33: [Instrumente von Schicksal und Vorsehung]

In your creation heaven did decree

That in your arms sweet death should dwell

Deep silent complete, black velvet sea

The sirens are calling for me

Save my soul thinking: This song's a lie

The sand on the shore is so dry

Deep silent complete, black velvet sea

Brave day sinking in endless night

-Nightwish, ‚Deep Silent Complete'

Die andere Seite ist überfüllt.

Jene, die diese Welt verlassen, werden bald keinen Ort mehr haben, an den sie gehen könnten.

Das große Projekt war ein Langzeitunternehmen, wenn es je eines gegeben hatte – Seid der Zeit der alten Zivilisationen arbeiteten seine Vertreter schon in den Schatten, arrangierten im Hintergrund die Fäden ziehend die Entstehung der Zivilisation, in der sie ihren heutigen Machtstatus annehmen können würden, trieben die Entwicklungen der Technologien vorran, die sie in ferner Zukunft zu brauchen gedachten, Kriege anzettelnd, Erfolg und Demütigung in der wissenschaftlichen Gemeinde manipulierend, ihre Finger bei jeder sozialen Umwälzung tiefer zwischen die Schichten der Gesellschaft schiebend – Und das hatten sie auch, wenn sie ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und später Europa stammten, zumindest bis zum 19. Und 20. Jahrhundert auf allen Erdteilen getan – Als NERV formal als halböffentliche Organisation eingerichtet wurde, hatte das dazu nötige Personal und die dazugehörige Infrakstruktur teils schon sehr lange im Geheimen existiert, und das galt nicht nur für das Hauptquartier in Tokyo-3 und dessen dazugehörige Enklave in Matsushiro – Jene, die das Wissen über die Hinterlassenschaften ihrer Schöpfer besaßen, teilten es nur äußert geizig aus – So sollte es jemand, der in nur einer der vielen Basen in nur einer bestimmten Funktion arbeitete, praktisch unmöglich sein, das Gesamtbild in irgendeiner Form zusammenzufügen – Der hauptsächlich im Hauptquartier stattfindende Kampf gegen die Engel war da vielleicht noch am ehesten kohärent nachvollziehbar, auch wenn es im großen und ganzen eine recht periphere Ecke eines Plans war, die eine grundlegende Änderung der menschlichen Existenz wie einen alten Monsterkampf-Film aussehen ließ.

Es gab das Hauptquartier, oder „Außen"stelle 0, wenn man so will, mit den dort erbauten und stationierten EVAs 01 und 00, sowie den Anlagen und Einrichtungen für die Kernteile des Vollendungsprojekts, Außenstelle 1 in Massachusetts, wo man an EVA 03, dem nächsten Produktionsmodell, arbeitete, Außenstelle 2 in Nevada, wo derzeit die Forschung an Einheit 04 und alternativen Energiequellen vorran geht, implizit also der Replikation der Frucht des Lebens, die beim Bau späterer Einheiten gebraucht werden würde. Außenstelle 3 in Hamburg mit ihrer Enklave in Berlin, auch relevant als der Fertigungsort von EVA 02 und der Ausbildungsort des Second Child, war vor allem zur theoretischen Forschung hin orientiert, Außenstelle vier, auch bekannt als der Golghata-Stützpunkt direkt am „ursprünglichen" toten Meer beschäftigte sich mit etwas… schattigeren Technologien, wobei ein Wort, das in den Kreisen der Eingeweihten herumgeisterte, häufig „Dummyplug" war – angeblich ein Nebenprodukt aus der Erschaffung der Evangelions uns der damit verbundenen Versuche, Seelen zu transferieren und künstlich zu replizieren, auch, wenn das bei weitem nicht alles war, war dort abging…. Außenstelle 05 in Peking diente da weniger hochtrabend klingenden Zwecken, der schnellen und billingen Fertigung von Evangelions und passenden Waffen, wobei eine Massenproduktion angestrebt wurde, auch wenn da immer wieder das deutlich weniger von Erklärungen begleitete Wort „Speer-Kopie" herumflatterte. Ähnlich schemenhaft verhielt sich die Erklärungssituation bei dem mittlerweile vernichteten sechsten Stützpunkt in der Arktis vor sich gehenden Marduk Projekt – Es hieß nur, das in Bethany Base an einem gefangenen Engel geforscht wurde, dessen Kokon man einst im Eis gefunden hatte – und über die „geheime Ausgrabungsbasis" auf dem Mond, Außenstelle 07, hielten sich die Herrschaften schon mal ganz bedeckt.

Aber mindestens war es immerhin weithin bekannt, dass diese Basis existierte – Regelmäßig Raketen zum Mond zu schießen ließ sich ohnehin nicht verbergen, also musste man es zugeben. Doch es gab auch eine, insgesamt, also das Hauptquartier mitzählend neunte Einrichtung an den Klippen Skandinaviens, deren Existenz und genauer Sitz niemals offen gelegt wurden – Für Vertuschungszwecke oder Personaltransfer wurde dieser Ort gelegentlich als die NERV Außenstelle mit der imaginären Zahl gehandelt, 0i, der Eden-Stützpunk, vom dem keiner etwas wuste, an dem niemand je gewesen war, und nach dem man nicht zu fragen hatte – Aber das war eine reine Farce, für alle Eingeweihten war dieser Ort, der nicht NERV sondern GEIST unterstand, einfach Komplex Fünf.

Das sollte nicht etwa vermuten lassen, dass es noch irgendwo Komplexe eins bis vier gab, die Bezeichnung kam noch aus den alten Tagen, als das Projekt noch unter dem Banner des „Institut für künstliche Evolution" gelaufen war – So wie die ersten tatsächlichen wissenschaftlichen Arbeiten am Projekt an der Universität in Kyoto stattgefunden hatten, gehörte diese Einrichtung zu der Zeit, als dafür eine Baugenehmigung erschwindelt werden musste, zu räumlich am nächsten gelegenen, aber immer noch ein gutes Stück entfernten Universität, und war von dieser dann der fünfte größere Komplex – Und die Bezeichnung als „Komplex Fünf" war einfach ein günstiger Weg, die Räumlichkeit vor Kollegen zu erwähnen, ohne genauer darauf eingehen zu müssen, was dort eigentlich von statten ging und nur für einen sehr eingeschränkten Kreis von Ohren gedacht war, und die Bezeichnung hatte sich bis jetzt einfach gehalten.

Mit der Zeit wurde die daraus hervorgehende Organisation GEIST mit so ziemlich allem betraut, was SEELE möglich weit weg von Ikaris Nase halten wollte – Projekt SCHUTZENGEL zum beispiel, bis gewisse Teile zumindest was ihre bloße Existenz anbelangt schon aus Gründen von Logistik und Platzbedarf nicht mehr geheimgehalten werden konnten und nach Bethany Base verlegt wurden, aber die Hauptaufgabe von Komplex Fünf, welche die dort Beschäftigten auch niemals aus den Augen verloren, blieb immer die Grundlagenforschung, insbesondere in den Bereichen von Seelen und AT-Feldern, und der Stolz der Anlage blieb immer der DARWIN-Garten, das Herzstück von Projekt Master –

So wie das Terminal Dogma im Hauptquartier ein recht surrealer Anblick war, war es auch die Zentrale Kammer des DARWIN-Gartens auch wenn sie im direkten Vergleich wesentlich bescheidener wirkte, weil sie vollständig die Kreation menschlicher Baumeister war, die die Werke ihrer fernen Schöpfer hier nur sorgsam nachgeahmt hatten.

So wurde die Kammer, auch wenn sie für einen normalen Menschen ein unmöglicher, einmaliger Anblick war, ihrer Bedeutung nicht gerecht – Miyazawa trat, wie so oft an einem gewöhnlichen Arbeitstag als eine der ranghöchsten Mitarbeiter aus Komplex Fünf durch eine dicke, zweiflügelige Tür ein, die sich automatisch hinter ihr schloss, und dann war sie da.

Der Raum, so wie er sich Anfang 2015 präsentiert hätte, war ein große, kuppelförmige Struktur vom Ausmaß einer Sporthalle, in der die prädominante weiß war, weiß und glänzendes, weißes Plastik – Vom Haupeingang führte ein nur durch zwei in den Boden eingelassene Kerben markierter Weg in die Mitte des Raumes, wo eine weitere solche Kerbe einen kreisförmigen Bereich abtrennte, in dem ein weitererer, rautenförmiger Bereich eingelassen war, wo der weiße Boden von Erde und Gras abgelöst wurde – das ganze war etwa so groß das die ausladende Krone des in der Mitte der kleinen Grünfläche gelegenen Kastanienbaums die Raute komplett überdachte. Von diesem Rondell gingen neben dem Weg zum Haupteingang noch weitere, gerade zum Rand des Raumes führende Wege ab, wie die Speichen eines Rades oder die Strahlen der Sonne, alle nur durch zwei Kerben im Boden markiert, die etwa eine Hand breit auseinander lagen, hin zu den von Torbögen überdachten Toren die sich an den Wänden der Halle aneinander reihten, sie erinnerten an die Bögen, die man auch in einer Kirche der Romanik finden würde, auch nicht höher als ein durchschnittlicher Raum, unter jedem Bogen eine Tür, und dahinter, Räume die sich von diesem hier abzweigten wie Blütenblätter, hinter deren eine ganze Vielzahl von Dingen lagen, denen dieser Teil des Komplexes seine ganze Signifikanz verdankte – Einige der Türen und Räumlichkeiten hatten ihre Aufgabe mit der Zeit gewechselt, als einige Unternehmungen beendet und andere neu begonnen hatten – Die ältesten Markierungen auf den Türen waren wohl die großen, schwarz auf lackierten Zahlen, wie zum Beispiel „29" oder „23", auch wenn die letztere Zahl vielleicht nicht das beste Beispiel war, weil der derzeit mit „23" ettiketierte Raum ursprünglich ein anderes Ettikett trug, und der Raum, der früher die 23 trug, die Zahl nun wie viele andere Räume, die mit etwas anderem tituliert waren als einer Zahl einen grau darüberlackiertes Quadrat, und noch mal darüber die neue Bezeichnung:

KEEP OUT

EVA 08 CONSTRUCTION SITE

NO UNAUTHORIZED ENTRY ALLOWED

– Der gigantische Tank, aus dem das 23. Subjekt ohnehin schon seid Ewigkeiten zu fliehen vermochte, war in der Zwischenzeit einem anderen Zweck zugeteilt worden, und Subjekt hatte ein anderes Quartier erhalten, deren bisheriger Verwendungszweck sich erübrigt hatte.

Auffällig war vielleicht auch die Tür, die dem Eingang direkt gegenüber lag – Die lackierte Fläche in ihrer Mitte hatte ebenfalls die form eines Quadrats, ohne dass es, im Gegensatz zu den grauen Quadraten, irgendwelche Hinweise darauf gab, dass dort je etwas anderes gewesen war, das überdrückt worden war.

Das kryptische Ettikett der Tür bestand tatsächlich nur aus einem Quadrat aus hellblauer Farbe, und daraus leitete sich auch die ähnlich undurchsichtige Bezeichnung ab, welche die hier arbeitenden Wissenschaftler für diesen Ort hatten: Der „blaue Raum."

Würde man jedoch nur die ursprünglich zurückgebliebenen Zahlen betrachten, wären sie trotzdem nicht in der richtigen Reihenfolge, so langen zwischen Raum 29 um dem entsprechenden Raum, der einmal die 23 getragen hatte, keinesfalls genau fünf weitere Türen, sondern zwei – Und der Raum hörte schon lange bevor irgendjemandem dieses Detail hätte auffallen können, aufgehört, Sinn zu machen: Von den Wegen hielten sie sich fern, doch über den pizzastückartigen Bereichen dazwischen schwebten scheinbar grundlos und zufällig angeordnet Blöcke, ebenfalls wie alles andere in weißes Plastik verkleidet, in simplen, geometrischen Formen, wie man sie auch in bei Baumklötzen antreffen würde, keines davon nah am Boden, aber auch keines höher als ein gewöhnlicher Schrank sein würde.

Das Dach der Kuppel war auch hauptsächlich weiß, aber mit schwarzen Linien bedruckt, deren Formen zwischen Strichcode und integrierten Schaltkreisen lagen, an der Spitze der Kuppel aber eine den Nazca-Linen ähnliche Vogelgestalt bildeten.

Das absolute I-Tüpfelchen, der den Raum entgültig wie etwas aus einem wirren Fantasia erscheinen ließ, war der Flügel, der direkt im Schatten des vormals erwähnten Kastanienbaums im Raum stand, inklusive eines dazugehörigen Hockers – Das war zumeist auch der Ort, an dem man den „Bewohner" dieser Einrichtung antreffen konnte, der selbst kaum weniger unwirklich schien, als die Hallen die ihn umgaben – und dort war er auch, auch, wenn er nicht seiner üblichen Beschäftigung nachging – stattdessen hatte er den Tasten des Flügels seinen Rücken zugewendet und hielt in seiner Hand einen Stapel Papier, auch, wenn er weiteres Papier, mit dem er scheinbar schon durch war, auf dem Deckel des Flügels drapiert hatte – Ein kurzer Blick auf die dort hinterlegten Stapel verriet Miyazawa, was Sache war:

„Ah, schaust du dir die Profile der anderen Piloten durch?"

Er blickte mit einem Lächeln zu ihr auf und nickte, auch, wenn er dieser Bestätigung nicht wirklich bedurfte. Miyazawa kannte diese Unterlagen bereits, und war auch mit den darauf sichtbaren Gesichtern vertraut, wenn auch nur in entfernter Art und Weise, persönlich gesehen hatte sie sie höchstens ein oder zwei mal, aber sie kannte die Fotographien – Links oben, die derzeit vielversprechenste Kandidatin, eingeteilt als Second Child, Shikinami Asuka Langley, ein zum Zeitpunkt, als das Bild in dieser Akte das letzte Mal aktualisiert wurde, noch sehr kindlich aussehendes Mädchen mit langen, roten Haaren, das auf diesem Bild in ihrem Plugsuit dargestellt war, mit verschränkten Armen und einem scheinbar vor Selbstsicherheit strotzendem Lächeln, und etwas weiter rechts, die Akte der amerikanischen Kandidatin, Maria Vincennes, ebenfalls sehr von sich selbst überzeugt, mit langem, blonden Haar, einer großen, klobigen Sonnenbrille, und auffälligen, halbmondförmigen Ohhringen, das kleine Rechteck Papier geübt in Besitz nehmen, darunter, eine recht kürzliche Addition zu diesen Akten, zu der Zeit, als dieses Bild aufgenommen wurde, noch ohne ihre später berüchtigte Oberweite, mit einer knallroten Plastikbrille, einem blauen Stirnband, zwei geflochtenen Zöpfchen, die die Pipi-Langstrumpf-Ästhetik noch unterstrichen, und der eigenwilligen Kombination aus einem damals noch passenden grünen Plugsuit und einem Sonnenschirmchen, ein überraschender Neuzugang: Makinami Mari Illustrious, und die Akte, die den Eindruck erweckte, das der Junge sie bis jetzt am eindringlichsten durchgeblättert hatte, das große Fragezeichen aus dem Hauptquartier, Commander Ikaris kleines Mysterium, über das selbst ihnen hier bei GEIST nur sehr begrenzte Informationen vorlagen – Ayanami Rei, auf ihrer Akte zu sehen, wie sie in einer simplen Schuluniform ernst in die Kamera starrte, mit ihrer blassen Haut, ihren roten Augen und ihrem eigentümlich gefärbten, kurz gehaltenen Haaren eine nicht unwesentliche Ähnlichkeit zu Tabris selbst aufwies, zweifellos der Grund, wieso es ihm die spärlichen Fetzten Information, die sehr wohl vorlagen, so angetan hatten – Aber halt, das waren bis her alle.

Also was war es, was der übermenschliche Junge gerade jetzt durchging?

Miyazawa versuchte, unauffällig über seine Schulter zu spähen, wobei ihr zumindest der Teil mit „unauffällig" mislang da Tabris den Bedarf dafür sah, eine Erklärung abzugeben, bevor sie überhaupt einen guten Blick auf die Blätter in seinen Händen werfen konnte: „Das hier ist deine Zusammenstellung von möglichen weiteren Kandidaten , insbesondere für die noch unbeanspruchte Position des dritten Auserwählten… weißt du noch Haruhi?"

„Allerdings." Bestätigte die Wissenschaftlerin. „Es ist schon eine kleine Blamage – An sich ist schon alles arrangiert, wir haben die Bühne aufgebaut, das Publikum herbestellt, die anderen Schauspieler eingeladen, und ihnen auch ihre Texte eingebläut, aber den Hauptdarsteller, den haben wir noch nicht gefunden…" Sie schüttelte seufzend den Kopf.

„Das Schlimmste wäre, wenn er schon gefunden wäre, und das jemand anderes direkt unter unserer Nase eingefädelt hätte, ohne, dass wir Einfluss darauf hätten… Direktor Kuze und ich hofften ja, dass die vom Komitee uns das einfach nicht gesagt hatten, aber wenn selbst du dir diese ollen Listen durchblätterst, muss es wirklich noch ein schwarzer Fleck in der Karte sein…"

Miyazawa blickte auf die Seite des Dossiers, die Tabris gerade aufgeschlagen hatte, in der Absicht, gegebenenfalls ein paar Kommentare zu dem darauf behandelten Kandidaten abzugeben:

„…Aber der hier ist für diese Rolle doch eher unwahrscheinlich. Commander Ikaris eigener Sohn… solch eine Frechheit würde die vom Komitee sich nicht gefallen lassen, zumindest nicht ohne einen guten Grund… Aber andererseits soll dieser Ikari ja sehr gerissen sein. Das meinte ja zumindest die Direktorin, und die kannte ihn persönlich…" grübelte sie, sich abwesend am Kinn kratzend. „Trotzdem… Man hat mir natürlich nur so und so viel gezeigt, aber von den Passagen aus den Rollen, die von diesem Third Child reden, hab ich schon genug gesehen…"

Miyazawa warf dem Bild auf der Seite, die sich der silberhaarige Jugendliche derzeit durchsah, einen weiteren Blick zu, nicht ganz wissend, was sie davon halten sollte.

„Es erscheint mir irgendwie schwer zu glauben, dass eines von diesen Kindern eigenhändig die Endzeit herbeinläuten soll…"

„Was soll der Sohn des Teufels schon anderes werden als der Antichrist? Es war alles schon vor langer, langer Zeit festgelegt…"

„Dann denkst du, das er sein wird?" fragte Miyazawa, überrascht, etwas ungläubig, aber auch fähig ihren Irrtum einzugestehen und neugierig nach den Gründen dafür – Anzunehmen, dass die Andeutungen und Ahnungen dieses Jungen stimmten und sie wie Fakten zu behandeln, hatte sich als eine bisher sehr effektive Strategie erwiesen, die Pläne weiter vorranzutreiben, es war so weit, dass selbst Kuze mittlerweile begonnen hatte, es mit einem Rollen seiner Augen hinzunehmen.

Tabris hingegen lächelte sie auf ihre Nachfrage hin vielsagend an und legte die Papiere weg, um sich dem Gespräch mit ihr erstmal ganz hinzuwenden.

„Es gibt Faktoren, die mich das annehmen lassen, ja, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb diese Möglichkeit mich beschäftigt… Wenn er hier das Third Child wäre, würde das bedeuten, dass wir uns mit großer Wahrscheinlichkeit begegnen werden… Und auch, wenn diese Kandidaten hier alle sehr interessant sind, denke ich, dass ich ihm von allen hier am ehesten begegnen möchte… Wenn ich mich recht entsinne, habe ich ihn damals beim ersten Kandidaten-Screening sogar schon einmal gesehen… Ich weiß noch genau, dass er ein bisschen untröstlich wirkte, als könnte er jemanden brauchen, der ihn tröstet…"

„Dann hoffst du, dass er es ist?"

„Aber nein." Der Engel schüttelte den Kopf. „Das Schicksal des Auserwählten ist öde und leer. Ich würde das niemandem wünschen, und schon gar nicht jemandem, der nicht die Stärke hat, standzuhalten…" sprach er, seine Worte entfernt von Melancholie gefärbt.

„Du bist ein netter Kerl, Tabris. Viele wären an deiner Stelle etwas mehr auf ihre eigenen Interesten bedacht…" Sie seufzte. „Von dir ist es noch viel weniger zu glauben, dass du das Ende dieser Welt bedeuten könntest…"

„Das ist es ja, was ich dir eben zu sagen versucht habe, Haruhi… Ich, und auch… dieser Junge hier, mit uns ist das Problem, dass unsere Wege schon eine lange, lange Zeit vorherbestimmt waren, vielleicht schon vor milliarden von Jahren, als das Phänomen namens Leben diese Welt zum ersten Mal betrat mit Sicherheit aber, seid das Komitee am großen Werk arbeitet. Im großen Uhrwerk der Dinge sind wir also nichts als Teile, nicht irgendwelche kleinen unscheinbaren Zahnrädchen, sondern sogar das Pendel und die Zeiger, aber letzlich auch nur Bauteile, und von uns wird erwartet, das wir wie ein gut gestimmtes Instrument sind und still halten, damit Schicksal und Vorsehung auf uns ihre Melodie spielen können…

Aber zur selben Zeit… Sind wir doch Wesen, die eine Seele haben, und wir können nicht anders, als uns unser eigenes Bild von dieser Welt zu bilden während wir vorran schreiten, und etwas zu fühlen, während wir auf unseren Pfaden wandeln… und das ist es, was er ist… was ich bin, was wir alle sind, deren Wege vorgezeichnet wurden… Das ist unsere Tragödie."

„Ein geteiltes Leid also?"

„Warum nicht, Haruhi? Ist es unter euresgleichen nicht üblich, sich zu denen hingezogen zu fühlen, mit denen man etwas gemeinsam hat?"

Ja… aber er gehörte eigentlich nicht zu ihnen dazu.

Doch war es eigentlich wirklich so verwunderlich das er ihnen ähnelte? Trotz ihrer unterschiedlichen Formen waren diese Wesen, die sie die Feinde nannten, ja nie ganz so verschieden gewesen, und selbst wenn dem nicht so wäre, war er nicht von Menschen geschaffen worden, zumindest in gewisser Hinsicht? Als das Resultat eines Kontakexperiments bei dem menschliche DNA zum Einsatz kam, wäre es nicht so weit hergeholt, ihn als teilweise menschlich anzusehem, und selbst, wenn dem nicht so wäre, hatte er er doch den Großteil seines Lebens unter Menschen verbracht – Sie wollte nicht sagen, „von Menschen aufgezogen", weil das impliziert hätte, dass er einer Aufzucht und Fürsorge bedurft hatte, wie das ein menschliches Kind tat, dass sich auch wenn es völlig gesund war, einfach nicht entwickeln konnte, ohne das andere Menschen dabei waren, und außerdem wäre es eine Überschätzung ihrer eigenen Leistungen gewesen, das was sie, die frühere Direktorin und der jetzige Direktor Kuze geleistet hatten, war keine Aufzucht – Die Diskrepanz war so groß, dass es nicht der Mensch oder die Schwester in Miyazawa war, die dagegen protestierte, sondern die Wissenschaftlerin, die ungenaue, falsche Fakten einfach nicht stehen lassen konnte, und schon gar nicht im Bezug auf eine einzigartige „Probe.".

Doch selbst, wenn alle dem einfach nicht so wäre, war da noch das dumme, stecken gebliebene, irrationale in Miyazawa, ihre Gefühle, die „Erkennungssoftware" in ihrem Schädel und die eigenartige Art und Weise, auf der sie diesen Jungen dort eingeornet hatten.

In Momenten wie diesen, wenn er diese Art von Dingen sagte, niemals offen traurig, aber mit einem melancholischen Knick in einem Lächeln, dass er aufrechterhielt, weil er zuerst vor allen anderen Dingen erstmal an sie dachte, wenn sie es war, mit der er gerade sprach, begann sie sich zu fragen, ob er nicht doch fähig war, soetwas wie Einsamkeit zu empfinden – Sicher, es wäre für ihn kein ursprünglicher, triebhafter Drang, nichts was er brauchte, wie Menschen Wasser und Sauerstoff, wenn er überhaupt Dinge hatte, die er auf diese Weise brauchte, über sicher nicht durchdrehen, wenn man ihn zu lange allein ließ, dass war nach all diesen Jahren bewiesen, aber vielleicht war es für ihn ja etwas hohes und abstraktes, wie bei Menschen die Dinge, die über ihre Programmierung hinausgingen, wie Nächstensliebe und Transzendenz, vielleicht konnteer nach Geselschaft hungern wie ein Mensch nach Schönheit und Kunst und sinnvoller Beschäftigung – Man konnte nicht daran sterben, all diese Dinge nicht zu haben, aber in der Regel war man glücklicher, wenn man sie hatte, und Miyazawa glaubte, mitlerweile absehen zu können, dass er es vorzog, wenn er jemanden hatte, mit dem er seine Zeit verbringen konnte. Und dieser ganze andere abstrakte Quatsch, Nächstenliebe, Kunst, Schönheit, blabla, das hatte er alles, und wie!, in dieser Hinsicht glichen sie sich.

Vielleicht hörte die Unterschiede ihre Form, Limitationen und dergleichen über einem gewissen Niveau auf, eine Rolle zu spielen.

„Was du meinst ist, dass auch eine Person, für die eine bestimmte Rolle vorgesehen ist, auch eine Person sein kann? Jede Art von Person?"

Wenn es etwa das war, was er meinte, dann begann Miyazawa zu verstehen, was er meinte, aber ja, das machte es trotzdem noch nicht fair.

Warum musste er ausgerechnen diese Art von Person sein? Es wäre alles viel einfacher, wenn er ein unangenehmer, nicht dazupassender Zeitgenosse wäre, der sier auch hasste, wenn er sich wie ein Feind verhalten würde… Auch wenn Miyazawa sich dann doch dabei ertappte, wie sie eine Situation vorzog, in der sie dann doch eine Chance hatten, und das war, bei all der Macht, die dieser Junge hatte, die gegenwärtige, kalt, wie das klang.

Tabris' Antwort auf ihre Nachfrage war wieder nur ein Lächeln, mit dem er sie hinhielt, während er sich seine Antwort zurechtlegte, eloquent wie eh und jeh, so strahlend das es weh tat.

„Auch, wenn er an mehreren der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte sitzt, wäre aus den vorgezeichneten Pfaden aufzubrechen für ihn, als wenn ein Spiegelbild in einem Teich den Mond aus dem Himmel reißen wollte… aber trotzdem kann er keine einfache Schachfigur sein – Weil er so viel weniger ist als das, kein… Springer, Läufer, Turm oder Soldat, und weil er so viel mehr ist als das, Wünsche und Gefühle und Unvorsehbarkeit in Drei Dimensionen, und ein Licht, dass andere anstoßen kann…"

„Willst du damit sagen, dass wir vergessen haben, dass der Dreh- und Angelpunkt unserer Pläne immer noch menschliche Kinder sind…? Oder meinst du, dass eine Welt, in der noch nicht mal ein einzelnes Kind seinen Platz finden kann, es vielleicht nicht verdient, zu existieren?"

Sie kratzte sich am Kinn, nachdenklich, vielleicht mit einer Prise von Melancholie, aber ohne Wut oder Wertung. „Unser Auserwählter wäre sicher nicht das einzige Kind auf dieser Welt, dessen Schicksal, wie du sagst, öde und leer ist… Dann könnten unsere Versuche, die Ereignisse in eine bestimmte Richtung zu lenken, in Wahrheit einen Prozess stören, der einen Fehler auf dieser Welt ausbessern sollte…"

„Das ist eine Art, es zu sehen, aber ich hoffe doch, dass dieser Fall nicht eintreten wird… den Haruhi, weißt du, eigentlich mag ich diese Welt… Wenn ich aus irgendeinem Grund nicht dazu kommen sollte, meine Bestimmung zu erfüllen, wäre es mir am liebsten, wenn sie fortbestehen würde…"

„Dann bist du der einzige, dem es erlaubt ist, uns ins Verderben zu stürzen?" kommentierte die Wissenschaftlerin, leicht tadelnd aber lächelnd. „Zumindest eine Sache sehe ich so… Versteh mich nicht falsch, wenn ich die Wahl hätte, würde ich natürlich lieber leben, aber ich würde es dir nicht übel nehmen, wenn du uns nach allem, was wir mit dir gemacht haben, vernichtest…" Miyazawa konnte sich dieses verlegene, plötzlich hervorbrechende Lächeln nicht ganz verkneifen, als ihr mit einem Mal klar wurde, wie morbide das klang. „Froh darüber wäre ich natürlich nicht, aber… ich würde dich nicht hassen oder so."

„Ich dich auch nicht, Haruhi. Und ich hege euch gegenüber auch keinen Groll wegen der Dinge, die in dieser Einrichtung geschehen sind – Es ist nur natürlich, dass ihr etwas über unseresgleichen erfahren wolltet, es liegt mehr in eurer Natur, als es in unserer liegt, und mir hat es auch immer Freude gemacht, mehr über euch in Erfahrung zu bringen… Und ich kann mir vorstellen, dass auch einige meiner Geschwister daran interessiert sein werden, etwas über euch herauszufinden…"

„Einige von ihnen?"

„Wahrscheinlich, nein, sicher wird es bei ihnen vermutlich so sein, wie bei euch, dass es solche geben wird, die euch hassen, solche die einfach weiter leben wollen und deshalb nach eurer Vernichtung streben, solche, die sich eure Macht zu eigen machen wollen wie ihr unsere, und solche, die sich für euch interessieren… Aber ihnen fehlt die Frucht der Erkentnis, also wird es ihnen wenig helfen, euch einfach zu beobachten, und sie werden nicht die… priviligierte Position haben, die es mir ermöglicht hat, euch näher kennen zu lernen – Am Wahrscheinlichsten ist es wohl, dass sie versuchen werden, sich direkt mit einem von euch zu verbinden… Aber es gibt einige Dinge, die ich nach all den Jahren über euch weiß, die meinen Geschwistern aber nicht sofort einleuchten dürften… Ich hoffe nur, dass…"

„Sie in ihrer Versuchen etwas „herausfinden" nichts kaputt machen?"

„Ich weiß, wie das jetzt klingt, aber ihr seid leider so viel, viel zerbrechlicher als wir, von einem gewissen, beschränkten Blickwinkel aus…"

Miyazawa konnte nicht sagen, dass er da Unrecht hatte…

„Hast du diese, uhm, Vermutungen auch dem Komitee gegenüber geäußert?"

„Wenn ich es nicht getan hätte, würdest du es ihnen doch ohnehin tun, oder?" Er klang nicht im Geringsten anklagend, keine Abweichung von seinem üblichen, entspannten Lächeln.

Jetzt hatte sie doch tatsächlich ein schlechtes Gewissen.

Noch dazu weil sie bereit gewesen wäre, Informationen beizutragen, die möglicherweise zum Fortbestand allen Lebens auf diesem Planeten beitragen könnten!

Dieser Junge… Es war einfach nicht fair, so ziemlich alles an ihm.

„Tabbie-chan…"

„Ist schon in Ordnung. Letzlich bin ich ja doch etwas, das von euch Lillim erschaffen wurde, die ihr mich fürchtet… Selbst du, Haruhi…"

And dieser Stelle war sie ehrlich ein wenig geschockt.

„…es bleibt mir also nichts übrig, als das Beste daraus zu machen – In meiner Position steht es mir immerhin bis zu einem bestimmten Grad frei, zu tun, was mir beliebt… Wenn die Position unseres „Auserwählten" mit einer Spiegelung in einem Teich vergleichbar ist, bin ich mit meinem Wissen und meiner Position schon einmal so etwas wie ein Fisch in dem Teich… Ich werde sehen, was ich tun kann…"

Miyazawa wüsste gerne zu welchem Zweck – Das war selbst ihr bei ihm manchmal nicht so wirklich klar, welchen Ziel er nun meinte, manchmal erwähnte er Dinge, die eigentlich gegenläufige Effekte haben sollten…„Mach das ruhig…"

„Aber Haruhi… Du bist doch sicher nicht gekommen, um dich mit mir zu unterhalten, oder?"

„Nicht wirklich." Gab sie verlegen kopfschüttelnd zu. „Was ich dir mitteilen wollte ist, dass dein Transport zur Tabgha-Basis zwar organisiert ist, sich aber wohl noch etwas verzögern wird – Der Vorsitzende will scheinbar noch ein paar vertraueliche Dinge mit dir besprechend, und du sollst dann von dort aus weiter… transportiert werden."

„Dann ist das hier also unser Abschied?"

„Sieht so aus… Der Vorsitzende lässt dich mit einem seiner Privatjets holen, und der sollte etwa in drei Stunden da sein… Wir haben also noch ein Weilchen, und ich bin mit dem Rest meiner Arbeit für heute eigentlich schon fertig, also…"

„Es wäre schön, wenn Direktor Kuze sich uns auch anschließen würde…"

„Der ist für heute schon nachhause gegangen… Und ich fürchte, dass er sich auch so nicht hierfür begeistern lassen würde… Ich fürchte, dass er sich für dich nie so richtig begeister konnte…"

„Das ist wirklich schade… ich habe ihn immer geschätzt."

DERSELBE RAUM –

ZEHN JAHRE ZUVOR

Nur wenige Monate nach dem Ikari Yui von dieser Welt verschwunden war, trat die Vorhersage, die sie Monate davor getätigt hatte, mit erschreckender Genaugikeit ein, und die zwei Männer, die zu ihren Lebzeiten ihre rechte und ihre linke Hand gewesen waren, wurden nach dem sie so lange erfolglos versucht hatten, diese Einrichtung mit einem ihrer Agenten zu infiltrieren, persönlich nach Komplex Fünf zitiert – Natürlich hatten die Verantwortlichen dort alles aufgeräumt, und selbstverständlich war es keinen von den anderen hier erlaubt, sich hier ohne Eskorte zu bewegen, auch wenn ihre Restriktionen nicht einmal die Geringsten waren, denn einige der Personen, die für diese Aktion hierher bestellt worden waren, waren noch nicht mal in äußersten Grundlagen des Projekts eingeweiht – Mit der Erklärung dafür verbunden war, dass die meisten von ihnen ihrer selbst willen hierher gebracht worden waren – Ikari hatte einerseits ein unerklärliches, kleines blauhaariges Mädchen in einem satt roten Kleidchen dabei, und die hatte er von Anfang an hier präsentieren wollen, oder vielleicht wäre es korrekter zu sagen, dass er hier etwas präsentieren wollte, und das das Mädchen zu diesem diesem Zweck existierte.

Sie hierher zu bringen war eigentlich nur noch eine Formalität , nichts weiter als ein Behördengang um eine bereits beschlossene Sache mit einer Unterschrift absegnen zu lassen – Er wusste, dass man sie für kompatibel befinden und als Pilotin genehmigen würde, was für ihn bedeutete, dass er um die Vorbereitungen, die er in diese Richtung hin bereits getroffen hatte, ein kleines bisschen weniger Geheimnisse schieben müssen würde – Er hatte die Messwerte, welche heute hier ermittelt werden würden, gestern erst selbst nachgeprüft und wusste, dass die alten Männer sie unmöglich ignorieren können würden.

Er konnte sich vorstellen, dass sie alle ganz wild dabei waren, die Vergangenheit des Mädchens aufzudecken, aber da konnten sie lange recherchieren – Es gab keine Vergangenheit, die sie hätten finden können, so lange hatte dieses Kind gar nicht existiert.

Das war das erste Mal, das sie die Wände ihres vertrauten Labors verließ, und es hatte sie beide einige Mühen gekostet, sicher zu stellen, dass die Kleine hier nicht vor Publikum auseinanderfallen würde, aber sie war hinreichend „programmiert", und Ikari verließ sich darauf, dass er ihr ausreichend eingetrichtert hatte, was sie zu tun hatte.

Fuyutsuki hatte das ganze überhauptnicht geschmeckt, aber er hätte lügen müssen, um zu behaupten, dass er an ihrer Erschaffung nicht beteiligt gewesen wäre – Ayanami Rei, ironischerweise nach der früheren Direktorin dieses Komplexes benannt, das Produkt seiner Verzweiflung, und doch das Objekt von Ikaris verdrehter Hoffnung…

Doch über sie wusste er schon lange genug Bescheid, um offenen Schock zu zeigen – Was er nicht erwartet hatte, war das zweite, augenscheinlich etwas ältere Kind an Ikaris Seite, ein stiller kleiner Junge, der zu Ikari eine nicht unerhebliche Ähnlichkeit aufwies…

„Wollten Sie es nicht eigentlich um jeden Preis verhindern, ihn in die Sache zu involvieren?"

„Die Situation… hat sich geändert…"

Und Fuyutsuki beschlich die abscheulichste Ahnung, eine Schlussfolgerung, die unumgehbar schien, mit der Idee, die er von seiner früheren Studentin hatte, mit der Idee, die er von ihr hatte behalten wollen, aber partout nicht vereinbar war.

Der Gedanke, dass sie diese …Notwendigkeit hatte herbeiführen wollen, dass sie es schon geplant hatte, als sie sich zu diesem Experiment gemeldet und dieses Kind dazu mitgenommen hatte. Und doch konnte sich der alte Professor nicht dazu durchringen, zu sprechen – Ikari seine Illusionen zu nehmen wäre vielleicht das richtige gewesen, vielleicht das vernünftige, vielleicht hätte es ihn von seinen Wahn angebracht, vielleicht wäre er mit diesem Wissen entgültig durchgedreht, und es gab eine gute Chance, dass die Welt als ganzes dabei wesentlich besser wegkommen würde, doch es war auf seiner Prioritätenliste nicht besonders hoch – Er rationalisierte dies damit, dass Ikari sowieso nicht hören wollen würde, aber dabei unterschlug er, dass die Wahrscheinlichkeit mit jedem Tag den er schwieg sinken würde, und er konnte sich auch nicht dazu durchringen, sich besonders um dieses Kind zu sorgen, oder es nicht gekonnt zu übersehen, dass dieser Junge seid dem Tod seiner Mutter nicht besonders viel gesprochen oder gelächelt zu haben schien, vielleicht überhaupt nicht – Und wenn Ikari das mitbekommen hatte, dann schien er jedenfalls weder fähig noch willens zu sein, viel dagegen zu tun.

Es hätte einen taubstummen Blinden mit Krückstock gebraucht, um nicht auf den ersten Blick zu merken, dass der derzeitige Leiter von GEHIRN mit seinen neuen Aufgaben als alleinerziehender Vater vollkommen überfordert war, und selbst der vormals erwähnte Taubstumme hätte wohl nur ein kurzes Weilchen länger gebraucht.

Das konnte man dem alten Ex-Professor jedoch nur begrenzt zum Vorwurf machen, auch er stand neben sich, seid das Zentrum all ihrer Unternehmungen aus ihrer Mitte verschwunden war, und seine Gefühle dazu nahmen die Form einer stillen, von seinem Verstand zumindest teilweise in Form gepressten Frustration, die sich als solche nur über solch kleine Unterlassungen manifestieren konnte – Später sollte er jede davon einzeln bereuen und motivierte so auch teilweise seine halbherzigen Versuche, Ikari dazu zu bewegen, sich diesem Kind wieder mehr hinzuwenden nachdem er sich seiner letzlich entledigt hatte, und auch damit, dass Yui das wohl so gewollt hatte, aber Schuld war ehrlich gesprochen die stärkere der beiden Motivationen, er war ja kein Gorilla, er verfügte ja noch über ausreichend gesunden Menschenverstand (Und manchmal hatte Fuyutsuki das Gefühl, da in dieser Organisation weit und breit der einzige zu sein) und konnte feststellen, dass es ein dreijähriges Kind war, dem er da seine Existenz verübelte –

Fuyutsuki erkannte den Bengel natürlich vom Tag des Aktivierungsexperiments, es gab kein Detail dieser Tragödie das er jemals würde vergessen können, und selbst wenn hatte Yui ja selten noch über irgendetwas anderes geredet als ihren hießgeliebten Nachwuchs – Ihm war entfernt klar, dass es nicht ihre Absicht gewesen war, ihm irgendwas unter die Nase zu reiben, dass wohl als letztes von allem.

Doch auf die eine oder andere Weise hatte dieses Kleinkind dafür, dass es gerade erst stubenrein war, schon eine ganze Menge Missgunst und bösen Willen auf seiner Person angesamelt, auch wenn dem Kind eigentlich nur mit-missgönnt wurde – Es war die Verbindung seiner Eltern, die einer Menge Leuten ungelegen kam, sei es, weil sie persönlich hinter einer Hälfte des Päärchens her waren (Akagi Naoko war hier ein gutes Stichwort – Wie ihre eigene Tochter diese irre Schreckschraube überlebt hatte, würde dem Rest des Universums auf ewig ein Rätsel sein), oder weil sie ihn nicht für Yui hielten und ihm von Anfang an zwielichtige Beweggründe unterstellt hatten – Für die Betreiber von SEELE war der Mann von Anfang an eine unvorhersehbare Quelle von Ärger gewesen, die sich da plötzlich festgesetzt hatte, wo auch immer die Macht gerade saß, und sich gleich einem perfekten Fleck nicht mehr ausreiben ließ, sobald er einmal drin war. Yui's elitistisch eingestellte Familie hätte wohl jedem Schwiegersohn das Leben schwer gemacht, aber ein, bewusst simpel ausgedrückt, zwielichtiger Halunke in schäbigen Klamotten kam natürlich am allerwenigsten in die Tüte. Und der umumstößlichste, offensichtlichste Beweis für das „unheilige Band" zwischen den Ikaris war nun einmal dieser Bengel, von dem nun keiner so richtig wusste, was nach dem Tod seiner Mutter mit ihm geschehen sollte, am allerwenigsten sein Vater – Yui hatte Freunde und Verwandte, die in ihren Häusern noch das eine oder andere Zimmer frei hatten, ja sicher doch, aber die meisten davon waren der Meinung, dass dieses Kind niemals hätte existieren sollen, und klassifizierten sein weiteres Ergehen großfläching als „Herzlich Egal".

Bis jetzt war Klein-Shinji jedoch wesentlich zu jung gewesen, um irgendwas von alledem mitzubekommen, und so waren die ersten drei Jahre seines Lebens eigentlich vollkommen unauffällig und undramatisch verlaufen.

Er hatte rechtzeitig Sitzen, Krabbeln und Laufen gelernt, und auch wenn es mit dem aktiven Sprechen so seine Zeit brauchte, war seine Mutter einsern in ihrer Behauptung, dass ihr Söhnchen alles verstehe, was sie sagte, und sie bildete sich auch getrost etwas darauf ein, das der Kleine schon recht früh nur durch Nachahmung angefangen hatte, „Bitte" und „Danke" zu sagen, während man anderen Kleinkindern dafür immer hinterherrennen musste. Als er etwa einandhalb Jahre alt war, hatte Dr. Ikari begonnen, den Bengel regelmäßig in einer Kindertagesttätte abzuzustellen, wenn sie im Labor beschäftigt war und es sich nicht irgendwie einrichten ließ, ihren kleinen Sonnenkäfer mit zur Arbeit zu schleppen, und Seiten der Kindergärtnerinnen gab es eigentlich nur in den seltensten Fällen etwas zu meckern. Mit Zahlen über fünf hatte er noch seine Probleme, dafür war er, zumindest laut Angaben seiner Eltern (Wobei man nie so ganz wissen konnte, ob sein Vater nicht nur zustimmte, weil dieser seiner Ehefrau generell nie widersprach – Tatsächlich gab es nur exakt vier Dinge, bei denen sie sich je uneinig gewesen waren, auch wenn es vielleicht bemerkenswert war, dass diese alle mit ihrem gemeinsamen Sohn zu tun gehabt hatten.) dazu fähig, mit einigen der vielen Dinge, die man kleinen Kindern zuwarf, damit sie damit Krach machten, etwas zu produzieren, dass zumindest entfernte Ähnlichkeit mit „Alle meine Entchen" oder „Ein Männlein steht im Walde" hatte, und imerhinn handelte es sich bei ihm nicht um die hyperaktive Sorte von Kleinkind, die ständig beschäftigt werden musste, sondern der Typ, den man getrost mit ein paar Bauklötzen in die Ecke eines Raumes setzten konnte, ohne ein zu großes Risiko einzugehen, dass er versuchen würde, sich aus dem Staub zu machen – Die für das alter üblichen Trotzanfälle hatten es zwar meistens in sich, waren dafür aber relativ selten. Alles in allem also zumindest eine gelungene Nachzucht.

Sicherlich, vielleicht hätte man Makinamis kleine Tochter für etwas sympathischer halten können, mit ihrer Art, sich fremden Leuten, meist allerlei Arbeitskollegen ihrer Eltern, direkt mit vollem Namen vorzustellen und sie anschließend mit ihrer Kleinkinderlogik vollzutexten, und dann gab es da auch Dr. Shikinami-Zeppelin, die es sich nicht nehmen ließ, ihre recht einseitig liegende Arbeitsrivalität zu Dr. Ikari auch noch in die Kinderstuben zu verlagern – Was auch immer Dr. Ikaris kleiner Bengel bewerkstellingte, konnte Shikinamis kleine Tochter scheinbar doppelt so gut, und auch, wenn es ebenso wahrscheinlich war, dass sie es ihrer Kollegin einfach nur übel nahm, dass sie in ihrer Gegenwart mit ihrem Ehemann herumknutsche und von ihrem Familiengück schwärmte, während sie selbst ihren eigenen Gatten erst vor kurzem im flagranti mit einer anderen Frau erwischt und konsequent im hohen Bogen aus dem Haus verstoßen hatte, hätte es auch genau so gut sein können, dass an den Behauptungen doch etwas dran war, zumal sich kleine Asuka später als regelrechtes Wunderkind heraustellte.

Doch auch wenn er nichts derart Außergewöhnliches an sich hatte, war Ikari Shinji zumindest bis zu seinem dritten Lebensjahr ein Muster-Kleinkind, von dem man getrost hätte annehmen können, dass daraus mal ein ausgeglichen, glückliches, produktives Mitglied der Gesellschaft werden würde – Das hieß, bis der Tag des Aktivierungsexperiments gekommen war.

Wären die äußeren Umstände etwas anderes gewesen, hätte es mit Sicherheit jemanden gegeben, der den Vater des Jungen auf seine Situation angesprochen hätte, oder sich zumindest empört hätte, als dieser sein eigenes Kind schließlich weggab, aber die traurige Wahrheit war das es den meisten Leuten, die um seine Existenz gewusst hatten, nur all zu recht gewesen war, dass sein alter Herr schließlich das Handtuch warf und den Jungen auf Nimmerwidersehen sonstwohin verschwinden ließ.

Vor dem Second Impact wäre da vielleicht noch die Chance gewesen, dass sich zumindest der eine oder andere entfernte Verwandte erbarmt hätte und entweder das Kind bei sich aufgenommen oder dessen Vater noch bevor der Bedarf zu einer Selbsthilfegruppe oder so was dirigiert, aber nach einer Katastrophe, die die Hälfte aller Menschen als Opfer gefordert hatten, gab es auf dieser Welt ziemlich viele Kinder, die ihre Eltern vermissten, und niemand der die Zeit hatte, um sie alle aufzusammeln. In dieser Welt gehörte das Trauma einer Beinahe-Apokalypse zumindest bei allen außer den allerjüngsten zur „Grundausstattung", sodass es sich die Überlebenden auch in dieser Hinsicht nicht leisten konnten, wählerisch zu sein – Der Wahnsinn wurde geduldet, solanger er nur an seinem Platz in den Schatten blieb – Das so etwas wie die ganze Verschwörung und die Kindersoldaten, die davon unweigerlich verlangt wurden, überhaupt möglich waren, ja, von so vielen Menschen stillschweigend hingenommen wurde, bewies nur, wie tief diese Welt gesunken war, und wie ernst die Situation geworden war – Das Verschwinden der Jahreszeiten war wohl das offensichtlichste und im Alltag störendste Anzeichen dafür, dass die Welt, die Fuyutsuki einst geteilt hatte, ein Ding der Vergangenheit war, doch es waren diese Stiche von Dingen, die einmal wesentlich mehr bedeutet hätten, die ihn wirklichdaran zweifeln ließen, was aus dieser Welt werden sollen – Vor Jahren wäre es der Stoff schlechter Filme gewesen, heute war es Realität: Eine Dekade früher präsentierte sich diese Halle zwar mit den selben, die Wege markierenden Kerben im Boden und den selben Mustern auf der Wand, aber selbst wenn hinter ihnen schon durchaus relevante Dinge vor sich gingen, fehlten den Türen noch die Beschriftungen, nicht einmal Zahlen waren damals darauf zu sehen gewesen – Die rautenförmige Ausparung in der Mitte des Raumes existierte schon, aber statt einen Baum und etwas Gras zu enthalten, sah sie eher aus wie ein großer Sandkasten, und auch sonst sah die Einrichtung dieser Halle ein gutes Stück anders aus: Vielleicht waren diese weißen, unerklärlich schwebenden Dinger erst viel später überhaupt erschaffen worden, vielleicht gab es sie auch schon, und man hatte sie nur weggeräumt, weil es einige in der Versammlung der für den heutigen Tag hierhin Eingeladenen gab, für die diese erscheinung kein unerklärliches Phänomen sein würde, sondern etwas, mit dessen Mechanik sie vertraut waren, so das allein der Anblick des Phänomens ihnen alles darüber verraten hätte, was hier eigentlich vor sich ging – Es gab viele solcher unerklärlicher Dinge in den Tiefen dieser und ähnlicher Einrichtungen.

Stattdessen war der Raum gefüllt mit Wagenladungen von kunterbunten Beschäftigungen für den wahren Grund für die Versammlung hier: Mehrere dutzend Kinder, die für das Programm in die engere Auswahl kamen.

Gut möglich, dass dies von Anfang an so geplant gewesen war, dass SEELE im Vorraus gewusst hatte, worauf es hinauslaufen würde und ihnen nur „erlaubt" hatte, dasselbe nach und nach herauszufinden, inklusive der Opfer, die dafür gebraucht werden würden – Yui schien einiges geahnt zu haben, hatte einiges durchklingen lassen, vermutlich ganz andere Pläne gehabt, doch soweit SEELE das die Wissenschaftler von GEHIRN wissen lassen wollte, war der ganze Prozess so verlaufen:

Zunächst wäre es keinem in den Sinn gekommen, etwas anderes als einen ausgebildeten Erwachsenen in diese gottgleichen Kampfmaschinen hinein zu lassen, ja, man wollte gar nicht erst unschuldiges, am Programm unbeteiligtes Leben riskieren – Soweit die entwicklung des Testmodells soweit vorrangeschritten war, dass man einen ersten Aktivierungsversuch wagen konnte, meldete sich die Schöpferin der humanoiden Monstrosität selbst als Versuchsobjekt, sodass sie, falls etwas schiefgehen sollte, das einzige Opfer ihrer Ambitionen werden sollte – doch sie wurde lediglich das erste.

Und was für ein garstiger, brutaler Tod es wurde, direkt vor den Augen ihres kleinen Sohnes.

Je weniger Worte über den Tag des Aktivierungsexperiments verloren wurden, desto besser.

Die Bilder wogen immer noch schwer auf Fuyutsukis grauem Haupt.

Jedenfalls war die Schlussfolgerung die man aus dieser Tragödie zog, dass die Frau Doktorin wohl nicht die richtigen Vorraussetzungen erfüllt hatte, um sich mit ihrem Konstrukt zu verbinden – Alle Versuche sie zu bergen schlugen fehl, auch, wenn sie wohl nicht ganz fruchtlos waren – Man gewann bei ihnen eine ganze Menge nützliche Daten und einiges an sehr, sehr interessantem Forschungsmaterial, aus dem später die Lösung des selben Problemes erwachsen sollte, dass seine Existenz überhaupt bedingt hatten, doch viel musste das nicht heißen: Alles, was man zurückbekommen hatte, waren ein paar unkenntliche, deformierte Fetzen Fleisch, die nicht einmal einsatzweise der Form eines menschlichen Körpers aufwiesen. Ja, bei genauerem hinsehen beinhalteten die Zellen Dr. Ikaris DNA, aber der Versuch, sie aus EVA 01 herrauszureißen, war derart unvollständig gewesen, dass die Fetzen zu unterschiedlichen Teilen mit genetischen Material des Evangelions selbst vermengt waren, mit Material von Lillith – In seiner Verzweiflung, seinem Drang, seine Schülerin, die er schon so lange heimlich verehrt hatte, hatte Fuyutsuki Dr. Akagi, die den Bergungsversuch bis dahin geleitet hatte, zur Seite geschoben und selbst ein paar Tasten gedrückt, und den Extraktionsalghorithmus laufen lassen, obwohl es Akagi nicht ganz gelogen war, die Egogrenze ihrer Kollegin scharf zu greifen, auch, wenn das Signal dabei war, dahinzuschwinden, und das hier war das Resultat, das Produkt seiner Verzweiflung: Unsicher darüber, wie damit zu verfahren wahr, hatte man die Fetzen in einen gläserten Tank gepackt, der einem Sarg nicht unähnlich war, ratlos ein paar Klebestreifen mit verschiedenen Symbolen und Beschreibungen für „Biogefährdung" darübergezogen und die Überreste dann zum Staubfangen in die Dunkelheit eines Lagers gestellt, zusammen mit dem LCL, dass teils aus dem Kern des Evangelions stammte, teils einmal zu Dr. Ikaris Körper hatte – Nachdem es sich über den Boden des Labors ergossen hatte, konnte man den Unterschied nicht mehr wirklich festellen, gut möglich, dass ein paar Moleküle, die einmal zu der brillianten Wissenschaftlerin gehört hatten, am Ende von einem Wischmopp aufgesaugt und in einen Ausguss gepresst worden sein konnten.

Eigentlich hätte ja klar sein sollen, was mit diesen Resten zu tun war – Sie gehörten eingeäschert und in eine Urne gepackt, dass müsste es doch sein, was aller menschlicher Anstand vermuten lassen würde – Aber nein, nicht doch, ein viel zu kostbares Forschungsobjekt!

Als der Urvater der Engel in der Antarktis explodiert hatte, musste er wohl die bessere Hälfte der Menschheit mit sich gerissen haben – in der grausig kalten Welt, die der Second Impact zurückgelassen war, ließ man es sich nicht nehmen, eine Leiche zu schänden!

Man könnte meinen, das eine Welt, die nur um einen solchen Preis weiterbestehen konnte, es vielleicht verdiente, unterzugehen, aber die Zahl der Menschen, die nur um der Richtigkeit wegen ihr zumindest kurzfristig günstig laufendes aufgeben würden, ging so ziemlich gegen Null. Aber wahrlich, eine Welt, die sich nur um ein solchen Gräuels wegen weiter drehte, würde bis zu ihrer Vernichtung mit einem Fluch beladen sein, und dasselbe galt für diese Einrichtung und vor allem für diesen Evangelion und allen, die damit in Verbindung kommen würden –

Dr. Ikari war die Leiterin des Teams gewesen, ihr Ehemann seid dem ersten Mal, dass man ihm nach dem Zwischenfall aus den Augen gelassen hatte, spurlos verschwunden – Im Labor ging man beinahe schon davon aus, dass er eine Dummheit begangen haben musste und sehr wahrscheinlich nicht mehr lebte, aber eine Woche später kehrte er zurück, mit tiefen, schwarzen Ringen um seine Augen, erfüllt von einer kalten Rastlosigkeit, und beendete mit seiner tiefes, autoritären Stimme das planlose Chaos, das seid dem Vorfall in den Hallen von GEHIRN geherrscht hatte, in dessen Atmosphäre auch der Bergungsversuch stattgefunden hatte.

Dr. Ikaris Witwer kehrte zurück in tiefem Schwarz, gab harte, klare Befehle, hatte immer noch den Gummianzug über die Schulter geworfen, der zum Henkersgewand seiner Frau geworden war, mit all dem stinkenden, getrocknetem LCL daran, das Material voller Handabdrücke und Falten, zu zerknautscht, als dass er verbergen können, dass er sich die letzte Woche fast ununterbrochen daran geklammert hatte. Irgendwo in seinem kalten Leib schlug wohl noch ein Herz, aber man hätte sich ein Stethoskop holen und eine Weile danach suchen müssen, und das auch nur, wenn man so ungefähr wusste, wo man suchen sollte – Er schien nur noch sein eigenes Gespenst zu sein, ein getrocknetes, ausgewaschendes Abbild besserer Tages…

Wider erwarten trennte er sich bereitwillig von dem verklebten Divesuit, warf ihn fast schon beiläufig in einen Müllschlucker, als er den Weg zum Labor antrat, auch, wenn sich der Gestank von LCL nicht ganz von ihm löste – Erstaunlich gefasst verlangte er direkt nach dem Tank mit den Überbleibseln seiner Frau, brach zielstrebing dessen Siegel und verbarrikadierte sich daraufhin im dritten Anbau des Labors für künstliche Evolution, weit unten in den Gedärmen des Terminal Dogma, und weigerte sich, für irgendwas jenseits der allerdringlichsten Wartung seines Körpers wieder daraus hervor zu kommen, wobei angemerkt werden sollte, dass er Essen und Schlafen als „undringlich" einstufte, und seinen Flüssigkeitsbedarf im unregelmäßigen Abständen aus den Wasserhähnen des Labors deckte.

Seinen Vorgesetzten legte er neue, präzisere Entwürfe des Plans vor, seinen Untergeben gab er die klaren Befehle, die ihnen seid dem Tod ihrer wissenschaftlichen Leiterin gefehlt hatten. Ihre Nachfolgerin wurde Akagi, gezwungener maßen.

Der Plan, den die neuen Dokumente beschrieben, ähnelte dem, den sie zuvor mit Dr. Ikari abgesprochen hatten zwar mehr, als es mit SEELEs Plan gemein hatte, doch es war sicherlich nicht der selbe – Fuyutsuki nannte es bedeutende Abweichungen, Ikari nannte es Präzisierungen und Überarbeitungen, SEELE verkaufte er es als neue, effektivere Methoden, ihr Ziel in die Tat umzusetzen, doch Makinami wusste viel zu viel, um dies nicht zu durchschauen, und Akagi, unwissend und erinfältig, wie sie war, war leichter zu kontrollieren – Deshalb bekam sie den Posten, und nicht Makinami, die in ihrer ewigen Unberechenbarkeit nur still in sich hineinlächelte, Fuyutsuki gegenüber aber durchklingen ließ, dass sie persönlich beim alten Plan bleiben würde.

Doch auch, wenn er den in seiner Abwesenheit erlahmten Betrieb bei NERV eigenhändig wieder stramm zum laufen brachte, verbrachte der Leiter von GEHIRN alle Zeit, die er nicht zu irgendetwas anderem brauchte, in diesem Labor, und wollte dort nicht gestört werden – Er duldete allerhöchstes Fuyutsuki und Makinami, wenn diese sich selbst die Tür aufmachte, doch keiner von ihnen konnte ihn von seinem Treiben wirklich abbringen, getrieben wie einer dieser verhexten Besen aus der Fabel des Zauberlehlings – Akagi war nicht eingeladen, nein danke.

„Erde an Gendo-kun. Hier Makinami. Ist jemand zuhause?"

Die Brillenträgerin schüttelte schließlich den Kopf und verließ den Raum. Als Akagi sie fragte, wo Ikari denn sei, antwortete sie, dass er stecke, wo auch immer seine Frau hingegangen war.

– doch es war kein wilder Eifer, der von ihm Besitz ergriffen hatte, sondern ein kaltes, planvolles Vorgehen, wäre er nicht mehr in der Lage gewesen, seine Organisation zu leiten, hätten sowohl seine wohlmeinenden Kollegen als auch seine Widersacher die perfekte Ausrede gehabt – Nein, stattdessen hatte er in der Woche, in der er wie vom Erdboden verschluckt gewesen war, nichts von seiner kühnen Effizienz verloren, nein, gut möglich, das sein Verstand (durch angemessene Motivation) noch geschärft worden war, für das, was er da tat, gab es eine logische Erklärung – Er analysiere die Reste, ihm schwebe eine Lösung für das Piloten-Problem vor. Wenn er des Wahnsinns war, dann hatte dieser Wahnsinn jedenfalls Methode.

Fuyutsuki hatte trotzdem seine Zweifel, doch als er kam, um die unschöne Pflicht auf sich zu nehmen, Ikari weiß zu machen, dass es keinen Sinn machte, dass er sie gehen lassen und begraben sollte, statt weiter an ihrer Leiche herumzudoktern, auch, weil es durch seine eigene Unfähigkeit, diesen Verlust zu akzeptieren bedingt war, dass diese verfluchten Fleischstücke überhaupt aus dem Evangelion gezogen wurden, musste er feststellen, dass er denn Mann den Yui ihm vorgezogen hatte, bedeutend unterschätzt hatte.

Er hatte Schläucher und Kabel in das Bassin geleitet, seine Finger flogen über die Tastaturen und das LCL geriet in Bewegung.

Vor seinen Augen fügten sich die Fleischstreifen zusammen, nahmen Form und Gestalt an, und mit ihr Ordnung und zu Struktur; Unförmige Fetzten bildeten Hände und Füße, Arme und Beine… und bevor es ihnen möglich war, einen genaueren Blick darauf zu werfen, schien das Konstrukt auch schon von innen heraus zu explodieren, verlor einfach allen Zusammenhang, konnte die widernatürlich Kombination ihrer Komponenten nicht länger halten und bespritze die Glaswände des Tankes mit Blut und halbgeformten Organen, Gedärme, Hirnbrei, halbgeschmolzene Knochenstücke, spritze teils aus dem Becken heraus und befleckte Ikari, neue Flecken, die sich zu den alten, längst ins braune übergegangene gesellten.

Doch Ikari gab sich selbstsicher: „Fuyutsuki! Gut, dass Sie da sind. Helfen Sie mir, dass hier zu stabilisieren. Es braucht nur noch ein bisschen…"

Fuyutsuki schluckte – und ging an die nächste Konsole. Er hatte kein Recht, den Kopf über Ikari zu schütteln – auch seine Sehnsucht war wesentlich stärker als sein gesunder Menschenverstand es je gewesen war. Er fand diese Geschäfte hässlich und geschmacklos, ja doch, aber letzlichbezog sich der Unterschied zwischen ihm selbst und Ikari doch darauf, dass Ikari die Dinge nannte, was sie waren, während er selbst sich der Heuchelei schuldig gemacht hatte.

Was fand Yui an diesem lügnerischen Reptil? Nun, vielleicht war es schon immer seine unverhohlene, freche Ehrlichkeit gewesen, paradox wie es klang… Ein endloses Paradox, diese Frau Doktor Ikari.

Aber Fuyutsuki wusste, dass sie nie etwas ohne einen bestimmten Grund tat… er hoffte nur, dass sie wusste, was sie sie da getan hatte, als sie in diesen Evangelion gestiegen war.

Wenige Tage später gelang es den beiden Männern, den verstrahlten Matsch in diesem Tank in eine menschliche Gestalt zu Kneten – Das Material hatte schon vom Volumen her nicht ausgereicht, um eine erwachsene Frau zu formen – Was sich den Beiden in dem Tank präsentierte, hatte die Form eines völlig nackten kleinen Mädchens, dass rein äußerlich allerhöchstens im Kindergartenalter sein konnte.

Fuyutsuki wich verstört zurück.

Ikari stürzte sofort an das Bassin und senkte seinen Arm hinein, die Ärmel seines Pullovers und seines weißen Kittels mit LCL und dem übrigen menschlichen Matsch tränken, um den unnatürlich blassen, unreifen kleinen Körper aus seiner Entstehungstätte zu heben – Wenn er die eine Schulter griff, die winzig in seiner großen, männlichen Hand lag, reichte die andere Schulter nicht bis zu seinem Ellenbogen, und wenn er das winzige Resultat seiner Arbeit aus der Flüssigkeit zu heben versuchte, in der es trieb, hing ihr Kopf herab, ohne irgendwelche Anzeichen zu geben, das diese kleine, weiße Form wesentlich lebendiger war, als die Überreste, aus denen sie geschaffen war.

Ikari gab auch noch den anderen Arm in das Becken hinein, um sie möglichst gut zu halten, dass sie möglichst nicht in irgendeiner unangenehmen Position lag, hob sie vorsichtig heraus, hielt sie nah an seine Brust, egal, wie sehr die Flüssigkeit, in der sie getränkt war, seine Kleidung befleckte, egal wie schnell sie sich auf seinem einst weißen Kittel verteilten, und er verweilte so, jedes Detail an seinem Konstrukt eindringlich betrachtend, nach Tagen aufzehrender Arbeit nun endlich die Stunde der Wahrheit erwartend.

Dann – tatsächlich! Eine Bewegung, eine Regung, schwach, unregelmäßig, aber vorhanden, ein ruckhaftes Heben und senken der Brust, wie ein stotternder Motor, geräusche, ein Hustreflex, das LCL ausppeiend wie ein Kaiserschnittkind dass das Fruchtwasser erst mal loswerden musste, weil die Enge des Geburtskanals die nicht aus seinen Lungen gepresst hatte, und Geräusche!

Die Stimme, dieses Stimmchen!

Das es ihnen Beiden noch mal vergönnt sein würde, diese Stimme zu hören, und sei es nur ein instinktiver Laut, der ihr Husten begleitete, das hervorwürgen der Flüssigkeit, mit nur einer Färbung von Vertrautheit.

„…Yui?" fragte Ikari vorsichtig, seine Stimme offen bebend und gerührt, obgleich Fuyutsuki noch im Raum war… Doch dieser hatte zu diesem Zeitpunkt schon geahnt, dass etwas sehr, sehr falsch war – Es war nicht nur die kindliche Gestalt dessen, was sie da zusammengezimmert hatten – Das Gesicht war zu symmetrisch, wie das eines Menschen, den man aus der Erinnerung zeichnete, ganz gleich, ob das menschliche Gehirn nun programmiert sein mochte, symmetrie als schön zu empfinden, und auch wenn Yui eine sehr helle Haut gehabt hatte, das hier ging bei weitem darüber hinaus – doch am deutlichsten sprach wohl der Schwall vom blauem Haar, der über Ikaris Arm herrabfloss.

Einen Moment war er ja geneigt, es zu glauben, als, wie als Reaktion auf die Stimme des Direktors von GEHIRN eine regung durch das kleine, aber doch so, so vertraute kleine Gesicht ging, und sich die Augen einen spaltbreit öffneten… Hinter den Augenlidern lagen eine nicht zu beanstandende Iris mit Pupille, alles makellos, aber wenn die Augen die Fenster zur Seele sein sollten, dann hätte man jenseits dieser Augen nur ein großes „zu Vermieten"-Schild zu sehen bekommen – klar doch, da waren instinktive Reaktionen, vielleicht eine rudimentäre Intelligenz, die auf Stimuli reagieren konnte, aber da war kein Erkennen, kein Begreifen, kein leise zurückgeflüstertes „…Gendo?", keine Reaktion, auch nicht, als er den kleinen, bleichen Leib leicht schüttelte, seine Kreatur starrte weiter vor sich hin, antwortete nicht, das einzige, was er mit seinen Weckversuchen bewerkstelligte war, dass sich die Unvollkommenheit seines Konstruktes noch weiter offenbahrte, während Fuyutsuki seinen Blick längst schon schmerzvoll abgewendet hatte, ein kleiner Arm, eine Tasche von Fleisch, die sauber vom Oberarmknochen abrutschte und in das LCL plumste, die Sehnen herabhängend wie langgezogene Kaugummistreifen, weitere Stücke bröckelten herrab wie festgetrockneter Sand oder Brotkrümel, wo Ikari die Schulter fest gegriffen hatte, begann sich die Haut schon wie Papier zu verziehen und zu reißen, der Hals, die Brust, alle fuhr aus der Form wie Plastik, das langsam zu schmelzen begann,und weitere Stücke plumpsten zurück in den Tank, egal, wie sehr Ikari die Schwerkraft und den Zerfall mit seinen Armen auszugleichen versuchte – zum zweiten Mal entkam sie ihm, und wie! Knapp eine volle Minute, nachdem diese unvollkomene Imitation von Mensch aus ihrem Entstehungsort entfernt worden war, ging sie endgültig in in Schaum auf wie Andersens kleine Seejungfrau – Es war wohl nur, weil Ikari das zerfallende Geschöpf an diesem Punkt instinktiv losließ, als dessen sich zersetztende Struktur ihm entgegen zischte wie der Inhalt einer getretenen Colaflasche, das überhaupt irgendetwas davon übrig blieb dass die beiden verzweifelten Männer weiter mit dessen leeren Augen anstarren konnte, nachdem es zurück in das LCL gesunken war und von diesem weiter konserviert wurde, aus einem halbgeschmolzenem Gesicht, in dem an der rechten Hälfte Muskeln, Knochen und ein Teil des Augapfels freilagen. Die Kraft des kurzen Falls und der Landung im LCL-Tank hatten ausgereicht, um die obere Hälfte jener leeren, menschenförmigen Fleischpuppe von der unteren zu lösen, verbunden nur noch durch die sauber herausgelöste Wirbelsäule und einer Spirale aus Gedärmen.

Es hatte fast schon eine poetische Qualität – Wie Wagners kleiner Homunculus aus „Faust" konnte dieses artifizielle Konstrukt, dieser verkorkste Versuch einen künstlichen Menschen zu schaffen nur in dem Kolben bestehen, in dem man es erzeugt hatte.

Fuyutsuki sah nur eine mögliche Beschreibung für den Ausgang dieser Unternehmung:

„Wir haben versagt…"

Er schritt von seiner Konsole weg, weil er keinen Grund mehr sah, dort zu sein, getroffen von einer Resignation, die eigentlich wenn auch weniger offensichtlich schon präsent gewesen war, als er den Raum betreten hatten – Eigentlich war alles vorbei, bis auf das Trauern und das zweifelhafte Vergnügen, seinem Kollegen die Sache beizubringen.

Ikari selbst kniete einen Augenblick dort, das Gesicht gesenkt, der Aufdruck darauf unkenntlich bis dunkeldüster, auf seine nun leeren, befleckten Arme herrabsah.

Doch dann setzte er sich in Bewegung, nicht heftig, sondern langsam, allmählich und an sich undramatisch, und er begab sich zurück zu seiner Konsole und drückte Tasten, als ob nichts weiter geschehen würde.

Er war ein abscheulicher Anblick, von Kopf bis Fuß nach Blut stinkend, von Kopf bis Fuß besudelt, und das letzte mal, das er sich rasiert hatte, schien auch ein ganze Weile her zu sein, und wie er durch diese Brille noch durchsehen konnte, konnte sich Fuyutsuki auch nicht erklären, jedenfalls hätte er sie doch zumindest unter einem Wasserhahn abputzen können, als hätte er in einer Metzgerei gebadet – Dieser ganze Raum und alles, was er repräsentierte, began langsam, Fuyutsuki auf den Magen zu schlagen, eine schreckliche, widernatürliche Unternehmung, in der er sich da hatte hineinziehen lassen.

Er hatte schon von Anfang an geahnt, dass es eine hässliche Angelegenheit werden würde, Ikari aus diesem Raum herauszubekommen, und leistete sich ein letztes, resigniertes Seufzen, bevor er noch einmal versuchte, auf den jüngeren Mann einzureden, ahnend, das es vergebens sein würde. „Lass es, Ikari. Es ist zwecklos. Sieh es doch an. Was wir extrahiert hatten, war mit fremdem Genmaterial verseucht… es war nicht Yui-kun… Ihre Seele war von Anfang an nicht hier drin… Es gibt wirklich keinen Grund, weiter in ihren Resten herumzustochern… Für was hälst du dich, Ikari? Für einen Nekromanten? Lass es sein, und geh nachhause. Geh unter die Dusche und rasier dich…. Wer hat sich überhaupt um deinen Sohn gekümmert, während du dich hier die ganze Zeit eingeschlossen hast? Der Junge hat schon seine Mutter verloren… Ich denke, dass reicht. Es braucht nicht auch noch seinen Vater zu verlieren."

„…Das mit Shinji… ist geregelt." Gab Ikari zurück, scheinbar unwillens, weiter darüber zu reden. Seine Finger flogen weiter ungehindert über die Tasten.

Fuyutsuki hatte jetzt erwartet, dass er die Situation jetzt vehement leugnen würde, vielleicht eine Art zusammenbruch, im schlimmsten Fall auch eine totale Weigerung, einzusehen, was eben passiert war, so weit, dass er ungehindert weiter zu der zerfallenden, seelenlosen Puppe sprechen würde, die er da gebastelt hatte, als sei es seine Frau – Aber nichts davon trat ein, nach dem anfänglichen Moment der Bestürzung schien Ikari völlig ruhig, analytisch sogar, die Dinge, die aus seinem Mund kamen, machten Sinn, und es war erschreckend, wie viel Sinn sie machten: „Wenn sie von Anfang an nicht hier war, dann ist es, wie ich es vermutet habe. Ihre Seele muss noch in dem Evangelion sein… Und das heißt, dass dieser Plan durchführbar ist…"

„Plan-?! Ich wüsste nicht, dass unser Plan soetwas beinhalten würde!"

„Durch den …Zwischenfall wurden selbstverständlich ein paar …Korrekturen nötig."

„Korrekturen? Bist du dir sicher, dass du nicht aus den Augen verloren hast, was eigentlich unser Ziel war…?!"

„SEELEs Szenario zu überschreiben, wie du, ich, Yui und Makinami es uns vor vier Jahren geschworen haben. Daran hat sich nichts geändert… Es wäre natürlich günstig, wenn ich die Änderung mit ihr absprechen könnte, aber das ist leider… nicht mehr möglich. Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir sie wiedersehen…"

„W-Wiedersehen?! Ikari, was in aller-"

„Das ist doch auch in Ihrem Sinne, nicht, Herr Professor?"

Das konnte Fuyutsuki nicht leugnen, aber-

„Wenn das so ist, was rührst du dann noch in dieser Bruhe herum? Wenn du sichergehen wolltest, dass Yui-kun immer noch-"

„Sie haben es doch selbst gesagt, Fuyutsuki. Diese Proben sind mit der DNA Lilliths durchsetzt… Das heißt, dass es möglich ist. Die Kombination von Mensch und Engel, die verbotene Fusion… Das öffnet eine ganze Menge möglichkeiten… Noch ist es zu instabil, um den Kontakt mit der Außenluft zu überstehen, aber das müsste man richten können… Ich habe doch gesagt, woran ich hier unten arbeite: An einer Möglichkeit, kompatible Piloten für die Evangelions zu finden… oder vielmehr, um diese selbst zu erschaffen. Was könnte besser geeignet sein, um Einheit Eins erfolgreich zu steuern als etwas, das aus derselben Quelle stammt?"

„Wissen sie eigentlich, was Sie da sagen…?!"

Fuyutsuki wartete gar nicht auf eine Antwort. Ethik hatte Ikari von Anfang an nie besonders gejuckt. „Nehmen wir mal an, sie bekommen ihr kleines…. Frankensteinkonstrukt stabilisiert, was dann? Wie soll eine seelenlose Puppe einen Evangelion steuern?"

„Die Entwicklung im Bereich künstlicher Seelen ist noch sehr rudimentär, aber ich bin mir sicher, dass die Kollegen vom Golghata- Stützpunkt mit den fertigen Resultaten etwas anzufangen wissen werden… Aber davon einmal abgesehen steht uns durchaus eine Seele zur Verfügung, die für diesen Kontext außerordentlich nützlich sein könnte…"

„Sie meinen doch nicht etwa…"

„Wie schon gesagt, was könnte besser passen als etwas aus derselben Quelle?"

„Ikari, das ist Wahnsinn. Sie legen sich da mit Dingen an, die weit jenseits ihrer Kontrolle liegen… Sie wollen ein gottgleiches Wesen zu ihrer persönlichen Fernsteuerung machen? Nich nur als Pilot, sondern als Medium? Was, wenn sich ihre Kreatur gegen Sie auflehnt?! Es wird Sie vernichten…"

Doch daran hatte Ikari von Anfang an nicht gedacht. Die Idee, die ihn hierzu bewegt hatte, war von Anfang an anderer Gestallt gewesen – Wenn dieses Geschöpf aus Yuis DNA geschaffen wurde, und er derhenige war, der diese Erschaffung vorgenommen hatte, wenn sie so in gewisser weise ihrer beider Produkt sein würde… wozu machte sie das dann?

„Die alten Männer werden das niemals tolerieren!"

„Die alten Männer sind genau so auf Piloten angewiesen wie wir… Erinnern sie sich noch an diese Passage aus den Schriftrollen? Diese, die niemals Sinn machen wollte? Die Frau, die die Form der Göttin annimt, und die Göttin, die die Form der Frau annimt? Ich denke, ich weiß jetzt, was sie bedeutet…"

(In den alten Erzählungen hieß es, dass die Kammer von Guf der Ort ist, an dem die Seelen, die die Schöpfer vor Ewigkeiten bereitgestellt haben, darauf warten, dass für sie die Zeit kommt, auf die Erde zu kommen, und ihr Schicksal zu verwirklichen – Aber ihre Zahl, hieß es, ist begrenzt, und wird einstmals zuende sein. Und wenn das erste seelenlose Kind geboren wird, tja, dann hat die Endzeit begonnen und die Apokalypse steht bevor…

Wie auch immer das genaue Verhältnis zwischen der Legende und der realen Situation ist, es war und blieb ein trauriger Fakt, dass die Geburtenrate nach dem Second Impact Jahr für Jahr weiter zurückging, und das im Terminal Dogma unter den Komplexen von GEHIRN ein zunächst seelenloses kleines Mädchen geschaffen wurde, deren einziger Daseinszweck es sein sollte, das Ende der Welt einzuläuten, und auch sie war seid dem Beginn ihrer Existenz dazu verdammt, ein Instrument von Schicksal und Vorsehung zu werden…)

Von diesem Zeitpunkt an konnte Fuyutsuki nicht mehr behaupten, dass er sich einfach nur mit ein paar schattigen Gestalten abgab, um die Welt zu retten – Nein, die traurige Realität war, dass die Rettung der Welt wohl gar nicht mehr auf der Speisekarte stand. Was konnte er allein schon ausrichten?

Alles, was ihm blieb, war das geringere zweier Übel zu fördern und zu hoffen, dass seine Lieblingstudentin von dort, wo sie jetzt war, etwas mehr ausrichten konnte als er.

In wie weit sie wohl wusste, was in der Außenwelt vor sich ging? In wie weit hatte sie es geahnt, in wie weit in Kauf genommen?

Oh, wenn sie das nur sehen konnte, diese Schweinerei hätte ihr das Herz gebrochen!

Ikari entnahm etliche Proben aus seinem halbzerfallenen Konstrukt und ließ es mit dem Ettikett ‚00' versehen und für die Nachwelt ins Lager stellen – Aus den entnommenen Zellen aber, von denen nicht jede die gleiche Kombination aus Engel und Mensch enthielt, züchtete er weitere Kreaturen herran. Die DNA seiner Frau wurde zum Grundmaterial, einfach, weil die ursprüngliche Probe aus ihrem Aktivierungsexperiment resultiert war.

Von 1004 Emrbyonen, die aus ebensovielen verschiedenen Zellen des Konstrukts geklont worden waren, entwickelten nur 4 menschliche Gesichter – Bei den anderen war die Zahl der Augen ebenso ein Würfelspiel gewesen wie bei den Evangelions, wohl auch wegen der ähnlichen Quelle, und die Rate verkümmerter oder schrecklich verwachsener Fehlschläge war selbst größer – Die immende Mehrheit ging von alleine ein, doch selbst wenn nicht musste das nicht immer viel heißen – Etwas mit fünfzehn Armen verdiente es nicht länger, als menschlich bezeichnet zu werden.

Doch die innere Homogenität der so produzierten Klone half, sodass immerhin diese vier halbwegs akzeptablen Exemplare produziert wurden. Aus dem Ergut dieser vier wurden dann jeweils die besten Sequenzen zu einem idealen Genom kombiniert, an dem dann noch an über 44% gezielte biotechnologische Änderungen verschiedenen Umfangs durchgeführt wurden, bevor man den nächsten Versuch unternahm, das ganze zu einem halbwegs lebensfähigem Organismus zusammenzuzimmern – Die menschliche Technologie war letzlich doch limitiert, und Mensch und Engel schienen selbst auf molekularbiologischer Ebene dazu verdammt, einander zu vernichten, sodass das Wesen, dass Ikari in diesem Labor letzlich zusammenzimmerte, an sich immer noch von selbst zerfallen würde, wenn man nicht zahlreiche Maßnahmen ergriff, um ihre unnatürliche Existenz aufrecht zu erhalten – Aber diese lagen im Rahmen des Möglichen.

Trotz aller Rückschläge hatte Ikari die finale Version seines Impact-Auslösers bereits fertig und vorbereitet, als der dem Komitee wenige Monate nach dem Experiment die Verwendung von rekombinanten Organismen als Piloten vorschlug, und ihnen blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

Der erste vollendete Homunkulus war fertig, und ging schon kurz darauf in Massenproduktion – Im Hauptquartier behielt man sich einige dutzend vor, einerseits als Ersatzteile für das, was schon bald als „First Child" klassifiziert und Jahre später, als ihre Existenz wegen ihres Pilotentrainings nicht mehr geheimgehalten werden konnte, dem Rest von GEHIRN als das Kind irgendeiner Bekannten vorgestellt wurde, das Ikari bei sich aufgenommen hatte, andeerseits für eine ganze Vielzahl von anderen nützlichen Aufgaben, im Golgatha-Stützpunkt aber wurden sie praktisch an Fließbändern gefertigt, wo sich einen Anblicke boten, die an eine Kreuzung zwischen einer industriellen Metzgerei und einer Sexpuppenfrabrik ähnelten und einem aufs neue bewusst machten, wie unheimlich die menschliche Form doch sein konnte, wenn sie im falschen „Kontext" auftauchte.

Die offizielle Bezeichnung für Ikaris praktische Erfindung lautete „Ayanami-Typ Artifizielle Humanoide Evangelion-Mehrzweck-Kontrollphalanx", oder, angeblich in Ehren an die verstorbene Direktorin von Komplex Fünf (Deren letzte Veröffentlichung tatsächlich so etwas wie einen Y.U.I.-Effekt beschrieb und die Wörter ganz schön stauchte um auf dieses Akronym zu kommen), einfach als „Ayanami-Serie" abgekürzt, was einem darüber etwa genau so wenig verriet, wie einem ein Euphemismus wie „Kollateralschaden" darauf vorbereiten konnte, zu sehen, wie seine Heimat vom Kriegzerfressen wurde. Worte wie „artifiziell" und „humanoid" kamen bei vielem vor, das mit den Evangelions zu tun hatte, keiner, der irgendwelche Berichte oder Papiere dazu gelesen hatte, aber nicht eingeweiht war, würde sich unter so einem „Ayanami-Typ" etwas in der Form eines kleinen Mädchens eher noch etwas Riesen-Roboter-mäßiges, irgendeine Art von Kriegsmaschinerie – Aber waren es nicht immer eigentlich die Menschen, die die Kriegsmaschinen abfeuerten, und jene, die sie befehligten, welche die Kriege eigentlich führten?

In dieser Hinsicht repräsentierten diese massenproduzierten Androiden eine archetypische Horrorgestalt der Menschen, und zugleich die perfekte Kriegsmaschine: Ein Soldat, ein Super-Soldat, ein mit mystischen oder wissenschaftlichen in seinem Kampfpotential aufgewertete, seiner menschlichkeit beraubtes Konstrukt, gefühlos, absolut gehorsam, und vollkommen austauschbar, mit einem schier endlosen Lager aus Ersatzteilen, Ersatzkörpern, ein widerwärtiges Verbrechen an der Natur, das nicht mal einen Lebenswillen hatte, völlig leer bis auf einen entfernten Funken von etwas, dass nie in eine menschliche Form hineingehört hatte, alles in allem ein einziger Alptraum, der niemals hätte existieren sollen.

Könnte man meinen.

Als das fertige Resultat dann auf diesem Möbel lag, das man je nach Geschmack als „Bett" oder „Werkbank" hätte bezeichnen können, verloren unter einem Geflecht an Kabeln, dass ihren bis jetzt nackten, blassen kleinen Leib bedeckte, sah sie eher mitleiderregend aus als alptraumhaft, nicht viel anders als ein normales, kleines Mädchens, das genau so gut einfach nur ein Schläfchen halten könnte.

Da sie das erste Exemplar war, war ihre Erschaffung kontinuierlich verlaufen, sowohl zu ihrem Körper als auch zu ihren mentalen Routinen war nach und nach etwas dazugekommen, und so gab es wohl auch keinen definitiven Moment oder Tag der „Geburt", irgendwann tauchten Geister von Bewusstsein auf, ein Erinnerungsvermögen bizarrer Weise schon zuvor, eine Art Selbstbild oder Konzept ihrer eigenen Existenz oder Indentität erst viel, viel später, und irgendwo zwischen alle dem speiste Ikari die Seele ein, es war auch schon eine ganze Weil, dass sie ausreichend Hirnströme produzierte, die man analysieren, überwachen und interpretieren konnte – nachdem er mit nicht wesentlich mehr angefangen hatte als einem Kopf und einer Wirbelsäuleangefangen hatte, die von denen, die er herangezüchtet hatte, so etwa am fehlerfreisten ausgesehen hatte, konnte er sein Konstrukt nun endlich als vollendet bezeichnen, und, wie vormals erwähnt, haufenweise Klone davon anfertigen lassen, nachdem dieses Wesen unter den vielen Kabeln ihre Augen geöffnet und Ikari auch tatsächlich anzusehen schien, und somit bewiesen war, dass diese Gefäße mit der eingefügten Seele tatsächlich kompatibel war.

„Jetzt müssen wir sie nur noch programmieren…" meinte Ikari nach vollendeter Arbei zu Fuyutsuki, der für die große Generalprobe ebenfalls dabei gewesen war.

Während dieser jedoch auf distant blieb, lehnte sich Ikari selbst nach vorne, um sich seiner Schöpfung näher zu besehen – Ja, er, der Schöpfer dieser zweifelhaften Kreatur sah das ganze etwas anders, als man hätte meinen können – Dieses kleine rote Kleidchen, das er vor Jahren für ein ganz anderes Kind etwas voreilig gekauft hatte, würde wohl doch noch Verwendung finden.

Er lehnte sich nach vorne und hob den nun fertigen Homunculus vorsichtig aus dem Kabelgeflecht, worauf das noch in einem tabula-rasa-zustand befindliche Mädchen nicht wirklich reagierte.

‚Programmieren' sagte er… Fuyutsuki machte sich nicht mal mehr die Mühe, sich zu schütteln.

Scheußlich wie es klang war es doch eine Notwendigkeit – Sie hatten nicht wirklich die Zeit, ihr Sprechen, Laufen und dergleichen auf der normalen Geschwindigkeit auf die altmodische Weise beizubringen beizubringen, und überhäupt wäre ein Baby oder Kleinkind mit einem projezierbarem AT-Feld schlichtweg nicht praktikabel – Schon ein typischer Trotzanfall, wie sie alle zweijährigen mal hatten, könnte einen außerplanmäßigen Third Impact zur Folge haben, und wie sollte man ein Baby dazu bringen, die nötigen Medikamente und Ergänzungen zu schlucken? Und wenn man jedes mal wieder mit einem Baby dasitzen würde, wäre ihre ‚Ersetzung' ziemlich aufwändig, und sie wäre als Waffe schlichtweg ungeeignet.

„Dann wird sie einen Namen brauchen… Denkst du an „Kagura", ebenfalls nach Ayanami-kun? Oder willst du sie gleich nach Yui-kun benennen?"

Ikari schüttelte den Kopf, ohne sich Fuyutsuki wirklich zuzuwenden. „Nein, keines davon."

Er hatte seine Kreatur nun von den ganzen Kabeln losgemacht, vermutlich, um sie dorthin zu tragen, wo diese ‚Programmierung' erfolgen sollte.

„Rei." Verkündete Ikari, fest in seinem Entschluss. „Ihr Name ist Ayanami Rei."

Das dünne Lächeln, dass danach einen kurzen Moment lang an seinen Lippen kleben blieb, gefiel Fuyutsuki überhaupt nicht. Es war vielleicht das erste Mal, seit dem Tag der Tragödie, dass sich sein ewiger finsterer Blick brach, und der Großteil daran war wohl Vorfreude und Triumph, die Gewissheit, dass die Umsetzung seines waghalsigen Planes gerade ein gutes Stück näher gerückt war, aber da war auch ein Glimmer von etwas ganz anderem…

(Hatte er so gelächelt, als sein eigener Sohn geboren wurde?

Nein, dass hatte er nicht.

Es war nicht, wie man zuerst meinen konnte, weil es ihn einfach nicht bewegt oder interessiert hatte, sondern vielmehr, weil er in diesem Moment zu sehr beschäftigt war, einen ganzen Strudel andere Dinge zu führen, der die Freude, selbst wenn sie dagewesen wäre, wohl hoffnungslos übertönt hätte – Der 6.6. 2001 war für Ikari Gendo ein Tag gewesen, von dem er ziemlich froh war, als er endlich vorbei war.

Es war eine schöne Ironie: Ein Paar das wie kein zweites darin verwickelt war, den Second Impact herbeizuführen, wurde fast eines seiner Opfer – Da sie gewusst hatten, dass er bevorstand, hatten sie und die ihren Vorbereitungen getroffen und reich wie sie waren, mussten die wenigsten unter den Drahtziehern der Verschwörung auf irgendwelche Annehmlichkeiten verzichten – Der Großteil von ihnen saß bereits wartend in einigen der wohl luxuriösesten unterirdischen Bunker der Weltgeschichte, während den einfachen Menschen auf der Straße alles restlos genommen wurde – Eroberung, Krieg, Hungersnot, und zulezt, der Tod und die Pest – Alle Reiter der Apokalypse tobten sich nach Herzenslust aus und zertrampelten alles unter den Hufen ihrer höllischen Rösser, das die Menscheit in über 10000 Jahren Zivilisation aufgebaut hatten, in weniger als den neuen Monaten Zeit, die es zur Formun eines einzigen Menschen brauchte – Als dieses Kind gezeugt wurde, stand die Menschheit zehn Jahre nach dem Ende des kalten Krieges in mitten ihrer strahlendsten Blüte, als dieses Kind das Licht der Welt schließlich zu sehen bekam, war von dieser nicht mehr all zu viel übrig. Hätte er diese Welt genau ein Jahr vorher betreten, wäre er ein Sommerkind gewesen, immer gewollt und sehnsüchtig erwartet und diversen örtlichen Aberglauben nach zu urteilen für ein glückliches Leben vorherbestimmt, doch kaum, dass das 21. Jahrhundert über diese Welt hereingebrochen war, hatte dieses Wort schon alle Bedeutung verloren, sodass diese Zeit nur noch als die ungefähre Mitte des Jahres gewesen wäre – Und das mit dem Sonnenkind wäre so oder so Unsinn gewesen, diese beginnende Existenz war bereits hoffnungslos verpfuscht, als seine Eltern den ursächlichen Orgasmus noch spüren konnten – Schon allein um der Namen dieser Beiden willen war es von Anfang an unmöglich gewesen, dass dieses Kind ein normales, glückliches Leben haben würde.

Und wenn sie noch so verschlungen gewesen wären, früher oder später hätten sie alle in einen Evangelion geführt, und wenn die Sonne am Tag seiner Geburt noch so gestrahlt hatte.

Die Sonnenstrahlen waren den Ikaris am ehesten noch ein Hindernis, denn sie bekamen ihren ersten und einzigen Sohn am 6.6. 2001, exakt 16 Minuten nach 6 uhr morgens unter einem blutigen Sonnenaufgang – und damit knapp einandhalb Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Sie waren auf der Heimreise, und hatten nicht vor, ihr Domizil und damit die Nähe schnell verfügbarer medizinischer Versorgungen wieder zu verlassen, bis das Kind da war. Am sechsten Juni hatten sie eigentlich schon dort angekommen sein sollen, aber einen Tag, bevor sie diesen sicheren Hafen erreicht hätten, wurden sie aufgehalten – Sie hatten herumgetrödelt, in den Bergen verweilt, weil es doch noch eine Weile hin sein müsse, und die Klippen und Täler Yuis romantische Ader schon im Vorbeigehen gereizt hatten und ihr Gatte ihr keinen noch so kleinen Wunsch abschlagen konnte – Monate nach der Katastrophe hatte das Grün wieder begonnen, zu wuchern, zumindest im Inland dieser Inseln, in den vergessenen, von Bergen umwallten Tälern in denen die Ruinen verlassener Siedlungen begannen zuzuwachsen – Der Wiederaufbau würde diese geheimen kleinen Gärten erstmal vernichten müssen, bevor er etwas neues schaffen konnte – Sie beide gehörten also zu dem winzigen Kreis von Menschen, die diesen Anblick zu gesicht bekommen und in Erinnerung behalten würden.

Etwas Paradiesisches fanden sie beide an diesem Anblick, wenn auch auf sehr verschiedene Art und Weise – Die Wissenschaftlerin schätzte das hervorschießen neuen Lebens, ihr Gatte die Rückführung eines Teils der Welt in eine Art Urzustand, doch sie einigten sich, sich nich zu einigen, und fragten sich stattdessen, was wohl ihr Sohn daran finden würde, wenn sie ihm eines Tages davon erzählen würden – Nicht, das es je dazu kam.

Sie verließen die überwachsenen Ruinen noch im Nebel des Morgens, hielten sich dann aber auf, eierten herum, ohne einen Grund zu sehen, zügig zu ihrem Vehikel zurückzukehren, sondern schlenderten in Määndern durch die Landschaft, wie das für Verliebte in der Sonne so üblich war – Am Ende überraschten sie die Wehen in der Mittagssonne, am Rande eines aus der Form geratenen Sonnenblumenfeldes, in denen einige der Gewächse noch lange ausgeharrt hatten, nachdem ihre Schöpfer sie verlassen hatten, nun, da der Winter ihnen keinerlei Beschränkungen mehr darüber auferlegte, wie lange sie zu sprießen hatten – Das ganze hatte beinahe schon eine poetische Qualität, die Sonnenblumen, die geringen Spuren verschiedener Wildpflanzen um das eintige Feld herum und jenseits davon, Mohn, Kornblumen, Hahnenfuß und Löwenzahn, und der kleine, nicht mal genau begrenzte, mit Steinchen ausgelegte Feldweg, neben dem ein paar wilde Apfelbäume schatten spendeten, und die Strahlen der unbarmherzigen Sonne, der alle Farben fast schon unwirklich intensiv erscheinen ließ – Dieser ganze Tag präsentierte sich in einer Aura lebhaften Wahnsinns, die Luft voller Süße und niedergedrückt von schwindelerregender Hitze, was man noch für eine idyllische Szene hätte halten können, verwandelt sich schon allein mit dem Satz „Gendo, ich glaube, das Baby kommt…" in etwas aus einem besonders künstlerisch angehauchten, aber nicht minder tragisch-ironischen Geschichte. Sie hätte aus einem Werk von Max Frisch stammen können, vielleicht auch Goethe oder Fontane, eine Schönheit, deren tieferer Sinn es war, einen Missstand oder eine Limitation der menschlichen Natur aufzudecken – Wahrlich, es hätte kaum ein anderer Tag sein können.

Ikari wusste noch genau, wie seine Frau an diesem Tag ausgesehen hatte, das Haar deutlich länger als zum Zeitpunkt ihres kennenlernens oder bei ihrem vermeitlichen Tode, in Wellen herunter zu ihren Schultern, und sie trug ein weites Spaghettiträgerkleid in der Farbe von Blauregen, ähnlich wie Lavendel, aber deutlich verschieden, als hätte man eine Staubschicht davon heruntergewischt.

Zwischen den Wehen hatte sie immer wieder versucht, ihm zu versichern, das es schon noch werden würde, Kinderkriegen sei schließlich keine Krankheit und irgendwie hätte die Menschheit sich ja doch bis zum heutigen Tage erfolgreich fortpflanzen können, doch dass sie ihre Erklärung bisweilen für einen geflegten Schmerzenslaut unterbrechen musste, während deren ihr nichts anderes übrig blieb, als sich an ihrem Gatten festzuhalten, der natürlich sein bestes tat um sie zu stützen, ließ sie zumindest in seinen Ohren nicht sehr überzeugend klingen – Zu erwähnen, dass sie kaum vorran kamen war praktisch die Verschwendung eines Satzes, den Sauerstoff hätte man auch besser nutzen können, oder zumindest ging es für Ikari bei weitem nicht schnell genug – Der werdende Vater hielt das Schauspiel nicht besonders lange aus, und fasste rasch den Entschluss, seine Frau samt Babybauch einfach zu tragen, und auch wenn der Unterschied bei dem Körperbau der beiden da half, gestaltete sich das Tragen einer erwachsenen Frau über weite Strecken doch als eine schwierige Angelegenheit, die seine Muskeln und Knochen wohl nur deshalb relativ protestfrei mitmachten, weil er sich solch einer extremem Ausnahmesituation befand, oder zumindest in einer Situation, die er selbst eine solche wahrnahm, und er war gezwungen, sie in beiden Armen zu halten, weil er sie sich mitdem Babybauch nur schwer über die Schulter werfen konnte – Yui protestierte ja zunächst noch, dass sie durchaus laufen könnte, und dass er sich am Ende nur einen Leistenbruch holen würde, aber er wollte nicht hören und sie ließ ihn letzlich machen, sie kannte ihn gut genug um zu merken, dass er trotz des beherrschten, entschlossenen Äußeren, dass er ihr präsentierte, innerlich absolut in Panik verfallen sein musste – Er hatte seine Empfindlichkeiten, dieser Mann, so sehr ihn die bitteren Erfahrungen seiner Vergangenheit auch gezwungen hatten, sich letzlich abzuhärten und abstumpfen zu lassen. Es wäre nicht falsch zu sagen, dass er gerade deshalb so hart und verdorben erschien, weil die weicheren Schichten seiner selbst den Unbilden der menschlichen Existenz einfach nicht standgehalten hatten, verwelkt und weggeätzt wie totes Fleisch über Knochen, doch sie allein kannte diese andere Seite von ihm, sie allein nahm es auf sich, ihm die Dinge zu geben, die ihm so lange gefehlt hatten, sich um Teile von ihm zu kümmern, von denen er lange vergessen hatte, dass sie überhaupt da waren.

Was ihr jedoch bis zum Schluss nicht gelang war, ihn mit ihrem Optimismus anstecken – Er war und blieb ein unverbesserlicher Pessimist, allen kleinen und letzlich schnell wieder vergangenen Besserungen zur Zeit seiner Ehe zum trotz, und das spiegelte sich auch in den ersten Gedanken wieder, mit deben er auf Yuis Verkündung der nahenden Geburt reagierte: Das sie dabei am Ende noch sterben könnte. Man sah es ja oft genug in schlechten Filmen oder Erzählungen aus der Geschichte, wodauernd irgendwelche Frauen bei der Geburt starben, bisweilen mitsamt Kind – Zwar gehörte dies dank der modernen Technik größtenteils der Vergangenheit an, aber moderne Technik gab es hier in allen vier Himmelsrichtungen keine, sie waren praktisch auf freien Feld. Natürlich hatten sie sich beide ausreichend Vorbereitungslitatur zu Gemüte geführt, sie in entspannter, freudiger Erwartung, er selbst in einem kühlen, planvollen Biereifer, der sich größtenteils aus Befürchtungen über seine eigene Unzulänglichkeit erwuchs, mit einem Stift in der Hand und einem Stapel Papier nebendran, auf den er wahnhaft alle möglichen und unmöglichen Vorbereitungen, alle einzuplanenden und zu bedenkenden Faktoren festhielt, als sei er ein Comicbösewicht, der sich durch einen komplizierten Drei-Phasen-Plan die Weltherrschafft unter den Nagel reißen wollte – Er hatte sich in seiner Ahnungslosigkeit an die Strategien geklammert, die er kannte – dieses Universum war von seinen quantenphysikalischen Grundlagen herauf zufällig in ihrer Natur, doch wenn für alle möglichen Ausgänge etwas vorbereitete, stand man nicht ratlos, hilflos da ohne zu wissen, was man machen sollte – So hatte er die Welt bis jetzt überlebt, und so würde er sie auch weiterhin überleben – Die Räder seines Verstandes begannen zu ticken: Er wusste, wo sie ihr Auto gelassen hatten, und er konnte sich daran erinnern, dass sie nicht all zu lange bevor sie für ihren kleinen Umweg ausgestiegen waren, an einer noch halb in Trümmern liegenden, aber dennoch immer noch bewohnten Ortschafft vorbei gekommen war, wo man den Schutt zumindest soweit zur Seite gekehrt hatte, dass die Menschen mit ihren halb-reparierten Fahrzeugen umherfahren konnten – Wenn er Yui dahin bringen konnte, wenn er es nur bis zu dieser Siedlung schaffen konnte, hatten sie eine Chance – Es musste dort doch mit Sicherheit einen Arzt geben, mit Glück sogar medizinische Ausrüstung, ohne Glück doch mindestens ein altes Weib, das vom Kinderkriegen ihre Ahnung hatte.

Also eilte er mit seiner Frau in den Armen haltlos durch die Landschaft, schweißverklebt unter dem Zentralgestirn, dass aus ihrem Zenit aus auf sie herabglimmerte, ein einziger Punkt von eiliger bewegtheit inmitten des goldenen Tages, und der Pflanzen, sie sich langsam und genüsslich im Wind wiegen ließen, ein Schatten, der aus dem Takt der Umgebung herausfiel, vor Anstregung berstend, aber sich weiter vorranpressend, gerade langsam genug, um das Risiko, mitsamt Frau und Kind im vernachlässigbaren Bereich zu halten – Wäre das ein Film, hätte es spätestens jetzt einen Szenenwechsel gegeben, doch Ikari war gezwungen, jede Minute dieses Spektakels zu durchleben, jede einzelne, die seine Frau vielleicht teuer zu stehen kommen könnte, ohne, dass ihr Auto und die ungepflegte heruntergekommene Landstraße, an der sie es geparkt hatten, endlich in Sicht kam, nicht die schwarze Limousine, die der Leiter von GEHIRN sich erst in seiner Zeit als Witwer zulegte, sondern etwas deutlich geländetauglicheres, dass sie sich als Vorbereitung auf den Second Impact zugelegt hatten, in Flieder, hauptsächlich, weil dieses zum engeren Kreis von Yuis Lieblingsfarben zählte.

Als er seine Frau endlich auf die bis jetzt unbenutzte Rückbank (Einen Kindersitz hatten sie zwar bereits vor langer Zeit gekauft, aber nicht mitgenommen – Toll! Das würde den weiteren Transport von Frau und Kind bisweilen lustig machen.) bugsiert hatte, musste er sich erst mal setzte, ja, brach fast schon an Ort und Stelle zusammen und musste, so sehr er sich auch dazu zu zwingen versuchte, sofort wieder aufzustehen, erst einmal inne halten um ordentlich Luft zu holen.

Seine Frau versicherte ihm zwar, dass nur die allerwenigsten Babies eine bloße Dreiviettelstunde Stunde nach einsetzen der ersten Wehen auf die Welt kamen, und schon gar nicht bei einer Erstlingsgeburt, doch er schwang sich, nach dem er notdürftig mindestens einen Sicherheitsgurt über sie geschnallt hatte, so schnell es die Beschränkungen seines menschlichen Körpers zuließen, und führ los, nicht, wie man hätte meinen können, wie getrieben, sondern vorsichtig, die Verkehrsregeln einhaltend, beherrscht Geschwindigkeitsoutput und Sicherheit mathematisch gegeneinander abwägend – Im wesentlichen war es ein mehrdimensionales Extremwertproblem, beides nach Möglichkeit maximierend. Es war Punkt Zwei, als sie die Siedlung erreichten, die dann doch etwas weiter weg gelegen hatte, als Ikari sie in Erinnerung gehabt hatte, und auch, wenn sich Yui zunächst nur aus Rücksichtsnahme auf das Nervenkostüm ihres Ehemanns hatte tragen lassen, hatte sie es zu der Zeit, als er sie aus dem Wagen wieder heraustrug bitter nötig, zumal die Wehen mittlerweile in wesentlich regelmäßigeren Abständen kamen… Doch hier offenbahrte sich ihnen dann das volle Ausmaß der Ironie: Diese kleine Stadt hatte nie ein Krankenhaus besessen, doch eine Arztpraxis hatte es gegeben – Doch das Gebäude war am Tag des Second Impact eingestürzt und hatte den Hausarzt mit sämtlichen Krankenschwestern, seiner unglücksseligen Sekretärin und einem guten Dutzend wartender Patienten unter sich begraben, zusammen mit sämtlichen vor Haushaltsweisheiten strotzenden Großmütterchen, die das Städchen zu bieten gehabt hatte – Das Beste, was Ikari in diesem unglücksseligen Weiler auftreiben konnte, war eine Frau, die selbst schon fünf Kinder gehabt hatte, und ein pickeliger Halbstarker, der in einer Arztpraxis mal Sozialstunden abgeleistet hatte.

Keine sterilen Instrumente, keine Geräte zur Überwachung der kindlichen Herztöne, keine Schmerzmittel, noch nicht mal heißes Wasser oder eine gescheite Geburtszange!

Ein einziger Alptraum!

Er traute weder irgendeinem der halbeingestüzten Gebäude in der Innenstadt des demolierten Dorfes, noch irgendeiner der abgenutzten, seltsam riechenden Decken, die die Bevölkerung dieses Weilers zu bieten hatte, die Rückbank ihres Wagens und die silberne Isolations-Decke aus dem kleinen, verstaubten Erste-Hilfe Kästchen, und was auch immer in diesem noch so zu finden war, würden reichen müssen.

Doch weil sowohl der Platz im hinteren Abschnitt ihres Autos als auch die Dinge, bei denen erden beiden improvisierten Geburtshelfern hätte zur Hand gehen können, waren recht limitiert – Der Bengel stellte sich als unüberraschend nutzlos heraus, die erfahrene Hausfrau aber als um so praktischer, sodass sie das Kommando übernahm und den jungen Mann nachdem sie ihn dieses und jenes hatte holen lassen einfach zum Teufel schickte, zumal er die ganze Angelenheit ohnehin eklig genug fand – Der werdende Vater währe ihm gern gefolgt, spätestens, als sich das klebrige Fruchtwasser über die Sitzbank ergoss und dessen süßlichen Geruch im Auto verstömte.

Doch er hatte Yui schon vor langer Zeit angeboten, ihr bei der Geburt beizustehen, wenn sie das wollte, einfach, weil das etwas war, dass von hingebungsvollen Ehemännern erwartet wurde, doch worauf er sich da eingelassen hatte, hatte er nicht gewusst – Er hielt ihre Hand und sie sagte, dass ihr das reichte, aber er kam sich vor, als sei er nur Dekoration hier, er war eingequetscht zwischen der vorderen Sitzbank und seiner Frau, und tat sein Bestes, sich auf deren obere Hälfte zu konzentrieren, und nicht von all diesen seltsam- biologischen Prozessen Notiz zu nehmen, die weiter Hinten vor sich gingen – Da die Wehen ihr zuanfangs immer wieder mal ein paar Minuten Pause ließen, begann Yui ein Gespräch mit der anderen Frau, die darauf anfing, von ihren eigenen Kindern zu erzählen – Scheinbar hatte die Dame selbst einmal ein Kind in einer Dreiviertelstunde gekriegt, das vierte – Jetzt war das jüngste ihrer Kinder jedoch schon vier und wurde derzeit von den älteren Geschwistern versorgt.

Der Vater des Rudels hatte den Second Impact nicht überlebt, der älteste Bruder hatte die Rolle des Mannes im Hause übernommen, und Yui konnte von den ganzen Kindergeschichten nicht genug haben, es kaum erwarten könnend, endlich zu ihren eigenen zu kommen, aber dann kamen die Wellen regelmäßiger, und nahmen ihr die Luft, die sie zum reden brauchte.

Es wurde eine lange, schmerzhafte Geburt, die sich hinzog wie Käse – Ob man irgendwelche Eingriffe getätigt hätte, wenn ein Arzt dagewesen wäre? Selbst diwe Frau aus dem Dorf konnte es nicht sagen, bei ihr hatte es noch nie so lange gedauert.

Der goldene Mittag schmolz zu rotem Abend, die Glut des Abends verlöschte zu Nacht, und die Nacht ging endlos weiter, Schreie unter dem Sternenzelt –

„Und Pressen!"

„AHHH!"

Auch wenn die Dame aus dem Dorf da nur nach weiblicher Intuition ging, ohne wirkliche technische Hilfsmittel, an denen sie die idealen Zeitpunkte zum Atmen und Pressen hätte ablesen konnte – Ikari hatte sich genau etwa genau so an die Hand seine Frau geklammert, wie sie an seine – Gelegentlich änderte er geringfügig seine Position,weil er seine Füße nicht mehr spürte, aber es kam ihm nicht in den Sinn, ihr von der Seite zu weichen.

Bis her wäre es sein übelster Alptraum gewesen, in eine Situation zu kommen, wo irgend so ein Krankenpfleger ihn fragen würde, welche von Beiden sie im Zweifelsfalle retten sollten, die Frau oder das Kind – Doch wenn es irgendwie zu zu einer solchen Komplikation kommen sollte, würde sie jetzt wohl beide sterben, eine schöne Ironie wäre es gewesen, eine wunderschöne Rechnung für all das schlechte Karma und all die Männer, die ihre Frauen und Kinder beim Second Impact verloren hatte, aber das Karma würde hier wohl warten müssen, denn sowohl für Frau und Kind hatte das Schicksal noch weitere Pläne, auch wenn diese nicht als Gnade zu verstehen waren.

Die ersten Laute des neuen Erdenbürgers kamen dann letztlich doch noch, gerade rechtzeitig, um die Morgenröte zu begrüßen, wie erwähnt kurz nach sechs Uhr morgens – wenigstens eine Uhr hatten sie.

Letzlich war es zwar lang gewesen, aber nicht wirklich dramatisch, nicht wirklich kompliziert, mehr seine eigenen Befürchtungen als etwas anderes, es stimmte schon, was sie alles gesagt hatte, Kinderkriegen war keine Krankheit, und bis jetzt hatte sich die Menschen auch irgendwie fortgepflanzt, aber für ihn blieb das ganze definitiv eine traumatische Erinnerung, Schreie in der Nacht, Blut und Fruchtwasser, schlabberige und biologische Dinge, seine Unfähkeit, irgendetwas zu tun, und das Wissen, dass er es irgendwie selbst gewesen war, der sie überhaupt in diese Situation gebracht hatte, und was auch immer die Sonne in den jeweiligen Momenten getan hatte – Und dann kam natürlich der große, vielfach angepriesene Moment, indem die Dame aus dem Dorf, genau so müde wie sie beide auch und trotz aller Hilfsbereitschaft letzlich froh, dass all dies bald vorbei sein würde, ihm das Kind zum ersten Mal in die Arme pflanzte, irgendwas von wegen Nachgeburt murmelnd, das wohl eher an Yui adressiert gewesen war als an ihn, wen kümmerte es schon, dass er hier noch immer stand, er war von Anfang an doch nur Dekoration gewesen, und er hörte seine Frau sprechen, erschöpft aber über alle maßen selig: „Schau mal, Gendo… Es war doch ein Junge, genau, wie ichs immer gesagt hatte.", und dann hielt er das Bündel in seinen Armen, der Rest der Nabelschnur notdürftig mit einer Wäscheklammer abgeklemmt, noch voll von Blut und Schmiere, verschrumpelt, der kleine Schädel, der kaum die Dimensionen einer Pampelmuse hatte, noch etwas verformt, wie das bei Neugeborenen bisweilen vorkam, vielleicht entfernt der Form der Innenwände des Geburtskanal ähnelnd, wer weiß, jedenfalls war es in der Tat ein Junge – Wie ihr kleiner Sohn bei einem dieser typischen Zehn-Punkte-Tests für Neugeborene abgeschnitten hätte, erfuhren die Ikaris nie, jendenfalls war das Kind lächerlich winzig, sparsam, aber nicht geizig mit Babyspeck bestückt und kündigte seine Ankunft statt mit lautem Gebrülle nur mit einem kürzerem Fiepen an, und um abzuschätzen ob denn alles daran Ordnungsgemäß durchblutet war, hätte man es erst gründlich waschen müssen, aber im wesentlichen schien alles Paletti, der Kinderarzt, dem sie das Kind schließlich vorlegten, nach dem sie nachhause zurückgekehrt waren, hatten an dem kleinen Jungen jedenfalls nichts zu beanstanden.

Ikari hatte ja bis zum Schluss ein klitzekleines bisschen gefürchtet, das der Balg unglaubliche Ähnlichkeit mit Fuyutsuki haben würde, aber nein, es war eindeutig seins, die Ähnlichkeit war so offensichtlich, dass man sie schon erkennen konnte, nachdem der Junge gerade erst aus seiner Mutter herausgekommen war… aber die Reaktion war nicht Freunde, sondern entfernte Bestürzung – Er hatte aus den innersten Tiefen seiner selbst gehofft, dass dieses Kind ihm nicht ähnlich sehen würde, deshalb auch sein Beharren auf ein Mädchen, wenn es ein Mädchen wäre, würden sich etwaige Ähnlichkeiten leichter übersehen lassen – Das letzte, was er wollte, war das dieses Kind, Yuis Kind dass sie sich so sehr gewünscht hatte (und er sah es von Anfang an als etwas, dass er ihr einfach nur geben würde, etwas, dass sie wollte, wofür er ihr eben erlaubt hatte, Teile seiner selbst zu benutzen, die sie nicht hatte, weil er alles von sich zu ihrer Verfügung stelle, schon aus Prinzip – Und nicht als etwas, was ihn wirklich selbst betraf, woran er sich selbst beteiligte) von seiner Verderbnis befleckt sein würde, seine Fehler haben würde, seine Unvollkommenheiten und Unzulänglichkeiten, und das selbe Leid durchleben würden musste – Da war fast schon eine Welle von absurder Wut, wie die einen manchmal überkam, wenn man mit Gefühlen überkommen war, ‚Wieso konntest du nicht anders sein? Wieso musstest du so sein wie ich?' , und irgendwo die kalte, gefühllose Abwägung, der „Betriebs-Modus", der dass hier sah wie er ein Experiment oder eine zwielichtige Machenschaft sehen würde, hatte es sich den gelohnt? War dieses kleine Häufchen Biologie, dass nicht wie viel auussah, den Schmerz wert, den seine Frau seinetwegen gerade durchlebt hatte? Ihr Leben war vermutlich zu keinem Zeitpunkt auch nur in die Nähe der Gefahr gekommen, aber in seiner persönlichen Wahrnähmerung, der Realität, in der er mit ihr in seinen Armen diesen Feldweg entlang gerannt war, und praktisch nutzlos zusammengequetscht in der Ecke dieses Geländewagens gekniet hatte, fühlte es sich an, als sei sie sie fast dafür gerstorben, und er wusste natürlich, dass es irrational war, und versuchte das Labor und die Denkweisen die dazu gehören von hier zu verbannen wie alle anderen Dinge, die hier nichts zu suchen hatte, aber dann hätte er alles dass hier sehen müssen, die Gegenwart, und er hätte sich schütteln müssen, von diesem Ort, den Gerüchen in der Luft und was sich hier abgespielt hatte, und er konnte es sich nicht leisten, sich auch nur einen Millimeter zu rühren, blieb still und hielt seine Arme so, wie sie gewesen waren, als die Frau das Kind da hineingelegt worden, denn er wusste, das musste eine korrekte Position sein, das war eine korrekte Art, das Kind zu halten, und wenn er diese genaue Position verlassen hätte, hätte er nicht gewusst, woran er hätte merken sollen, ob er das Kind nun richtig festhielt oder nicht, es sah so winzig und zerbrechlich aus, als ob die winzigste falsche Bewegung sonstwas bedeuten würde, und er wusste einfach nicht, was er machen sollte, wartete nut im Stillen, dass sich jemand seiner erbarmen und das Kind von da wegnehmen würde, und gleichzeitig schämte er sich, schließlich war er von allen hier am wenigsten beschäftigt oder verhindert.

Was war eigentlich los? Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits Menschen getötet und Götter herausgefordert, Widerlichkeit und Hässlichkeit war länger sein täglich Brot gewesen, als er seine Frau kannte, also wieso reichte jetzt auf einmal ein gewöhnlicher, biologischer Prozess aus, um alles Blut aus seinem Gesicht schwinden zu lassen…? Vielleicht war es irgendwo die Falschheit daran, eine Frau, die er hauptsächlich begehrte, in der Rolle einer Mutter anzutreffen, er hatte immer noch nicht ganz realisiert, wo seine Rolle bei dem ganzen Zirkus hier liegen sollte.

„Uhm… Hallo, Shinji." meinte er zu dem Baby, das Gefühl habend, das er wohl etwas sagen sollte, aber nicht ganz wissend, was.

„Ich, ähm, ich bin dein Vater. Vielleicht… vielleicht erkennst du ja meine Stimme…"

Er blickte herab auf diesen dynamischen Haufen Existenz, den er noch nicht ganz als Menschen registriert hatte, und seine Augen fragten, „Was soll ich nur von dir halten? Was soll ich nur mit dir anfangen?" und wie es sich so trifft gab es da diese eine Wahrheit über menschliche Kinder, die sich den Menschen erst vor relativ kurzer Zeit offenbahrt hatte: Einst dachte man, ein Neugeborenes hätte nicht wesentlich mehr Innenleben als ein Kohlkopf und würde dieses erst im Rahmen der Erziehung erlangen, heute wusste man aber, dass so ein Mensch schon mit einer ganze Menge „Software" auf die Welt kam, von denen der immense Großteil darauf ausgerichtet war, eine Bindung zu former, und eine „niedliche" Konsequenz davon war, dass man ein Baby beliebigen Alters allein dadurch zum weinen bringen konnte, dass man es eine Weile eisig anblickte und nicht ausreichend auf es reagierte – „Ein Kunststück", dass Ikari vollbrachte, bevor sein Sohn volle Fünf Minuten auf der Welt war – Nein, zumindest diesbezüglich brauchte man sich keine Sorgen zu machen, schreien konnte dieses Baby, definitiv. Und wie!

Er versuchte es mit einem zögerlichen „Nicht… nicht weinen, Shinji…" aber vielleicht hätte der Säugling eher verstanden, was sein Vater damit meinte, wenn dieser seine Worte mit irgendwelchen Gesten untermalt hätte, das Kind vielleicht näher an sich herangedrückt oder leicht gewiegt hätte, aber er traute sich nicht, die kleinste Bewegung auszuführen, kniete weiter da wie festgefrohren, hilflos das Geschrei mitansehend, bis Yui, vermutlich mittlerweile um die Nachgeburt erleichtert, zu ihm sprach und sie anwies, das ihr das Kind auf den Bauch zu legen, damit sie es genauer betrachten und vor allem stillen konnte.

Das er von ihnen beiden der erste gewesen war, der dazu gekommen war, das Kind zu halten, hatte er nicht einmal realisiert – Yui hatte ihren kleinen Sohn jedenfalls schnell wieder beruhigt, der erinzige Beitrag ihres Ehemannes war es, ihr etwas zu helpen, sich ihres schon seid Stunden hochgekrempelten Kleides endgültig zu entledigen und auch ihren Büstenhalter loszuwerden, und sie lag in ihrer urprünglichsten Form da, bei der urprünglichsten Beschäftigung allen Lebens, und der Großteil der Schönheit, die sie daran fand, war ihrem Gefährten in zu hoch – je mehr sich die Aufregung verflüchtigte, um so deutlicher spürte er die erdrückende Müdigkeit der durchwachten Nacht – Aber gelächelt hatte er zu keinem Zeitpunkt, und auch, sich in irgendeiner Form zu freuen, wäre nach den Strapazen der letzten Stunden, nachdem er gesehen hatte, was seine über alles geliebte Frau in den letzten Stunden hatte durchmachen müssen, so ziemlich das letzte, was ihm in den Sinn gekommen wäre.)

(1) Und jetzt, lest alles noch mal durch, aber fügt irgenwo bei Reis Erschaffung ein, wie Gendo triumpierend „Es lebt! Es leeeeeeebt!" schreit.(2) Natürlich sind alle scheinbaren Inkonsistenzen in Wahrheit wichtige Plot-Punkte für später… jedenfalls hoffe ich, dass nicht mehr „wichtige Plot Punkte" drin sind, als ich absichtlich eingebaut habe ^^°… Wobei ich dieses „fünf Jahre später trafen er und sie sich wieder" aus Death und gewisse Bilder aus episode 16 schon immer höchst mysteriös fand… *evilgrins*(3) Wenn ein Schriftsteller (oder einer, der es eines Tages werden will) irgendwo zwei Sechsen sieht, ist er/sie selten darum verlegen, eine dritte hinzuzufügen.(4) ...Und weiter geht es in Kapitel 34: [Das Maul des Saturn]