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Kapitel 48

LEKTION 25

Wenn du erwachsen wirst

oder

Ruhm vs. Rum

Allmählich war die Sonne höher gestiegen. Helle Strahlen brachen sich in den Fensterscheiben der Häuser, tauchten die Hafenstadt in unwirkliches Licht. Rauchschwaden, die aus dem Schornstein des Faithful Bridekamen, verwehten im Wind und mischten sich mit der feuchten Morgenluft.

Aber nicht nur die Sonnenstrahlen durchbrachen in regelmäßigen Abständen die dünnen Reste des Morgennebels. Nicht weit vom Gasthof entfernt, am kleinen Fischteich, wurde das Aufblitzen des Wasserspiegels von zwei Schwertern unterstützt.

Sirrend und zischend zerteilten die Stahlklingen die Luft, um jeden Moment wieder klirrend aufeinander zu prallen. Der jüngere der beiden Piraten hatte soeben abgewehrt. Doch jetzt hatte der Bursche - er mochte etwa zwölf Jahre zählen - sichtlich Probleme, sich gegen den Kapitän zu behaupten, der ihn an den äußersten Rand des Teichufers getrieben hatte.

Auch, als Jack strauchelte, ließ Teague nicht locker. Ganz im Gegenteil, packte er die Gelegenheit beim Schopf und zwang seinen Sohn auf den Balken, den sie wie eine Brücke über den Teich gelegt hatten.

Unsicher balancierte Jack rückwärts, schlug erneut Captain Teagues Klinge aus seinem Sichtfeld. Die dunklen Augen des Knaben zuckten nach unten. In derselben Sekunde, als er die Orientierung wieder hatte, schlug sein Vater ihm die Waffe aus der Hand.

In hohem Bogen flog das Schwert davon. Jacks Blick jedoch galt nur dem Stahl, der erneut vor ihm aufblitzte. Noch während das Schwert ein paar Meter weiter scheppernd zu Boden krachte, zog der Junge in einer gekonnten Bewegung zwei Entermesser aus seinem Gürtel. Teagues Hieb sauste auf ihn nieder - und Jack blockte ihn mit gekreuzten Klingen ab.

Sein Vater zog die Schneide zurück, betrachtete interessiert die Abwehrhaltung des Knaben.

"Seit wann kannst du den 'Jolly Roger'?"

"Seitdem Con ihn mir beigebracht hat!" Keuchend ließ Jack die Messer sinken. Seine Beine zitterten vor Angstrengung, auf dem schmalen Balken das Gleichgewicht zu halten.

"Synchronkämpfen, mhm? Gute Taktik", stellte Teague mit einem anerkennenden Nicken fest. "Deine Reaktionsfähigkeit wird immer besser. Guter Kampf, Bursche!"

Jack grinste freudig, als er dem Captain zurück ins Gasthaus folgte.

"Soll das heißen, daß ich dieses Mal mit darf?" Mit schiefgelegtem Kopf sah er den Captain an.

"Das soll heißen, daß du besser wirst, aber NOCH besser werden kannst ..."

Schmollend blieb Jack auf der Schwelle zum Schankraum stehen. "Wie soll ich noch besser werden, wenn du mir nicht die Chance gibst, das einzusetzen, was ich schon kann?!"

"Vielleicht, indem du dich noch ein bißchen in Geduld übst?" Teague klang genervt, konnte sich jedoch ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. "Nächstes Jahr nehm ich dich mit, aye?"

"Ich will aber nicht so lange warten!" brauste Jack auf. "Es ist doch nur wichtig, was ein Mann kann und was er nicht kann! Und du hast noch nicht mal gesehen, was ICH alles kann: Seemansknoten, Boote und Fracht vertäuen, Fische fangen und ausnehmen, Deck schrubben, die Takelage reparieren, nach den Sternen navigieren -"

Falsch, Bursche", unterbrach sein Vater ihn schroff. "Hier geht es darum, was ein Mann kann, und was ein Kindnicht kann! Nämlich mit möglichst wenig Hilfe auch bei schwerer See an Deck zurechtkommen!"

Aber Captain Gonzales hat -"

Auf der Hangdog bin ICH Captain, und ich sage, daß du NICHT mitkommst, bevor du alt genug bist, das Schiff ohne Hilfe bereit zum Ablegen zu machen und zu manövrieren!"

"Aber -"

"Jack!"

Störrisch verschränkte er die Arme, funkelte Teague erbost an - wagte aber nicht mehr, ihm zu widersprechen. Jack wußte, daß der Captain sich nur Sorgen um ihn machte. Auch war ihm klar, daß Teague sich viel zu viele Sorgen machte! Aber dem alten Seebären dies erklären zu wollen, war in etwa genauso effektiv, wie dem Bilgewasser zu befehlen, auf der Stelle auszutrocknen.

Schließlich wandte der Junge sich fluchend um, knallte die Tür des Gasthauses mit aller Kraft hinter sich zu und stapfte hinunter in Richtung Hafen.

Als ob er ein kleines Kind wäre! Sogar Captain Crow hatte ihm mehr zugetraut, als Teague es tat. Und obwohl sein Gewissen ihm sagte, daß dieser Vergleich ungerecht war, wurde Jack immer wütender auf seinen Pflegevater.

Immerhin war er längst über das Alter hinaus, in dem er noch mit harmlosen Stöcken gefochten hatte! Genau genommen war er mittlerweile ein Meister im Stockkampf geworden, seine Geschwindigkeit und Schlagtechniken genauso gut wie die von Teague - wenn man von ihrer unterschiedlichen Körpergröße absah. Auch, wenn er erst vor ein paar Monaten angefangen hatte, die Schwertführung zu lernen, war er dennoch überzeugt davon, daß Teague ihn gewaltig unterschätzte!

Ärgerlich trat er einen Stein weg, der vor seinen Füßen lag. Der Stein flog ein Stück durch die Luft, rollte hüpfend ein paar Meter durch den Matsch, bis er vor einem Kind liegen blieb, das dort zwischen den Kisten mit Stöcken und Holzscheiten spielte. Mit großen Schritten trat Jack auf das kleine Mädchen zu und baute sich vor ihm auf.

"Du stehst mir im Weg, Mädel!"

Verwundert sah sie auf, rührte sich nicht von der Stelle.

Jack räusperte sich ungeduldig.

Die Kleine zog die Augenbrauen hoch, so daß sie fast unter ihren schwarzen Locken verschwanden.

Jack räusperte sich abermals.

"Was willst du denn bitte?" wollte das Mädchen wissen.

"Ich sagte: Du stehst mir im Weg, Mädel!" wiederholte Jack nachdrücklich. "Also. Geh. Zur. Seite!" Jedes Wort einzeln unterstreichend, deutete er mit dem Zeigefinger auf das jüngere Kind.

Die Kleine betrachtete für einen Moment den Finger unter ihrer Nasenspitze. Im nächsten Moment spürte Jack einen rasenden Schmerz, der durch sein Schienbein zuckte: Sie hatte ihn tatsächlich getreten!

"Geh doch außen rum, du Großmaul!"

Jack unterdrückte einen erneuten Schwall Schimpfwörter zusammen mit dem Reflex, auf einem Bein herumzuhüpfen. Stattdessen richtete er sich so hoch auf wie er konnte und schaute drohend auf das Mädchen herab.

"Du solltest dich jetzt besser ganz schnell entschuldigen oder das Weite suchen! Ich bin nämlich ein Pirat, und mein Dad ist ein berühmter Piratenkapitän! Der Hüter des Kodex! Klar soweit?"

"Und MEIN Dad ist Leftenant bei der Royal Navy und drinnen im Gasthaus", vollkommen unbeeindruckt von seinen Worten, deutete sie auf eine Tür, die nur wenige Schritte entfernt war. "Und so wie ich ihn kenn' is' er total besoffen und streitsüchtig. Also komm besser zur Sache, Piratenjunge, oder komm zurück, wenn du erwachsen bist!"

Sprachlos starrte Jack das Mädchen an. Nicht nur ihrer Hautfarbe, auch ihrem Temperament nach erinnerte sie ihn irgendwie an eine Miniaturausgabe von Maggie.

"Wie heißt du?" fragte er sie verblüfft.

"Anamaria", fast schon schnippisch warf sie den Kopf in den Nacken, so daß ihre langen Haare erst recht durcheinanderflogen. Jack hatte eine vage Ahnung, daß sie diese Geste vielleicht von ihrer Mutter abgeguckt hatte, wenn diese sauer auf ihren Vater war.

"Jack Sparrow", stellte er sich vor, tippte automatisch höflich gegen seinen Hut. "Und ich komm zurück - wenn DU erwachsen bist! Dann bin ich nämlich Captain! Wenn du willst, kannst du in meiner Crew anheuern, aye?"

Wieder das spöttische Zucken ihrer Augenbrauen.

"Und bis dahin solltest du besser aufhören, ehrenvollen Piraten gegen ihre Schienbeine zu treten, Anamaria." Mit diesen Worten lüftete er grüßend seinen Dreispitz und marschierte an ihr vorbei. Er hatte bereits die Türklinke in der Hand, als sie ihm hinterherrief.

"Und du solltest aufhören, so anzugeben, Jack Sparrow!"

Die Kleine war immer noch da, als er eine Stunde später wieder nach draußen trat. Frech musterte sie ihn von oben bis unten, von einem Ohr bis zum anderen feixend.

"Dustehstmir schowidda'm Weg!"

Anamaria lachte leise.

"Au weia, du hast ja 'ne Rumrübe!"

"Hör auf - so hin'nher zu hüpfen!" beschwerte er sich. Was bildete diese Göre sich überhaupt ein?

"Ich hüpf nicht", kicherte sie, "sondern du schwankst ..."

"Gar nicht waaaaaaaaah..." Wild mit den Armen fuchtelnd, landete Jack bäuchlings auf dem matschigen Boden. Er hatte die kleine Stufe übersehen, welche die Türschwelle zum Vorhof hin bildete.

Mit schiefgelegtem Kopf sah Anamaria auf ihn herab. "Ey Captain! Hast du meinen Dad gesehen?"

"Penntaufmtisch." nuschelte der Junge, während er sich umständlich hochrappelte. Fast wäre er wieder umgefallen, wenn die Kleine nicht routiniert nach seinem Arm gegriffen und ihn hochgezogen hätte.

"Heilige Miesmuschel, die ha'm dich ja echt abgefüllt!"

"Nee, diehamich' ernst genomm' im Ge'nsatz zu dir!"

Das Mädchen schüttelte belustigt den Kopf. "Ja klar, Jack Sparrow ... wo wohnst'n du?"

"Bei Cap'n Teague, Hüter des Koddex - kla'soweit?"

"Wie Seetangsuppe", bemerkte sie spöttisch, wobei sie ihn einmal um sich selbst drehte. Wieder ruderte Jack mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten. Was mußte dieses Mädel auch unbedingt mitten auf der Straße mit ihm Tango tanzen! Typisch Weiber ...

"Da lang!" befahl Anamaria und schob ihn vor sich her.

Nach unzähligen Schlenkern, Wortgefechten und Stolperern hatten sie endlich das Haus des berüchtigten Piratenkapitäns erreicht. Anamaria klopfte an die Tür.

Nichts tat sich.

"Na toll!"

"Hat wohl wassum Feiern", lallte Jack neben ihr. Er faßte nach der Klinke - und fiel prompt über die nächste Stufe und mit der Tür ins Haus.

"Hoppla!" betrachtete er verwundert den Holzfußboden.

Anamaria verdrehte die Augen.

"Männer ...", murmelte sie abfällig vor sich hin. Rasch zündete sie eine Laterne an, die sie auf dem Fenstersims neben der Tür entdeckt hatte. Nicht, daß dieser Jack Sparrow mit seiner Rumrübe noch die ganze Bude in Brand steckte! Sie hatte in ihrem achtjährigen Leben ja schon viel erlebt - aber einen betrunkenen Piratenjungen, der wahrscheinlich gerade mal ein Entermesser hochheben konnte? Etwas lauter fügte sie hinzu: "Ich muß jetzt zurück, meinen Dad heimbringen."

Sie war halb über der Schwelle, da -

"Wartma Kleine!"

"Was?!" Genervt drehte sie sich zu ihm um.

"Sing'noch'n Lied mit mir, ja?" Und Jack fing an zu gröhlen: "Fünn'zehnmann auf'es Totnmanns Kissde ..."

"Yoho, zuviel Rum ist dumm!" sang Anamaria scharfzüngig weiter. "Gute Nacht, Jack Sparrow! Morgen früh wird nämlich furchtbar sein!" prophezeite sie ihm. Mit diesen Worten marschierte sie davon, ließ ihn eiskalt dort liegen, wo er lag.