Drabble 45
Er hasste Tratsch.
Und ganz besonders hasste er den immer wiederkehrenden Krankenhaustratsch, der über alle möglichen Kollegen verbreitet wurde. Es interessierte ihn nicht, ob der Oberarzt der Orthopädie mit der Schwesternschülerin auf der Gynäkologie eine Affäre hatte, oder ob die gehörnte Ehefrau dafür verantwortlich war, dass besagte Schwesternschülerin jetzt nur noch sieben Finger an den Händen zählte.
Und noch weniger interessierte es ihn, ob sein Professor, sein Chefarzt, sein Mentor sich beim Skifahren in Österreich mit seiner heimlichen Affäre den Oberschenkel gebrochen hatte, oder beim simplen Matratzen-Sport mit dieser ihm bekannten Kellnerin.
Und trotzdem wurde er überall damit voll gequatscht. Selbst die Bedienungen hinter der Cafeteria-Theke hatten kein wichtigeres Thema über das sie sich das Maul zerreißen hätten können.
Dabei gab es so viel wichtigere Themen... z. B. dass er seit letztem Montag nicht mehr Assistenzarzt war, sondern Oberarzt.
Das war ein Thema, über das man sprechen hätte müssen!
Aber nein – seit Tagen wurde sich nur über den Chefarzt der Chirurgie unterhalten, der frisch aus einem zweiwöchigen Urlaub zurückgekommen war – mit einem Gips ums ganze Bein gewickelt. Und so gern er diesen alten Mann auch mochte – immerhin hat er Marc alles beigebracht und ihn letztlich auch ohne selbstständige Berufserfahrung als normaler Stationsarzt direkt zum Oberarzt befördert – war es gruselig gewesen, wie wenig Beachtung ihm in den letzten drei Tagen zuteil geworden war.
Hmpf.
Unliebsam stocherte er in seinem Nachtisch herum und wartete darauf, dass diese unsägliche Mittagspause endlich vorbeigehen würde.
Aber natürlich wurde ihm auch das nicht gewährt, denn Mehdi stolzierte grinsend mit einem voll bepackten Tablett an verschiedenen Ekel-Essen-Varianten zu ihm an den Tisch und setzte sich ungefragt auf den freien Platz.
Es war schön ihn überhaupt wieder Lächeln zu sehen – trotzdem war der frischgebackene Oberarzt nicht der besten Laune.
„Ich weiß jetzt, was mit dem Professor passiert ist", sang er fröhlich, wofür Marc nur ein Verdrehen der Augen übrig hatte.
Es interessierte ihn nicht. Punkt.
„Mehdi, ich will es wirklich-", Marc war bemüht sein Blaubeer-Pudding-Quarkgemisch hinunterzuwürgen
„Seine Tochter hat ihn mit Skistöcken verdroschen!"
Marc hustete vor lauter Unglaube den Blaubeerbrei in hohem Bogen auf den Tisch und verschluckte sich an den kleinen Fruchtstückchen, die ihm in die Lunge gerutscht waren.
Mehdi saß nur selbstgefällig Marc weiterhin gegenüber, während eine kleine Schwester dem neuen Oberarzt helfend auf den Rücken klopfte.
„Danke", krächzte Marc und trank einen großen Hieb Wasser aus seiner mitgebrachten Flasche.
„Siehst du – es interessiert dich nämlich doch!", grinste der Halbperser siegessicher und verstand Marcs Hustenanfall völlig falsch.
„Nie im Leben hat der Ha-", fast wäre ihm sein Kosename für die Tochter des Professors herausgerutscht.
„-ase sich von seiner Tochter verprügeln lassen, Mehdi. Das ist absolut irrsinnig, Mann."
„Nein", behauptete Mehdi weiterhin mit viel Elan in seiner Stimme: „Ich hab zufällig gehört wie der Rössel mit deinem Professor..."
„Er ist nicht mein Professor!", wandte Marc ein.
„Darüber geredet hat, dass er es doch nicht so eng sehen soll, was Margarethe gemacht hat. Und wir alle wissen ja nach dem Wutanfall von vor ein paar Jahren, wer Margarethe ist! Und wenn ich es mir recht überlege hat er schon für den Namen, den er seiner Tochter verplättet hat, gehörig eins mit Skistöcken verdient!"
Marc fasste sich unwirsch an seine Halsschlagader.
Oh ja, er konnte sich auch noch sehr gut daran erinnern, als dem Professor mitten auf dem Campus der Kragen geplatzt war, weil seine Tochter ihn über Handy darüber informiert hatte ihr Studium aufzuschieben.
Marc wusste, dass sich ein hochangesehener Professor anderweitig niemals so verbal unzurechnungsfähig hätte aufgeführt, wenn es damals nicht um seine eigene Tochter gegangen wäre. Und der Mann hatte monatelang in Vorlesungen noch von unzuverlässigen Studenten geredet, die sich früher überlegen sollten, ob sie Arzt werden wollten, oder eben nicht.
Das war nun schon mehrere Jahre her gewesen, aber seitdem wusste nicht nur die gesamte Studentenschaft der Charité sondern auch das Personal der Uniklinik und des kleinen Elisabeth Krankenhauses, dass Professor Doktor med. Haase eine Tochter hatte, die bei ihm in Ungnade gefallen war.
Dabei war es absolut unlogisch, gar widersprüchlich und deckte sich nicht mit den Informationen, die er Zeit seiner schulischen Laufbahn von Gretchen Haase bekommen hatte.
Sie wollte nie etwas anderes sein als Ärztin.
Und während er früher in der Schule ihre Phobie vor Bakterien auf dem Boden der Sporthallenduschen nicht nachempfinden konnte, musste er nur eine einzige durch Pilze hervorgerufene Sepsis gesehen haben und er verstand so viel besser, warum der Hasenzahn die Umkleide immer nur mit Badelatschen betreten hatte.
Ausgerechnet die Brillenschlange mit den hervorstehenden Schneidezähnen, die immer dafür gelernt und gelesen hatte eine Ärztin zu werden, hatte ihr Studium wahrscheinlich (mit absoluter Sicherheit – denn die meisten Studenten, die ihr Studium „unterbrachen" nahmen es nie wieder auf) abgebrochen.
Und dass Mehdi nun mit dieser aberwitzigen Theorie daherkam, dass ausgerechnet der ängstliche und harmloseste Mensch, den Marc je gekannt hatte, den eigene Vater mit Skiern so lange malträtiert hatte bis ein Bein gebrochen war, war... absurd!
„Nie im Leben!", sagte Marc energisch.
„Natürlich. Warum sonst wäre es „nur Margarethes Schuld"?", Mehdi setzte immer noch gern die gestikulierten Anführungszeichen, obwohl dieser Trend schon mindestens fünf Jahre begraben lag.
Marc schnaufte: „Du kannst über die Tochter des Professors viel sagen, Mehdi. Allen voran, dass sie dick, klein, besserwisserisch, zickig und tollpatschig ist und riesige Schneidezähne hat – aber gewalttätig? Niemals", sagte Marc besonnen und erinnerte sich nach über zehn Jahren des nicht mehr Sehens nur vage an das Bild was ihn von seiner ehemaligen Mitschülerin und größten Nervensäge geblieben war.
Brackets (obwohl sie die schon in der neunten Klasse losgeworden war), knatschbunte Leggins (auch noch in den Neunzigern!) und eine riesengroße rosa Brille (obwohl sie das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, ein sehr stylisches Modell in Silber getragen hatte) hinter der sich riesige tiefblaue Augen versteckten.
„Oh. Mein. Gott!", quietschte Mehdi begeistert als Marcs gesagtes in Informationen umgewandelt wurde.
Marc stand einfach auf und würde die vermeintlichen Fragen, die kommen würden, ignorieren.
„Du kennst sie?", fragte er aufgeregt, als Marc routiniert die Flure entlanglief.
Es nützte ja doch nichts, wenn er log, also nickte Marc wahrheitsgemäß.
„Oh. Mein. Gott"
„Das sagtest du bereits!", merkte er trocken an.
„Du kennst sie? Ich meine, wann? Wo hast du sie kennengelernt? War sie mal zuhause, als du den persönlichen Assistenten vom Professor gespielt hast? Wie sieht sie aus? Ist sie rothaarig? Ich wette sie ist rothaarig. Und klein, oder? Wenn sie nur ein wenig nach der Frau vom Professor geartet ist, ist sie rothaarig. Sie ist doch nach Frau Doktor Haase gekommen, oder?"
Marc wusste nicht, wie ein einzelner Mann so viel reden konnte. Und warum musste so eine Laber-Tratsch-Tasche auch noch sein bester Freund sein?
„Nein, sie ist nicht rothaarig", sagte er knapp und hoffte innig darauf, dass Mehdi damit das Interesse verlieren würde.
Weit gefehlt: „Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, Meier. Informationen!"
„Ich habe keine Informationen Greee... Margarethe Haase betreffend.", Marc schloss ergeben die Augen. Natürlich wahr Mehdi dieser kleine Versprecher nicht verborgen geblieben und so musste er, ob er wollte oder nicht, alles erklären.
Dass sie sich aus Schulzeiten kannten, sie kein bisschen aussah wie ihre Mutter (auf Mehdis Frage, ob sie denn genauso hässlich wie der Professor wäre, und genauso pedantisch, musste Marc schmunzeln).
„Ja, so ungefähr", es stimmte. Naja, zumindest das Letztere. Er hatte sich in seiner Schulzeit oft gefragt, woher Gretchen ihre Genauigkeit hatte und ihren fast non existenten Humor. Am ersten Tag seines Studentenlebens war er Professor Haase begegnet und von ihm aufgeklärt worden. Wer so einen Vater hatte, der konnte nur so verschroben sein, wie Gretchen.
„Also der Fräulein Rottenmeier Typ?", Mehdi verzog angewidert das Gesicht.
Und wenn Marc ehrlich war wusste er es nicht.
Absolut gar nichts.
Er wusste nicht, wie sie heute aussah, was sie machte, ob sie immer noch eine Affinität zu Jeansröcken mit Leggins hatte oder ihre Lieblingsspeise bis heute Leberwurstbrot geblieben war. Alles was er wusste war, dass es ihn damals geschockt hatte, dass sie nicht in Berlin studierte. Von Kommilitonen, die schon ein Semester weiter waren, hatte er Informationsbrocken bekommen, dass sie wohl nach dem ersten Halbjahr nach Köln gegangen wäre.
Den Grund kannte aber keiner wirklich.
„Ich... denke schon. Ja. Fräulein Rottenmeier Typus", erwiderte Marc mit krauser Stirn.
Damit war für Mehdi das Thema erledigt. Allerdings konnte er damit auch überzeugt werden, dass die Tochter des Professors, wenn sie nur halb so korrekt wie Heidis Rottenmeier-Nachtschaden war, niemals den eigenen Vater schlagen würde.
Nur bei Marc fing damit das Problem erst an.
Als er am Abend nach Hause kam erwartete ihn eine vierzehn Wochen alte Katze, die noch immer keinen Namen trug, und ihn zur Begrüßung um die Beine schwänzelte.
Er stellte ihr frisches Wasser hin, füllte neue Brekkies in den Fressnapf und setzte sich erschöpft von einem ereignisreichen Tag geschafft auf seine Couch.
Der Impuls, sich sofort das Notebook zu schnappen und im Internet nach „Margarethe Haase" zu suchen war enorm groß, und er zwang sich förmlich selbst dazu in aller Ruhe sich eine Wasserflasche und Glas aus dem Schrank zu holen, dann erst die Fernsehzeitung zu studieren (obwohl er ganz genau wusste, dass in dieser Kiste auf einem Wochentag niemals etwas gescheites drin sein würde) um erst danach gemächlich den Laptop anzuschmeißen.
Er war ein Idiot.
Das Betriebssystem konnte gar nicht schnell genug hochfahren und dieses immer wiederkehrende graue Fenster, das fragte, ob man ein Problem senden / nicht senden wolle, war auch nur eine kleine Hürde, bis er endlich seinen Browser öffnete um in die Suchmaschine mit den sechs bunten Buchstaben „Margarethe Haase" einzugeben.
Viele Artikel lieferten hauptsächlich über eine Managerin Auskunft und ein paar weitere über irgendeine Paar-Therapeutin, die sich darauf spezialisierte ihre Klienten mit esoterischen Klängen in den Wahnsinn zu treiben.
In die Zeile der Suchmaschine fügte er nach dem Namen ein Komma und „Köln" ein, drückte abermals auf Enter und freute sich auf viele andere Anzeigen.
Allerdings auch nicht viel Relevantes, was ihm weiterhalf. Denn zuerst gab es mehrere Artikel über ein Bezirkszentrum, in dem Essen verteilt wurde, dann ein oder zwei Berichte über Nazi-Angriffe in Kölns Innenstadt. Gretchen hatte auf ihn nie den Eindruck gemacht, dass sie Essen in einer Suppenküche verteilen würde können – dafür aß sie selbst viel zu gern. Und auch das Nazi-Szenario war noch so viel abwegiger, als Mehdis Hau-Drauf-Darstellung von Gretchen. Wie sollte auch gerade so ein naives Mädchen wie die Tochter vom Professor jemals etwas mit Rechtsextremisten zu tun haben? Und noch dazu warum – schließlich war Margarethe Haase wohl der deutscheste Name, den es gab (direkt nach König, Schmidt und Schulz)!
Als dann endlich auch mal ein medizinisches Portal der Universität aufgerufen wurde, stand unter einem leeren grauen Kasten, in dem eigentlich ein Bild hätte geladen werde müssen: Dr. med. M. Haase.
Er war schon sehr nah dran gewesen.
Seufzend klappte er den Laptop zu, stand auf, schnappte sich von der Küchenarbeitsplatte seine Zigaretten und verschwand nach draußen auf den Balkon. Obwohl er schon einige Raucherlungen gesehen hatte und auch selbst spürte, dass ihm diese Sucht mehr schadete als letztlich nützte, hatte er das Rauchen seit seiner Schulzeit nicht aufgeben können. Zu seiner Verteidigung musste er aber erwähnen, dass es sein einziges Laster war (nun ja, neben schönen Frauen, schnellen Autos, Bier trinken und Fußball gucken).
Nach nur drei Zügen tupfte er den Zigarettenstummel am Eisengeländer aus, bog die heiße Spitze zusammen, steckte sich das Drogenmittel hinter sein linkes Ohr und verschwand wieder zurück ins Wohnzimmer.
Die Katze hatte es sich auf seinem schon angewärmten Platz bequem gemacht und gähnte herzhaft, als ihr Herrchen sich neben sie fallen ließ. Zurück am Laptop löschte er in der Suche das „Köln" und ersetzte es mit „Medizin".
Eine Website einer „Rheintalklinik" wurde angezeigt und Marcs Neugier steigerte sich von jeder Sekunde, bis diese Seite geladen wurde. Vielleicht war sie dort tatsächlich abgebildet!
Er durchsuchte jede einzelne Unterseite und fand außer ein paar selbstherrlichen Artikeln des weltberühmten Dr. med. Schmidt nur sehr wenig interessantes. Und außerdem konnte er sich auch nicht vorstellen, dass ausgerechnet Gretchen in der Klinik beschäftigt worden war, in der der Mann arbeitete, der den sog. „Schmidtschen Kolben" erfunden und patentiert hatte. Unter der Rubrik „Archiv" schaute er nur flüchtig nach, weil dort so viele Namen standen – und von bedeutenden Ärzten sogar Bilder.
Das Suchfeld des Browsers mit Strg+f geöffnet, wurde er nicht müde dort den Namen „Haase" einzugeben und fand sogar gleich drei: Eine Schwester K. Haase, ein pensionierten Vorstandsvorsitzenden aus den 80'er Jahren und „Margarethe Haase; PJ 2005"!
„Ha!", rief er erfreut aus, sodass selbst seine Katze aufgeschreckt war und ihn mahnend anschaute. Wofür Marc nur sein markantes Lächeln übrig hatte, und ein kleines bisschen Kraulen hinterm Ohr.
Der Hasenzahn hatte also doch weiter studiert und ihr PJ gemacht! Noch dazu mit einem Weltklasse Orthopäden im Krankenhaus!
Natürlich.
Die Frage war nur, was hatte sie in der Zwischenzeit gemacht?
1996 hatten sie beide die Schule verlassen. Sechs Jahre studierte man, er als AiP-ler und sie gerade erst vor einem Jahr als PJ-lerin. Es machte ihn wahnsinnig nicht zu wissen, warum ausgerechnet dieser Streber weit, weit nach ihm fertig geworden war.
In der neuen Verfolgung seiner Standardsuchmaschine löschte er dieses Mal die Anfrage komplett und schrieb stattdessen einfach nur „Gretchen Haase Köln".
Und es kamen ein Haufen Einträge aus verschiedensten Bereichen. Soziale Netzwerke, Blogeinträge, sogar freie Websiten, die mit „ " endeten, waren mit Gretchens aus Köln überfüllt – und Marc klickte sich über fünfundzwanzig Seiten durch jeden einzelnen Link.
Die Zeit lief ihm davon, während er fasziniert von einer Bloggerin las, die 2000 von einer Gretchen schrieb, die Haschkekse gefuttert hatte ohne es zu merken. Von Gretchens, die zum Funkenmariechen ernannt worden waren und Gretchens, die zwei Hunde vermissten.
Nichts wollte in irgendeiner Weise zu dem passen, was er von dem schlauen Mädchen aus Schulzeiten wusste – und trotzdem freute er sich diebisch darüber, dass eine von diesen vielen, vielen Gretchens tatsächlich das Mädchen war, was ihn mit Ach und Krach durch die Schulzeit geschleppt hatte.
Noch viele weitere Seiten später war er auf eine veraltete Website eines Asia-Restaurants gestoßen. Die technischen Bausteine waren noch aus den späten neunziger Jahren, der Hintergrund in ein warmes Rot gefärbt. Oben stand in dicken bunten Lettern der Name es Bistros, darunter die Öffnungszeiten und ein ziemlich verpixeltes Bild von der Belegschaft der Gaststätte. Eine kleine Anzahl schlitzäugiger Asiaten lächelten auf diesem Foto herzlich in die Kamera, und direkt daneben standen in weinroter Bedienungskluft die Angestellten des Resturants. Fünf Stück, drei davon Männer, eine weitere winzige Asiatin und daneben, fast vier ganze Köpfe größer als die Nebenstehende ein blondes Mädchen, mit riesiger Brille, einem Pferdeschwanz und dem wunder schönsten Lächeln im Gesicht, das er jemals an ihr gesehen hatte.
Er blinzelte den Bildschirm genauer an, beugte sich sogar so nah an den Desktop, bis seine Nase die Wärme des Displays schon spüren konnte um sich zu vergewissern, dass es auch wirklich Gretchen war.
Aber diese Brille? Diese kleinen weißen Zähnchen, die beim Lächeln sofort verräterisch blitzen?
Unweigerlich musste er Grinsen. Dieses langgezogene, mit Grübchen übersäte Lächeln, das einfach nicht mehr weggehen wollte, weil er sie doch gefunden hatte.
–
Es dauerte noch geschlagene elf weitere Tage bis Marc zu seinem ersten Stammtisch als Oberarzt gehen konnte. Natürlich war er hin und wieder auch als Assistenzarzt in diese alteingesessenen Gefilde einer umgebauten Schmiede gekommen – es war aber so viel aufregender und bedeutsamer als angesehener, in der Hierarchie höher gestellter Arzt am großen Tisch zu sitzen und über all die weniger wichtigen Dinge des Lebens zu philosophieren.
Er konnte selbst Mehdi überreden mitzukommen.
Aber auch nur, weil er in den letzten Tagen nicht weitergekommen war, weshalb der Professor einen Gips trug.
Er hatte beschlossen, dass es ihn nicht mehr tangierte, dass sich über ihn, Marc, weniger (bis gar nicht) unterhalten wurde. Und er war zu der festen Überzeugung gekommen, dass der Professor wirklich einen Skiunfall gehabt hatte.
Alles andere machte wenig Sinn:
Denn hätte der Mann sich mit einer Affäre getroffen und für sie unmögliche Verrenkungen ausgeübt, hätte der Chefarzt doch alles daran gesetzt, dass dieses Getuschel aufhörte. Da ihn diese Gerüchte aber nicht tangierten (im Gegenteil, er war sogar sehr abwesend!), war es wohl doch nur ein gewöhnlicher Unfall im Urlaub gewesen.
Zumindest dachte Marc dies, bis zu jenem ersten Stammtisch, an dem ihm Franz Haase und Werner Rössel gegenüber saßen und sich unüberhörbar gegen Österreich, Skifahren und Peters aussprachen.
Zu seinem Glück hatte er ja Mehdi dabei, der ganz ungeniert nachhakte, was denn an einem Skiurlaub so schlimm sein konnte – außer sich vielleicht das Bein zu brechen.
„Außerdem ist Österreich doch sehr schön", schmunzelte der Halbperser aufrichtig. Marc kannte dieses süffisante Lächeln, und ihm wurde mulmig wie oft Mehdi dieses verständnisvolle Gehabe schon in seiner Anwesenheit angewandt hatte, damit er ihm vieles (alles) erzählte.
Er war so eine Frau.
Franz schnaufte ungehalten: „Haben Sie nicht auch eine Tochter?", fragte der in die Jahre gekommene, ergraute Mann wenig erfreut.
Mehdi blinzelte ein paar Mal, völlig aus dem Konzept gebracht, nickte dann aber: „J-ja?!"
„Dann können Sie froh sein, wenn sie Sie in ein paar Jahren nicht unter einem harmlosen Vorwand in die Berge lockt um mit einem dahergelaufenen Kinderarzt ihre Verlobung zu verkünden!"
Marc röchelte nach Luft. Gut, dass er dieses Mal gerade nichts im Mund gehabt hatte – er musste sich nicht (noch mehr) vor seinem Chef zum Deppen hinstellen.
Dennoch konnte er nichts für die heiße Röte, die ihm vom Nacken bis in die Wangen schoss, als sein Professor ihn mit hochgezogenen Augenbrauen musterte.
„L-l- Lilly ist erst sechs Jahre alt", meinte er höflich, obwohl das eigentlich Mehdis Antwort hätte sein müssen.
„Aha", machte Franz unnachgiebig, krauste die Nase, entschuldigte sich knapp und verschwand humpelnd an die Theke.
„Man muss ihm seine üble Laune nachsehen", witzelte Dr. Rössel mit einem ironischen Unterton.
„Wenn das eigene Mädchen flügge wird, können die Nerven schon mal mit einem durchgehen!"
„Also heiratet seine Tochter", fragte Mehdi mitleidsvoll. Und Marc war sich nicht sicher, ob das jetzt echt war, oder nur daher gesagt, damit er von Rössel noch ein paar Informationen bekommen würde.
Salbungsvoll nickte der andere Oberarzt der Chirurgie: „Ja. Franz hat sich so lange auf diesen Urlaub mit seiner Familie gefreut und musste feststellen, dass man in der Pension der Schwiegergroßeltern in Spe von seiner Tochter gelandet war."
Marc schnappte hörbar nach Luft.
Das war so typisch.
So, so typisch für den Hasenzahn, den er noch aus Schulzeiten kannte. Nur in äußerst wichtigen Notfällen bezog sie Stellung, damit ja niemand unglücklich werden würde. Damals wie heute kotzte ihn diese Eigenschaft an. Es war unmöglich jeden Menschen in seiner Umgebung glücklich zu machen. Und den Vater vorher von Menschen überzeugen zu wollen, die später einmal zur Familie gehören sollten, war ihre ganz eigene Art gewesen, einem möglichen Konflikt aus dem Weg zu gehen.
„Angsthase", murmelte er einatmend.
„Bitte?", fragte Dr. Rössel und sah nicht so aus, als ob er es nur annähernd verstanden hatte, was Marc gesagt hatte.
„Anstrengend, sagte ich. Der Urlaub musste dann echt anstrengend gewesen sein!", log Marc. Dieses Mal, ohne rot zu werden.
„Und ob!", erläuterte der beste Freund des Professors mit hocherhobener Bierflasche.
„Gretchen, also Franz' Tochter, hat sich das alles viel zu harmonisch vorgestellt, aber man konnte sich nicht leiden und während die Eltern von Gretchens Freund Bescheid wussten,... nun, man möge sich das friedliche Skifahren vorstellen, als eine völlig fremde Tante ungezwungen von den Hochzeitsvorbereitungen zu erzählen begann. Als Franz seine Tochter zur Rede stellen wollte, was es mit diesem Gefasel auf sich hätte, ist er mit seinem Skier an einer Baumwurzel hängen geblieben und ist die Böschung heruntergerutscht."
Trotzdem Dr. Rössel um Beiläufigkeit bemüht war, hatten sich bei dieser Geschichte tiefe Lachfalten um seine Augen gebildet.
Marc konnte sich gegen das hochziehen seiner eigenen Mundwinkel ebenfalls nicht erwehren. Vielleicht würde das Fräulein-Saubermann endlich mal zur Vernunft bringen und ihr eine Lehre sein, dass das Leben nicht perfekt war. Und desto mehr sie versuchte, je größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Chaos versank!
Am frühen Morgen, als sich Mehdi und Marc auf den Heimweg machten, gab der Perser zu, ein wenig enttäuscht gewesen zu sein, weil die Auflösung des gebrochenen Beins vom Professor so banal war.
Marc hingegen guckte einen Moment zu lange in den tief dunklen Nachthimmel und überlegte angestrengt sich ein Mädchen mit dicker Brille und hervorstehenden Zähnen ins Bewusstsein zu rufen.
Vermutlich war sein Geist von den sechs Bier schon viel zu vernebelt, als dass er sich um grundlegende Lebensweisheiten Gedanken machen sollte, aber...
Aber wie hoch war die Chance gewesen, dass er Gretchen wirklich im Internet gefunden hatte? Und trotzdem hatte er es versucht...
War es denn dann nicht genauso essentiell wichtig, dass Gretchen Haase auch niemals aufhörte zu versuchen, andere Menschen glücklich zu machen?
Was wäre das Leben ganz ohne Versuche?
lg
manney
