50. Ventrobi II
Als sie wieder zu sich kam, hörte sie immer noch die Stimmen der beiden Jedi, aber sie waren jetzt viel ruhiger und vor allem haute niemand mehr mehr mit Lichtschwertern nach ihr. Ventress fand es auch außerordentlich beruhigend, daß keine Blasterschüsse mehr zu hören waren. Überhaupt war es jetzt ganz ruhig. Ob sie Eins mit der Macht geworden war? Sie hatte noch keine Lust, ihre Augen zu öffnen. Nicht in ihrem Zustand. Es könnte ja sein, daß dann diese ganze ruhige Idylle wieder zerstört werden und sie sich dann in einem erneuten Alptraum wiederfinden würde. Zumal nicht sicher war, ob die Jedi dann nicht erneut mit ihren Lichtschwertern auf sie einhauen würden. Das wollte sie vorerst nicht riskieren. Sollten die Beiden sie doch noch für eine Weile für tot oder ohnmächtig halten, während sie sich ausruhen und sich irgendetwas ausdenken würde, um von hier so schnell wie möglich wieder zu verschwinden, wo auch immer sie jetzt gerade war. Außerdem wurde es gerade interessant. „Wieso gibst du nicht den Kurs auf Coruscant ein?", fragte Anakin unmutig. „Wir haben noch Zeit", erwiderte Obi-Wan. „Es wäre doch besser, sie in die nahe gelegene Lazarettstation zu bringen, um sie dort untersuchen und behandeln zu lassen. Je schneller sie dort ist, desto besser für sie." „Und besser für Dich, mein ehemaliger Meister? Du weißt doch genau, daß Meister Yoda gesagt hat, daß wir so schnell wie möglich wieder in den Tempel zurückkehren sollen. Wie es aussieht, willst du dagegen solange wie möglich bei ihr bleiben", argwöhnte Skywalker. „Das ist nicht wahr", erwiderte Obi-Wan entschieden. „Und ob das wahr ist", zischte sein ehemaliger Padawan. „Diese ganze Mission ist doch überhaupt nur deshalb genehmigt worden, weil du Meister Yoda so darum angebettelt hast." „Ich darf doch sehr bitten, Anakin", erwiderte Obi-Wan indigniert. Aber Anakin war noch lange nicht fertig. „Du hast vor Meister Yoda behauptet, die Galaxis sei in Gefahr, weil Ventress dort verborgen herumirrlichtert. Aber ich glaube eher, dein Herz ist in Gefahr., weil sie genau dort herumirrlichtert. Und genau deshalb sollten wir sie jetzt sofort nach Coruscant bringen, wo sie den Behörden übergeben wird, wenn sie wieder vernehmungsfähig ist." „Und das sagt der Jedi, der heimlich verheiratet ist und sehr viel Zeit mit einer gewissen Senatorin verbringt." „Ich habe deinetwegen unseren Urlaub auf Naboo unterbrochen! Und Padmé steht auf Seiten der Republik. Sie hat uns bei unseren Missionen schon oft unterstützt. Etwas, was man von Ventress nicht unbedingt behaupten kann. Sie hat dir auf Raydonia doch nur geholfen, weil sie gegen Maul und seinen Bruder einen Helfer brauchte, um wieder einmal abzuhauen. Und genau das wird sie jetzt auch wieder versuchen." „Wir können bald mit ihrer Hilfe Dooku fangen, wenn wir sie jetzt gut behandeln", versuchte Obi-Wan Anakin zu überzeugen. „Das hätte sie uns bereits anbieten können, als sie sich vor vier Monaten im Jedi-Tempel herumgetrieben hat, ohne daß bis heute jemand weiß, was sie dort von dir wollte. Sag mir, Obi-Wan: Was wollte Ventress von dir?" „Ach, das verstehst du nicht. Vielleicht erzähle ich es dir später." „Was soll ich nicht verstehen!? Wer von uns beiden ist denn verheiratet und hat Erfahrung mit Frauen? Du liebst sie. Nun gib es schon zu. Ich verstehe das. Aber ich, und nicht nur ich, mache mir Sorgen, daß deine Privatmissionen gegen die Interessen der Republik verstoßen. Das hat dir damals bereits der Kanzler gesagt, als du unbedingt Maul weiter verfolgen wolltest, nachdem er auf Florrum geflohen war. Du hast damals Adi Gallia verloren. Wieviele Partner willst du noch verlieren in diesen aussichtslosen Missionen?" „Jetzt reicht es, Anakin! Die Mission auf Florrum war vom Jedi-Rat genehmigt." „Auch das hast du durchgesetzt. Aber du kannst jetzt nicht ewig Ventress durch die Galaxis hinterherjagen. Und sie schon gar nicht dauernd begleiten. Oder hast du das jetzt vor?" Obi-Wan sagte nichts darauf, sondern sah Ventress an, die weiterhin ihre Augen geschlossen hielt und langsam und gleichmäßig atmete. „Sie wird deine Gefühle niemals erwidern, Obi-Wan. Wenn überhaupt, wird sie dich benutzen, wenn sie wieder einmal irgendwo ihr Unwesen treibt und Hilfe braucht. Jetzt sieh es doch ein: Sie ist unerreichbar für dich, auch wenn sie jetzt hier neben dir liegt." „Genau das ist wohl auch das beste", räumte Obi-Wan ein. „Und wenn schon. Es ist ja nicht verboten, etwas für jemanden zu empfinden. Solange man seinen Prinzipien treubleibt. Und verspreche ich dir, daß wir sie so schnell wie möglich in ein Krankenhaus bringen und dann wieder in den Tempel zurückkehren werden." „Besser ist es, denn, wie ich gehört habe, sind all ihre Partner oder Meister bislang getötet worden. Erst ihr Jedi-Meister, dann Savage Opress, dann Mutter Talzin. Als läge ein Fluch auf ihr." „Nun, dann wird wohl Dooku auch bald fällig sein", witzelte Obi-Wan.
„Ihr habt meinen Rattataki-Meister vergessen, der ebenfalls getötet wurde, bevor mich Meister Ky Narec auf Rattatak gefunden hatte", sagte Ventress plötzlich und schlug ihre blauen Augen auf. Mit Genugtuung registrierte sie, wie Obi-Wan, der neben ihr saß, plötzlich zusammenzuckte. Mit Befriedigung stellte sie weiterhin fest, daß ihre Wunden einigermaßen versorgt waren. Sie hatte das gute Gefühl, daß ihr Zustand nicht mehr kritisch, sondern stabil war. Und sie freute sich, daß sie den beiden Jedi deren Attacke wenigstens etwas heimzahlen hatte können. Und sie hatte dabei nichts weiter tun müssen, als ihre Augen geschlossen und ihre Lauscher aufgesperrt zu halten. „Siehst du? Es geht schon wieder los mit ihrer Trickserei", sagte Skywalker grinsend. Aber Obi-Wan beachtete ihn nicht mehr. „Wiedersehen macht Freude", sagte sie matt lächelnd. „Dafür, daß Ihr ganz schön was abbekommen habt, seht Ihr sehr gut aus. Wie konntet Ihr Euch in Eurem Zustand nur in eine solche Situation begeben?", sagte Obi-Wan vorwurfsvoll, um dann gleich wieder sanfter zu werden. „Aber nachdem, was Ihr für mich auf Raydonia getan habt, war ich Euch das einfach schuldig." „Oh, ich glaube, es ist nicht nur das", meinte Ventress versonnen, woraufhin er mit der Hand verlegen durch seinen roten Bart fuhr. „Ich muß unbedingt in meine Klinik. Bringt Ihr mich dahin?" „Natürlich", sagte Obi-Wan sofort. „Das werde ich Euch nie vergessen", hauchte Ventress und machte einen koketten Augenaufschlag. „Ich verstehe einfach nicht, wie Ihr euch wieder mit Dooku einlassen konntet", sagte Anakin Skywalker bitter, um gleich nachzusetzen: „Was muß eigentlich noch Schlimmes geschehen, bis Ihr endlich merkt, daß es sich nicht lohnt, mit Sith zusammenzuarbeiten? Aber Ihr seid ja jetzt in besserer Gesellschaft. Ich bin dann mal weg." Mit diesen Worten verabschiedete sich Skywalker, der sich auf einmal sehr überflüssig vorkam. Er klatschte noch mit einem verschwörerischen Lächeln die Hand Obi-Wans ab, dann verschwand er in einem Nebenraum.
„Wahrscheinlich hattet Ihr auf Raydonia wirklich recht und ich gehöre doch zu den Guten. Kommt Ihr mich besuchen, wenn es soweit ist?" „Das verspreche ich Euch", sagte Obi-Wan feierlich. Dann aktivierte Ventress ihren Komlink, um Dooku zu kontaktieren. Dooku nahm das Gespräch sofort an. „Was war das eben?", blaffte Ventress. „Meine Liebe, ich hatte Anweisung von Darth Sidious, im Fall einer Verletzung von General Grievous das Unternehmen sofort abzubrechen und mit ihm nach Geonosis zurückzufliegen, um ihn dort reparieren zu lassen. Ich konnte mir keine weitere Zeitverzögerung erlauben." „Wegen diesem Blechhaufen! … Zeitverzögerung?", rief Ventress. „Ich habe es alleine, ohne Euch um etwas zusätzliche Zeit zu bitten, zur Einstiegsluke geschafft, wo Euer IG-100-Magnaguard auf mich geschossen hat. Ich habe Euch das letzte Mal gedient, Count." „Gedient? Ventress, Ihr wisst, daß ich ein großzügiger Mann bin, aber weder bei mir noch bei Darth Sidious wird das Geld im Schlaf verdient! Lord Sidious war äußerst ungehalten darüber, daß Ihr den Einsatz verschlafen habt und Boz Pity deshalb jetzt verloren ist. Könnt Ihr Euch eigentlich vorstellen, wie peinlich das für mich ist? Ach, bevor ich es vergesse", hörte sie das letzte Mal Count Dookus Stimme. „Es war General Grievous, der Mutter Talzin mit zwei Lichtschwertern getötet hat. Das hatte ich letztens auf Kamino vergessen, Euch zu sagen." Damit beendete er die Verbindung.
Ventress schaute wütend und betroffen nach unten, nachdem Dookus Holobild für immer verloschen war, zumindest für sie. „Ist er der Vater?", fragte Kenobi unsicher. Als er Ventress' irritierten Blick bemerkte, setzte er hinzu: „Ich meinte Dooku, nicht Grievous." Ventress prustete nun vor Lachen. „Weder noch", sagte sie und senkte den Blick. Kenobi hielt ihre Hand, während sie zurück nach Kamino flogen. „Dooku wird es sich nicht wagen, noch mal bei mir aufzukreuzen. Habt Ihr eine Ahnung, wo Darth Maul ist?", fragte sie unvermittelt. „Wenn ich es wüsste, wäre ich schon bei ihm gewesen. Aber wie es scheint, ist er von einem Schwarzen Loch verschluckt worden." Er hatte jetzt eine Ahnung, wer der Vater des Kindes sein könnte, aber er wagte es nicht, sie länger damit zu behelligen, um sie nicht zu verärgern und um ihre Genesung nicht zu gefährden. Ventress versprach Obi-Wan, ab jetzt bis zur Geburt von Missionen oder Kämpfen Abstand zu nehmen. Bald würden sie Kamino erreichen. Sie schaute auf ihre Fingernägel. Sie waren perfekt geschnitten. Kein Nagel war während des Kampfes abgesplittert oder auch nur schartig geworden.
Es hatte ganze drei Tage gedauert, bis General Grievous wieder hergestellt war. Zu viele Ersatzteile mussten auf Geonosis extra für den General angefertigt werden. Als Dooku schließlich das erste Mal nach der Schlacht auf Boz Pity wieder mit ihm Lichtschwertkampf trainierte, fiel ihm auf, wie unpassend fröhlich der General war. Sicherlich war er erleichtert, wieder hergestellt worden zu sein. Allerdings beschlich Dooku das Gefühl, daß Grievous schadenfroh darüber war, daß Asajj Ventress jetzt nicht mehr Dauergast auf Schloß Serenno war. Grievous, der sich einbildete, mit seinen vier Armen, die vier Lichtschwerter auf einmal führen konnten, jedem anderen Kämpfer überlegen zu sein, benahm sich auf einmal wie der bislang vernachlässigte Bruder, der froh war, daß die bevorzugte Schwester, die ihm bislang die Show gestohlen hatte, endlich weg war. Hatte Dooku bisher den General als treuen Handlanger geschätzt, so fühlte er nun Haß auf den General in sich hochsteigen. Obwohl er genau wusste, daß Grievous eigentlich nichts dafür konnte, was Ventress passiert war. Daß sie verschlafen hatte, war ganz allein ihre eigene Schuld gewesen. Jetzt war es an der Zeit, wieder zur Tagesordnung überzugehen. Aber das gelang Dooku nicht. Nicht mehr.
Es war schon spät abends auf Schloß Serenno, als Dooku die Trainingseinheit mit Grievous beendete und ihn zum Abendmal bat. Dooku trank sein Glas Wein aus, welches ihm in Gegenwart des humorlosen, dafür penetrant gute Laune ausstrahlenden Grievous umso vieles schaler schmeckte als in der angenehmen Gesellschaft, die er in den letzten Tagen genossen hatte. Und ab jetzt nie wieder genießen würde. Endlich sah Dooku den Zeitpunkt gekommen, die Tafel aufzuheben und seinen blechernen Schüler hinauszukomplimentieren. Dann nahm er ein Bild von Asajj Ventress, welches er bereits seit geraumer Zeit in einer Schublade verwahrte und ging damit in sein Schlafgemach. Auch, wenn er nicht mehr den Tisch mit ihr teilen konnte; dies hier konnte ihm keiner nehmen. Und vor allem wusste davon niemand. Weder Lord Sidious und noch viel weniger Asajj Ventress selbst, die ihren ehemaligen Dienstherrn gewißlich immer erhaben oder für zu alt für irgendwelche Wünsche dieser Art gewähnt hatte, die er sich jetzt erfüllen würde. Aber egal, wo sie gerade weilen, was immer sie denken oder tun würde: Asajj Ventress würde für immer Dookus Lieblingsattentäterin bleiben.
Ventress sollte sich noch ein drittes Mal über eine Überweisung an ihr Kaminoer Konto freuen, diesmal von einem anderen Konto als bei den beiden vorigen Überweisungen. Dooku hatte offensichtlich doch ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber, denn der Betrag fiel viel höher aus als die beiden vorhergehenden zusammengenommen. Aber diesen erneuten Verrat würde sie ihm trotzdem nie verzeihen. Sie würde sich allerdings jetzt für lange Zeit eine Haushaltshilfe nehmen können, um die Kinder während ihrer Abwesenheit von dieser betreuen zu lassen. Oder aber das Geld in deren Ausbildung investieren, wenn sich eine noch preiswertere Alternative in der Kinderbetreuung bot. In der Seera-Burtoni-Klinik versicherte man ihr, daß mit den Kindern alles bestens sei.
Kanzler Palpatine war keineswegs überrascht, als ihm sein Sonderbeauftragter im Rat der Jedi mitteilte, daß Dookus berüchtigte Attentäterin Asajj Ventress wieder einmal ihrer Festnahme durch die Klontruppen und die Jedi entkommen war. Und dies wieder einmal mit Meister Kenobis Hilfe. Aber das Bedauern, daß Darth Sidious Anakin Skywalker gegenüber deswegen an den Tag legte, war nur gespielt. Er wusste, daß es seinen alten Schüler außerordentlich schmerzen musste, seine Lieblingsattentäterin ein zweites Mal verloren zu haben. Egal ob tot oder lebendig. Der alte Feigling, der schon seit Jahren damit haderte, sich gegen seinen Meister aufzulehnen, um diesen als Dunklen Lord der Sith zu beerben, hätte nie von sich aus den Vorstoß gewagt, von seinem Meister die Wiederaufnahme seiner einstigen Lieblingsattentäterin in dessen Gunstkreis zu erbitten. Sidious hatte die erst ungläubige, dann freudige Überraschung in Dookus Augen gesehen, als er ihm anbot, infolge angeblicher personeller Mängel und dem Umstand, daß von Dathomir aus keine weitere Bedrohung zu fürchten war, wieder Kontakt zu Asajj Ventress aufzunehmen. Sein alter Schüler musste sich knapp vor seinem Ziel gewähnt haben, als ihm dieser unausgesprochene Wunsch erfüllt worden war. Nur, um kurze Zeit später mit all den Hoffnungen und all der Zuversicht, die in Dooku plötzlich pfeilpilzartig in die Höhe geschossen waren, genauso schnell und gnadenlos wieder vernichtet zu werden, mit dem Ziel, den derart geschwächten Dooku seinem Nachfolger auf einem silbernen Tablett zu servieren. Ventress war nun, trotzdem sie überlebt hatte, für ihren Sith-Meister mindestens genauso unerreichbar geworden, wie wenn sie getötet worden wäre, gar nicht davon zu reden, wie es Dooku schmerzen würde, daß sie ihn jetzt für immer hassen würde. Aber es war die Pflicht des obersten Sith-Lords, seinem Schüler gerade das zu entziehen, was dieser am meisten liebte und begehrte. Und diese bittere Lektion der Dunklen Seite würde auch der junge Jedi, der jetzt hier so arglos vor ihm stand, in Bälde lernen.
Palpatine rief nun einen Mann an, von dem er wusste, daß er als vertrauenswürdiger Informant des CCC galt. Dessen vertrauenswürdige Quelle war niemand geringerer als der Kanzler selbst, der natürlich nie namentlich genannt wurde. Meist stimmten seine Informationen, aber dann und wann waren auch ein paar Enten dabei, deren Falschheit aber niemanden im Nachhinein interessierte, zu spannend und zu schillernd waren diese Geschichten und Theorien, die dieser Informant dem Klatschmagazin auftischte. Und wenn Count Dooku es schon nicht fertiggebracht hatte, seine vormalige Lieblingsattentäterin aus dem Verkehr zu ziehen, dann würde Darth Sidious wenigstens dafür sorgen, daß Ventress in der Öffentlichkeit unmöglich gemacht wurde, so daß sie, wenn sie schon sonst zu nichts mehr zu gebrauchen war, wenigstens als geeigneter Sündenbock für bestimmte Taten herhalten würde, deren Urheber lieber im Verborgenen blieb.
