Kathi: Frag mich nicht, wie ich auf die Idee für die letzte MS gekommen bin. Ich kann mich wirklich nicht mehr daran erinnern. Aber ich bin schon ein kleines bisschen stolz drauf. ;) Freut mich, dass sie dir gefallen hat. Und schön, mal wieder was von dir zu hören. :)


- Die Übertragung von Dumbledores Macht auf Harry (Kapitel 48).


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Als Snape die Tür zu seinem Kerkerloch öffnete und ihn aus seinen schwarzen Augen musterte wie ein Racheengel, fragte Harry sich ernsthaft, ob er noch einen Rückzieher machen könnte. Ob er sagen könnte 'Tut mir leid, hab mich in der Tür vertan'. Oder ob Snape ihn dann am Kragen packen und schreiend in die Hölle zerren würde mit einem kalten Lächeln, das seine gelben Zähne zeigen würde.

Harry bekam keine Antwort auf seine Fragen, denn er betrat die Hölle freiwillig.

„Potter", schnarrte Snape und klang wie eine rostige Säge.

„Snape", entgegnete Harry, obwohl es sich sogar in seinen eigenen Ohren abgenutzt anhörte.

Die Tür knallte ins Schloss, dass die Gläser in den Regalen klirrten. Der Tränkemeister ging an ihm vorbei ins Labor und schien zu erwarten, dass Harry ihm von alleine folgte. Er blieb jedoch stur stehen. Für mindestens zwei Minuten. Dann gab er doch nach.

„Wissen Sie, ich kann Sie echt nicht leiden", nuschelte Harry, als er das Labor betrat. Auf dem Weg vom Kopf bis zum Mund war die Wut irgendwie verloren gegangen, vielleicht angesichts Seiner Garstigkeit, die mit verschränkten Armen am Tisch lehnte und auf ihn wartete.

„Tatsächlich? Ich dachte, wir wären die besten Freunde", säuselte Snape und schnalzte mit der Zunge. „Dass ich mich so täuschen könnte..."

Harry verzog das Gesicht. Wie konnte Hermine... Halt! Wenn er sich diese Frage nur noch einmal stellte, würde er darüber den Verstand verlieren. Akzeptieren, Klappe halten – und sich in ein paar Jahren das 'Ich hab es von Anfang an gewusst' verkneifen. Dann hatte ihre Freundschaft vielleicht eine Chance. Wenn er nicht vorher einen Affektmord an Snape beging.

„Wenn Sie Ihre Mordfantasien allmählich beenden würden, könnten wir den unangenehmen Teil dieses Treffens beenden und zu der Machtübertragung kommen", nölte der Alptraum aus Harrys Schulzeit und stellte zwei Holzstühle einander gegenüber in den freien Raum zwischen dem Lehrerpult und den Schülerbänken.

„Können Sie inzwischen auch schon Gedanken lesen?"

„Nein. Aber ich kann in Ihrem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch. Um einige Ihrer Fragen ein für allemal zu klären: Ich habe keine rosarote Seite. Wir werden nie Freunde sein. Ich werde Sie niemals darum bitten, Pate meiner Kinder zu werden – Sie müssen also nicht länger darüber nachdenken, wie Sie ablehnen, ohne meiner Rache zum Opfer zu fallen. Und was zwischen Hermine und mir ist, geht Sie nichts an. Können wir dann?" Er deutete auf einen der beiden Stühle.

Und Harry, dem das Blut in den hochroten Wangen pochte, nahm ohne Widerworte Platz. Er hob den Blick, während das Pochen langsam abflaute, und klammerte seine Finger um den Rand der Sitzfläche. „Da Sie anscheinend gerade in redseliger Stimmung sind, ich hätte da noch ein paar weitere Fragen."

„Und die wären?", fragte Snape ungeduldig, als Harry nicht weitersprach.

„Ich denke, Sie können in meinem Gesicht lesen?", konnte der Jüngere es sich nicht verkneifen zu fragen.

„Ich kann diese Sache hier auf zwei Arten erledigen, Potter", grollte der Tränkemeister drohend.

Harry schnaubte. „Die unangenehme ist mir doch sowieso sicher."

Snape zog eine Augenbraue in die Stirn.

„Was passiert, wenn ich plötzlich diese Macht in mir habe?"

„Sie werden mächtiger", entgegnete Snape mit schleppender Stimme.

„Nein, wirklich?" Harry schürzte die Lippen.

Der Tränkemeister verdrehte die Augen, atmete schwer aus und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Das Holz knackte. „Sie werden ein paar Tage Übung benötigen, bis Sie das neue Ausmaß Ihrer Macht verinnerlicht haben. Danach können Sie es verwenden, als wäre es in Ihnen selbst gewachsen. Ansonsten passiert gar nichts."

„Aber das geht nur, wenn ich die Macht akzeptiere", wiederholte Harry, was Hermine ihm am Nachmittag erklärt hatte.

„Exakt. Ich würde Ihnen davon abraten, etwas anderes zu tun."

„Sonst was?"

„Das ist irrelevant, denn der Fall wird nicht eintreten."

Harry stöhnte. „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie ein miserabler Lehrer sind?"

„Ja. Doch erstaunlicherweise kam diese Bemerkung bisher nur von miserablen Schülern." Harry schürzte unzufrieden die Lippen. „Waren das alle Fragen?"

„Alle, bei denen ich die Chance auf eine Antwort habe", erwiderte er und verschränkte unzufrieden die Arme.

„Gut. Dann können wir ja anfangen." Snape setzte sich wieder gerade hin und ehe Harry reagieren konnte, hielt er ihm die sehr scharf aussehende Klinge eines Messers unter die Nase.

Für einen Moment blieb Harry das Herz stehen, dann begann es zu rasen, dass ihm schwindelig davon wurde. Doch Snape gab ihm keine Gelegenheit für eine unüberlegte Reaktion (Merlin sei Dank, er hatte sich schon genug blamiert); er zog das Messer zurück und fuhr in einer geschmeidigen Bewegung über seine Handfläche. Sofort perlte dunkelrotes Blut aus dem Schnitt und verschmolz zu einem einzigen Rinnsal. Er zuckte nicht mal mit der Wimper.

„Wie sieht es aus, Potter? Machen Sie es selbst, oder soll ich es tun?" Dabei grinste er wie der mordende Psychopath in den Horrorfilmen, die Dudley immer guckte, wenn er alleine zu Hause war.

„Ich kann das", entschied Harry deswegen und nahm entschlossen das Messer entgegen. Zuerst schielte er skeptisch auf die Schlieren des Blutes, die auf der silbernen Klinge lagen. Doch wenn er den Plan richtig verstanden hatte, würde er ohnehin bald mehr von Snapes Blut in seinen Adern haben, als ihm lieb war.

Also zuckte er mit den Schultern und zog die Klinge über seine Handfläche. Sie war so scharf, dass der Schmerz erst zeitverzögert eintrat und auch nicht so heftig, wie er erwartet hatte. Es gelang ihm tatsächlich, ebenfalls äußerlich kalt zu bleiben.

Der Tränkemeister nahm ihm das Messer ab und griff nach seiner Hand, so dass die beiden Schnitte übereinander lagen und das Blut sich vermischte. Harry beobachtete noch, wie er die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte, dann lenkte ihn das Rauschen in seinem Arm ab.

Es fühlte sich an, wie Harry sich den Stromfluss in einem Hochspannungskabel vorstellte. Wie ein Bienenschwarm, der sich in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit durch seine Adern bewegte – und ab und an zustach.

Das Rauschen, das seine Hand zittern ließ, floss seinen Arm hinauf in seine Brust, bildete dort einen Knoten und bewegte sich vorwärts durch seinen gesamten Körper. Das meiste jedoch wanderte direkt hinauf in sein Gehirn. Seine Nacken- und Halsmuskeln verspannten sich schmerzhaft, zwischen seinen Schläfen bildete sich ein immenser Druck und Harry glaubte, ihm würden die Augen aus den Höhlen quellen. Er schrie und dann verlor er das Bewusstsein.


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Severus griff mit der freien Hand nach dem schlaffen Körper des Jungen und hielt ihn aufrecht, bis auch der letzte Rest von Albus' Macht aus ihm verschwunden war. Dann löste er seine Hand aus der des Jungen, das Blut klebte sie zusammen, Severus verzog das Gesicht. Er wünschte, er wüsste, wie Albus es damals bei ihm angestellt hatte. Den eleganten Weg über die Legilimentik. Er selbst kannte nur den Weg des Blutes.

Vorsichtig ließ er Potter zu Boden gleiten und erlaubte sich dann selbst einen Moment der Schwäche, in dem sich das Labor um ihn drehte und ihm flau im Magen wurde. Seine Haut war feucht und kalt. Er hasste diese Machtspielereien.

Nachdem er sich mit einem Aufpäppeltrank gestärkt hatte, heilte er erst seine Hand und dann die des Jungen. Mit einem Buch setzte er sich zurück auf den Stuhl, neben dem Potter auf dem kalten Steinboden lag, und wartete.

Es dauerte etwa anderthalb Stunden, bis der Junge sich regte. Er rollte sich auf den Rücken und blinzelte hinauf zu Severus, der sich redlich Mühe gab, ihm ein unschönes Erwachen zu bereiten. „Die einhundert Jahre sind um, Dornröschen."

Potter stöhnte. „Ich hasse Sie."

„Danke, gleichfalls. Aber um zu den Details zu kommen, die uns nicht bereits bekannt sind: Hat die neue Macht es sich in den Unmengen von freiem Platz in ihrem Kopf bequem gemacht?"

Der Jüngere runzelte die Stirn, dann setzte er sich auf und rieb sich die Stirn. „Scheint so."

„Hören Sie fremde Stimmen?"

Potter zögerte. „Nein."

Es war offensichtlich, dass er log. Doch Severus kannte diese Art Lügen. Er würde sich nicht darum schlagen, die Wahrheit aus ihm herauszukitzeln und ihm dann womöglich noch zu helfen. Dafür hatte er Freunde. „Gut. Dann verschwinden Sie!"

Severus beobachtete, wie Potter sich auf die Beine kämpfte und zur Labortür stolperte. Ohne eine Blick zurück ergriff er die Flucht.

Nicht eine Minute zu früh, denn der Aufpäppeltrank verlor seine Wirkung. Auf zitternden Beinen schleppte Severus sich durch sein Büro und das Wohnzimmer in sein Schlafzimmer und ließ sich ausgestreckt aufs Bett fallen. Er hatte versucht, es zu verhindern, doch Albus' Macht war zu lange in ihm gewesen. Sein Körper hatte angefangen, für alltägliche Dinge davon zu zehren. Wie ein Muskel, dessen Arbeit von jemand anderem gemacht wurde.

„Ich hasse dich und deine Pläne, alter Mann", grollte Severus.

Ihm antwortete nichts als Stille.