Kapitel 49 – Des Stiers Hörner

Sich seiner Vergangenheit bewusst zu sein, heißt Zukunft haben.
Hans Lohberger

Mehr oder weniger ausgeschlafen machten sich Lucius und Hermine schließlich auf, um in die Große Halle zu gehen und dort das Frühstück einzunehmen. Wie nicht anders erwartet waren sie die Letzten, die am Lehrertisch Platz fanden. Galant schob Lucius ihr den Stuhl zu recht (was, wie immer, für ein Aufseufzen bei den Schülerinnen sorgte) und setzte sich dann selbst.

Minerva beugte sich besorgt hinüber. „Alles in Ordnung bei dir, Hermine?"

Die junge Hexe zwang sich zu einem Lächeln. „Aber natürlich, Minerva. Ich hatte nur ein kleines… Problem."

Die Direktorin nickte wissend und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

Das ‚kleine Problem', welches links neben Hermine saß, knurrte leise und ignorierte die links neben ihm sitzende Sibyll Trelawney, die sich gern unterhalten wollte (nicht umsonst saß sie am Ende des Tisches, weit ab von den anderen).

Hermine betrachtete ihn kurz aus den Augenwinkeln, bevor auch sie sich dem Essen zuwandte. Warum konnte er sie dermaßen aus der Fassung bringen? Normalerweise konnte sie sich sagen, dass es sie nicht weiter betroffen machen sollte, da Snape generell alles und jeden anfauchte. Warum nahm sie es sich also so zu Herzen?

Hermine unterbrach diesen Gedankengang und begann sich ein Brötchen zu schmieren und mit Salami zu belegen.

Es war nur Severus Snape, zwar auf seine eigene Art und Weise ein faszinierender Mann. Faszinierend? Ja, das musste er wohl sein, faszinierend und stark. Aber vielleicht lag seine chronisch schlechte Laune auch daran, dass er zu Voldemorts Zeiten immer unter absoluter Anspannung gestanden hatte?

Zusätzlich legte sie sich noch eine Scheibe Käse auf das Brötchen.

Wie kam es eigentlich dazu, dass sie sich jetzt schon um die ‚Fledermaus' Gedanken machte? Sie hatten nichts miteinander zu tun. Sie konnten sich beide noch nicht mal leiden. Konnte sie nicht einfach auch aufhören über ihn nachzudenken?

Zu guter Letzt legte nahm sie noch einen großen Klacks Marmelade.

Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie sich im Moment nicht so gut fühlte. Immer öfters musste sie sich morgens übergeben und ständig fühlte sie sich müde. Sie sollte später Poppy aufsuchen und sich etwas gegen Erkältung geben lassen.

Ein Räuspern unterbrach sie. Lucius sah sie mit kritischem Blick an. „Alles ok, mein Herz?"

„Ja, wieso fragst du?"

Sie erntete nur einen viel sagenden Blick auf ihr Brötchen. Hermine zuckte mit den Schultern. „Solltest du auch mal probieren. Es schmeckt herrlich."

Am Slytherintisch wurde es lauter. Offenbar stritten sich zwei Mädchen um irgendetwas. Lucius rollte genervt mit den Augen. „Lauren Zormat wieder. Sie macht nichts als Ärger. Da werde ich wohl einschreiten müssen." Mit einem liebevollen Blick auf Hermine erhob er sich und schritt auf seinen Tisch zu. „Zormat, Morlain, mitkommen", knurrte er streng. Da er sich sofort in Richtung Ausgang begab, konnte er den viel sagenden Blick der beiden nicht sehen.

Kurze Zeit später erhob sich auch Snape. Er nickte knapp in die Runde und ging in die Kerker, um seinen Unterricht vorzubereiten.

Gerade legte er den Stift hin und atmete tief durch, als es an seiner Bürotür klopfte. „Herein", zischte er.

Hermine betrat ein wenig ängstlich sein Büro. Sie hatte mit sich gerungen, doch letztendlich nahm sie sich vor den Stier bei den Hörnern zu packen. „Guten Morgen, Professor", murmelte sie.

„Was soll das? Sie haben bereits am Frühstückstisch ‚Guten Morgen' gesagt. Werden Sie ihr Anliegen los und verschwinden Sie dann. Der Unterricht beginnt gleich."

Hermine nickte, kam aber näher und setzte sich in einen der beiden Sessel, die vor seinem Schreibtisch standen. Er quittierte dies mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Setzen Sie sich doch", sagte er überzogen freundlich. „Darf ich Ihnen noch einen Kaffee anbieten? Vielleicht auch ein paar Plätzchen? Soll ich Minerva und Poppy bescheid sagen? Dann könnten wir gleich in trauter Runde ein frühes Kaffeekränzchen abhalten und uns über die neueste Ausgabe der ‚Hexenwoche' unterhalten."

Hermine warf ihm einen Blick zu, der deutlich machte, dass Sie an seinem Verstand zweifelte. Gerade als sie zum Sprechen ansetzen wollte, wurde sie ein wenig blasser um die Nasenspitze.

Wieder zog Snape eine Augenbraue hoch und inspizierte Hermines Verfassung genau. Gerade noch rechtzeitig konnte er ihr einen Eimer reichen.

„Wäre es machbar, dass Sie Ihr Frühstück demnächst woanders loswerden?", knurrte Snape, während er mit einem Schlenker seines Zauberstabes das Erbrochene verschwinden ließ.

„In Ordnung, ich komme das nächste Mal nach dem Mittagessen", konterte Hermine schwach lächelnd.

Snape konnte sich ein anerkennendes Lächeln nicht verkneifen. „Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte er schließlich.

Hermine atmete tief durch. „Ich wollte Sie eigentlich fragen, was genau Sie für ein Problem mit mir haben."

„Wer sagt, dass ich ein Problem mit Ihnen habe?"

Hermine stand auf und begann in Snapes Büro hin und her zu laufen. „Ich weiß, dass ich früher mal Ihre Schülerin war. Aber das ist Ewigkeiten her. Das kann doch nicht der einzige Grund sein, warum Sie andauernd versuchen mich fertig zu machen. Wir sind jetzt Kollegen, meinen Sie nicht, dass es langsam an der Zeit wäre die Vergangenheit ruhen zu lassen?" Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Ich will Ihnen doch nichts Böses. Im Gegenteil. Sie sind Luc' bester Freund. Ich möchte nicht, dass wir uns andauernd streiten. Schon allein seinetwegen nicht."

Snape sah Hermine ungläubig an. Hatte sie den Verstand verloren?

„Sie müssen mich ja noch nicht mal außerordentlich mögen, Professor. Ich möchte einfach nur normal mit Ihnen reden können. Ganz normal, wie gute Bekannte. Dann würden bestimmt sämtliche Zusammentreffen zwischen uns dreien entspannter verlaufen. Kostet dieses ständige sich anfeinden nicht auch bei Ihnen wahnsinnig Kraft? Wollen Sie ständig Streit mit Ihrem Freund in Kauf nehmen?"

Sie hatte ganz offensichtlich.

„Professor Snape, Severus", sie setzte sich wieder auf den Sessel. „Ich hab mittlerweile das ein oder andere von Ihnen erfahren... Keine Sorge nichts Persönliches. Aber ich weiß, dass Sie nicht so übel sind, wie Sie immer tun. Ich glaube sogar, dass wir beide ganz gut miteinander auskommen. Ich kann Ihre Vergangenheit zwar nicht vergessen, aber zumindest verstehen. Vergeben Sie sich selbst und fangen Sie an zu leben."

Snapes Empfindung wechselte von Unglauben zu Misstrauen. „Was genau wollen Sie eigentlich, Miss Granger, pardon Mrs. Weasley?", fragte er.

„Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau." Sie grinste schief. „Ich möchte nicht mehr solche Begegnungen wie gestern. Ich möchte ein entspanntes miteinander. Ich möchte nicht ewig das Gefühl haben, von Ihnen verachtet zu werden. Ich möchte… Vielleicht so etwas wie Freundschaft?"

Er tippte mit den Fingerspitzen auf die Sessellehne. „Nur damit ich es richtig verstehe. Sie bieten mir eine Freundschaft an?"

„Ja, genau. Genau das. Nicht mehr und nicht weniger. Professor, das Leben kann wunderbar sein. Nur lassen Sie das endlich mal zu. Ewig allein zu sein macht nicht glücklich. Gönnen Sie sich ein paar Freundschaften im Leben. Mit Lucius hat das doch auch geklappt… Ich bin mir sicher, er würde sich darüber freuen. Wenn wir uns verstehen würden." Sein Gesichtsausdruck irritierte sie. Sie hatte das Gefühl etwas ganz furchtbar Dummes gesagt zu haben und jeden Moment von ihm aus seinem Büro gejagt zu werden. Doch entgegen aller Vermutungen brach Severus Snape in schallendes Gelächter aus. „Er … verstehen", jappste Snape immer und immer wieder.

Es dauerte bis er wieder Luft bekam. „Warum sehen Sie mich so schockiert an, Hermine?"

„Sie haben gelacht."

Diesmal biss er sich auf die Lippen. „Ja und? In der Regel ein nachvollziehbares menschliches Gefühl. Sie Lachen doch auch gern."

„Ich.. Ich wusste gar nicht, dass Sie überhaupt lachen können."

Seine Augenbrauen zogen sich verdächtig zusammen. „Sie bieten mir auf der einen Seite Freundschaft an, auf der anderen Seite beleidigen Sie mich? Was denn nun? Entscheiden Sie sich endlich."

„Es tut mir Leid", beeilte sie sich ihn zu beschwichtigen. „So war das nicht gemeint. Aber Sie müssen zugeben, Sie lachen zu hören ist schon eine eher seltene Angelegenheit."

Er warf ihr einen missbilligenden Blick zu und begann sich die Schläfen zu massieren.

„Haben Sie Kopfschmerzen? Soll ich Poppy holen? Kann ich sonst irgendwas für Sie tun? Ich-"

„Verdammt, Mädchen, alles was ich brauche befindet sich in diesem Raum. Poppy braucht sich um nichts zu kümmern." Er sank zurück in seinen Stuhl.

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe. „Wissen Sie, Professor, damit komm ich nicht klar. Auf der einen Seite sind Sie richtig freundlich zu mir und ich beginne gerade Sie zu mögen. Dann kommen Sie daher und machen alles wieder mit ein paar Sätzen kaputt. Warum hassen Sie mich? Ist es wegen Harry?"

Er starrte weiter auf die Tischplatte.

„Ich weiß, dass Sie James nicht mochten, wegen Lily, aber-"

„ES REICHT!", brüllte er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Lassen Sie Potter aus dem Spiel und vor allem Lily."

„'Tschuldigung", gab sie kleinlaut zurück.

Snape fuhr in versöhnlicherem Ton fort. „Ich hasse Sie nicht, Mrs. Weasley."

„Was ist es dann? Bitte sagen Sie es mir."

„Tun Sie nur so oder sind Sie tatsächlich so naiv?"

Erbost starrte Hermine ihn an. „Nur weil ich ein wenig jünger bin als Sie, gibt Ihnen das noch lange nicht das Recht mich zu beleidigen. Sagen Sie mir doch endlich was Ihr Problem ist. Luc-"

„Bei Merlin", unterbrach er sie rüde. „Lucius IST das Problem."

„Warum?"

Der Tränkemeister lehnte sich zurück und sah sie nachdenklich an. „Er hat es Ihnen nicht erzählt. Oder?"

„Nein. Was?"

„Fragen Sie ihn. Wenn Sie mehr wissen wollen, fragen Sie ihn."

„Wonach soll ich ihn fragen?"

„Nach Artemis?"

„Artemis?"

„Bei Circe, sind Sie ein Papagei? Wenn Sie Antworten haben wollen, fragen Sie ihn und nicht mich. Und jetzt verschwinden Sie. Die Nervensägen kommen in zwei Minuten. Los, gehen Sie." Er war aufgestanden und zur Tür geeilt. „Raus jetzt."

Langsam erhob sich Hermine und ging an ihm vorbei. Im Gang drehte sie sich noch mal um. „Sie tun mir Leid, Severus."

Mit einem lauten Knall schlug er ihr die Tür vor der Nase zu.


Anmerkung:
Ich bin momentan in einem absoluten kreativen Hoch. Ich hoffe, ihr könnt mir das verzeihen. Ich bin viel zu ungeduldig, um die Kapitel zurück zu halten. smile

Heute war es nur ein kleineres Kapitel. Aber es sagt ja schon was aus. Gefällt es euch?