49. Kapitel

Wölfe in falschen Pelzen

Es schien Hermine so, als seien alle Augen auf sie gerichtet, während sie, die von Deeping dargereichte Geißel, entgegen nahm.

Berenger klatschte zweimal in die Hände, so als sei er der Leiter einer Laienspielgruppe, um deren Aufmerksamkeit er bitten wollte. Tatsächlich wandten die Anwesenden sich dem Pater zu, und Hermine fühlte, wie auch Deeping seinen Blick zögerlich von ihr nahm.

Bevor ihre Augen sich ebenfalls auf ihren Gastgeber richteten, bemerkte sie jedoch, wie Deeping der Schweiß auf die Stirn trat - er stand offensichtlich unter einer enormen Anspannung. Mit mulmigem Gefühl fragte Hermine sich, ob diese daher rührte, dass ihm bei diesem Treffen eine besondere Rolle zufiel, oder ob er Probleme damit hatte, sich noch länger zu beherrschen, bevor er feierlich offenbaren würde, dass diese angebliche Clarissa Holten ein falsches Spiel trieb. Denn sie war sich sicher, dass er sich keineswegs so leicht täuschen lassen würde, wie Martha Bloomsbury und deren Kollegin. Peter Deeping war eine sehr viel größere Gefahr. Doch wie konnte dieser Mann Severus überhaupt entflohen sein? So, wie Severus es gesagt hatte, hatte es für Hermine keinen Zweifel daran gegeben, dass Deeping tot war.

Doch nun stand er hier und es war für sie mehr als offensichtlich, dass er sich auf perverse Art darüber freute, dass sie ein gemeinsames Geheimnis hatten.

Berenger wiederholte noch einmal die Freude, die ihn durchdrang, weil ihr Kreis nun wieder vollends geschlossen sei. Er kündigte an, dass die Rückkehr von Peter Deeping nicht die einzige freudige Überraschung an diesem Abend bleiben würde, doch zuerst sollte sich ein jeder der Reinigung und der Neuerung der Bindung hingeben.

Hermine hörte all das nur am Rande, denn immer mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sich Deeping augenscheinlich über ihr Wiedersehen hier freute, da er ihr mehrfach taxierende Blick zuwarf.

Als Deeping schließlich sein Hemd aufknöpfte und achtlos zu Boden fallen ließ, sah Hermine dass er ein Unterhemd trug, das um einiges sauberer war, als bei ihrer letzten Begegnung, doch auch das lag, nur wenige Augenblicke später, am Boden. Als er sich umwandte, offenbarten sich tiefe Narben in seinem Hüftbereich und unterhalb der Schulterblätter.

Hermine bemerkte, wie Berengers Blick ein wenig zu sehnsüchtig über den Körper seines bisherigen Partners streifte und sie fragte sich unwillkürlich, ob dessen Zurückhaltung ihr gegenüber, wirklich allein aufgrund seines Zölibats stattgefunden hatte. Doch wenn es eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden gegeben hatte, so war Deeping jetzt zumindest nichts davon anzumerken, denn sein Interesse galt eindeutig ihr. Mit einer auffordernden Geste bedeutete er ihr, ihre Bluse abzulegen. Hermine entledigte sich ihrer Oberbekleidung rasch und ohne jegliche Scheu. Deeping hatte mit seinen Zeichnungen mehr als deutlich gemacht, dass er sie leiden sehen wollte - und heute Abend würde er sie leiden sehen, daran gab es wohl keinerlei Zweifel. Dies würde der härteste Test, den Hermine je zu bestehen hatte. Wie sie es gelernt hatte, küsste sie das Instrument ihrer Selbstfolter und begann mit harten, gezielten Schlägen, sich selbst Schmerz zuzufügen. Und obwohl von überallher das Klatschen der Geißeln den Raum erfüllte, konnte sie doch Deepings raschen Atem hören, dessen Frequenz sich mit jedem ihrer Schläge zu erhöhen schien.

Beinahe erschien es so, als würde er das Keuchen ausstoßen, dass sie so tapfer unterdrückte.

Und tatsächlich, als sie sich nach einem halben Dutzend Schlägen umwandte, stand ihm die Lust und eine erschreckende Art der Abwesenheit ins Gesicht geschrieben. Hermine hätte ihm die Geißel am liebsten ins Gesicht geschlagen und wäre geflohen, doch sie ahnte, dass sie nicht einmal bis zu Berengers Gartentor gelangen würde, wenn sie jetzt die Nerven verlor.

Also sah sie zu, wie Deeping das Leder an seine Lippen führte und sie nicht aus den Augen ließ, während er einen Kuss darauf platzierte. Der Pater hatte auch diese Geste genau beobachtet und die Männer warfen sich ein abgründiges Lächeln zu, worauf Deeping sich Hermines Blut von den Lippen leckte. Das war der Moment, in dem Hermine ihre frisch geschlagenen Wunden nicht mehr spürte, da ihr Körper mit einer eisigen Kälte überzogen schien, die jedes Empfinden einfach auslöschte. Das Schwein genoss ihr Blut, und zweifellos fand dies große Zustimmung beim Gastgeber dieser perversen Veranstaltung.

Als Deeping sich nun selbst geißelte, wurde sein Stöhnen bei jedem Schlag lauter. Das überraschte Hermine, denn sie hätte schwören können, dass er besonders viel Wert darauf legen würde, stumm zu leiden, doch das Gegenteil war offensichtlich der Fall. Berenger schien wie gebannt vom schweißnassen Körper des 'wiedergefundenen Sohnes'.

Schlag um Schlag stöhnte dieser seinen Schmerz hinaus, und schließlich lag sein Blick lächelnd auf Hermine.

"Feiert nun eure Zusammengehörigkeit", hörte Hermine Berenger murmeln, und er klang jetzt gar nicht mehr so, als würde er das Opfer gerne bringen, seinen Partner mit ihr verbunden zu haben. Doch Berengers Leid war Hermine ein denkbar schlechter Trost, denn Deeping schien es nicht das Geringste auszumachen, dass der Pater scheinbar Qualen der Eifersucht litt.

Als die Paare um sie herum übereinander herfielen, riss Deeping sie an sich und presste sich besitzergreifend an ihren Körper.

Hermine roch seinen heißen Atem, der immer noch stöhnend seinem Mund entwich.

Er zwang sie zu Boden, und eine Hand nestelte am Knopf ihrer Hose.

Peter Deeping, der Mann, der seine Opfer sondiert, gemalt und schließlich aufs Brutalste gejagt hatte, war gerade dabei, ihr die Jeans über die Hüften zu ziehen. Hermine glaubte, dass nun jegliches betäubte Gefühl drohte, vollends abzusterben - so lange, bis nichts übrig bleiben würde, das sie ausmachte.

Wenn sie aus diesem Albtraum je erwachen würde, dann nur, um den Verstand zu verlieren.

Hatte Severus wirklich geglaubt, er könne sie auf so etwas auch nur im Entferntesten vorbereiten?

Hatte er sie deshalb für ein paar Sekunden in dem Glauben gelassen, sie würde von Filch vergewaltigt? Könnte sie jemals ihren Geist so weit von ihrem Körper trennen, dass ihr das, was nun geschehen würde, nicht ewig zerstörerische seelischen Schäden zufügte? Falls ja, dann war sie jetzt jedoch definitiv noch nicht so weit.

Deeping fingerte inzwischen an ihrem Höschen, während er seinen Mund an ihr Ohr presste.

"Ich kann nicht anders", hörte sie ihn flüstern. Hermine wollte den Kopf zu ihm wenden, da sie über seine Worte so verwundert war, dass sie ihm in die Augen sehen wollte, doch er presste ihren Kopf nachdrücklich auf die Seite, und erneut wisperte er in ihr Ohr: "Ruhe, kein Wort! Gar nichts, verstanden? Nichts!", zischte er dann noch einmal. Hermine versuchte immer noch, sein Verhalten zu ergründen, als er sich erhob und ihr einen angewiderten Blick zuwarf. Dann wandte er sich an Berenger, der sich diesmal nicht zurückgezogen hatte. "Du sagtest, dass sie beinahe diesen Inder geheiratet hätte...die Schlampe hat es mit ihm getrieben, das kann ich förmlich riechen. Sie wird mehr als diese zwei Reinigungen brauchen, bevor sie für einen der wahren Gläubigen wieder gut genug sein wird. Sie hat die Vereinigung nicht verdient! Heute soll sie mich auf eine andere Art kennenlernen."

Hermine blieb am Boden liegen, während sie Deepings Worte einzuordnen versuchte. Sie wusste, dass ihr Denken ungewöhnlich langsam von Statten ging, und verbuchte recht emotionslos, dass es ein weiterer Schwachpunkt von ihr war, dass sie unter Schock nicht so funktionierte, wie Severus es wohl für nötig halten würde. Doch sie bemühte sich redlich um zusammenhängende Gedanken.

Natürlich hatte Berenger seinen Partner auf den neuesten Stand gebracht. Vielleicht war es auch wirklich so, dass dieser sie nicht wollte, weil sie angeblich intimen Kontakt zu einem Andersgläubigen gehabt hatte, doch warum hatte er so vertraulich mit ihr gesprochen?

Ihr Rücken schien sie durch Schmerz an einer genaueren Analyse dieser Frage hindern zu wollen, und doch war sie froh, dass die Emotionen endlich wieder zurückkehrten. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte das ekstatische Stöhnen, das rund um sie erklang, aus ihrem Geist zu verbannen.

Und obwohl die gutturalen Laute den ganzen Raum erfüllten, konnte sie Berengers Stimme überdeutlich hören, wie er Deeping zuraunte: "Du willst sie nicht? Du hast recht - sie ist noch nicht so weit. Es war falsch von mir, dir eine solche Sünderin zur Partnerin zu geben...sie wird die Zusammengehörigkeit erst feiern können, wenn sie vollständig frei von alten Sünden ist. Aber verschone sie für heute von weiteren Geißelungen. Sie hat im Moment genug Buße getan. Doch ich verstehe, dass du deine Rückkehr nicht mit ihr beschmutzen möchtest. Du hast einen Partner verdient, der deine Wiederkehr richtig zu würdigen weiß. Komm her zu mir, Peter."

Einen winzigen Moment lang, glaubte Hermine Schrecken in Deepings Augen zu sehen. Doch der Moment war schon wieder vorüber, und Deeping kam Berengers Anweisung nach. Beinahe zärtlich nahm Berenger die Geißel aus der Hand des anderen Mannes und ließ sie achtlos zu Boden fallen.

Als die Hände des Paters sich in Deepings Nacken schoben, war sich Hermine sicher, dass das Zölibat nur ein vorgeschobener Grund für seine Zurückhaltung gewesen war. Sie wandte den Blick ab, als Berenger sich seiner Kleidung entledigte. Ein merkwürdiger Laut von Deeping ließ sie unwillkürlich noch einmal in seine Richtung sehen.

Berenger liebkoste den Körper des anderen Mannes, und Hermine konnte überdeutlich die Lust in seinen Augen sehen. Und diesmal gab es für Hermine keinen Zweifel - in Deepings Gesicht war pure Panik abzulesen, als Berenger schließlich hinter ihn trat und sich an ihn drängte.

"Ich habe dich so vermisst - schrecklich vermisst", hörte sie Berenger immer wieder wispern, und Deeping schloss gequält die Augen. Was immer zwischen den beiden Männern früher gewesen war, Hermine hatte den Eindruck, dass Deeping es in diesem Moment schwer bedauerte, sich nicht doch für die 'sündige Indersympathiesantin' entschieden zu haben.

Seltsamerweise tat er ihr leid, wie er von Berenger bedrängt wurde. Als sie merkte, dass der Bedrängung eine eindeutig sexuelle Handlung folgte, wandte sie sich erneut ab. Das Stöhnen Berengers und die unterdrückten Schmerzenslaute von Deeping reichten beinahe, um ihr den Magen umzudrehen.

All das war ein einziger Albtraum, aus dem sie vielleicht körperlich einigermaßen glimpflich hervorgehen würde, aber dennoch spürte sie regelrecht, dass Deeping hier gerade die Art von Grauen erlebte, die er in diesem Moment ebensogut hätte ihr antun können.

Sie war verschont worden, und ganz langsam konnten ihre Gedanken wieder Fuß fassen.

Das konnte unmöglich der Deeping sein, in dessen Wohnung sie gewesen war. Wer immer sich auch für ihn ausgab, musste ein Zauberer sein, denn äußerlich war er so perfekt ein Abbild des Toten, dass hier nur ein Magier am Werk sein konnte, der Vielsafttrank zu sich genommen hatte.

Hermine bemühte sich inständig, die Geräusche auszublenden, die die beiden Männer von sich gaben. Doch wohin ihr Blick auch fiel, überall sah sie nur Leiber, die miteinander verschmolzen schienen. Wie lange noch würde sie dieser Art von Vereinigung entgehen können?

Berenger legte die Regeln seines Glaubens eindeutig so aus, wie es ihm gerade in den Kram passte. Und im Moment passte es ihm, sich zu nehmen, was er scheinbar so lange entbehrt hatte. Wer auch immer in seinen Fängen gerade Höllenqualen durchlitt, durfte sich genausowenig verraten, wie sie selbst. Auf eine schreckliche Art erleichterte es sie, dass sie das Leiden des Mannes so deutlich sah. Es bedeutete für sie, dass sie nicht damit rechnen musste, dass er sie verraten würde - und zudem hatte er sich nicht an ihr vergangen...eine Gnade, die er nun selbst teuer bezahlen musste.

Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, bis das ekstatische Stöhnen im Raum verklang, und vereinzelte Gespräche das Ende der animalischen Phase verkündete.

Berengers leise Stimme klang an ihr Ohr, auch wenn sie sich bemühte, nicht hinzuhören.

Sie fing Wortfetzen auf, die Deeping galten, und ihn wohl davon überzeugen sollten, wie wichtig dem Pater ihre besondere Beziehung sei.

Als sie sich nun wieder zu einer Gruppe versammelten, bemerkte Hermine, wie Deeping ihrem Blick auswich.

Doch es war ohnehin Berenger, der sie, mit seiner eindringlichen Stimme, alle wieder in seinen Bann zog.

"Wir werden immer stärker! Diese Gruppe ist bald soweit, dass wir uns einem Test unterziehen dürfen, der uns in eine neue Ebene führen wird. Doch vorerst gilt es noch, kleinere Aufgaben zu bewältigen, und wir dürfen Martha und Jacky gratulieren, die sich in der vergangenen Woche so vorbildlich um das Problem unserer Anerkennung als Organisation gekümmert haben. Wir haben nun einige Rechte, die es uns ermöglichen sollten, öffentlich Einfluss zu nehmen. Aber auch Peter gebührt unser Dank, der seine lange Abwesenheit dazu nutzte, unseren Jagdbereich zu erweitern...auch wenn es mir lieber gewesen wäre, er hätte mich zuvor über seine lange Abwesenheit informiert." Ein liebevoll tadelnder Blick traf den Mann an seiner Seite.

Deeping lächelte zerknirscht zurück, und Hermine kam zu dem Schluss, dass das Unbehagen, das dahinter stand, wohl keineswegs nur gespielt war. Auch seine Stimme klang reumütig, doch was er wirklich bereute, wusste wohl nur er allein. "Ich wollte nichts versprechen, was ich vielleicht nicht halten kann. Ich weiß, dass die Bibel sagt, lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach - doch meine Philosophie war das nie, das weißt du, Balthasar. Ich war schon immer dafür, in jeder Hand eine Taube zu haben, und den Spatz den Ungläubigen zu überlassen - der Herr möge mir verzeihen."

"Das wird er mein Freund, denn du setzt deine Maßlosigkeit für das gerechte Ziel ein, und somit ist es nicht eine Sünde, sondern eher ein Geschenk an uns alle, dass es deine Natur ist, mehr zu verlangen, und dich damit auch stets selbst zu fordern."

Die beiden Herren schienen für einen Moment vollauf damit zufrieden, sich gegenseitig zu betrachten, und Hermine kamen plötzlich Zweifel, ob sie Deepings Rolle doch falsch eingeschätzt hatte. Vielleicht war er tatsächlich der sadistische Kerl, der sie mannigfaltig mit dem Zeichenstift gequält und gedemütigt hatte. Und doch wusste sie augenblicklich, dass auch er nur seine Rolle spielte, genau wie sie.

"Clarissa", sagte der Pater plötzlich, und sah Hermine das erste mal an, seit Deeping sie verschmäht hatte. "Ich habe die Aufgabe, dich darin zu unterweisen, wie du dem gegenüber aufzutreten hast, dem wir hier auf Erden dienen. Doch diese Aufgabe fällt nun deinem Partner zu. Wenn du Peters Anweisungen schnell und zu seiner Zufriedenheit erfüllst, dann wirst du dich nicht nur in Zukunft mit ihm vereinigen dürfen, sondern auch unseren Herrn von Angesicht zu Angesicht sehen. Eine Ehre, die nur denen zuteil wird, die sich unermüdlich für unsere Sache einsetzen. Wenn du diese Zusammenkunft zur Zufriedenheit erfüllt hast, dann wirst du eine eigene Gruppe erhalten, deren Leitung du übernimmst, und dein Ziel wird es sein, diese Gruppe stetig zu vergrößern, so, wie wir alle hier es tun. Denn wir sind die Auserwählten. Doch noch bist du nicht soweit, aber Peter und die Gruppe werden dir den Weg weisen. Für heute soll es genügen, wenn du dein Blut zum Zeichen des Grußes und deiner Dienerschaft an den großen Lord entsendest."

Hermine kam ihrer Intuition nach und ging auf die Knie, wobei sie den Kopf tief senkte. Ihre Stimme klang freudig erregt und still dankte sie Severus für grauenvolle Training.

"Es ist kein Opfer, dem Lord mein Blut zu Verfügung zu stellen, denn es gehört gänzlich ihm, so wie auch der Rest von mir - mein Körper, mein Schmerz und das, was aus mir wird, wenn dieser Körper einst nicht mehr existiert. Es ist ein Geschenk von ihm an mich, das er jederzeit zurückfordern darf, wann immer es ihm beliebt."

Offenbar war Berenger tief zufrieden, denn er strahlte Peter geradezu an: "Siehst du, welch eine Partnerin ich dir erkoren habe? Du wirst sie schon sehr bald zu schätzen wissen, wenn du auf die Jagd gehst. Ich denke, sie wird dir eine große Hilfe sein, um auch die in dein Netz gehen zu lassen, die misstrauisch sind."

Deeping lächelte verhalten und sagte mit kritischem Blick: "Wir werden sehen...doch noch ist sie nicht bereit."

"Nein, das ist sie natürlich nicht - aber du wirst das schon hinbekommen, oder?"

"Natürlich", ließ Deeping sich vernehmen, wenn er auch auf den schelmischen Ton von Berenger nicht einging.

Auch der Pater wurde wieder ernst, als er sich für einen Moment entschuldigte, und in seinem Badezimmer verschwand. Hermine konnte nicht recht glauben, dass er sich zurückzog, um einem körperlichen Bedürfnis nachzukommen, und tatsächlich erschien er schon wenige Augenblicke später mit einem Rasiermesser in der Hand, zurück im Wohnzimmer. Wortlos reichte er es in der Gruppe herum, und offensichtlich wusste jeder was zu tun war, denn entweder wurden ein paar Worte gemurmelt, oder das Messer wurde mit einem schnellen Kuss versehen.

Als es schließlich bei Deeping landete, warf dieser einen kurzen Blick zu Berenger. Der Pater nickte knapp und deutete auf Hermine, während er eine Phiole, wie ein Muggel-Zauberer, zwischen seinen Fingern auftauchen ließ.

Hermine kam der Gedanke, dass sehr viel mehr Blut fließen würde, als in das kleine Gefäß passte - ihr Blut!

Der Schrecken des Gedankens passte so gar nicht dazu, dass sie ihre Hände freiwillig vorstreckte und Deeping ein Lächeln schenkte.

Dieser erwiderte es nicht, sondern wirkte sehr ernst und konzentriert.

Er nahm ihre linke Hand und drehte sie so, dass die Handfläche nach oben zeigte, dann setze er das Rasiermesser an.

Der Schnitt kam schnell und scharf. Für einen kurzen Moment passierte gar nichts, dann bildete sich eine dunkelrote Linie, die zusehends anschwoll und erst die Linien der Hand ausfüllte, um kurz darauf völlig unkontrolliert zu Boden zu tropfen.

Nun reichte Berenger Deeping die Phiole. Sie war in Windeseile randvoll.

Das Blut floss immer noch aus der Wunde, als Deeping die Phiole verkorkt und Berenger zurückgereicht hatte.

Hermine ließ die Hand sinken und achtete nicht weiter darauf, dass ihre Blutstropfen den Wohnzimmerboden besprenkelten.

"Der Lord wird dieses Geschenk zu würdigen wissen. Und du wirst ebenfalls eines von ihm erhalten. Er ist in der Lage, mit deinem Blut etwas zu erschaffen, das dir helfen wird, die Verbindung zu ihm so sehr zu festigen, dass du nie wieder Zweifel hegen wirst, wem du gehörst. Im Gegenzug wird er dich schützen, bei allem, was du tust. Doch all das wird er dir erklären, wenn du ihm gegenüber trittst." Berenger wandte sich jetzt an eine Frau, die auffallend schwarzes Haar hatte. Es reichte ihr bis zur Hüfte und sie hätte dadurch vielleicht sehr feminin gewirkt, wenn nicht ihr Gesicht sich eher durch maskuline Züge ausgezeichnet hätte.

"Rebecca, berichte bitte Clarissa von deinem Treffen mit dem Lord."

Rebecca schien erfreut über die Ehre, ihre Erfahrungen kundtun zu dürfen, und sie erzählte mit Stolz in der Stimme, wie sie vor ihrem Herrn gekniet hatte, während sie ihr Geschenk empfangen hatte. Zwar hatte sie ihn weder berühren, noch in die Augen sehen dürfen, doch allein seine Gegenwart hatte ihr ein überwältigendes Glücksgefühl gegeben.

Hermine hörte sich all das an, und hoffte, dass ihr Blick kontinuierlich Neugier und Neid ausdrückte, denn innerlich wurde ihr speiübel.

Als das Treffen sich endlich dem Ende näherte, war Hermine so erschöpft, dass sie kaum noch Erleichterung darüber empfinden konnte. War genau das vielleicht das Geheimnis? War es so, dass man lernte mit dem Schrecken zu leben, und dass man verlernte, auf die Erlösung zu warten?

Doch die Erlösung kam, und nach der Abschiedszeremonie fand sich Hermine auf dem Weg zu Berengers Gartentor wieder. Sie war ihn gerade zur Hälfte gegangen, als sie Deepings Stimme hinter sich hörte. Ziemlich bestimmt stellte er klar: "Wir haben wohl den selben Weg,...Clarissa."

Hermine nickte knapp, und wandte sich noch einmal zum Haus des Pfarrers um.

"Er hat mich angewiesen, Sie im Augen zu behalten, Hermine", sagte Deeping als er ihrem Blick folgte.

Berenger winkte ihnen nach, und er lächelte dabei, soweit Hermine es bei der schwachen Beleuchtung beurteilen konnte. Schweigend traten sie durch das Tor und gingen die Straßen hinab. Hermine hatte inzwischen die Stelle erreicht, an der sie zu dissapparieren gedachte. Sie blieb stehen und sah Deeping an.

Erstaunt stellte sie fest, wie er sich völlig erschöpft die Augen rieb. Als er sie anblickte, waren seine Augäpfel gerötet.

"Ich habe nicht damit gerechnet...", sagte er stockend.

Hermine nickte wissend.

"Ich habe damit gerechnet, dass ich Dinge sehe, die ich eigentlich nicht sehen wollte, aber damit, dass er...", seine Stimme kippte, und er legte sich bei der Erinnerung an die Vereinigung die Hand vor den Mund, als wolle er die Übelkeit auf diese Art in den Griff bekommen.

"Ich verstehe", sagte Hermine sanft, sah den Mann, ihr gegenüber jedoch fragend an.

Als er immer noch schwieg und offensichtlich um Fassung rang, sagte sie nur ein einzige Wort: "Charles?"

Er nahm die Hand vom Mund und sie sah, wie er die Übelkeit gewaltsam hinunterschluckte, ehe er erwiderte: "Sie sollten mich langsam wirklich Charly nennen."

tbc