Nach der erfolgreichen Rückeroberung Buckelstadts, breitete sich die Nachricht von Grimas Ableben aus wie ein Lauffeuer. Aus allen Ecken des Auenlandes kamen jetzt Meldungen, dass die Orkhorden mehr oder weniger kopflos flohen. Gleichzeitig kehrten die Auenländer zurück in ihre Häuser. Von einem Tag auf den anderen begannen die Aufräumarbeiten. Das kleine Volk verschwendete keine einzige Sekunde.
Als wir uns nach knapp zwei Wochen von den Hobbits verabschiedeten, waren bereits die ersten Felder gerodet und harrten auf die Aussaat im Frühjahr. Thinroval hatte seine Krieger bereits zurück nach Cillien geschickt. Mit Luvalaes zusammen unterzog er den Süden des Auenlandes einer letzten Kontrolle, bevor das Land wieder als orkfrei galt.
Auch von Legolas und Gimli mussten wir uns verabschieden. Sie begleiteten uns noch ein Stück, bis wir die Grenze des Waldes erreicht hatten. „Was freue ich mich auf die Blauen Berge", brummte Gimli mit leuchtenden Augen, „solltet Ihr die südlichen davon einmal betreten, so kommt mich besuchen, Freund Anordil." Mit Schwung setzte er seine Axt ab. „Dann werde ich Euch zeigen, was die Gastfreundschaft der Zwerge bedeutet", Gimlis Gesicht strahlte förmlich. „Ich hoffe, Ihr seid dann auch mit dabei, edle Herrin", wandte er sich zu mir und verbeugte sich ungeschickt.
„Es würde uns eine Freude sein, an Eurem Feuer zu sitzen", antwortete ich charmant, „die Taten der Zwerge werden dabei in vielen Geschichten gerühmt werden." „Und ihre Tapferkeit", ergänzte Anordil, „lebt wohl, Freund Gimli. Möge Eure Reise ohne Gefahren sein." Damit klopfte er dem Zwerg freundschaftlich auf die Schulter.
Dann wandte er sich an Legolas. „Cuio vae, mellon nin", sagte Anordil auf Sindarin und legte eine Hand auf die Brust, während er den Kopf leicht neigte, „auch dir eine sichere Heimkehr, Legolas Thranduilion." „Cuio vae, Anordil Glordoronion", erwiderte Legolas, „meine Heimkehr wird noch ein wenig warten müssen. Ich werde erst unseren zwergischen Freund nach Hause begleiten. Er versprach, mir die Höhlen zu zeigen, die sein Volk in den Fels gegraben hat."
„So werdet Ihr noch eine Weile unterwegs sein, Legolas Thranduilion", warf ich ein, „Euer Weg mag ruhig verlaufen, bis wir uns wiedersehen." „Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen, edle Arwen", sagte er, „Gimli und ich werden noch ein Weilchen Mittelerde unsicher machen, bis ich mich in Ithilien niederlasse. Wenn unser Weg es zulässt, werden wir euch in Cillien besuchen."
„Das würde uns sehr freuen, Freund Legolas", erwiderte Anordil. Die beiden Elben verneigten sich noch einmal würdevoll voreinander. Dann nahmen Legolas und Gimli ihr Gepäck auf und schritten in Richtung Südwesten davon. Für uns hieß es jetzt ebenfalls aufzubrechen.
Von Bockland wollten wir über Bree nach Imladris ziehen. Dabei achten wir besonders auf versprengte Orks. Doch auch hier hatten sich Saurons Schergen zurückgezogen. Zumindest auf dem von uns eingeschlagenen Weg begegneten wir keinem von ihnen. Noch nicht einmal ein einsamer Warg war zu sehen. Ich hoffte, sie waren jetzt weit genug entfernt, dass sie sich nicht mehr ins Auenland trauten. Es würde dennoch etliche Sonnenläufe dauern, bis alle Schäden beseitigt sein würden, da überall Spuren, welche die Orks hinterlassen hatten sichtbar waren.
Als wir in Bree Station machten, fanden wir einiges verändert vor. Die Stadt war durch die Kämpfe in Mitleidenschaft gezogen worden. Etliche Häuser waren dem Erdboden gleich gemacht. Die Palisade um die Stadt schien mehrfach geflickt. Außerdem machte sie einen wehrhafteren Eindruck. Ebenso wie die Wachen. Einzig das „Tänzelnde Pony" hatte allen Fährnissen getrotzt. Der Wirt erkannte uns jedoch nicht. Hatte ich auch nicht erwartet. Schließlich war allgemein bekannt, dass er über ein arg kurzes Gedächtnis verfügte.
Wir blieben auch nur eine Nacht, dann zogen wir weiter. Ein angespanntes Gefühl bemächtigte sich meiner, als wir schließlich den Bruinen überquerten. Der Weg war vertraut und auch wieder nicht. Würden wir überhaupt noch etwas von Imladris finden? Jetzt, da es verlassen war?
Elrond hatte sich nach Lothlórien zurückgezogen. Von dort aus würden die Elben ihre Reise zu den Grauen Anfurten antreten. Viele waren bereits dorthin gewandert und warteten auf die Weißen Schiffe. Sie fuhren nicht oft, doch es wurde berichtet, dass sie nun häufiger zu sehen waren. Und mit jedem Schiff wurden es weniger Elben, die in Mittelerde verblieben.
Je näher wir Imladris kamen, desto stärker war zu spüren, dass es verlassen war. Die Wege waren bereits verwildert und kaum noch zu erkennen. Als wir das Tal betraten, sah ich mich irritiert um. War das wirklich Imladris?
Von den vielen filigranen Gebäuden sah man kaum noch etwas. Vieles war einfach nur überwuchert. Anderes dagegen gänzlich verschwunden. Einzig der prächtige Bau von Elronds Haus war noch in dem wilden Blätterwerk zu erkennen. Aber auch hier nagte bereits der Zahn der Zeit. Elrond hatte wohl diesen Prozess magisch beschleunigt. Anders konnte ich mir den rasenden Verfall nicht erklären.
Stumm wandelte ich durch die einstmals bewohnten Räume. Der Wind trieb welke Blätter über den Boden, der mit Erde und Staub bedeckt war. Moos wuchs an den Wänden. Efeu und andere Rankgewächse krochen über die Säulen und den Balken.
„Hier werden wir nichts mehr finden", murmelte Anordil. „Nichts als Staub und Vergänglichkeit", erwiderte ich, während mir ein Schauer über den Rücken lief.
Nichts war mehr geblieben von der Pracht, die in Imladris geherrscht hatte. Kein Möbelstück, kein Gemälde, keine Skulptur. Nichts. Nicht einmal ein einsamer Krug oder Teller im Küchengewölbe. In der Feuerstelle lagen einsame Ascheflocken. Die Badehöhlen waren mit Flechten und Moos bewachsen. Ein dichter Efeuvorhang fiel bis zur Seeoberfläche. Die glattgeschliffenen Steine, die zum See hinunterführten, wurden von welkem Blattwerk verborgen.
Die Treppe im Gebäude, welche in die oberen Stockwerke führte, war teilweise weggebrochen. Über die Reste wagten wir nicht zu gehen. Stattdessen suchten wir die Halle des Feuers auf. Der einst gewaltige Saal wirkte nun erdrückend auf mich. Kein Gesang hallte an den Wänden wider. Keine Geschichten wurden mehr erzählt. Auch hier nur Staub, Erde und welke Blätter. Aus winzigen Rissen in dem mit filigranem Mosaik verziertem Boden wuchsen Grashalme und Moos. In wenigen Sonnenläufen würde Imladris vollständig verschwunden sein. In der Feuerstelle jedoch lagen trotz des Verfalls sorgfältig aufgeschichtete Holzscheite.
Verwundert schaute ich zu Anordil. „Ist hier vielleicht noch jemand?", fragte ich leise und sah mich vorsichtig um. Er schüttelte den Kopf. „Nein", erwiderte er, „dies ist eine letzte Geste von Elrond. In der Halle des Feuers war immer Feuerholz aufgeschichtet und dies soll symbolisch auch immer so sein."
„So werden wir morgen früh auch wieder Holz aufschichten", sagte ich verstehend. Er nickte. „Zwar wird bald alles so sein, als wären niemals Elben hier gewesen, doch an dieser Stelle wird immer eine Feuerstelle bleiben", erklärte er.
Die Nacht verbrachten wir recht ruhig. Mir kam die Umgebung eher unheimlich vor. Es fröstelte mich. Manchmal dachte ich sogar, ich hörte die Zweige knistern, während sie wuchsen.
Auf eine Art war ich wirklich froh, dass wir am nächsten Morgen das letzte heimelige Haus, das keines mehr war, verließen. Am Rande des Nebelgebirges wanderten wir nach Süden. Je näher wir Cillien kamen, desto froher wurde ich. Ich konnte es kaum erwarten endlich zu Hause zu sein. Vom Krieg und vom Kämpfen hatte ich vorerst genug. Ich schwor mir mein Schwert für die nächsten Sonnenläufe an den Haken zu hängen und nicht in die Hand zu nehmen, außer zum Training vielleicht. Als wir dann schließlich das Tal vor uns liegen sahen, standen Tränen der Freude in meinen Augen. Endlich waren wir wieder zu Hause.
Ein paar Tage später hielt der Winter Einzug in Cillien. Weiße Flocken fielen dicht auf die Erde herunter. In Windeseile stellten wir einen Tross mit Lebensmitteln zusammen, der sich umgehend auf den Weg ins Auenland machte. Zur Wintersonnenwende kamen unsere Leute zurück. Gelassen konnten wir nun die kalte Zeit vorüber gehen lassen. Nach all den Kämpfen genoss ich den Frieden, sowie das süße Nichtstun. Als dann die ersten Strahlen der Frühlingssonne zartes Grün sprießen ließen, war ich beinahe enttäuscht darüber, dass der Winter so schnell vorüber war.
Allerdings hatten wir Samweis Gamdschie versprochen zu seiner Bündnisfeier mit Rosie Hüttinger zu kommen. Wir beschlossen, dieses Mal zu Pferd zu reisen, da die Pferde nach dem langen Winter auch etwas mehr Bewegung vertragen konnten. Außerdem war es nicht mehr unbedingt notwendig sich unauffällig durch Mittelerde zu bewegen.
Pünktlich zur Schneeschmelze brachen wir daher auf. Wir schlugen den Weg nach Tharbad ein und machten einen kleinen Abstecher über Ost-in-Edhil, um dort nach den Geschäften zu schauen. In Tharbad überquerten wir den Baranduin und wandten uns nach Norden. Immer am Ufer des Flusses entlang reisten wir dieses Mal recht komfortabel. Im Fluss gab es reichlich Fische und in den Niederungen genügend Kaninchen und Wildgemüse, um uns jeden Abend ausreichend den Tisch zu decken.
Als wir schließlich die Grenze des Auenlandes passierten, wurden wir angenehm überrascht. Die verkohlten Baumstämme waren verschwunden, die Felder gerodet und viele davon wurden bereits mit den ersten Saaten bestellt. Mancherorts sprossen schon die ersten Frühlingsblüten und die ersten Schösslinge empor. Überall sahen wir fleißige Hobbithände, die sich um das Land kümmerten. Und überall wurden wir herzlich willkommen geheißen. Zur Frühjahrstagundnachtgleiche erreichten wir Buckelstadt. Auch hier konnten wir die Stadt kaum wiedererkennen. Neue Häuser waren gebaut, die alten repariert, die Wege neu angelegt und die Gärten waren gepflegt, wo das erste Grün bereits spross.
Wir hielten uns jedoch nicht lange auf. Am nächsten Morgen reisten wir weiter nach Hobbingen. Hier hatte Samweis den Smial der Beutlins – Beutelsend – aufgrund des letzten Willen Frodos übernommen. Ein passendes Geschenk für seinen guten Freund. Samweis werkelte im Garten, als wir eintrafen. Er lachte vor Freude über das ganze Gesicht. Offenbar hatte der Winter auch bei ihm die finsteren Gedanken vertrieben.
„Willkommen in Beutelsend, Herr Anordil und Herrin Arwen", begrüßte er uns freudig, „tretet ein! Ich mache gleich was zu Essen." „Lasse dir Zeit, werter Samweis", antwortete ich, „wir sind nicht hungrig. Gunerbin hatte uns erst gestern großzügig bewirtet." Samweis schüttelte den Kopf. „Ein bisschen frisches Brot passt immer hinein", konterte er, „und ein Becher Kräutertee auch." Damit eilte er uns voraus die steinernen Stufen des kleinen Hügels hinauf, in dem sich der Smial befand. Eine kleine Holzbank inmitten der frühlingsgrünen Büsche lud zum Verweilen ein. Zarte Blüten bildeten bunte Tupfer. Über dem Smial breitete eine schattenspendende Eiche ihre Krone über das mit Gras bewachsene Dach. Samweis öffnete einladend die runde, grün gestrichene Holztüre mit dem messingfarbenen Klopfer.
Es war das erste Mal, dass ich Beutelsend betrat. Sogar ich musste mich bücken, um durch die runde Tür zu treten. Die Mauern bestanden aus geglättetem Lehm. Von der niedrigen Decke hingen runde Leuchter mit dicken Kerzen, denen wir ausweichen mussten. Runde Gänge führten vom Eingangsbereich in die verschiedenen Bereiche des Hauses. Links ging es zum einen in ein Arbeitszimmer, dass über und über mit Pergamentrollen und Büchern vollgestopft war, zum anderen sah ich dahinter im nächsten Raum die Küche. Im Herd brannte ein Feuer.
In Windeseile bereitete Samweis uns einen Willkommenstrunk. Höflich nahmen wir die dampfenden Becher entgegen. Wir nippten kurz daran, bevor wir uns niederließen. Samweis nahm sich auch einen Becher. Seufzend setzte er sich zu uns.
„Es ist schon merkwürdig", sagte er dann und wies in die Runde, „vor zwei Sonnenläufen noch gehörte Beutelsend Herrn Frodo und nun ... – Ich musste mich erst daran gewöhnen kein einfacher Gärtner mehr zu sein." „Jeder muss sich seinem Schicksal stellen, egal wie ungewöhnlich es ist, oder welchen eigenartigen Wegen es folgt", antwortete Anordil lächelnd. „Was machen die Bündnisvorbereitungen?", fragte ich dazwischen.
Auf Samweis Gesicht ging die Sonne auf. „Ich bin so froh, dass ich Rosie gefragt habe", gestand er, „so viele Sonnenläufe hatte ich keinen Mut dazu, aber jetzt kann ich es kaum abwarten, bis wir endlich verbunden sind." Aufgeregt sprang er auf und lief in eines der anderen Zimmer hinüber.
Mit einem kleinen Kästchen kam er wieder. „Seht", sagte er und öffnete vorsichtig den Deckel, „dies werde ich meiner Rosie als Bündnisgabe schenken." Auf einem Bett aus dunkelblauem Samt lag ein Ring aus eindeutig elbischer Arbeit. Zarte goldene Blütenblätter wanden sich als Band um eine filigrane silbrige Blüte des Mallorn-Baumes.
„Ein Geschenk Galadriels", flüsterte Samweis ehrfürchtig, „ich denke, sie wäre einverstanden mit meiner Wahl. – Das Kästchen mit Erde, welche sie mir gab, habe ich dem Auenland gegeben. Überall habe ich sie verstreut und die Saat damit bedeckt. Auch auf dem Festplatz wird ein neuer Baum wachsen. Gestern erst war ich dort und habe den wunderschönen Schössling gesehen, der dort sprießt."
„So wird doch noch alles ein gutes Ende nehmen", sagte ich. „Wenn nur Herr Frodo das hätte sehen können", warf Samweis traurig ein, „dafür würde ich auch gerne wieder ein einfacher Gärtner sein." „Die Zeit kann man nicht zurückdrehen", antwortete Anordil, „egal, wie sehr man sich dieses wünscht. Das Schicksal hat entschieden, dass die Zeiten so verlaufen, wie sie verlaufen sind. Gräme dich nicht darüber, Samweis Gamdschie, sondern blicke auf das, was kommen mag."
„Wahre Worte, Herr Anordil", sagte Samweis, „ich sollte mich auf mein Bündnis konzentrieren. – Morgen wird die Feier sein. Überall im Dorf wird schon gekocht und gebacken. Sogar Herr Gandalf ist schon eingetroffen. Er wird uns wieder mit einem Feuerwerk beglücken. So wie damals zu Bilbo's unvergessenem Geburtstag."
Wir redeten noch eine Weile über die bevorstehenden Feierlichkeiten, bevor Samweis uns in die Gästeräume brachte. Diese lagen im Inneren des Smials. Auch hier mussten wir durch eine runde Tür. Der Raum dahinter war für Hobbitverhältnisse recht geräumig, obwohl für uns eigentlich zu klein. Aber wir hatten schon schlechter genächtigt. Das Bett war sehr knapp bemessen. Für einen Hobbit wäre es allerdings recht großzügig gewesen. Darüber lag eine aus bunten Stoffen gefertigte Überdecke. An der einen Wand stand eine Truhe aus Weidengeflecht. Auf einem Tisch an der anderen Wand stand ein Kerzenhalter aus Eisen, eine tönerne Waschschüssel und ein Krug.
Nachdem Samweis gegangen war, legten wir unser Gepäck ab. Danach machten wir uns auf den Weg ins Dorf zu Gandalf. Dieser hatte seine Lager bei Samweis Onkel aufgeschlagen. Man sah dem alten Herrn an, dass dieser darauf mächtig stolz war. Allerdings war Gandalf selber nicht zugegen. Er wies uns zur Festwiese.
Schon von weitem sahen wir Gandalf am Rande derselben mit den Feuerwerkskörpern hantieren. Er wirkte zwar sehr geschäftig und behände, aber trotzdem konnte man erkennen, dass er die Strapazen des Ringkrieges auch noch nicht vollständig hinter sich gelassen hatte. Tiefe Falten in seinem Gesicht zeugten davon. Aber er strahlte freundlich, wie immer.
„Seid mir gegrüßt, Anordil Glordoronion und auch deine Gemahlin Arwen", begrüßte er uns erfreut auf Sindarin, „setzt euch zu mir. Ein Augenblick der Muße ist mir jetzt sehr willkommen." „Auch wir grüßen dich, Gandalf den Weißen", antwortete Anordil und verbeugte sich höflich. Dann nahmen wir neben ihm Platz. Gandalf zückte eine lange, elegant gebogene Pfeife, die er genüsslich stopfte und in Brand setzte. Schließlich erzählte er von seinem Winter. Überall im Land war er herumgereist und hatte den Völkern Kunde vom Niedergang Saurons gebracht. Nun sehnte auch er sich nach ein wenig Ruhe. Nach dem Bündnisfest gedachte er nach Lothlórien zu reisen. Gemeinsam mit Galadriel und Celeborn wollte er dann in den nächsten Sonnenläufen den Aufbruch in den Westen wagen.
Es dämmerte, als wir zurück zum Smial gingen. In den frühen Morgenstunden waren wir jedoch schon wieder auf den Beinen und genossen den farbenprächtigen Sonnenaufgang über den Auen. An diesem Tag herrschte die Betriebsamkeit eines Bienenkorbes in der Hobbitgemeinde. Tische und Bänke wurden hinaus zur Festwiese geschleppt. Zelte aufgebaut und Blumengirlanden aufgehangen. Der klägliche Stumpf der alten Festeiche diente nun als Ablage für das Bierfass. Einige Schritte daneben, gut geschützt durch ein kleines Zäunchen ragte ein neuer Schössling in die Luft.
„Ein Mallorn", stieß ich erstaunt hervor. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Samweis tatsächlich den Samen eines Mallorns erhalten hatte, nachdem ich den wunderschönen Ring gesehen hatte.
„Ein letztes Geschenk von den Elben an Mittelerde", wisperte mir Anordil zu, „das Auenland hat es verdient." „Die Zeit der Elben geht wahrlich dem Ende zu, wenn sie ihre kostbarsten Gaben so reichlich verschenken", antwortete ich mit einem mulmigen Gefühl. Würde ich es noch erleben, dass die Elben Mittelerde sich selbst überließen?
Für trübe Gedanken fehlte mir indes die Zeit. Die Bündnisfeier stand kurz bevor. Wir standen eh hier nur im Wege rum, daher nutzten wir die Zeit und nahmen ein Bad im wieder aufgebauten Badehaus von Hobbingen. Danach streiften wir unsere Festgewänder über. Die reichlich mit silbernen Ranken bestickte grüne Seide raschelte leicht, als ich das Übergewand vorne mit einer silbernen Brosche schloss. Das Untergewand aus frostgrünem Stoff blitzte darunter hervor. Die Ärmel waren ebenfalls aus diesem leicht fließenden frostgrünen Stoff gearbeitet. Breite Borten schmückten die Übergänge zu den Ärmeln und rahmten den unteren Saum des Übergewandes.
Anordil trug eine grüne bodenlange Tunika, die sich vorne blattförmig öffnete und auch die frostgrüne Seide durchschimmern ließ. Unsere Haare wurden durch schlichte silberne Reife gebändigt.
Wir gaben ein imposantes Bild ab, als wir uns zum Festplatz begaben. Dort hatten sich bereits zahlreiche Hobbits eingefunden. Ein jeder trug sein bestes Gewand. Dann kam Gandalf. In seinem beinahe strahlenden weißen Gewand wirkte er sehr erhaben. Nachdem alle versammelt waren, fehlte nur noch das Bündnispaar. Die beiden kamen dann auch, eingerahmt von Meriadoc und Peregrin, die ihre in Minas Tirith gefertigten Gewänder trugen.
Samweis trug ein Gewand aus feinem dunkelroten Tuch, mit einer sehr sparsamen goldenen Bestickung an den Saumkanten. Rosies Gewand bestand aus einem cremefarbenen Unterkleid, an dessen Saumkanten kleine tiefrote Blüten gestickt waren. Die Ärmel bauschten sich weit bis zu den Gelenken. Das Überkleid war enganliegend aus einer wunderbar dunkelroten schweren Seide, die über und über mit winzigen silbernen Blüten bestickt war. Im Haar trug sie einen Blütenkranz und in der Hand einen bunten Strauß Frühlingsblumen.
Strahlend vor Glück standen die beiden schließlich vor Gandalf, der die schlichte Zeremonie leitete. Nach dem Kuss, der den Bund der beiden besiegelte, begann die eigentliche Feier.
In deren Verlauf hatten Anordil und ich auch Gelegenheit unsere Bündnisgaben zu überreichen. Da wir die Hobbits als sehr praktisch veranlagt kennen gelernt hatten, gab es von unserer Seite Gaben, die sie gebrauchen konnten – einen Ballen elbischer Seide, eine filigrane Halskette für die Braut und einen fein gearbeiteten Dolch für Samweis.
Das Fest dauerte an bis in die frühen Morgenstunden und wurde an den nächsten beiden Tagen noch fortgesetzt. Anordil und ich brachen jedoch am Morgen des dritten Tages auf. Ohne Umwege ritten wir zurück nach Cillien.
Es gab dort auch noch allerhand zu tun, obwohl die meisten Schäden des Krieges bereits beseitigt waren. In den umliegenden Dörfern hatte es zum Glück keine größeren Verluste gegeben. Zur Mitte des Sommers hin hatte der Alltag die Enklave eingeholt. Zwar waren einige der Bewohner den Weg zu den Grauen Anfurten gegangen, um dort ein Schiff nach Valinor zu besteigen, doch trotz dem nahm das Leben seinen Lauf.
In den menschlichen Ansiedelungen rund um die Enklave herum merkte kaum jemand etwas davon, dass die Elben nicht mehr so zahlreich waren, wie früher. Was wohl eher damit zusammenhing, dass die Menschen in Mittelerde kurzlebiger waren. Oder auch damit, dass die Elben sich nicht so häufig in den menschlichen Siedlungen zeigten.
Alte starben, Kinder wurden geboren. Man zahlte der Enklave den Tribut und bestellte die Felder. Das Leben wurde bestimmt von den Jahreszeiten. So war es auch nicht verwunderlich, dass der Krieg ebenfalls rasch vergessen war. Man ging zum Tagesgeschehen über.
So bemerkte niemand, dass die Zahl der Bewohner Cilliens in den Sonnenläufen nach Aragorns Krönung stetig abnahm. Auch Niniel und Eiliant hatten die Enklave verlassen. Ich war sehr traurig, als sie gingen. Aber ich konnte sie verstehen. Die Sehnsucht nach Valinor war größer, als die Verbundenheit mit dem Stückchen Erde hier. Auch ich war mir bewusst, dass Anordil gehen würde, sobald meine Zeit zu Ende war. Immer häufiger ertappte ich mich dabei, dass ich darüber grübelte, ob er sich an mich erinnern würde, wenn er einmal tausend Jahre in Valinor verbracht hatte.
Ich saß auf der Balustrade, die unsere Terrasse umschloss und genoss den Blick auf das erneut herbstliche Cillien. Ab und an juckte noch eine der vielen Narben, die ich aus dem Krieg mitgebracht hatte. Doch auch diese verblassten allmählich. Genauso wie die Erinnerungen an mein früheres Leben. Seit wir aus dem Auenland zurückgekehrt waren, hatte mich kein Alptraum mehr gequält. Offensichtlich hatten wir durch unser Eingreifen das Schicksal so weit verändert, dass auch die Dinge nicht mehr eintreffen konnten, die ich sonst noch in Galadriels Spiegel gesehen hatte. Einerseits war ich erleichtert darüber, denn ich musste mir keine Sorgen mehr machen, was in meiner Welt geschah. Andererseits war ich auch ein bisschen enttäuscht, dass sich die Visionen so rasch beeinflussen ließen.
„Woran denkst du, meine Sonne?", hörte ich Anordil hinter mir. Ich drehte mich zu ihm um. Er lehnte an einem Türpfosten, an dem sich Efeu hochrankte, die Arme vor der Brust verschränkt. Er trug eine rostfarbene Tunika zu dunkelgrünen Hosen, die in ledernen Stiefeln endeten.
„Ich dachte an die Dinge, die ich in Galadriels Spiegel sah", erwiderte ich, „und dass ich ganz froh darüber bin, dass sie sich nicht erfüllt haben." Er lächelte milde, denn dieses Thema hatten wir bereits öfter diskutiert.„Sie werden sich nicht mehr erfüllen", bekräftigte er, „nichts von alledem wird eintreffen." Ich seufzte. „Ich weiß", erwiderte ich, „doch genau deshalb beunruhigt es mich ja. Weil ..."
Sein Lächeln wurde vergnügt. „... weil du nicht weißt, was die Zukunft bringt?", unterbrach er mich, „sollen wir nach Lothlórien reisen? Willst du noch einmal einen Blick in Galadriels Spiegel werfen?"
„Nein!", entgegnete ich heftig. Der Gedanke daran, in diesen Spiegel zu schauen, ließ meine Nackenhärchen zu Berge stehen. Niemals wieder wollte ich einen Blick in die Zukunft riskieren. Es war besser nicht zu wissen, wohin das Schicksal einen führte. Oder doch?
Meine Traurigkeit versuchte ich zu verbergen, obwohl ich wusste, dass Anordil es spürte. Er kümmerte sich rührend um mich mit kleinen Aufmerksamkeiten und Ausflügen. Die Zeiten waren sicherer geworden. Es gab kaum mehr Orks und auch die Warge hatten sich zurück gezogen. Die trügerische Sicherheit des Friedens überzog Mittelerde. Sie hatte auch in Cillien Einzug gehalten. Sogar ich gab mich dieser Illusion hin, obwohl ich es eigentlich besser wissen sollte. Denn Frieden war eigentlich nie von Dauer. Obwohl Mittelerde die Ruhepause wirklich brauchte. Nach und nach erholte sich das Land und seine Bewohner. Von allen Ecken wurden uns gute Neuigkeiten zugetragen. Aus dem Auenland hörten wir von der Ernennung Samweis Gamdschies zum Bürgermeister. Meriadoc und Peregrin wurden auch allmählich sesshaft und es wurde gar gemunkelt, dass sich Peregrin bald binden würde.
Zwei Sonnenläufe nach dem Ringkrieg blühte das Auenland, in Rohan waren die Kriegsspuren beseitigt worden und aus Minas Tirith hörte man Gerüchte über Königin Arwens Schwangerschaft. Beinahe zeitgleich kam die Nachricht aus Hobbingen, dass Rosie Gamdschie ein süßes Mädchen geboren hatte, welches von den stolzen Eltern „Elanor" genannt wurde. Dazu erreichten uns die Nachrichten, dass Tjann ebenfalls erneut Vater geworden war. Alles in allem gab es reichlich Grund zur Freude. Eigentlich viel zu viel gute Neuigkeiten, die mich hätten misstrauisch machen sollen.
So sollte es mich auch nicht verwundern, als ich in einer lauen Sommernacht fünf Sonnenläufe nach dem Ringkrieg schweißgebadet hoch schreckte, weil mich das irre Kichern von Pater Jacobus aus dem Schlaf riss. Heftig atmend sprang ich auf und riss das Schwert von der Wand. Anordil war in einem Sekundenbruchteil an meiner Seite.
„Wo ist er?", keuchte ich fragend. Meine Augen irrten umher. „Wo ist wer?", fragte Anordil zurück. Er war nur einen Sekundenbruchteil nach mir aufgesprungen. Auch in seiner Hand glänzte ein Schwert. Er sah nach allen Seiten. Als er keinen Gegner wahrnehmen konnte, entspannte er sich.
„Pater Jacobus", erwiderte ich knapp, „derjenige, der uns in Rom gejagt hatte." Anordil sah mich kurz irritiert an. „Das war in deiner Welt", sagte er, „dieser Mann kann nicht hierher gelangen. Kein Weg führt mehr nach Mittelerde." „Bist du sicher?", fragte ich unruhig, „glaubst du wirklich, dass es kein Tor mehr gibt?"
„Du weißt, wie schwer wir es hatten, einen Torstein zu finden", warf er ein, „obwohl wir wussten, was wir suchten. – Glaubst du, dieser Pater Jacobus würde ein Tor finden, ohne zu wissen, was es ist?"
„Es müssen noch mehr von ihnen existieren", beharrte ich, „sonst könnten nicht so viele Menschen aus meiner Welt nach Mittelerde gelangen. Denke doch nur an den Professor." „Und wenn es auch ihn nur per Zufall hierher verschlagen hatte, so wie dich?", konterte Anordil mit einer Gegenfrage. Er ging zu dem kleinen Tischchen, auf dem wie üblich eine Karaffe mit Wein und zwei Kelche standen. Ohne Umschweife schenkte etwas Wein in einen der Kelche, den er mir dann reichte.
„Dein Professor hat nirgendwo in seinen Schriften erwähnt, wie er von Mittelerde erfahren hatte", sprach er weiter, „selbst wenn er einen Torstein genutzt hat, wird er das Wissen darum mit in sein Grab genommen haben." „Ich habe ein ungutes Gefühl", wisperte ich, „etwas geschieht dort drüben und ich weiß nicht was." Ich deutete hinaus in die Dunkelheit.
„Du hast Sorge um Fiona?", fragte Anordil mich leise. Ich nickte bestätigend. Wir hatten Fiona zwar gut geschult, aber ein unbedachter Moment konnte ihr durchaus gefährlich werden. „Fiona kann auf sich aufpassen", versuchte er mich zu beruhigen, „niemand weiß, dass sie deine Tochter ist. Und niemand wird eine Verbindung von ihr zu dir suchen."
Zweifelnd sah ich ihn an. „Ich bin mir da nicht so sicher", stieß ich hervor, „ich war lange genug drüben, um sie alle in Gefahr gebracht zu haben. Was ist, wenn dieser Mann die richtigen Schlüsse zieht?" „Sei beruhigt", sprach er energisch, „das Amulett, welches sie erhielt, würde uns warnen. Es funktioniert auch über die Grenzen hinweg." „Ich hoffe, du hast Recht", sagte ich und schmiegte mich an ihn. Seine Nähe wirkte beruhigend auf mich. Trotzdem fand ich keinen Schlaf mehr in dieser Nacht.
Auch in den nächsten Nächten fand ich keine wirkliche Ruhe. Anordil betrachtete dies mit zunehmender Besorgnis. „Nach dem Frühstück werden wir Celebnên aufsuchen", sagte er dann eines Morgens zu mir, „so geht es nicht mehr weiter. Vor Sorge bist du ganz blass." Ich blickte ihn überrascht an. Celebnên, der alte Magier bereitete zwar auch seinen Aufbruch vor, aber er hatte sich bisher immer noch nicht auf den Weg gemacht. Er war es auch gewesen, der vor etlichen Sonnenläufen mein magisches Potential ausgelotet hatte. Wenn jemand, außer Galadriel, dazu in der Lage sein sollte, mir zu helfen, dann er.
Mit gemischten Gefühlen ging ich gemeinsam mit Anordil den Weg zu Celebnêns Haus. Seit meinem ersten Besuch dort hatte sich nicht viel verändert. Einzig Grenden, seine menschliche Bedienstete, ging ihm nicht mehr zur Hand. Sie war während des Krieges verstorben. Silena, eine Tochter Nibenchugus, unserer Küchenmeisterin, wartete ihm jetzt auf. Sie war es auch, die uns begrüßte und in den Raum geleitete, wo ich damals beinahe mein Leben verloren hatte. Ein Kribbeln durchfuhr mich, als würde sich mein Körper daran erinnern.
Die unguten Stimmen in mir verdrängte ich, so gut es ging. Aus einer Seitentür trat Celebnên in den Raum. Die Sonnenläufe schienen spurlos an ihm vorbeigezogen zu sein. Nur an seinen Augen sah man die lange Lebensspanne, die er bereits hinter sich hatte.
„Ich heiße euch willkommen", sagte er mit immer noch erstaunlich junger Stimme, „lange habt ihr den Weg nicht mehr zu mir gefunden." „Es ist lange her, dass wir dich stören mussten, edler Celebnên", antwortete Anordil, „doch nun sind Dinge eingetreten, die uns keine Ruhe lassen." „Dir oder deiner Gemahlin?", folgerte Celebnên und betrachtete mich scharf, „in Arwen sehe ich Aufruhr, ihre Aura ist getrübt. – Setze dich dort hin, mein Kind."
Mit einer auffordernden Geste deutete er auf die Liege, die ich in ach so guter Erinnerung hatte. Wie in einem déja-vu gehorchte ich ihm und legte mich hin. „Schließe deine Augen", bat Celebnên. Ich spürte, wie Anordil sich neben mich setzte und meine Hände hielt. Eine beruhigende Geste.
Auf meinen Augen spürte ich den kühlen Druck runder Gegenstände. Celebnên murmelte vor sich hin. Ich erkannte die Worte und spürte ihre Wirkung. Aus einem unerklärlichen Reflex heraus wollte ich mich dagegen sträuben, doch ich vermochte es nicht.
Wie vor vielen Sonnenläufen auch, fühlte ich, wie ich leicht wurde und mich aus meinem Körper erhob. Anders als damals überraschte mich das nicht. Im Gegenteil. Ich hatte es aufgrund seiner Worte erwartet und folgte nun Celebnêns Anweisungen. Wie ein Geist huschte ich durch eine tiefe Schwärze, bis ich den Punkt erreicht hatte, an dem Raum und Zeit eins wurden. In der wirbelnden Schwärze suchte ich nach einem Anhaltspunkt.
„Sollen wir nach Lothlórien reisen? Willst du noch einmal einen Blick in Galadriels Spiegel werfen?" Anordils Stimme hallte in mir wieder. „Nein!" Meine heftige Antwort klang nun wie Hohn. Hätte ich doch lieber den Spiegel aufgesucht!
Etwas zog mich in diese Richtung. Nein! Ich stellte mich dagegen. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich nicht, denn ich kannte ihn. Du musst dich konzentrieren, ermahnte ich mich. Ich riss mich zusammen und versuchte meine Gedanken zu fokussieren.
„Närrin!", scholl es mir entgegen. „Niemand kann die Zukunft voraussehen!" Ich konnte die Stimme nicht einordnen, die durch mich hindurch dröhnte. Allerdings wurde es jetzt von dem hämischen Lachen von Pater Jacobus abgelöst. Es wurde immer gewaltiger, gleich einem Orkan. Warum nur war es mir verwehrt mir die Ohren zuzuhalten?
Wütend drehte ich mich um mich selber. Ich suchte einen Fixpunkt. Etwas, woran ich mich festhalten konnte. Ich musste mich auf Fiona konzentrieren! Mit Mühe erinnerte ich mich an ihr Antlitz, wie ich es von damals kannte. Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis ich einen Sog fühlte, der mich in eine Richtung zerrte. Schlagartig wurde es hell um mich. Gleißend hell und still, dass es beinahe schmerzte.
„Mum?", hörte ich Fionas fragende Stimme, „was wird morgen geschehen? Du hast mir nie etwas darüber erzählt." Ich sah Fiona in ihrem Spiegel. Hinter ihr tauchte das ernste Gesicht von Sinead auf. „Mein Liebes", klang ihre weiche Stimme, „du bist zwar schon volljährig laut Gesetz, aber wirklich erwachsen bist du erst nach dieser Zeremonie. Sie ist alt, sehr alt und jedes Mitglied unserer Familie muss sich ihr unterziehen, um die Kette nicht abreißen zu lassen. Morgen wirst du den Zwergenhort besuchen und dort drei Tropfen deines Blutes lassen. Damit gehörst du zum Kreis derjenigen, die diesen Ort betreten dürfen, ohne ihr Leben zu verlieren."
Ich sah, dass Fiona irritiert war. Es wunderte mich nicht, denn ich war es auch. „Aber im Zwergenhort war ich doch schon", warf sie ein. Sinead nickte. „Ja", sprach sie, „aber nur dort, wo du sein durftest. Morgen wirst du das Herz des Hortes sehen."
Das Herz des Hortes! Dort wo alles gelagert wurde. Nur wenige durften sich Hüter des Hortes nennen. Ich erinnerte mich, dass mir meine Mutter von dieser Zeremonie erzählt hatte. Doch da ich nie als Hüter des Hortes vorgesehen war, hatte es mich nicht gekümmert. Sollte Fiona in den Kreis aufgenommen werden? War das Patricks Plan sie zu schützen?
Wie im Zeitraffer raste Fionas Tag an mir vorbei. Die nächste Nacht brach herein. Es war Beltaine. Die Feuer brannten und die Leute feierten. Fiona ging mit Patrick. Beide waren in dunkle Umhänge gehüllt. Niemandem fiel auf, dass sie in der Dunkelheit verschwanden. Wirklich niemandem? Ich blickte mich um und sah einen Schatten, der hinter ihnen her schlich. Unwillkürlich schrie ich eine Warnung, doch sie verhallte im Nichts. Frustriert stellte ich fest, dass ich dazu verdammt war, alles nur zu beobachten.
Patrick brachte Fiona zu der Felsspalte, wo ich selber damals den Zwergenhort betreten hatte. Sie schlüpften hindurch. Die schwarze Gestalt schlich weiter hinter ihnen her. Sah ich zwischen den Felsen einen weiteren Schatten? Oder betrog mich jetzt meine Wahrnehmung? Ich war mir nicht sicher und ich konnte es nicht nachprüfen. Ich wurde in die Felsspalte hinein gesogen.
Die schwarze Gestalt folgte uns. Jedoch waren Fiona und Patrick so schnell, dass sie nicht hinterher kam. Sie verschwanden in einem der Gänge, bevor der Schatten den kleinen Raum betreten konnte. Ich warf einen Blick zurück. Hektisch sah die Gestalt sich um und da erkannte ich sie – Pater Jacobus. Mit einem irren Blick tastete er die Felswände ab. Dann hörte er ein Geräusch aus dem Gang, in welchem wir uns befanden. Sein triumphierendes Lächeln ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ahnungslos gingen Fiona und Patrick immer weiter in die Tiefe.
„Fiona!", schrie ich mir die Seele aus dem Leib, „pass auf!!" Aber wiederum verhallten meine Worte ungehört. Wütend schlug ich mit der Faust gegen die Felswand, nur um festzustellen, dass mein Hieb ins Nichts ging. Nicht einmal einen geringen Widerstand konnte ich spüren. Zornig zischte ich einen gälischen Fluch.
Dann wurde ich nach vorne gezogen, von dem siegessicher grinsenden Pater Jacobus fort. Mit einem harten Ruck stand ich plötzlich neben Fiona. An einem Ort, wo ich nie zuvor gewesen war. Staunend, wie Fiona selber, blickte ich mich um.
Wir standen in einer düsteren, riesig großen Halle tief unter der Erde. Tropfsteine hingen von der Decke und wuchsen aus dem Boden. Sie bildeten bizarre Muster. Seltsame Tiere schlichen herum. Der unterirdische See schien aus sich heraus zu leuchten und gab den Blick auf ebenfalls äußerst merkwürdige Felsformationen und Lebewesen frei. Am Ufer lag ein flacher schneeweißer Felsen, dessen Oberfläche blankpoliert war und wie ein Spiegel schimmerte. An seinen vier Ecken standen kleine Feuerbecken, welche nur ein spärliches Licht spendeten. Da dieses sich in den zahllosen Kristallen tausendfach spiegelte, reichte es aus, um die Halle zu erleuchten.
„Tritt näher, Fiona", forderte Patrick sie in Jerne auf, „dies ist deine Bestimmung und dein Erbe." Fiona kam an den Felsen heran. In ihrem frostweißen Kleid erinnerte sie mich an eine Schneeprinzessin. Ihre langen Haare flossen bis zu den Hüften, nur gehalten von einem schneeweißen Band. Einzig ihr Schwert trug sie an der Seite gegürtet. Um ihren Hals lag die Kette mit dem Amulett, welches sie von Anordil erhalten hatte.
„Berühre den Stein", wies Patrick sie an. Sie tat, was er sagte. Kleine Funken stieben zwischen ihren Fingerspitzen und der blanken Oberfläche. „Sprich nach", befahl Patrick ihr und fuhr auf Jerne fort, „ich, Fiona Mairie Gilraen McGregor, Tochter von Arwen Ceridwen McGregor, Erbin der Priesterinnen der Großen Mutter, Blut vom Blute der Tuatha de Danaan, Letztgeborene der Hüter des Hortes, fordere meinen rechtmäßigen Platz und Besitz."
Fiona stand da, wie angewurzelt. Sie sah Patrick verständnislos an. „Aber ...?", wollte sie protestieren, doch Patrick schüttelte energisch den Kopf. „Tu es", zischte er hart und reichte ihr einen schlichten Dolch. „Mit meinem Blute beweise ich meine Herkunft", schloss Patrick die Worte.
Fiona schluckte hart, dann sprach sie zögernd die Worte nach. Am Ende stach sie sich in den Finger und ließ Blut auf den weißen Felsen tropfen.
Ich hielt den Atem an, als ich sah, wie das Blut gänzlich im Felsen verschwand und dieser einer flirrenden Türe wich. „Der Hort erkennt dich an", sagte Patrick zufrieden, „komme mit. Ich hole das Kästchen deiner Mutter. Dann wirst du verstehen." Ohne zu zögern durchschritt er das flirrende Tor. Wie in Trance ging Fiona hinter ihm her. Der dahinter liegende Raum war verhältnismäßig klein. Die Wände bestanden aus Granit, der mit flirrenden Steinen durchzogen war.
„Warte hier", wies Patrick sie an und verschwand in den Felsen, als wären sie nicht da. Nur wenig später erschien er mit einer mir sehr bekannten Schatulle. Fiona hatte sich in der Zwischenzeit nicht gerührt. Immer wieder blickte sie verständnislos auf das Tor und auf ihre Hand, wo sich der Schnitt mittlerweile, wie durch Zauberhand geschlossen hatte.
„Ich verstehe nichts mehr", hauchte sie, als Patrick ihr die Schatulle gab. „Du wirst verstehen, wenn du das hier gelesen hast", sagte er weich, „ich lasse dich jetzt ein bisschen allein. Im Hort muss ich noch etwas erledigen. Wenn ich wiederkomme, dann werden wir zurück zum Fest gehen." Vor dem Felsen blieb er kurz stehen. Er drehte sich um. „Möchtest du hier bleiben, oder vor dem Tor warten?", fragte er sie. „Ich würde mich lieber an den See setzen", sagte Fiona ausweichend. Offenbar war ihr das Tor nicht ganz geheuer. Verständnisvoll nickte Patrick und ließ sie durch das Tor treten. Er wartete noch einige Sekunden, bis Fiona sich an das Ufer gesetzt hatte. Prüfend blickte er durch die Halle. Als er nichts verdächtiges sah, wandte er sich dem Tor zu.
Ich hob an, um erneut eine Warnung zu rufen, aber ich ließ es dann bleiben. Es nützte nichts, wenn ich meinen Atem verschwendete, da meine Worte eh nicht ankamen.
Hinter Patrick verlosch das Flimmern. Zurück blieb der blanke Stein. Mechanisch strich Fiona über das alte Holz der Schatulle. Zögernd brach sie das Siegel und öffnete den Deckel. Zahlreiche Papiere und Briefe lagen darin. Ich schwebte näher und versuchte sie zu berühren. Ihr ein Zeichen zu geben, dass sie in Gefahr war, doch nichts tat sich.
Sie nahm den ersten der Briefe heraus und begann zu lesen. An ihrem bleichen Gesicht konnte ich erkennen, dass für sie gerade eine Welt zusammenstürzte. Nach und nach las sie sich durch die Briefe durch. Immer mehr kam die Unfassbarkeit dessen zum Vorschein, was sie dort las. Dann endlich hielt sie die Pergamentrolle in der Hand.
Fasziniert drehte sie diese in den Händen, dann versuchte sie die Rolle zu öffnen. Aber hinter ihr wuchs ein Schatten an der Wand. Die Feuerbecken erleuchteten Pater Jacobus Antlitz. Die tanzenden Flammen verzerrten sein Gesicht zu einer Teufelsmaske. Mit einem lauten Triumphschrei riss er Fiona die Rolle aus der Hand. Entsetzt wollte ich eingreifen, doch meine Hand fuhr hindurch. Fiona sprang auf und hatte ihr Schwert in der Hand.
„Hattest du geglaubt, du könntest deiner Bestimmung entgehen?", hörte ich Pater Jacobus sarkastisch fragen. In seiner anderen Hand blitzte eine Pistole. Ich spürte Fionas heftigen Atem und hörte ihren rasenden Herzschlag. Ich drehte mich um meine Achse. Wie konnte ich ihr helfen? Dann hörte ich den überlauten Knall der Pistole. Im selben Moment riss mich der Sog weg aus der Halle. „Fiona!!", brüllte ich panisch.
Dann schwebte ich wieder an dem Punkt zwischen Raum und Zeit. Nichts existierte hier. Nur ewige Ruhe. Ich hörte nur einen Herzschlag, der erst hektisch schlug, aber allmählich langsamer wurde. War es meiner? War es Fionas? Ich vermochte es nicht zu sagen. Schließlich verhallte er in der Ewigkeit.
Ich schwebte dort und versuchte zu verarbeiten, was ich gesehen hatte. War es Traum? War es Wirklichkeit? Würde es erst passieren? War es schon geschehen? In diesem Moment wünschte ich mir wirklich, ich hätte lieber in den Spiegel der Galadriel geschaut.
„Tolo dan nan galad." Anordils Stimme klang ganz leise zu mir. „Nimm den Anker, nin anor. Suche das Licht." Mit unmenschlicher Disziplin drängte ich meine Trauer zurück, denn ich war mir sicher, dass Fiona tot war, denn auch beim letzten Mal hatte ich nur vergangene Ereignisse gesehen. Müde schaute ich mich nach dem Funken um, der mich zurückbringen sollte. Endlich hatte ich ein Flackern gefunden. Mit unendlicher Wut drängte ich in meinen Körper.
„Sie ist tot!", brach es aus mir heraus, als ich tränenüberströmt hochfuhr, „Fiona ist tot! Jacobus hat sie getötet!" Anordil sah mich schweigend an. In seinen Augen las ich tiefe Bestürzung.
„Nein, hat er nicht", hörte ich Celebnên trocken sagen. Gelassen gab er Anordil einen Wink. Dieser hob mich hoch und trug mich in einen Nebenraum, wo bereits Kelche mit stark gewürztem Wein standen. Ich leerte meinen in einem Zug, weil ich unendlichen Durst hatte. Celebnên war uns gefolgt. Sofort spürte ich die Wirkung. Meine Gliedmaßen, die vorher taub von der Anstrengung waren, begannen zu kribbeln, als wenn Feuer durch sie hindurch fließen würde.
„Du hast viel gesehen, aber nichts davon ist bisher geschehen", sagte Celebnên. „Ich sah sie dort sterben!", entfuhr es mir zornig. „Hast du das wirklich gesehen, meine Tochter?", fragte er leise, „auch ich war da. Ich folgte dir durch Raum und Zeit. – Was du dort gesehen hast, ist eine Möglichkeit von vielen."
Seine Worte verunsicherten mich. Und, ja, ich hatte es nicht gesehen. Ich hörte nur den Knall der Pistole. Ob die Kugel Fiona getroffen hatte, konnte ich nicht sagen. Trotzdem war ich davon überzeugt. Nicht einmal Anordils Schnelligkeit hätte das Geschoss ablenken können.
„Eine Möglichkeit von vielen", murmelte ich unsicher und fragte, „wie Galadriels Spiegel?" Er nickte. „Anordil kann es dir bestätigen", sagte er, „der Spiegel Galadriels ist eine einfacherer Möglichkeit – und auch schneller, weniger kräftezehrend, als das, was ich hier getan habe, aber das Ergebnis ist ähnlich."
„So ist noch nichts davon geschehen?", fragte ich erleichtert und fuhr verwirrt fort, „aber beim letzten Mal hat es mir auch nur die Vergangenheit gezeigt."„Damals warst du nicht bereit dazu", erwiderte Celebnên. Er drehte sich zum Fenster und strich über eine der Efeuranken. „Ich kann dir nicht sagen, ob diese Zukunft wahr werden wird", ergänzte er seufzend, „ – nur eines weiß ich mit Sicherheit – deine Tochter lebt noch. Es ist deutlich zu spüren. Auch du solltest es fühlen können." Ich zwang mich zur Ruhe und versuchte, was er von mir verlangte. Nach einigem Suchen fand ich auch den kleinen Funken, der Fionas Leben darstellte. Er war noch da. Sollte ich darüber beruhigt sein?
„Egal, wie", sagte ich energisch, „wir müssen einen Weg finden. Wenn Pater Jacobus das Pergament in Händen hält, dann ist nichts mehr sicher." Bittend sah ich Anordil an. „Es wird äußerst schwierig", warf Anordil ein, „wir haben keinen Torstein mehr. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, wäre den Ort aufzusuchen, an dem ich dich fand. Vielleicht ist deine Große Mutter oder Belenus gewillt, dir eine weitere Gunst zu gewähren." „Seid auf der Hut", mahnte Celebnên, „eure Pfade werden nicht dort hinführen, wohin ihr sie zu lenken sucht." „Wir müssen es versuchen", bekräftigte ich. Damit war es beschlossen.
Am nächsten Tag brachen wir auf. Damit die Reise schneller voran ging, nahmen wir die Pferde. Getrieben von innerer Unruhe jagten wir dem Ered-Luin-Gebirge entgegen. Weil wir nicht mehr unbedingt auf verborgenen Wegen reisen mussten, kamen wir rasch voran. Wir hielten nur an, um den Pferden eine Pause zu gönnen und um selber etwas zu essen. Das Auenland durchquerten wir sogar ohne größeren Halt. Wir wollten uns nicht mit Besuchen aufhalten, obwohl das Wiedersehen mit alten Freunden bestimmt schön gewesen wäre. Wir hoben es uns auf für den Rückweg.
Trotz der Eile dauerte es mehrere Wochen, bis wir das Ered-Luin-Gebirge sahen. Als der Herbst begann, näherten wir uns dem Ort, wo ich vor etlichen Sonnenläufen Mittelerde betreten hatte. Seltsam war mir zumute. Das Laub der Bäume färbte sich bereits in allen Tönen von Braun, Rot und Gold. Die einzelnen immergrünen Bäume dazwischen bildeten schöne sattgrüne Farbtupfer. Auf der Lichtung gab es keine Veränderung. Alles war so, wie wir es bei unserem letzten Besuch verlassen hatten. Der Krieg hatte dieses Fleckchen Erde nicht berührt.
„Ich sammle Holz", murmelte ich knapp, nach dem wir abgestiegen waren. „Ich helfe dir", antwortete Anordil. Als wir genügend Holz beisammen hatten, begann ich damit es vor dem Baum aufzuschichten. „Lasse dir damit noch Zeit", unterbrach Anordil meine Tätigkeit, „die Tagundnachtgleiche ist erst übermorgen. Spürst du nicht, wie das magische Potential noch steigt?"
In meiner Hast hatte ich es nicht bemerkt. Aufseufzend ließ ich das Holz liegen und schichtete mit Anordil ein kleines Feuer am Rand der Lichtung auf. Hier wollten wir unser Lager aufschlagen. Die Pferde grasten derweil friedlich zwischen den Bäumen. Dann begann ich damit die Ente zu rupfen, die wir am frühen Mittag geschossen hatten. Zusammen mit einem Stück Lembas sollte sie unser Abendmahl sein.
In dieser Nacht schlief ich unruhig. Anordil wachte über mich. Ab und an strich er über mein Haar, um mich mit seiner Nähe zu beruhigen. Aber ich konnte keine wirkliche Ruhe finden. Die nächsten beiden Tage schlich ich um den Baum herum, wie eine eingesperrter Tiger. Mir rann die Zeit zwischen den Händen hindurch und ich konnte nichts tun außer Warten.
Dann endlich brach die Nacht der Herbsttagundnachtgleiche herein. Ungeduldig wartete ich bis Mitternacht. Selbst Anordils Nähe konnte mich nicht beruhigen. Energisch setzte ich das Feuer in Brand. Mit routinierten Griffen brachte ich das Opfer aus Honig, einem frisch gejagten Kaninchen und Roggenähren dar.
„Ich rufe die Große Mutter Brigid und Belenus, den Herrn der Sonne", sagte ich mit lauter Stimme, „ich rufe Lugh, den Herrn des Krieges. – Hört mich an! – Hört meine Bitte!" Doch nichts rührte sich. Entschlossen nahm ich meinen Dolch und schnitt mir in den Finger. Konzentriert ließ ich das Blut in die Flammen tropfen. „Brigid, Belenus, Lugh", rief ich und versuchte meine magische Kraft zu bündeln, „hört mich an!"
Aber wiederum gab es keine Antwort. Nicht einmal ein sanfter Windhauch in den Wipfeln. Schließlich nahm ich das Amulett von Belenus, welches ich um den Hals trug und warf es in das Feuer. Ein letzter Versuch eine Antwort zu bekommen. „Belenus, Herr der Sonne", rief ich befehlend, „höre mein Flehen! Einst sagtest du, ich solle dich rufen, wenn es nötig wäre. Jetzt benötige ich deine Hilfe!"
Sekunden vergingen. Schon wollte ich mich enttäuscht zu Anordil wenden, als das Amulett schier explodierte. Ein gleißender Lichtstrahl fuhr in den Himmel. Geblendet schloss ich die Augen.
„Was ist so wichtig, dass du mich rufst?", grollte es mir entgegen. „Ich grüße Euch, Belenus, Herr des Lebens", sagte ich erleichtert, „nimm mein Opfer an und gewähre mir eine Gunst."
„Was könnte ich dir noch gewähren, meine Tochter?", hörte ich ihn belustigt sagen, „du hast schon alles bekommen, was ich dir gewähren kann." Hoffnungsvoll hob ich den Kopf. Das Licht blendete immer noch, doch ich konnte schemenhaft ein Gesicht erkennen. „Gewähre mir noch einmal die Gunst, in meine Welt zurückzukehren", bat ich, „Blut von meinem Blute ist in Gefahr."
Das Licht wurde weicher. „Es ist nicht dein Schicksal sich um sie zu kümmern", hörte ich die niederschmetternde Antwort, „dein Weg und ihrer werden sich nicht mehr kreuzen. Für dich wird es keine Möglichkeit geben, die Welten zu wechseln. Dein Werk ist erfüllt."
„Dann lasst mich gehen, Herr", unterbrach ihn Anordil, „meine Kraft reicht aus, um einen weiteren Wechsel zu ertragen." „Es ist nicht deine Aufgabe, Kind der Sterne", konterte Belenus hart, „wir dulden kein weiteres Eingreifen in das Schicksalsrad. Es wird geschehen, was geschehen soll und muss."
Mit einem Blitz verlosch das Feuer. Zurück blieb nur glimmende Asche. Wut stieg in mir hoch. Ohne darauf zu achten, dass ich mir die Hände verbrannte, wühlte ich in der heißen Glut. „Nein, nein!", stieß ich verzweifelt hervor, „das könnt ihr mir nicht antun!!" Ich schlug mit den Händen gegen die Baumrinde. Funken stoben. „Nein!", kreischte ich, „ihr habt mir immer geholfen! Helft mir auch jetzt!" Doch niemand antwortete mir. Stille umgab uns. Anordil kniete sich neben mich und legte seinen Arm tröstend um meine Schulter. Unwirsch schüttelte ich ihn ab.
„Sie müssen mir einen Weg weisen", zischte ich hart. Dann nahm ich all meine Kraft zusammen. Mit einer Vehemenz und Entschlossenheit stieß ich die Worte eines Spruches hervor, den nicht einmal Anordil gewagt hätte. Mein Spruch schlug in den Baum ein. Aber statt der erwarteten Reaktion explodierte dieser mit einer Wucht, dass uns die Holzsplitter um die Ohren pfiffen. Ich spürte, dass ich von ein paar gestreift wurde, die restlichen verglühten durch einen raschen Spruch Anordils.
Minuten verstrichen, in denen Holz, Astwerk und Blätter zu Boden regnete. Entgeistert starrte ich auf die glimmenden Überreste des Baumes. Ich hatte das Tor zerstört! Von oben hörte ich Windrauschen und dann eine weiche, weibliche Stimme. „Das einzige Zugeständnis ist dieses", wisperte es in den Blättern der umliegenden Bäume, „und mein Wort, dass Fiona am Leben bleibt. Genieße denn nun die Zeit, die dir noch gegeben."
Aus dem Nachthimmel über uns fiel etwas herunter. Anordil fing es sicher auf. Als er mir den Gegenstand reichte, setzte mein Herz eine Sekunde aus. Es war die Pergamentrolle, hinter welcher Pater Jacobus so vehement her war. Jene Rolle, die so vielen bereits das Leben gekostet hatte. An der Hülle klebten Blutspritzer.
„Danke, Große Mutter", flüsterte ich heiser mit Tränen in den Augen. Dann war der Spuk vorbei. Kraftlos nahm ich die Rolle aus Anordils Hand und ging zu unserem Lager am Rande der Lichtung. Erschöpft sank ich zu Boden. Ich fühlte nicht einmal mehr, wie Anordil meinen Umhang über mich breitete. Auch das Aufflackern unseres kleinen Feuers bemerkte ich nicht, wohl die Wärme, die davon ausging. Anordil setzte sich neben mich. Seine Hand ruhte auf meinem Haar. Seine Nähe wirkte beruhigend auf mich. Mit der Rolle fest in der Hand versuchte ich Fionas Lebensfunken zu finden, aber es gelang mir nicht. Die Verbindung war durchtrennt. Sanft wischte Anordil mir die Tränen von der Wange, die lautlos aus meinen Augen rannen.
Am nächsten Morgen konnten wir das ganze Ausmaß der Zerstörung erkennen, die ich angerichtet hatte. Von dem alten ehrwürdigen Baum war gerade mal ein schwarzer Stumpf übrig geblieben. Astwerk lag überall verstreut und Holzsplitter waren bis in das Laub der Bäume auf der gegenüberliegenden Seite geflogen. „Lass uns heimkehren", sagte Anordil leise, als er das Feuer löschte, „es gibt nichts mehr, was wir tun könnten."
„Es muss doch noch andere Tore geben", stieß ich entschlossen hervor, denn in der Nacht hatte ich darüber nachgedacht, wie die übrigen Menschen hier her gekommen sein mochten. Anordil lächelte milde. „Und was willst du tun?", fragte er sanft, als er erkannte was in mir brannte, „jedes dieser möglichen Tore aufsuchen? Willst du auch diese zerstören?" Trotzig sah ich ihn an. „Wenn ich hartnäckig genug bin, werden die Götter mich vielleicht erhören", knurrte ich widerspenstig.
„Deine Götter haben dir unmissverständlich mitgeteilt, dass sie dir keinen Weg öffnen werden", entgegnete er ruhig, „auch wenn du vor jedem möglichen Tor Mittelerdes stehst und deine Forderung stellst, werden sie dich nicht erhören. – Sei damit zufrieden, dass Fiona lebt. Wir können nichts mehr tun! Oder spürst du noch eine Verbindung zu deiner Welt?"
Ich starrte auf die Rolle in meinen Händen. Die Blutflecken waren getrocknet und bildeten ein bizarres Muster. Wessen Blut mochte das wohl sein? Noch einmal versuchte ich den Lebensfunken Fionas zu spüren, doch ich fühlte nichts als Leere.
„Ich weiß nicht, wie es bei euch Elben ist", sagte ich heiser, „doch bei uns Menschen ist das einzige, was uns mit der Ewigkeit verbindet unsere Kinder. Durch sie leben wir weiter. Hast du jemals diese Schwärze gespürt, wenn da nichts mehr ist, außer dem eigenen Tod? Wenn du nichts mehr hast, was dein Leben weiterführt?"
Mitfühlend nahm er mich in den Arm. „Für uns Elben gibt es diese Überlegungen nicht", gestand er leise, „unser Leben währt ewig, ob wir sterben oder nicht. Sterben wir, kehren wir in die Hallen der Erwartung ein, bis wir erneut ein Leben erhalten. Leben wir, so segeln wir irgendwann nach Valinor, um fern der Menschen zu verweilen oder leben dieses Leben, bis wir erneut in die Hallen der Erwartung eintreten. Zeitalter mögen kommen und gehen, aber an uns geht die Zeit vorbei. Meinst du nicht, dass wir dessen auch überdrüssig werden können?"
Resignierend schmiegte ich mich an ihn. Es tat so gut, ihn zu fühlen. „Liebe mich", flüsterte ich ihm ins Ohr. Wortlos kam er meiner Aufforderung nach. In der Kühle des Herbsttages legte er mich auf das Grasbett, welches unser Lager war. Wir liebten uns mit einer Intensität und Kraft, wie lange nicht mehr. Als ich auf dem Höhepunkt all meinen Schmerz und meine Lust hinausschrie, da fühlte ich meine Verbundenheit mit ihm.
Egal, was noch geschah, ich war in ihm geborgen. Diese Erkenntnis gab mir die Kraft wieder mein Leben aufzunehmen. Erst gegen Mittag waren wir Reisebereit. Aber bevor wir aufbrechen konnten, hatten wir ein kleineres Problem. Die Pferde waren durch den nächtlichen Aufruhr, den ich veranstaltet hatte, geflohen. Es dauerte zwei Tage, bis wir sie eingefangen hatten. Danach mussten wir uns beeilen, wenn wir vor Beginn des Winters in Cillien sein wollen. Wir ritten Richtung Süden, immer am Fuß des Ered-Luin-Gebirges entlang. Erst als wir den Adurant überquert hatten, wandten wir uns nach Osten.
Wenige Tage später sahen wir die Grauen Anfurten in der Mittagssonne liegen. Der Anblick war noch prächtiger, als vor einigen Sonnenläufen, denn diesmal lagen gleich vier Weiße Schiffe im Hafen. Als wir die Stadt betraten war es sehr voll. In den Gassen herrschte arges Gedränge. Trotzdem gelangten wir an unser Ziel. Anordil lenkte sein Pferd zu den Toren eines kleinen Anwesens mitten in der Stadt. Gelassen folgte ich ihm. Wir hatten kaum das Tor erreicht, als es schon vor uns aufschwang.
Uns kam ein Elb entgegen in einem einfachen sandfarbenen Gewand. Seine goldfarbenen Haare trug er offen, nur mit einem einfachen Reif aus dunklem Metall gebändigt. Er lächelte freudig, als er Anordil erkannt. „Freund Anordil, sei willkommen", grüßte er ihn, „und dies ist deine Gemahlin? Auch sie sei herzlich willkommen."
Ich betrachtete Glorfindel neugierig. Schließlich hatte man nicht jeden Tag die Gelegenheit den Balrogtöter kennenzulernen. Außerdem hatte ich irgendwo in Erinnerung, dass er wohl auch der Onkel Anordils sei. Er kam mir aber eher wie ein großer Bruder, als eines alten Onkels vor.
Glorfindels grüne Augen blitzten fröhlich und er wirkte sehr gelassen. „Auch ich grüße dich, Freund Glorfindel", sagte Anordil, „wir hatten eine lange Reise." „Jeder hat heutzutage eine lange Reise", seufzte Glorfindel und verdrehte leicht die Augen, „aber kommt erst einmal herein. Stärkt euch und ruht euch aus." Auf seinen Wink hin kamen mehrere Bedienstete, die sich augenblicklich um unsere Pferde kümmerten. Wir folgten Glorfindel durch mehrere luftige Gänge zu einem großzügig bemessenen Raum, der mit einer wirklich gemütlichen Sitzecke ausgestattet war. Auf dem Tisch davor stand eine Obstschale mit reichlich frischem Obst. An den Wänden allerdings hing eine beachtliche Waffensammlung. Eindeutig die Wohnstatt eines Kriegers.
„Ich hatte nicht gedacht, dass ich mit dir zusammen abreisen würde", sagte Glorfindel leichthin, als er sich setzte, „bisher hattest du keine Ambitionen in den Westen zu segeln." Anordil lächelte. „Die habe ich auch jetzt nicht", erwiderte er, „wir wollen nur Zwischenstation machen, bevor wir weiter nach Cillien reisen." Glorfindel zog eine Augenbraue hoch. „Das kann doch nicht alleine der Grund für deinen Besuch in den überfüllten Anfurten sein?"
Anordil lehnte sich zurück und kaute genüsslich eine Traube, bevor er antwortete. „Wir haben etwas bei uns, was wir sicher verwahrt wissen wollen", gab er zu. Glorfindel nickte verstehend. „Hier in Mithlond oder in Valinor?", fragte er ohne Umschweife. „Valinor", antwortete Anordil, „keines Menschen Auge darf je wieder dieses Pergament erblicken." Damit überreichte er ihm die Rolle. Glorfindel nahm sie entgegen und wog sie in der Hand. Neugierig musterte er das Leder, in dem es eingeschlagen war.
„Das ist nicht von hier", stellte er fest. „Nein, es ist nicht aus Mithlond", sagte ich. Unwirsch schüttelte er den Kopf. „Das meinte ich nicht", sagte er belustigt, „ich meinte, dass es nicht aus Mittelerde ist." „Das ist richtig", bestätigte Anordil. „Das wird Erestor sicherlich freuen", sagte Glorfindel lächelnd. Er wog die Rolle in der Hand. Dann wandte er sich nachdenklich an Anordil. „Haben wir mit Besuch zu rechnen?", fragte Glorfindel, während er bedeutsam zu den Schwertern an der Wand deutete. Anordil schüttelte den Kopf.
„Das Tor ist verschlossen", antwortete er. „Gut", schnurrte Glorfindel zufrieden, „ich werde es mitnehmen und sicher verwahren. Keines Menschen Blick wird sich je wieder darauf richten, dass schwöre ich bei den Valar."
Erleichtert atmete ich auf. So war ich zumindest sicher, dass es nie mehr in die falschen Hände geraten würde. Wer wusste schon, was die Zukunft noch alles bringen konnte?
Wir blieben drei Tage in Mithlond, dann brachen wir wieder auf. Eine Fähre brachte uns ans andere Ufer. Wie auf dem Hinweg trieben wir auch jetzt die Pferde an. Das Auenland konnten wir auch im kommenden Frühjahr besuchen. Auch die Blauen Berge mochten warten.
Noch vor dem ersten Schneefall waren wir in Cillien.
To be continued ...
