Kapitel 51
Severus trat erleichtert aus dem Kamin, er war endlich wieder Zuhause. Ein kurzer Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass Lucius nicht mehr zusammen mit den beiden Kindern draußen war.
Es war aber auch Zeit fürs Mittagessen. Also machte Severus sich auf den Weg in die Küche.
Ein paar Meter vor der Küche konnte er schon das leise Weinen seines Sohnes hören.
Severus beschleunigte eilig seine Schritte, verwundert darüber, wieso Lucius Harry scheinbar einfach weinen ließ, ohne etwas dagegen zu unternehmen.
Doch der Anblick, der sich ihm in der Küche bot, traf ihn tief.
Harry saß weinend auf seinem üblichen Platz, einen seltsamen Ausdruck auf dem kleinen Gesicht, die Hände fest in einander verkrallt und wiegte leicht hin und her.
Unter dem Stuhl des Kindes waren ein paar Tropfen Blut und Severus sah bestürzt, dass Harry sich selbst an den Händen verletzt hatte.
Lucius und Draco schienen gar nicht hier zu sein.
Vorsichtig kniete er sich vor seinem Sohn auf den Boden und umfasste die dünnen Handgelenke, um Harry daran zu hindern, sich noch weiter zu verletzten.
In sanfter Stimme redete er das offenbar aus irgendeinem Grund erneut total verstörte Kind an: „Harry, Daddy ist wieder hier."
Harrys grüne Augen wurden beinah augenblicklich klarer und richteten sich tränengefüllt sofort auf sein Gesicht.
Harry hauchte ein leises „Daddy" und ein Ausdruck der puren Erleichterung lag für einen kurzen Moment auf den feinen Zügen des Kindes.
Harrys Hände hatten sich in seinem Griff entspannt und Harry blickte an sich hinunter.
Severus konnte sehen, wie sich die Augen des Kindes vor Überraschung weiteten, als er den Zustand seiner eigenen Hände bemerkte.
Vorsichtig lockerte Severus seinen festen Griff um die dünnen Handgelenke und hob die kleinen Hände sanft ein Stück höher, um den Schaden besser begutachten zu können.
Unter den Fingernägeln des Kindes klebte Blut und er hatte mehrere blutige tiefe Kratzwunden auf beiden Handflächen.
Seufzend stand Severus auf und sprach Harry sanft an: „Ich muss kurz zwei Tränke holen, um deine Verletzungen zu versorgen, Harry."
Harrys grüne Augen flehten förmlich, dass er nicht wieder verlassen würde.
Im gleichen Moment trat Lucius mit seinem Sohn auch in die Küche. Lucius war der Schock über Harrys Zustand deutlich anzusehen.
„Severus…", dem blonden Zauberer hatte es offenbar die Sprache verschlagen.
Draco warf kurz einen Blick auf die Hände des anderen Jungen, zwinkerte verwirrt mit den grauen Augen und setzte sich schließlich schweigend. Draco schien zu verstehen, dass Harry sich selbst verletzt hatte, konnte aber offenbar nichts finden, was er sagen sollte oder, wie er damit umgehen sollte.
Severus strich Harry einmal kurz über die Wange und verschwand dann mit eiligen Schritten aus der Küche.
Lucius konnte sehen, wie Harry ihm sofort sehnsuchtsvolle Blicke zuwarf. Doch, er selber wusste gerade auch nicht so recht, wie er den kleinen Jungen am besten ablenken sollte, also wartete er ebenfalls stumm, während Draco leise am Tisch saß und das Essen auf seinem Teller mit einer Gabel von einer zur anderen Seite verschob, ohne etwas zu Essen.
Es war kaum einen Minute vergangen, eh Lucius wieder aufatmete, denn Severus kehrte mit ein paar Phiolen in der Hand zurück.
„Draco, komm bitte. Deine Mutter hatte heute noch etwas vor.", forderte er seinen Sohn auf, um Severus die Gelegenheit zu geben, alleine mit seinem Kind zu sprechen.
Severus nickte ihm kurz mit einem dankbarem Ausdruck zu und verabschiedete sich ebenfalls mit einem Nicken von seinem Patenkind.
Die beiden verschwanden aus der Küche, als Severus die Phiolen auf den Tisch legte und sich einen Stuhl heranzog.
Harry beobachtete ihn aufmerksam dabei, offenbar aber mehr als erleichtert, dass er wieder hier war.
Severus gab einen Schuss des ersten Trankes, der die Wunden zunächst gründlich reinigen und desinfizieren würde auf ein sauberes Tuch, dann wandte er sich Harry entgegen.
Harry hielt die Hände immer noch leicht von sich gestreckt, in genau der gleichen Position, in der Severus ihn losgelassen hatte.
Vorsichtig nahm Severus die kleineren Hände in eine von seinen und begann die Wunden abzutupfen.
Harry zog dabei scharf die Luft ein und wollte seine Hände aus dem Griff seines Vaters entziehen.
Severus unterbrach die Behandlung und umfasste Harrys Hände mit ein klein wenig mehr Druck: „Ich weiß, dass das brennt, Harry. Bevor ich die Wunden heilen kann, müssen sie sauber sein, sonst hast du später Entzündungen unter gesunder Haut und glaub mir, dass das noch mehr weh tut."
Harrys grüne Augen sahen ihn weit aufgerissen an, offenbar war das keine Aussicht, auf die Harry es anlegen wollte, denn das Kinde stellte augenblicklich die Versuche ein, seinem Vater seine Hände zu entziehen.
Als er davon überzeugt war, dass die Wunden gründlich gereinigt waren, versuchte Severus seinen Sohn mit einem Lächeln ein wenig zu beruhigen: „Der schmerzhafte Teil ist jetzt vorüber, Harry. Der nächste Trank heilt die Wunden."
Harrys Gesicht zeigte seine Erleichterung deutlich, er sagte jedoch nichts, sondern sah seinem Vater nur dabei zu, wie er seine Hände versorgte.
Wenige Minuten später waren die Spuren auf Harrys Hände gänzlich verschwunden, nur die blutigen Tücher und die Blutstropfen auf dem Boden zeugte noch davon, was vorgefallen war.
Severus legte die Tücher und die Phiole mit dem heilenden Trank beiseite und zog den sichtlich immer noch erschütterten Jungen sanft in eine Umarmung.
Harry seinerseits gab einen erschrockenen Laut von sich, als sein Vater ihn ohne Vorwarnung zu sich zog, schlang dann aber sofort die Arme um den Hals des Mannes.
Sanft strich Severus einige Minuten über Harrys Rücken und flüsterte ihm dabei immer wieder „Daddy ist hier, Harry, und ich werde dich niemals verlassen" ins Ohr.
Als Severus davon überzeugt war, dass sich Harry soweit wie möglich ohne Beruhigungstrank beruhigt hatte, löste er die Umarmung vorsichtig und arrangierte sie so, dass Harry noch auf seinem Schoss saß, er dem Kind aber in die grünen Augen sehen konnte.
„Was ist vorhin passiert, Harry?", fragte Severus in ruhigem Tonfall.
Harry verkrampfte die Hände im Umhang seines Daddys und zuckte nur mit den Schultern, er wollte nicht darüber reden.
Severus seufzte kurz: „Schulterzucken ist keine Antwort, Harry. Hast du dich an etwas erinnert?"
Erst schüttelte Harry bestimmt den Kopf, nickte aber kaum merklich danach.
Verwundert hob Severus die Augenbraue, bis jetzt hatte Harry ihm meist von alleine erzählt, wenn er sich an Misshandlungen durch seine Verwandten erinnerte.
Bevor er eine andere Frage stellten konnte, mit der er hoffte, den kleinen Junge eher zum Reden zu bekommen, begann Harry von alleine zu sprechen.
„Die zwei Stunden waren um.", das war zunächst das einzige, was er sagte, wobei die grünen Augen voller Vorwürfe und Verrat lagen.
Severus lächelte den kleinen Jungen leicht traurig an: „Mein Termin hat leider später begonnen. Ich bin so schnell zurück gekommen, wie ich konnte, Harry. Haben deine Verwandten dich einmal wo zurückgelassen?"
Die Augen des Kindes waren seltsam geweitet, als es leicht nickte und mit zittriger Stimme leise antwortete: „Sie haben mich nur einmal mit in die Stadt genommen. Dudley hatte Geburtstag und durfte sich im Spielzeugladen noch etwas kaufen. Msr. Figg konnte nicht auf mich aufpassen, also mussten sie mich mitnehmen.
Ich durfte nicht mit in das Geschäft, ich musste draußen stehen bleiben. Es war alles so voll und laut. Es waren so viele Leute da und irgendwann hat es angefangen zu regnen.
Onkel und Tante wollten eigentlich schnell wieder raus sein, aber ich habe sie nicht mehr gesehen.
Ich habe gewartet, lange.
Bis meine Beine wehtaten, aber sie kamen nicht."
Es war offensichtlich, dass Harry überhaupt nicht verstehen konnte, wieso sie ihn zurückgelassen hatten. Innerlich vollkommen entsetzt und äußerlich vollkommen ruhig, hörte Severus weiter zu.
„Ich war ganz nass und es wurde kühler. Irgendwann war es dunkel.
Dann ist ein Polizist gekommen und hat mich nach meinem Namen gefragt, als ich ihm „Junge" oder „Freak" gesagt hab, ist er böse geworden.
Er hat mich laut angeschrien, dass nur unartige Kinder lügen und nur Streuner alleine auf der Straße seien."
Die Augen des Kindes weiteten sich noch weiter, als er weitersprach.
„Er wollte mich mitnehmen. Aber ich hab mich losgerissen und bin weggelaufen.
Und dann, dann war da plötzlich Msr. Figg und hat mich wieder zu Onkel und Tante gebracht. Sie waren gar nicht glücklich mich zu sehen. Aber vor Msr. Figg hat Tante gesagt, sie hätten sich solche Sorgen gemacht. Und Onkel war richtig böse."
Severus seufzte leise, für ein Kind in Harrys Alter war die Unaufrichtigkeit und Hinterlist seiner Verwandten kaum nachvollziehbar, er konnte sich allerdings bildlich vorstellen, was es für Harry bedeutet haben musste, dass er an diesem Tag zurück gebracht worden war.
Eine riesige Frage warf das Alles allerdings auf. Der Name, den Harry genannt hatte, Msr Figg, kam ihm äußerst bekannt vor. Dumbledore hatte behauptet, er ließe das Kind überwachen. Hatte er sich wirklich auf das Urteil dieser offenbar unfähigen alten Frau verlassen.
„Harry, ich werde die niemals irgendwo zurücklassen, und von Terminen werde ich immer zu dir zurück kommen, verstehst du?", fragte Severus.
Harry nickte zwar leicht, es war aber leicht zu erkennen, dass das Kind das nicht im Geringsten glaubt.
„Wo waren denn Lucius und Draco?", fragte Severus schließlich, denn er konnte sich kaum vorstellen, dass Lucius einfach dabei zusehen würde, wie Harry sich selber verletzte.
„Ich dachte, sie wären weggegangen.", antwortete Harry mit brüchiger Stimme.
„Hast du dich mit Absicht verletzt, Harry?", fragte Severus in vorsichtigem Tonfall.
Harry schüttelte den Kopf und sah ihn mit offenem Blick an: „Ich habs gar nicht gemerkt, Daddy."
Severus zog die Augenbrauen zusammen, damit müsste sie die Heilerin ganz dringend befassen, es wäre nicht gut, wenn Harry sich zu allem Überfluss nun auch noch in stressigen Situationen selber verletzte.
„Ich glaube dir, Harry.", sprach Severus eilig, als er die wiederkehrende Unsicherheit in den großen grünen Augen sah.
Das Mittagessen war mittlerweile komplett kalt geworden, doch Severus wusste, dass sein Sohn noch nichts gegessen hatte.
Er erwärmte zwei Portionen mit einem raschen Zauber und drehte Harry wieder zum Tisch. Es war dem Kind deutlich anzusehen, dass es einen anstrengenden Vormittag hinter sich hatte, wenn Harry nicht bald etwas aß, würde er vorher einschlafen.
Sanft brachte Severus seinen Sohn dazu zumindest einen Teil des Essens zu sich zunehmen, eh er mit dem Kind gemeinsam ins Wohnzimmer ging.
Severus versuchte erst gar nicht seinen Sohn nun für eine oder zwei Stunden ins Bett zu legen, nach der enorm ausgeprägten Angst, er könne ihn verlassen haben, wollte er die nächsten Stunden weiter bei ihm sein.
Er setzte sich mit dem Kind zusammen auf die Couch und las in einer aktuellen Zeitschrift über die neuesten Erfindungen in der Zaubertrankbranche, während Harry an seinen Daddy gekuschelt und nun wieder mit dem geliebten Stofftier im Arm, seinen Daddy einige Minuten lang versuchte zu beobachten.
Aus den Augenwinkeln sah Severus, wie Harrys grüne Augen immer wieder zufielen, er sie aber ein paar Sekunden später wieder öffnete und gebannt wieder auf Severus blickte.
Er ließ das Verhalten unkommentiert und bald öffneten sich die Augen seines Sohnes nicht mehr und Harrys Atem war vollkommen regelmäßig.
Zärtlich fuhr er mit einer Hand durch die weichen Haare des Jungen. Da hatte er doch gedacht, dass sich Harry eindeutig auf dem Weg der Besserung befand, um nun so einen scheinbar riesigen Rückschritt zu machen.
Er wollte die Therapie nur als Zusatz haben, doch nun war sie auf einmal sehr viel wichtiger geworden. Severus hatte das Ausmaß von Harrys Angst davor, verlassen zu werden, maßlos unterschätzt.
Erneut musste er sich fragen, ob Harry jemals so sorglos und fröhlich sein würde, wie er es hätte sein sollen, und ob er als Vater für dieses so zerbrechliche Kind wirklich genügen können würde.
