53. Im Namen des Ordens des Phönix
Kurz vor dem Abendessen war Claire zurück. Sie wurde sogleich von Ginny und Ron bestürmt ihnen alles wissenswerte über das Baby zu erzählen.
„Nun mal langsam meine Lieben. Ich komm ja gar nicht zu Atem. Also ihr habt eine gesunde kleine Nichte namens Marie-Claire, sie ist 51 cm groß und 3,20 kg schwer, hat einen Haarflaum von undefinierbarer Farbe – sie scheint sich noch nicht so recht entschieden zu haben, ob sie lieber Fleurs oder Bills Haarfarbe haben möchte – und dunkle Augen. Und wurde heute um 10 Uhr 28 geboren. Mutter und Kind sind wohlauf – Fleur hat sich bereits mir Molly gestritten, ob des Schlafplatzes der Kleinen – Molly meinte die Kleine müsse von Anbeginn an ihr eigenes Bettchen gewöhnt werden und Fleur will sie nicht von ihrer Seite weg haben."
„Und was sagt die Hebamme in so einem Fall?" fragte Ginny nach.
„Die Hebamme hält sich in diesem Fall klugerweise raus, das bleibt jedem selbst überlassen. Und ich denke mir, das ist so eine Sache, welche die Mutter am besten selber entscheidet. Großmütterchen wird schon noch genug dreinzureden haben." Bei dieser Aussage lächelte Claire verschmitzt.
„Ach ja wirklich: Ma und Dad sind ja jetzt Großeltern!" Rons Augen weiteten sich, „Also jetzt werden sie langsam alt."
„He, wieso wird man plötzlich alt, nur weil Enkelkinder geboren werden? Das solltest du deine Mutter besser nicht hören lassen. Aber sie ist auf jeden Fall ganz glücklich, läuft mit einem seligen Lächeln durchs Haus und hat schon an alle möglichen Leute Eulen verschickt. Und euer Vater kommt auch mit stolz geschwellter Brust daher. Der findet es sicher nicht so schlimm Großvater geworden zu sein. Aber jetzt möchte ich bitte in Ruhe essen, ich will doch mein Nachsitzen bei Severus nicht versäumen."
Claire schlang ihr Essen runter, aber als sie aufstand kramte sie noch rasch in ihrer Tasche: „Fast hätte ich darauf vergessen: Hier ist noch ein Brief von euren Eltern und ein paar Fotos. Ciao." Und schon war sie auch wieder entschwunden.
Diesmal war es Ron, der den Brief vorlas:
„Liebe Ginny! Lieber Ron!
Wie ihr ja bereits von Bill erfahren habt, hat Fleur eine gesunde Tochter geboren. Sie ist ja soooo süß! Ich kann mich gar nicht satt sehen an ihr. Damit ihr euch ein Bild machen könnt haben wir noch ein paar Fotos dazugelegt.
Fleur und Bill sind sich noch nicht ganz einig, wen sie als Paten für ihr Kind möchten, aber euer Vater und ich haben ihnen geraten sich zwei Paten zu suchen. Sicher ist sicher, wenn man bedenkt in welcher schweren Zeit wir leben. Ach, ich will gar nicht daran denken.
Auf jeden Fall ist es besser, wenn ihr die Osterferien wie geplant in Hogwarts bleibt. Hier ist es sowieso sehr eng und das Baby braucht schließlich Ruhe.
Ich umarme euch beide
Molly
PS: Eure Ma lässt mich gar nicht zu Wort kommen. Aber ich kann nur bestätigen, dass wir beide sehr glücklich über unsere erste Enkeltochter sind. Und kommt ja nicht auf die Idee euch von Hogwarts fort zu bewegen. Gerade vorhin sind Fred und George auf der Bildfläche erschienen und haben Marie-Claire als Willkommensgeschenk drei Mini-Muffs geschenkt. Fleur hat sofort geschrien, dass sie die Dinger nur ja nicht in die Wiege legen sollen. Na ja, wenn man bedenkt, was die beiden sonst schon angestellt haben eigentlich ein recht harmloses Geschenk.
liebe Grüße auch von mir, Arthur."
Ginny hatte sich inzwischen die Fotos angesehen und gab sie an Ron weiter. „Och wie niedlich! Sieh nur die Grübchen auf ihren Wangen. Und wie sie lächelt. Was für ein süßer kleiner Fratz." Ginny war richtig entzückt.
Ron strahlte auch, wenn auch nicht ganz so enthusiastisch wie seine kleine Schwester. Harry besah sich die Fotos genauer. Fleur war wunderschön anzusehen und Bill platzte fast vor Stolz. Und das Baby: na ja, ein wenig verrunzelt sah es aus und dass das ein Lächeln sein sollte kam ihm etwas seltsam vor. Aber er hatte auch noch nie mit Babys zu tun gehabt.
Gerade als sie sich zum Gehen wandten kam Professor McGonagall auf sie zu. „Ich habe es schon gehört. Herzlichen Glückwunsch zu eurer kleinen Nichte. Darf ich mal sehen?" Und sie nahm von Ginny die Fotos entgegen. „Ach wirklich: herzallerliebst. Da wird sich Molly aber freuen." Dann wandte sie sich an Harry: „Ich muss dich bitten mit mir zu kommen, Harry. Professor Dumbledore will dich sprechen." Und als sie Harrys erstaunten Blick bemerkte antwortete sie: „Ich weiß selbst nicht worum es sich handelt. Aber er bestand darauf, dass es jetzt noch sein müsste. Also kommst du bitte mit?"
Harry sah Ron fragend an, folgte McGonagall dann aber. Dabei war ihm siedend heiß zumute. Hatte der Schulleiter doch von seinem nächtlichen Treffen mit Luna Wind bekommen? Das wäre ja schrecklich. Könnte es sein, dass er ihn mit einem Schulverweis bestrafen würde? Aber Luna schien nicht vorgeladen zu sein. Harry drückte sich selbst die Daumen: Lass es sich um was anderes handeln – Lass es sich um was anderes handeln ...
Harry schlug den Weg zur großen Marmortreppe ein und war überrascht, als er sah, dass McGonagall nicht hinaufstieg um zu Dumbledores Büro zu gelangen, sondern ihre Schritte in Richtung der Kerker lenkte.
„Professor McGonagall – wo gehen wir hin?"
Sie wandte sich um und meinte nur: „Professor Dumbledore wünscht uns in Professor Snapes Unterrichtsräumen zu treffen." Und dabei zuckte sie genauso unwissend die Schultern.
Was hatte jetzt Snape wieder damit zu tun? Dann konnte es sich doch gar nicht um seinen nächtlichen Ausflug handeln, oder?
McGonagall klopfte kurz und trat dann ein. „Severus, ist Professor Dumbledore noch gar nicht da?"
„Wie du sehen kannst noch nicht. Ich weiß auch gar nicht, was er mit uns besprechen will, vor allem wieso er Potter dabei haben will." Snape hatte auf die ihm typische Art die Lippen abschätzig gekräuselt. „Außerdem hat eine Schülerin Nachsitzen bei mir, was Dumbledore auch weiß."
„Das könnt ihr ja verschieben. Wenn Dumbledore uns sprechen möchte, wird es wohl wichtig sein. Und du solltest die Wünsche des Schulleiters einfach akzeptieren. Er weiß schon, was er tut." McGonagall funkelte ihren Kollegen zornig an.
Doch da ging auch bereits die Tür auf und Dumbledore kam gefolgt von Lupin in den Raum.
„Also dann Mrs. Aquila, sie können gehen. Aber sie werden die Zeit nachholen müssen."
Claire, die in einer Ecke des Raumes mit dem Sortieren von Rezepturen beschäftigt war, schlug die Ordner zu und erhob sich.
„Nein, nein Severus, sie haben mich falsch verstanden: ich will dass Claire mit anhört, was ich zu sagen habe. Ich möchte auch ihre Meinung zu dem Thema erfahren. Aber komm doch bitte zu uns Claire. So, und ich denke wir könnten ein paar bequemere Stühle vertragen." Und er schwang seinen Zauberstab und es erschienen sechs bequeme Polstersessel und die Tische rückten zur Seite. „Ist doch gleich besser so. Setzt euch bitte, ich fürchte es dauert etwas länger, was ich zu sagen habe."
Snape hatte bei Dumbledores Aufforderung an Claire den Mund noch mehr nach unten verzogen und schien Dumbledores Wunsch seltsam zu finden. Aber auch Claire zögerte, und es schien, als hätte sie lieber den Raum verlassen. Dabei war sie doch sonst so neugierig. Aber Harry war erleichtert. Hier schien es nicht in erster Linie um ihn zu gehen. Er war gespannt was kommen würde.
„Nun denn: wo soll ich anfangen? Also wie ihr ja alle wisst, bin ich seit Neueinberufung des Ordens des Phönix bemüht, Verbündete für unsere Sache zu finden. In manchem Fall, hat es sich schon als Reinfall erwiesen, manche haben sich sofort bereit erklärt uns zu helfen und andere wiederum zieren sich gewaltig und versuchen Forderungen daran zu knüpfen.
Zu letzteren zählen nun die Waldelfen, die wie ihr ja vielleicht wisst, ihre Vorfahren mit den Hauselfen gemeinsam haben, aber sie haben sich nie domestizieren lassen und stehen seit jeher den Hexen und Zauberern skeptisch und überaus zurückhaltend gegenüber.
Bis vor kurzem hatte ich guten Kontakt zu ihrem obersten Anführer Alberich II., aber seit dieser vor zwei Monaten verstorben ist, dauerte es eine Zeit bis ein neuer Anführer gewählt wurde. Und dieser neue, Quendolin III. steht uns Zauberern mit einer noch größeren Ablehnung gegenüber. Er erklärte alle Verträge, zwischen uns und Alberich für ungültig und besteht auf neuen Verhandlungen.
Und jetzt der Grund weshalb ich euch sprechen wollte: er möchte nur mit Harry Potter persönlich verhandeln." Hier hielt Dumbledore inne und sah Harry mit einem forschenden Blick an.
Harry selbst wusste nicht, wie ihm geschah. Er sollte Verhandlungen mit einem Waldelfen führen? Aber er hatte doch gar keine Ahnung wie. Und das sprudelte auch sogleich aus ihm heraus: „Aber Sir! Ich habe so was ja noch nie gemacht. Ich wüsste auch gar nicht wie ich dabei vorgehen sollte. Und wo ist dieser Waldelf überhaupt zu finden? Und spricht der Englisch?"
Dumbledore lachte kurz auf: „Nur mal langsam Harry. Also, jetzt geht es mal darum, ob du überhaupt bereit wärest es zu versuchen. Wenn ja, bekommst du alle notwendigen Anweisungen. Außerdem habe ich Quendolin auch erklärt, dass ich dich keineswegs allein zu ihm schicken werde. Und da hat er mir dieses Schreiben mitgegeben, wen er als deine Begleiter akzeptieren würde. Nur leider hat das Ganze einen Haken: es ist mir noch nicht gelungen, den Brief zu entziffern. Ich habe schon einiges probiert, und wie ihr wisst, bin ich nicht schlecht in manchen Zaubereien, aber das hier ist mir doch nicht geglückt." Und damit reichte Dumbledore den Brief an McGonagall weiter, die nach einem kurzen Blick darauf meinte: „Das sind doch eigentlich Runen. Aber sie ergeben keinen Sinn." Und sie reichte das Blatt an Harry weiter.
Harry warf nur einen ganz kurzen Blick darauf und reichte es an Claire weiter: Runen hatte er schließlich sowieso nie gelernt. Dann wandte er sich an Dumbledore: „Also wenn sie es mir zutrauen, dass ich diesen Quendolin eventuell umstimmen kann, will ich es gern versuchen."
„Das ist fein Harry. Dann müssten wir jetzt nur noch das Schreiben lesen können. Darauf sollen angeblich auch Zeit und Ort des Treffens vermerkt sein. Nun Claire, sagen dir diese Zeichen etwas?"
Und nun wurde Harry auch klar, wieso Dumbledore darauf bestanden hatte, dass Claire hier blieb. Sie hatte noch immer das Schreiben in Händen und schien angestrengt nachzudenken. Dann reichte sie es an Lupin weiter.
„Darf ich laut denken?"
„Sicherlich, wenn es uns vielleicht ans Ziel führen kann." forderte sie Dumbledore auf. Mittlerweilen hatte der Brief die volle Runde gemacht, da auch Lupin und Snape nichts damit anzufangen schienen.
„Also: sie haben ja selbst gesagt, dass die Waldelfen uns Hexen und Zauberern nicht gerade wohlgesinnt sind. Das kommt wohl einerseits von der Versklavung ihrer Brüder und Schwestern, andererseits vielleicht generell in der Haltung mancher, die gegen alle nichtreinblütiger Abstammung sind." Ihr Seitenblick auf Snape war nicht zu übersehen. Dieser sah auch entsprechend giftig zu ihr hinüber, sagte aber nichts.
„Wenn dieser Quendolin also sichergehen will, dass sie anders denken und handeln, könnte es sein, dass er hierin," und dabei deutete sie auf den Brief in Dumbledores Händen, „ein Rätsel versteckt hat, dass sie nur zu lösen vermögen, wenn sie ihm wohlgesinnt sind."
„Aber du hast doch gehört, dass der Schulleiter schon alles Mögliche versucht hat. Und wie wir wissen, steht er den Elfen wohlgesinnt gegenüber." Snape hatte diese Worte in einer Art Schnauben von sich gegeben.
„Entschuldigen sie bitte, aber ich denke gerade nur laut. Was wäre es wohl aus der Sicht eines Waldelfen, dass ihn davon überzeugen könnte, dass sie nur Gutes im Schilde führen?"
„Also ich habe dieses Schreiben auch bereits in der Küche den Hauselfen Hogwarts gezeigt, ebenso ohne Erfolg." sprach Dumbledore.
Claire schüttelte den Kopf: „Das wäre auch zu einfach gewesen. Nein, was ich meine ist eher: ich könnte mir vorstellen, dass sich Quendolin darüber vergewissern will, ob sie selbst den großen Macher spielen und es nur auf eigene Faust probieren ..."
„Claire, so können sie doch nicht über Professor Dumbledore sprechen!" warf McGonagall entrüstet ein.
„Ach Minerva, lass sie ruhig. Sie versucht sich doch nur in den Waldelfen hineinzuversetzen." schlichtete Dumbledore. „Fahr ruhig fort."
„Oder ob sie so weise sind, und ihre Verbündeten zu Rate ziehen. – Was sie ja auch gemacht haben. – Und da ich davon ausgehe, dass die Waldelfen trotz ihrer Zurückgezogenheit, sehr gut über unsere Welt Bescheid wissen, nehme ich an, sie wissen auch, wer zu ihren Vertrauten zählt."
„Wie sollen sie das denn wissen? Wir veröffentlichen doch nicht im Tagespropheten die Mitgliedsliste des Ordens." Snapes Stimme war immer ähnlicher einem Bellen.
„Sie können gern das Wort haben, wenn sie einen tollen Einfall haben. Ansonsten würde ich sie bitten, mich nicht ständig zu unterbrechen." Claire funkelte Snape an, doch dieser schien im Moment um eine Antwort verlegen. „Also darf ich fortfahren? ... Wie ich schon sagte: sie wissen über vieles Bescheid, auch wenn sie sich im Normalfall aus unseren Angelegenheiten heraushalten. Aber sie werden auch wissen, dass, wenn Voldemort noch weitere Macht gewinnt, es ihnen von Nachteil sein wird. Und deshalb ist Quendolin überhaupt erst bereit, Verhandlungen zu führen."
Claire machte eine Pause um dann bedächtig fortzufahren: „Wenn die Elfen also wissen, wer sich aller im Orden befindet ... dann sollten sie davon ausgehen, dass sie dieses Schreiben eben den Mitgliedern zeigen werden ... aber wie könnten die Elfen diesen Zauber so formulieren, dass ... „ Plötzlich hob Claire ihren Kopf hoch, sah langsam von einem zum anderen, begann zu schmunzeln und bat dann Dumbledore: „Würden sie dieses Schreiben bitte Professor Snape reichen?"
„Ich hatte es doch schon bereits." knurrte dieser, streckte aber doch seinen Arm nach dem Brief aus.
„Stopp, nicht diesen, nehmen sie es bitte mit ihrer linken Hand entgegen." warf Claire schnell ein. Snape warf ihr einen äußerst giftigen Blick zu, tat aber wie ihm geheißen.
„Und jetzt?" fragte er nach.
„Abwarten." Claire stand auf, ging auf Snape zu und meinte dann: „Verzeihen sie bitte." Und dann ergriff sie ganz schnell Snapes Unterarm, an dem er, wie Harry wusste, das dunkle Mal hatte und Snape schrie vor Schmerz auf und ließ dabei das Schreiben fallen.
Doch Claire kümmerte sich nicht um ihn, sondern kniete neben dem Schreiben nieder und ein zufriedenes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht aus. Und jetzt sah es Harry auch: Die Zeichen auf dem Brief vertauschten ihre Plätze, bis sie in neuer Anordnung verweilten.
Doch als sich Dumbledore jetzt neugierig danach bückte hielt sie seinen Arm zurück: „Einen Moment bitte. Remus, würdest du so nett sein und das Schreiben aufheben?"
Und als dieser es in Händen hielt, verwandelten sich die Runen in normale englische Schreibschrift. „Jetzt kannst du es Professor Dumbledore zurückgeben." sagte Claire und setzte sich wieder auf ihren vorigen Platz.
Snape hatte erstaunt beobachtet, was passiert war. Und genauso wie den anderen auch, stand ihm beinah so etwas wie Bewunderung im Gesicht geschrieben.
„Danke sehr. Na dann wollen wir mal lesen, was uns Quendolin mitzuteilen hat:"
