Fünfzig

Ein Jahr später.

Als er die Tür öffnete, wusste er, wie viele abertausende Stunden er ihr hier unten schuldete und so dankbar er Cuddy auch für all das war, was sie im letzten Jahr für ihn getan hatte, es machte es keineswegs erträglicher. Nicht einmal jetzt, wo alles wieder in seinen fast geregelten Bahnen zu laufen schien oder zumindest im Begriff war, sich zurechtzuschütteln.

Seufzend betrat er den Untersuchungsraum und wusste einen Moment lang nicht, ob er ihn womöglich gleich wieder verlassen wollte oder ob das hier gar ein unverzichtbarer Spaß werden könnte, den er sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Letztendlich war sein Hang zu dramatischer Komik zu groß, um einfach wieder zu gehen.

"Man sieht sich immer zweimal im Leben", sprach House selbstgefällig und setzte sich mit einem Grinsen auf einen der rollbaren Hocker.

"Ich will einen Arzt, keinen Schwindler", stellte Evan klar und funkelte seinen ehemaligen Kollegen düster an. "Und ich will sicher keinen Verbrecher."

"Danke für all die Komplimente", erwiderte House gelassen, "aber ich fürchte, wenn du nicht noch etwa neuneinhalb Stunden warten willst, musst du mit mir Vorlieb nehmen. Auf der Interstate hat es eine Massenkarambolage gegeben und die meisten Ärzte von hier und aus allen umliegenden Krankenhäusern vergnügen sich da."

"Du hast nicht einmal eine Zulassung", argumentierte Evan und machte Anstalten zu gehen.

"Doch, habe ich", ließ House ihn wissen. "Sonst wäre es wohl auch ein wenig dreist, hier einfach reinzuspazieren, oder meinst du etwa nicht?"

"Du bist dreist, das ist dein Problem."

"Ich bin gerne dreist", stellte House klar. "Also?"

"Seit wann hast du deine Lizenz wieder?"

"Seit zwei Wochen. Aber zu deiner Beruhigung: Ich habe im letzten Jahr nicht alles verlernt, was ich vorher konnte. Ein Halskratzen werde ich schon noch erkennen."

"Ich will einen anderen Arzt", wiederholte Evan mit eisernen Gesichtszügen.

"Wie gesagt, es gibt gerade keinen. Warum bringen wir das beide nicht einfach so schnell wie möglich hinter uns und gehen danach wieder getrennte Wege?" Abwartend trommelte House mit seinen Fingern auf der Krankenakte herum und studierte dabei Evans hagere Gestalt. Eine Sache fiel ihm relativ schnell auf.

"Okay", murmelte Evan und stand auf, um zu gehen. "Das muss ich mir nicht bieten lassen."

House nickte und wartete ab, bis Evan bereits die Türklinke berührte, bevor er wieder sprach. "Deine Entscheidung", stellte er klar, "aber wenn du wegen der Schwellung an deinem Nacken hier bist, würde ich dir raten, dass du deinen Stolz herunterschluckst, und es von mir ansehen lässt."

Blitzschnell drehte sich Evan wieder um und sah House entgeistert an. "Woher weißt du das?"

"Es ist ein bisschen auffällig. Druckempfindlich?"

"Ja", gab Evan zu.

Vorerst ohne ein weiteres Wort stand House auf und ging zu einem der Behandlungsschränke, um sich Handschuhe überzustreifen. Als er sich wieder der Liege inmitten des Raumes zuwandte, saß Evan bereits sichtlich verunsichert darauf und vermied es, House direkt in die Augen zu sehen.

"Ist es schlimm?", wollte er leise wissen.

"Kann ich noch nicht sagen", antwortete House wahrheitsgemäß. Er kam näher, schob Evans Hemdkragen an der betroffenen Stelle ein wenig zur Seite und tastete die Schwellung vorsichtig ab. "Seit wann ist das so?"

"Zwei Wochen, vielleicht drei", erwiderte er und fügte dann zögerlich hinzu: "Ich habe keine Krankenversicherung."

House schwieg und tastete weiter. Fast fühlte es sich so an, als seien seine forschenden Hände nicht mehr Teil seines Körpers und er musste sich selbst gegenüber zugeben, dass er das irgendwie vermisst hatte. So sehr er es hasste, selbst Hand an Patienten anzulegen, es gab ihm immer noch eine eigenartige Befriedigung, die er viel zu lange nicht mehr gespürt hatte.

"Kann man es behandeln?"

"Im schlimmsten Fall ist es ein Sarkom, ein bösartiger Tumor. Im besten Falle ist es gutartig oder einfach nur eine Entzündung und kann ohne weiteres behandelt werden. Wir brauchen ein paar Bluttests und eventuell eine Biopsie."

"Okay. Was kostet mich das?"

"Die Klinik übernimmt das", erklärte House und nahm Evans Akte zur Hand, in die er seine Vermutung sowie ein paar Anweisungen schrieb und schließend seine Unterschrift setzte. "Eine der Schwestern wird dir gleich Blut abnehmen und ich schreibe dir eine Überweisung zu Dr. Wilson, sollte es etwas Bösartiges sein."

"Ist er gut, dieser Dr. Wilson?"

"Der Beste."

Nach ein paar Sekunden des Schweigens blickte Evan House mit großen Augen der Ungewissheit entgegen und fragte einfach nur: "Warum?"

"Warum was?", wollte House ahnungslos wissen und schlug die Akte zu.

"Warum hilfst du mir?"

"Weil es mein Job ist vielleicht?"

Evan verstummte wieder und schien die simple Antwort so hinzunehmen, während House die Handschuhe in einen Mülleimer beförderte und sich ebenfalls wortlos zur Tür begab. Sein Hirn suchte nach ein paar Worten, aber er realisierte, dass alle entweder unangebracht oder nicht von Bedeutung waren. Und so beließ er es einfach dabei, als er die Tür öffnete.

"Tut mir übrigens leid wegen dem Faustschlag damals", ergänzte Evan hinter ihm plötzlich noch hastig. "Das war nicht fair."

House schloss die Tür wieder ein Stück und drehte sich um. "Wahrscheinlich schon", gestand er. "Ich war frustriert."

"Ich auch", räumte Evan ein und wirkte zusammengesunken auf der Untersuchungsliege keineswegs mehr wie der von damals. "Ich hasse den Job in der Bibliothek."

"Warum suchst du dir nicht etwas anderes?"

"Dazu muss man sich erst einmal aufraffen."

House nickte zögerlich. "Ja, das muss man."

Als er den Raum diesmal endgültig verließ, gab es keine Worte des Abschieds, doch vielleicht war es besser für House, sich von diesem dunklen Teil seines Lebens noch nicht so ganz zu verabschieden. Die Erfahrungen blieben und vielleicht würden sie ihn auch in Zukunft ab und an daran erinnern, was sein könnte und was er in Wirklichkeit hatte in seinem Leben, das er viel zu oft einfach nur als leer empfand.

Sein Blick war gesenkt, als er draußen die ersten Schritte auf die Schwesterntheke zuging, doch es dauerte nicht lang und ein aufgeregtes Tuscheln veranlasste ihn dazu nachzusehen, was ihn erwartete. Er quittierte den Anblick mit einem leisen Stöhnen und konnte es trotzdem nicht verhindern, dass sich seine Mundwinkel ein paar wenige Millimeter nach oben kämpften.

Drei Meter vor ihm standen Cuddy, Wilson, Cameron, Pérez und Chase wie an einer Kettenschnur aufgereiht nebeneinander und grinsten wie die Honigkuchenpferde um die Wette. Von Camerons Hand stieg ein Luftballon gen Decke empor, auf dem in verschnörkelten Lettern prangte: 'Willkommen zurück'.

"Oh Gott", jammerte House und stellte noch einmal wohlwollend fest, dass die Klinik zum Glück nur sparsam bevölkert war im Moment.

"Der wird dir jetzt leider auch nicht mehr helfen", erklärte Cuddy und trat einen kleinen Schritt nach vorn. "Du wirst dich aber freuen zu erfahren, dass der Aufsichtsrat dem Antrag zugestimmt hat und du die diagnostische Abteilung mit sofortiger Wirkung wieder übernehmen darfst."

Ihr Grinsen war so breit, dass House befürchtete, es sei womöglich für immer einzementiert. Leicht verunsichert davon, wanderte sein Blick zu Wilson, der jedoch nicht weniger ekstatisch wirkte und House ermutigend zunickte. "Ihr habt jetzt aber kein Konfetti, mit dem ihr um euch werft, oder?"

"Siehst du", empörte sich Chase und sah zu Cameron hinüber, "ich habe dir gesagt, er würde sich über Konfetti bestimmt freuen."

Cameron lachte und schloss als Erste die Lücke zu House, um ihm den Luftballon in die Hand zu drücken und ihn dann zu umarmen. "Wir freuen uns", ließ sie ihn überschwänglich wissen.

"Ich weiß noch nicht, ob ich mich auch freue", gestand House leicht überwältigt und betrachtete den schwebenden Luftballon über ihm, der so eigenartig deplatziert wirkte, dass er House unmissverständlich zu verstehen gab, dass er einfach wieder da sein musste, wo er hingehörte. Da, wo er irgendwie nicht wirklich passen wollte und doch nur sein konnte.