53. Wiedersehen in der Oase von Amnoon
Die Wüste ist kälter als das ewige Eis der Zittergipfel - zumindest in der Nacht. Zitternd drängeln wir uns auf dem schmalen, fackelbeleuchteten Landungssteg aneinander, die dichten Wolken, die unser Atem vor unseren Gesichtern formt, lassen unsere Züge fast bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Meine Beine fühlen sich eigenartig an, so als vermissten sie das Schwanken des Schiffsdecks unter den Füßen, müssen sich erst wieder an den festen Boden gewöhnen. Über uns dehnt sich der pechschwarze, mit glitzernden Sternen übersäte Himmel, unter uns murmeln leise die kleinen Wellen, die sich an den hölzernen Rundbalken des Piers brechen. Vielfältige Gerüche liegen in der Luft, bekannt und in dieser Zusammenstellung dennoch fremd - das Salz der See, der Rauch der knisternden Fackeln, ein Hauch von Minze. Das ist nun also die Oase von Amnoon - kurz vor Mitternacht haben wir unser Ziel erreicht. Ein wenig ratlos schauen wir unserem Geisterschiff hinterher, das der Wesir, nachdem er es plötzlich seltsam eilig zu haben schien, uns loszuwerden, wieder zurück in die Finsternis steuert, hinaus auf das offene Meer. Der eisige Wind reißt an meiner Mähne, und ich bin froh, dass Feanor einen Arm um mich legt und mich an seiner Wärme teilhaben lässt. Ich frage mich, wo wir von hier aus hingehen sollen, was wir tun müssen, wer uns hier wohl weiterhelfen wird - und vor allem, wann wir wieder abreisen können. Mein Unwillen, überhaupt hier sein zu müssen, obwohl ich in den Zittergipfeln sein sollte, hat sich in den letzten vierundzwanzig Stunden unserer Überfahrt keineswegs verringert. Frustriert beiße ich die Zähne zusammen, bis mein Kiefer schmerzt.
Stephan zuckt schließlich seufzend die Schultern und stapft voran in die Dunkelheit, winkt uns hinter sich her, etwas Unverständliches murmelnd, in dem ich nur die Worte 'Bett' und 'Rum' identifizieren kann. Als ob du von letzterem nicht reichlich gehabt hättest während der vergangenen beiden Tage, denke ich bei mir und lächele schief. Aber die Kreatur, die meinen alten Freund unter den Tisch säuft, muss wohl erst noch geboren werden. Ein Bett allerdings... das würde mir auch gefallen, nach drei Nächten auf den harten, modrig riechenden Schiffsplanken. Allerdings schraube ich meine Hoffnungen vorsichtshalber nicht allzu hoch - ich kann mir kaum vorstellen, dass es hier, im verlassensten Winkel Tyrias, ein Gästehaus gibt.
"Lass uns gehen, koishii. Es ist zu kalt, um noch länger hier herumzustehen. Wir sollten uns eine Bleibe für die Nacht suchen", sagt Feanor leise. Seine Lippen berühren mein Ohr, sanft wie ein warmer Windhauch in der Eiseskälte, und er schiebt mich vorwärts, hinter den anderen her, die die Dunkelheit bereits verschluckt hat, während ich noch geistesabwesend auf das tintenschwarze Meer hinausgestarrt habe.
Beinahe haben wir die orangeroten Lichtkegel der Fackeln, die den schmalen Kai erleuchten, schon verlassen, als ich spüre, wie Chili neben mir den Nackenpelz sträubt und jede Muskelfaser anspannt. Sie grollt leise, ich fühle es mehr, als dass ich es höre, und mit einem geschmeidigen Satz springt sie voran in die Finsternis.
"Chili! CHILI!! Wo willst du hin - komm zurück!" Ich versuche, flüsternd zu brüllen, weil ich mitten in der Nacht nicht so einen Lärm veranstalten will - das klägliche Resultat ist ein kieksiges Krächzen wie von einem vierzehnjährigen Knaben im Stimmbruch. Dumpfes Knurren und Fauchen ist aus der Dunkelheit zu hören, und es klingt... merkwürdig. Wie Chili, wenn sie über irgend etwas verstimmt ist, und doch wieder nicht.
"Da vorn!" Mein Blick folgt Feanors ausgestrecktem Arm, und ein paar hundert Fuß entfernt in nördlicher Richtung sehe ich meine Katze... nein. Ich sehe zwei Katzen. Sie balgen sich, rollen sich umeinander, geraten dabei so nah an die Wasserkante, dass mir fast das Herz stehen bleibt, trennen sich wieder, rennen weiter, um erneut aufeinander loszugehen, alles begleitet von lautem Geknurr und Gefauche, kommen schließlich wieder auf uns zu, so dass ich Chili erkennen kann, ihr Schwanz ist aufgeplustert wie eine Flaschenbürste. Aber was bei....
"Das ist ein Tiger, mit dem sie da herumtobt!" Ungläubig blicke ich auf die beiden Großkatzen, die sich im Halbdunkel, knapp außerhalb des Fackellichts, gerade etwas beruhigen und einander vorsichtig umschleichen. Der Tiger ist offenbar noch ein Jungtier, wie sich an seinen vergleichsweise tapsigen Bewegungen unschwer erkennen lässt, aber dennoch bereits eine Handbreit höher und ein gutes Stück länger als Chili. Immer wieder versucht er, eine seiner gewaltigen Pranken auf ihren Rücken zu legen, was sie regelmäßig mit einer gepfefferten Ohrfeige und lautem Geschimpfe quittiert. Prächtig leuchtet das Fell des Tigers im Fackellicht, das den gold-orangen Grundfarbton noch verstärkt und das Schwarz der breiten, unregelmäßigen Streifen vertieft.
"Ich dachte, es gibt keine Tiger in Tyria?" Feanor zieht verblüfft die Brauen hoch.
"Stimmt. Die gibt es nur in Cantha. Ich kenne sie selbst nur aus Büchern", entgegne ich und sinke in die Hocke, um Chilis Aufmerksamkeit zu erregen und sie dazu zu bewegen, zu mir zurück zu kommen. "Ich glaube, Chili mag ihn. Aber ich habe keine Ahnung, wie der hierherkommt..."
"Er gehört zu mir."
Erschrocken springe ich wieder auf die Füße - diese röchelnde, rasselnde Stimme, klirrend wie Eis... die habe ich schon einmal gehört. Und es war kein erfreulicher Anlass damals. Ich kneife die Augen zusammen, starre angestrengt in die Richtung, aus der die Worte kamen - und aus den Schatten heraus... tritt ein Schatten. Eine schwarze Lederrüstung mit silbrig schimmernden Stacheln, von denen mit leisem Knacken kleine Eiskristalle abplatzen, schält sich schließlich daraus hervor, darüber ein totenbleiches, kantiges Gesicht unter einem dichten Schopf weißen, federig-feinen Haars, pupillenlose Augen, hart und undurchdringlich wie schwarzer Granit, die sich jetzt in meine bohren, und ein Lächeln, das eine Reihe schwarzer, spitzgefeilter Obsidianzähne mit winzigen, darin eingelassenen Rubinen entblößt... ein Lächeln, das einem das Blut gefrieren lässt. Lifetaker. Ich unterdrücke ein Aufkeuchen, trete einen Schritt zurück, bis ich Feanors beruhigende Wärme in meinem Rücken spüre.
"Er heißt Daozhǎo, kurz Dao. Das bedeutet Säbelkralle." Das Lächeln des Nekromanten verbreitert sich. "Was ist, Tari Calenardhon? Hat es Euch die Sprache verschlagen? Ich hatte Euch doch angekündigt, dass ich Euch in der Oase Amnoon erwarten werde. Um Euch bei Eurem Aufstieg zu unterstützen."
"Ich... ich hatte es vergessen", entgegne ich stotternd. "Oder verdrängt", füge ich hinzu, bemüht, meiner Stimme einen festeren Klang zu geben. Ich richte ich mich auf, drücke die Knie durch und recke den Hals in die Höhe, um auf den schmalen Nekromanten herabzublicken. Ich ignoriere den Kloß, der in meiner Kehle wächst, als ich mich an den Tag erinnere, an dem ich ihn das erste Mal sah, den Tag, an dem das Ende all meiner Träume gekommen war, brutal und blutig und unwiederbringlich. Wenn er rechtzeitig in die Zittergipfel gekommen wäre, um seinen Auftrag auszuführen, Dagnar Steinhaupts stinkende Existenz von dieser Welt zu tilgen... "Was habt Ihr erwartet? Vorfreude? Vergebung?", zische ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
Norazuls Lächeln wird etwas dünner. "Ich habe es mir abgewöhnt, etwas zu erwarten, Tari. Schon vor mehr Jahren, als Ihr Euch vorstellen könnt."
Sein Blick hebt sich zu Feanor, dessen Gegenwart ich durch diese unerwartete Begegnung vermutlich ganz vergessen hätte, wenn nicht seine Hand auf meiner Hüfte läge, beruhigend, Sicherheit und Wärme spendend in dieser eisigen Wüstennacht.
"Es ist lange her, alter Freund", röchelt der Nekromant, und das dünne Lächeln wird zu einem breiten Grinsen, das ihn regelrecht sympathisch erscheinen ließe, wenn diese scharfen Obsidian-Hauer nicht wären....
"Viel zu lange", erwidert Feanor lächelnd, und die beiden so ungleichen Männer packen einander zur Begrüßung um den Unterarm, wobei Feanor es geschickt vermeidet, seine Hand auf die Stacheln von Norazuls Armschienen zu spießen.
"Ihr kennt Euch?!", japse ich überrascht, während meine Augen immer größer werden.
"So ist es", meint Feanor. Er legt den Arm um meine Schultern und zieht mich an sich. "Seit einer halben Ewigkeit. Wir haben eine Weile zusammen in Shing Jea studiert."
"Wieso hast du das nie erwähnt?" Anklagend schaue ich zu ihm hoch.
"Weil du nie gefragt hast?" Feanor hebt amüsiert eine dunkle Braue.
Das stimmt. Ich habe ihm zwar irgendwann einmal von dem Nekromanten erzählt, den ich am Signalfeuerposten traf... aber nicht seinen Namen genannt.
"Ist ja auch egal", murre ich, winde mich aus Feanors Arm und gehe vor den beiden großen Katzen, die sich nun neben uns niedergelassen haben, in die Knie. Ich versuche, meine Gedanken zu sortieren, weiß nicht, was mich mehr verwirrt - Norazuls Auftauchen hier in der Oase, oder dass dieser unheimliche Nekromant es geschafft hat, einen Tiergefährten für sich zu gewinnen, oder dass er und Feanor einander nicht nur kennen, sondern sogar befreundet sind.
Chili lässt es gnädig zu, dass Dao ihr hingebungsvoll die Ohren wäscht. Ich streichle den jungen Tiger, dessen Fell so flaumweich ist, wie Chilis es war, als sie noch ein Jungtier war, während Feanor sich mit Norazul auf Canthanisch unterhält. Ich frage mich, worüber sie reden, ärgere mich, dass ich kein Wort verstehe, vor allem, als Feanors Blick nachdenklich zu mir schweift und dort liegen bleibt - und Norazuls Worte leiser werden und Feanors Antworten sich auf ein unmerkliches Kopfnicken und dann und wann ein paar gemurmelte Silben beschränken.
"So... kommt nun", fordert Norazul uns schließlich auf, nachdem er die schmalen Schultern gestrafft hat, "ehe ihr vor Müdigkeit und Kälte umfallt. Ich habe Quartiere für euch reserviert."
"Gibt es tatsächlich ein Gästehaus? Hier?" Ich rücke den Schulterriemen meines Bündels zurecht und packe meine Bögen fester, während Feanor und ich Norazul folgen, der zielstrebig durch den knöcheltiefen, feinen Sand in die Finsternis hineinmarschiert. Innerlich nehme ich mir bereits vor, ihn so gut es geht über die Aufgaben auszuquetschen, die vor mir und meinen Kameraden liegen. Irgendeinen Sinn muss es ja haben, dass ich hier wieder auf ihn treffe...
Der Nekromant lässt ein Rasseln hören, das möglicherweise ein Lachen sein könnte. "So könnte man es nennen, den Umständen entsprechend. Aber seht selbst."
Aus der vom Sternenlicht kaum erhellten Finsternis vor uns schält sich der Umriss eines großen... Gebäudes? Nein, stelle ich fest, als wir näher herankommen, es ist ein Zelt, zusammengenäht aus unzähligen einzelnen Bahnen aus fest gewobenem, dunklem Ziegenhaar, teilweise verstärkt mit Leder und Leinwand, und es scheint ungefähr so groß zu sein wie der halbe Marktplatz von Ascalon. Winzige Pünktchen gelb-orangen Lichtes dringen durch die Nähte nach draußen, begleitet vom Murmeln vieler Stimmen, gelegentlichem Gelächter und dem sphärischen Zirpen der Saiten eines exotischen Musikinstruments, das ich nicht identifizieren kann.
Norazul schiebt die Plane aus schwerer Leinwand beiseite, die als Eingangstür dient, so dass Feanor und ich ins Innere des riesigen Zeltes schlüpfen können.
"Willkommen in der Herberge zum Roten Greifen, Eurem Heim fern von Daheim", intoniert Norazul und deutet eine spöttische Verbeugung an. "Das ist offiziell der hochtrabende Name dieses Etablissements. Leute, die schon öfters hier waren, nennen es gemeinhin die Kaschemme zum Toten Aasgeier. Oder das Grab der Schnapsdrossel. Kommt ganz darauf an, wen ihr fragt." Er kichert heiser.
"Entzückend", murmle ich, bleibe stehen und lasse den Blick in dem durch Dutzende Öllampen warm erleuchteten Raum hin und her schweifen. Auf dem Boden sitzen vielleicht drei Dutzend Leute, unter ihnen auch meine Kameraden, die uns müde zuwinken - nur Stephan, der offenbar nicht totzukriegen ist, hebt gutgelaunt einen schlichten Messingbecher, in dem sich ganz sicher keine Ziegenmilch befindet, und prostet uns zu. Sie haben es sich auf großen, langhaarigen schwarzen Fellen bequem gemacht, die den Sandboden bedecken. Möbel scheint es nicht zu geben, von einfachen, niedrigen Tischchen abgesehen, kaum mehr als dicke, plangeschliffene Bretter auf flachen Holzfüßen. Tönerne und metallene Trinkgefäße stehen darauf, manche wurden bereits umgestoßen und haben ihren Inhalt über Tisch und Felle ergossen. Alles wirkt staubig und schmuddelig. An einer Seite des Raums lodert ein Kochfeuer in einer mit roten Tonziegeln befestigten Feuerstelle und verbreitet prickelnde Hitze. Zwei Kessel hängen über den Flammen, Dampf steigt aus ihnen empor, sammelt sich unter der niedrigen, schwach geneigten Zeltdecke, um schließlich aus einer Abluftöffnung, die mir viel zu klein erscheint, ins Freie zu entschwinden.
Ein Stück von der Feuerstelle entfernt sitzt im Schneidersitz ein in weite, dunkle Gewänder gehüllter alter Mann mit dichtem, grauem Haar, das ihm in zotteligen Strähnen bis auf die Schultern hängt. Er hält ein großes Instrument mit einem kürbisförmigen Korpus aus dunkelrotem, lackiertem Holz und einem breiten, etwa drei Fuß langen Hals im Schoß, das mit einem knappen Dutzend Saiten bespannt ist. Er schraubt an einigen der unzähligen Wirbel herum, vermutlich, um es zu stimmen, und entlockt ihm die seltsamen, zirpenden Klänge, die ich von draußen gehört habe. Die Melodie scheint in keine Tonleiter zu passen, die ich jemals vernommen habe, und keinem mir bekannten Rhythmus zu folgen. Die Noten schweben mit dem Dampf und dem Rauch des Feuers durch den Raum, verleihen der Atmosphäre etwas Mystisches und entschieden Fremdartiges. Es riecht nach Rauch, nach ungewöhnlich gewürzten Speisen, nach gekochtem Getreide und gebratenem Hammelfleisch, nach süßlichem, schwerem Alkohol, nach ungegerbten Ziegenfellen und nach menschlichem Schweiß, der schon viel zu lange auf den Körpern klebt. Ich rümpfe angewidert die Nase und unterdrücke den Würgreflex.
"Das ist der wahre Geruch der Wüste, Tari. Ihr gewöhnt Euch daran, wenn Ihr erst einmal ein paar Stunden hier seid", bemerkt Norazul nicht ohne Mitgefühl. "Dies hier ist der Gemeinschaftsraum. Die Quartiere sind weiter hinten", erläutert er und deutet mit dem Kopf nach vorn, dorthin, wo das Licht der Öllampen in der Finsternis versickert. "Erwartet nichts allzu Großartiges. Es sind nur mit Zeltleinwand abgeteilte, winzige Räume, in denen ein paar Ziegenfelle auf dem Wüstensand liegen. Aber das ist das Beste, was hier zu bekommen ist. Das Einzige, um genau zu sein."
"Nach den harten Planken auf dem schwankenden Schiff klingt das durchaus verlockend", murmle ich und blicke sehnsüchtig auf das andere Ende des großen Raumes, von dem ein schmaler Gang in die Dunkelheit und sehr wahrscheinlich zu den Schlafräumen führt. Wenn es dort nur nicht so penetrant riecht wie hier, wird es vielleicht sogar eine recht angenehme Nacht werden.
"Ihr seid leicht zufriedenzustellen", erwidert Norazul und verzieht einen Mundwinkel zu einem dünnen Grinsen.
"Und Ihr zieht voreilige Schlüsse", schnappe ich in schärferem Ton, als ich beabsichtigt hatte. Hunger und Müdigkeit, Kälte und Frustration über unsere Situation - und nicht zuletzt die schrecklichen Erinnerungen, die Norazuls Auftauchen wieder in den Vordergrund meines Bewusstseins gezerrt hat - beginnen, ihren Tribut zu fordern. "Sagt mir lieber", setze ich hinzu, bemüht, etwas versöhnlicher zu klingen, "ob man hier irgendwo ein Bad nehmen kann. Ich kann es mir zwar kaum vorstellen, hier in der Wüste... aber ich bräuchte dringend eins."
"Ihr werdet es kaum glauben, aber es gibt hier tatsächlich ein Badehaus - nun ja, so etwas Ähnliches. Allerdings hat es jetzt geschlossen. Ich zeige es Euch morgen früh. Kommt, setzen wir uns noch einen Moment."
Wir quetschen uns zwischen unsere Freunde, die bereitwillig zusammenrücken, um uns Platz zu machen. Norazul winkt der Bedienung - 'Schankmädchen' wäre eine zu euphemistische Bezeichnung für die mumienartig dürre, vertrocknete Person in einem langen, fleckigen Wickelgewand, die mürrisch herbeigeschlurft kommt, um seine Bestellung aufzunehmen.
Wenige Minuten später ist die Mumienfrau zurück, hält uns ein Tablett vor die Nase, auf dem kleine Trinkschalen aus ziseliertem Messing darauf warten, dass wir uns bedienen. Vorsichtig nehme ich eine vom Tablett und schwenke die klare, dunkle Flüssigkeit darin hin und her. Sie hinterlässt träge fließende Schlieren, die vom oberen Rand der Schale zurück in die Mitte laufen, und sie riecht süßlich und stark.
"Dattelschnaps", erklärt Norazul hilfreich. "Er müsste Euch schmecken, Tari - er ist so süß, dass einem die Zähne davon ausfallen."
"Ist das der Grund für Euer Obsidian-Ersatzgebiss?", frage ich sachlich. "Zu viel Dattelschnaps?" Ich nehme einen kleinen Schluck, während ich den Blick unverwandt auf Norazul gerichtet halte. Das Zeug ist gut... viel besser als der grässlich scharfe Rum, den wir auf dem Schiff hatten, und es schickt sofort einen Schwall glühender Wärme in meinen Magen und meine Gliedmaßen, ohne vorher meine Kehle zu verätzen.
Der Albino kichert. "Nein. Dafür gab es eher... modische Erwägungen."
"Modisch. Interessant. Nun ja... die Geschmäcker sind verschieden", entgegne ich schulterzuckend und frage mich insgeheim, ob es auf dieser Welt tatsächlich eine Frau gibt, die sich durch scharfgefeilte Obsidianzähne mit darin eingesetzten Rubinen in Stimmung bringen lässt.
"Wo wir gerade bei Zähnen sind", meint Norazul und mustert mich mit seinen undurchdringlichen, pupillenlosen Augen, "Ihr habt noch etwas von mir, Tari. Etwas, das ich Euch in Löwenstein gab. Zumindest hoffe ich, dass Ihr es noch habt."
Einen Moment lang starre ich ihn verwirrt an, bis mir die Szene an den Docks des Löwensteiner Hafens wieder einfällt - Norazul, wie er mir einen fingerlangen Monsterfangzahn an einem langen, dünnen Kettchen in die Hand fallen lässt.
"Oh... ja. Natürlich habe ich es noch." Ich wühle in meiner Gürteltasche, fördere ein Döschen mit Pfeilgift zutage, gefolgt zwei Rollen Bogensehnen, einem taubeneigroßen, silbrig glitzernden Kiesel in perfekter Herzform, den ich in einem Flussbett im Maguuma-Dschungel fand, drei abgebrochenen Kämmen und einem zerknickten Stück Pergament, auf dem eine mit genialem Strich hingeworfene Tuschezeichnung von Chili prangt, mitten im Sprung von einer Schneewehe, die ein mir völlig unbekannter Waldläufer mir in der Grooble-Schlucht schenkte. Flüchtig fällt mir ein, dass er so schnell wieder weg war, dass ich mich nicht einmal richtig dafür bedanken konnte.
Unter noch allerlei Krimskrams mehr finde ich schließlich ganz unten endlich den Monsterfangzahn und ziehe ihn an der dünnen Kette heraus. Ich puste sorgfältig die Flusen und Sandkörner ab und reibe vorsichtig über die seltsamen Schriftzeichen, deren grünes Leuchten im Halbdunkel des Raumes noch unheimlicher wirkt als damals bei Tag. Ich höre, wie Feanor neben mir mit scharfem Zischen die Luft einzieht. Ich werfe ihm einen raschen Seitenblick zu, doch ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Schließlich zucke ich die Achseln und lasse den Monsterfangzahn über Norazuls erwartungsvoll geöffneter Hand baumeln.
"Ihr meint diesen Anhänger?"
"So ist es. Ich sagte Euch, ich hole ihn mir in Amnoon wieder ab - und hier bin ich. Wie versprochen." Der Albino lächelt, und seine bleichen Finger strecken sich nach dem Schmuckstück, doch einer plötzlichen Eingebung folgend, überlege ich es mir anders. Ich rucke kurz an dem Kettchen, so dass der Anhänger hochhüpft und wieder in meiner Hand verschwindet. Fest schließe ich die Finger darum, bis ich fühle, wie die Spitze des Fangzahns meine Haut ritzt.
"Ihr bekommt ihn zurück. Wenn ich vor Dagnar Steinhaupt stehe, mit nichts mehr zwischen ihm und mir als meinem Hass", flüstere ich heiser. "Wenn ich tue, was Ihr hättet tun sollen, bevor die Flüchtlinge durch das Frosttor mussten. Wenn Ihr geholfen habt, dafür zu sorgen, dass mir niemand in die Quere kommt. Wenn Ihr dafür gesorgt habt, dass mir niemand meine Rache nimmt. Dann, Norazul, bekommt Ihr dieses... Ding zurück."
Ich beobachte den Nekromanten scharf, lasse ihn nicht aus den Augen, bemühe mich, das Zittern zu unterdrücken und zu ignorieren, wie eng meine Kehle wieder wird. Tränen steigen mir in die Augen, und ich hoffe, dass es in den tiefen Schatten, die das warme Halblicht der Öllampen wirft, niemand sieht. Mein Herz klopft, als wolle es sich selbst überholen, und ich ziehe die Oberlippe zwischen die Zähne, beiße hart darauf, um nicht loszuheulen, um zu verhindern, dass Wut und Trauer mich übermannen. In der letzten Zeit hatte ich bei allem, was wir durchgemacht haben, bei allem, was seitdem passiert ist, manchmal vergessen, dass es erst vier Monate her ist. Jetzt jedoch kommt es mir wieder so vor, als wäre es gestern gewesen.
Das Gesicht des Nekromanten bleibt eine unbewegte Maske, das unheimliche Lächeln darauf festgefroren, als hätte es ein Steinmetz in weißen Marmor gemeißelt, nur die pupillenlosen Augen blitzen, wie Murmeln aus schwarzem Glas. Ich warte darauf, dass er etwas tut. Dass er brüllt. Droht. Schmeichelt. Mich beruhigt. Versucht, mich zu überreden. Aber er tut - nichts.
Minutenlang herrscht gespannte Stille. Alle Geräusche in dem großen Zelt sacken in den Hintergrund, als hätte jemand sie hinter eine Tür aus dicken Holzbalken gesperrt.
Schließlich ist es Feanor, der das Schweigen durchbricht. "Gib ihm den Anhänger zurück, koishii. Bitte."
"Das werde ich", flüstere ich, ohne ihn anzusehen, den Blick weiter unverwandt auf Norazuls Gesicht gerichtet. "An dem Tag, an dem Dagnar Steinhaupt stirbt. Durch meine Hand."
Schließlich, nach weiteren langen Minuten, nehme ich eine schwache Bewegung in Norazuls Mimik wahr - die tiefschwarzen Augen heften sich einen Lidschlag lang auf Feanor, als würde er ihm wortlos etwas mitteilen. Dann sieht er mich wieder an, und seine Körperhaltung drückt zögernde Entspannung und ehrliche Sympathie aus. Er neigt leicht den Kopf.
"Man kann Euch nicht vorwerfen, dass es Euch an Mut mangelt, Tari Calenardhon. Vielleicht an Umgangsformen. Aber nicht an Mut, nein. Nicht viele hätten gewagt, mir etwas zu verweigern, das mir gehört. Aber ich hatte es Euch ohnehin versprochen, wisst Ihr nicht mehr? Wenn die Zeit gekommen ist, erwarte ich Euch vor der Feste Donnerkopf. Ich werde helfen, und ich habe Freunde, die ebenfalls helfen werden, Euch Dagnar lebend auf einem goldenen Tablett zu servieren." Er bleckt wie in boshafter Vorfreude die Zähne, doch dann gewinnt sein Lächeln an Wärme, während Feanors Hand sich immer fester um meinen Oberarm schließt. Ich spüre, dass er nicht einverstanden ist mit dem, was ich tue. Aber es ist mir egal. Ich stopfe den Anhänger zurück in meine Gürteltasche, ganz nach unten, dorthin, wo er sicher verstaut ist.
Die Geräusche um mich herum nehmen wieder an Lautstärke zu, während Feanor und Norazul sich in ein auf Canthanisch geführtes Gespräch vertiefen. Ich verstehe nichts außer dem Wort 'Orr' und nehme an, dass Feanor von dem Wesir erzählt und davon, was er über seine Herkunft erfahren hat. Bald bin ich wieder in meine eigenen Gedanken versunken und streichle abwesend Chilis Öhrchen. Sie und der junge Tiger Dao haben sich zwischen Norazul und mich gedrängelt und verströmen behagliche, einschläfernde Wärme, so dass schließlich mein Kinn auf meine Brust sinkt und ich beinahe einnicke. Nur Feanors Arm um meine Schulter hält mich noch aufrecht. Die Mumienfrau im Wickelgewand kommt noch einmal vorbei, ihre krächzende Stimme, mit der sie in einer seltsam kehligen, gutturalen Sprache einige unverständliche Worte hervorstößt, lässt mich erschrocken hochfahren und kurz orientierungslos blinzeln.
"Sie möchte wissen, ob Ihr Chai möchtet, Tari", übersetzt Norazul hilfsbereit. "Nehmt nur, er ist sehr gut. Sie kann Euch auch eine Schale Hirsebrei mit fettem Hammelfleisch bringen, falls Ihr hungrig seid, sagt sie."
"Sehr freundlich." Ich unterdrücke ein Geräusch des Ekels, während ich versuche, zu verhindern, dass sich mein Magen einmal um sich selbst dreht. "Nur Chai, danke."
Vorsichtig nehme ich ein zierliches, tailliertes Glas mit filigranem Goldmuster am oberen Rand von der flachen Platte aus belaufenem, ziseliertem Silber, die mir die Mumienfrau auffordernd hinhält. Der aus dem Glas aufsteigende Dampf riecht süß und frisch, belebend und beinahe narkotisch zugleich.
"Sie machen ihn hier aus frischer Speerminze", erklärt Norazul, "und süßen ihn mit Wüstenklee-Honig. Morgen früh, bevor wir in die offene Wüste aufbrechen, solltet Ihr so viel davon trinken, wie Ihr könnt. Dann braucht Ihr tagsüber nicht so viel Wasser."
"Das sollte kein Problem sein", entgegne ich noch immer etwas benommen, und lasse den Minz-Chai angenehm überrascht über meine Zunge rollen. "Er ist köstlich. Sagt mir, Norazul..." Ich stocke.
Der Albino hebt den Kopf. Im Licht der Öllampen schimmert sein weißes Haar orangerot. "Nur zu, Tari."
"Was werden wir tun müssen für den Aufstieg? Ich nehme an, Ihr habt den Euren bereits hinter Euch - oder?"
"Das ist richtig. Aber das waren andere Zeiten und ein anderer Ort." Norazul wiegt den Kopf leicht hin und her. "Ich kann Euch nicht sagen, welche Aufgabe Euch erwartet. Ich weiß nur, dass jeder Aufstiegspilger eine andere bekommt. Und wenn Ihr die seid, von denen die Flammensucher-Prophezeiung spricht, dann könnt Ihr davon ausgehen, dass der Aufstieg für Euch nicht gerade ein Nachmittagsspaziergang wird."
Ich hebe überrascht den Kopf. "Was wisst Ihr von der Flammensucher-Prophezeiung?"
"Ich kann Euch nicht mehr sagen, als Ihr bereits wisst. Alles weitere werdet Ihr morgen früh herausfinden müssen", erwidert Norazul. Ein verschlossener Ausdruck legt sich über seine Züge, der mir unmissverständlich mitteilt, dass jede weitere Frage zwecklos wäre. Dann erhebt er sich, zupft ein paar Ziegenhaarbüschel von den Metallstacheln seiner Rüstung. "Ich zeige Euch jetzt die Quartiere. Es waren nur noch drei Zimmer zu bekommen, Ihr müsst sie Euch also teilen - und den Begriff 'Zimmer' solltet Ihr nicht allzu wörtlich nehmen, sonst werdet Ihr enttäuscht. Kommt, die Nacht ist nicht mehr lang und morgen wird ein anstrengender Tag."
Vorsichtig schlängeln wir uns durch die Menschen, die auf dem Boden sitzen, schwatzend und trinkend, steigen über die eine oder andere Schnapsleiche hinweg, bis wir den dunklen Gang erreichen, von dem aus die einzelnen Quartiere abzweigen. Norazul geht voraus, sein weißes Haar leuchtet bleich in der Finsternis, die hier im hinteren Teil des großen Zeltes nur von wenigen Öllampen erleuchtet wird.
Alle scheinen es für selbstverständlich zu halten, dass ich einen Schlafraum mit Feanor teile. "Viel Spaß, aber seid leise", flüstert Alesia mir noch ins Ohr, bevor sie breit grinsend mit Stephan in ihren Raum schlüpft. Ich will protestieren, will sie sogar fragen, ob ich nicht mit ihr ein Zimmer teilen kann, damit die Versuchung mich nicht die ganze Nacht wachhält, doch sie ist schon weg.
Norazul deutet auf den letzten Raum in der Reihe, dessen Zugang von einem bodenlangen, schweren Vorhang aus dickem, steifem Leder verschlossen wird. Der Albino raunt Feanor ein paar Worte zu, die ich nicht verstehe, woraufhin dieser nickt, mir noch einen raschen Blick zuwirft und hinter dem Vorhang verschwindet. Ich will ihm folgen, doch Norazul packt mich am Ellbogen und hält mich zurück. Sein Griff ist fest und kalt wie eine Kralle aus Eis.
"Auf ein Wort noch, Tari", rasselt er leise, schleppt mich ein paar Schritte hinter sich her und zieht mich durch einen ähnlichen Ledervorhang in ein winziges Kämmerchen, das wahrscheinlich sein eigenes Schlafgemach darstellt. Während ich mich noch wundere, was das soll und mich frage, ob er mich nun doch überzeugen will, ihm sofort den Fangzahn zurückzugeben, entzündet er zwei kleine Öllampen - nur mit einem Fingerschnippen.
"Feuermagie", erklärt er mit schiefem Lächeln. "Eine Anfängerübung."
Ich kreuze abwehrbereit die Arme vor der Brust. "Was soll das, Norazul? Warum bin ich hier?"
Der Nekromant streicht sich sorgfältig die halblangen, weißen Haare aus der Stirn. "Ich möchte mit Euch über etwas sprechen. Es ist wichtig. Bitte, setzt Euch."
Ich neige den Kopf und lasse mich gehorsam auf einem Stapel Ziegenfelle nieder, beobachte ihn wachsam und sprungbereit - ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er mir etwas antun will, aber hundertprozentig traue ich ihm immer noch nicht. Chili und der junge Tiger Dao rollen sich schnurrend hinter mir zusammen, wärmen meinen Rücken.
"Worum geht es, Norazul? Ich bin müde und möchte..."
"Ihr erstaunt mich, Tari."
Ich ziehe verwirrt die Brauen zusammen. "Warum? Geht es um Euren Anhänger? Oder meint Ihr die Prophezeiung?"
Norazul schüttelt leicht den Kopf. "Keins von beidem. Nein, es überrascht mich, Euch in einer so... engen Beziehung mit einem anderen Mann zu sehen, wenn Ihr doch so offensichtlich noch nicht über den Verlust Eures Prinzen hinweg seid... was auch nicht verwunderlich ist, schließlich ist es noch nicht lange her. Schaut nicht so verwirrt. Ihr wisst, von wem ich spreche." Seine Stimme ist so sanft, wie ich sie noch nie gehört habe, aber seine Augen bohren sich mit brutaler Intensität in meine.
Mein Mund wird staubtrocken, und ich versuche zu schlucken, während eine Mischung aus Ärger und Schuldgefühlen in mir hochsteigt. "Feanor und ich haben keine... Beziehung! Und davon abgesehen geht Euch das nicht das Geringste an", krächze ich heiser.
"Feanor ist mein Freund. Deshalb geht es mich sehr wohl etwas an", antwortet Norazul gefährlich leise. "Und ich rate Euch, überlegt Euch gut, was Ihr tut. Ich habe sein Herz schon einmal brechen sehen, und das war kein schöner Anblick. Hat er Euch die Geschichte erzählt? Von seiner Liebsten, die ihn für einen Berg vaabisches Gold und einen Fürstinnen-Titel weggeworfen hat wie ein Stück Abfall?"
"Ja, er hat es mir erzählt... wie hieß sie noch... Mei Ling... oder..."
"Meiying", unterbricht Norazul. Er lässt ein abfälliges Schnauben hören. "Ich war derjenige, der ihm den Tip gab, sie vor ihrer Abreise am Hafen von Seitung abzufangen. Damit ihm endlich die Augen aufgingen. Sonst wäre sie einfach aus seinem Leben verschwunden, und er hätte nie begriffen, was für eine verdammte... Qíhéi sie war, und ihr vermutlich bis ans Ende seiner Tage nachgetrauert. Und es hat auch so schon lange genug gedauert. Ich habe gesehen, was sie getan hat. Was sie ihm angetan hat. Und ich will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt."
Mir wird kalt, und ich beginne wieder zu zittern, trotz der Wärme der beiden Katzen in meinem Rücken. Norazul rückt näher an mich heran. Er hat mit sicherem Instinkt den stählernen Draht gefunden, der mein Herz zusammenschnürt. Und er packt ihn mit eisigen Fingern und zieht den Knoten zusammen - fest.
"Er ist zu schade, um ewig die zweite Wahl Eures Herzens zu sein, Tari. Er hat Besseres verdient als das."
Ich krampfe die Finger ineinander, beiße mir auf die Lippen und kämpfe mit den Tränen. Als ob ich das nicht wüsste... und es rührt mich, dass dieser eiskalte Nekromant sich so sehr um Feanors Seelenheil sorgt, dass er mich in diese hochnotpeinliche Unterhaltung zwingt.
"Glaubt Ihr, ich wüsste das nicht?", flüstere ich. "Aber was soll ich denn tun?"
"Wenn Ihr ihn nicht lieben könnt, dann lasst ihn ziehen. Schickt ihn fort, wenn er nicht von allein geht. Aber lasst nicht zu, dass er sein Leben damit verschwendet, sich Hoffnungen auf etwas zu machen, das niemals sein wird."
Ich hebe den Kopf und presse die Augen zusammen. Feanor wegschicken? Ihn nie mehr wiedersehen? Nie mehr seine dunkle Stimme hören, seine beruhigende Wärme fühlen, nie mehr mit ihm sprechen... ihn nie mehr einfach nur betrachten, wie er sich mit dieser raubkatzenhaften Anmut bewegt...? Bei dem Gedanken krampft sich mein Herz zusammen, und der plötzliche Schmerz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
"Aber ich weiß es doch nicht", wispere ich und versuche, ein Schluchzen zu unterdrücken und die Tränen hinunterzuschlucken, die sich hinter meinen geschlossenen Lidern sammeln. Doch es gelingt nicht. Ich spüre, wie sie warm und nass über meine kalten Wangen rinnen. Mein Kopf beginnt zu schmerzen. Ich öffne die Augen, blicke in Norazuls Gesicht, dass hinter dem Tränenschleier nur eine blasse, konturlose Fläche ist. "Hört Ihr? Ich weiß es nicht! Darf ich... dürfen wir nicht einmal die Chance haben, es herauszufinden? Manche Dinge brauchen einfach Zeit, Norazul! Wenn ich ihn jetzt fortschicke... und das müsste ich, denn von selbst würde er niemals gehen... dann werde ich es niemals wissen."
Norazul rückt noch näher an mich heran, lauscht angestrengt, denn mein Flüstern ist inzwischen so dünn geworden, dass ich es selbst fast nicht mehr hören kann.
"Ich weiß nicht, ob es Euch beruhigt...", fahre ich mit Mühe fort, "und ich bin... ich bin... wirklich... gerührt, dass Ihr so für ihn eintretet... ihm ein so besorgter Freund seid... aber er ist auch meinem Herzen wichtig. Mehr... viel mehr, als Ihr vielleicht glaubt. Aber ich... ob das Liebe ist... das weiß ich nicht. Noch nicht."
Ich hole tief Luft, wische mir über das tränenfeuchte Gesicht und atme zitternd aus. "Ich kann doch nur... ehrlich zu ihm sein und ihm nichts vormachen. Und das habe ich nicht. Niemals. Ich habe ihn nie über meine Gefühle im Dunkeln gelassen. Und alles weitere... muss er selbst entscheiden."
Norazul schweigt für einen Moment. "Ja", seufzt er dann, "vielleicht ist das so. Ich habe auch nicht an Eurer Ehrlichkeit gezweifelt. Nur an Eurer Fähigkeit, zu erkennen, was Ihr anrichten könntet."
"Glaubt mir", flüstere ich, "das weiß ich. Und ich habe auch Angst davor."
Norazul erhebt sich langsam, bietet mir eine blasse Hand, um mir hochzuhelfen. "Ihr solltet nun schlafen gehen. Nehmt mir nicht übel, dass ich einen Freund vor Schaden bewahren will."
Ich schüttele wortlos den Kopf und schniefe noch einmal.
"Aber wenn Ihr noch einen Funken Hoffnung in Eurem Herzen habt, Tari... dann lasst ihn nicht ausgehen. Gute Nacht."
Mit diesen Worten schiebt der Nekromant mich durch den Vorhang hinaus auf den Gang, und ich gehe langsam die paar Schritte zum Eingang des Raumes, den Feanor und ich für diese Nacht teilen werden. Ich bleibe stehen, um mich zu sammeln, ich will nicht, dass er sieht, wie durcheinander ich bin, will keine Fragen beantworten müssen. Und ich habe Angst vor dieser Nacht, weil ich mit ihm allein sein werde, weil ich ihn so sehr begehre und doch diesen letzten Schritt noch nicht gehen will. Wie viel Selbstbeherrschung kann ich ihm zumuten? Und wie viel mir selbst? Minutenlang stehe ich nur da, warte darauf, dass mein Gesicht trocknet und entwirre geistesabwesend meine zerzauste Mähne mit den Fingern, während ich mich innerlich für die Versuchungen der Nacht stähle. Es wäre so viel einfacher gewesen, wenn ich das Zimmer mit Alesia hätte teilen können, aber dafür ist es nun zu spät.
Durch die Trennwände aus Häuten und Leinwand dringt jedes noch so kleine Geräusch. Ich meine, Stephans charakteristisches Schnorcheln identifizieren zu können, aber er ist nur eine Stimme in einem ganzen Chor von Schnarchern. In anderen Zimmern werden noch Gespräche geführt, mehr oder weniger lautstark, und irgendwo weiter vorn unterhält sich ein Pärchen in der universellen Sprache der Liebe. Das Stöhnen und Seufzen ist nicht misszuverstehen und trägt nicht gerade viel dazu bei, mich abzukühlen.
"Was war denn?", fragt Feanor, nachdem ich endlich den schweren Vorhang beiseite geschoben und den Raum betreten habe. Es ist so dunkel, dass ich ihn kaum erkennen kann. Er hat sich bereits zur Ruhe gelegt und hebt die Decke aus Ziegenfell an, damit ich darunterschlüpfen kann, doch ich blicke mich um, bis ich endlich den Stapel mit den Fellen finde. Ich suche ein besonders großes aus und wickele mich beinahe hektisch hinein, wie in einen Kokon, bevor ich mich neben ihm niederlege. So eingeschnürt wird es mir hoffentlich leichter fallen, mein eigenes Verlangen im Griff zu behalten - wenn ich seine Haut nicht auf meiner fühle. Wenn ich ihn nicht ansehe. Seinen warmen Atem nicht auf meinem Gesicht spüre. Wenn ich vergesse, dass uns hier niemand sieht.
"Nichts Wichtiges", murmle ich, während ich mich neben ihn lege und die Beine an den Körper ziehe. "Wir sollten schlafen."
Er legt den Arm um mich, zieht mich an sich und breitet das Fell über uns beide.
"Was wollte Norazul von dir?" Feanor schmiegt sich an meinen Rücken und vergräbt sein Gesicht in meinem Haar. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, dass die rauhen Felle entsetzlich jucken.
"Er... er macht sich nur Sorgen", flüstere ich schließlich unbestimmt.
"Worüber denn?" Seine Lippen hauchen einen Kuss auf mein Ohr. Ich beiße die Zähne zusammen und ignoriere das wohlbekannte Pochen, dass von meiner Magengrube aus langsam tiefer rutscht.
"Frag ihn am besten selbst. Morgen. Schlaf, Feanor. Wer weiß, wann wir wieder dazu kommen." Ich versuche, tief und regelmäßig zu atmen, damit wenigstens der Eindruck entsteht, als würde ich langsam einschlafen.
"Wie du willst... ich will dich nicht unnötig wachhalten. Shuì de háo, koishii." Eine winzige Spur von Enttäuschung klingt in seiner Stimme mit. Sicher hat er gehofft... oh, ich will gar nicht wissen, was er gehofft hat. Und so lausche ich seinen Atemzügen, die bald ruhig und gleichmäßig werden und warm an meinem Hals und in meinem Nacken prickeln, und ich kralle meine Finger in das übelriechende, kratzige Ziegenfell, starre mit weit geöffneten Augen schlaflos in die Dunkelheit, kämpfe mit meinen Wünschen und meinem Gewissen.
