag gemerkt, an dem ich euch kennen lernte. Fred ist derjenige, an den sich alle erinnern, oder? Es ist immer Fred und ‚der andere'. Ich sehe das immer wieder. Das beste Beispiel dafür ist, wenn Leute euch verwechseln. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass du die meiste Zeit für Fred gehalten wirst. Niemand nennt ihn je George. Warum denkst du, dass das so ist?"

George zuckte ungemütlich mit den Schultern und sah sehnsuchtsvoll zur Tür. „Weil die Leute dämlich sind?"

„Nein. Die Leute vergessen dich. Du bist der Stillere, der nicht mit dem hübschesten Mädchen im Jahrgang ausgeht. Es ist doch nur natürlich, dass du in den Hintergrund gedrängt wirst."

„Es ist mir egal, wenn Fred im Rampenlicht steht. Es ist mir alles egal!", beharrte George und seine Stimme brach leicht.

„Die Verbindung zwischen Zwillingen ist eigentlich faszinierend", sagte Alicia und nahm eine lockeren, beiläufigen Tonfall auf. „Ich nehme an, dass eine Menge Leute dich um das, was du mit Fred hast, beneiden. Sie haben aber keine Ahnung, wie schwer es ist, das auszuhalten. Damit die Verbindung erhalten bleibt, muss viel getan werden, das nicht jeder sieht. Die Verbindung, die du mit Fred hast, ist so zerbrechlich, dünn und einzigartig, dass sie wunderschön ist. Um sie am Laufen zu halten, musst du in Freds Schatten bleiben und dich nicht darüber beschweren."

George stürmte zur Tür. „Ich gehe."

„Also so funktioniert das? Du kannst mich beleidigen und mich selbstsüchtig nennen, aber mit der Wahrheit kannst du nicht umgehen?"

George hielt inne und wandte sich wieder zu ihr um. Er verschränkte die Arme und sagte, „Gut, dann mach mich alle."

Alicia wusste, dass sie es nicht hätte tun sollen. Sie hätte ihn gehen lassen sollen, aber etwas in ihr zerbrach. „Meine Rolle in der ganzen Sache ist ziemlich simpel. Ich bestätige dich. Bei mir fühlst du dich nicht wertlos. Wenn du mich als deine Freundin herumzeigst, trittst du ein bisschen aus dem Schatten, nicht wahr? Ich bin keine Angelina Johnson, aber ich bin besser als nichts. Es läuft alles darauf hinaus, dass du mich benutzt hast, um von Fred loszukommen und jetzt, wo ich gehe, holt dich der Schatten ein. Deshalb bist du so wütend und verletzt."

Dazu konnte George nichts sagen. Es war zu nahe an der Wahrheit. Er warf ihr einen letzten Blick voll tiefer Enttäuschung zu, dann verließ er leise den Raum. Als sich die Tür schloss, verbarg Alicia ihr Gesicht in den Händen. Sie hatte es wirklich geschafft. So viel war aufgewirbelt worden und so viel war beschädigt worden, dass alles irreparabel erschien.

Ihre Liebe füreinander hatte sich gegen sich selbst gewandt und war düster und verzerrt geworden. Sie hatten ihre Gefühle nicht ausdrücken können und dass sie es alles in sich hineingesogen hatte, hatte ihre Liebe bitter werden lassen. Etwas, das eigentlich wunderschön und rein sein sollte, war zu etwas so Korrupten geworden, dass es nicht mehr wahre Liebe genannt werden konnte.

Alicia warf sich auf ihr Bett. Sie wollte lachen, weinen, schlafen und fliegen gleichzeitig.

George und Alicias Aufeinandertreffen war nicht nach Plan verlaufen, doch oben im Jungenschlafsaal war es fast genauso schlimm. Fred war nicht ganz sicher, wie Angelina die Nachrichten aufnehmen würden. Sie war in letzter Zeit so guter Laune gewesen, dass er es ihr fast nicht erzählen wollte. Er hatte sie unter dem Vorwand, dass sie ihre zukünftigen Wohnverhältnisse besprechen würden, hoch in sein Zimmer gebeten.

Angelina kam ins Zimmer gehüpft. Sie hüpfte in letzter Zeit häufig. „Ich habe gerade den Brief abgeschickt, in dem ich meiner Mutter sage, dass ich bei dir wohnen werde. Ich kann die Antwort kaum erwarten. Ich wette, sie versucht, es mir auszureden."

„Wirst du deine Meinung ändern?", fragte Fred und legte das Buch beiseite, in dem er geblättert hatte, bevor sie gekommen war.

„Niemals", sagte sie fest und setzte sich neben ihn aufs Bett. „Wirst du deine Meinung ändern?"

„Natürlich nicht."

„Dann ist ja alles in Ordnung." Angelina legte ihren Kopf auf seine Schulter und seufzte zufrieden. „Es wird lustig, oder? Dass wir zusammen wohnen werden, macht es fast wieder wett, dass Alicia geht."

Fred wollte nicht über Alicia reden. Jetzt, wo er die Wahrheit über die Trennung wusste, hegte er wieder ein Abneigung gegen sie. Sie hatte bewusst ihren Beruf statt George gewählt, was bedeutete, dass sie sich offensichtlich nicht in beiderseitigem Einvernehmen getrennt hatten. Freds Magen verknotete sich. Was, wenn er dasselbe mit Angelina tat? Er musste es ihr einfach sagen.

„Weißt du, ich glaube, dass das Quidditchverbot ein Glück im Unglück war", begann er beiläufig.

Angelina schnaubte. „Wie zur Hölle kommst du darauf?"

„Na ja, dadurch haben George und ich die Möglichkeit, am Scherzartikelladen zu arbeiten. Wir sind wirklich früher dran als geplant."

„Das ist wohl wahr."

„Eigentlich gibt es für uns ohne Quidditch gar keinen richtigen Grund, noch in der Schule zu bleiben."

Angelina lachte und stupste ihn spielerisch an. Als er nicht mit einfiel, hob sie den Kopf und starrte ihn an. „Heilige Scheiße, Fred, du meinst es ernst!"

„George und ich haben entschieden, dass wir in etwa einer Woche die Schule verlassen."

„Ihr könnt nicht gehen! Wir sind so nah an den Abschlussprüfungen!"

„Wir brauchen keine UTZe und es gibt sonst nichts, was uns hier hält."

Angelina sprang plötzlich wütend auf die Beine. „Ich wusste, dass so was passieren würde! Es ist in letzter Zeit perfekt zwischen uns gelaufen und ich hätte wissen sollen, dass das zu schön, um wahr zu sein, ist, weil nichts in meinem Leben jemals einfach gewesen ist. Um alles, was ich anfange, muss ich kämpfen."

Fred streckte beruhigend die Hand nach ihr aus. „Ich finde, du überreagierst, Angel. Ich trenne mich nicht von dir oder so."

„Kannst du dich nicht selbst reden hören? Du hast gerade gesagt, dass dich nichts hier hält. Weißt du, wie grauenvoll ich mich dadurch fühle?"

Fred erkannte seinen Fehler und sprang vom Bett, als sie vor ihm zurückwich. „So habe ich das nicht gemeint."

„Du gehst, also meinst du offensichtlich doch so. Fred, ich dachte, du..."

„Was?"

„Ich dachte, du würdest mich lieben, verdammt!"

„Das tue ich!" Fred versuchte, ihre Hand zu ergreifen, doch sie wich ihm aus.

„Fass mich nicht an. Ich will dich nicht mal ansehen", sagte sie und stolzierte durch den Raum.

„Du verstehst die ganze Sache falsch. Es ist nicht so, dass ich dich zurücklassen will. Es wird doch nur für eine Weile sein, Angel."

„Es mag vielleicht nur für eine Weile sein, aber du verlässt mich jetzt, wo ich dich am Meisten brauche! Du weißt, dass du das Einzige bist, was mich momentan vor dem Irrenhaus bewahrt. Meine beste Freundin hat mir erzählt, dass sie das Land verlassen wird, mein Quidditchteam ist scheiße und die UTZe rücken immer näher. Ich wäre schon längst durchgedreht, wenn du nicht da gewesen wärst."

Fred erkannte schnell, dass er eine größere Schlacht vor sich hatte. Angelina reagierte ziemlich hysterisch und er wusste nicht, warum. Sicher, sie hatte sich in letzter Zeit ein wenig auf ihn verlassen, aber sie war immer sehr auf Unabhängigkeit bedacht gewesen. Es war merkwürdig, dass sie plötzlich darauf bestand, nicht ohne ihn leben zu können.

„Okay. Entspann dich einfach ein bisschen. Es ist keine Trennung und es ist kaum ein langes Auseinandersein. Ich werde dir jeden Tag schreiben und ich werde dich sogar an den Wochenenden besuchen", sagte er, als er es schaffte, sie zwischen Georges und Lees Bett zu drängen.

„Wenn du gehst, ist unsere Beziehung vorbei", blaffte Angelina.

„Okay, jetzt bist du einfach nur noch lächerlich."

„Nein, ich bin einmal in meinem Leben logisch. Ich vergesse ein Jahr lang Profi-Quidditch, damit ich dir helfen kann, aber du kannst den Laden nicht einmal für ein paar Monaten vergessen, um bei mir zu sein, wenn ich dich am meisten brauche. Wo ist da die Gerechtigkeit?"

Fred zuckte zusammen. Er schien wie ein undankbarer Idiot. „Es tut mir Leid, 'Lina, daran habe ich nicht gedacht."

Sie zuckte zurück, als er sie wieder berühren wollte. „Es scheint mir langsam so, als würdest du unsere Beziehung nicht ernst nehmen. Ich opfere mich dafür auf und du bereitest dich darauf vor, sie hinter dir zu lassen."

„Hier geht es um Hingabe? Ich lasse dich bei mir wohnen! Was willst du mehr? Einen Verlobungsring?"

„Ich will dich, keine Briefe oder Besuche oder leere Versprechungen!"

Angelina schien den Tränen nahe, als sie versuchte, an Fred vorbeizukommen. Er packte sie und sie wehrte sich sofort, um von ihm wegzukommen. Er machte das Einzige, was ihm einfiel, um sie zu beruhigen. Er küsste sie. Sie kämpfte etwa drei Sekunden gegen ihn an, bevor sie den Kuss verzweifelt erwiderte und ihm die Fingernägel in die Schultern grub. Fred stolperte zurück und fiel auf Lees Bett, Angelina auf seinen Schoß ziehend.

Sie küssten sich noch eine ganze Weile und mit jedem Augenblick wurde Angelina aggressiver. Bald kratzte sie über seinen Nacken und biss ihm auf die Lippe. Er löste sich hurtig von ihr, bevor sie noch sein Blut vergoss.

„Das ist doch verrückt", sagte er und lockerte seinen Griff ein wenig. „Wie sind wir so leicht von einem Streit zu so einem Kuss übergegangen? Glaubst du, dass mit uns etwas nicht stimmt?"

Angelina versuchte, seine Hände von ihren Armen zu lösen. „Natürlich stimmt was nicht mit uns. Etwas stimmt nicht mit dir, etwas stimmt nicht mit mir. Deshalb sind wir füreinander geschaffen. Ich kann nicht glauben, dass du das ruinieren willst."

„Wenn du einfach den Mund halten und mir zuhören würdest, wüsstest du, dass ich überhaupt nichts ruiniere."

„Sag mir nicht, dass ich den Mund halten soll. Warum hältst du nicht den Mund?", sagte sie automatisch.

Fred legte seine Hand über ihre Lippen. „Ich verlasse zwar die Schule, aber nicht dich. Wir werden definitiv für das Quidditchfinale und die Abschlussfeier zurückkommen. Es wird gar nicht so schlimm sein."

„Ich fühle mich zurückgelassen. Es fühlt sich so an, als hättest du die ganze Zeit nur auf ein besseres Angebot gewartet."

„Das stimmt nicht", sagte er fest.

Angelina biss sich zögerlich auf die Lippe und Fred hatte den Verdacht, dass sie sich gerade dem wahren Grund näherten, warum ihre Reaktion so panisch gewesen war. „Da draußen sind andere Mädchen", sagte sie schwach.

„Und?"

„Mädchen, die hübscher sind als ich."

„Das ist biologisch unmöglich", sagte er und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Danke, aber dieses Mal ging es mir nicht um ein Kompliment. Draußen in der Welt sind hübsche Mädchen, die dir gezwungenermaßen über den Weg laufen und sie werden dich bemerken. Wir wissen beide, dass du die Angewohnheit hast, Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen." Sie fuhr mit den Fingern liebevoll durch seine Haare. „Die alleine ziehen die Blicke auf dich. Wenn sie dann auch noch den Rest von dir sehen, werden sie so schnell nicht wieder wegschauen."

„Oh, jetzt werde ich gleich rot."

„Ich meine es ernst!"

„Schau mal, ich ertrage schon mein ganzes Leben den Fluch meines erstaunlich guten Aussehens. Ich weiß, wie ich damit umgehen muss."

„Du bist so ein Arsch." Angelina versuchte, ihn zu kneifen, doch er lachte und fing ihre Hand auf. „Ich versuche, eine ernsthafte Unterhaltung mit dir zu führen!"

„Wir hatten noch nie eine ernsthafte Unterhaltung, warum sollten wir also jetzt damit anfangen?"

Während Angelina sich von ihm zu lösen versuchte, schaffte Fred es, ihre Lippen mit seinen zu bedecken. Sobald sie sich entspannte, ließ er ihre Hände los und sie legte ihm die Arme um den Hals. Er verlagerte sein Gewicht nach hinten auf seine Hände und sie schlang ihre Beine um seine Hüften. Als Angelinas Gehirn wieder zu arbeiten begann, riss sie ihren Mund von seinem.

„Das war nicht mal annähernd fair", protestierte sie atemlos.

„Ich weiß."

Sie küsste abwesend seinen Hals. „Worüber haben wir gerade geredet?"

„Andere Mädchen."

„Genau. Ich glaube, ich wollte noch was dazu sagen, aber ich kann mich einfach nicht mehr daran erinnern."

Fred legte den Kopf zurück und seufzte. „Welch eine Schande."

Angelina hörte abrupt auf, ihn zu küssen. „Ich weiß wieder, was ich sagen wollte", sagte sie triumphierend.

„Ich muss meine Wirkung auf dich verlieren."

„Entweder das oder ich werde langsam immun." Sie kletterte von ihm runter und setzte sich neben ihn aufs Bett. „Ich wollte sagen, dass in Hogwarts jeder weiß, dass du zu mir gehörst. Die meisten Mädchen sind schlau genug um zu wissen, dass man sich mit mir nicht anlegt und ich kann ein Auge auf dich haben, um sicherzugehen, dass du nicht in die Nähe der blöden kommst. Niemand außerhalb der Schule weiß, dass du mir gehörst."

„Ich könnte ein T-Shirt tragen, auf dem steht, ‚Ich gehöre Angelina Johnson'", bot Fred an.

„Das würde einige Mädchen trotzdem nicht aufhalten.

„Vertraust du mir nicht genug, um zu glauben, dass ich sie nicht ermutigen werde?", fragte er in spielerischem Ton. Angelina zögerte gerade lang genug, dass Fred merkte, dass die Antwort Nein war. Es war, als ob sie ihn in die Magengrube geboxt hätte. „Du vertraust mir nicht. Denkst du, dass ich dich betrügen könnte?"

Angelina zuckte mit einer Schulter und studierte ihre Fingernägel. „Ich weiß, dass manche Dinge manchmal einfach passieren."

„Also könnten, wenn ich weg bin, ‚manche Dinge' zwischen dir und einem anderen Kerl an der Schule ‚passieren'?"

Sie schüttelte entsetzt den Kopf. „Das könnte ich nie tun. Ich brauche dich mehr als du mich."

Fred rieb sich frustriert mit den Händen übers Gesicht. „Ich weiß nicht, woher das alles kommt. Du hast doch immer darauf bestanden, dass du niemanden brauchst."

„Die Dinge ändern sich", sagte sie tonlos.

„Tja, irgendwann mal hast du mir vertraut. Was hat deine Meinung geändert?"

„Nichts. Ich vertraue dir immer noch. Ich vertraue aber den anderen Leuten nicht."

Fred kaufte ihr das nicht ganz ab. Etwas hatte sich geändert – er wusste nicht wie oder warum – aber etwas war definitiv anders. Er würde es irgendwann herausfinden, aber im Moment wollte er einfach, dass Angelina seinen Entschluss zu gehen akzeptierte. Sie musste nicht unbedingt glücklich darüber sein; Akzeptanz war genug.

„Ist jetzt alles klar?", fragte er. „Kein Streit mehr?"

Angelinas Brauen kräuselten sich, als sie darüber nachdachte. Als sie wieder aufsah, wusste Fred bereits, wie die Antwort lauten würde. „Ich denke, ich werde ein paar Tage brauchen, um darüber nachzudenken. Es ist eine ganze Menge auf mich eingestürmt, besonders, wo Alicia auch geht."

Fred küsste sie auf die Stirn. „Das ist gut. Ich will einfach, dass du dir wirklich sicher darüber bist. Ich will nicht, dass du zustimmst, damit du es später gegen mich verwenden kannst."

„Als wenn ich so was je tun würde", sagte sie und brachte ein kleines Lächeln zustande.

Zum selben Zeitpunkt, zu dem Fred und George den Mädchen die Nachrichten beibrachten, stürmte Lee in den Gemeinschaftsraum und knallte ein schweres Schulbuch vor Katie auf den Tisch.

„Würdest du bitte gehen? Ich versuche zu lernen", sagte sie steif.

„Sie können manchmal solche Arschlöcher sein", sagte Lee, den Stuhl neben ihr hervorziehend.

Katie stöhnte und strich einen Fehler weg, den sie gemacht hatte. „Wer sind Arschlöcher?"

„Dann hast du es noch nicht gehört. Diese Idioten verlassen in etwa einer Woche die Schule."

Resignierend warf sie ihren Federkiel aufs Blatt und rieb sich die Augen. „Sieh mal, wenn du willst, dass ich mich an dieser Unterhaltung beteilige, dann wirst du mir sagen müssen, von wem du redest."

„Natürlich von Fred und George. Nur sie sind blöd genug, um die Schule so kurz vor den Abschlussprüfungen sausen zu lassen."

Katie schnappte nach Luft. „Du machst Witze! Das ist ein bisschen dämlich von ihnen. Na ja, immerhin erklärt es, warum George mich vor einer Minute aus unserem Zimmer geworfen hat. Angelina und Alicia werden so was von sauer auf die beiden sein."

„Was ist mit mir?", wollte Lee wissen.

„Huh?"

Was ist mit mir?", wiederholte er lauter und wütender. „Ich bin in keinen von beiden verliebt, also darf ich nicht sauer auf sie sein? Von mir wird einfach erwartet, dass ich weitermache und mich nicht darum kümmere, dass meine besten Freunde mich alleine zurücklassen."

„Du bist nicht alleine", sagte Katie. Sie war völlig überrascht von Lees Wut. Solange sie ihn kannte, hatte er nie ein böses Wort über die Zwillinge geäußert.

„Du weißt, was ich meine, Kate. Sie ziehen raus in die Welt lassen mich zurück, damit ich hier wie ein Loser die Schule fertig machen kann. Sie haben mich nicht mal gefragt, ob ich mit möchte."

Etwas an diesem Satz ließ ihren Atem stocken. „Wärst du mitgegangen, wenn sie dich gefragt hätten?"

Lee schüttelte den Kopf. „Ich brauche meine UTZe."

„Da hast du's, sie haben dich nicht gefragt, weil sie wussten, dass du deine UTZe für das brauchst, was du nach der Schule machen willst."

„Unmöglich. Sie wissen ja noch nicht mal, was ich machen will, wenn ich hier fertig bin. Sie haben sich nie die Mühe gemacht zu fragen."

Der Ausdruck auf Lees Gesicht brach Katie fast das Herz. Seine besten Freunde hatten sich nicht mal genug Zeit genommen, um ihn zu fragen, was er nach der Schule machen wollte. Die Zwillinge waren oft in ihrem eigenen Universum, aber das ging zu weit. Katie legte eine tröstende Hand auf Lees Arm. Zuerst hoffte sie, dass er es nicht als liebende Geste interpretierte, aber sie hätte sich darüber keine Gedanken machen müssen, denn er bemerkte es kaum.

„Sie haben mir sogar angeboten, dass ich nach meinem Abschluss bei ihnen im Laden arbeiten könnte. Es war wie eine großzügige Geste ihrerseits. Sie glauben, dass ich hinter ihnen durchs Leben stolpere und keine eigenen Ziele oder Träume habe."

„Das glauben sie ganz und gar nicht. Du hast doch gesehen, wie wütend sie waren, als sie rausgefunden haben, was Umbridge dir angetan hat."

„Ja, aber auch nur, weil sie sich schuldig gefühlt haben, dass sie es nicht früher gemerkt haben."

Katie schlang um ein Haar die Arme um ihn. Sie musste die Hände um Schoß verschränken. „Fred und George sind manchmal etwas abgehoben, aber sie sind noch immer deine besten Freunde."

Lee zuckte mit den Schultern und fuhr mit seinem Finger einen Kratzer auf der Tischplatte nach. „Manchmal glaube ich, dass sie mich gar nicht brauchen. Sie haben einander und das ist etwas, wo ich nicht zwischen passe. Um alles noch schlimmer zu machen, habe ich nicht mal mehr dich."

Katie sammelte ihr Pergament und ihren Federkiel auf und erhob sich. „Die Welt ist voller Leute, die dich lieben, Lee. Du musst ihnen nur die Gelegenheit geben, es dir zu zeigen", sagte sie, beugte sich hinunter und küsste ihn auf die Dreadlocks.

„Was soll das bedeuten?", fragte er, starrte verwirrt zu ihr hoch und versuchte, ihren Arm zu ergreifen.

Sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihn mitten ins Herz traf und sagte schüchtern, „Es bedeutet, was immer du ihm an Bedeutung geben willst."

Katie ging davon und Lee ließ seine Stirn auf die Tischplatte sinken. „Ich weiß ja noch nicht mal, was das bedeutet", sagte er hilflos.

Fred und Georges Abschied würde für ihn nicht so schwer zu ertragen sein, wenn er noch mit Katie zusammen wäre. Die Zwillinge – auf ihre ignorante, unbeholfene Art – hatten ihm über die Trauer über den Verlust von Katie hinweg geholfen. Jetzt würde er niemanden haben. Ehrlich gesagt, er hasste Alleinsein einfach. Da er als Einzelkind mit berufstätigen Eltern aufgewachsen war, hatte er die meiste Zeit seiner Kindheit mit gleichgültigen Kindermädchen verbracht. Er war nicht mal genug mit Kindern in seinem eigenen Alter zusammen gewesen, um echte Freunde zu finden. Mit seinem elften Geburtstag hatte sich sein ganzes Leben verändert.

In Hogwarts gab es eine Menge Leute. Sicher, sie waren nicht alle nett zu ihm, aber wenigstens war Lee nicht mehr alleine. Über die letzten sechs Jahre hatte er sich daran gewöhnt, wenigstens einen der anderen sechs Gryffindors um sich zu haben und daher freute er sich nicht im Geringsten auf den Abschluss. Vielleicht war er den Zwillingen zu Beginn ein wenig zu übereifrig gefolgt; er hatte sich einfach so verzweifelt nach Freunden gesehnt. Er dachte noch immer, dass er die Leute beeindrucken musste.

Katie war einer der wenigen Menschen gewesen, die das bemerkt hatten. Sie hatte versucht, ihm zu sagen, dass er nicht die ganze Zeit unterhaltsam und laut sein musste. Sie hatte darauf beharrt, dass er auch wütend auf die Leute werden durfte oder manchmal brüten konnte und trotzdem würden ihn noch alle mögen, weil er einfach unbestreitbar liebenswert war.

„Offensichtlich nicht liebenswert genug", sagte er zur Tischplatte.

Langsam hob Lee den Kopf und zog das Zauberkunstbuch zu sich heran. Er sollte wirklich etwas lernen. Alicia hatte bereits angefangen, ihn damit zu nerven. Er war daran gewöhnt, sie zu ignorieren, also war das kein Problem. Leider hatte sie ihm damit gedroht, es Hermine zu sagen, was den erwünschten Effekt hatte, dass er zu arbeiten begann. Er glaubte nicht, dass er beide herrischen Vertrauensschülerinnen auf einmal ertragen konnte.

Eine Ablenkung vom Lernen bot sich im Auftauchen von Fred und George. Sie kamen die gegenüberliegenden Treppen genau gleichzeitig hinunter. Sie machten solche Dinge andauernd. Lee tat so, als würde er in sein Buch versunken sein, als sie zu ihm kamen.

„Wie läuft's, Kumpel?", fragte Fred.

Lee sah auf, als sie sich in einer unbewusst identischen Bewegung an den Tisch lehnten. „Gut. Wie lief es mit den Mädchen?"

„Grauenvoll", antwortete er.

„Ich will nicht mal darüber reden", sagte George.

„Ich weiß nicht warum, aber Angelina ist voll durchgedreht. Sie ist in letzter Zeit extrem am Klammern gewesen."

Lee musste sich zurückhalten, um nicht mit den Augen zu rollen. Als wenn Fred Grund zur Beschwerde hätte. Was war dabei, wenn Angelina Johnson mehr Zeit mit ihm verbringen wollte? Es gab ganz sicher keinen Mangel an anderen Kerlen, die liebend gerne in seiner Position wären. Lee hatte seine Freundin verloren und eine unauslöschbare Narbe gewonnen und er beschwerte sich kaum. Also konnte er kaum Mitgefühl für die Zwillinge aufbringen.

Fred klopfte ihm auf die Schulter. „Wenigstens du bist glücklich für uns."

„Ich freue mich nur darauf, endlich mein eigenes Zimmer zu haben", sagte Lee und setzte ein geübtes Lächeln auf.

„Bald gehört es ganz dir." Fred rieb sich die Hände. „Tja, eine Menge zu tun, wir sehen uns dann später."

George fügte hinzu, „Arbeite nicht zu hart."

„Werde ich nicht", versicherte ihm Lee.

Die beiden gingen und er seufzte. Sie hatten ihn nicht gefragt, ob er mitkommen wollte oder ihm wenigstens gesagt, was sie vorhatten. Er wurde schon langsam aus dem Kreis ausgeschlossen und sie waren noch nicht mal fort. Wenn er sich nicht so verzweifelt nach Freundschaft gesehnt hätte, hätte er vielleicht gleich im ersten Jahr gemerkt, dass Fred und George immer zuerst beste Freunde füreinander sein würden.

Alicia kam als nächste die Mädchentreppe runter. Sie entdeckte Lee und kam zu ihm rüber, sehr niedergeschlagen aussehend. Die beiden tauschten wissende Blicke und sie setzte sich neben ihn auf die Kante des Tisches.

„Wie fühlst du dich?", fragte sie sanft.

„Super", antwortete er und hoffte, dass er fröhlich klang. „Warum sollte es anders sein?"

„Komm schon, Lee."

„Ich bin ein bisschen ärgerlich, aber es geht schon. Wie geht es dir?"

„Grauenvoll. Ich habe George wirklich nicht geschont. Ich bin so wütend geworden, dass ich davon angefangen habe, dass er in Freds Schatten lebt."

Lee zuckte zusammen. Er wusste genau, was für ein empfindliches Thema das war. „Was ist passiert?"

„Ich habe es geschafft, alles noch zehn Mal schlimmer zu machen, als es ohnehin schon war. Ich bezweifle, dass wir für den Rest unseres Lebens mehr als eine handvoll Worte miteinander reden werden."

„Weißt du eigentlich, wie sehr er dich liebt? Wie er über dich redet – er vergöttert dich."

„Lustig. Genauso bist du bei Katie", sagte Alicia und wechselte geschickt das Thema.

Lee sah bei diesen Worten auf. „Hat sie über mich geredet?"

„Natürlich, aber ich werde nichts sagen. Ihr beide müsst das selbst wieder hinbiegen."

„Aber sie mag mich noch, oder? Sonst hätte sie mich nicht geküsst."

„Süßer, manchmal ist ein Kuss nur ein Kuss", sagte Alicia sanft. Lees Augen senkten sich und sie stupste ihn mit dem Knie an. „Aber manchmal kann ein Kuss... er kann alles sein. Er kann lebenslange Gefühle konzentriert auf diesen einen Moment sein. Er kann mehr als Worte sagen und er kann die reinste Form des Ausdrucks sein."

„Welche Art von Kuss war der, den Katie mir gegeben hat?"

„Das musst du selbst rausfinden."

Lee seufzte und sah weg. Angelina hatte gerade den Fuß der Jungentreppe erreicht. Sie sah geschockt, bestürzt und ein wenig verloren aus. Lee winkte sie rüber.

„Sie sieht nicht so aus, als hätte sie es gut aufgenommen", kommentierte Alicia.

Angelina schaffte es gerade eben, rüberzukommen, ohne sich zu verlaufen. Sie sah ein wenig realitätsfern aus, als wenn sie immer noch versuchte, die Informationen zu verarbeiten, die sie gerade bekommen hatte. Sie war den Tränen so nah, wie Lee es seit Cedrics Tod nicht mehr gesehen hatte.

„Er geht", sagte sie zusammenhangslos.

„Das wissen wir", sagte Lee.

„Es wird alles gut. Es ist nicht für lang."

Angelina schüttelte über Alicias Satz den Kopf. „Es ist eine schlechte Zeit für ein Trennung, egal wie lang. Ich weiß nicht, ob wir das überleben."

„Natürlich steht ihr das durch. Alles wird gut." Lee stand auf und legte den Arm um Angelina. Zu seiner Überraschung vergrub sie das Gesicht an seinem Hals und warf die Arme um ihn.

„Ich auch", sagte Alicia und streckte die Arme aus.

Sie nahmen sie in die Umarmung mit auf und die drei Leute, die Fred und George am meisten vermissen würden, standen in einer engen, schützenden Umarmung beieinander.

xxxxx

Es wurde entschieden, dass Fred und George die Schule am siebenundzwanzigsten April verlassen würden. Komplexe Pläne wurden vorbereitet und geheim gehalten. Einige notwendige Details wurden Lee und den Mädchen anvertraut, doch den großen Knall behielten sie ganz für sich.

Alicias Vorhersage, dass sie und George nicht mehr als eine handvoll Worte miteinander wechseln würden, stellte sich als wahr heraus. Angelina, andererseits, schien den Abschied mehr und mehr zu akzeptieren. Sie würde die Idee niemals mögen, aber gleichzeitig merkte sie auch, dass sie so viel Zeit wie möglich mit Fred verbringen musste. Lee fühlte sich noch immer von den Zwillingen ignoriert und von Katies Verhalten verwirrt.

Der Tag vor dem geplanten Abschied war aus mehr als einem Grund interessant. Er fing relativ normal an, denn Fred und George packten das bisschen zusammen, das sie mit sich nehmen würden. Sie würden ihre Taschen am Waldrand zurücklassen und Lee hatte versprochen, ihnen den Rest ihres Krams zuzuschicken. Der Ärger fing erst an, als Fred ihr Geld zählte.

„George, hast du was von dem Geld genommen?", fragte Fred und spähte in das hohle Buch, in dem sie das Geld aus dem Trimagischen Turnier aufbewahrten, das sie von Harry bekommen hatten.

„Hmm?"

„Es fehlen ungefähr siebzig Galleonen. Wo sind die hin?"

George ging beiläufig auf die andere Seite des Raumes, um etwas Abstand zwischen sich und seinen Bruder zu kriegen. „Ich habe Bill und Charlie etwas Geld geschuldet. Es war nichts Wichtiges."

„Nichts Wichtiges kostet heutzutage siebzig Galleonen?", fragte er zweifelnd.

„Ich weiß, dass das eigentlich das Geld für unseren Scherzartikelladen sein sollte, aber ich hatte mir was von Bill und Charlie geliehen, als ich noch dachte, dass wir unsere Gewinne von der Quidditchweltmeisterschaft kriegen."

Fred ließ das Buch zuschnappen. „Okay, was ist hier los?"

„Nichts."

„Hör auf, das zu sagen. Ich hätte es gemerkt, wenn du etwas so Wertvolles gekauft hättest. Wofür hast du es wirklich gebraucht?"

„Es war nur etwas, das ich für jemand anderes kaufen musste", sagte George und schloss fest seinen Koffer, um deutlich zu machen, dass die Unterhaltung beendet war.

Fred akzeptierte diese Erklärung mit einem trägen Schulterzucken. Nach außen hin war er ruhig, doch innen verglühte er. Er war nicht völlig beschränkt. Es war nicht schwer, zu schlussfolgern, das George das Geld für Ihre Königliche Vertrauensschülerlichkeit ausgegeben haben musste. Es gab niemanden sonst auf der Welt, für den er so viel ausgeben würde.

Fred wartete noch ein paar Minuten länger, dann verließ er den Raum unter dem Vorwand, noch etwas von Angelina zurückzuholen, das er ihr geborgt hatte. Es war eine lahme Entschuldigung, doch George war damit beschäftigt, seinen Lieblingsschal zu suchen. Fred ging hinunter und dann hoch zum Schlafsaal der Mädchen. Er trat ein, ohne sich die Mühe des Anklopfens zu machen und fand Alicia und Katie mit einem alten Fotoalbum auf dem Schoß vor.

„Hast du jemals von Anklopfen gehört?", fragte Alicia scharf.

„Hast du jemals davon gehört, meinen Bruder nicht auszunutzen?"

„Was?"

„Du hast mich verstanden. Ich will es zurück."

„Ich habe nicht den leisesten Schimmer, wovon du redest", sagte sie, reichte der amüsierten Katie das Album und stand auf.

Fred trat einen Schritt auf sie zu und versuchte, so einschüchternd zu klingen, wie er nur konnte. „Ich weiß, dass George dir etwas Teures geschenkt hat. Ich will es zurück."

Alicia entschied sich, die Dumme zu spielen. „Ich weiß immer noch nicht, wovon du redest."

„Es fehlen siebzig Galleonen von unserem Scherzladen-Geld. George hat zugegeben, dass er es benutzt hat, um dir was zu kaufen. Ich will was immer es auch ist zurück."

„Weiß George, dass du hier bist?", fragte sie.

„Nein." Fred trat einen weiteren Schritt auf sie zu und streckte die Hand aus. „Gib es mir. Das Geld war für den Laden, nicht für dich."

„Schön. Wenn du es unbedingt willst, kannst du es haben. Ich bin froh, es los zu sein", log Alicia. Sie steckte die Hand in ihre Tasche und zog das Goldarmband heraus. Katie stieß einen hörbaren Seufzer und Fred ein leises Stöhnen aus. „Da hast du es."

Sie ließ das Armband in seine Handfläche fallen und er begutachtete es abwägend. „Tja, wir können ein bisschen von dem Geld wiederkriegen, wenn wir es pfänden lassen."

„Viel Glück", sagte Alicia steif. Ihr Magen rebellierte bei dem Gedanken daran, ihre wertvolle Verbindung zu George aufzugeben. Er rebellierte noch mehr bei dem Gedanken daran, dass das Armband einsam in einem staubigen Pfandbüro sitzen würde.

„Gib es ihr wieder", sagte Katie grimmig und sprang auf.

Fred ignorierte sie und ließ das Armband in seine Tasche rutschen. „War schön, mit dir Geschäfte zu machen."

„Sie verdient es, etwas von ihm zu haben, damit sie eine gute Erinnerung an ihn hat", beharrte Katie.

„Lass ihn", sagte Alicia. „Es ist egal. Ich wollte das Armband sowieso zurückgeben, darum hatte ich es auch in meiner Tasche. Ich will lieber gar keine Erinnerung haben."

„Bist du dir sicher?", fragte Katie skeptisch.

„Sie hat in dieser Sache keine Wahl", sagte Fred, während er zur Tür ging.

Katie verfluchte ihn, als er die Tür schloss. Sich irgendwie gerechtfertigt fühlend, hüpfte Fred die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmen. Er musste immer noch an der exakten Zeitplanung ihres Abgangs und dem letzten Streich arbeiten. Wenn sie das falsche Timing hatten, könnte das ganze als Desaster enden. Er musste auch den Sumpf noch einmal testen. Wenn es nicht funktionierte würden George und er eher wie Idioten als wie Revolutionäre aussehen. Außerdem musste er mit Lee über...

Jemand riss an dem Rücken seines T-Shirts und unterbrach seine Gedanken. Er drehte sich um und sah sich einer sehr energiegeladenen Angelina gegenüber. Bevor er etwas sagen konnte, ergriff sie fest sein Handgelenk. „Gott sei Dank. Ich habe schon überall nach dir gesucht."

„Was ist los?", fragte Fred und versuchte verzweifelt, die Verärgerung aus seiner Stimme zu verbannen.

„Komm mit."

„Angel, ich habe eine Menge zu tun."

„Willst du dein Abschiedsgeschenk etwa nicht?" Sie zog ihn zum Porträtloch und er stolperte überrascht.

„Ein Geschenk? Du hast mir nicht gesagt, dass du mir ein Geschenk geben würdest."

„Ich wollte, dass es eine Überraschung wird. Geh schneller."

Sie eilten den Gang entlang und wandten sich nach rechts. „Du hättest mir wirklich nichts besorgen sollen."

„Gehst du extra so langsam, um mich sauer zu machen?"

„So gehe ich immer!", sagte er. Er mochte es nicht, wie ein kleines Kind mitgeschleppt zu werden. „Wo gehen wir überhaupt hin?"

„Das wirst du in einer Minute wissen", war die einzige Antwort, die er bekam.

„Sieh mal, ich habe eine Menge zu tun, Angelina."

„Denkst du etwa, dass ich nicht lernen muss?"

„Wenn wir beide viel zu tun haben, warum rasen wir dann wie die Irren durchs Schloss?"

„Du würdest um Einiges schneller gehen, wenn du den Mund halten würdest, Frederick."

Er seufzte und entschied, dass es einfacher war, einfach mitzuspielen. Außerdem fand er den Gedanken an ein Geschenk gar nicht schlecht. Als Angelina ihn durch einen weiteren Gang im siebten Stock zog, begann er zu ahnen, wohin sie gingen. Sein Verdacht wurde bestätigt, als sie vor dem Raum der Wünsche anhielten.

„Mein Geschenk ist da drin?", fragte Fred, als Angelina auf und ab ging, einen entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht.

Eine Tür erschien aus dem Nichts. „Schließ die Augen", befahl sie.

„Oh, muss ich?", jammerte er.

„Mach sie zu oder ich steche sie dir aus."

Fred schloss die Augen. Sie nahm ihn bei den Schultern und führte ihn ins Zimmer. Sie befahl ihm, nicht zu schummeln, dann ließ sie ihn dort ungeduldig wartend stehen. Es gab eine Reihe klickender Geräusche.

„Kann ich sie jetzt aufmachen?"

„Warte."

„Jetzt?"

„Warte!"

Fred verschränkte genervt die Arme. Er hatte keine Lust mehr auf dieses Spiel. Kein Geschenk würde diese Mühen wett machen.

„Okay, du kannst die Augen aufmachen."

Fred öffnete die Augen und fand sich überrascht im Halbdunkel wieder. Sobald sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten, konnte er die Details des Raumes ausmachen. Dutzende von Teelichtern waren über den Boden verteilt und an der gegenüberliegenden Wand stand ein großes Himmelbett. Angelina saß am Fußende des Bettes, ihre Beine prüde übereinander geschlagen.

„Was denkst du?", fragte sie sanft.

„Es ist romantisch, nehme ich an."

„Nimmst du an?"

„Es ist nur, dass jetzt nicht gerade der beste Zeitpunkt für ein romantisches Abendessen ist; ich habe zu viel im Kopf. Wir werden jeden Abend ein Abendessen im Kerzenschein haben, wenn du mit der Schule fertig bist. Jetzt muss ich aber zurück zum Gryffindorturm."

„Oh Gott", sagte Angelina mit einem Seufzer.

„Kommst du mit?", fragte Fred. Sie wiederholte sich mit einem noch größeren Seufzer. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zur Tür, die mit fünf verschiedenen Schlössern gesichert war. „Mann, dieses Zimmer ist ja sicherer als Askaban. Woher die plötzliche Paranoia?"

Angelina seufzte noch einmal. „Okay, weil ich so großzügig bin, gebe ich dir dreißig Sekunden."

„Dreißig Sekunden wofür?" Fred drehte sich wieder zu ihr um, sein Gesicht alarmiert. „Was soll ich in dreißig Sekunden machen?"

„Fünfundzwanzig Sekunden."

Er starrte sie verständnislos an, nicht wissend, was vor sich ging. Er schaffte es, zu bemerken, dass sie wunderschön aussah, wie sie im gedämpften Licht auf dem weichen, gemütlichen Bett saß. Er konnte kein Essen sehen, also hieß das, dass sie kein romantisches Abendessen geplant hatte. Wer zur Hölle aß auch auf einem Bett zu Abend? Betten waren zum Schlafen und zum...

Ihm ging ein Licht auf. Er fiel beinahe in Ohnmacht. Das konnte doch nicht wahr sein!

Angelina beantwortete die unausgesprochene Frage fast sofort. „Ich bin dein Geschenk, Fred."

„Nein, nein", sagte er schnell. „Oh nein, nein, nein."

„Doch", sagte sie fest.

„Du hast keine Ahnung, in was für eine Situation du dich bringst", warnte er sie.

„Ich weiß genau, was ich tue. Das hier ist, was wir tun müssen. Willst du nicht?"

„Das ist gerade nicht der Punkt. Alles, was du tust, ist auf die Tatsache zu reagieren, dass ich morgen gehen. Du wirst es später bereuen. Wir wissen beide, dass du dich bei so was normalerweise nicht plötzlich entscheidest."

Angelina sprang auf und stürmte auf ihn zu. „Hör auf, mich wie deine Tochter zu behandeln. Ich bin kein Kind! Das hier ist schon eine ganze Weile fast zum Greifen nah gewesen und ich denke, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, die Hand auszustrecken und zuzupacken."

„Nicht, wenn deine Gefühle so ungezügelt sind", widersprach Fred.

„Es geht doch hier um Gefühle! Es ist unser letzter Akt der Verbindung. Willst du den Schritt nicht mit mir gehen?"

„Natürlich will ich das, ich bin ja nicht irre. Ich will nur, dass du sicher bist."

„Ich bin mir in meinem Leben nie so sicher bei etwas gewesen."

Fred zog sie plötzlich an sich und sah ihr in die Augen. „Letzte Chance."

„Ich werde keinen Rückzieher machen", sagte Angelina. Die Entschlossenheit und das Feuer in ihren Augen ließ ihn seine Muskeln anspannen. Sie spitzte herausfordernd die Lippen. „Du warst derjenige, der gesagt hat, dass er Besseres zu tun hat. Bist du sicher, dass du nicht lieber zurück zum Turm gehen willst? Ich wette, du hast eine Menge zu tun. Ich will dich ja nicht von-"

Er unterbrach sie mit einem Kuss.

xxxxx

Die letzte Stunde am nächsten Tag war Geschichte der Zauberei. Es war definitiv die letzte Unterrichtsstunde, die Fred und George jemals in Hogwarts haben würden. Alle waren still und nachdenklich, während sie Binns Tiraden über die Rolle der Zauberer in den Kreuzzügen zuhörten. Lee war kurz vorm Eindösen, als Fred auf den leeren Stuhl neben ihm rutschte. Da er immer noch sauer auf verschiedene Leute war, saß Lee alleine in der Reihe vor den anderen.

„Ich muss mir dir über etwas reden," sagte Fred aus dem Mundwinkel.

„Kann es nicht warten? Ich versuchte, Binns zuzuhören."

„Wirklich? Alles, was du bisher auf deinem Pergament hast, sind Kritzeleien," war die wenig hilfreiche Antwort.

„Na ja, ich versuche aufzupassen, weil einige von uns sich immer noch auf ihre UTZe vorbereiten müssen," sagte Lee bitter. Er wollte wahrscheinlich über den Scherzladen oder etwas Ähnliches reden. Ehrlich gesagt war es Lee über, ständig von etwas hören zu müssen, aus dem er ausgeschlossen war.

„Was hast du für ein Problem?"

„Nichts. Was willst du?"

„Es geht um Angelina."

Lee ließ seinen Federkiel fallen und drehte sich um, um sie kurz zu mustern. Sie war damit beschäftigt, Katies Fingernägel zu lackieren. „Was ist mit ihr?", fragte er.

„Ich möchte, dass du auf sie aufpasst."

Ich?"

Fred nickte. „Wer sonst? Du kennst sie ziemlich gut und du bist der einzige Kerl, bei dem ich darauf vertrauen kann, dass er sie nicht anmacht."

Lee wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste, dass es Fred einige Überwindung gekostet haben musste, ihn darum zu bitten. „Aber seit wann braucht Angelina einen Aufpasser?"

„Weiß du, sie war in letzter Zeit ein bisschen seltsam. Ich möchte, dass du sicher gehst, dass es ihr gut geht. Ich meine, wirklich gut geht, nicht, dass sie es nur vorgibt. Sie wird natürlich so tun, als wäre alles in Butter. Ich möchte nur, dass du sicher gehst, dass sie nicht stolpert. Lenk ihre Gedanken aufs Quidditch und wenn sie Panik krieg, erinnere sie daran, dass die Schule bald vorbei ist."

„Bist du sicher, dass du willst, dass ich das tue?"

„Absolut. Du bist mein bester Freund, oder?"

Lee grinste breit. „Natürlich bin ich das, Kumpel. Ich werde ein Auge auf Angelina haben und dabei so diskret sein, dass sie nicht rauskriegt, dass wir so viel Aufhebens um sie machen."

„Ich wusste, dass ich auf dich zählen könnte", sagte Fred, sichtlich zögernd.

„Ist sonst noch was?"

„Vielleicht solltest du auch ein Auge auf Alicia haben. Sie könnte auch ein wenig Unterstützung brauchen."

„Du machst dir Sorgen um sie?", fragte Lee und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.

„Sorgen machen ist vielleicht ein bisschen zu krass", sagte er verlegen.

„Keine Sorge, ich werde auf alle drei aufpassen." Lee grinste schelmisch und fühlte sich schon viel mehr wie er selbst. „Ich werde ihnen eine Schulter zum Ausheulen anbieten, ich werde sogar in ihrem Zimmer schlafen und sie nach dem Quiddichtraining zu den Duschen bringen... mit ihnen duschen, wenn sie mich brauchen."

Fred verdrehte beim Aufstehen die Augen. „Jah, jah. Genieß es einfach, so lange es dauert."

Fünf Minuten vor dem Ende der Stunde schlichen Fred und George sich raus, um ihren Staatsstreich vorzubereiten. Sobald Binns alle gehen ließ, schlüpfte Lee in seine neue Rolle als Jägerinnen-Sitter und scheuchte die Mädchen in den Gang von Gregor dem Kriecher. Sie trafen sich mit den Zwillingen in einer kleinen Abstellkammer, um sich endgültig zu verabschieden.

Fred und Angelina saßen auf einem Tisch und küssten sich, während die vier anderen ein respektvolles Stück weiter standen. Alicia starrte auf ihre Füße, als George sich von Katie verabschiedete.

„Lern viel," sagte er ihr. „Es wird nützlich für Fred und mich sein, eine Krankenschwester zu kennen."

„Ich werde mein Bestes tun. Im Gegenzug solltet ihr beide mir versprechen, keine Schwierigkeiten zu kriegen", sagte Katie, während ihr Tränen über die Wangen rollten.

Sie und George umarmten sich, dann warf sie sich in Lees wartende Arme. Alicia sah kurz auf und sah, dass George sie anschaute.

„Das ist es dann wohl."

„Ja", stimmte Alicia zu.

Es gab so viel zu sagen, dass keiner wusste, wo er anfangen sollte. Wie fasste man eine dreizehnjährige Freundschaft in ein paar Worten zusammen? Die Antwort ist, man tut es nicht. Man lässt sie einen ruhigen und würdevollen Tod sterben.

„Ich hoffe, dein neuer Job gefällt dir", sagte George.

„Danke. Ich hoffe, euer Laden ist erfolgreich", sagte Alicia.

Das war es. Keine Liebeserklärungen oder Flehen in letzter Minute. Es war schnell und schmerzlos.

„Umarm sie wenigstens", sagte Lee und unterbrach damit die drückende Stille.

Alicia war verlegen, als sie merkte, dass die anderen vier sie mit Adleraugen beobachtet hatten, in Erwartung der eben genannten Liebeserklärung oder Flehens. Sie wollte ihnen gerade an den Kopf werfen, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern sollten, als sie plötzlich in Georges Arme gezogen wurde. Ihr Schock war in ihrem gemurmelten Kraftausdruck deutlich zu hören.

„Es ist nur eine Umarmung", flüsterte George ihr ins Ohr.

Alicia wagte es nicht zu antworten, aus Angst, dass er sie loslassen würde, bevor sie dazu bereit war, freigelassen zu werden. Es war nicht schwer für sie, sich in seinen Armen wieder wohl zu fühlen. Sie sackte gegen ihn, erschöpft von allem, was in den letzten Monaten passiert war. Sie hatte es nicht verarbeiten können, nicht bis zu diesem Moment, in dem sie sicher in seinen Armen lag. Es fühlte sich an, als ob ihr Leben sich langsam stabilisierte.

„Ich liebe dich", flüsterte sie, sodass ihre neugierigen Freunde es nicht hören konnten.

Er erwiderte es nicht, aber sie hatte es auch nicht erwartet. Er flüsterte jedoch, „Ich habe etwas für dich auf deinem Bett liegen lassen. Lies es, sobald ich weg bin."

„Okay."

Sie lösten sich voneinander und George verabschiedete sich von Angelina. Fred zog Alicia in eine überraschend warme Umarmung, dann machte er dasselbe mit Katie. Die Mädchen sahen mit feuchten Augen zu, wie jeder der Zwillinge Lee eine männliche, mit einem Schulterklopfen verbundene Umarmung gab. Draußen summte das Schloss von den Geräuschen hunderter Schüler, die sich auf den Weg zum Abendessen machten.

„Wir fangen wohl besser mit dem Kram an", sagte George. „Ihr solltet euch direkt auf den Weg in die Eingangshalle machen und dort bleiben. Geht sicher, dass ihr gesehen werdet, damit Umbridge euch nicht hierfür rankriegen kann."

„Ich pass auf, dass wir Aufmerksamkeit erregen", versicherte Lee den Zwillingen. „Kommt, Mädels."

Keiner bewegte sich, daher musste Lee Alicia und Angelina an den Händen nehmen und sie zur Tür ziehen. Abschiedgrüße in letzter Sekunde wurden gerufen, als er sie raus in den Strom hungriger und müder Schüler zog. Die vier düster gestimmten Gryffindors folgten der Schülermasse die Marmortreppe hinunter. Als sie das Ende der Treppe erreichten, erregte Lee eine ziemliche Aufmerksamkeit, indem er Angelina in den Hintern kniff. Viele der Schüler und Lehrer waren Zeugen der lauten Auseinandersetzung, die folgte, also hatten sie ihr Alibi.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber danke für den Kniff in meinen Hintern, Lee", sagte Angelina, während sie an der Seite standen und warteten.

„Jederzeit, Angelina, jederzeit."

„Was denkt ihr, wie lange wird es dauern?", fragte Katie.

„Wir wissen ja nicht mal, was sie da oben machen", sagte Alicia und sah ängstlich die Treppe hinauf.

Sie warteten mit flachen Atemzügen, vier Paar Augen suchten aufmerksam nach Zeichen von Streichen. Es dauerte eine Weile, aber dann tauchten endlich die ersten Anzeichen auf. Lachen und Kreischen konnte in der Ferne gehört werden und es traten Schüler in die Halle, die aussahen, als wären sie in Schlamm gebadet.

„War ja klar, dass sie so viel Chaos wie möglich machen", sagte Angelina liebevoll.

Die Aufregung in der Schülerschaft wuchs und alle blieben in der Eingangshalle stehen, um darüber zu reden, was oben vor sich ging. Es war schwer, genau herauszufinden, was passiert war, aber Fred und George wurden eindeutig als die Verursacher identifiziert. Als die beiden am Kopf der Treppe auftauchen, wurden sie mit tumultartigem Applaus und Jubel begrüßt. In typischer Art der Weasley-Zwillinge verbeugten sie sich vor ihrem Publikum und stiegen die Treppe in einer Aura von großem Erfolg und Wichtigkeit herunter.

„Wie habt ihr das gemacht?", riefen mehrere Leute.

„Betriebsgeheimnis!", erwiderte Fred laut.

„Kann ich einen haben?"

„Für den richtigen Preis!", antwortete George.

Lee schob die Leute mit den Ellbogen beiseite, sodass die Mädchen in die erste Reihe der Menge kamen, die sich um die Zwillinge gebildet hatte. Fred entdeckte sie und zwinkerte ihnen zu, Angelina einen kleinen Kuss zuwerfend. Alles schien ziemlich gut zu laufen. Zumindest bis Umbridge oben auf der Treppe erschien und Funken aus ihrem Zauberstab sprühen ließ.

„Das war's! Jetzt sind sie dran! Wo sind sie?", kreischte sie mit schaurig hervortretenden Augen.

Die Menge teilte sich, während ihre Aufregung von Anspannung abgelöst wurde. Fred und George standen alleine in der Mitte der Halle und sahen sich unschuldig um. Eine erwartungsvolle Stille senkte sich und Angelina umklammerte fest Lees Arm.

„Vielleicht könnt wir Ihnen helfen, Professor, wen genau suchen Sie denn?", fragte Fred.

„Euch zwei!"

„Womit können mein Bruder und ich Ihnen behilflich sein, Professor?", fragte George höflich.

„So!", sagte Umbridge, ihre vorgetäuschte Unschuld ignorierend. „So – ihr denkt also, es wäre lustig, einen Korridor in einen Sumpf zu verwanden, oder?"

„Ein Sumpf!"

„Wow!"

„Ein Sumpf in der Schule!"

Ein Murmeln ging durch die beeindruckte Menge, während Fred und George Umbridge furchtlos neckten. Alicia schüttelte den Kopf und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Die waren wirklich brillante Köpfe. Seltsam, aber dennoch brillant. Lee murmelte leise vor sich hin und versuchte rauszufinden, wie sie es wohl geschafft hatten, den Sumpf zu produzieren. Angelina piekste die Schüler in der Nähe und sagte immer wieder stolz, „Er ist mein Freund – der Linke. Fred ist mein Freund."

Accio Besen!"

Die Gryffindor-Siebtklässler hielten an diesem Punkt den Atem an. Der ganze Plan hing von dem Erscheinen der Besen ab und sie hatten alle zusammen daran gearbeitet, um den Zwillingen mit dem stärksten Aufrufezauber zu helfen, den die beiden zustande bringen konnten.

„On nein", sagte Angelina und packte Lees Arm so fest, dass er zusammenzuckte.

„Es hat geklappt!", sagte Katie begeistert, als die beiden Besen in die Halle geschwebt kamen, Metallketten und Bolzen hinter sich herziehend.

„Sie gehen wirklich", sagte Alicia, als sie erkannte, dass es nun wirklich kein Zurück gab.

Lee legte ihr den Arm um die Schultern. „Sie haben auf jeden Fall einen Eindruck auf die Schule hinterlassen. Niemand wird Fred und George Weasley so bald vergessen."

Alicia nickte zustimmend und wischte sich die Augen. Sie würde sie sicher nicht vergessen. Während sie zusah, wie die beiden ihre Besen bestiegen, blitzten Erinnerungen hinter ihren Augen auf. Es gab Erinnerungen an die vielen Male, die sie mit den beiden im Fuchsbau Verstecken gespielt hatte. Besonders erinnerte sie sich an das Mal mit sechs, wo sie und George sich aus Versehen für eine Stunde in einem Schrank eingeschlossen hatten. Sie war noch einmal ein atemloses, ängstliches kleines Mädchen, als die achtjährigen Zwillinge einen Bullen auf der Wiese in Ottery St. Catchpole ärgerten.

Dann waren da die Mutproben, die sie sich einander ständig stellten. Schneide Charlie eine Strähne von seinem Haar ab, während er schläft; küss Percy auf den Mund; lass in der Küche einen Gartengnom los; iss eine Schnecke... und so weiter. Das waren die guten, unschuldigen Erinnerungen vor Hogwarts. Von der Schulzeit wusste Alicias Kopf nur noch die negativen. Das Ende ihrer Freundschaft mit Fred; George, wie er sie und Oliver zusammen erwischte; dass sie sich zwischen den beiden und dem Posten als Schulsprecherin entscheiden musste... das alles weckte in ihr den Wunsch, sich zusammenzurollen und stundenlang zu weinen.

„Da gehen sie", sagte Angelina belegt und mit zitternder Stimme.

Alicia beobachtete, wie Fred und George in den Sonnenuntergang flogen und neue Bilder rasten durch ihren Kopf. Sie saß auf einer Bank auf Gleis Neundreiviertel, identische Rotschöpfe an beiden Seiten. Zusammengequetscht mit ihnen in einer Nische, geschmolzenes Eis tropfte von ihrem Kleid. Kichernd und mit einem der Jungs Händchen haltend, während sie durch die Menge hüpften.

„Wieso lächelst du?", fragte Katie, warf Alicia einen merkwürdigen Blick zu und hakte sich bei ihr unter.

Sie zuckte noch immer lächelnd mit den Schultern. „Wegen nichts. Wegen allem."

„Wir hauen hier besser ab", sagte Lee. Er musste eine aufgelöste Angelina von sich lösen, bevor er überhaupt irgendwohin konnte.

„Ich freue mich schon aufs Abendessen, ich verhungere gleich", sagte Katie mit gezwungener Fröhlichkeit.

„Ich glaube nicht, dass ich irgendwas essen kann", sagte Angelina.

„Ich denke, wir haben das Recht, Eis zum Abendbrot zu essen", sagte Lee.

Alicia löste sich sanft von Katie. „Geht ihr schon vor, ich muss noch zurück zum Turm."

Lee gefiel die Idee nicht, dass eines seiner Jägerinnen-Schäfchen sich davonmachte. „Auf keinen Fall. Wir bleiben zusammen, Leesh."

„Es geht mir gut, ich muss nur alleine etwas erledigen."

„Dann komme ich mit dir, du solltest wirklich nicht alleine sein."

„Es ist okay, Lee", sagte Alicia fest.

Er wollte trotzdem darauf bestehen, als eine kleine Stimme sagte, „Würde es dir etwas ausmachen, mit mir zum Abendessen zu gehen, Lee?"

Diese Worte klangen komisch aus Angelinas Mund. Katie bat sie darum, sie zu wiederholen, nur um sicher zu gehen. Jep. Angelina Johnson hatte gerade Lee Jordan gebeten, mit ihr zum Abendessen zu gehen.

„Oh, du musst einfach, Lee. Das ist so süß!"

Angelina warf ihre Zöpfe über die Schulter. „Ich brauche ihn nicht. Er riecht nur gerade ein bisschen wie Fred." Sie hob ihr Kinn und stolzierte davon, um zu beweisen, dass sie niemanden brauchte.

„Ich nehme das als Kompliment", sagte Lee. Er hob die Augenbrauchen und sah Katie abschätzend an. „Du klangst so überrascht, dass jemand freiwillig mit mir Zeit verbringen wollte."

„Eigentlich denke ich, dass es niedlich ist, dass du auf uns alle aufpassen willst." Katie küsste schnell auf die Lippen, dann hüpfte sie hinter Angelina her.

„Hast du das gesehen!", rief Lee und zog an Alicias Arm. „Das war ein Kuss!"

Ein Lächeln drohte, an ihren Mundwinkeln zu ziehen. „Tut mir Leid, Schätzchen, ich hab nicht hingeguckt."

„Dann hau ab."

Alicia und Lee lächelten sich zu, dann trennten sie sich. Lee folgte den beiden Mädchen und Alicia sprintete den ganzen Weg hoch zum Gryffindorturm. Der Gemeinschaftsraum war menschenleer, doch das merkte sie kaum, als sie die Treppe hoch raste. Ein blutroter Briefumschlag lag auf ihrem Kissen. Die goldene Tinte vorne zeigte ihren Namen in einer allzu bekannten Handschrift. George musste ihn während dem Mittagessen dorthin gelegt haben.

Ein Wirbel von Emotionen brandete durch sie, als sie sich setzte, um zu lesen, was er zu sagen hatte. Eine völlige Verleugnung ihrer Beziehung? Ein Abschiedstritt? Eine Waffenruhe?

Alicia öffnete den Briefumschlage und zog ein gefaltetes Stück Papier hervor. Sie öffnete es mit zitternden Händen.

Alicia.

Du hattest Recht mit mir. Ich glaube, du kennst mich besser, als ich mich selbst manchmal kenne. Ich dachte, ich könnte die Dinge so belassen, wie sie waren, aber heute Morgen wurde mir klar, dass ich es nicht konnte. Wir haben zu viel durchgemacht, um so viele Worte ungesagt zu lassen.

Es gab eine Menge, das nicht gesagt wurde. Wir sind auf den schlechten Aspekten unserer Beziehung verweilt um uns ein wenig Schmerz zu ersparen. Ich weiß nicht, wie du empfindest, doch ich kann nicht loslassen. Du hast gesagt, dass meine Gefühle für dich ein bisschen selbstsüchtig sind. Was du nicht weißt, ist, wie einzigartig sie sind.

Ich liebe dich nicht nur, weil du hübsch bist. Andere Männer werden dich im Laufe deines Lebens wegen deines Äußeren lieben. Ich liebe alles an dir. Ich liebe deine Fehler und Marotten. Gott weiß, es gibt eine Menge davon. Jeder kann dich lieben, weil du wunderschön bist. Ich liebe dich, weil du dir auf die Lippe beißt, wenn du nervös bist. Ich liebe dich, weil deine Haare sich kräuseln, wenn es regnet. Ich liebe dich, weil du Angst vor Motten hast. Ich liebe dich, weil du anderer Leute Grammatik so gerne korrigierst.

Das ist das wirklich Wichtige, oder? Ich weiß nicht, ob es dir etwas bedeutet. Ich musste es trotzdem sagen. Behalte den Brief bis in alle Ewigkeit, verbrenne ihn, weine darüber. Es ist nicht wichtig was du damit tust, nur erinnere dich an ihn. Ich werde dich niemals vergessen. Du hast mein Leben zu Himmel und Hölle gleichzeitig gemacht. Du warst meine erste Liebe und mein erster Herzbruch in Einem.

Ich werde da sein, um zu sehen, wie du den Gründer-Preis bei der Abschlussfeier bekommst.

George.

P.S.: Schau unter dein Kopfkissen.

Alicia ließ den Brief fallen und schleuderte ihr Kissen durch den Raum. Ihr Armband lag ordentlich auf dem Bett. Ein hysterisches, irrationales Kichern brauch aus ihr heraus. Es machte keinen Sinn für sie zu lachen. Sie sollte Weinen oder Schreien. Zu lachen war das Falsche, wenn man gerade die Person verloren hatte, die man liebte.

Alicia legte sich das Armband ums Handgelenk, fiel rücklings aufs Bett und lachte gleichzeitig wegen nichts und wegen allem.


Ü/N: Das ist wohl der richtige Zeitpunkt, um alle, die mit Taschentüchern in der Hand dasitzen, etwas zu trösten (ich selbst muss zugeben, dass ich haltlos geheult habe, als ich dieses Kapitel gelesen habe).

Wie schon mehrfach erwähnt gibt es ein Sequel zu dieser Geschichte. Noch nicht abgeschlossen, nein, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich bin dabei, auch das zu übersetzen.

Auf jeden Fall ist das Sequel mit dem Namen „Castles in the Air" sehr lesenswert und wenn möglich sogar noch besser als ‚Old Faces'. Ich werde mir die Zeit nehmen und die Informationen, die Alicia bereits dazu herausgegeben hat, sammeln und übersetzen, damit ich sie an den Anfang des nächsten Kapitels setzen kann.

Bis dahin,

...Der Countdown Erreicht Sein Explosives, Schillerndes, Spektakuläres Finale...

...Es Bleibt Nur Noch Ein Kapitel Von ‚Old Faces, New Tricks'...