Kapitel 50 – Ein wahrer Gryffindor

Harry sah Draco einen Moment lang an, verblüfft über die Veränderung in dem Slytherin. Noch vor kaum einem Monat hätte Harry alles dafür gegeben, Malfoy leiden zu sehen. Nun war es eine Qual. Er drückte Ginny fest an sich. Er war sich bewusst, dass er sie nach den Todessern fragen sollte, doch nichts schien ihm im Augenblick mehr von Bedeutung zu sein als Hermines flache Atemzüge.

Ein leises Klirren hinter ihm ließ ihn herumdrehen. Dobbys Käfig war verbogen, aber nicht zerbrochen. Harry ließ Ginny los und ging hinüber, um das Schloss zu lösen. Dobby kletterte heraus und sah Harry dankbar und gleichzeitig traurig an.

„Dobby hat den Dunklen Lord gefunden, Harry Potter", sagte der Hauself. Harry versuchte zu lächeln. Dobby fuhr fort: „Kreacher ist frei."

Harry nickte. „Weil Regulus Black der wahre Besitzer des Grimmauldplatz' ist und es seit Sirius' Tod gewesen ist."

„Ja, Harry Potter."

Harrys Blick schweifte zu Regulus, der immer noch regungslos dalag, wo Voldemorts Fluch ihn getroffen hatte. Harry lief hinüber und kniete sich neben ihn. Für einen Augenblick glaubte er, dass Regulus tot war, doch die blauen Augen – Sirius so ähnlich – öffneten sich und blickten ihn an. Mit jedem Atemzug quoll Blut von seinen Lippen.

„Wir müssen Hilfe für dich holen", sagte Harry alarmiert.

„Nein, Potter", keuchte Regulus. Er verzog das Gesicht. „Soso. Du hast es also letztendlich doch geschafft zu gewinnen."

„Dafür muss ich dir danken", gab Harry zu, obwohl er nicht sicher war, ob er es auch so meinte. Seine Erinnerungen an Snape waren so von Hass getränkt, dass es schwer war, Jahre des Zorns mit dem Mann zu versöhnen, der nun vor ihm lag.

Regulus schloss die Augen.

„Du warst so furchtbar zu mir", flüsterte Harry.

„Ich hasse dich, Potter", gab Regulus mit einem kleinen Lächeln zu. „Ich habe deinen Vater gehasst, ich habe Remus Lupin gehasst und ich habe meinen Bruder gehasst... bis zu seinem Tod. Ich wünschte..." Er hustete und wischte sich mit seinem blassen Handgelenk seine Lippen ab, wobei er einen Blutschmierfleck auf seinem hübschen Gesicht hinterließ. „Wir hatten als Kinder viel Spaß zusammen. Ich wünschte, wir hätten daran festhalten können, als wir größer geworden sind. Ich habe ihn vermisst, als er sich für James Potter entschieden hat."

Harry spürte stechenden Schmerz, so wie es immer geschah, wenn er an Sirius dachte. Es war wie immer von Wut begleitet.

„Du hast ihn in Azkaban verrotten lassen", zischte Harry.

„Versuch nicht, mir Schuldgefühle einzureden", blaffte Regulus. „Ich weiß, was ich getan habe."

Harrys Augen verengten sich. „Du hast Snape getötet, als ihr beide aus Hogwarts raus wart. Aber als ich die Erinnerung im Denkarium gesehen habe – warst du... war Snape? noch in der Schule."

Regulus lachte bellend.

„Das war eine echte Erinnerung vom lieben Severus", sagte er. „Ich habe sie in einer Nacht aus ihm herausgekitzelt, als wir beide betrunken waren. Ich habe einige von Snapes alten Erinnerungen aufgehoben, um meiner Maskerade zu helfen. Glücklicherweise war der schreckliche Ekel nie beliebt und keiner kannte ihn gut. Meine Identität wurde nie in Frage gestellt."

Ein Husten durchschüttelte seinen Körper und Harry stand schnell auf.

„Ich hole Hilfe."

„Um mich zu heilen, damit ich für den Mord an Dumbledore nach Azkaban gehen kann?", fragte Regulus und grinste entsetzlich.

„Nein... ich bin sicher – "

Ein Schrei lenkte Harry ab – Fawkes war zurückgekehrt.

Der Phönix landete auf Dracos Schulter und ließ die Phiole in seine Hand fallen. Es war eine winzige, braune Flasche mit einem grünen Etikett. Die Beschriftung war schon längst verblichen.

Hermine war ins Delirium gesunken. Immer wieder murmelte sie Dracos Name zwischen den regelmäßigen Schmerzkrämpfen. Sorgfältig entkorkte Draco die Flasche und warf Regulus Black einen Blick zu.

Draco hielt die Phiole zögernd über Hermines Lippen. Regulus verachtete ihre Art – der Zaubertrank könnte leicht ein weiteres Gift sein, das ihr Elend noch beschleunigte. Hermine wimmerte und Draco realisierte, dass es eine Gnade wäre, sie schnell zu töten, anstatt sie die Qual erleiden zu lassen, die sie nun durchstand.

Er flößte ihr den Trank ein.

Regulus' Hand packte Harrys, als dieser Anstalten machte sich zu entfernen.

„Potter – vielleicht kannst du mir helfen."

Harry warf einen besorgten Blick zu den anderen, die um Hermine herum versammelt waren, und kniete sich abermals neben Black.

„In meinem Umhang – da ist ein Trank mit einem roten Stöpsel. Er wird mir mit den Schmerzen helfen. Linke Tasche."

Rasch durchwühlte Harry Regulus' Taschen – der Mann hatte wahrhaft viele Tränke dabei. Endlich fand er einen mit einem roten Korken. Es war ein hässlicher, schwarzer Trank, unbeschriftet.

Harry hielt ihn zweifelnd in die Höhe und wünschte, er hätte in Zaubertränke besser aufgepasst. Regulus hob den Arm und nahm die Phiole entgegen, doch er hatte nicht die Kraft, sie zu entkorken. Harry zog für ihn den roten Stöpsel heraus.

Regulus ergriff die Phiole mit zittriger Hand und leerte den Inhalt in seinen Mund. Er grinste Harry an.

„Ich werde Sirius von dir grüßen, Potter", sagte er. Harry sah ungläubig zu, wie Blacks Hand leblos auf den Boden fiel. Die Phiole klirrte auf den Stein und rollte davon.

„Fahr zur Hölle", flüsterte Harry und legte eine Hand an Regulus' Kehle, um verzweifelt nach einem Puls zu tasten. Nach einem Moment setzte er sich mit einem seltsamen Gefühl der Verzweiflung zurück. Regulus Black war tot – diesmal endgültig. Und Severus Snape mit ihm.

Harry erhob sich und ging zu seinen Freunden zurück.

Nach einem langen Augenblick wurde Hermines Atemzüge gleichmäßiger. Draco wusste nicht, ob es ein gutes Zeichen war oder nicht. Er hielt Hermine eng an sich gepresst, als könnte er irgendwie seine Lebenskraft auf sie übertragen.

Sein Blick traf Weasleys. Ron kniete neben ihnen und seine blauen Augen spiegelten Dracos Sorge wider. Zum ersten Mal fühlte er Verbundenheit mit dem Weasel und er lächelte reumütig.

„Sie kommt schon in Ordnung", murmelte Ron inbrünstig.

Draco blickte zur Passage hinüber, als mehrere Leute eintraten – Neville, Luna, Susan Bones, Tonks, Remus Lupin und Jack Williamson. Harry lief ihnen entgegen.

„Regulus Black ist tot", sagte er. Draco spürte einen Stich von… was? Gewissensbissen? Regulus hatte, als Snape, eine aktive Rolle in Dracos Leben eingenommen, vor allem in letzter Zeit.

„Regulus Black ist schon seit Jahren tot", sagte Tonks verwirrt.

„Nicht ganz so tot, wie alle angenommen haben", kommentierte Draco. Er bemerkte, dass Lupin aus mehreren klauenähnlichen Wunden blutete, besonders aus einer, die sich über seinen Kopf und eine Schläfe zog und beinahe sein Auge verfehlte. Blut tropfte sein Gesicht herab auf seinen Umhang. Tonks versuchte wiederholt, es mit einem Tuch abzuwischen, doch Remus wehrte sie ab.

„Voldemort?", fragte Lupin.

„Der Auserwählte hat über das Böse triumphiert", sagte Draco theatralisch und grinste bei Potters bösem Blick. Er fühlte, wie Hermines Hand sich um seine schloss, und sah, dass ihre Augen offen waren. Sie lächelte ihn sanft an.

„Wie fühlst du dich?", fragte er.

„Ein bisschen besser. Ich bete nicht länger darum zu sterben."

„Gott sei Dank, weil ich bete, dass du lebst, und es wäre verdammt contra-produktiv." Seine Worte waren leicht gesprochen, doch er fürchtete noch immer, dass der Trank kein Gegengift war. Es könnte doch ein Schmerzstiller oder Beruhigungsmittel gewesen sein.

„Was ist mit den Todessern geschehen?", wollte Harry wissen.

„Susan Bones hat die meisten von ihnen umgebracht", antwortete Ginny. Draco entschied, Susan das nächste Mal, wenn er sie sah, ein bisschen weniger zu hassen.

„Greyback hat mich beinahe erwischt", berichtete Luna. „Aber Professor McGonagall hat mich gerettet, bevor..."

„Bevor Greyback sie getötet hat", sagte Tonks leise. Harry sog einen scharfen Atem ein, doch Draco verspürte wenig Emotionen bei der Neuigkeit. McGonagall hatte eine minimale Anwesenheit in seinem Leben dargestellt. Hermines Augen füllten sich mit Tränen und Draco entschied, dass es eine gute Idee wäre, sie zu trösten. Er küsste sie und stellte erfreut fest, dass ihre Lippen nicht länger eiskalt waren. Er war milde belustigt von dem überraschten Keuchen, das seine Tat Lupin entlockte.

Hermines Hand berührte sein Haar. Draco genoss den Kuss ein wenig zu sehr und musste sich zwingen, ihn abzubrechen.

„Ich kriege wieder keine Luft", murmelte Hermine.

Draco sah sie alarmiert an, aber sie kicherte.

„Diesmal ist es deine Schuld."

„Voldemort sagte, er hat das Ministerium", sagte Harry. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?"

Lupin schnaubte und wedelte Tonks zur Seite, als sie das Tuch an seinen Kopf führte.

„Voldemort war da ein bisschen voreilig. Wenn er etwas länger gewartet hätte, bis zum Vollmond – wäre es schrecklich gewesen. Sie waren erbärmlich organisiert. Ein Pöbel eigentlich. Sie wurden von Avery angeführt und bestanden aus einer Gruppe von Greybacks Werwölfen. Sie sind völlig verrückt geworden und sind im Ministerium Amok gelaufen. Dieser Todesser mit einem Gesicht wie von einem Beil getroffen – "

„Lars", half Draco nach.

" – ist später angekommen und hat versucht, sie unter Kontrolle zu bekommen, aber es war zu spät. Eine Handvoll von Auroren und einige der kompetenteren Ministeriumsbeamten haben Hackfleisch aus ihnen gemacht."

„Und dann sind Fred und George aufgetaucht und es war schnell vorüber", fuhr Jack fort. „Diese beiden sind verdammt genial."

„Obwohl sie jetzt in Schwierigkeiten mit Rufus Scrimgeour stecken...", fügte Lupin hinzu.

Jack gluckste. „Ihr hättet sehen sollen, was sie der Abteilung zum Magischen Strafvollzug angetan habe."

Lupin seufzte und wich wieder Tonks aus.

„Wenn du nicht stillhältst und mich es behandeln lässt, werde ich dich bewusstlos hexen und es dann tun!", brüllte sie. Für einen Augenblick glaubte Draco, dass der Werwolf sich seiner Cousine widersetzen würde, doch dann lächelte Tonks und gurrte: „Bitte." Lupin gab klein bei wie ein billiger Kessel, der von einem Klatscher getroffen wurde.

„Was ist mit Percy?", fragte Ron plötzlich. Luna hatte sich an Weasleys Arm geklammert, wie sie es üblicherweise mit Draco tat. Ron schien es nichts auszumachen.

„Ihm geht's gut. Der Austausch ist wie geplant abgelaufen. Er ist mit deinen Eltern im St. Mungos. Ein wenig zerschrammt und verstört, aber er sollte in Ordnung sein."

„Ich denke, ich kann stehen", sagte Hermine. Draco half ihr auf die Füße und verzog das Gesicht, als der Phönix sein Gewicht verlagerte und die Klauen in seine Schulter bohrte. Er fragte sich, wie er den Vogel zum Abflug bringen sollte, doch er vergaß den Gedanken, als Hermine gegen ihn schwankte. Draco fing sie auf und schlang seine Arme um ihre Taille. Ihre Hände klammerten sich an seine Schulter. Er starrte in ihre weiten braunen Augen, bevor er bemerkte, dass sie anzüglich grinste.

„Das habe ich mit Absicht getan", gab sie zu.

„Du wirst langsam zu einem schamlosen Flittchen, Granger!", raunte er in ihr Ohr.

„Ich bin beinahe gestorben", entgegnete sie. „Ich habe realisiert, dass es einige Dinge gibt, die ich vorher tun will. Die meisten beinhalten dich... ohne Kleidung."

Draco versteifte sich und schnappte schockiert nach Luft.

„Sollen wir euch vielleicht alleinlassen?", fragte Potter trocken, Dracos Gedanken aussprechend. Als Hermine Harry ansah, grinste er und schloss sie in eine Umarmung – die Draco ebenfalls einschloss, da er sie nicht losgelassen hatte. Malfoy erduldete Potters Arm um seine Schultern. Für einen Augenblick.

„Potter kann seine Hände nicht von mir lassen, Granger. Du solltest ein ernstes Wörtchen mit ihm sprechen."

„Wenn du sie loslassen würdest, müsste ich dich gar nicht berühren", entgegnete Potter.

„Ich will dich nicht deiner dürftigen Freuden berauben."

Harry warf ihm einen gequälten Blick zu. „Malfoy – "

„Oh, schon gut", sagte Draco und gab Hermine frei. Sofort zog Harry sie in eine freudige Umarmung, zu der Weasley sich rasch gesellte. Seltsamerweise verspürte Draco keinen Neid, als er das Trio so vereint sah. Er fühlte sich nicht länger als Außenseiter.

Lupin kniete bei Wurmschwanz. Sanft zog er die Metallhand von Wurmschwanz' Kehle und schloss mit einer Hand die starrenden Augen.

„Vielleicht sind wir zu hart mit ihm ins Gericht gegangen", sagte er bedauernd. „Haben wir ihn ausgeschlossen? Manchmal habe ich mich schon unangebracht neben Sirius und James gefühlt... Es muss sehr viel schlimmer für Peter gewesen sein."

„Gib nicht dir die Schuld dafür, Remus", sagte Tonks mit einer Hand auf seiner Schulter. „Peter war selbst verantwortlich für die Wahl, die er getroffen hat. Er muss die Konsequenzen gewusst haben."

Lupin seufzte und stand auf. „Es war so eine verdammte Verschwendung."

Draco stimmte dieser Aussage zu, obwohl er nicht das geringste Bedauern verspürte, dass Wurmschwanz fort war. Der kleine Bastard hatte soviel Zerstörung verursacht bei seiner Suche nach... was? Macht? Jegliche Macht, die ihm von Voldemort gewährt worden war, war reine Illusion gewesen.

„Lasst uns hier rauskommen", sagte Lupin.

Harry holte Gryffindors Schwert und verzog das Gesicht, als der schwarze Stoff auf den Sitz von Malfoys ruiniertem Sessel fiel. Draco bemerkte, dass er einen anderen für seinen Vater würde finden müssen. Ron hob den Tarnumhang auf und schwang ihn über seine Schulter. Jack Williamson ließ Regulus Blacks Körper in die Höhe schweben und Lupin tat dasselbe mit Wurmschwanz.

Als sie die Kammer verließen und durch den Gang liefen, blickte Potter zu dem Phönix auf Dracos Schulter.

„Sieht so aus, als hättest du dir ein Haustier eingehandelt", kommentierte Harry.

„Ich glaube eher, es hat sich mich eingehandelt", erwiderte er trocken.

Harry blinzelte und sagte: „Weißt du, wir hätten Fawkes einsetzen können, um Hermine zu heilen – seine Tränen..."

Draco funkelte ihn an.

„Super, dass du jetzt daran denkst, Potter."

Harry grinste.

„Weißt du, Malfoy, Dumbledore hat einmal etwas Interessantes gesagt." Er hielt theatralisch inne und Draco wappnete sich gegen den gefürchteten Fetzen Weisheit. „Er hat gesagt, nur ein wahrer Gryffindor könnte Godrics Schwert aus dem Sprechenden Hut ziehen."

Draco hielt bestürzt inne. Hermine lachte fröhlich.

„Vielleicht solltest du das Haus wechseln", sagte sie.

Draco und Ron riefen gleichzeitig: „Das ist doch nicht dein Ernst."

Doch es war ihr voller Ernst. „Nur weil es nie zuvor geschehen ist, heißt es nicht, dass es nicht möglich ist."

Weasley stöhnte auf und schlug sich mit einer Hand gegen den Kopf. Das rothaarige Mädchen sah gleichsam entsetzt drein, was Draco tatsächlich die Idee in Erwägung ziehen ließ. Solange die Weasleys es verabscheuten...

„Rot ist eine schreckliche Farbe an mir", murmelte er, doch der Gedanke, sich im selben Teil des Schlosses aufzuhalten wie Hermine, hatte durchaus seinen Reiz, vor allem da Draco bereits wusste, wie er den Zauber aufheben konnte, der Jungen aus dem Schlafsaal der Mädchen aussperrte...

Bei diesem verruchten Gedanken sah er Hermine an und sie hielt vor Überraschung die Luft an.

„Warum zur Hölle nicht?", sagte er und lachte. Das würde einen Aufruhr in Gryffindor und Slytherin geben. Hermine warf ihre Arme um ihn und küsste ihn so ungestüm, dass er bereit war, auf der Stelle seinen grünen Umhang abzuwerfen und dieses scheußliche Rot anzulegen – im übertragenen Sinne.

„Gott, ich werde ihn nie wieder los!", stöhnte Weasley.