FÜNFZEHN
Remus schlug die Augen auf. Etwas hatte ihn geweckt, aber er wusste nicht was es war. Er setzte sich müde auf und sah sich im Halbdunkel der Höhle um. Die anderen schliefen noch. Trotzdem erhob er sich schwer und trat hinaus in die feuchte Kälte des Morgens. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der Wald war schon in ein sanftes Grau getaucht, das durch den weißen Schnee noch heller schien.
Remus streckte seine verspannten Glieder und sog tief die frische Luft ein. Und plötzlich wusste er, was ihn geweckt hatte. Der Geruch von Blut. Sofort war er hellwach. Vor einem Jahr noch wäre ihm der dezente, süßlich-metallische Geruch in dem selbst im Winter wilden Gewirr des Waldes niemals aufgefallen, aber nun spürte er ihn deutlich. Sanfte Schwaden, die sich in eine Richtung entfernten. Und er folgte fast instinktiv der Spur.
Das stapfende Geräusch seiner Schritte wurde in dem Wald schnell gedämpft, trotzdem hatte er Angst zu laut zu sein, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. Immer ungeduldiger lief er in den Wald, während der Geruch immer stärker wurde. Er scheuchte ein Kaninchen auf, das rasch durch den Schnee davon hoppelte und dann hörte er ein Geräusch, einen Schrei, und er rannte wie von Sinnen los.
Die kalte Luft brannte in seiner Lunge. Natürlich hatte sie sie wieder kritisieren müssen. Wieder war es wegen eines Kindes gewesen und diesmal war Remus nicht eingeschritten, als immer mehr Werwölfe auftauchten und sie eine Verräterin der stärkeren Rasse schimpften. Es waren einfach zu viele gewesen und sein Status war noch immer zu niedrig um sie alle zurecht zu weisen.
Und plötzlich sah er sie am Rande einer Lichtung. Leana lag schon am Boden und einer von Greybacks Vertrauten drückte sie mit seinem Gewicht zu Boden und, Remus schauderte bei dem Anblick, grub seine Zähne in ihr Fleisch. Blut tropfte von seinem Mund und stach selbst im Dämmerlicht dunkel aus dem fahlen Gesicht hervor.
Remus' Füße entschieden, bevor er dazu in der Lage war. Er stürzte vor, griff nach einem schweren Ast, der halb verdeckt unter dem frischen Neuschnee lag und stieß zu. Der andere war so überrascht von Remus' plötzlichem Erscheinen, dass es ein leichtes war, ihm mit einem weitausholenden Schlag von ihrem Körper zu stoßen. Ohne darüber nachzudenken schlug er ein weiteres Mal zu. Und noch einmal. Er traf den Schädel des anderen. Sein Blut war so dunkel gegen den weißen Schnee. Remus hatte nicht gewusst, wie stark ein Körper bluten konnte.
Der Klang seines Namens riss ihn aus seiner makabren Faszination für die fleischlichen Überreste vor seinen Füßen und er fuhr herum und fiel neben Leana in den Schnee. Auch sie blutete. Ihre Kleidung war an Bauch und Armen durchtränkt und ein tiefer Riss zog sich über ihre Wange. Zitternd fuhren Remus' Hände über ihren Körper um das Ausmaß der Verletzung zu begutachten.
„Du hattest Recht"
Sein Kopf fuhr erschrocken zu ihr hoch, als sie mit brüchiger Stimme sprach. Sie war zu schwach um den Kopf aus dem kalten Schnee zu heben, so dass weiße Brocken in ihrem feuchten Haar klebten.
„Ich schätze, das gibt dir das Recht auf meine Leber."
Ein schwaches Lächeln huschte über ihre Züge während ein erstickter, wütender Schrei die Stille zerriss. Remus wurde erst später bewusst, dass er aus seiner eigenen Kehle gekommen war. Wie konnte sie so pietätlos sein? Gegen sich selbst. Was hatte diese Welt aus ihr gemacht? Was hatte diese grausame Welt sich erlaubt, aus ihr zu machen?!
Mit zitternden Händen griff er in die Innentasche seines Umhangs und schob das Futter an einem kleinen Riss der Naht zur Seite. Ihre Augen weiteten sich als er seinen Zauberstab zog. War es Furcht oder nur Erstaunen was in ihrem Blick stand? Entschlossen schob er die freie Hand unter ihren Oberkörper und zog Leanas Körper an seine Brust. Die Bewegung bereitete ihr Schmerzen, so dass sie mit verzerrtem Gesicht aufstöhnte. Remus konzentrierte sich stärker als es jemals nötig gewesen war, fixierte sein Ziel hinter dem Nichts und drehte seinen halbaufgerichteten Körper umständlich auf den Knien bis es um sie schwarz wurde.
Sie schlugen so hart auf, dass Remus für einen Moment dachte, seine Kniescheiben hätten der Wucht des Aufpralls nicht standgehalten. Mit schweißnassem Gesicht sah er auf und späte in den hier schon fortgeschritten Sonnenaufgang. Vor ihnen zeichnete sich das kleine, baufällige Steinhaus gegen das helle Licht ab und er atmete erleichtert aus. Mit letzter Kraft zog er Leana hoch und ließ sie ein paar Meter hinter der Schwelle auf den harten Boden sinken. Die zerschlissene Kleidung ließ sich leicht von ihrem Körper reißen und offenbarte das volle Ausmaß ihrer Verletzungen. Ihr Oberkörper war übersäht mir tiefen Rissen und frischen Blutergüssen und er zählte insgesamt fünf Bisse an Armen, Hals und Beinen. Er suchte hektisch in der Tasche seines Umhangs bis er das Fläschchen mit der fast schwarzen Flüssigkeit fand und träufelte sie auf die immer noch blutenden Bisse und Kratzer in ihrer Haut. Immer wenn die Flüssigkeit die klaffenden Wunden traf und diese mit einem Zischen weiter schloss, stöhnte sie durch zugebissene Zähne laut auf.
„Du hast Glück, dass du ein Werwolf bist", sagte Remus mit noch leicht zitternder Stimme und erschauderte bei dem Gedanken, was dieses Ausmaß an Verletzungen für einen Menschen bedeutet hätte. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit schraubte er das nun fast leere Fläschchen zu und hob ihren Kopf an, um ihr noch seine letzten Vorräte an blutbildenden Fertigtrank einzuflößen. „Und dass er nicht verwandelt war", fügte er schwach hinzu. Erschöpft rutschte er ein paar Schritte von ihr ab und lehnte sich an das zerschlissene alte Sofa.
„Ja", erwiderte Leana zynisch, „ein Glück, dass ich ihn so stark angepisst habe, dass er keine neun Tage warten wollte."
Remus schnaubte trocken und freudlos.
„Wo sind wir?", frage Leana plötzlich und sah sich unsicher im Raum um.
„Bei mir Zuhause", sagte Remus nüchtern. Die Worte klangen in seinen Ohren hohl und falsch. Er wusste nicht mehr, wann sich sein Haus das letzte Mal wie Zuhause angefühlt hatte. Vielleicht vor dem Wald. Oder vor dem Grimmauldplatz. Oder vor Tonks?
„Du hast ein Haus?", fragte Leana erstaunt, „Familie?"
„Nein", sagte Remus trocken, „nur ein Haus."
Leana versuchte sich aufzusetzen, doch ihre Arme waren zu schwach und wollten das Gewicht ihres Körpers nicht tragen. Automatisch stand Remus auf und zog sie hoch. Er stützte sie für ein paar Schritte und dirigierte sie zur Couch, wo sie tief in die Polster sank und erschöpft die Augen schloss.
„Ich guck mal, ob ich was Essbares finde", sagte er und warf im Aufstehen noch eine Decke vom Sessel über ihren halbnackten Körper. Er ging in die Küche und suchte in dem kleinen Schrank bis er fündig wurde. Was tat er hier? Er durfte den Wald nicht verlassen. Schon gar nicht, wenn er dabei einen so offensichtlichen Tatort zurückließ und Misstrauen wegen seiner Abwesenheit erwecken würde.
Er ging zurück zum Sofa und stellte die zwei Dosen Thunfisch und das Glas eingelegter Pfirsiche auf den kleinen Tisch vor der Couch. Leana hatte die Decke hoch an ihre Brust gezogen und sich darunter eingerollt. Sie öffnete schwach die Lider, während Remus sie beobachtete.
„Ich… muss zurück… bevor sie bemerken, dass ich fort bin", sagte er leise und Leana nickte fast unmerklich. „Du kannst essen was du findest und… guck ob dir irgendwas von der Kleidung im Schlafzimmerschrank passt. Ich komm in den nächsten Tagen noch mal vorbei um alles weitere zu besprechen. Verlass bis dahin nicht das Haus!"
Wieder nickte sie langsam. „Danke."
Er wandte sich zum Gehen, hielt aber kurz vor der Tür inne.
„Leana?" Sie drehte den Kopf und sah ihn aus hellbraunen Augen an. „Falls…" Remus fuhr sich unwillkürlich durchs Haar, „eine Frau vorbeikommt. Kurze Haare, T-Shirt mit verrücktem Aufdruck und zerschlissene Jeans… aufbrausender Geruch… kannst du ihr sagen, dass du meine Schwester bist… oder so?"
Leana riss erstaunt die Augen auf. „Du hast eine Freundin?", fragte sie.
Remus stand steif da und schwieg für einen Moment.
„Machst du das?", fragte er schließlich ausweichend.
„Klar", sagte sie lächelnd.
Remus nickte einmal kurz und verschwand dann über die Schwelle, um die Schutzzauber wieder auf das Haus zu legen, bevor er disapparierte.
