Ankunft am Helgrind
Die nächste Etappe unserer Reise verlief im Allgemeinen sehr ruhig. Die meiste Zeit flog Saphira oberhalb der Wolken, damit wir vom Boden aus nicht zu sehen waren. Es würde uns nur unnötig Zeit kosten, sollten wir auf unserer Reise angegriffen werden, daher waren wir besonders vorsichtig. Tatsächlich mussten wir auf der Strecke nur ein einziges Mal Rast machen. Wir waren mitten in der Nacht los geflogen und machten keine Pause, bis es der Abend des nächsten Tages war. In jener Nacht fühlte es sich so an, als wären wir wieder mit Brom unterwegs, ganz am Anfang unserer Ausbildung, denn wir hatten uns eine Lichtung tief im Wald zum Ausruhen gesucht.
Seufzend hatte ich mich an diesem Abend von Saphira geschwungen und auf den Boden gesetzt. Ein Feuer entzündeten wir gar nicht erst. Wenn ich mich an Saphira lehnte würde mir nicht kalt werden, Saphira hatte mir gesagt, dass sie tatsächlich einen Hirsch gefangen hatte, bevor wir los geflogen waren und meine Mahlzeit war kalt. Warum also sollten wir unnötig auf uns aufmerksam machen?
Leicht wehmütig ließ ich meine Gedanken abschweifen. Nicht weit von hier hatten wir damals Brom, meinen Vater, beerdigt, nachdem er durch den Überfall der Ra'zac gestorben war. Es tat noch immer weh, dass ich zu seinen Lebzeiten nicht gewusst hatte, wer Brom war. Doch es half zu wissen, dass Saphira und ich ihm ein würdiges Grab gemacht hatten, da Saphira es mit einem Anflug ihrer unerklärlichen Drachenkräfte in Diamant verwandelt hatte. Ich hatte mir fest vorgenommen es zu besuchen, wenn dieser Krieg vorbei war.
Kopfschüttelnd holte ich mich in die Gegenwart zurück. Ich spürte, wie Saphira bereits am Einschlafen war und ließ sie in Ruhe. Immerhin hatte sie den größten Teil der Arbeit geleistet, sie war so viele Stunden am Stück geflogen, während ich mich auf ihrem Rücken ausruhen konnte. Schuldbewusst stellte ich fest, dass ich das vielleicht zu sehr getan hatte. Obwohl ich versucht hatte, mir über meinen wahren Namen Gedanken zu machen, so war ich doch immer wieder abgeschweift. Dabei half es nicht gerade, dass ich absolut keinen Ansatz hatte, wie ich bei der Sache überhaupt vorgehen sollte.
„Ach, es hat jetzt auch keinen Sinn mehr, ich bin erschöpft, also sollte ich mich auch hinlegen", dachte ich bei mir selbst und folgte der Idee auch gleich nachdem ich noch so viel Energie, wie ich entbehren konnte, in Beloths Gürtel übertragen hatte und glitt in meinen tranceartigen Zustand hinüber, der mir den Schlaf ersetzte.
Am nächsten Morgen wurde ich von Saphira geweckt, die mich besorgt weckte. Auf meine Nachfrage hin erklärte sie mir, dass sie ein Rascheln um uns herum wahrnahm, aber seine Quelle nicht wirklich ausmachen konnte. Nun ebenfalls besorgt sandte ich rasch meinen Geist aus, konnte jedoch wie sie auch nichts spüren, was die Besorgnis rechtfertigen würde. Ich war gerade wieder in meinen Körper zurückgekehrt, als es in einem Busch, der uns direkt gegenüber war, zu Rascheln begann. Ich spürte wie sich Saphiras Muskeln anspannten und mir erging es auch nicht besser und gespannt und auf alles gefasst, starrten wir erwartungsvoll auf den Busch.
Aus diesem Busch… hoppelte ein kleiner Hase. Meine Augen weiteten sich und Saphira starrte fassungslos auf das kleine Tier. Nach einem Moment begann ich ohne Kontrolle zu prusten. Es war ein befreiendes Gefühl so zu lachen. Es war eindeutig, wie angespannt Saphira und ich durch unsere Aufgabe geworden waren und es tat gut diese Anspannung durch Gelächter hinaus zu lassen. Auch Saphira stimmte bald in mein Lachen ein und ihre Drachenlache klang so komisch, dass ich noch mehr lachen musste.
„Ich habe so sehr nach großen und bedrohlichen Geistern um mich herum gesucht, dass ich dieses kleine Lebewesen gar nicht wahr genommen habe", erklärte ich Saphira.
„Ich hätte auch mehr auf meine Sinne hören können. Jetzt wo ich ihn sehe kann ich den Hasen eindeutig riechen, aber habe darauf vorher gar nicht geachtet. Genau genommen habe ich Lust ihn zu verspeisen", antwortete der Drache.
Doch ich hob die Hand an ihre Schnauze, um sie davon abzuhalten nach dem Hasen zu schnappen und sagte: „Du weißt ich verbiete dir nicht Fleisch zu essen, aber dieser kleine Hase hier hat uns gerade unwissentlich dabei geholfen, uns darüber klar zu werden, dass zu viel Anspannung uns unachtsam macht. Ich finde dafür hat er es verdient zu leben, meinst du nicht?"
Saphira sah mich einen Moment nachdenklich an, dann nickte sie und knurrte den kleinen Hasen nur einmal an, damit dieser sich erschreckte und aus der Lichtung heraus hoppelte. Nach einem kleinen Frühstück und von dieser Eskapade mental gestärkt, zog ich mich wieder auf Saphiras Rücken. Erst als wir in der Luft waren, erkannte ich, wie weit wir tatsächlich bereits gekommen waren. Einen Moment war ich wirklich überrascht, denn bei dieser Entfernung und unserer Geschwindigkeit würden wir bereits an diesem Abend am Helgrind angekommen sein. Aber eigentlich sollte es mich nicht überraschen. Drachen hörten nie auf zu wachsen und in all der Zeit, die vergangen war seit wir das letzte Mal diese Strecke zurück gelegt hatten, war Saphira um einiges größer und damit auch um einiges stärker und schneller geworden. Es überraschte mich ein bisschen, dass mir das nicht bereits vorher aufgefallen war, doch ich nahm an, dass es meiner Abgelenktheit durch andere Sachen zu schulden war.
Der Tag ging schneller vorbei, als es mir lieb war. Noch immer hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie ich meinen eigenen Namen erkennen sollte. Natürlich konnte ich einigermaßen meine Charakterzüge einschätzen, aber das brachte mich nicht wirklich weiter. Frustriert starrte ich vor mich hin, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Als es begann zu dämmern, konnte ich in der Ferne die Umrisse des Helgrinds ausmachen. Ich biss die Zähne zusammen, sauer auf mich selbst. Jetzt, wo es ernst wurde, konnte ich noch immer nicht meine Aufgabe erfüllen. Welchen Nutzen hatte ich so für die Varden? Ich kannte mich ja nicht einmal gut genug, um meinen eigenen wahren Namen herauszufinden. Und in diesem Fall konnte das großen Einfluss darauf haben, ob die Varden aus diesem Krieg siegreich hervorgingen oder nicht.
„Eragon", brummte Saphira in meinem Kopf. Sie hatte wohl gemerkt, wohin meine Gedanken gerade gingen. „Du tust so, als wäre es das einfachste auf der Welt seinen eigenen wahren Namen zu erkennen. Aber du weißt genauso gut wie ich, was Oromis dazu gesagt hat. Selbst die geübtesten Elfen brauchen manchmal über hunderte von Jahren, um ihre wahre Namen zu erkennen, wenn sie es denn schaffen. Unsere Umstände sind natürlich besonders, aber deswegen solltest du dich selbst nicht schlechter machen, als du wirklich bist."
Missmutig stimmte ich ihr zu und starrte weiter nach vorne. Aber sie hatte natürlich Recht. Das war genau das, was Oromis und Glaedor uns beigebracht hatten. Ich sollte mehr Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten zeigen. Wer weiß, vielleicht würde es mir mehr bringen, wenn ich an mich glaubte? Ich zweifelte daran, aber schaden konnte es ja bestimmt nicht.
„Was meinst du? Sollten wir direkt im Helgrind landen?"
Auf diese Frage hinweg meinte Saphira: „Ja, ich denke das wäre das Beste. Du weißt nicht welche Gefahren am Fuße des Turms auf uns warten würden. Und es schien das letzte Mal, als wären die Ra'zac die einzigen gewesen, die von dem Zugang wussten. Wir sollten trotzdem auf einen Angriff gefasst sein."
Mit diesem Beschluss hielt die Drachendame nun direkt auf den riesigen schwarzen Turm zu. Dadurch, dass wir mit Roran damals hier gewesen waren, wussten wir bereits, wo der Eingang war und mussten nicht, wie letztes Mal, erst danach suchen. Ich schloss die Augen, als wir auf die richtige Stelle in der schwarzen Wand zuhielten. Sie sah so undurchdringlich aus und obwohl ich wusste, dass es nur ein Zauber war, erschien die Wand mir doch zu real um mit offenen Augen darauf zuzufliegen.
Eine Sekunde später waren wir von Dunkelheit umschlossen. Ich öffnete die Augen, sah jedoch nichts, da kein Licht von der anderen Seite des Zaubers durchgelassen wurde. Rasch murmelte ich einen Zauber, der eine kleine leuchtende Kugel über unseren Köpfen erscheinen ließ und unsere Umgebung erleuchtete. Dann kletterte ich von Saphira hinunter und begann mich umzusehen. Als ich nichts Bedrohliches erkennen konnte, sannte ich meinen Geist aus, um die Umgebung damit abzutasten.
Ich konnte kein weiteres Lebewesen außer mir und Saphira fühlen. Nicht einmal ein paar Insekten hausten im Helgrind. Für einen Moment war ich verunsichert. Doch rasch schob ich dieses Gefühl beiseite. Das hatte nichts zu bedeuten. Wer wusste schon, was das Verließ der Seelen wirklich war und was mich darin erwarten würde. Vorausgesetzt, dass ich es tatsächlich schaffen würde hinein zu kommen. Denn das war die Aufgabe vor der ich jetzt stand.
Saphira und ich standen uns gegenüber. Wir hatten es zwar nie ausgesprochen, aber wir wussten doch beide bereits von Anfang an, dass sich unsere Wege hier trennen würden. Ich hatte zwar mit der Traumsicht die Tür, die sich bei meinem letzten Besuch nicht öffnen ließ, gefunden, jedoch waren die Gänge des Helgrinds schmal. Zu schmal für einen Drachen. Selbst die Lethrblaka, die Flugtiere und gleichzeitig Eltern der Ra'zac, hatten nicht hindurch gepasst. Ich würde den restlichen Weg also alleine zurücklegen müssen.
Ich strich Saphira sanft über die Nüstern. Ihre Unruhe konnte ich nicht übersehen und ich verstand sie auch. Wir waren in feindlichem Gebiet. Uns hier zu voneinander zu trennen war alles andere als ungefährlich. Aber wir wussten beide, dass es nötig war. Ein paar Schritte zurücktretend, sah ich in ihre großen, wunderschönen und besorgt dreinblickenden blauen Augen.
„Ich weiß, dass es keinen Sinn hat dir zu sagen, dass du dir keine Sorgen machen sollst. Aber du weißt, dass ich auf mich aufpassen kann. Und ob du auf dich aufpassen kannst steht gar nicht zur Debatte. Wir haben bisher noch alles geschafft."
„Kleine, wenn ich nicht auf dich aufpasse bist du verloren. Deswegen bin ich hier und passe auf dich auf. Und wenn du da unten angegriffen wirst, dann werde ich nicht zögern den Helgrind in Schutt und Asche zu zerlegen und dir zur Hilfe zu kommen."
Ihr war es ernst und wir wussten es beide. Ich nickte nur, strich ihr erneut über die Nüstern und drehte mich den dunklen Gängen zu. Wenigsten würde ich Saphiras mentale Unterstützung haben. Mit ein paar gemurmelten Worten ließ ich eine zweite Lichtkugel erscheinen, die andere würde ich bei Saphira lassen, und machte mich auf die Suche nach dem Verließ der Seelen.
