49.
Lucius Malfoy konnte es nicht wissen, aber in seiner grenzenlosen Überheblichkeit tat er genau das, was er nicht hätte tun sollen. Er ließ Severus und Hermine ins Freie. Sich sicher, dass Burg Tintagel so sicher wie Askaban war, war doch die ganze Anlage mit starken Schutzzaubern versehen, übersah er jedoch einen Schwachpunkt: den Himmel.
Auch unsere zwei Protagonisten waren sich dessen nicht bewusst. Severus aus uns völlig verständlichen Gründen, in seiner derzeitigen Daseinsform kaum in der Lage einen menschlichen Gedanken zu fassen, Hermine wiederum zu verzweifelt und auf den Werwolf zu ihren Füßen fixiert, gab es jedoch ein Lebewesen, dass auf eben diesen Augenblick nur gewartet zu haben schien.
Nur ein dunkler Schatten in der mondlosen Nacht, flog der Rabe über die Burg. Ein aufmerksamer Beobachter hätte den Vogel bereits in vielen Nächten zuvor bemerken können, doch die Ignoranz der Bewohner von Tintagel bewahrte den Raben einmal mehr vor Entdeckung. Rastlos schien er etwas Bestimmtes zu suchen. Und diesmal schien er es gefunden zu haben. Mit einem leisen „Krah" stieß er in die Tiefe, dem Erdboden entgegen, wo zwei Gestalten scheinbar ineinander versunken waren. Mit einem letzten Flügelschlag ließ der Vogel sich auf der Bank nieder, auf der die augenscheinlich kleinere Person saß.
Hermine zuckte kurz zusammen und sah erschrocken auf. Sie beruhigte sich jedoch umgehend als sie in die schwarzen intelligent schauenden Augen des Raben sah.
„Mephisto, oh, ich hatte Dich völlig vergessen. Ach Mephisto, schau was sie mit Severus getan haben. Er ist ein Werwolf." Ihr Blick glitt zu Severus.
Mephisto richtete seinen Blick auf den zusammengesunkenen Körper, der zu Hermines Füßen lag.
„Krah". Es klang herzerweichend. Voller Trauer und Mitleid. Der Vogel schien instinktiv zu wissen, wer da vor ihm lag und in welcher Verfassung sich sein Meister befand.
Dann richtete der Rabe seinen Blick wieder auf Hermine und schien mit seinen Augen direkt in ihr Herz zu blicken.
Hermines Blick begann zu verschwimmen, als ob plötzlich Nebel aufgezogen hätte. Gestalten tauchten aus dem Nebel auf. Malicia, Minerva, Moody, Harry, Tonks, sogar das Portrait von Professor Dumbledore, von dem sie wusste, dass es im Büro der Direktorin hang. Es schien, als wollten sie ihr etwas mitteilen.
Ein Mund erschien vor ihrem inneren Auge, er schien direkt an ihrem Ohr zu sein.
„Hilfe ist unterwegs. Wir wissen Bescheid. Haltet durch. Hilfe kommt. Haltet durch. Wir kommen. Haltet durch…haltet durch…kommen."
Hermine entspannte sich. Dann begann sie ihre Gedanken zu fokussieren, versuchte Bilder der vergangenen Tage dem Raben vor ihr mitzuteilen. Es schien zu funktionieren, sie spürte es intuitiv.
Hermines Blick klärte sich. Mephistos kluge Augen sahen sie weiterhin an. Tränen traten in ihre Augen. Erleichterung erfasste Hermine.
„Danke Mephisto.", flüsterte sie dem Raben zu.
Der Vogel streckte ihr auffordernd eine Kralle entgegen. Eine kleine Phiole war daran befestigt. Schnell entfernte Hermine das Glasgefäß und verbarg es in ihrem Umhang. Sie wusste noch nicht, was sie damit anfangen sollte, doch das würde sie schon noch herausfinden.
Mephisto wurde unruhig. Eine Bewegung zu ihren Füßen ließ Hermine kurz erstarren. Severus regte sich.
„Flieg Mephisto, flieg nach Hogwarts, sag ihnen Bescheid."
Der Rabe verharrte noch kurz, dann stieß er sich ab und verschwand in der Dunkelheit.
„Ob er sie wohl gefunden hat?"
Unruhig lief Harry Potter im Schulleiterzimmer von Hogwarts auf und ab. Weitere Personen befanden sich im Raum. Hinter einem breiten Schreibtisch saß Minerva McGonagall, davor auf bequemen Stühlen, Nymphadora Tonks und Madeye Moody.
Vor dem Kamin stand Malicia Parwanowa, sie sah zu Harry.
„Beruhigen Sie sich Mr. Potter, wenn einer die zwei finden kann, dann ist es Mephisto. Sie müssen sich noch in der Burg befinden, es gibt keine andere Möglichkeit. Leider weiß nur Merlin allein, was dieses Monster Lucius Malfoy mit ihnen vorhat."
„Ich bring ihn um. Oh, ich könnte mich ohrfeigen, dass ihn damals nicht erwischt habe. Dieses miese Schwein. Wie konnte nur das Ministerium auf seine Geschichte hereinfallen, dass er nur ein kleiner Mitläufer war. Und tötet zum Schluss noch seine eigenen Leute um besser dazustehen. Ich könnte kotzen. Und jetzt hat er Hermine und Snape. Ich weiß fast nicht, was schlimmer ist, Hermine bei Malfoy zu wissen oder dass Snape auch da ist."
Mit einem verärgerten Gesichtsausdruck wandte sich Minerva an Harry.
„Harry, es ist immer noch Professor Snape. Und wie kommst Du dazu, Severus mit Malfoy zu vergleichen. Junge, was ist nur in Dich gefahren?"
„Einmal Todesser, immer Todesser. Professor, ich traue ihm einfach nicht, so einfach ist das. Woher wollen Sie wissen, dass er nicht mit Malfoy unter einer Decke steckt und die ganze Geschichte nur ein großer Bluff ist?"
„Potter, Snape mag ein mieser Hund sein, aber er war für den Orden von unschätzbarem Wert und er hat Dir geholfen Voldemort zu besiegen." Das kam von Moody.
„Harry, wie kannst Du nur!"
Tonks mischte sich nun in das Gespräch ein.
„Wenn Du Severus auch nur etwas näher kennen würdest, kämst nicht einmal auf diesen Gedanken. Er und Hermine haben wegen Remus Ihr Leben riskiert."
„Ja und Ron hat seines verloren." Harry war wütend, wütend und verzweifelt. Er hatte seinen besten Freund verloren. Und seine beste Freundin wurde vermisst, zusammen mit dem Mann, der ihm jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hatte. Ha, wie konnte er da etwas anderes denken. Sollten die anderen doch ihre Meinung über Snape haben, er wusste es besser.
„Was ging da eigentlich genau vor? Hermine wollte mir nichts Genaues erzählen. Was hat Snape damit zu schaffen?"
Er blickte fragend in die Runde.
„Severus und Miss Granger haben versucht Remus vor einem Leben in Gefangenschaft zu bewahren Harry. Einem Leben als Zirkusattraktion."
Die Stimme erklang von der Wand hinter dem Kamin. Dumbledores Portrait sprach zu Ihnen.
„Aber wenn es eine Falle war Professor?"
Harry trat näher an das Portrait und sah ihn fragend an.
„Harry, ich kenne Severus fast sein ganzes Leben lang. Er mag viele Fehler haben, aber er war immer zuverlässig und vertrauenswürdig gegenüber seinen Freunden."
Der dunkelhaarige Junge schnaubte laut.
„Ja Harry, auch Severus hat Freunde. Ich bin stolz mich als einer bezeichnen zu dürfen. Auch Minerva, Tonks, Remus und Moody sind seine Freunde. Und wie ich seit kurzem erst weiß auch Miss Granger."
Harry schaute erstaunt auf.
„Hermine soll mit Professor Snape b e f r e u n d e t sein?"
Er buchstabierte das Wort fast.
Nun schauten auch die anderen verwundert drein.
Albus Dumbledore seufzte in seinem Portrait laut auf.
„Kurz bevor er aufbrach kam er zu mir. Wir hatten eine lange Unterhaltung. Während dieses Gespräches erzählte er mir von seiner Korrespondenz mit Miss Granger und dass er sie die Jahre über falsch eingeschätzt hätte. Er meinte, Miss Granger hätte sich in den Jahren seit ihrem Abschluss doch sehr zu ihrem Vorteil entwickelt. Er deutete den Beginn einer Freundschaft an. Und dass er sehr bestürzt sei über die Ereignisse. Er schien mir in echter Sorge bezüglich Miss Grangers Wohl. Wenn ich es mir Recht überlege, war er fast außer sich."
Dumbledore sah nachdenklich drein.
„Harry, wenn mir etwas Zuversicht gibt, dass Miss Granger unversehrt ist, dann dass Severus bei ihr ist. Ich denke, er wird sie mit seinem eigenen Leben beschützen."
„Wenn ich noch etwas hinzufügen darf…"
Malicia trat in die Mitte des Raumes.
„Mit Verlaub Professor Dumbledore, ich kenne Severus noch ein bisschen länger als Sie, aber Sie haben vollkommen Recht.
Mr. Potter, mein Bruder mag kein netter Mensch sein, aber er wird Miss Granger beschützen. Ich kenne meinen Bruder, seine Briefe haben mir einen Eindruck seiner Beziehung zu Miss Granger vermittelt. Er versteht sich als ein Freund. Und aus Gesprächen mit
Miss Granger selbst habe ich diesen Eindruck. Und selbst wenn es nicht so wäre, es würde keinen Unterschied machen. Verurteilen Sie ihn nicht für etwas, dass er in seiner Jugend getan hat und schon sein ganzes Leben bereut.
Geben Sie ihm eine faire Chance. Bitte, schon für Miss Granger."
Harry seufzte laut. Hatte er denn eine Wahl? Die einzige Chance, die Hermine wahrscheinlich hatte, war sein gehasster Zaubertrankprofessor. Aber hasste er ihn wirklich noch? Hing er nicht vielleicht doch zu sehr der Vergangenheit an? All diese großartigen Menschen in diesem Raum schienen stolz darauf, sich Freunde des Professors nennen zu dürfen.
Und wenn selbst Hermine…
„So soll es sein." Harry nickte ergeben.
In diesem Augenblick ertönte ein lautes Flügelschlagen vom Turmfenster her. Alle sahen, wie ein Rabe auf dem schmalen Sims versuchte zu landen und das Gleichgewicht zu behalten.
„Mephisto!"
Malicia stieß einen erfreuten Schrei aus.
Der Rabe flog noch ein kurzes Stück und landete etwas unelegant auf dem großen Schreibtisch.
Alle wandten sich nun dem Schreibtisch zu, auf dem der große schwarze Vogel stand.
Mephisto schaute sich erst einmal etwas desorientiert um, offensichtlich so große Menschenansammlungen nicht gewohnt, die auch noch alle ein derartiges Interesse an ihm entwickelten.
Dann wandte er sich Malicia zu. Mit seinen schwarzen Augen sah direkt in ihre Seele, sie wurden eins. Vertrautheit stellte sich ein und so verharrten sie einige Minuten, bis sich beide, Tier und Mensch, wieder voneinander trennten.
Malicias Gesicht verzerrte sich schmerzhaft.
Ein fast lautlos hingehauchtes „Nein.", war alles, was sie herausbrachte.
„Was ist? Hat er sie gefunden?", fragte Harry atemlos.
„Severus ist ein Werwolf. Malfoy hat einen verdammten Werwolf aus meinem Bruder gemacht!"
Tränen brachen sich Bahn, Malicia sank in sich zusammen.
„Was sagen Sie, Severus ist ein Werwolf? Aber wie…?", Minerva erhob sich und ging um den Schreibtisch auf die Frau zu und nahm sie in den Arm.
„Ich habe nicht alles richtig verstanden. Malfoy hat Severus irgendwie in einen Werwolf verwandelt und jetzt versucht Miss Granger mit Hilfe des Codex ihn wieder zurückzuverwandeln. Malfoy will wohl genau das Gegenteil erreichen. Ich fasse es nicht, wie schlecht kann ein Mensch sein?"
„Hat Miss Granger noch irgendetwas gesagt?" Moody warf diese Frage ein.
„Ja, solange ihnen dies noch nicht gelungen ist, sollen wir nicht eingreifen. Wir sollen uns in Stellung bringen und abwarten. Mephisto soll unser Auge und Ohr sein."
Harry wandte sich an Dumbledore.
„Aber wie sollen sie dann entkommen, ich denke die Schutzbanne um die Burg sind sehr stark?"
„Ja mein Junge, das sind sie."
Dumbledore wandte sich an Minerva.
„Minerva, hast Du Mephisto die Phiole mitgegeben?"
„Ja Albus. Ich habe sie aus Severus persönlichem Vorrat.", Minerva nickte.
„Miss Parwanowa, hat Miss Granger die Phiole bekommen?"
Malicia sah Dumbledore fragend an.
„Äh, ja hat sie, aber was…?"
Der Direktor in seinem Gemälde setzte ein zufriedenes Lächeln auf.
„Dann sollte einer gelungenen Flucht nichts mehr im Wege stehen."
