53. Not Goodbye
Er wusste nicht, warum er hergekommen war. Er mied die Verwahrung für gewöhnlich, wollte nichts mit den Leuten hier zu schaffen haben. Er fühlte sich nicht wohl in diesem Bunker, aber heute… hatte er eine Ausnahme gemacht.
Vielleicht, weil Harry ihm fünf Nachrichten hinterlassen hatte, dass er zu Ginny und ihm kommen sollte, vielleicht, weil er trotzig war. Ein Arschloch, ein Masochist. Es war nämlich keine Freude, stattdessen hier zu sein.
Aber irgendetwas hatte ihn genau hierher gezogen.
„Weasley", begrüßte ihn die Tageswache, und er hatte Peter Declan als groben Schläger in vager Erinnerung. Aber er beschloss, nicht viel Zeit zu verlieren, nicht zu lange zu zögern.
„Wo ist Malfoy", wollte er also ohne eine Begrüßung wissen. Declans Mundwinkel zuckten bitter.
„Aufenthaltsraum", entgegnete die Wache unfreundlich, und Ron schritt zügig weiter. Die nächste Wache vor den doppelten Stahltüren ließ ihn am Ende des Flurs eintreten, und sein Blick flog über die trostlosen Stahltische, an denen die Verurteilten saßen, die bald nach Askaban überführt werden sollten.
Malfoy saß alleine an einem Tisch, den Kopf über ein Buch gebeugt. Es war bezeichnend, dass ihm die Uniform nicht über den Oberkörper passte, und er deshalb ein Trainingsshirt der Auroreneinheit bekommen hatte. Seine hellsilbernen Haare waren auffallend, und seine Bräune immer noch ungewohnt.
Ron blieb schließlich vor dem Tisch stehen und wartete, bis Malfoy ihn registriert hatte. Dieser hob den Blick, wirkte aber nicht überrascht. Eisgraue Augen musterten ihn.
„Ja?", fragte Malfoy ihn, mit tiefer Stimme, und Weasley setzte sich ihm gegenüber, wollte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als ohnehin schon.
Und er sagte gar nichts, stützte sich auf seine Ellbogen, vergrub kurz den Kopf in seinen Händen, und überlegte krampfhaft, was er hier wollte.
„Bist du hier, um mich zu verprügeln?", vermutete Malfoys Stimme ruhig, und Ron glaubte, er klang auch noch amüsiert. Hastig hob sich sein Kopf wieder, und sein Mund öffnete sich knapp.
„Sollte ich das?", fragte er tatsächlich, und Malfoy ruckte mit dem Kopf.
Aber Ron wusste, was er hier wollte. Und es war erbärmlich.
„Warum hat sie dich genommen?", entkam es ihm beinahe hastig, beinahe beschämt. Malfoys linke Augenbraue wanderte höher, und er musterte ihn prüfend.
„Ich weiß es nicht", räumte er tatsächlich ein. „Schicksal, nehme ich an." Und es war so befremdlich. Fast hatte Ron vermutet, Malfoy würde die Verbindung zu Hermine zunächst abstreiten, aber er schien lange darüber hinaus zu sein, Dinge abzustreiten, nahm Ron an. Wahrscheinlich hatte er genug Zeit gehabt, sich zu bekennen. Einfach zu akzeptieren, dass Hermine und er… zusammen waren. Es schmerzte oberflächlich, stellte Ron verblüfft fest. Es war eine Frage des Stolzes. Viel tiefer als das ging es kaum.
Wieder atmete Ron aus. „Bereust du es?", wollte er dann wissen, und er antizipierte Malfoys Frage.
„Was?" Denn es gab tausend Dinge, die in diesem Zusammenhang bereut werden konnten. Eigentlich jede Entscheidung, die Malfoy in seinem Leben hatte treffen können, die ihn hierher gebracht hatte.
„Den Portschlüssel berührt zu haben?" Und so viel hing an dieser Frage. So viel. Und Malfoy würde es vielleicht nicht einmal wirklich verstehen. Aber Ron verstand.
„Nein", sagte er, fast gleichmütig, fast sofort.
Und Ron hatte geglaubt, wütend zu sein. Malfoy zu hassen. Aber er fühlte gar nichts. Zumindest keine Wut. Malfoy bereute es nicht. Da hieß, er liebte Hermine. Er musste sie wirklich lieben. Und vielleicht hatte Ron niemals wirklich Sorge gehabt, dass Hermine tot wäre und nicht wiederkäme. Nein, vielleicht hatte er immer nur Sorge gehabt, dass sie ihn ersetzen könnte. Vielleicht war er so ein Arschloch. Und… scheinbar war er ersetzt worden. Mit dem nächstbesten Todesser, der Hermine über den Weg gelaufen kam. Es war bitter. Und es war der einzige Grund, warum es ihm so übel aufstieß. Er war so viel besser als Malfoy.
„Ich… hatte ihren Verlust nicht gut überwunden", begann Ron aus heiterem Himmel, einfach weil es für ihn wichtig war. Für ihn und sein Seelenheil. „Und im Moment bin ich auch nicht unbedingt ein guter Freund. Für Hermine", ergänzte er knapp. „Und ich kann dich nicht leiden, aber… bald bist du fort, und ich… wollte dich nur wissen lassen, dass… ich es dir nicht übelnehme." Das tat er sehr wohl, aber aus dummen Gründen. Vor allem, weil es nicht viel half eifersüchtig auf einen bestraften Todesser zu sein, der nach Askaban käme. Malfoy war nie eine Bedrohung und würde es auch nicht sein.
Malfoy wirkte etwas perplex, auch Ron hatte nicht mit solchen Bekenntnissen gerechnet.
„Ok", war alles, was Malfoy erwiderte. „Ich… würde gerne das Buch zu Ende lesen, wenn es dich nicht stört", ergänzte er, hob das Buch höher, was er gelesen hatte, und Ron nickte nur. „In Askabn darf man nicht lesen", erläuterte Malfoy bloß. „Und ich hatte fast ein Jahr kein Buch mehr in der Hand", schloss er bloß. Und fast war es so typisch Hermine, was er sagte, dass Ron stutzen musste.
Ihm waren Bücher ziemlich egal. Ihm war Malfoys Meinung ziemlich egal. Und gleichsam bemerkenswert war wohl, dass auch Malfoy Rons Gefühlsregungen absolut egal waren. Rons Offenbarung, ihn nicht leiden zu können, prallten an Malfoy ab.
„Ok", erwiderte Ron bloß, lehnte sich zurück und atmete aus. Er fühlte sich besser, auch wenn er nicht wusste, warum. Der Titel des Buches war ‚Der Zauberdschungel'. Verblüfft stellte Ron fest, dass er das Buch kannte. Er hatte es selber im Fuchsbau im Regal stehen gehabt.
Und er blieb noch eine ganze Weile im Aufenthaltsraum sitzen, betrachtete Malfoy, und hing seinen Gedanken nach. Es half ungemein, den Mann zu sehen, der ihn ersetzt hatte. Und es stach minimal, dass er zugeben musste, dass dieser Mann objektiv wohl in der Lage gewesen war, ein guter Mann für Hermine zu sein und sie hatte zurückbringen können. Und erst als die Wachen ihn aufforderten, verließ er Malfoys Tisch. Die Verurteilten mussten in die Verwahrungszellen zurück.
Und er nahm an, Harry und Ginny warteten schon. Länger konnte er sich nicht mehr verstecken.
Eigenartiger Weise hatte er plötzlich abgeschlossen. Hermine gehörte nicht ihm. Hatte sie wahrscheinlich nie. Und… es war kein Verlust, stellte er fest. Es war lediglich ein unangenehmes Gefühl, irgendwo tief in seinen Gedanken. Aber… er würde nicht sterben davon. Die Beziehung, die er mit Hermine geführt hatte, wirkte in seiner Erinnerung wesentlich erheblicher als sie es in Wahrheit wohl jemals gewesen war.
Erleichtert öffnete er die Tür. Denn ihm waren alle belanglosen Gesprächsthemen vor einer ganzen Weile ausgegangen, und er hatte Pansy Parkinson bereits zur zweiten Tasse Tee genötigt. „Da bist du ja endlich!", entkam es ihm gepresst, als er Ron praktisch gewaltsam am Arm ins Innere zog. „Komm rein", fuhr er ungeduldig fort, und Ron schenkte ihm einen fragenden Blick. Harry beurteilte sein Aussehen als einigermaßen ausgeschlafen. Ron wirkte etwas blass, etwas müde, aber immerhin war er nüchtern und ansprechbar.
Das reichte ihm völlig aus. Und im Türrahmen zum Wohnbereich blieb Ron stehen.
„Ja, wir haben Besuch. Äh… Ginny hat Pansy eingeladen. Und… ihr kennt euch ja", fasste Harry die seltsame Situation etwas unbeholfen zusammen, aber bei Merlin, er hatte keine Ahnung, was Ginny plante. Gut, vielleicht schon. Aber er hielt davon nichts. Es war einfach nur seltsam. Und Pansy wirkte genauso überrascht. Aber das wunderte Harry nicht, denn keiner der beiden wusste, dass der andere hier sein würde. Warum auch?
Und er verabscheute Ginny kurz dafür, ihn mit dieser Situation alleine zu lassen, während Hermine und Ginny im Garten sonst was veranstalteten. Aus dem Fenster hatte er lediglich erkennen können, dass sie ihre Wut – oder was auch immer – an Gießkannen, alten Schuhen und sonstigen Gegenständen des kleinen Schuppens ausließen. Diese zerstörten sie nämlich auf einigem Abstand mit dem Diffindo-Zauber, und Harry hatte noch keine Zeit gehabt, dieses eigenartige Verhalten zu analysieren. Nein, er war für die Verkupplung seines besten Freundes verantwortlich. Anscheinend.
„Hey", sagte Ron tatsächlich, etwas teilnahmslos, und Pansy wirkte alles andere als begeistert. Und sie schien diesen Plan sehr schnell zu durchschauen.
„Was soll das?" Sie wandte sich direkt an Harry, und am liebsten wollte Harry alles auf Ginny schieben, aber er beherrschte sich.
„Hermine wollte, dass wir uns alle sehen. Ich weiß nicht, worum es geht, aber ich weiß, dass es wichtig ist." Das waren die spärlichen Informationen, die ihm großzügigerweise mitgeteilt worden waren.
„Ich denke, ich werde gehen", erwiderte Pansy knapp und erhob sich vom Tresen.
„Bleib!", bat Harry sie mit erhobenen Händen. „Ich… hole Hermine, und sie erklärt, was sie erklären möchte, und – bitte bleib noch so lange. Dann kannst du gerne sofort verschwinden." Pansy zögerte einen Augenblick, betrachtete Ron, als würde er giftige Substanzen absondern, die möglicherweise ihr Schuhwerk vernichten würden, würde sie länger als nötig in ihrem Wohnzimmer bleiben, aber dann seufzte sie auf.
„Fünf Minuten", räumte sie also ein, und Harry schenkte ihr ein nervöses Lächeln. Er hatte nicht vor, in fünf Minute wieder da zu sein. Seine Aufgabe war gewesen, beide in ein Zimmer zu bekommen, und beide alleine zu lassen. In seinem Haus. Das ging ihm gegen den Strich. Aber er wusste, Pansy war die einzige Frau, die Ron mehr als einmal erwähnt hatte. Es musste irgendetwas bedeuten. Vielleicht hatte Ginny da schon Recht.
Aber ihm war es mehr oder weniger egal, denn er wollte wirklich hier weg.
Es war so unangenehm. Und sie glaubte, sie war mit Absicht in eine Falle gelockt worden. Sie hatte sich schon gewundert, warum Ginny Weasley darauf bestanden hatte, sie zu begleiten.
„Was tust du hier?" Und er stellte diese Frage, als wäre sie der Eindringling hier. Was sie vielleicht auch war. Sie war sich schon nicht mehr sicher, wer hier wen manipulierte.
„Gar nichts", wehrte sie seine Frage ab und blickte starr nach vorne. „Hätte ich gewusst, dass du hierherkommen würdest, wäre ich auch nicht hier", erläuterte sie eindeutig, und ratlos vergrub er die Hände in seinen Jackentaschen.
Er rührte sich nicht. Kam nicht näher, und Pansy wollte sterben.
„Ich… komme aus der Verwahrung", sagte er dann aus dem Kontext heraus, und diesmal hob sich ihr Blick zu seinem Gesicht. „Ich war… bei ihm."
Er meinte Draco, nahm sie an. Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, warum. Aber sie sagte gar nichts. Was sollte sie sagen? Warum war er da gewesen? Irgendwie war es offensichtlich, oder nicht? Hermine war zurück und Ronald Weasley hatte erneut die Chance, mit ihr zusammen zu sein, denn Draco würde ins Gefängnis gehen. Sie kam sich bescheuert vor.
Sie glitt vom Hocker und griff sich ihre Jacke, die neben ihr lag.
„Sag deinen Freunden, dass… ich gehen musste." Sie sah ihm nicht direkt ins Gesicht.
„Aber Harry meinte-", begann er tatsächlich, aber sie schüttelte nur den Kopf.
„Was habe ich wirklich mit euch zu tun? Ich brauche nicht das fünfte Kutschenrad zu sein, wirklich. Harry und deine Schwester, du und…-"
„-ich und wer?", unterbrach er sie tatsächlich, und sein Blick war so entwaffnend. Sie sah ihn für diese Antwort an.
„Weasley, ich weiß nicht", erwiderte sie scharf. „Du und sämtliche Reinblüterinnen innerhalb und außerhalb unseres Jahrgangs, du und Hermine, wie es aussieht und-"
„-ich muss mich nicht rechtfertigen!", warnte er sie, und sie schenkte ihm ein Lächeln.
„Nein, du musst absolut überhaupt nichts. Vor allem, nicht mehr mit mir reden", erklärte sie überdeutlich und wandte sich ab. Sie schritt an ihm vorbei in den Flur, und sie hörte die Dielen knarren, als er ihr folgte.
„Warum bist du hier, Pansy?", fragte er sie erneut. „Im Haus meiner Schwester? Es muss dir doch zumindest unterbewusst klar gewesen sein, dass die Möglichkeit besteht, dass ich hier auftauche?"
Zornig drehte sie sich wieder um. „Ist das dein Ernst? Die Möglichkeit, dass du angezogen oder nüchtern bist, scheint schon weit hergeholt. Also entschuldige, wenn ich deine Anwesenheit nicht in Erwägung gezogen habe!"
Und tatsächlich lachte er auf.
„Wahnsinnig witzig", entgegnete er anerkennend. „Womit hat Ginny dich dann hergelockt?", wollte er herausfordernd wissen, aber sie verzog den Mund.
„Mir geht es alleine um Draco, Weasley! Nicht alles dreht sich um dich! Und Draco wird nach Askaban gehen, und hier hatte ich die Chance, noch ein wenig mehr über ihn zu erfahren. Hermine und er sind verheiratet, falls du es nicht weißt."
„Sind sie nicht", widersprach er fast sofort.
„Sind sie wohl", korrigierte sie ihn kalt.
„Weißt du, wie scheiß egal mir das ist?", fuhr er sie dann an. „Meinetwegen können sie Vater-Mutter-Kind spielen, so tun, als hätten sie geheiratet – mir egal!"
„Tatsächlich?" Sie sah ihn demonstrativ an. „Du bist eifersüchtig, schön! Aber-"
„-bin ich nicht", unterbrach er sie fast ungläubig. Und kurz verwirrte sie diese Aussage. Aber sie beschloss, darauf nicht einzugehen.
„Ich zumindest hatte meine eigenen Gründe, hier zu sein. Und du bist keiner davon."
„Ok", räumte er dann ein. Kurz hatten sich seine Arme fast abwehrend gehoben.
„Ich wünsche dir noch viel Spaß mit… mit…", seine Augenbrauen hoben sich abwartend, „… mit all deinen anderen Frauen", schloss sie etwas lahm, und kurz flackerte etwas in seinem Blick. Sehr kurz. So kurz, dass es kaum Verständnis sein konnte, aber dann verlor seine Haltung merklich an Angriff und Abwehr.
Und sein Blick war so offen, und fast glaubte sie, dass er erklären wollte, denn seine Lippen teilten sich, aber sie konnte nicht.
So wie er sie jetzt ansah, wusste sie schon, dass sie die Tür für ihn öffnen würde, würde er beschließen, zu ihr zu kommen. Und er brauchte nicht sehen, dass er einen Effekt auf sie ausübte, dem sie sich nicht verwehren konnte.
„Pansy-", begann er, und alleine ihr Name aus seinem Mund reichte schon. Sie wollte es nicht hören.
„-schon gut", unterbrach sie ihn. „Lass… mich einfach gehen."
Sie hörte, wie sich die Verandatür öffnete. Ohne seine Antwort abzuwarten, schlüpfte sie nach draußen, weg von ihm. Weg von seinen Freunden und seiner Schwester. Ihn gesehen zu haben, hatte ihr Herz viel zu schnell schlagen lassen. Und sie war diejenige gewesen, die nichts Ernstes mit ihm hatte anfangen wollen. Und deshalb wollte sie sich gar nicht seine Worte anhören. Er schuldete ihr nichts.
Sie wusste, sie würde heute Abend wieder traurig sein. Aus so vielen Gründen.
„Wo ist Pansy?", fragte Ginny gänzlich enttäuscht, und Ron wirkte gereizt. Hermine hatte ihn eine Weile nicht mehr gesehen. Und ehrlich gesagt, erkannte sie ihn kaum. Aber sie nahm, dasselbe galt für sie auch.
„Was sollte das?", fragte er Ginny tatsächlich. „Macht dir das Spaß?"
„Spaß? Zu sehen, wie es dir schlecht geht, macht mir keinen Spaß. Pansy ist wirklich nett", räumte Ginny achselzuckend ein.
„Wirklich? Wenn du sie so nett findest, warum quälst du sie dann?"
„Mit was? Deiner Existenz?" Ginny verschränkte die Arme vor der Brust. Hermine und Harry standen reichlich nutzlos neben den Geschwistern, die sich zornig anfunkelten.
„Oh, tu nicht so!", warnte Ron sie jetzt, aber Ginny reckte trotzig das Kinn vor.
„Ich kann nichts dafür, dass du gänzlich unfähig bist", erwiderte sie direkt.
„Unfähig?", wiederholte Ron wütend. „Was genau schwebt dir vor? Hermine hat keine Gefühle mehr für mich, deswegen suchst du die nächstbeste, die sich erbarmt?"
„Ron-!"
„-vielen Dank, Ginny, aber ich komme gut alleine zurecht", unterbrach er sie kalt. „Und selbst wenn nicht", fuhr er kopfschüttelnd fort, denn Ginny schien ihm widersprechen zu wollen, „dann brauche ich garantiert nicht deine Fürsorge!", knurrte er.
„Pansy mag dich. Sehr", ergänzte Ginny mit beleidigtem Nachdruck.
„Oh Merlin!", entfuhr es Ron fassungslos. „Was geht es dich an, verdammt? Lass es einfach sein!"
„Du bist so undankbar", entfuhr es Ginny zornig.
„Unfähig, undankbar – sonst noch irgendwas, was meiner fabelhaften Schwester missfällt?" Und es war unangenehm, aber fast erfüllte Hermine etwas, wie eine seltsame Nostalgie.
„Noch eine ganze Menge mehr!", behauptete Ginny, und Hermine glaubte, gleich würden sich beide auf dem Fußboden prügeln.
„Ich werde euch wirklich vermissen", entfuhr es Hermine mit belegter Stimme, aber mit einem sanften Lächeln. Ron riss den Blick von seiner Schwester los und sah sie an.
„Wo geht es hin?", fragte er sie, nicht völlig neutral und gleichmütig, aber Hermine war schon froh, dass er überhaupt aufgetaucht war. Und immer noch lächelnd schloss sie den Abstand und gab auch Ron, was er längst verdient hatte. Sie breitete die Arme aus und schlang sie um seinen Oberkörper. Er war größer als Draco. Sie hatte das Gefühl von Ron vollkommen verdrängt und vergessen.
Sie erinnerte sich an die unzähligen Nächte zu Beginn, als sie nur von Ron geträumt hatte, ihn so sehr vermisst hatte, dass sie geglaubt hatte, sterben zu müssen, alleine beim Gedanken an ihn. Und sehr langsam spürte sie, wie er sich entspannte, wie er in die Knie ging und die Umarmung erwiderte. Der Ärger, der in der Luft lag, verrauchte langsam.
Und sie erkannte seinen Geruch wieder. Ihre Erinnerungen kehrten deutlich zurück. „Ich liebe dich", flüsterte sie. „Immer." Und seine Umarmung wurde fester, merklich fester. Sie glaubte, sie spürte ihn zittern, und sie glaubte, sie konnte seine Tränen auf ihrer Schulter fühlen.
Und sie wusste plötzlich, was es bedeutete, dass sie gehen würde. Den Preis, den es kostete.
Irgendwann löste sie sich von Ron, und dieser wischte sich hastig über das Gesicht. Bevor es unangenehm werden würde, riss sie sich zusammen.
„Ich… ich hätte eine Bitte", begann sie schließlich, scheuer als sie es von sich gewohnt war. Harry atmete lange aus.
„Du meinst, etwas anderes, als das Ministerium mit Vielsafttrank zu täuschen, dir seltsame Dinge zu besorgen, die du im Gästezimmer einschließen kannst und meine Bewerbung als Leiter der Auroren?" Er fasste sie streng ins Auge. Und Hermine könnte es alles erklären, aber sie zog es vor, es nicht zu tun.
„Ich danke euch dafür", versicherte sie Harry und Ginny gleichermaßen, und Ron zog die Stirn in Falten.
„Leiter des Büros?", wollte er zweifelnd wissen. „Harry hat doch gar nicht die Qualifikationen dafür", begann er kopfschüttelnd, aber Hermine lenkte ein.
„Es muss ja nicht unbedingt sofort passieren. Aber…"
„Aber Hermine hat Pläne und Geheimnisse. Deswegen hinterfragen wir nichts. Und ich würde gerne Leiter sein, wenn es bedeutet, dass Donald nicht mehr mein Vorgesetzter ist", fuhr Harry grimmig fort.
„Wir haben ohnehin geplant, dass Harry in der Abteilung aufstiegt", bemerkte Ginny achselzuckend.
„Na dann", schloss Ron spöttisch, aber Hermine wollte auf etwas anderes hinaus.
„Ich… würde mich sehr darüber freuen, wenn… wenn-"
„-wenn was?" Harry sah sie an, und sie zwang sich zu lächeln.
„Ich liebe euch. Alle. Und… bevor ich gehe, würde ich gerne… noch etwas Besonderes erleben. Mit euch. Und ich dachte, es wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt, dass ihr… nun… heiraten könntet? Jetzt, wo Ginny auch bald nach Plymouth will?", ergänzte sie vorsichtig, und Harrys Reaktion war durchaus sparsam.
„Heiraten? Jetzt?"
„Sonst werde ich es verpassen", erwiderte sie still.
„Du hast so viel verpasst, also…", begann Harry kopfschüttelnd.
„Aber das würde ich gerne erleben."
„Merlin, es klingt, als ob du stirbst", mischte sich Ron gereizt ein. „Ich meine, wenn du mit Malfoy abhauen willst, dann… kannst du doch inkognito ab und an vorbeischauen. Wo wollt ihr überhaupt hin?" Scheinbar durschaute Ron Dinge schnell. Wenn auch nicht völlig korrekt. Aber sie war schon überrascht genug, dass ihm ihre Beziehung zu Draco so wenig auszumachen schien. Und es beruhigte sie sehr. Sie würde ihre Freude also nicht deshalb verlieren. Nicht einmal Ron.
Aber Hermine kam um die Antwort herum, indem Ginny den Abstand schloss und sie fest an sich drückte.
„Ich liebe dich auch, Hermine. Und natürlich sollst du mit uns noch etwas Unvergessliches erleben!" Und prompt wandte sie sich Harry zu. „Harry James Potter?", begann sie, und Harrys Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. „Würdest du mich heiraten? Sehr bald?", fügte sie lächelnd hinzu, und Harry atmete resignierend aus.
„Immer, du Verrückte. Immer und Überall", antwortete er und musste grinsen. Ginny warf sich in seine Arme und küsste ihn so unverschämt, dass Hermine und Ron die Blicke senken mussten.
