10. Juli 1918
No. 15 Ambulance Train, Frankreich
As the train moved out
Ich lehne die Stirn gegen das Zugfenster. Die Scheibe ist kühl an meiner Haut und mein warmer Atem lässt das Glas beschlagen. Ein Schleier aus Dampf, der die französische Landschaft verbirgt, die dahinter in der Dunkelheit vorbeirinnt. Es ist die Normandie, glaube ich, aber sicher kann ich mir nicht sein. Ich seufze lautlos. Meine Augen schließen sich wie von selbst und meine Erinnerungen wandern, wie so oft in den letzten Tagen, zurück zu der Zugfahrt nach Paris. Zurück zu den letzten Stunden mit meinem Ehemann.
Der Zug war überfüllt und die Fahrt hat eine Ewigkeit gedauert. Immer wieder haben vorbeiziehende Militärzüge uns zu unplanmäßigen Pausen auf irgendwelchen Abstellgleisen gezwungen. Ich kenne das noch aus England, aber zum ersten Mal in meinem Leben hat es mir nichts ausgemacht. Jeder Militärzug, dem wir Platz machen mussten, hat die Trennung ein paar kostbare Minuten lang hinausgezögert.
Ken hatte für uns zwei Plätze in einem Großraumabteil gefunden und mich überredet, mich hinzulegen, mit angewinkelten Knien, den Kopf in seinem Schoß. Wir haben kaum geredet, denn alles, was es wert war, ausgesprochen zu werden, hatten wir bereits in der vorherigen Nacht gesagt. Ich bin zwischendurch eingedöst, in den Schlaf gelullt vom Schaukeln des Zuges und dem sanften Streicheln seiner Hände, aber ich bin mir sicher, dass Ken kein Auge zugetan hat. Jedes einzige Mal, wenn ich zu ihm hinauf gesehen habe, bin ich seinem Blick begegnet, fest und unbeweglich.
Wir waren Stunden in diesem Zug und es gab einen Moment, da habe ich im Halbschlaf fast gehofft, dass es uns gelungen sein könnte, die Zeit anzuhalten. Wenn ich den Rest meines Lebens in diesem überfüllten Großraumabteil hätte bleiben müssen, ich hätte es liebend gern getan, wenn wir nur zusammen dort gewesen wären. Aber der Morgen hat hinter dem beschlagenen Zugfenster schließlich die Pariser Vororte enthüllt und meine irrationalen Hoffnungen endgültig zunichte gemacht.
Am Gare Montparnasse hat Diane uns erwartet, in der Hand das Telegramm mit meinem nächsten Marschbefehl. Nicht mehr Liverpool hieß das Ziel meiner Reise, stattdessen hatte ich mich bis zum Abend in Abbeville einzufinden. Den Blick in Kens Augen, als ich ihm sagen musste, welchen Dienst ist dort antreten würde, werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen.
Ich muss zugeben, dass es Momente gegeben hat, in denen ich innerlich dagegen aufbegehrt habe, mit wie viel Sorge er mich manchmal betrachtet. Ich bin von uns beiden schließlich diejenige, die sich viel mehr Sorgen machen muss, denn die Gefahr, in der er nun wieder schwebt, ist viele Male so hoch wie alles, dem ich ausgesetzt werden könnte. Ich mag dieser Gefahr jetzt zweimal durch die Finger geschlüpft sein, aber mir ist klar, dass ihm dieses Kunststück schon unzählige Male zuvor gelungen sein muss. Es gibt niemanden, der sagen kann, ob vielleicht der Tag kommen wird, an dem es ihm nicht mehr gelingt.
Was ich mittlerweile allerdings verstanden habe, ist, dass der Unterschied darin liegt, dass er keine Wahl hat. Schon früher hätte vermutlich nichts ihn von seinen Männern trennen können, aber Bordens Wehrpflicht hat auch die Offiziere ihres vormaligen Privilegs beraubt, ihre Kommission zurückgeben und nach Hause gehen zu können. Ken steht jetzt ebenso in der Pflicht wie jeder andere Mann seines Alters auch. Die Gefahr ist somit unbestritten, auch die Sorge ist es, aber ein Aufbegehren dagegen ist nutzlos. Ich habe kein Was-wäre-wenn, das mich quälen kann, und darin unterscheide ich mich von ihm.
Denn ich, ich könnte mich morgen umdrehen und nach Hause gehen und ich weiß, dass Ken sich im Stillen wünscht, ich würde genau das tun. Ich rechne es ihm an, dass er es kaum je angesprochen hat. Er respektiert meine Entscheidung, so sehr sie seinem Impuls widersprechen mag, mich an einen Ort zu bringen, an dem meine Sicherheit garantiert ist. Ich weiß, wie schwer ihm das fällt, und ich ahne, wie sehr es ihn in der Nacht quält. Und ja, es gab schwache Momente, in denen ich beinahe bereit war, es zu tun, um wenigstens diese eine Last von seinen Schultern nehmen zu können.
Warum habe es nicht getan? Warum bin ich immer noch hier, in diesem leise ratternden Zug, irgendwo in der Normandie, mitten in einer mondlosen Nacht?
Meine Angst, wie Polly einsam und tatenlos in England zu sitzen, hat Ken mir genommen, als er mir unser kleines bretonischen Traumhaus auf seiner wind- und meerumtosten Klippe schenkte. Aber da ist eine andere Angst, die tiefer sitzt, und derer ich mir selbst lange nicht bewusst war. Und diese Angst ist durch unsere Hochzeit nicht schwächer geworden, sondern hat im Gegenteil umso stärkere Wurzeln in mir geschlagen.
Ich bin nicht dumm genug zu glauben, dass ich selbst viel für meinen Mann oder meine Brüder tun könnte, sollten sie verwundet werden. Schon als das Schicksal Ken ausgerechnet nach Arques und in meine Obhut getragen hat, hat das jeder Wahrscheinlichkeit gespottet. Ein zweites Mal wird das nicht passieren, das ist mir vollkommen klar. Umso mehr bin ich bereit, mich in meine Arbeit zu stürzen, damit, wenn ich mich schon nicht um sie kümmern kann, es irgendwen anders geben wird, der es tut.
Es ist ein Tauschhandel, von dem ich hoffe, dass das Schicksal sich stillschweigend darauf eingelassen haben mag. Wenn ich nur fleißig und klaglos meine Arbeit tue, dann wird es irgendwann, irgendwo jemand anders geben, der das gleiche für diejenigen tut, die ich liebe und denen ich nicht helfen kann. Ich weiß, dass das abergläubisch ist, aber… nun, was hat Walter gesagt? Aberglaube ist auch ein Glaube. Und im Moment scheint Aberglaube die einzige Art Glaube zu sein, zu der ich fähig bin.
Selbst dieser Aberglaube hat jedoch gewankt, in unseren letzten Minuten auf einem lauten, dreckigen Pariser Bahnhof, als mein Zug schon am Gleis stand und Ken trotzdem keine Anstalten gemacht hat, mich loszulassen. Ich wusste vorher, dass der Abschied schwerer werden würde als jemals zuvor – ich habe nicht einmal annähernd geahnt, wie schlimm. Selbst jetzt, Tage später, reicht die Erinnerung aus, mir Tränen in die Augen zu treiben.
Ärgerlich wische ich mir mit dem Handrücken durch das Gesicht, aber gegen das Brennen in meinen Augen kann ich nichts tun. Erfolglos ringe ich darum, den Gedanken an Ken in einen der hinteren Winkel meiner Erinnerung zu verbannen, aber wie immer will er dort nicht bleiben. Also rappele ich mich hoch, in dem sicheren Wissen, dass nichts so gut von traurigen Gedanken ablenken kann wie gute, ordentliche, rückenbrechende Arbeit. Außerdem dauert meine Pause nun schon zehn Minuten und zehn Minuten müssen hier wirklich reichen.
Hospitalschiffe mögen unter uns Krankenschwester als leichte Einsatzorte bekannt sein. Die Patienten, die dort zu betreuen sind, haben in der Regel bereits mehrmonatige Krankenhausaufenthalte in England hinter sich, entsprechend fortgeschritten sind sie in ihrem Erholungsprozess. Es sind convalescents, Genesende, und auch wenn sie natürlich Pflege nötig haben, brauchen sie keine so intensive Betreuung mehr wie diejenigen Patienten, die gerade erst von der Front kommen.
Das genaue Gegenteil vom Hospitalschiff ist der Ambulanzzug. Ambulanzzüge werden eingesetzt, die Verwundeten und Erkrankten durch Frankreich zu transportieren. Von den Lazaretten an der Front nach hinten zu den Krankenhäusern und von dort weiter zu den Häfen zur Verschiffung nach England. Und manchmal, wenn die Situation es verlangt, werden die Ambulanzzüge auch noch weiter nach vorne geschickt. Die CCS mögen die frontnächsten regulären Einsatzorte für eine Krankenschwester sein – aber noch näher kommt man der Front mitunter in einem Ambulanzzug.
Ken wusste das. Als ich ihm das Telegramm mit meinem neuen Einsatzbefehl gezeigt habe, hat er ausgesehen, als sei er in seinem schlimmsten Albtraum aufgewacht. Denn es ist No. 15 Ambulance Train, der mir auf absehbare Zeit Arbeitsplatz und Heimat zugleich sein wird.
Während die ersten Ambulanzzüge in diesem Krieg oft noch umgebaute Personen- oder gar Lasten- oder Viehzüge waren, so wurde unser Zug bereits als Ambulanzzug konzipiert und gebaut. Seit über drei Jahren fährt er kreuz und quer durch Frankreich, lange Zeit unter Kommando des medizinischen Korps der englischen Armee. Das CAMC hat ihn erst in diesem Frühjahr übernommen, stellt seitdem das zuständige Personal. Ausgerüstet wurde der Zug, so heißt es, durch die Prinzessin Christian, woher er seinen inoffiziellen Namen hat: Princess Christian Ambulance Train.
Zwölf grau angestrichene Waggons reihen sich aneinander, um den Zug zu bilden. Direkt hinter der Lok hängt ein Waggon, in dem es einen Bereich für die bewaffneten Wachen gibt und einen größeren Bereich, der unsere Isolationsstation beherbergt, für die Patienten mit ansteckenden Erkrankungen sowie die Orderlies, die zu ihrer Pflege abgestellt wurden. Wir Krankenschwestern und auch die Ärzte gehen nur dann dort hinein, wenn es sein muss, denn nachher müssen wir uns jedes Mal ausgiebig waschen und obwohl es Waschräume im Zug gibt und frisches Wasser in großen Tanks auf dem Dach des Zuges mitgeführt wird, hat niemand Zeit für diese Art ausgiebiger Wäsche.
Im zweiten Waggon sind die Kabinen der Krankenschwestern und Ärzte untergebracht und hier habe ich mir meine zehn Minuten Zuflucht gesucht. Die Kabine, die ich mir mit Miller, der anderen Krankenschwester teile, ist winzig. Ein Stockbett, ein Schrank und der kleine Tisch vor dem Fenster, an dem ich gerade noch gesessen habe, und schon kann man fast nicht mehr treten. Nebenan ist unser Ess- und Aufenthaltsraum, kaum groß genug um eine Sitzbank, einen Tisch und zwei Stühle aufzunehmen, und noch etwas weiter vorne unser winziger Waschraum. In einem Zug, so autonom er funktionieren mag, ist alles irgendwie zu eng.
Ich bewege meine Arme ein paar Mal vor und zurück, lockere die knotigen Muskeln in meinen Schultern, dann trete ich auf den schmalen Gang hinaus. Ich wende mich nach rechts, dem hinteren Teil des Zuges zu, passiere zuerst die Tür zur Kabine der Oberschwester und schlüpfe durch die Verbindungstür, die den Bereich der Krankenschwestern von dem der Ärzte trennt. Fünf Türen liegen zu meiner rechten – drei Schlafkabinen, für jeden von ihnen eine eigene, dann der Aufenthalts- und zuletzt der Waschraum.
Die Kupplungen, die die Waggons verbinden, sind mit Stegen überbrückt und mit Planen umschlossen, so dass man nicht vollständig den Elementen ausgesetzt ist, wenn man von einem Waggon zum anderen wechselt, aber es bleibt eine wacklige Angelegenheit, an die ich mich noch immer nicht ganz gewöhnt habe. Umso erleichterter bin ich, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, als ich den ersten der sechs Stationswaggons betrete. Zu beiden Seiten eines schmalen Ganges verlaufen die fest verankerten Liegen, jeweils immer drei übereinander. Die mittlere lässt sich zurückklappen, bildet dann als Rückenlehne zusammen mit der unteren Liege eine Bank für die Patienten, die noch sitzen können. Je mehr sitzende Patienten es gibt, umso mehr von ihnen kann der Zug transportieren.
Jeder Stationswaggon nimmt im Regelfall zwischen 50 und 65 Patienten auf und da wir nur drei Krankenschwestern im ganzen Zug sind, ist jede von uns für zwei Waggons mit Patienten verantwortlich. Meistens besteht eine normale Krankentransportfahrt aus etwa 400 Patienten, was ungefähr der maximalen Belegung unseres Stationary Hospitals in Arques entsprach. In Spitzenzeiten sollen es auch schon mal an die 700 Patienten gewesen sein, hat Miller mir erzählt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das möglich sein soll, aber ich fürchte, ich werde auch das noch früh genug herausbekommen.
Bei drei Schwestern für so viele Patienten gibt es keine Tag- oder Nachtschichten. Wenn wir Patienten an Bord haben, sind wir auf den Beinen, ohne Fragen zu stellen. Und die Arbeitszeiten richten sich sowieso nach keiner Uhr und keinem Plan, wie ich direkt an meinem ersten Tag festgestellt habe. Kurz nach Mitternacht und kaum zwei Stunden nachdem ich zum Zug gestoßen bin, haben wir Abbeville verlassen, sind am Morgen in Crouay eingetroffen, um mittags mit etwa 350 Patienten wieder loszufahren und abends nach neun Uhr Rouen zu erreichen. Fünf Stunden später erfolgte der erneute Aufbruch Richtung Sotteville.
Zuerst dachte ich noch, das sei ein außergewöhnlicher Tag, aber die letzte Woche hat mich eines besseren belehrt. Es ist keine Seltenheit, dass das Personal eines Ambulanzzuges 24 Stunden am Stück auf den Beinen ist und so habe ich das bisschen Schlafroutine, dass ich mir nach wochenlangem Nachtdienst wieder habe angewöhnen können, sofort wieder verloren. Gut ist allerdings, dass wir im Moment hauptsächlich dafür eingesetzt, Patienten zwischen den Krankenhäusern hin und her zu bewegen und demnach weit im französischen Hinterland unterwegs sind, was zumindest meinen Mann beruhigen sollte. Jetzt gerade fahren wir von Étaples nach Westen – nach Rouen, vielleicht, oder Le Havre. Um kurz nach sieben am Abend sind wir losgefahren, jetzt muss es ein paar Stunden nach Mitternacht sein und ich fürchte, vor dem kommenden Abend werden wir unser Ziel nicht erreichen. Nur ein weiterer endloser Tag.
Ich durchquere die ersten drei Stationswaggons mit raschen Schritten, nicke im Vorbeigehen der Oberschwester zu, und erreiche schließlich den Pharmaziewagen, der zwischen Millers zwei Stationen eingespannt ist. Wie der Name schon sagt gibt es hier Regalreihen mit aller Art Medikamenten, aber während ich den Gang entlanggehe, passiere ich auch die Tür zum Behandlungsraum, in dem einer der Ärzte gerade offenbar einen Patienten untersucht und der uns im Notfall als OP-Saal dienen muss. Im Büro nebenan sitzt Dr. Hunter, der Kommandant des Zuges, hinter dem Schreibtisch und lächelt mir kurz zu, als er mich durch die geöffnete Tür sieht. Zuletzt gibt es noch den Raum, in dem frische Wäsche gelagert wird, sowie einen kleineren Raum, wo wir die ‚Medical Comforts' aufbewahren, die nicht ausschließlich aus alkoholischen Getränken bestehen aber doch zu einem großen Teil..
Da ich der Neuling unter den Krankenschwestern bin, hat man mir die hintersten beiden Stationswaggons zugewiesen. Danach kommt noch der Küchenwaggon, der auch den kleinen Schlafraum der drei französischen Köche sowie die Essabteile der Unteroffiziere und Mannschaften unter der Zugbesatzung beinhaltet, dann ein Großraumwaggon, in dem die Orderlies schlafen, und zuletzt noch ein Lagerwaggon. Zwölf Waggons, alles in allem, auf die, wenn man nicht aufpasst, in kürzester Zeit die Welt zusammenschrumpft.
Als ich endlich meinen ersten Waggon betrete, sehe ich zu meiner Zufriedenheit, dass die meisten der Männer zumindest zu dösen scheinen, auch wenn tiefer Schlaf für sie in diesem Zug ebenso fern ist wie für uns. Ich höre heiseres Flüstern von denen, die sich unterhalten. Einige wimmern im Schlaf. Als er Zug einen Ruck macht, schreit einer von ihnen auf. Als ich zwischen ihnen hindurch gehe, drehen sich einige Gesichter mir zu. Die Männer wissen genau, dass ich für sie verantwortlich bin, auch wenn ich am Ende des Wagens Miller erkenne, die während meiner Pause meine Stationen übernommen hat und sich gerade über eine der Liegen beugt. Ich nicke den Patienten im Vorbeigehen zu, vergewissere mich mit raschen Blicken, das keiner von ihnen meine direkte Aufmerksamkeit benötigt, dann gehe ich hinüber zu Miller.
Miller heißt Pauline mit Vornamen, aber sie hat mir direkt bei unserer ersten Begegnung mitgeteilt, dass Pauline der Name einer Kuh sei und ob ich denken würde, sie sei eine Kuh? Deswegen nenne ich sie Miller und sie nennt mich Blythe und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht jedes Mal innerlich zusammenzucke, wenn sie oder sonst jemand diesen Namen ruft, der doch gar nicht mehr mein Name ist. Abgesehen davon ist Miller aber vermutlich genau das, was mein trennungsschmerzendes Herz gerade braucht. Sie ist vorlaut, furchtlos, energisch und das, was meine Mutter gerne nassforsch nennt und was ich mir nie richtig habe vorstellen können, bis ich Miller getroffen habe. Außerdem hat sie einen derart ätzenden Humor, dass mir mehr als einmal das Lachen im Hals stecken geblieben ist.
Wir teilen uns wie gesagt eine Schlafkabine, Miller und ich. Das sei ein Segen, hat sie mir unverblümt mitgeteilt, denn die Oberschwester schnarche nun einmal wie ein Sägewerk – womit sie Recht behalten hat, wie ich mich in der ersten Nacht hinter dünnen Zugwänden direkt überzeugen konnte. Ansonsten ist an Mary White, der Oberschwester, aber nicht viel auszusetzen. Sie ist klein und drahtig und, wie um ihrem Namen zu spotten, ist an ihr alles eisengrau, am meisten ihr Wille. Sie führt das wahre Regiment in diesem Zug, ist dabei aber unfehlbar absolut gerecht und hat immer ein Auge darauf, dass es Miller und mir den Umständen entsprechend gut geht. Der arme Dr. Hunter, ein höchst friedfertiger Mensch, lebt dauerhaft in offenkundiger Angst vor ihrem Machtwort.
„Alles klar?", frage ich Miller, als ich neben sie trete, und nehme den Patienten vor uns in Augenschein. Er liegt auf der mittleren Liege, was die Versorgung angenehm macht, weil man sich weder tief bücken, noch auf einen Hocker klettern muss, um an ihn heran zukommen.
Miller sieht kurz zu mir auf, während sie Auskunft gibt: „Unser kleiner Südstaaten-Rebell hier hatte Schmerzen, aber dafür habe ich ihm etwas gegeben und jetzt ist alles prima. Nicht wahr, kleiner Südstaaten-Rebell?"
Sie letzten Worte hat sie an den Soldaten gerichtet, der jedoch einige Sekunden braucht, um zu verstehen, dass er es ist, den sie zum Südstaaten-Rebell gemacht hat. In seiner darauffolgenden Hast, zu antworten, verschluckt er sich erst einmal und bekommt einen Hustenanfall. Miller tätschelt begütigend seine Schulter, verdreht aber in meine Richtung die Augen.
„Alles gut, Miss. Danke, Miss", bringt der Soldat dann hervor. Ich kann seinen Akzent nicht einordnen, aber sein neu gewonnener Spitzname und die Uniform, die unter der Decke hervorlugt, sagen mir, dass er Amerikaner ist.
Sie lösen in mir immer ein irgendwie schmerzliches Gefühl aus, die amerikanischen Patienten. Als ich sie im Frühling in Étaples habe marschieren sehen, waren sie so jung und unbedarft und hoffnungsvoll. Jetzt dagegen sind sie so geworden, wie unsere Jungen es schon seit vielen Jahren sind. Verletzt, gebrochen und viel älter als es nach nur so wenigen Wochen möglich sein sollte.
Im banaleren Sinne empfinde ich es zudem als höchst ärgerlich, dass es mir endlichen gelungen ist, die Dialekte der britischen Inseln zu meistern, nur damit die Weltpolitik mir ein ganz neues Land mit mindestens ebenso vielen Akzenten vor die Füße wirft. Meine Lehrstunde in Lautsprache fängt damit praktisch wieder von vorne an.
„Wo kommst du her?", frage ich also den kleinen Amerikaner. Der ängstliche Blick, mit dem er Miller gemustert hat, huscht zu mir herüber.
Einen Moment scheint er zu erstarren und als er schließlich doch antwortet, spricht er so leise, dass ich mich näher zu ihm beugen muss, um ihn zu verstehen. „Aus Germantown, Miss. Das liegt in Tennessee, Miss", flüstert er.
Ich blinzele. Miller schnaubt. „Nun, das ist wirklich bedauerlich", bemerkt sie trocken. Der kleine Amerikaner rutscht ein Stück tiefer unter seine Decke.
Meine Kollegin hat jedoch keinen weiteren Blick für ihn. „Und, wie war die Pause?", fragt sie mich, noch während sie sich von dem Amerikaner abwendet.
Ich beeile mich, ihm noch einmal aufmunternd zuzulächeln, bevor ich mich zu Miller umdrehe. „So gut wie zehn mickrige Minuten sein können", entgegne ich schulterzuckend, „ich brauche länger für den Weg durch den Zug als ich Zeit in der Kabine verbringen kann."
„Deswegen verstecke ich mich immer im Wäscheraum", bemerkt Miller und zwinkert mir zu, „das ist näher und man ist ungestört. Freiwillig setzt da nämlich niemand einen Fuß rein und man hat genug Zeit und Ruhe für eine Zigarette oder zwei."
Ein wenig erschrocken sehe ich sie an „Aber der Geruch…", murmele ich und sehe mich unwillkürlich nach Mithörern um.
Miller lacht laut. „Zeig' du mir mal den Soldaten, der sich beschwert, wenn seine Bettwäsche nach Tabak riecht", verlangt sie unbekümmert.
Ich öffne den Mund zur Antwort, klappe ihn dann aber unverrichteter Dinge wieder zu. „Na eben", entgegnet Miller mit einem befriedigten Nicken, tätschelt kurz meine Wange und marschiert dann den Gang entlang, zurück zu ihren beiden Stationen.
Kopfschüttelnd sehe ich ihr hinterher, wende mich dann wieder meinen eigenen Patienten zu. Der kleine Südstaaten-Rebell scheint eingedöst zu sein, also werfe ich einen Blick auf den Mann auf der Liege darunter. Dunkle Augen blicken zurück und ich blinzele überrascht.
Er ist bei weitem nicht der erste indische Soldat, den ich sehe – Shirley sagt, es kämpfen zwei- oder dreimal mehr Inder als Kanadier in diesem Krieg – und doch ist ihr Anblick immer noch etwas fremdartig. Die dunkle Haut, die noch dunkleren Augen, das schwarze Haar, verborgen unter ordentlich gewickelten Turbanen.
Ich gehe neben dem indischen Soldaten in die Hocke. „Kann ich etwas für dich tun?", frage ich.
Er müht sich in seine halbsitzende Position und stößt sich dabei an der oberen Liege fast den Kopf. „Vielen Dank, Memsahib. Es geht mir gut", antwortet er dann in dem weichen, singenden Ton, den ich unweigerlich mit den indischen Soldaten in Verbindung bringe. Das, und die ausgesuchte Höflichkeit, die sie alle auszuzeichnen scheint.
Etwas skeptisch mustere ich den Soldaten, aber er begegnet meinem Blick ruhig und sicher. „Na gut. Aber sag mir Bescheid, wenn ich etwas machen kann", bitte ich also nur, während ich mich wieder erhebe, meine schmerzenden Knie langsam durchdrücke.
Sie tun mir immer ein bisschen mehr Leid, die indischen Soldaten. Sie mögen anders aussehen als wir, aber auch sie sind Kolonisten und so teilen sie eine Gemeinsamkeit mit Kanadiern, Australiern, Neuseeländern – alle sind zu den Waffen gerufen worden, um das britische Weltreich zu verteidigen in einem fernen, fremden Land. Und doch – wir alle mögen weit weg von unserer Heimat sein, aber wie viel feindseliger muss doch dieser kalte, nasse Kontinent den indischen Soldaten erscheinen, die doch aus einem Land von Sonne und Weite und Licht kommen?
Aber vielleicht ist auch das beispielhaft für diesen Krieg – dass sich eine kanadische Krankenschwester in einem englischen Ambulanzzug, der durch die französische Landschaft fährt, um amerikanische und indische Patienten kümmert. Ein Bild für einen Krieg, der doch längst ein Weltkrieg geworden ist.
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Good-bye-ee!" aus dem Jahr 1917 entnommen (Text und Musik von R.P. Weston und Bert Lee).
Prinzessin Christian ist Prinzessin Helena (1846-1923), die dritte Tochter von Königin Victoria des Vereinigten Königreichs. Sie heiratete einen deutschen Prinzen, Christian von Schleswig-Holstein, das Paar lebte jedoch in England. Während des Ersten Weltkriegs legten Helena, Christian und die gemeinsamen Töchter den deutschen Titel ab, der überlebende Sohn kämpfte jedoch auf Seite Preußens. Helena war ein aktives Mitglied der Königsfamilie und nahm häufig öffentliche Termine wahr. Sie engagierte sich für Frauenrechte und besonders im Bereich der Krankenpflege. So war sie Mitbegründerin des British Red Cross und Präsidentin der Royal British Nurses' Association, der Army Nursing Reserve sowie zeitweise des Army Nursing Service. Während des Burenkrieges war sie mitverantwortlich für den Einsatz des ersten Ambulanzzugs und auch im Ersten Weltkrieg wurde ein Ambulanzzug nach ihr benannt.
