Neunundvierzig
"Wie schaffst du es nur immer, so furchtbar geschäftig auszusehen?", fragte Wilson und ließ sich auf einem Drehstuhl in dem kleinen Büro nieder, das fast ausschließlich von grellem, künstlichem Licht erhellt wurde.
House gähnte genüsslich und schlug die Zeitschrift zu, deren bunte Bilder er seit ein paar Minuten eher desinteressiert überflog. "Jahrelanges Training, Wilson."
"Gibt's was Neues?"
"Kommt darauf an, welcher Prominente dich interessiert."
"Ich meinte eigentlich eher dein kleines Forschungsprojekt hier", sagte Wilson mit ein wenig Strenge in der Stimme, die auch zu House durchdrang.
"Oh das!", rief er und legte die Zeitschrift beiseite. "Ich muss noch ein paar Behandlungsprotokolle auswerten."
"Ich glaube, Griffiths hat nicht das Gefühl, dass du hier überhaupt etwas machst", erörterte Wilson mit einem weiteren warnenden Blick und sah sich dann in dem beengten Raum um. Tatsächlich konnte er aber bis auf die Klatschzeitschrift nichts entdecken, das diesen Verdacht wirklich nachhaltig bestätigte. Anstatt diverser Unterhaltungselektronik waren es Stapel von Forschungsberichten und medizinischen Journalen, die den Raum prägten und so noch kleiner wirken ließen, als er ohnehin schon war.
"Der soll einfach mal die Füße still halten", erwiderte House unbeeindruckt. "Er bekommt jede Woche seinen blöden Bericht und mehr bin ich ihm nicht schuldig."
"Nun, du stehst auf seiner Gehaltsliste."
"Und das Geld für die kommt letztendlich von Cuddy. Alles gut also."
"Du bist dir ihrer Unterstützung aber ganz schön sicher", bemerkte Wilson mit einem kleinen Lächeln und drehte sich auf dem Stuhl ein wenig hin und her.
"Man muss die Frauen im Griff haben, Wilson. Irgendwann wirst du es auch lernen."
Wilson verdrehte nur die Augen und versuchte einen Blick auf einige der verstreuten Unterlagen zu erhaschen. So recht konnte er sich immer noch nicht erklären, was hier eigentlich genau vor sich ging, doch er wusste, dass er lernen musste, House einfach zu vertrauen. Bislang war dieser recht verschwiegen, was seine Nachforschungen in den letzten Wochen angingen.
"Was willst du eigentlich hier?", wollte House argwöhnisch wissen und beobachtete dabei ganz genau, wie Wilson sich betont unauffällig umsah. "Ich dachte, jetzt wo wir wieder zusammen wohnen, ist dein Bedürfnis, mich auch noch tagsüber zu sehen und zu nerven, kleiner geworden. Zumindest hatte ich das gehofft."
"Also war es doch nicht dein großes Herz, sondern wie immer ein perfider Plan, der dahinter steckte, als du mich aus meinem einsamen Hotelzimmer gerettet hast?"
"Wie lange kennen wir uns schon?", hielt House augenzwinkernd dagegen.
"Lange genug, um zu wissen, dass es in Wirklichkeit dein großes Herz ist und du nur jede mögliche Ausrede an Land ziehen wirst, um genau das zu verschleiern."
"Mist, du hast mich durchschaut", sprach House theatralisch. "Wird Zeit, dass ich mich nach neuen Freunden umsehe, die ich zwanzig Jahre lang an der Nase herumführen kann."
"Sag mir einfach Bescheid, wenn die Suche erfolgreich war", gab Wilson ganz trocken zurück und unternahm mit seinem Stuhl eine Drehung um die eigenen Achse, die er jäh stoppte, als Chase überraschend den Raum betrat und zwischen ihm und House hin und her schaute, als hätte er gerade eine geheime Besprechung unterbrochen.
"Sie kommen genau richtig", stellte House jedoch rasch klar und sah Chase neugierig an. "Sie wollen nicht zufällig mit mir befreundet sein?"
"Verliere ich meinen Job, wenn ich Nein sage?", fragte Chase misstrauisch nach.
"Steht leider im Moment außerhalb meiner Macht."
"Dann nicht. Aber danke, dass Sie es angeboten haben." Sichtlich verwundert darüber, was wohl gerade in dem Zimmer vorgegangen war, bevor er es betreten hatte, beäugte Chase die beiden anderen mit Argwohn. "Soll ich vielleicht wieder gehen?"
"Wenn Sie ihn auch nur nerven wollen, dann kenne ich die Antwort schon", warf Wilson ein.
"Aber Chase nervt doch nicht", rief House dagegen und rollte mit seinem Stuhl ein Stück nach hinten, um zu einem Stapel aufgetürmter Akten zu gelangen. "Er vergisst ständig irgendwelche Patientenakten hier unten, wenn er seinen alten Chef für einen kleinen Plausch besucht."
Nach ein paar Sekunden des Suchens zog House eine ganz bestimmte Akte aus dem Stapel und schlug sie auf. Ein paar leuchtend gelbe Notizzettel prangten gleich auf dem obersten Befund und enthielten kryptische Vermerke, die wahrscheinlich nur House selbst verstand. "Ich nehme an, die Tests haben ergeben, dass Leber und Milz vergrößert sind?"
"Ja", bestätigte Chase.
"Dann messen Sie die Ceramidase-Aktivität", ordnete House an, auch wenn es eigentlich nur Vorschläge waren, zu denen er hier überhaupt befugt war. Und selbst das war schon mehr als wohlwollend.
"An was denken Sie? Ein Enzym-Problem?"
"Farber-Syndrom. Zumindest eine milde Form davon."
"Wie lange macht ihr das hier schon?", warf Wilson etwas verwirrt inmitten des medizinischen Jargons ein und war jetzt derjenige, der zwischen House und Chase hin und her sah.
"Ferndiagnosen, ohne dass ich den Patienten gesehen habe? Eigentlich schon seit Jahren."
"Was ist mit Cooper?", fragte Wilson und dachte an den kleinen Mann, der immer noch so eigenartig fremd und deplatziert in dem früheren Büro seines Freundes wirkte.
"Tut sich ein wenig schwer mit den ausgefalleneren Diagnosen", kommentierte House. "Gott sei Dank hat er so ein helles Köpfchen wie Chase, der immer mal wieder wundersam eine richtige Diagnose aus dem Hut zaubert."
"Hey, letzte Woche hatte ich die zündende Idee."
"Jaja", gab House widerwillig zu und dachte zurück an jenen verhängnisvollen Tag vor ein paar Monaten, als ihn die Tatsache, dass Chase einen einfachen Fall vor ihm gelöst hatte, mehr beschäftigte, als sie es hätte tun sollen. Aber es brachte nichts, jetzt immer noch zurückzusehen und zu überlegen, was hätte sein können.
"Ich habe übrigens einen schönen Versuchsfall für Sie an Land gezogen", fuhr Chase fort. "Komplexes regionales Schmerzsyndrom nach einer Radiusfraktur der Speiche."
House nickte. "Klingt gut. Könnte etwas sein."
"Dann werde ich mal dranbleiben", versprach Chase und sah sich ein letztes Mal um. "Ich schätze, ich sehe Sie beide später."
"Lassen Sie mich wissen, was die Ceramidase-Aktivität sagt."
"Klar."
Als Chase verschwand, waren es wieder große Fragezeichen, die Wilsons Gesicht prägten. "Worum ging es jetzt schon wieder?", fragte er. "Ich fühle mich so unwissend."
"Er macht ein paar freiwillige Extra-Stunden in der Notaufnahme und spielt mir ab und an einen Fall für meine Forschung zu. Ich brauche noch ein paar Versuchskaninchen", erklärte House ganz ungeniert.
"Und was bekommt er dafür von dir?"
"Ich erwäge, ihn nicht gleich zu feuern, wenn ich wieder die Befugnis dazu habe."
"Und außerdem?", wollte Wilson wissen, weil er erstens wusste, dass House ihn nicht feuern würde, und zweitens nicht glaubte, dass Chase all das ganz uneigennützig machte.
"Er bekommt einen Co-Autoren-Status bei all meinen Artikeln", erklärte House etwas zögerlich. "Wollen wir für ihn hoffen, dass etwas Brauchbares dabei herauskommt."
"Wie selbstlos von dir."
Gerührt fasste House sich an die Brust und setzte das entzückteste Gesicht auf, das er ohne ein Lachen meistern konnte. "Diese Worte aus deinem Mund", ließ er Wilson voller Ironie wissen, "jetzt kann ich glücklich sterben."
Schmunzeln stand Wilson auf. "Na hoffentlich nicht bevor du den Abwasch heute Abend gemacht hast. Du bist dran und versuche erst gar nicht, das schmutzige Geschirr wieder irgendwo verschwinden zu lassen."
